Part 2
„O guter sanfter Priester Gottes!“ rief Ali Ben Katasi in Erinnerung an den frommen Christenhirten. „Wo ein Maure in Not war, stärkte ihn Talavera fast mit muselmännischer Weisheit. Der teure Mann hat die Christenbräuche in arabischer Sprache niederschreiben lassen, damit wir uns daran erbauen könnten, er sprach immer mit uns Arabisch und von der Tüchtigkeit unsrer Väter. Aber nun ist der Dominikaner Pater Leon gekommen! Und der Himmel hat sich verdunkelt.“
„Wißt ihr, was der Name bedeutet?“ fuhr Eswer auf. „Der Löwe! Und Löwen haben gewaltige Tatzen.“
„Aber wißt ihr auch, was Rusebchan al Bakali, der Hirt der Erkennenden, sagt?“ fragte Ismael Ben Katasi. „Das Böse ist der Diener des Guten und wird ausgesandt, den Menschen zu verlocken. Karun wurde erschlagen durch ein Erdbeben auf Gottes Geheiß. Gott kann auch machen, daß Leon an seiner eignen Tatze stirbt.“
„Wer ist der oberste Herr von Granada?“ erkundigte sich Abu Atir.
„Graf Tendilla de Mendoza,“ erwiderte Ali Ben Katasi. „Sie heißen ihn Gobernador. Laßt ihn und Talavera Granada beherrschen, und die Mauren haben sich nicht zu beklagen. Aber Gott ist unerforschlich und legt uns Prüfungen auf. Über den Boten der Wohltat sitzen die Könige Isabella und Fernando. An ihrem strengen Glaubenseifer zerschellt die Güte ihrer Diener.“
„Ja, ja,“ sagte Abu Atir nachdenklich, „man sagt, die Königin bestimme im Rat und Fernando spiele nur eine untergeordnete Rolle. Die Königin -- ich sehe sie noch, wie sie Ritter auf Ritter aus Santa Fé in den Kampf gegen die Stadt schickte --, sie hat nun, höre ich, ihren Beichtvater und Zubläser, den armen Franziskaner Ximenes zum Primas -- o wißt ihr, welch hohes Amt dies ist! --, zum Primas von Spanien gemacht. Bismillah! in Gottes Namen! Wir nehmen die Königin in Kauf, aber nur Ximenes möge den Boden Granadas nicht betreten. Oh, daß er in Toledo bliebe!“
Eswer Ben Zerragh zog die Köpfe der andern näher an sich heran. „Wißt ihr, was das Schreckliche ist? Wer getauft ist und wieder zurückfällt in den Glauben Mohammeds, den verfolgt das heilige Tribunal --“
„Ein altes Prophetenlied, unschuldig am Abend gesungen,“ sagte Ali, „eine Leibeswaschung, ein Gebet mit dem Gesicht nach Mekka gewendet -- wer dabei ertappt wird, hat sich vor Leon zu rechtfertigen, der ihn anklagt beim Tribunal in Cordoba. Man zieht ihre Güter ein, und sie müssen mit dem grauen Sanbenito, dem Büßergewand, am Leibe sich ein Leben lang in Granada durchbetteln.“
„Leid! Wer trägt dich geduldiger als ein gläubiger Moslim!“ sagte Abu Atir bewegt. Dann wandte er sich an Eswer Ben Zerragh: „Was trieb dich, Freund, aus dem Hause mit Brunnen und Laubgang, wo ich einst bei deinem Vater köstliche Gespräche über den Koran zu hören bekam und deine Schwester unter blühenden Rosen zum Tanz der Freundin die Anafine spielte?“
„Meine Schwester!“ Der Abencerrage drückte die Hand ans Auge, und seine Stimme zitterte: „Rückt näher, Männer.“
Unter dem dunkelnden Rund des Himmels im Dämmerschatten der Felssteilen und beim Klang der Flüsterstimmen glichen die Männer unheimlichen Verschwörern, die ihre Herzen entlasten wollten.
„Meine Schwester nahm ein edler Mann ins Haus, Hamat Ben Bedest, der aber bald starb. Da hatte sie nun in Alhama ein schön Stück Land. Eines Abends kam ein Christ wegmüde und staubbedeckt aus Cordoba, der den Händen der Inquisition entronnen war. Hamat hatte ihm einst Gutes getan, und so hoffte er, bei dessen Witwe Zuflucht zu finden. Mitleidvoll gewährte sie dem christlichen Mann ein Obdach, ohne zu wissen, daß auf dieser Tat des Erbarmens der Kerker stünde. Man entdeckte das Ungeheure und Halewa wurde in den Kerker geworfen --“
„Die schöne Halewa?“ Des Imam Hände verkrampften sich in die Schulter des jungen Abencerragen.
„Einen Monat schmachtete sie. Da gelang es mir, den Vogt des Gefängnisses zu bestechen, und eines Nachts entführte ich die Schwester aus Cordoba und brachte sie glücklich nach Almeria, wo ein Handelsfreund ihre Überschiffung nach Afrika besorgte. Ich selbst eilte nach Granada heim -- in meinem Hause wartete ein Scherge des Gerichts. Der Schurke von einem Vogt hatte geplaudert. Ich sollte verhaftet werden. Unter dem Vorwand, mich umzukleiden, verließ ich das Zimmer und steckte einen Dolch zu mir. Draußen warteten drei Soldaten der heiligen Hermandad. Als der Alguacil mit mir durch den dunklen Gang ging, verwundete ich ihn am Kopf, meine Sklaven warfen sich über ihn und schafften ihn in eines meiner Gemächer. Unterdessen ließ ich mich rückwärts durch das Fenster in den Sahat, den Hof, hinab und entkam so den Soldaten. Ich flüchtete nach Orgiva und dann hierher in die Berghöhle. Was weiter geschah, wußte ich lange nicht, bis ich endlich erfuhr, daß man meine Mutter verhaftet und als Mitschuldige ins Gefängnis geworfen habe. Überdenkt den Jammer, Freunde! Erleiden muß ich ihn selbst!“
Ali Ben Katasi sah mit scheuen Blicken die Gefährten an, die die Augen zu Boden gesenkt hatten. Ein banges Schweigen legte sich zwischen die sorgenden Männer, und Eswer fühlte, daß es zu ihm in irgendeiner Beziehung stehen mußte. Erschreckt fragte er: „Ihr -- ihr wißt etwas -- von meiner Mutter --?“
Der Handelsherr legte ihm sanft-traurig die Rechte auf das Haupt. „Fasse dich, Eswer Ben Zerragh -- bi nefsi! Bei meiner Seele, dies ist eine meiner trübsten Stunden im Leben. Gott der Erhabne hat es gewollt, sie mir aufzubürden.“
Der Abencerrage stöhnte auf: „Beim Propheten! Meine Mutter -- o sag’ es -- und wäre es bitter wie Koloquintentrank -- meine Mutter --?“
„Auf dem alten Ruhehof der Makbara, wo einst im Schatten der Zypressen Könige lagen, im Hain von Asabica --“
„Im Friedenshain der Abencerragen --“ zitterte die Stimme Maratans.
Da schrie Eswer auf: „Tot! Meine Mutter?! Mein Väterchen!“ Er rang verzweifelt die Hände zum Imam empor.
„Wir trugen sie vor zwei Tagen in die Erde des Friedens,“ sagte Ali Ben Katasi. „Sie hatte die Qual des Kerkers nicht ertragen und starb mit einem Segen für dich auf den Lippen.“
Abu Atir streichelte das Haar des Jünglings. „Sie ist nicht tot,“ sprach er sanft in altarabischer Totenweihe, „sie ist nur nicht bei dir. Ein Vogel war sie, käfigtreu erzogen, und des Käfigs müde, ist sie nun entflogen und lebt nun in der obern Welten Fülle, erschaut Gott ohne Flor und Hülle.“
Wie Balsam fielen die Worte in das trauernde Herz. Der Abend senkte sich tiefer ins Land, legte sein Grau über die Alpujarrasdörfer, Hirtenlieder schwangen sich von fernen Hängen in die Luft, und Herdengeläute erklang. Die Wasser aus dem Barranco rauschten deutlicher herauf, und alle Stimmen des hochsommerlich geschwellten Abends verstärkten sich. Das tiefe Dunkelblau des Himmels spannte sich wie syrische Seide von Berg zu Berg und senkte sich dann in grünlichblassen Tönen, noch von der Calina gedämpft, im Süden über die Meerferne. Gegen Untergang blutete eine letzte Wolke über der Loma.
„Wie lange sollen wir noch Geduld üben?“ seufzte Ismael Ben Katasi. „Wenn die Unschuld unter den Schrecken des Gerichts dahinstirbt!“
„Entflammt die Maurenherzen in den Alpujarras!“ riet Maratan im Eifer.
Der Unmut drohte anzuschwellen. Aber der Imam, der weise Freund der Gelassenheit, beschwichtigte die Aufgeregten. „Gesellen des Leids, sind wir denn nicht ohnmächtig gegenüber den christlichen Drangsalschmieden? Ihre Werke selbst werden zerbrechen wie Erbsenschalen. Sie wüten gegen die eigenen Glaubensgenossen wie gegen uns. In Toledo, sagt man mir, hat man die Henker nach einem Autodafé ermordet, und es wird sich bald niemand mehr zum blutigen Amt finden. Die Hölle der Höllen ist Cordoba, wo Lucero wütet. Das heißt in der Sprache der Spanier der leuchtende Stern. Aber sie selbst heißen ihn Tenebrero, das ist der finstre Geist. Was sie tun, ist gegen Gott gerichtet, also richtet es Gott, aber zu seiner Zeit. Wißt ihr nicht, wie schrecklich Fernando den Aufruhr von Malaga unterdrückt hat? Und den in der Sierra de Ronda? Nicht der Knechtschaft sprech’ ich das Wort, aber der Klugheit, der zuwartenden Tochter des Verstandes. Seht, es gab kein stärkeres Volk als das unsere, als noch Musa und Tarik lebten. Und nur eines hatte dieselbe Eroberungskraft, und das war das Volk, das wir am Ende besiegten, die Goten. Ihre Kraft schwand, dann aber die unsre. Richtet eure Augen nach Mekka und dann dorthin!“ Seine Hand wies nach dem fernen Glutenland der afrikanischen Küste, die hinter Dünsten jetzt dieselbe Sonne untergehen sah.
Die Blicke flammten auf, und Eswer rief mit geballten Fäusten: „Berber her! Maghrebs wilde Söhne! Die Freunde der Wüste und des Gebirgs! Sie brachten einst Almoraviden und Almohaden in das zerrissene Andalus und schlugen die Christenhunde nieder. Berber her! Wir wollen wieder Pyramiden aus den Schädeln der Feinde bauen und von ihren Spitzen die Muezzins zum Gebet rufen lassen.“
Abu Atir drückte den wutbebenden Abencerragen auf den Stein nieder. Eswer staunte die Kraft des Alten an. „Du hast einen starken Vater gehabt.“
Der Greis nickte. „Den Feindtöter nannten sie ihn. Aber er saß auch in den Nächten und betrachtete die weise Ordnung der Sterne. Von beiden Trieben blieb etwas in mir hangen. Meine Finger sind noch immer so stark, daß sie den Kamelen Brunnen graben könnten.“ Er senkte die Stimme. „Ihr kennt unsern Glauben an einen hehren Feta, einen Ritter, der am Anfang eines jeden Jahrhunderts erscheinen soll, um mit seinem Geist das ganze Jahrhundert fortzureißen. Die Christen stehen am Anfang eines neuen Jahrhunderts. Vielleicht wird aus ihren Reihen der Wunderbare geboren, der auch uns das Heil bringen soll.“
„Gott schaffe die Mutter, die ihn gebiert,“ sagte Ali Ben Katasi.
„Wärst du es selbst, Vater der Weisheit!“ rief der ältere Katasi aus.
Um die greisen Lippen legte sich ein Zug schmerzloser Entsagung. „Das lege Gott einem Jüngern auf. Aber nun laßt uns an heitern Lippen hängen. Das Mahl wird fertig sein. Komm, Eswer Ben Zerragh, du sollst teilhaben am Leben, denn Totes weckst du nimmer auf.“ Er nahm den unglücklichen Abencerragen unter den Arm und führte ihn, gefolgt von den übrigen, den steilen Pfad hinab zum Feuer vor der Frauenhöhle, dessen Rauch friedlich in den warmen Abend stieg.
Hehr wie ein segnendes Zeichen Gottes schwebte der Mond in die sternübersäte Wölbung.
Drittes Kapitel
In der Höhle des Spiegels sprühten die Tollheiten Saffanas, der Sklavin. Reija lag auf einer Motharif, einer Seidendecke, die über das Gras gebreitet war, und Saffana flocht unter Grimassen Gras in der Herrin Haar oder warf Steine den Hang hinab und nannte das ‚den Dschinnen Liebesbriefe zuwerfen‘. Ihr spitzes Lachen klang manchmal wie ein auflodernder Schrei. Sie zerrte die Herrin in das monddämmernde Licht vor der Höhle, rasch flogen die Schleier fort, und die Brüste atmeten freier.
Reijas schlanke Glieder krönte das Haupt von gemmenhafter Ebenmäßigkeit. Die braune Hautfarbe gab dem Rot ihrer Wangen eine größere Wärme, der Blick der nachtdunklen Augen hatte einen Schmelz, der Herzen beben machen mußte, wunderbar wölbten sich darüber die Brauen, zwei schwarze Liebesbogen wie Tore des Paradieses. Das blauschwarze Haar trug sie in einem Knoten tief im Nacken gebunden. Wenn sie sprach, leuchteten die Lippen, mit Henna gefärbt, rot wie Rubine. An den Hand- und Fußgelenken glänzte das Gold der Carcaches, der maurischen Spangen.
Saffana war üppiger als die Herrin, heller im Ton der Hautfarbe, hatte ungebändigtes kastanienbraunes Haar, das sich beim Tanz wie eine Fahne hin und her warf, und das Spiel ihrer Glieder ließ auf Sinnlichkeit schließen.
Die Sklavin drückte ihren Arm an die goldgeschmückten Fußknöchel der Herrin, die mit untergeschlagenen Beinen dasaß. „Dein Blick ist wie der Tau des Morgens, und deine Liebe muß wie der Rosenduft in den Gärten von Schira sein.“
„Törin!“ schmollte Reija. „Sing mir das Lied Medschnuns, des lieberasenden Dichters.“
Saffana tat einen gurgelnden Freudenschrei. „Seine Geliebte hieß Reija wie du. Horch auf!“ Und sie sang mit einer spitzen, knabenhaften Stimme eine der Perlen aus dem Schatz der maurischen Volkslieder:
„Ihr Lüfte, voll vom Ruch der Wüstenkamomillen, ihr seid’s, die um Reijas dunkle Locken spielen. Gott geb’ mir Armen nur die Liebe, daß ich sie in den Armen Reijas übe. Ich liebte Reija mit den schwarzen Haaren, als ihrer Brüste Warzen klein noch waren. Oriongürtel bist du mir gewesen, an deinem Herzen bin ich ganz genesen.“ Sie endigte mit einer langgezogenen Coda. Aber dann sagte sie betrübt: „Dein Antlitz blickt wie die Finsternis des Sukuum, des Höllenbaums. Ei, mach’ erst einen Mann in dich verliebt, und dein Dunkel ist bei den Dschinnen.“
Reija verzog die roten Lippen. „Abu Atir läßt mich kaum den Bart eines Mannes sehen. Und es ist ein großes Glück, daß ich heute gleich vier sehen durfte.“
„Und ich weiß auch, daß einer der Bartbesitzer dein Wohlgefallen erregt hat.“
Reija warf einen vernichtenden Blick auf die Sklavin, und ihre Seele schien ruhig wie ein von keinem Hauch getrübter Seespiegel. Sie öffnete die Hände halb wie in gedankenlosem Spiel.
„Taleb der Hirte sagt, er nenne sich Eswer Ben Zerragh.“
Die Augen der Jungfrau wurden groß. „So ist er aus Boabdils geliebtem Geschlecht? Und muß so leiden!“ Aber dann verfinsterte sich ihr Blick: „Es ist nichts um einen Mann.“
„Mein Täubchen hat recht. Sie leiden alle zusehr an Liebesschmerzen. Dieser Medschnun singt da von einem Stamm Osret, die sterben, wenn sie ein Mädchen umarmen. So dumm sind sie. Da ist Al Dschemil der Jüngling, der starb, weil seine Geliebte Boseine eines Morgens nur zehn Tränen um ihn geweint statt zwölf. Oh, sind sie verrückt, die vom Stamm Osret. Man sollte dort Jünglinge und Mädchen aufeinander peitschen, sie würden Tränen und Sterben vergessen. Da lobe ich mir die Dichter, die den Wein kreisen lassen bei den Freundinnen, wie die Dichter der Omajaden. Ibn Chafedsche hat gesungen: ‚Auf Munas Hügeln sei willkommen, Nacht, da wir getrunken und Musik gemacht, da wir die Sklavinnen durchdüfteten, mit Wein und Lied die Schleier lüfteten.‘“
„Du schwatzest wie ein Schwalbenpaar. Aber sag’, wo ist Sobeiha, die Hirtin?“
Saffana zeigte hinab auf einen Felsen. „Da -- sie ist nicht vom Stamm Osret.“
Sobeiha herzte unten mit Taleb. Der Spieß drehte sich vor ihnen über der Flamme. Daneben standen die Maultiere, und man hörte das Knirschen ihrer Zähne, die das Futter malmten.
Da stiegen aus den Felsen die Männer herab. Im Nu verschleierten sich die Mädchen. Taleb ließ den Ziegenbraten vom Feuer auf die Grasschüssel gleiten. Zischend troff das Fett herab.
Reija gewahrte bestürzt das rotgeweinte Auge des Abencerragen, und Abu Atir erzählte ihr das Schicksal des Unseligen. Mit der Zartheit ihres Herzens tröstete sie den Jüngling, der voll Dankbarkeit glühte.
„Der Mond scheint mild,“ sagte Abu Atir. „Laßt den Krug kreisen und seid fröhlich, aber achtet der Trauer des Freundes.“ Und der Imam gestattete den Mädchen, daß sie sich entschleierten, wie es seit der Zeit der Omajadenkalifen bei Mählern üblich war.
Eswer staunte die enthüllte Schönheit an. Die Trauer um die geliebte Mutter ließ ihn das Blühen und Duften dieser schönen Menschenblume noch schmerzlich-süßer empfinden.
Während man aß, herrschte tiefes Schweigen. Als der Ziegenbraten mit den Speckerbsen verzehrt war, lagerte man sich ans Feuer hin, und Gedanken und Gespräche spannen sich um die Ereignisse, die im Zuge waren. Nur Abu Atir saß schweigsam und schien in sich hineinzuhorchen. Doch bald erhob er sich und nahm Reija an seine Seite. Dann sagte er mit einer gewissen Feierlichkeit: „Macht eure Herzen weit. Unter dem nähern Hauch Gottes, den Berge loben und die Wasser preisen, sei im Namen unseres letzten Königs ein Geheimnis enthüllt, das manches Herz froh machen wird.“
Man wußte die Worte nicht zu deuten. Wie ein Muezzin stand der Imam auf dem Felsblock und pries die Güte Gottes unter dem sanften Glanz des Halbmonds, umstarrt von den ragenden Felszinnen, den Zeugen der Ewigkeit. Dann begann er zu erzählen:
„Damit ihr klar sehen könnt, will ich von Boabdils jungen Tagen singen. Ich stand an seiner Seite, als er noch in der Hut Ayschas, seiner Mutter, lag. Und die ältern Männer, wie du, Ismael Ben Katasi, werden sich noch der bösen Tage erinnern, da Boabdils Vater Abul Hassan, König von Granada, gegen seine Gemahlin wütete. Das Volk nannte sie Horra, die Reine. Es kam nämlich ein Weib in die Nähe des Königs, eine Christin, die er einst zur Gefangenen gemacht hatte. Die Leute nannten sie Zoraya, das anbrechende Licht. Aber es brach kein Licht mit ihr heran, sondern Düsterheit im Leben der Ayscha, die von der schönen Christin verdrängt wurde. Denn die Zoraya wollte ihren Söhnen den Königsthron sichern, während sich Ayscha für ihren Sohn, den jungen Boabdil, einsetzte, der noch drei Brüder hatte. Dem Boabdil hatten Sterndeuter geweissagt, daß unter ihm Granada fallen werde, und deshalb haßte ihn sein Vater. Die Zoraya aber schürte diesen Haß zur furchtbaren Flamme an. An einem Tage, da die Wasser in der Alhambra froher rauschten als sonst und der Himmel ein einziges blaues Meer war, ließ König Abul Hassan die drei andern Söhne der Ayscha im Löwenhof hinrichten --“
„Oh, woran mahnst du uns, Imam!“ rief Ismael jammernd aus.
„Ich muß es, damit ihr alles begreift. Ayscha, die Unselige, und den übriggebliebenen Sohn Boabdil ließ der unmenschliche Vater in den Comaresturm werfen. Dort vertrauerte sie lange Jahre mit ihrem Kinde. Aber endlich ward auf den Rat Zorayas auch die Vernichtung des letzten Kindes beschlossen. Seht, da erbarmte mich das Unglück der gefangenen Mutter, und ich verhalf Boabdil zur Flucht.“
Die Mauren fuhren in frohem Schreck auf. „Du warst sein Retter?“
Und Eswer küßte verzückt die Hände des Greises. „Dir sind die sieben Himmel offen, Retter meines Königs!“
Abu Atir wehrte müde ab. „Zerschnittene Leinentücher wurden zu einem Strick gedreht, und in einer sternenlosen Nacht ließ sich Boabdil vom Turmfenster ins Gesträuch der Bergklippe hinab, kletterte in die Darroschlucht, wo ich mit drei Rennern auf ihn wartete. Auf Umwegen ritten wir ins Geniltal und gelangten endlich nach Wadi-Asch, das sie heute Guadix nennen, wo die maurische Alcazaba, das Schloß auf hohem Felsen, der Zufluchtsort des jungen Herrn wurde. Als der wutschnaubende König von Alhama zurückkam, wo ihn die Christen geschlagen hatten, war der Vogel entflohen. Im Gefühl der Niederlage, die er als eine Warnung Gottes ansah, schonte er wenigstens Ayscha. Das Volk aber, durch das Schlachtenunglück bei Alhama aufgerüttelt, verfluchte den alten Abul Hassan und rief nach Boabdil. Dieser war schön und stattlich geworden, nur ein Schatten des Leides saß in seinem dunklen Auge, und eine Falte des Grams zog über seine Wange. Blond war sein Haar, stattlich sein Wuchs, königlich jede seiner Bewegungen. Ich betreute ihn wie ein Vater in der Alcazaba, konnte jedoch nicht verhindern, daß eines in ihm unheilvoll aufkeimte, das sinnliche Begehren nach dem Weibe.“
Die Mädchen senkten verschämt die Wimpern.
„Seht,“ fuhr der Imam fort, „es kam ja alles Unglück bei uns Mauren aus dem Weib. Die Kalifen verlernten im Liebeskampf den Kampf der Waffen, sie entnervten ihre Körper, verschmähten die Mäßigkeit und verschwendeten ihre Kräfte in Eifersucht, Zank und Vernichtungsgedanken. Oft focht Bruder und Bruder um ein Weib. Wohl wuchsen die herrlichsten Bauten aus dem Nichts zur Zeit Abderrhamans um eines Weibes willen, wohl glänzten die Wissenschaften und loderte der Ehrgeiz in der Dichtkunst, und die Ritterlichkeit unsrer Edelsten übte sich an der Verehrung des Weibes. Aber das Errungene wurde wieder durch ein Weib zerstört, durch Eifersucht und Nebenbuhlerschaft. Vergebens warnte ich Boabdil. Eines Tages flüchtete sich eine vornehme Christin über die Grenze nach Guadix. Sie war die Tochter eines Ritters Sancho de Calabreña, namens Ines. Sie mußte aus dem Königreich Kastilien fliehen, weil ihre Familie im Verdacht stand, eine Verschwörung gegen die Könige angestiftet zu haben. Boabdil sah sie -- und sie ihn. Nach den Augen sprachen die Lippen, die Herzen, die Sinne. In der Alcazaba bettete der junge Königssohn die schöne Christin in seinen Armen. Er ließ ihr ihren Glauben und verlangte nur, daß das Kind, das sie erwartete, im Prophetenglauben erzogen werde. Mitten im Liebesglück klang der Sehnsuchtsschrei der Mauren aus Granada: ‚Wir wollen Mohammed Abdallah zum König haben!‘ Der Ehrgeiz brannte in den Herzen des jungen Königssohnes. Er wollte seinem Vater den Thron entreißen. Jubelnd führten ihn die Abencerragen nach Granada. Aber in der Alcazaba von Guadix blieb ein trauerndes Weib mit einem Kind unter dem Herzen zurück. Ich sollte ihr Tröster und Beistand sein. Ines de Calabreña fühlte gar wohl, daß im Geräusch des neuen Hofes die Liebe Boabdils erkalten mußte. Das Volk hatte den Vater Boabdils vertrieben, der junge König aber hatte Morayna, die Tochter eines vornehmen maurischen Kriegshauptmanns, zur Frau genommen. Unter dieser Nachricht brach Ines zusammen. Sie wußte, der Harem des Königs würde sich mit Frauen füllen, sie selbst aber müßte für immer das entehrte Christenweib bleiben. Doch welch ein Wunder ist das Frauenherz! Täglich stiegen Gebete von ihren Lippen für den ungetreuen Mann auf, und ihre Tränen waren die Opfergaben auf dem Tisch der Liebe, während sie an der Wäsche nähte, die für das zu erwartende Kind bestimmt war. Und ein Jubeln kam über sie, als eines Tages Boabdil gezogen kam und sie wieder herzte und küßte, und es schien alles wieder gut zu sein. Aber Morayna, die Gattin, wehrte sich leidenschaftlich gegen die Christin, wenngleich sie nichts Ernstliches zu unternehmen wagte. Doch da kam die große Stunde für Ines. In einer Winternacht lag in Guadix ein zartes Mädchen neben dem schwer kämpfenden Leib der Mutter.“
Der Imam war tief bewegt. Alle horchten mit gerührtem Herzen. Die schwarzen Wimpern über den Augen der schönen Reija schlossen sich, und ihre Brust ging hoch.
Abu Atir erhob jetzt die Stimme zu größter Innigkeit. „Friedlich atmete die Kleine das neue Leben ein. Sie hatte die weichen Züge des Vaters, seinen edlen Gesichtsschnitt und sein dunkles Auge, aber die braune Haut und die schwarzen Haare der Mutter. Die Zeit mußte es künden, wessen Erbteil das Herz war. Das Mädchen wuchs heran, und nun sann Morayna darauf, Ines und das Kindlein zu verderben. Boabdil witterte die Gefahr und ließ beide nach Malaga bringen, von wo ich sie nach Afrika hinüberschaffen sollte. Aber denkt euch, Freunde, die rachsüchtige Morayna hatte ihre Boten mit Gift bis nach Malaga gesandt. Wir eilten nach Fes, um dem Tode zu entgehen. Doch nun kam das traurige Schicksal Boabdils! Er mußte Granada, das Dorado der Mauren, den christlichen Königen übergeben. Vom Volk verachtet, flüchtete er sich nach Fes. Nun war da für uns keine Sicherheit mehr. Wieder kehrten wir nach Malaga zurück. Und dort im Zypressenschatten eines Hügels, fern von den Menschen, schützte ich Mutter und Kind durch vier Jahre vor den Tücken ihrer Verfolgerin. Die Kleine wurde bei Klöppelkissen und Spinnrad erzogen.“
„Li amri! Bei meinem Leben! Höchst sonderbar!“ entrang es sich Saffanas Brust.
Reija aber saß mit über der Brust gefalteten Händen reglos da, die Augen zu Boden gesenkt. Die Männer flüsterten erregt miteinander, bis Eswer, an dessen Herzen fiebernde Ungeduld riß, den Alten drängte: „O Abu Atir! Born der Weisheit und des guten Rechts -- ende, ende!“
„Ich bin zu Ende,“ sagte der Imam mit feierlichem Ernst.
„Und das Königskind -- wo ist das Königskind?“ bebte der jüngere Ben Katasi.
„Das Königskind!“ riefen die Mädchen, von Neugier gespannt.
Da streckte Abu Atir weihevoll wie ein segnender Faki die Hand über den Scheitel Reijas aus. „In den Adern dieser fließt Königsblut! Neigt euch vor ihr!“
Die Kunde riß alle Männer aufs Knie, sie lagen mit gebeugten Leibern, die Arme über der Brust verschränkt, huldigend vor dem schönen Mädchen. Saffana zitterte am ganzen Leibe. Sobeiha, das Hirtenkind, schrie wie besessen: „Ein Königskind!“