Part 2
Ehe der Gran Cañon im Pliozän, dem letzten Abschnitt der Tertiärzeit, durch Erosion zu entstehen begann, wurden die Ablagerungen fünf geologischer Perioden, der Perm-, Trias-, Jura-, Kreide- und Eozänformation, von der Hochebene abgetragen. Bei El Tovar, Havasupai, Desert View, Wylie Way Camp, mit einem Wort überall am Süd- und Nordrand des Cañons, wandern wir somit auf dem Kamm der beinahe horizontal gelagerten Steinkohlenformation. Nicht weniger als 3000 Meter mächtige jüngere Formationen, die einst über den Steinkohlenschichten lagen, fehlen also. Ihre Abtragung hat man „die große Denudation“ genannt. Sechs geologische Perioden sind noch da und liegen überall in den Cañonwänden zutage, wenn auch zwei von ihnen nur bruchstückweise vorhanden sind. Die jüngste noch vorhandene Schicht ist der sogenannte Kaibabkalkstein, der der Steinkohlenformation angehört. Unterhalb des charakteristischen senkrechten roten Felsbandes des Redwall, das in so hohem Grad zur Schönheit der Taltiefe beiträgt und der Steinkohlenformation angehört, fehlen drei geologische Perioden, Devon, Silur und Ordovicium; vom Devon finden sich jedoch verstreute Bruchstücke. Der Red Wall ruht auf kambrischem Kalkstein, der sogenannten Tontogruppe. Oberhalb der archäischen Urgesteinunterlagen, Granit, Gneis usw., fehlen gegen 4000 Meter algonkinscher und präkambrischer Ablagerungen, obwohl an einigen Stellen Bruchstücke unter dem Namen der Unkar- und Chuar-Gruppe vorhanden sind.
Man braucht nicht Geologe zu sein, um nach einem ganz kurzen Aufenthalt im Gran Cañon gewahr zu werden, daß die sedimentären Ablagerungen, die durch diesen gewaltigen Einschnitt in die Erdkruste freigelegt worden sind, eine fast wagerechte, ungestörte Lage besitzen. Die riesige Erosionsrinne hat sich durch die Schichten der Steinkohlenformation geschnitten, und dann sind durch fortgesetzte Erosion alle älteren Ablagerungen freigelegt worden bis zum Granit hinab, in dem der Rio Colorado jetzt in dem innern Cañon, The Granite Gorge, dahinbraust. Da die wagerechten Schichten ungestört sind, kann man daraus den Schluß ziehen, daß die Erosion die einzige Kraft ist, die diesen ungeheuren Eingriff in die Erdkruste auszuführen vermocht hat. Aber der Erosionskraft sind auch gewisse andere Faktoren zu Hilfe gekommen. So ist das Gefälle des Flusses recht groß, da der Höhenunterschied auf einer Strecke von 349 Kilometer, von der Mündung des Kleinen Coloradoflusses bis zum Grand Wash, 500 Meter beträgt. An der Mündung des Hermit Creek soll der Fluß eine Stromgeschwindigkeit von 32 Kilometer in der Stunde haben. Bei einer solchen Geschwindigkeit vermag eine kompakte, gesammelte Wassermasse nicht nur Sand und Geröll in ihrem Bett mit sich zu führen, sondern auch Steinblöcke vorwärts zu bewegen. Der Rio Colorado verfügt daher über ein sehr wirksames Schleifmaterial, das das Granitbett des Flusses feilt, reibt, aushöhlt, mit einem Wort erodiert. Wenn eine solche Aushöhlungsarbeit Millionen und aber Millionen Jahre angedauert hat, Tag und Nacht, Winter und Sommer ohne eine Sekunde Unterbrechung, dann ist es nicht schwer zu verstehen, daß das Ergebnis, als die Zeit erfüllt war, d.❁h. in unsern Tagen, überwältigend und staunenerregend sein mußte. Ein solches Ergebnis kann nur in einem wasserreichen Fluß erzielt werden, dessen Gefälle stark und dessen Bett mit Schlamm, Sand, Kies und Blöcken als Schleifmaterial gefüllt ist, in einem Fluß, der aus einem feuchten, regnerischen Hochland kommt und durch ein trockenes Tafelland fließt. So verhält es sich jetzt und so ist es vermutlich schon immer gewesen, denn sonst hätten sich gewaltige Nebenflüsse gebildet; es gibt nur zwei solche, von denen der eine der Kleine Colorado heißt.
Neumayr hebt hervor, daß der Gran Cañon uns auch einen Begriff von der ungeheuren Länge der geologischen Zeiten zu geben vermag. Um den Graben zu erzielen, den wir von der Brustwehr und den offenen Waldgalerien bei El Tovar unter uns sehen, mit andern Worten, um durch sehr harte Gesteine eine Rinne auszumeißeln, die 349 Kilometer lang, 21 Kilometer breit und 1,6 Kilometer tief ist, hat der Colorado die Zeitspanne gebraucht, die zwischen dem Pliozän, dem letzten Abschnitt der Tertiärperiode, und der Gegenwart liegt. Dieser Zeitraum umfaßt viele Millionen Jahre. Und diese Millionen Jahre machen nur einen sehr kleinen Teil der geologischen Annalen und der Geschichte der Erde aus, ja eine Zeitspanne, die so kurz ist, daß die Meeresmollusken, wie Neumayr sagt, sich nur unbedeutend verändert haben und daß die eingetretenen Veränderungen kaum die Hälfte der Arten betroffen haben. Beim Gedanken an solche Zahlen und angesichts solcher Perspektiven wird der Mensch, der nicht von den in unsern Tagen wütenden Seuchen angesteckt ist, still und demütig. Als ich das erstemal an den Rand des Gran Cañon trat, hielt ich, unbewußt und unbedacht, den Hut in der Hand -- wie beim Betreten eines von Menschenhänden errichteten Tempels.
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Es gibt also klassische Werke über die Geologie des Landes. Es gibt Reisebeschreibungen, die von Fahrten und Wanderungen in den Labyrinthen zwischen Tempeln und Pagoden, auf dem Fluß und auf den Hochebenen ringsherum erzählen, und Monographien, die sich auf einen langjährigen Aufenthalt im nördlichen Arizona stützen. Meine Schilderung besitzt keins der Verdienste, durch die sich solche Arbeiten auszeichnen. Die Zeit von drei Wochen, die ich im Gran Cañon zubrachte, war allzu kurz, um ein tiefes, gründliches Eindringen in seine Geheimnisse zu gestatten. Manche Amerikaner haben sich so sehr in den Gran Cañon verliebt, daß sie ihn immer wieder sehen wollen und jedes Jahr dorthin zurückkehren, ebenso wie die frommen Pilger in Tibet und Indien zu ihren heiligen Bergen und Flüssen wallfahrten. Solche wiederholten Besuche sind die richtige Methode, um die unvergeßlichen Bilder dieses Tales wirklich in sich aufzunehmen, dieses Tales, von dem jemand gesagt hat, daß es nicht das achte Weltwunder ist, sondern das erste. Das Ideal wäre es, sich für ein ganzes Jahr an irgendeinem Punkt des Südrandes niederzulassen und Tag für Tag seine Seele zu baden in dem Anblick des Ganges der Jahreszeiten und des Spiels der ständig wechselnden Beleuchtung in dem großartigsten Erosionstal der Erde.
Mein Besuch fiel in den Hochsommer, wo die Luft fast immer klar ist und keine Stürme rasen. Für die Beleuchtung ist die warme Jahreszeit zweifellos die günstigste, besonders gegen Abend, wo wunderbare Skulpturen in ihrer ganzen wechselnden und dennoch gesetzmäßigen Mannigfaltigkeit und ihrem architektonisch dekorativen Reichtum hervortreten, während die nach Südwesten und Westen gewandten Fassaden von Felsentempeln, Pagoden und Pyramiden von dem Licht der sinkenden Sonne getroffen werden und in intensiv roten Farbtönen leuchten. Und über diesem Bild wölbt sich ein Himmel, so blau wie der edelste Türkis von Nischapur.
In der zweiten Hälfte des Juli tritt die Regenzeit ein. Leider konnte ich sie nicht abwarten. Aber an Hand der mündlichen Beschreibungen, die man mir in El Tovar gab, kann ich verstehen, daß die wasserschweren Wolkenmassen, die über Arizona dahinziehen, Wirkungen von phantastischer Schönheit hervorzuzaubern imstande sind. Es kommt vor, daß sich die Wolken in den tiefen Erosionsrinnen des Cañon vorwärts wälzen und daß ihre Oberfläche einem aufgewühlten Meer oder einem ungeheuren wallenden Strom gleicht; oder auch, daß sich der Regenbogen wie eine Brücke über den Abgrund zwischen dem Nordrand und dem Südrand spannt, aber trotz seines seltsamen Farbenglanzes das Spiel der bunten Farbtöne auf den nach Westen gerichteten Mauern des Marble Cañon und der Palisaden kaum zu übertreffen vermag.
Im Winter liegen die Nadelwälder auf der Höhe des Nord- und Südrandes in Schnee gebettet, und es soll wunderbar anzusehen sein, wenn der Schneesturm seine weißen flatternden Fahnen über den Abgrund hinaus peitscht. In stillen Tagen kommt es dann vor, daß der bedeutende Temperaturunterschied, der zwischen dem Plateaukamm und dem 1500 Meter tiefer liegenden Talboden herrscht, dichte milchweiße Nebel hervorruft, die den ganzen Cañon bis fast zu seinem Rand erfüllen. Die Oberfläche des Nebelbetts kann völlig eben und sonnenbeschienen sein. Sähe man eine Photographie, die bei einer derartigen Gelegenheit aufgenommen ist, würde man seinen Kopf wetten wollen, daß sie einen von niedrigen, schroffen Bergen und flachen bewaldeten Ufern umkränzten stillen See vorstelle. Am Nordrand würde man unregelmäßige, von tiefeinschneidenden Buchten zerrissene Halbinseln vorspringen sehen und hier und da kleine Felseninseln, die in Wirklichkeit nichts anders sind als die obersten Zacken der Pagoden und Pyramiden. Von den Geheimnissen der Tiefe würde man nichts ahnen. Man würde nicht glauben, daß die Insel, die nördlich von El Tovar aus dem Nebel emporragt, die Spitze eines fast freistehenden Blockes am Nordrande ist, der denselben Rauminhalt und dieselbe Bergmasse hat wie der Mount Washington!
Aber auch wer sich wie ich nur einige Sommerwochen hier aufhält, hat keinen Grund, sich über mangelnde Abwechslung in der Beleuchtung zu beklagen. Diese verändert sich vielmehr vom Morgen bis zum Abend mit jeder Minute. Nach den schwachen, schlummernden Tönungen der frühen Morgenstunden kommt die Sonne und weckt die Farben zu neuem Leben. Die Schatten fallen lang nach Westen, und die Mauer der Palisaden verschwindet im Dunkel. Die Sonne steigt immer höher, die Schatten schrumpfen zusammen, und ihre schwarzen Felder werden kleiner. Der ganze Cañon ist in Licht gebadet. Das Tagesgestirn geht unter, und die dunklen Flecke wachsen wieder, jetzt nach Osten. Die beleuchteten Partien gehen immer mehr in Rot über, und beim Sonnenuntergang sind sie intensiv hellrubinrot. Dann flammt auch die Mauer der Palisaden in demselben glühenden Farbton. Das Rot wird nach und nach matter und tiefer, und wenn die Sonne unter den Horizont gesunken ist, verschwimmt das eben noch so fein abgetönte Relief, alle Einzelheiten verschwinden, alle Farben verblassen, und im Osten über der Mauer der Palisaden steigt blauviolett die neue Nacht empor.
Wenn man all diese wilde, überwältigende Schönheit zu schildern versucht, hat man stets das Gefühl erfolglosen Unterfangens. Man fühlt die Unzulänglichkeit der Ausdrucksmittel, man findet nicht die rechten Worte, man sucht immer wieder vergebens nach ihnen und greift ins Leere. Bezaubert und gefesselt von der großartigen Natur, den gewaltigen Maßen, dem Reichtum an Farben und Formen und einem Gesamteindruck, der neben dem Gran Cañon alles erblassen läßt, was man auf Erden gesehen hat, so daß man sich auf einen andern Planeten versetzt glaubt, tastet man vergebens nach Worten und Bildern -- und findet keine. In dieser neuen Welt hätte man eine neue, reichere und mächtigere Sprache nötig.
Nicht einmal die Stimmung, die innere Wahrnehmung, läßt sich beschreiben. Tag und Nacht herrscht Sonntagsfrieden über dem Gran Cañon, und das Schweigen ist tiefer als das Schweigen in der Wüste. Als die Sonne hoch am Himmel stand, war man unten am Ufer des Colorado und fühlte, wie der Felsgrund unter der Wucht der Wassermassen erbebte; man hörte das donnernde Brausen, das, durch tausendstimmigen Widerhall verstärkt, den Granitkorridor erfüllte. Einige Stunden später sitzt man in der Abendkühle oben am Rande des Tales und weiß, daß man den Fluß 1500 Meter unter sich hat, ja man sieht vielleicht noch einen Schimmer seines Laufs. Man weiß, daß die wütenden Wassermassen wie schon seit Millionen von Jahren sich ohne Rast und Ruh dröhnend vorwärts wälzen, nach dem Meer sich sehnend, aber kein Laut dringt bis zum Rand der Hochfläche empor. Die Stille ist rätselhaft, mystisch, fast beklemmend. Es ist einem zumute, als sei man des Nachts allein in einer Kirche: man sieht nichts und hört nichts, aber man weiß doch, daß man von Heiligenbildern, Kanzeln, Altarbildern, Kandelabern und Gräbern umgeben ist, doch alles ist still, und selbst die Orgel schweigt.
Auch in den Entfernungen täuscht man sich gewaltig. Auf der Hochfläche sind es 20 Kilometer vom einen Rand zum andern, und der Fluß ist anderthalb Kilometer tief unter mir. Ein Zapfen, der sich von einer Gelbkiefer, einer Yellow Pine, löst, die ihre Krone über den Abgrund neigt, kommt nicht eher zur Ruhe, als bis er einen 300 oder 600 Meter tiefer liegenden Hang erreicht hat. Ein Adler, der so dicht über den Wald hinfliegt, daß er die Gipfel der Nadelbäume mit den Spitzen seiner Flügel streifen kann, schwebt einige Sekunden später, nachdem er über das Tal hinausgesegelt ist, 1500 Meter über dem Boden.
Man umfaßt alles mit dem Blick, aber man begreift es dennoch nicht. Täglich sitzt man stundenlang da und schaut und sucht vergeblich nach einer Lösung der Rätsel. Deutlicher als je erkennt man sich als ein Staubkorn in dem unermeßlichen Reich der Schöpfung. „Wie klein alles wird!“ ist ein Gedanke, der sich einem in die Seele einprägt. Alle Freude und alles Leid, alle Hoffnungen und aller Kummer verschwinden spurlos. Was bedeuten die 5000 Jahre, die die Fackel der Geschichtsforschung beleuchtet, gegenüber den unermeßlichen Zeiten, die in die Tempel und Pagoden des Gran Cañon die Berichte ihrer Taten eingeritzt haben! Nur die Nacht bezwingt den Gran Cañon. Dann breitet die Finsternis ihre Decke über die alte Tempelstadt, und die ewigen Sterne erinnern uns an ferne Welten, im Vergleich zu denen das Wunder von Arizona, ja die ganze Erde ein Staubkorn ist. Beim Licht der Sterne legt sich die Unrast des Herzens, und der Erdenwanderer versinkt in ein Gefühl unendlicher Ruhe.
Wenn jemand glaubt, dieses Buch enthalte Übertreibungen, so will ich getrost aussprechen, daß man in einer Schilderung der Größe und Macht des Gran Cañon nicht übertreiben +kann+. Wer das Tal des Rio Colorado besucht, nachdem er mein Buch gelesen hat, wird gewiß sagen, daß meine Darstellung matt und farblos ist und daß sie an die Wirklichkeit durchaus nicht heranreicht. Die einzigen, die Erfolg gehabt haben, sind die Geologen, die in den gewaltigen Annalen aus Stein geblättert und Zahlen und Maße und ihre petrographischen und paläontologischen Diagnosen gestellt haben. Für die Künstler ist die Aufgabe hoffnungslos gewesen; die Wirklichkeit mit ihren Tönungen und riesigen Ausmaßen in Farben wiederzugeben, ist ihnen nicht gelungen. Ein Dichter würde sich lächerlich machen, wenn er versuchen wollte, den Gran Cañon zu besingen, und ein Tonsetzer würde nie die einzige Musik übertreffen können, die zur Größe des Gran Cañon paßt -- das nie verstummende Brausen des Rio Colorado.
Es ist daher vermessen von mir, meine Schilderung mit eigenen Skizzen auszustatten, die ich an Ort und Stelle gezeichnet und zum Teil farbig ausgeführt habe. Aber diese Bilder, denen jeder künstlerische Wert abgeht, werden, hoffe ich, das Verständnis des Textes etwas erleichtern. Ich erhielt zwar die Erlaubnis, von den zahlreichen Photographien, die mir in El Tovar geschenkt wurden, soviel ich wollte in mein Buch aufzunehmen. Aber die Skizzen haben meiner Meinung nach einen Vorzug vor der photographischen Platte; sie geben persönliche Eindrücke und eine individuelle Auffassung wieder -- haben also eine Seele. Mit Photographien kann wer will ein Buch ausstatten, sogar mit solchen handkolorierten, wie sie in El Tovar zu kaufen sind. Sie ließen mich völlig kalt; ich wollte sie nicht geschenkt haben, sondern zog es vor, den Gran Cañon mit meiner eigenen Feder und meinem Pinsel nach bestem Können festzuhalten. Der Mängel dieser Bilder bin ich mir sehr wohl bewußt.
Nun zu den Briefen, die ich meiner Mutter sandte.
Zweites Kapitel.
Nach dem fernen Westen.
Sonntag, 10. Juni 1923, verließ ich den schönen, gemütlichen University Club in Chicago und fuhr nach dem Bahnhof der Illinois Central Railroad, um mit dem Zug, der 9 Uhr 55 abends abging, nach Westen zu fahren. Es regnete, und mitten im Sommer war es kühl und unbehaglich. Dem Wetter im Verein mit dem Ruhetag war es zuzuschreiben, daß die Straßen öde und leer waren.
Der schwere Zug rollt in die Nacht hinaus. Von dem hohen Bahndamm sieht man auf die unzähligen Straßen hinab, die wir kreuzen. Matt schimmert das elektrische Licht durch den Regen, und die weißen Augen der Autos leuchten im Dunkel. Aber die Lichtpunkte werden spärlicher, die große Stadt verschwindet hinter uns; man sucht seinen Bettplatz im Pullmanwagen auf und schläft, während der Zug durch Illinois rollt.
Leider entgeht einem der Mississippi, den wir in pechschwarzer Nacht bei strömendem Regen überqueren. Der größte Teil des Staates Missouri liegt bereits hinter uns, bevor der Tag graut. Aber den Missouristrom und seine mächtig wirbelnden Wassermassen erblicken wir wenigstens bei vollem Tageslicht. Man läßt sich im Speisewagen nieder, der in Kansas City abgehängt wird. Schon ehe wir diese Stadt erreicht haben, geht ein Neger durch die Wagen und bietet Morgenzeitungen feil. Sie sind voll lebhafter, farbenreicher Schilderungen der furchtbaren Überschwemmungen, die in der letzten Zeit gewaltige Gebiete des Staates Arkansas verheert haben. Ein Nebenfluß des Mississippi, der Arkansas, der den gleichnamigen Staat quer durchschneidet, war aus seinen Ufern getreten und hatte das Land unter Wasser gesetzt. Zollhohe, packende Überschriften sprechen von Unglücksfällen und Verwüstungen, von Verlusten, die auf Millionen Dollar geschätzt werden, und von den Tausenden von Menschen, deren Wohnungen zerstört wurden und die jetzt obdachlos sind.
Die ganze Nacht hindurch hat es geregnet, und der Himmel sieht immer noch drohend aus. Um 11 Uhr 25 sind wir in Kansas City. Man stellt seine Uhr um eine Stunde zurück. Um 12 Uhr fahren wir weiter. Im letzten Augenblick ist ein Herr eingestiegen, den ich erwartet habe, und hat mir gegenüber Platz genommen; sein Name ist R. Hunter Clarkson. Meine Freunde von der Santa-Fé-Eisenbahngesellschaft haben es so eingerichtet, daß wir zusammen nach El Tovar fahren. Einen angenehmern, kenntnisreichern Reisegefährten hätte ich mir nicht wünschen können. Herr Clarkson ist überdies Schotte von schwedischer Abstammung. Schon am Anfang einer für mich sehr lehrreichen Unterhaltung, die mehrere Tage dauern sollte, kamen wir auf den Krieg, und es tat wohl, mit einem Mann zu sprechen, der so vernünftige, humane und objektive Anschauungen hatte. Wir fanden, daß wir im Sommer 1916 auf einem der Kriegsschauplätze einander recht nahe gewesen waren. Als ich während meines Besuchs bei Oberst Kreß von Kressenstein in El Arisch mit ein paar türkischen Offizieren eine Autofahrt in der Richtung auf Ismaïlia machte, lag Clarkson als Batterieführer bei diesem Ort. Nun erzählte er von den nächtlichen Patrouillen, die zu Pferd oder auf Dromedaren ständig durch die Wüste nach Osten ausgeschickt wurden, und wir lachten bei dem Gedanken daran, wie leicht es hätte geschehen können, daß eine Patrouille meinem Auto den Rückzug abschnitt und mich selbst als Gefangenen zu Clarksons Zelt brachte. Er beteuerte, daß ich in diesem Fall nicht nur von ihm selbst, sondern auch von allen andern englischen Offizieren mit größter Rücksicht behandelt worden wäre. Aber ich versicherte ihm, ich zöge es vor, in der Santa-Fé-Eisenbahn in seinen Händen, statt sein Gefangener am Suezkanal zu sein.
Wir haben inzwischen Kansas City verlassen und den gewaltigen Missouri zur Rechten verschwinden sehen. Zwischen fruchtbaren Wiesen und Feldern und üppigen Hainen und Gärten saust der Zug weiter durch den Staat Kansas nach Westen und Westsüdwesten. Oft stehen die Äcker unter Wasser, und alle Gräben sind bis zum Rand gefüllt. Auf saftigen Triften weiden Rinder- und Schafherden, und hier und da wühlen große Schweineherden in dem schlammigen Boden. Das Land ist flach wie ein Eierkuchen. Lange Strecken glaubt man durch einen einzigen ununterbrochenen Garten zu fahren.
Unser Wagen ist der letzte des Zuges; von seiner hintern Plattform aus sehen wir die ständig enteilende recht einförmige Landschaft und die schnurgerade laufenden Eisenbahngleise. Meistens sitzen wir jedoch auf unsern bequemen Polstern und plaudern. Der Wagen ist vollbesetzt, aber es wird nie eng -- man hat seinen Platz und braucht sich nicht mit andern zu drängen. Ein Vorzug dieser Pullmanwagen ist, daß die Reisenden gleichsam eine große Familie bilden; wenn man nichts anders zu tun hat, kann man seine Reisegefährten, ihre Gewohnheiten und Beschäftigungen beobachten. Die großen Fenster gewähren freie Aussicht nach beiden Seiten. Wenn man in einem Wagen mit Seitengängen in einem eigenen Abteil fährt, so ist man zwar ungestört -- was jungen Eheleuten erwünscht sein mag --, aber man hat dann nur nach einer Seite Aussicht.
Es ist halb zwei, als der Zug in Emporia hält, wo wir eine halbstündige Frühstückspause machen. Mit Hilfe des Telephons hat das Zugpersonal die Bahnhofswirtschaft rechtzeitig benachrichtigt, wieviel Gäste kommen. Man braucht sich daher nicht abzuhetzen, sondern geht in aller Ruhe an seinen Platz. An kleinen Tischen ist für je 8 Personen gedeckt. Es gibt Tomatensuppe, Schinken mit Gemüse, Eiscreme, Tee oder Kaffee. Clarkson und ich haben es insofern besser als die andern Reisenden, als wir nicht zu bezahlen brauchen, er als Beamter der Santa-Fé-Eisenbahn und ich als Gast der Gesellschaft.
Alle andern Eisenbahnen in den Vereinigten Staaten führen Speisewagen. Aber bei der Santa-Fé ist die Verpflegung der Reisenden in der gleichen Weise geordnet wie früher auf den schwedischen Eisenbahnen. Man glaubt, daß alle Bahnlinien der Vereinigten Staaten mit der Zeit dieses System einführen werden, denn es hat sich gezeigt, daß die Speisewagen in den Zügen stets mit Verlust arbeiten. Im Jahr 1922 setzte die Pennsylvania-Eisenbahn 50000 Dollar an ihren Speisewagen zu. Die Bewirtung auf den Bahnhöfen dagegen ist ein ausgezeichnetes Geschäft, da nicht nur die Reisenden der Züge, sondern auch andere, vor allem im Auto vorbeifahrende, hier ihre Mahlzeiten einnehmen.
Dieser Aufenthalt ist eine angenehme Unterbrechung. Tee, Kaffee und andere einfache Erfrischungen kann man bei den Negern seines Wagens bekommen, aber Lunch und Mittagessen werden an Haltestellen eingenommen. Sowohl die Speisen wie die Sauberkeit und Bedienung gewinnen sehr dabei. Eine Reise von mehreren Tagen wird auch weniger einförmig, wenn man zweimal des Tages an Land gehen und sich etwas Bewegung machen kann.