Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1927 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
Im Original wurden viele fremdsprachliche Begriffe in Antiquaschrift gesetzt; daneben verbleiben einige Passagen in Englisch in Normalschrift, insbesondere bei Eigennamen.
Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet:
fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Kapitälchen: ~Tilden~
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~SVEN HEDIN~
+Gran Cañon+
~SVEN HEDIN~
+Gran Cañon+
Mein Besuch im amerikanischen Wunderland
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Mit 38 einfarbigen und 10 bunten Einschaltbildern nach Skizzen des Verfassers, einem Bildnis und 2 Karten
Zweite Auflage
~LEIPZIG / F. A. BROCKHAUS / 1927~
Copyright 1926 by F. A. Brockhaus, Leipzig Printed in Germany
Dem Andenken meiner geliebten Mutter
Zum Geleit.
An warmen Sommertagen und in hellen Nächten, voll Gram und Wehmut nach der schwersten und schmerzlichsten Trennung, die ich in meinem Leben erfahren habe, legte ich die letzte Hand an die anspruchslose Schilderung eines Landes, das an Naturschönheit und eigenartiger großartiger Pracht alles auf Erden übertrifft.
Während der Wochen, die ich vor drei Jahren im Gran Cañon zubrachte, schrieb ich an meine geliebte Mutter eine Reihe Briefe. Es geschah aus alter Gewohnheit -- ich hatte ja seit vierzig langen Jahren aus Asien meinen Eltern daheim geschrieben. Jetzt flogen die Briefe von der Neuen Welt aus über das Meer. Kein Tag durfte zu Ende gehen, ohne daß ich einige Seiten an meine Mutter schrieb. Niemand hat meine Schicksale mit wärmerer Teilnahme verfolgt als sie. In ihren Gedanken und Gebeten war sie stets bei mir auf meinen öden, einsamen Wegen. Nun war sie alt und stand schon im sechsundachtzigsten Lebensjahr; nur auf den Flügeln der Phantasie und an Hand meiner Briefe und Skizzen konnte sie sich einen Begriff vom Gran Cañon machen. Ich wußte, daß ich ihr damit eine Freude bereitete, und schrieb ihr daher von den verschiedenen Lagerplätzen am Südrand und Nordrand und in der Tiefe des gewaltigen Tales, von El Tovar und Desert View, von Hermit Cabins und Phantom Ranch, von Altar Falls und Wylie Way Camp. Ich schrieb beim Tosen der sich dahinwälzenden Wassermassen des Rio Colorado, beim Schrei der verwilderten Steppenesel in stillen, lauen Nächten, beim roten Widerschein der Felsentempel und Pagoden, die bei Sonnenuntergang aussahen, als seien sie aus Rubinen errichtet und von innen durch vulkanische Ausbrüche erleuchtet; ich schrieb, wenn der Abendwind in den Kronen der Kiefern rauschte, und warf schnell einige Seiten hin, wenn ich in mein Zelt zurückgekehrt war, nachdem ich, träumerischen Gedanken über das Vergangene, für immer Entschwundene nachhängend, den Tänzen der Hopi-Indianer um flammende Feuer zugesehen hatte.
Die Briefe waren also an meine Mutter geschrieben. Wenn ich sie jetzt in umgearbeiteter, abgerundeter Gestalt auch andern Lesern übergebe, empfinde ich es als eine teure Pflicht und einen kleinen Trost, sie meiner entschlafenen Mutter zu widmen. Auch in dieser ausführlichern Fassung war ihr ja meine Schilderung des Gran Cañon nicht fremd. Sie hat sie mit erneuter Anteilnahme gelesen und sehnte sich danach, mir, wie früher Jahrzehnte hindurch, beim Korrekturlesen auch dieses Buches zu helfen. Aber ihre Kräfte verließen sie, und sie vermochte nicht zu warten. Als der Sommer in unserm Land in voller Pracht stand, entschlief sie, lächelnd und glücklich wie in all den Jahren ihres Lebens.
Alles schien mir trübe und öde. Ich hatte meinen besten Freund verloren, einen Freund, der mir eine Welt voll Liebe und Treue geschenkt hatte und der nie müde ward, mir meine Fehler zu vergeben. Ich hatte kein Recht mehr, mich als Kind zu fühlen; ich war eine Generation älter geworden und hörte deutlicher als je die Flügelschläge der Zeit. Aber die lichte und teure Erinnerung, die sie mir hinterlassen hat, ist ein unvergänglicher Schatz; unermeßlichen Dank schulde ich ihr, die sechzig Jahre mein Schutzengel gewesen, die mich in meiner Kindheit auf ihrem Arm getragen, die bis zu ihrer letzten Stunde mit unermüdlicher Geduld über mich gewacht, mich ermuntert hat und meine Stütze gewesen ist.
Wohin mich meine Wege auch führen mögen, stets werde ich ihr leuchtendes Bild vor mir sehen, dem freundlichen Blick ihrer Augen begegnen und ihre Stimme hören. Und wenn es mir vergönnt sein wird, noch einmal zum Gran Cañon und seiner überirdischen Schönheit zurückzukehren, werde ich die Erinnerung an meinen ersten Besuch als ein neues Band empfinden, das mich mit ihr verknüpft. Dann werde ich auch mit Wehmut der Zeit gedenken, als ich noch das Glück hatte, beim Brausen des Rio Colorado und beim roten Widerschein des Sonnenuntergangs meiner Mutter zu schreiben.
Inhalt.
Seite
+Zum Geleit+ 7
+Erstes Kapitel.+ Einleitung 15
+Zweites Kapitel.+ Nach dem fernen Westen 32
+Drittes Kapitel.+ Durch Neumexiko und Arizona 48
+Viertes Kapitel.+ Der erste Eindruck 60
+Fünftes Kapitel.+ Die Aussicht von Grand View 86
+Sechstes Kapitel.+ Nach Hermit Cabins 99
+Siebentes Kapitel.+ Der Rio Colorado 125
+Achtes Kapitel.+ Navaho Point 137
+Neuntes Kapitel.+ Nach Havasupai Point 158
+Zehntes Kapitel.+ Nach Phantom Ranch am Nordufer des Colorado 176
+Elftes Kapitel.+ Durch den Bright Angel Cañon zum Nordrand hinauf 194
+Zwölftes Kapitel.+ Ausflug nach Cape Royal 223
+Register+ 240
Bunte Einschaltbilder.
Blick von Bright Angel Point auf Deva-, Brahma- und Zoroaster-Tempel Titelbild
Blick von Navaho Point auf die Palisaden 64
Marble Cañon und Palisaden, von Navaho Point aus 80
Abendstimmung bei Navaho Point 96
Blick auf Navaho Point nach Sonnenuntergang 112
Brahma- und Zoroastertempel, von Wylie Way Camp aus 128
Blick nach Norden und Nordnordosten von einem Punkt bei Bright Angel Point 144
Der letzte Widerschein des Abendrotes auf den Palisaden, von Point Royal aus 158
Jupiter-, Venus- und Apollo-Tempel, von Cape Royal aus 176
Eine vorspringende Felswand bei Cape Royal 220
Einfarbige Einschaltbilder.
Anna Hedin 9
Aussicht von El Tovar nach Nord 10° West 61
Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar nach Nordwesten 67
Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach Nordwesten 73
Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar nach Nord 16° West 77
Aussicht am Nachmittag von El Tovar in den Bright Angel Cañon 83
Aussicht von Hermit Camp nach Nordnordwesten 87
Aussicht von Hermit Camp nach Westen und Nordwesten 93
Blick von Hermit Cabins auf den Hermit Peak im Süden 101
Hopi-Indianer 105
Hopi-Indianer 109
Aussicht von der Mündung des Hermit Creek, Colorado aufwärts 115
Aussicht von der Mündung des Hermit Creek nach Südsüdwesten 119
Aussicht von der Mündung des Hermit Creek, Colorado abwärts 123
Aussicht von Navaho Point nach Nordnordosten 127
Aussicht von einem Punkt östlich von El Tovar auf die Tempel in Nord 12° West 131
Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach Nord 60° Ost 135
Aussicht von einem Punkt westlich von El Tovar nach Ostnordosten 139
Aussicht von Havasupai Point nach Westen 143
Aussicht von Havasupai Point nach Nord 20° West 147
Aussicht von Havasupai Point auf das Nordufer des Gran Cañon (Nord 30° Ost) 151
Blick von Havasupai Point nach Osten 155
Hängebrücke über den Colorado bei Phantom Ranch 161
Blick von der Hängebrücke bei Phantom Ranch nach Osten, Colorado aufwärts 165
Altarfall 169
Aussicht vom Altarfall nach Süd 30° Ost 173
Aussicht aus dem Bright Angel Cañon nach Süd 15° Ost (29. Juni) 179
Felskuppe im Bright Angel Cañon 183
Felskuppe im Bright Angel Cañon 187
Unterwegs zum Nordrand aus dem obern Teil des Bright Angel Cañon 191
Aussicht von der Cliff-Dweller-Grotte nach Süden (1. Juli) 197
Aussicht von der Cliff-Dweller-Grotte nach Südsüdosten (1. Juli) 201
Aussicht von Cape Royal nach Süd 15° Ost (Wischnutempel) 205
Blick von Cape Royal in den Gran Cañon 209
Blick von Cape Royal nach Süd 20° West auf Wotans Thron 213
Aussicht von Cape Royal nach Süd 85° West 217
Aussicht von einem Punkt in der Nähe von Cape Final 225
Aussicht von Fair View nach Nord 30° Ost 229
Aussicht von Fair View auf den Saddle Mountain 235
Karten.
Übersichtskarte 14
Sonderkarte des Gran Cañon in Arizona, Maßstab 1 : 150000, am Ende des Buchs.
Erstes Kapitel.
Einleitung.
Schon ehe ich an die Möglichkeit gedacht hatte, jemals nach Asien zu kommen, träumte ich vom Gran Cañon. Ein Jahr vor meiner Reifeprüfung übernahm ich es, für den Vortrag, den Lektor Törnebohm in der Stockholmer Geographischen Gesellschaft hielt, die vorzüglichen farbigen Abbildungen von W. H. Holmes in Riesenformat zu kopieren, die C. E. Duttons Werk „~Tertiary History of the Grand Canyon District~“ (1882) illustrieren. Als ich bei Professor Brögger an der Stockholmer Hochschule studierte und später, als ich mich auf die Kandidatenprüfung bei Professor Högbom in Uppsala vorbereitete, erwarb ich mir auch bescheidene Kenntnisse der Geologie des Colorado Cañon.
Während meiner Reisen in Asien, die dann jahrzehntelang meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen, wurde der Gedanke an das große Erosionstal in Arizona in den Hintergrund gedrängt, aber gleichwohl nie völlig ausgelöscht. Als ich schließlich im Laufe des Jahres 1922 mein Werk „~Southern Tibet~“ beendet hatte und einige Monate Erholung brauchte, beschloß ich, Anfang 1923 nach Amerika zu fahren und meine Reise mindestens bis zum Gran Cañon auszudehnen. Ich hielt in vielen Städten der Oststaaten Vorträge, besuchte wissenschaftliche Institute und sehenswürdige Orte und kam natürlich auch nach Chicago. In dieser eigenartigen Stadt machte ich neben andern Bekanntschaften die des Grafen J. Minotto, eines gebürtigen Italieners, der amerikanischer Staatsbürger geworden war und den demokratischen Titel Mister führte. Wir trafen uns mehrere Male. Herr Minotto war Freiluftmensch und Sportsmann und interessierte sich lebhaft für alles, was „~exploration~“ heißt. Mit seiner jungen reizenden Gattin, einer geborenen Swift, hatte er weite Reisen unternommen und kürzlich auch den Gran Cañon besucht, den er leidenschaftlich liebte. Als er meine Pläne hörte, wurde er beredt und tat alles, meine Sehnsucht anzufachen.
Eines Tages traf ich bei einem Essen bei Minottos zwei Herren von der Santa-Fé-Eisenbahngesellschaft. Das Gespräch kam ganz ungezwungen auf den Gran Cañon, und Minotto, der zu Scherzen aufgelegt war, meinte, die Gesellschaft sollte mich als ihren Gast zu einem längern Besuch einladen. Die beiden Herren fanden den Vorschlag gut und wollten sich die Sache überlegen. Ich selbst konnte diese in Feststimmung gesprochenen Worte nicht ernst nehmen und war daher nicht wenig erstaunt, als schon am folgenden Tag ein Herr Birchfield, ein Beamter der Gesellschaft, mich im University Club aufsuchte, dessen außerordentliches Mitglied ich auf Empfehlung des prächtigen schwedischen Konsuls C. von Dardel geworden war. Herr Birchfield zeigte mir ganze Berge von Photographien und bat mich, möglichst bald Herrn William H. Simpson meinen Besuch zu machen, dem Assistant General Passenger Agent der „Atchison, Topeka and Santa Fé Railway“; dieser habe von höherer Stelle Anweisungen erhalten und könne mir alle Auskünfte geben, die ich wünschte.
Schön! Ich begab mich also in die Hauptgeschäftsstelle der Eisenbahngesellschaft und traf hier die Herren, in deren Hand die Entscheidung lag. Im Namen ihrer Gesellschaft baten sie mich überaus liebenswürdig, ihr Gast im Gran Cañon zu sein, so lange es mir beliebe. Wir einigten uns auf drei Wochen. Cowboys, Maultiere, Autos, Zelte, Hotels, Verpflegung, mit einem Wort +alles+, sollte mir zur Verfügung stehen, ich brauchte nur zu befehlen.
Ich erzähle diese kleine Episode, um im Anschluß daran auch der Direktion der Santa-Fé-Eisenbahngesellschaft meinen herzlichen Dank für die große Gastfreiheit auszusprechen, die mir in El Tovar und auf all den Ausflügen zuteil wurde, die ich von dort aus unternahm. Ein Fürst hätte nicht unter angenehmeren Umständen reisen können. Alle waren freundlich und zuvorkommend. Mein Dank richtet sich, außer an die Direktion, besonders an die Herren Simpson, Birchfield, Kemp, Clarkson, Crosby, Petrosa, McKee und Ford Harvey sowie an die Führer West, Tillotson und MacLean.
Freilich wäre ich nach dem Gran Cañon gereist, auch wenn mich die Gesellschaft nicht eingeladen hätte. Aber das wäre teurer und beschwerlicher geworden. Alle amerikanischen Bürger, mit denen ich zwischen dem Atlantischen und dem Stillen Ozean zusammenkam, überhäuften mich mit Gastfreundschaft, aber alles, was ich in dieser Hinsicht erfuhr, überbot doch die Santa-Fé-Bahn. Mit dem Namen dieser berühmten Gesellschaft ist meine größte und schönste Erinnerung an die Vereinigten Staaten verknüpft.
Es ist selbstverständlich, daß ich im Gran Cañon als Tourist, nicht als Entdecker reiste. Etwas Neues konnte ich nicht heimbringen. Ich wollte nur dieses größte Wunder der Natur aus eigener Anschauung kennenlernen. In Asien, nicht am wenigsten in Südtibet und im Transhimalaja, habe ich viele tausend Kilometer zurückgelegt und bin überall der erste gewesen. Und dabei waren diese Gegenden, wenigstens zu einem Teil, seit Jahrtausenden bekannt und von den Völkern Indiens in uralten Hymnen besungen worden. Nur in ein paar Fällen habe ich Nachfolger gehabt -- im übrigen werden große Gebiete Hochasiens nur von meinen Reisewegen durchkreuzt.
Ganz anders beim Gran Cañon! Sein Erosionstal ist den Europäern überhaupt erst vor wenig mehr als dreihundertachtzig Jahren bekannt geworden, und doch ist es jetzt kartographisch aufgenommen und in naturwissenschaftlicher, besonders geologischer Hinsicht von einer Reihe berühmter Forscher bis ins einzelne untersucht.
Die ersten, die bis an den Rand vordrangen, von dem aus man senkrecht in die Tiefe eines Abgrunds hinabschaut, waren die Spanier. Unter Coronados Befehl kamen sie von Mexiko in das Hochland hinauf; sie fanden, daß es eine „~arida zona~“, eine trockene, unfruchtbare Gegend war -- Arizona. Den spanischen Pionieren voran zog 1539 der Franziskaner Fray Marcos de Niza, der nach seiner Rückkehr Wunder zu erzählen hatte. Durch seine Berichte ermuntert, brach Coronado selbst schon im nächsten Jahr, 1540, von seinem Stellvertreter Tovar begleitet, nach Arizona auf. Sie waren Konquistadoren, traten aber zu den Indianern in freundschaftliche Beziehungen und Tauschhandel. Unter anderm hörten sie von einem mächtigen Strom sprechen, der durch das Land im Nordwesten fließe. Nach erfolgter Erkundung sandte Coronado eine kleine Truppenabteilung unter dem Befehl von Cardenas aus, damit sie diesen Fluß suchte. Cardenas fand den gewaltigen Strom, den er wegen seiner roten Farbe Rio Colorado nannte. Er entdeckte auch den Gran Cañon, das „große röhrenförmige Tal“.
Während zweier Jahrhunderte wurde die entlegene und öde Gegend nur hin und wieder von dem einen oder andern Spanier besucht, und sie scheint lange Zeit in Vergessenheit geraten zu sein. Später dehnten amerikanische Trapper ihre Streifzüge bis an das tiefe Tal aus. Im Jahr 1824 drang General Ashley an den Coloradofluß vor, doch ohne den Gran Cañon zu berühren. Im Auftrag der Regierung wurde das Gebiet einige Male untersucht.
Die erste wissenschaftliche Erforschung des Flusses nahm 1869 der energische und kühne Major J. W. Powell vor, der die 1600 Kilometer lange Strecke von Green River City im Staat Wyoming bis zur Mündung des River Virgin im Boot zurücklegte und diese verwegene Fahrt im Winter 1871/72 wiederholte. Er kam glücklich durch die unzähligen wilden Fälle und Stromschnellen hindurch, die später so manches Menschenleben gekostet haben, und schrieb ein lesenswertes Buch über seine Abenteuer.
Nachdem im Jahr 1889 F. M. Brown in einer Stromschnelle umgekommen war, setzte sein Reisegefährte Stanton im Jahr darauf die Flußfahrt bis ans Meer fort. Ferner seien die Reisen verzeichnet, die Galloway (1896/97), Flavell (1896), Russel und Monnette (1907/08), Stone (1909) und die Brüder Kolb (1911) unternommen haben. Einen der beiden letztgenannten, Ellsworth L. Kolb, traf ich in El Tovar. Seine Schilderung der langen Flußfahrt „~Through the Grand Canyon from Wyoming to Mexico~“ (1920) ist ebenso lehrreich wie spannend. Der Zweck ihres Vorhabens war, zu filmen und zu photographieren. In den Jahren 1922 und 1923 nahm L. R. Freeman an den Expeditionen der Geologischen Landesaufnahme der Vereinigten Staaten teil, auf denen festgestellt werden sollte, ob es möglich sei, durch einen Staudamm in den oberen Teilen des Cañon den Unterlauf des Coloradoflusses zu regulieren. In seinem 1924 erschienenen Buch „~Down the Grand Canyon~“ berichtet er über die gewonnenen Ergebnisse.
In den letzten Jahren sind eine Menge wissenschaftlicher und gemeinverständlicher Werke über den Gran Cañon geschrieben worden. Es erübrigt sich, hier eine Bibliographie dieser Arbeiten zu geben. Ich will nur zwei kleine Bücher nennen, die ich ständig bei mir hatte: „~Story of the Grand Canyon of Arizona, a popular illustrated account of its Rocks and Origin~“ von N. H. Darton, Geologe der Geologischen Landesaufnahme, das ich im folgenden oft anführe, und „~The Grand Canyon of the Colorado, recurrent Studies in Impressions and Appearances~“ von John C. van Dyke (1920), dem ich einige der oben in der geschichtlichen Übersicht angeführten Angaben entnommen habe.
Die klassische Darstellung der geologischen Geschichte des Gran Cañon verdankt die Wissenschaft Newberry, Powell, Gilbert, Dutton und Holmes, um jetzt nur die bedeutendsten und bekanntesten Forscher zu nennen. Ihre Arbeiten werden in allen geologischen Handbüchern aller Kultursprachen der Welt genannt und sind bei der Lösung vieler Probleme über Verwerfungen und andere Veränderungen in der Erdkruste, über Denudation und riesenhafte Erosion zu Rate gezogen worden.
Wie W. M. Davis (~An Excursion to the Grand Canyon of the Colorado~) anführte, der im Jahr 1900 reiste, hatte Newberry (1857/58) gefunden, daß die paläozoischen Schichten auf kristallinischen Gesteinen lagerten; Newberry war der Ansicht, daß das Land in früheren Zeiten reicher bewässert war als jetzt. Powell, der 1869 den Cañon und 1870 die nördliche Hochebene bereiste, behandelte die Probleme der Schichtenstörungen, Verwerfungen und Faltenbildungen. Er war von einer langen Periode eines trockenen Klimas überzeugt, da Bergwände und Cañontäler ihre scharfen Formen sonst nicht hätten beibehalten können. Dutton, der 1880 und 1882 schrieb, verfocht den Gedanken, die ganze Gegend habe sich im frühen Tertiär zu heben begonnen. Er stellte auch die geologische Datierung für verschiedene Veränderungen der Erdkruste innerhalb des in Frage kommenden Gebiets fest. Die Denudationsarbeit im Gran Cañon zerfällt seiner Meinung nach in zwei Erosionszyklen, von denen der erste in uralter Zeit während eines feuchten Klimas stattfand, der zweite folgte dagegen in einem trockenen Zeitraum in Verbindung mit einer ausgedehnten, durch Schichtenstörungen verwickelten Hebung der Erdrinde.
Die Erscheinung, daß die Cañontäler so eng sind, ist oft durch die Trockenheit der Hochebenen erklärt worden, durch die der Colorado fließt. Davis findet eine Erklärung in der späten Hebung des Landes, in das sich die Cañons einzuschneiden begannen, und in der Dichtigkeit der widerstandsfähigen Ablagerungen, die jetzt die Seitenwände der Cañontäler bilden. Die Geschichte des Klimas unseres Gebiets ist jedoch unsicher. Powells Theorie einer langen trockenen Periode hat nach Davis die größte Wahrscheinlichkeit für sich, da der Gran Cañon so lange im Regenschatten von Gebirgsketten gelegen hat, die einst höher waren als jetzt, während gleichzeitig die ganze Gegend niedriger war. Es ist sehr wahrscheinlich, daß das Gran-Cañon-Gebiet in der Eiszeit starken Niederschlägen ausgesetzt war, aber Davis hält es für schwierig, die Beweise dafür zu liefern. Er glaubt, auch ein Klima wie das jetzige reiche aus, die Entstehung von Seitenschluchten und kleinen Cañons zu erklären. In diesen ist die Erosion nach wie vor am Werk, und das Fehlen der Vegetation hat zur Folge, daß die Erosion hier schneller fortschreitet als in Gegenden mit ausgiebigen Niederschlägen und reicherem Pflanzenwuchs.