Granada in Flammen

Part 20

Chapter 203,645 wordsPublic domain

„Verschiednen Glaubens, doch eines Sinnes: für ihre Herrscher Spanien zum glücklichsten Land der Erde zu machen. Hier wurzelt der Fleiß, die Arbeit blüht, ein reger Geist wetteifert mit dem, der in Italien Wunder schafft. Wir aber haben mehr als Italien: erobernd streckt Spanien seine Hand über eine neue Welt, macht entdeckte Länder urbar und zwingt Europas Völker mit milder Hand zur Ehrfurcht vor dem Forschergeist. Oh, es hieße die Ehre Spaniens beflecken, wenn Ihr die Austreibung fleißiger Mauren noch weitertreiben wolltet. Tausende sind ausgewandert und Tausende werden folgen, Trümmerfelder des zerschlagnen Fleißes lassen sie zurück, unsre Lehrer fliehen vor dem undankbaren Schüler, die Wissenschaft, der Sammelfleiß von Jahrhunderten ging in Flammen auf und uns bleibt nur, von neuem anzufangen, wo wir mit herrlicheren Gaben hätten fortsetzen können. Oh, erleichtert die Last auf den schwerbeladnen Schultern, tut es aus Klugheit, um Granada nicht zu entvölkern. Nehmt in das Register Eurer Glaubenswaffen Duldung auf. Was soll ein Gott mit den verpesteten Gebeten anfangen, die anders klingen, als das Herz sie fühlt? Ihr zwingt die Mauren zum Doppelwesen, und ist es da, wollt Ihr sie dabei packen. Wer Opfer braucht, der wird sie immer finden.“ Und der Graf wandte sein Glutauge zur Königin. „Erhabne Frau, lernt die Sprache Eurer Völker verstehen, sie wollen Frieden, Arbeit und ein menschlich Leben. Glaubt +mir+! Und nicht der Schmeichelei, die den Thron umkriecht und Euch Erfolge ins Ohr flüstert, die Ihr nur mit Eurem Gewissen erkaufen könnt. Noch ist es nicht zu spät. In der königlichen Gnade gehe aufs neue der Völker Sonne auf.“

Isabella sah den Ritter unsichern Blicks an. Dann gab sie dem Primas ein Zeichen, für die Könige zu sprechen.

Ximenes bedachte sich nicht lang. „Es ist das Vorrecht jugendlicher Männlichkeit, in edler Regung aufzuwallen, leicht ist das Gemüt bewegt, der Kopf das Spielzeug der Phantasie. Dem Alter aber ziemt es, dieselben Regungen mit den Notwendigkeiten des Daseins in Einklang zu bringen. Nicht immer ist der edle Gedanke auch der zweckmäßige. Erst im Alter übersieht man, wie wenig edle Taten der Jugend sich bezahlt gemacht haben. Ihr müßt noch lernen, edler Graf. Ich versteh es, Ihr wollt die Eitelkeit des Ruhms durchkosten, der Retter eines großen Volks zu heißen. Allein hier geht es nicht um Völker, Ritter, um den Glauben! Wie sagt der Herr? Wer nicht glaubt, wird verdammt werden.“

„Von Gott doch nur, doch nicht von Menschen!“ eiferte Mora. „Maßt Ihr Euch an, des Herrgotts Amt üben zu dürfen? Wer weiß, wie nötig wir die Gnade haben!“

„Ganz recht. Sie und die Demut,“ sagte Ximenes scharf und bitter. „Doch sagt, wie stellt Ihr Euch die Erkämpfung der Glaubenseinheit vor? Wollt Ihr Blumensiege erfechten? Ich kenn’ Euch nicht mehr, Graf. Man sollte meinen, das langgeübte Waffenhandwerk hätte Euch rauher gemacht.“

„Rauh bin ich noch, wenn ich den Feind als Feind erkenne. Doch diese Mauren sind nicht unsre Feinde. Nur Ihr wollt sie zum Feind haben, Ihr, die Ihr aus freien Menschen falsche Gläubige machen wollt.“

Ximenes wehrte mit einer schneidenden Handbewegung ab. „Sie werden an unsern Herrgott glauben lernen. Laßt dafür die Inquisition sorgen.“

„Schrecklich, wenn Ihr damit Gläubige schaffen wollt. Der Haß wird diesen blutigen Sieg erfechten. Doch wer sich zu sehr in des Hasses trauriges Geschäft vergrübelt, kommt schwer aus ihm heraus. Den sichern Mäher nennt man Euch, der ganze Länder umwirft, um eine Saat des Hasses auszustreuen, aus der nur wieder Haß entsprießt. Oh, laßt Euch rühren durch die Christenblume Mitleid, schafft mit einem einzigen Edikt glückliche Menschen! Ihr seid ein großer Geist. Man spricht davon, daß Ihr in Alcala der Wissenschaft die Stätte bauen wollt, die sie zur Sammlung aller Kräfte braucht. Wollt Ihr über dem Tor das Wappen der Engherzigkeit nageln? Soll das Christenzepter des Geistes zugleich ein Schwert sein, das Andersdenkende tötet? Wollt Ihr das Wissen grausam nützen, um damit zu schaden?“

„Man wird +die+ Wissenschaft dort lehren, die die Kirche dulden kann,“ sagte Ximenes. „Die Denker, die aus der Vormundschaft der Kirche herauswollen, haben weder in Alcala noch sonst in Spanien etwas zu suchen. Sie sind es, die wir am meisten fürchten müssen, ihre Gedankengänge sind feindliche Bastionen, die fallen müssen, soll nicht die Kirche fallen. Drum laßt uns, wenn es sein muß, grausam sein.“

„Eines großen Priesters weiser Sinn sollte sich so verkehren können? Sein Amt, meine ich, verpflichtet ihn zur Mäßigung und Duldung.“

„Ihr irrt, Graf! Mäßigung ist Lässigkeit bei Ketzern! Und Duldung ist Verbrechen gegen Gott. Der ist mein Richter, nicht ein schwacher Mensch, der die Weltgeschichte mit seines Herzens sanfter Schwärmerregung berichtigen will. Spanien wird diese Weltgeschichte machen, und der katholische Glaube wird die treibende Macht sein. Weh uns, wenn wir genügsam sein wollten, ein arbeitswilliges Volk zum Untertan zu haben. Der Glaube sei der Schatz, mit dem der König wuchere.“ Der Kanzler näherte sich dem Grafen mit der Gebärde des warnenden Freundes. Leise, fast milde sagte er: „Mich dünkt, Ihr habt Gründe, Euern Glauben doppelt heiß zu lieben.“

„Ich lieb’ ihn auch! Er ist so schön, daß ihn kein Priester ungestraft verunstalten darf.“

„Ich meinte es anders,“ sagte Ximenes. „Euer Glaube ist in Gefahr, scheint mir.“ Er ließ wie in Nachdenklichkeit die Wimpern fallen.

„Ich -- versteh -- Euch nicht.“

Der Erzbischof sah das schweigsame Königspaar an, als wollte er mit den Augen bitten, an der Peinlichkeit des Gegenstandes rühren zu dürfen. Wieder gab ihm die Königin einen Wink, den er verstand. „Graf de Mora,“ sagte er ernst, aber weich, „man hat in Eurem Geschlecht schon einmal so ähnlich gesündigt, daß die Hüter des Glaubens aufmerksam werden mußten --“

„Meinen Vater meint Ihr?!“ Der Graf erbleichte, seine Augen senkten sich. Aber gleich darauf rief er die warme Kindesliebe zum Mitstreiter auf. „Ich weiß -- seit heute weiß ich es: mein Vater war daran, vor Menschen schuldig zu werden. Doch sein Angedenken ist geheiligt in meinem Herzen. Was hat er getan? Das Dogma durchgrübelte er in seiner gelehrten Weise und unterschrieb nicht blindlings, was die Priester lehrten. Jetzt erst versteh ich seine verweinten Augen, jetzt erst fühl ich den Druck der magern Hände, die mir die Schuld abzubitten schienen, die der teure Vater auch auf mich abzuladen wähnte. Aber wer kann ihn schuldig nennen? Wer beschwören, daß nicht Neid und Haß die Kläger waren? Wer sagen, daß er geirrt?“

„Er hat geirrt!“

„Hat er den Irrtum bekannt?“

„Er starb, bevor die Qualifikatoren die Akten geprüft. Es hängt nur von dem heiligen Offizium ab, ob man nachträglich dem Toten Recht oder Gnade gibt.“

Der Graf bäumte sich auf. „Einen Leichnam wollt Ihr verdammen? Oh, dieses Recht würfe die Gottheit in den Staub. Mein König, vor Euch wollte ich mein Herz erleichtern, nicht vor dem strengen Reichsverweser Gottes.“

Da erhob sich der König. Sein Antlitz war müde, in seinen Zügen lag der Ausdruck der Unentschlossenheit. „Ich ehrte Euern Vater, und Ihr seid mir um Eurer Verdienste willen teuer. Ihr werdet mir helfen, die Alpujarras zu reinigen. Sehen wir noch länger zu, dann füllen sich die Täler mit afrikanischen Horden. Ihr geht mit starken Kräften nach Lanjaron, Graf Tendilla wird Euch die Befehle geben.“

Der Graf warf sich mit mutigem Schritt der Königin entgegen, die sich ebenfalls erhoben hatte. Sein Herz zitterte in heiliger Begeisterung. „Noch einmal, Erhabne, bitte ich um Milde. Hört den Rat der erbgesessenen Granden, nicht nur Eure Mönche!“

Isabellas Brust bebte. „Wollt Ihr argwöhnen, daß -- wir haben unsre Priester gar wohl geprüft, bevor wir sie nach Granada sandten.“

„Und dennoch -- schließt die Granden nicht aus. Denn freier regt sich in unsrer Brust das allgemeine Leben, besser sieht unser Auge das Bedürfnis der Menschen, richtiger fühlt unser Herz des Volkes Wünsche. Oh, übereilet nichts, laßt dieses Priesters vernichtende Gewalt nicht Euer großmütiges Herz überwuchern --“

„Mein König -- diese Sprache!“ Ximenes sprang auf. Aus seinem Gesicht wich das Blut.

Fernando reckte sich, daß das Panzerhemd klirrte. „Der Diener der Kirche ist geheiligt im Antlitz der weltlichen Majestät. Dankt es Eurem großen Namen, wenn ich nicht Euern Degen fordere. Man wird Euch künftig weniger vertrauen. Wer mit so hellem Eifer den Mauren goldne Brücken baut, taugt wenig, sie zu bekämpfen. Ich will die Stunde vergessen -- wenn ich’s kann. Ihr seid entlassen.“

Der Graf neigte sich zum doppelten Handkuß. Gnadenlose Blicke gingen über ihn hinweg. Als sich der Vorhang hinter ihm schloß, wußte der Graf, daß er vor den Königen verspielt hatte. In seiner Brust gärte das Erlebnis dieser Stunde. Er schritt über den Löwenhof, wo die blitzenden Wasserschwerter aus den Tiermäulern gegen die Rinnen sprangen. Da sah er den Vikar Leon bei einer Säule stehen. Er wollte an ihm vorüber, doch der Mönch hielt ihn auf. „Ihr seid in Gnaden entlassen?“ forschte er mit gierig gestrecktem Hals.

„Ich habe den Königen Wahrheit gegeben, das ist alles.“ Der Graf ging durch den Schwarm der Höflinge. Wie Sumpfbrodem lag es auf seiner Seele, erfüllte ihre Tiefen mit Giften der Qual. Seine Gedanken glitschten aus, als gingen sie über Quallen hinweg. Der Dominikaner sah ihm mit verwunderten Augen nach. Er fühlte, hier trieb man ihm sein Wild in den Bogen.

Im Saal der Schwestern trat Ximenes vor den König hin. „Dieser Mensch ist gefährlich,“ sagte er im Feuer nachlodernd.

„Wir wollen den Brand in ihm löschen,“ sagte der König ernst.

„Erlaubt, daß die beleidigte Kirche das Wasser liefert,“ bat der Primas. „Wenn man solche Köpfe allzu edel denken läßt, haben Könige alle Ursache, das Schicksal Granadas zu beklagen. Welch ein Stürmer! Wie rücksichtslos und vermessen! Wo käme Spanien hin, wenn man mehrere solcher eigenartiger Entdeckungen machte? Er sprach es nicht aus, aber ich fühlte es: sein Hirn rüttelt an den Grundfesten der Kirche und der Inquisition. Nimmer darf es sein, daß ein Geist auf Kosten des heiligen Wesens sein Füllhorn leert. Er könnte mit lärmendem Fanfarenschall die Welt aufhorchen machen. Wo bleibt dann Spaniens Devise: ein Glaube, eine Menschheit? Wenn solche Keile sich dazwischen schieben? In jeder Hungerstunde meiner Aszese, in jeder durchwachten Nacht klang der Ruf Gottes an mein Ohr: für Euch, Könige! Mein eiserner Wille band sich an Christus, und seine härtesten Forderungen wurden mir Labsal und werden es bleiben, solange ich atme. Soll dieser Grande mir die Wege zu Gott verrammeln dürfen? Die ich für die Menschheit ebnete? Ihr dürft es nicht dulden. Sonst könnte es geschehen, daß dieser Graf ein größerer Fürst werden würde als Fernando in Kastilien. Glaubt an die Gabe der Voraussicht. Sie ist ein Gottesgeschenk, der Staatsmann muß sie haben. O diese Sprache, die er redete!“

„Auch andre sprachen für die Mauren,“ sagte begütigend die Königin. „Graf Tendilla, Talavera --“

„Dort sprach die Klugheit, hier aber spricht ein Herz. Das ist gefährlicher. Er hat weniger Geist als Gefühl. Sein Widerstand kann leicht Anklang finden. Er besitzt Ahnenstolz und hat die Sucht, sich einen Namen zu machen. Wehe, wenn sich solche Feuerherzen gegen unsern Geist zu wehren beginnen, wehe, wenn sie ihre umstürzlerischen Freiheitsgedanken offen predigen dürfen! Ich rate Euch, ihm die Freiheit dieses Denkens zu kürzen, damit er sein Retteramt minder scharf übe.“

„Ich habe keinen Grund, ihn verhaften zu lassen,“ sagte der König unentschlossen.

Da hob Ximenes die Augen mit einem bezwingenden Blick auf. „So laßt die Kirche Gründe suchen, die Inquisition ihren Weg gehen. Ihr habt sie beschworen.“

Die Königin erschrak. „Ihr wollt --?“

„Seine verliebte Seele zittert in Unruhe, bald wird auch sein Gedanke über Gott und Glauben wankend werden. Liebe ist nachsichtig und verurteilt nicht leicht, und die Moriska ist sicherlich befangen im alten Glauben. Auch der Graf kann da in gewissen Dingen leicht entgleisen, weil er liebt. Gelingt es, ihn in einem solchen Augenblick zu packen, dann hat die Inquisition freie Hand.“

Der König strich sich mit der Hand über die Stirn. „Ximenes -- das ist nicht weise Vorsicht -- das ist ein Spiel mit einem -- Menschenleben.“

„Es ist die Eingebung einer höhern Macht, die da noch hilft, wo Könige verzagen,“ sagte Ximenes gelassen.

Die Königin zitterte in Mitleid. „Ich fürchte, wir verarmen an Talenten und an Herzen, wenn wir so edle Regungen unterdrücken.“

„Das überlasse Eure Hoheit der Kirche. Zudem -- der Hof braucht Geld -- der Graf ist reich -- Ihr versteht.“

Die Könige erbleichten. Aber sie schwiegen vor der entsetzlichen Kraft dieser Rechtsbegründung aus Priestermund. Endlich fand Isabella das erlösende Wort. „Nur weil ich der Kirche Hoheit erkenne, sag’ ich ja. Aber wie wollt Ihr in die geheimsten Kammern des Herzens dringen?“

Der Erzbischof lächelte überlegen. „Darüber mag sich der Dominikaner den Kopf zerbrechen. Gelingt es ihm, die Könige vor Gefahr zu bewahren, dann schreibt seinen Namen auf die Tafel der Verdienste. Der Graf darf nicht länger so denken, sonst mästet Ihr Euch einen zweiten Cid heran, der seinem König wieder gefährlich werden kann. Alle Ricoshombres, die unzufriednen andalusischen Granden, werden ihm folgen und Kastilien und Aragonien bedrohen, ja, er könnte, ein zweiter Graf Julian, die Mauren aus der Berberei zu Hilfe rufen und die schwer erkämpfte Einheit Spaniens furchtbar zertrümmern. Schon mehren sich die Zeichen, daß der Adel nicht übel Lust hat, den starken Händen der Regenten zu entgleiten. Der kastilische Hidalgo haßt mich, und der Herd des Hasses ist nicht nur in Toledo zu suchen. Auch hier braut man die Unzufriedenheit zusammen, am Pestherd des Prophetenglaubens. Bald werden auch die alten Christen schwankend, wenn sie den Adel mit solchen Köpfen an der Spitze in offener Empörung gegen die heiligen Gesetze sehen. Habt ein Augenmerk auf den Herzog von Osuna, auf den Grafen von Orgaz, auf Priego de Cordoba, ja selbst auf Medina-Sidonia.“

Die Könige sahen einander erblassend an. „Mit welchen Bildern schreckt Ihr unsern Geist?“ bebte Isabella.

Fernando stampfte mit dem Fuß. „So weit können sie es treiben wollen?“

„Ist es erst so weit, hat es dieser Graf bewiesen, daß er’s kann. Wir müssen schneller sein. Eure Ungnade wird ihn vorsichtig machen. Gebt mir freie Hand.“

„Macht ihn unschädlich,“ rief die Königin bedrängt aus. „Aber -- schont ihn, im Grunde ist es nur ein irregeführter Mensch, ein Unglücklicher, den Gesetzen der menschlichen Natur unterworfen.“

„Ob Härte oder Schonung -- überlaßt das dem barmherzigen Sinn der Inquisition, die für die Reinigung der ketzerischen Seele sorgt. Sie wird den durch die Sünde Abgefallenen wieder mit der Kirche versöhnen.“ Er verneigte sich und empfing den Handkuß der Könige.

In der prallen Sonne des Löwenhofes blickte er suchend um sich. Der Dominikaner glitt aus dem Schatten eines von Säulen getragnen Pavillons und schlich demütig gebückt zu ihm hin. Der erste Faden für das Netz, das den Unseligen umgarnen sollte, wurde in die Seele Leons gesponnen.

Siebenundzwanzigstes Kapitel

Granada glich in diesen Tagen einem Wespennest. Man wütete und stach um sich. Über die Stadt fiel der Gifttau der Inquisition. Das Ketzergericht begann sich über Nacht zu formen. Die Taufe war nicht unter die Rinde des Unglaubens gedrungen. Da und dort entdeckte man Rückfälle in maurische Gebetsbräuche, und wo durch die Einziehung von Hab und Gut ein Gewinn für die Könige und die Kirche feststand, griff man unbedenklich zu. In Belanglosigkeiten, in unbedacht gesprochnen Worten wollte man Flüche auf das Christentum entdecken, scheele Blicke nach der Kirche genügten, um anzuklagen, man zeigte Moriskos an, die das Chrisam von der Stirn der Täuflinge weggewischt haben sollten, andere, welche sich weigerten, Schweinefleisch zu essen, Frauen, die sich mit Henna färbten oder gar zu oft wuschen, was als maurischer Religionsbrauch aufgefaßt wurde. Eifersucht und Haß trieben ihre Blüten. Diejenigen, welche bekannten, wurden gegeißelt und zum Tragen des Schmachgewandes verurteilt, dann ins Gefängnis geworfen. Bis jetzt hatte man elf Fälle zurechtgehämmert. Pater Leon wollte einen schönen Auftakt für das Osterfest schaffen. Unter riesigem Zudrang wurde das Autillo, das kleine Autodafé, in der Moscheekirche auf der Bibarrambla abgehalten. Mit der spitzen Schmachmitra auf dem Haupt, dem Sanbenito am Leib, schleppte man die Opfer zur Kirche, wo ihnen inmitten von Mönchen das Urteil verkündet wurde. Die meisten kamen mit Gebetsstrafen davon, eine Frau wurde verurteilt, täglich siebzehn Vaterunser, einhundertdreiundfünfzig Ave-Maria, sechzehn Gloria-Patri und das Glaubensbekenntnis zu beten. Das Gebet als Strafe! Ein Mann wurde gegeißelt, da er Christus keine Heilkraft der Seele zuerkennen wollte. Er wurde mit einem Strick um den Hals vor die Kirche geführt und mit hundert Hieben bedacht, dann auf einen Esel gesetzt, bis zu den Hüften entblößt, mit der Mütze auf dem Haupt, durch die Gassen geführt, vom Volk verhöhnt und angespien. Neben ihm hieb abermals der Gerichtsvogt mit einem ledernen Strick hundert Streiche auf seinen nackten Rücken. So wurde ihm der Glaube eingebleut und er selbst mit der Kirche ‚versöhnt‘.

Der Graf de Mora, der mit vielen Granden der Geißelung beiwohnen mußte, litt innerlich Qualen. In ihm bäumte sich die Empörung gegen die furchtbare Gewalt auf, die harmlose, einfältige Menschen zu Verbrechern stempelte.

Die Moriskos verkrochen sich in ihre Häuser. Dort flüsterten sie einander die Schrecknisse zu, steigerten sie ins Ungeheuerliche und woben ihre eigene Angst in die der Opfer hinein. So war sie nun da, die cordobanische Inquisition! Die Häscher schlichen sich in die Häuser und horchten die Bewohner aus, suchten nach Gebetsteppichen, und der Schreck warf seine Kreise in die ganze Nachbarschaft. Trotz aller Schwüre der Verurteilten drang es doch an die Ohren der Leute, mit welch unheimlicher Umständlichkeit das peinliche Verfahren durchgeführt wurde, wie man die Beschuldigten ängstigte, indem man ihnen Dinge vorhielt, die sie nie begangen, wieviel Tränen in den Kerkern vergossen und welche Martern in der Folterkammer ersonnen wurden. Mit entsetzlich verstümmelten Gliedmaßen kämen die Gefolterten in die Kerker zurück. Tag für Tag hing das Schwert über jedem Bürger von Granada. Auch die Christen verschonte das Gericht nicht. --

Don Pedro de Solar stieg den Weg zur Alhambra hinauf. Sein Inneres war wie ein ausgetrockneter Schuttbach, und immer wieder stürzten sich böse Gedanken wie Hyänen auf ihn. Neben ihm schritt Hernando de Rojas, in derselben Kümmernis verstrickt. „Ich habe dir etwas Schweres zu sagen. Maria de Calabreña erwartet dich beim Imam. Man hat ihm den Koran weggenommen. Der Alte ist verzweifelt.“

„Wer hat es gewagt?“ flammte Don Pedro empor.

„Zwei Dominikaner im Auftrag des Leon.“

„Das ist der Hammerschlag des Ximenes!“ Er stürmte auf sein Zimmer.

„Du gehst, höre ich, nicht nach Lanjaron?“

„Der König traut mir nicht mehr. Ich bin dem Befehl des Grafen Tendilla unterstellt worden, der morgen nach Guejar zieht, das Maurennest auszuräuchern.“

„Du hast den König und Ximenes furchtbar erzürnt, das vergessen sie dir nie.“

Der Graf verabschiedete sich von dem Freund und eilte über den Hof nach dem Turm der Cautiva. Er fand Reija aufgelöst im Schmerz um den Alten, der bleicher war als sonst, um Jahre gealtert und mit der Schwermut des Entsagens im Auge. Er kauerte auf dem Gebetsteppich und rief mit Hilfe des Musabihha, des arabischen Rosenkranzes, die schönen Namen Gottes in höchster Andacht zum Himmel.

Reija flog dem Geliebten ans Herz. Ihr Mund, vom Salz der Tränen benetzt, küßte ihn wild. Sie klagte ihm den Einbruch der Dominikaner. „Oh, Habib meiner Seele! Nun hat er nichts mehr auf der Erde!“

Der Greis wankte aus dem Gebet. „Wo des Ximenes rauhe Hand hintastet, verdorren die Blumen und versiegt das Wasser. Insch’allah! In alle Ewigkeit! Feta, du liebst diese hier! Ich weiß alles. Um dieser Liebe willen, die auch sie für dich hegt, habe ich sie nicht verstoßen. Ich hätte sie zu den Blinden und Tauben werfen können, die das Gesetz des Propheten nicht sehen und hören wollen, hätte sie mit dem Atem der Pest verfluchen können, aber es sträubte sich etwas in mir. Ich habe Sinn für des andern Gottesweg, Ihr löscht des weisen und sanften Nazareners Duldersinn aus und setzt an seine Stelle den Verfolgergeist des Hasses. Wo aber bleibt die unbegrenzte Liebe? Diese Mönche -- haben sie kein Herz im Leibe?“

Mora schüttelte den Kopf. „Such’ bei Steinen Erbarmen, bei diesen nicht.“

„Ihr seid arm, Spanier! Ärmer als wir, trotzdem wir kein Recht auf einen freien Atemzug haben. Gott, dessen Name in aller Ewigkeit groß ist, wird alles richten. Insch’allah!“

Reija schluchzte ihr Herz aus. „Alle Emire und Walis haben Granada verlassen. Und du gehst morgen fort -- wir werden ganz ohne Beschützer sein.“

„Vertrau’ auf Gott. Verlaß den Alkazar nicht -- ich bin bald zurück.“

Der Imam mahnte mit warmer Herzlichkeit: „Es gehen furchtbare Schrecknisse durchs Land, sagt man, geboren aus den Hirnen dieser Mönche. Das Kind ist eine Moriska, sie kann leicht in euerm Glauben straucheln. Allzu stark ist ihres Vaters Art in ihr, noch liegt ihr Herz in Widersprüchen gefangen. Oh, könnte ich doch beruhigt ins Tal des Schweigens steigen.“ Er versann sich in düstern Gedanken. „Das größte Wunder ist der Tod, denn er soll uns Paradiese schaffen. Komm her, meine Blume von Andalus.“ Er umschlang des Mädchens zarten Leib. „Ist Schönheit wirklich Glück? Wohl hat El Bakali, der Hirte der Erkennenden, gesagt, Liebe und Schönheit hätten mit einander einen Bund geschlossen, daß sie sich nie trennen würden. Nicht nur Glück, auch ein Übermaß von Leid entspringt aus ihr, Haß und Streit wurzeln in ihr, Völker lagen sich ihretwegen in den Haaren, Sorgen windet sie um der Liebenden Haupt, sie macht aus Weibern Männer, aus Männern Weiber und verträgt keinen Dritten in ihrem Bund. Und doch ist sie eine süße Unruhe des Lebens, ein seliger Schmerz, ein zartes Leid. Sieh, ich kann dir deinen Ritter nicht nehmen, Reija, drum halte fest an ihm. Gott ist in dir und über dir, du entgehst ihm nicht, aber er wird deinen Pfad nicht zum Feuerweg machen, wenn du auch im Gebet vor der süßen Mirjam liegst. Glauben heißt am Ende gut sein.“ Er wandte sich an den Grafen. „Du wirst eine harte Sache haben mit den Mauren in Guejar. Himmelragende Felsen müßt ihr stürmen, zwischen den Talwänden werden die christlichen Ritter fallen wie Ratten und stromweis wird ihr Blut fließen.“ Sein Auge erglänzte in alter Kampffreude und sein Bart schien ein Flammenbusch zu sein.

Der Graf drückte ihm die Hand. „Abu Atir, ich wollte solche Feinde haben wie Euch, dann wäre das Leben schön, denn es läge offen vor mir da. Lebt wohl -- ich muß tun, was Königspflicht mir gebeut. Ist dieses letzte getan, soll vieles anders werden.“

Da drängte Reija an sein Herz. „Komm heute abend in die Alcazaba. Ich will Abschied von dir nehmen vor dem Kampf.“ Sie sah mit glühenden Wangen zu Boden.