Part 27
„Ihr sollt zu Gewappneten des Herrn werden durch meinen Willen. Ich will mich durchschlagen bis zu den Tyrannen, sieh, meine Hände rauchen noch vom Blut des Würgengels, ich will Fackel und Dolch in die Rüstkammer meiner Rache stellen, will das von den Blutsaugern gepeinigte Gewissen der Moriskos aufrufen in den Gassen des Albaycin, daß sie zur Waffe greifen wie damals, als man den Müttern die Kinder vom Herzen reißen wollte. Ich will ihnen nach alter Weise mit Safran die Kampflust in die Glieder zaubern, will sie kleiden wie Halimé ihre Helden vor der Schlacht und eigenhändig salben zum Rachewerk, will sie beschwören, ihren Weibern nicht beizuschlafen, bis nicht der Mann befreit ist, der für sie vor dem König gesprochen. Ich will zur Haruritin, der wilden Kämpferin, werden, und wer mich mit einem Finger anrührt, dem triefe er von Blut. Saffana, wie heißt das Kampflied der lakhmitischen Frauen?“
Die Sklavin sang es in Schweißangst. „In der Hand den scharfen Speer, dessen Spitze ingrimmschwer, lechzend den Propheten bitten sie zu enden, was sie litten -- Sieh das Blut von Schlachtgewittern triefend, daß die Locken zittern --“
„Daß die Locken zittern!“ rief Reija begeistert in das Feuer des Liedes hinein. „Mord dem Mord! Thar glüht in mir, die heilige Thar! Sie ist mein Posaunenruf, sie soll die Zaghaften zur Vergeltung aufstacheln, bis ihre Tränen sich in Wasserströme wandeln, die die Menschenungeheuer ersäufen sollen. Gott! Hilf mir! Du bist einzig und allmächtig, du hast nicht gezeugt und bist nicht gezeugt worden, niemand besteht neben dir! Und willst du nicht an seine Hilfe glauben, Eswer Ben Zerragh, so brenne dein Herz in der Hölle und nähre sich von der Rinde des Sukuum! Oh, Abu Atir! Wärst du hier, dein Bart würde brausen im Sturmgedanken der Erlösung für deine Charka, dein Schoßkind. Und du, der du mich zu lieben vorgibst, willst zaudern? Wir sind nur Gäste auf der Welt, sagt der Imam, und alles Leben ist geliehen. Gib es zurück, wo Leben keinen Wert mehr hat. Komm, komm, wir müssen eilen, es soll ein Weltgericht werden, als rasten die Völker Jadjudj und Madjudj über die Erde. Und wenn Granada, das neue Damaskus, dabei versinkt, so soll wenigstens keiner mehr zur Totenklage übrigbleiben. Packt auf!“
Die von ihrer Leidenschaft beschwingte Glut riß den Abencerragen mit sich fort. „Du machst Löwen aus Gazellen, Reija! Ich folge dir und wiegle die Mauren auf. Der Graf soll mein Nedim werden, mein Trinkgenoß.“
Stürmisch flog sie an seinen Hals. „Allah akbar! Gott hat deinen Geist geweckt. Almansor billah will ich dich heißen, den von Gott Geschützten, wenn du ausharrst.“ Sie zog ihn in die Höhle, wo Saffana und die beiden Männer den Braten herrichteten. „Hört alle an. Ihr sammelt aus dem getreuen Cañor die listigsten Söhne Mohammeds, die geschicktesten Läufer, die durch die Gassen jagen können wie Ssaba, der Morgenwind, dann die Mauren von Adra, Buñol Purchena und Orgiva, sie lechzen nach Pfeilschüssen und werden uns folgen. Sagt ihnen, Reija, die Werda von Andalus, rufe sie. Erzählt ihnen mein Leiden, ihr Herz wird daran erglühen. Wenn das Osterfest kommt und die Inquisition ihre Opfer zum Autodafé schleppt, zünden wir die Stadt bei den vierzehn Toren auf ein gegebenes Zeichen an.“
„Das Zeichen?“
„Ich lasse meinen Flamingo von der Alcazaba aus in die Lüfte steigen. Im Augenblick, da er über die Dächer kreist, legt ihr die Feuer an, truppweise, daß Verwirrung und Schreck in ihre Glieder fahren. Man wird die Opfer in die Kerker zurückführen wollen, dann stürzen sich die Moriskos vom Albaycin auf das eiserne Geleite des Grafen de Mora. Das übrige laßt meine Sache sein. Ich halte Roß und Verkleidung in der Nähe der Bibarrambla bereit.“
Gierig lauschen die Männer. Frage und Antwort fliegen auf. Morgen früh soll der Ritt aus Cañor gewagt werden.
Die schleierlose, grünsilberne Nacht leuchtet in eine gefestigte Seele, die den Jammer mit der Kraft der Verzweiflung vertrieben hat. Reija starrt unausgesetzt in die Tiefe des Barrancos hinab, wo morgen der Weg der Erlösung beginnen soll. Drei Männer hüten ihren Leib, morgen aber wird ein Wall von Hütern aus den Bergen wachsen. Wie sprungbereite Tiger liegen die Wächter vor der Höhle. Im Maurendorf verkündet der Hornstoß des Türmers die Zweiteilung der Nacht, die ruhevoll ihren Gipfel ersteigt.
Sechsunddreißigstes Kapitel
Durch den dunklen Gang des Inquisitionsgefängnisses schreitet eine Frauengestalt inmitten zweier Wachsoldaten. Vor einer Tür wo ein stämmiger Lanzenknecht breitbeinig Wache hält, bleiben die Wächter stehen. „Hier ist die Zelle.“
„Ausweis?“ fragte der Lanzenmann.
Einer der Begleiter weist ein Papier vor. „Königliche Vollmacht.“
Da läßt der Wächter die Schlüssel knarren -- Leonore de Uceda tritt allein in die Zelle des Grafen de Mora. Hinter ihr schlägt die Tür zu, mit einem Donner, als schlösse sich für immer das Höllentor.
Das Ruhebett des Gefangenen umschimmert ein Öllichtschein. Der Graf schrickt zusammen. Dann starrt er die Frau an, die wie aus einem Gaukelbild heraustritt, von dämonischen Mächten erzeugt. Seine gemarterten Füße versagen den Dienst; man hat seine Glieder auf der Garrucha, dem Wippgalgen, gestreckt und ihm auf der Leiter eine Stunde lang den Wasserknebel in den Mund gedrückt. Sein Auge hat einen irren, gläsernen Glanz, das Haar klebt verwahrlost auf der schweißnassen Stirn, der Bart wildert um das Kinn, Schläfen und Wangen sind eingefallen, Arme und Beine steif wie Puppenhölzer, der Adonis der andalusischen Ritterschaft gleicht einem Menschenwrack, das kaum imstande ist, einen Schatten zu erzeugen. Um seine Lippen fiebert ein leiser Schreck, er will reden und kann nicht. Doña Leonore erschauert vor dem Verfall ihres Opfers, dessen Herz einst ihr liebendes Verlangen umsponnen. Sie wagt kaum einen Schritt an die Zerbrechlichkeit heran. Reuetränen jagen in ihr Auge und sie muß an sich halten, um nicht laut aufzuschluchzen. In ihre Seele klingt ein Grabgeläute: zu spät!
Der Gemarterte hat immer noch die Kraft, den Stärkern zu spielen. Wie zerbrochenes Glas splittert die Stimme: „Was -- will -- dieser Schritt -- hier?“
„Graf de Mora -- ich fand den Weg zu Euch,“ sagte sie leise, als fürchtete sie das Tönen ihres Herzens.
„Wer -- gab Euch -- ihn frei?“ Die stumpfen Blicke beleben sich unter der Erkenntnis, daß kein Traumbild ihn äfft.
„Die königliche Gnade öffnet mir Wege, die sonst ungangbar sind. Mein Herz trieb mich zu Euch, Don Pedro.“
„Dasselbe Herz, das ich einst gekränkt?“ Er erhob die tiefgehöhlten Augen.
Um ihren Busen lag ein Schraubstock, unter dessen Druck die Gefühle der Selbstanklage, Reue und des Schuldbewußtseins aufzuschreien drohten.
„Hat Euch -- der König -- geschickt? Will er mir -- Gnade -- schenken?“
Leonore schüttelte das Haupt. „Spanische Herrscher sind Puppen, wenn Priester die Lenker sind.“
„Die Lenker sind zum Henker geworden. Bringt Ihr Gnade -- von -- Ximenes?“
Wieder verneinte Leonore stumm. „Wo die Inquisition ihre Siegel hinlegt, erstirbt das Wort Gnade. Wißt Ihr, was geschehen?“
„Die Geheimnisse fliegen an einer dunklen, stummen Wand vorbei.“
Ihr Auge sammelt die Wundmale seiner Qual am Leibe. „Warum -- habt Ihr -- das Unselige getan?“
Wie unter dem Druck einer neuen Marter wand sich seine Seele. „Ich hab’ doch nichts getan. Tag und Nacht sind qualdurchtränkt von den Gedanken über meine unbekannte Schuld. Ich liebe eine Maurin, die Christin geworden -- das ist alles. Es ist ein Spinngewebe, das zerreißen muß, wenn die Gerechtigkeit daran rüttelt.“
„Das -- könnte -- wahr sein.“ Die Schwere des gepeinigten Gewissens zerstückelte jeden Satz.
„Was wollt Ihr von mir?“ Seine leeren Augen suchen wie irr in die Seele der blonden Frau hinab. „Gebt Ihr mir Helle auf dem Nachtweg in die Ewigkeit?“
„Ich will -- Vergebung -- von Euch,“ rang es sich aus ihrer Brust.
Ein großes Staunen antwortet ihr. Und nun schluchzt sie ihre Reue heraus. „Ich bin bejammernswert. Meine Zwillingsschwester ist das Unglück, das so oft die Genossin der Schönheit ist.“
„Doña Leonore -- Ihr häuft Rätsel auf die meinen -- helft sie mir lösen. Was ist in den letzten Tagen geschehen? Ich wurde nicht klug aus den Fragen des Inquisitors -- ich kenne auch nicht den Namen meines neuen Henkers -- wo ist Leon?“
„Euer neuer Richter ist Lucero aus Cordoba.“
Da überlief Entsetzen das Angesicht des Inquisiten. „Lucero?! Das ist Vernichtung bis ins letzte Glied. Wo ist Leon?“
Leonore würgte an der Antwort. „So brach sich wirklich an diesen Mauern das Entsetzliche? Leon ist tot. Erwürgt von Eurer Moriska.“
Des Gefangenen Hände schlagen in die Luft. Eine blutrote Sonne blendet sein Auge. Und wie ein tosender Donner stürzt die Angst um die Geliebte aus seinem Innern. „Sie -- ist -- gerettet?“
„Geflohen!“
Ein unartikulierter, gurgelnder, nach Luft ringender Schrei -- wie Fleisch gewordene Flammen züngeln seine Arme am Leib auf und ab. Irre Worte brechen sich aus seinem Hirn.
Doña Leonore erzählt bebend, von Reue und Eifersucht zerrissen, und der Graf fängt jedes Wort wie ein Verhungernder auf, während sich seine Stirn mit dem Schweiß der Erregung bedeckt. Ihm ist mählich, als spürte er auf seinen vertrockneten Gaumen sinnbetörenden, kostbaren Wein tropfen. „Reija -- geflohen! Oh, barmherziger Engel!“
„Ihr -- liebt sie -- noch immer?“ stöhnt qualvolle Eifersucht aus ihrer Kehle.
„Wer kann aufhören, Gottes allerschönstes Erdengeschenk zu lieben?“
„Auch wenn dieses Geschenk sich mit Verrat befleckt hat?“
„Bei den ehernen Himmeln! Weib -- wer blies dir das ein?“ Er starrt sie an.
Ihre siedenden Gefühle drohen überzugehen. Wie giftiger Brodem steigt es aus ihrer Sünderbrust: „Verriet sie dich nicht? Beschuldigte sie dich nicht auch der Ketzerei? Sah ich nicht selbst in Leons Händen das Protokoll, ihre Aussagen von beweisender Kraft? Klagten sie nicht dein wankendes Christentum an?“
Grauen und Verzweiflung durchrasen sein Hirn. „Reija -- Reija -- mich verraten? Speit die Hölle ihr Entsetzen aus? Reija -- mich verraten? Laß Berge wie Löwen über die Landschaft jagen, unseliges Weib, laß Spanien in den Schlünden des Meeres versinken und die Welt aus den Polen gleiten, und ich will die Mär glauben -- den Verrat Reijas glaub’ ich dir nicht. Oh, ich höre sie, die verruchten Peiniger, höre, wie Leon die herzquälenden, sinnverwirrenden Fragen aus dem Gehirn schüttelt, wie er dem Verhör Wendungen gibt, die seiner Schurkerei dienen, wie er das halb zu Tod gehetzte Wild in das Labyrinth seiner Gedanken führt und darin herumwirbelt bis die gewollte Antwort von den armen, geängstigten Lippen schnellt. Andeutungen werden Gewißheiten, Möglichkeiten Wirklichkeiten, Zweifel Wahrheit -- oh, der Wille des Haßverwirrten lenkte das eingeschüchterte Herz und es ging über von Liebe zu mir, die zum Anstoß meiner Beschuldigung führte. Alle Teufel waren Beistand und sie verstrickten die Unschuld in ihr Netz -- über ihren zarten Leib floß die Dunkelheit des Henkers zusammen -- Doña Leonore -- wie muß sie gelitten haben -- sie, vor der der Windhauch in Ehrfurcht verging, wenn sie durch Gärten schritt. Oh, daß ich das Große, Erhabene ausdenken könnte: da kommt Gottes Engel und gibt den zarten Händen Würgerkraft, schafft aus den Fingern einen Eisenring, der sich in den Hals des Bluthunds preßt! In diesem Augenblick haben die Sterne in ihrem Lauf innegehalten, denn Gottes Wille bediente sich eines Königskindes, die Welt von einem Ungeheuer zu befreien. Sie hatte mehr Stärke als ich, mein Gedanke flog nicht zu den furchtbaren Rachehöhen, wo der Tod sein Entsetzen schwingt, und doch stand ich vor dem Verruchten und würgte ihn nicht ins Grab. Weib -- Weib -- letze meiner Seele Hunger mit der Freudenbotschaft: die Inquisition bricht zusammen, das Volk schreit auf, der Priestertod heißt ihm Erlösung! Die Granden sammeln sich zum Sturm gegen Ximenes, ihre zerbrochene Ehre ringt sich aus dem Staub, sie scharen sich um Isabella und Fernando, die geheiligten Häupter aus den Polypenarmen zu befreien -- die Drachen der Inquisition Deza, Lucero -- sie krümmen ihre Leiber im Fraß des eigenen Giftes! O sag’: es ist! Es ist?! -- -- Du schweigst? Deine Augen trauern hinter Floren -- deine Blicke schreien: nein!! So triumphieren die Geister des Wahns und des Hasses?“
„Ungebrochen ihre Kraft -- König und Königin ohnmächtig -- die rebellischen Granden sind gefangen -- nach Toledo geführt --“
„Himmel und Erde!“ brüllt der Graf auf.
„-- Osuna, Orgaz, Ureña, Paredes, Beltra de Cueva -- und dein Freund Hernando --“
„Hernando!“ Die Übergewalt des Schmerzes wirft den Grafen wie einen Stock hin.
„Durch dein Schicksal beflügelt, führte er ihren Geist zu den Waffen heimlicher Empörung, versammelte sie nächtens in Santa Fé -- dort überraschten sie die Schergen des Ximenes -- der weltliche Rat wird ihr Schicksal bestimmen, wenn nicht die Cortes ein Machtwort sprechen.“
Don Pedro keuchte sich aus der Ohnmacht der Sinne. „Spanien -- wimmernd in Ketten -- der Geist der Besten -- hört den Freiheitstraum verrauschen -- sinkt in Nacht zurück, aus der er kam.“ Ein Schluchzen durchrüttelte seine Schultern. „Hernando! Hernando! Dein warmquellendes Lachen -- zerbrochen durch das Schicksal des Freundes -- so werden sie dich peinigen wie mich -- bis du mürbe geworden -- Leonore -- sag’ -- du bist der einzige Bote aus der lichten Welt -- sag’ -- was beschließt man über mich?“
Sie senkte scheu den Blick. „Es ist schon über dich beschlossen. Und -- morgen -- wird man es dir -- verkünden.“
Seine Augen wurden groß. Wortlos tastete sein Arm nach ihrer Hand.
Ein furchtbares Schweigen gab ihm Antwort.
„De vehementi --? Relaxierung?“ tönte es leise von seinen Lippen.
Wieder sank ihr Haupt auf die Brust.
Seine Glieder fielen in Erstarrung. Der Gedanken Müdigkeit faßte das Bild nicht mehr, das für einen Augenblick aus dem leeren Raum stieg: Um seinen Leib aufzuckende Flammen des Scheiterhaufens! Seine Sinne waren halb gelähmt, für das Kreisen des Lebens erstorben. Stumpf blickte sein Auge ins Dunkel.
Da schlug es wie rasend geschwungene Glocken an sein Ohr: „Pedro -- ich habe die Macht, dich zu befreien.“
Des Grafen verstörte Augen verschlangen die blühende Frau, die plötzlich zu seinen Füßen lag, die Hände emporgerungen, das Kleid geöffnet, als wollte sie mit dem Glanz ihrer Brüste die Augen des Unseligen blenden. Seine Gedanken begannen wieder zu fließen, seine Hände griffen in die trüb erhellte Leere.
Wieder raste die Glocke: „Ich habe Freunde unter den Wächtern des Hauses, Geld und Augen bestechen. Gib mir dein Herz, reiße die fremde Liebe aus deiner Brust -- Pferde stehen bereit, wir jagen über Berge nach Asturien, ein Schiff bringt uns in die Bretagne. Was starrst du graß? Dein Auge ist Entsetzen -- weg von dir schattet der Todesengel und vor dir öffnet die Liebe des Lebens rosenumranktes Tor. Ich kämpfe um dein Leben, ich wage mein eigenes für deines -- alles liegt zerbrochen in mir, wenn du dieses letzte Rasen meines Herzens mit einem kalten Lächeln belohnst -- Pedro, Pedro, -- Geliebter! Einen Tautropfen von Liebe in mein Herz! Liebe mich! Du liebst mich doch? Ich bin deine Leonore -- sag’ es leise, leise, daß es wie aus fernen Himmeln klingt: ich liebe dich!“
Da öffnen sich die erstarrten Lippen des Unglücklichen und langsam bröckelt es sich ab: „Liebst du -- mich -- wirklich -- Doña Leonore?“
„Meine Liebe bricht Ketten und tötet, was sich uns entgegenstellt, sie schafft Paradiese und löst die Hölle in leuchtende Himmel auf.“
„So wird sie auch ihre höchste Kraft entfalten können: sie wird -- entsagen.“
Wie unter Blitzeswucht taumelt sie zurück. Nebel verdunkeln ihren Blick, vor ihr gähnte abermals ein Nichts.
Don Pedro de Solar hob mit bebenden Händen ihren Kopf empor und sah in die erloschnen Augen. „Ich liebe Reija -- hörst du es, Weib? Schaff’ mir Pferd und Schiff -- mein Herz wird mein Mädchen zu finden wissen.“
Da riß sie ihre Eifersucht aus der Lähmung. „Bist du wahnsinnig, Pedro? Oh, wie schlecht kennst du das weibliche Herz! Laß sie fahren -- und ich rette dich.“
„Dann habt Ihr Zeit verloren, Doña Leonore, die Ihr besser für eine Königslaune hättet verwenden können.“
Die Schmach durchstach ihr Herz. Sie warf sich von den Knien empor. „So willst du sterben, Don Pedro?“
„Der Verrat an meiner Liebe würde meine Freiheit mit tausend Flüchen segnen.“
Da verbrannten im Nu Liebe und Mitleid in ihrem Herzen wie unter einem aufzuckenden Feuerstrahl. Ihre Haltung straffte sich, in ihren Zügen malte die Hölle wilde Verzerrung. „So stirb an den Küssen deiner Maurin! Geh in dein Verderben, das ich dir mitbereitete!“
Das Wort sprang raubtiergleich an seine Kehle. Er zitterte an allen Gliedern.
„Ich wollte dir Gottes Engel sein, aber deine Verachtung machte einen Teufel aus mir, und aus der Hölle nahm ich mein Rezept -- Leon hat es bereitet.“ Der Schweiß dampfte aus ihrem Leib, ihre Lippen fieberten. „Ich war es, die dir den Weg zum Brandpfahl bereitete, meine Aussagen vor dem heiligen Tribunal kreuzigten dein Christentum, beluden dich mit Ketzerei und nahmen dir die ritterliche Ehre. Wehrlos warst du mir ausgeliefert, und so riß ich dich aus den Himmeln deiner Liebe in die Hölle meines Hasses.“
Mit Augen, die das Entsetzen verglaste, saß der Graf auf dem Bettrand und horchte auf das Klappern der gifterfüllten Natter. Seine Glieder durchrieselte der Abscheu vor der Orgie dieser Grausamkeit, die Finger verkrampften sich zuckend ineinander, ein Feuer durchzüngelte seine Brust, und es schien einen fürchterlichen Brand in ihm anzufachen, dessen Rasen das Weib vor ihm verzehren mußte. Er wollte wie ein käfigbefreiter Parder aufspringen -- aber die gefolterten Beine knickten ein, elend und hilflos, untauglich zum Werk der Vergeltung, klappte der Elendshaufe Mensch zusammen und lag so, ein neuerlich Besiegter, vor dem blutsaugenden Vampir. Ein leises Wimmern, aus dem die Klage um die verlorene Würde der Menschheit stöhnte, brach sich von seinen Lippen.
Die Wache trat ein. „Die Zeit ist um.“
Mit einem Blick gesättigten Hasses, den Körper hochgestreckt, verließ Doña Leonore de Uceda die Zelle. Kein Mitleid klopfte mehr an ihr Herz. Priester mordeten um des verzerrten Glaubens, sie um ihrer versengten Liebe willen. Bei diesem Opfer hatten sich beide Henker die Hände gereicht. Und Don Pedro de Solar fühlte mitten im Toben der Verzweiflung: aus diesen Fangarmen der Hölle gab es kein Entrinnen mehr. Grausig wie ein gespenstischer Spuk stiegen vor seinem Auge die Rauchsäulen des Ketzerfeuers empor. Aus der grauenhaft gepreßten Stille sprang plötzlich ein furchtbarer Schrei.
Siebenunddreißigstes Kapitel
Der Schrecken der Glaubensverzerrung geht um. Was die Menschheit adelt, liegt zerschlagen unter den erbarmungslosen Schwertern eines Geistes, den das unheilige Rasen des Fanatismus sturmartig über ganz Spanien fegt. Unter dem Zeichen der himmlischen Barmherzigkeit gebärdet sich die Hölle wie toll.
Nach der traurigen Semana santa, der heiligen Woche, bereitet Lucero von Cordoba den frommen Andalusiern einen furchtbaren Ostersonntag. Die Ehre des Herrn über allen Welten muß herhalten, die Heiligkeit der Verdammnis begründen zu helfen. Granada steht unter den Schauern des ersten großen Autodafé, des Glaubensgerichtes, das nach dem Willen der Kirche ein irdisches Abbild des Jüngsten Gerichts sein soll und das als frömmstes Werk des Glaubens zur Ehre Gottes in die Welt geschrien wird. Das Schauspiel soll dem Volk den Abscheu vor dem Ketzer einflößen und es in der wahrhaftigen Frömmigkeit stärken. Vor dem Wahn des reinen einheitlichen Glaubens muß das Recht der freien Menschheit in den Staub sinken, und damit der Gedanke der dreieinigen Gottheit die Welt beherrsche, muß dieselbe Gottheit durch den frevelnden Spruch haßverseuchter Richter beleidigt werden.
Seit Mitternacht ist das Tragen von Waffen, das laute Singen, das Reiten verboten. Gestern abend schon ging die große Prozession durch die Stadt: Kreuzträger, Bruderschaften, Kohlenbrenner, Mönche, Comisarios und Familiares der Inquisition zogen in langen Reihen durch die von Fackelschein gespenstisch erhellten Gassen nach der Bibarrambla, wo das Gerüst und der Altar gehämmert wurden.
In aller Morgenfrühe drängt das Volk nach dem Quemadero. Die Vega schiebt ganze Haufen der bäuerlichen, frisch angesiedelten Christen durch die vierzehn Tore der Stadt, und bald fluten erregte Menschenströme zwischen den weißen Häuserufern aus allen Richtungen einem einzigen Ziele zu: dem Quemadero, der Richtstätte.
Mit goldener Festespracht steigt die Ostersonne aus dem Schneegebirge, ihr Glorienschein fällt auf die hölzernen Tribünen, die an den Längsseiten des Platzes errichtet sind, umstellt von den Spalieren der königlichen Wachen, er erhöht die Farbenzier der Fahnen, Bänder und Teppiche, die die Balkone, Fenster, Mauern und Türme schmücken. Vor dem Haus der Miradores, wo die Tribüne des Primas von Spanien, mit Zweigen geschmückt, prangt, laufen scharlachrote Bänder vom Gesimse bis zum Boden herab, sinnbildliche Andeutungen des Feuers, das der Ketzer harrt. Über den Dächern erheben sich metallne Kreuze in die Sonne, die die siegende Macht des Christentums künden sollen.
Unter einem Baldachin steht der Sitz des Inquisitors Lucero, umstellt von dem Lanzenwall der erzbischöflichen Leibwache, hinter welchem das Gewoge des Volkes anhebt. Der größte Andrang herrscht bei dem schwarzüberflorten Gerüst, das für die Verurteilten bestimmt ist. Unmittelbar davor ragen zwei Kanzeln auf, eine für den Prediger, die andere für den Urteilsverkünder. Ein Altar, von Rosen umglüht, erhebt sich in der Nähe davon, damit das Menschenopfer zur Ehre Gottes die nötige Weihe erhalten könne. Hier knien schon die ganze Nacht hindurch psalmodierende Dominikaner und beten für das Seelenheil der Ketzer, auf daß sie reuig in den Schoß der heiligen Mutter zurückkehren könnten. Hintereinander aufsteigende Sitzreihen für die Granden und ihre Familien füllen den übrigen Teil des Platzes aus. Um die Zuseher vor den sengenden Strahlen der Sonne zu schützen, spannen Stadtknechte von Dach zu Dach weiße Riesentücher, die in Wasser getaucht sind. Schwarze Maste mit Trauerfahnen in den Ecken des Platzes sollen den Schmerz der Kirche über ihr ungewolltes Vernichtungsamt kennzeichnen.
Die Erregung wächst von Minute zu Minute. Man spricht von fünfzig Verurteilten. Die Mehrzahl sind Moriskos, die im neuen Glauben wankend geworden. Aber auch das Gerücht hat sich -- trotz aller Geheimhaltung -- Bahn gebrochen, daß sich der Graf de Mora unter den Ketzern befinden soll. Die Nachricht brennt in alle Herzen und macht die Köpfe wirbeln. Aber man wagt nicht laut darüber zu sprechen aus Furcht vor den Schergen, die in der Menge verteilt sind.
Kommt der König? Die Königin? fragt sich da und dort die Neugier weiter.
„Die Königin kann keine bleichen Gesichter sehen,“ belehrt ein Schuhflicker ein paar Zudringliche.
„Es ist eine Abwechslung nach den Stierkämpfen und Ringelrennen,“ freut sich ehrlich ein biederer Bauer der Vega. „Nur erbarmen sie mich in der Seele in ihrem Schandkleid! Glaubt Ihr wirklich, daß welche brennen werden?“
„Ihr seht doch dort das Holz.“
„Es sollen sechs brennen --“
„Nur einer, höre ich.“
„Wenn wir nur nicht enttäuscht werden,“ ängstigt sich ein anderer, ein Kaufmann, der nicht gern um seinen Spaß kommen möchte. „Bleibt Ihr bei der Verbrennung, Gevatter?“
„Man will’s doch gesehen haben,“ antwortet der Nachbar. „Wer bleibt nicht?“
„Tragt ein wenig Holz zum Scheiterhaufen bei, und ihr könnt einen ausgiebigen Ablaß haben,“ ermahnt ein Kerzendreher die Leute.
„Das läßt sich hören, man lebt doch viel ruhiger.“
„Man soll’s nicht erzählen,“ wispelt ein Seidenhändler einem andern zu, „aber wer kann den Mund halten, wenn es einem das Herz abpreßt. Der Herzog von Osuna soll nach Toledo geschafft worden sein --“
„Auch den Grafen von Orgaz hat man in der Nacht reiten gesehen, bewacht von königlichen Reitern. Auch ein gelehrtes Licht, Don Hernando de Rojas, ist nicht mehr in den Gassen zu sehen.“