Gösta Berling: Erzählungen aus dem alten Wermland

Chapter 4

Chapter 43,873 wordsPublic domain

Feige ist er, der schwarze Herr, das ist eine alte Geschichte, und die Aussicht, unter den großen Hammer zu kommen, sagt ihm nicht zu. Er ruft Christian Bergh zurück und fängt an, mit den Kavalieren zu unterhandeln.

»Nehmt die sieben Eisenwerke in dem kommenden Jahr, nehmt sie selber, Kavaliere, und überlaßt mir die Majorin!«

»Glaubst du, daß wir ebenso niedrig denken wie sie?« ruft Patron Julius. »Ekeby und alle sieben Besitztümer wollen wir haben, mit der Majorin aber mußt du dich selber abfinden.«

»Was sagt Gösta? Was sagt Gösta?« fragt der sanfte Löwenberg. »Gösta Berling soll reden. Bei einer so wichtigen Angelegenheit müssen wir seine Ansicht hören.«

»Das Ganze ist Unsinn!« sagt Gösta Berling. »Kavaliere, laßt euch nicht von ihm anführen! Was sind wir gegen die Majorin? Mit unseren Seelen mag es gehen, wie es will, aber mit meinem freien Willen werden wir nicht zu undankbaren Wichten, benehmen wir uns nicht wie Schurken und Verräter. Ich habe das Brot der Majorin zu lange Jahre gegessen, um sie jetzt im Stich zu lassen.«

»Ja, fahr du zur Hölle, Gösta, wenn du Lust dazu hast! Wir wollen Ekeby lieber selber regieren.«

»Aber seid ihr denn ganz toll, oder habt ihr all euren Sinn und Verstand vertrunken? Glaubt ihr, daß das die Wahrheit ist? Glaubt ihr, daß das der Teufel ist? Könnt ihr denn nicht merken, daß das Ganze eine verdammte Lüge ist?«

»Sieh, sieh, sieh!« sagt der schwarze Herr. »Er merkt noch nicht, daß Er auf dem besten Wege ist, zur Hölle zu fahren, und doch ist Er schon sieben Jahre auf Ekeby gewesen! Er merkt nicht, wie weit Er schon gekommen ist.«

»Ach was, Unsinn, Alter! Ich bin dir ja selber behilflich gewesen, dort in den Ofen hineinzukriechen!«

»Als ob das einen Unterschied machte. Als ob ich deswegen nicht ebensogut ein Teufel sein könnte wie jeder andere. Ja, ja, Gösta Berling! Dich habe ich sicher. Du hast dich schon recht nett entfaltet unter der Behandlung der Majorin.«

»Sie hat mich gerettet!« sagt Gösta. »Was wäre ich wohl ohne sie gewesen?«

»Sieh, sieh! Als ob sie nicht ihren eigenen Zweck dabei gehabt hätte, als sie dich auf Ekeby zurückhielt. Du kannst viele in die Falle locken; du hast große Gaben. Einmal suchtest du dich von ihr zu befreien, du ließest dir von ihr ein Haus geben, und du wurdest Arbeiter; du wolltest dein eigenes Brot essen. Jeden Tag ging sie an dem Hause vorüber, und sie hatte schöne Mädchen in ihrem Gefolge. Eines Tages war Marianne Sinclaire bei ihr; da warfest du Spaten und Schurzfell weg, Gösta Berling, und wurdest wieder Kavalier.«

»Der Weg führte an meinem Hause vorüber, du Dummkopf.«

»Freilich führte der Weg dort vorüber. Später kamst du nach Borg, wurdest Henrik Dohnas Hauslehrer und wärest fast der Schwiegersohn der Gräfin Märta geworden. Wer war schuld daran, daß die junge Gräfin Ebba Dohna erfuhr, daß du nur ein verabschiedeter Pfarrer seiest, so daß sie dir einen Korb gab? Daran war die Majorin schuld, Gösta Berling! Sie wollte dich wieder zurück haben.«

»Ei was!« erwidert Gösta. »Ebba Dohna starb bald darauf. Die hätte ich doch nicht bekommen.«

Da trat der schwarze Herr dicht an ihn heran und zischte ihm ins Gesicht: »Starb -- ja freilich starb sie. Gemordet hat sie sich um deinetwillen -- das tat sie, aber dir hat das niemand gesagt.«

»Du bist kein so übler Teufel!« sagt Gösta.

»Die Majorin hat das Ganze besorgt, sage ich dir! Sie wollte dich wieder für ihren Kavalierflügel haben!«

Gösta lachte laut auf. »Du bist kein so übler Teufel!« rief er wild. »Weshalb sollten wir nicht einen Kontrakt mit dir schließen? Du kannst uns, wenn du willst, die sieben Eisenwerke verschaffen.«

»Gut, daß du deinem Glück nicht mehr im Wege stehst.«

Die Kavaliere atmeten erleichtert auf. So weit war es mit ihnen gekommen, daß sie nichts mehr ohne Gösta unternehmen mochten. Wäre er nicht darauf eingegangen, so wäre der ganze Pakt nicht zustande gekommen. Und doch war es keine Kleinigkeit für die armen Kavaliere, die Herrschaft über sieben Eisenwerke zu bekommen!

»Gebt jetzt acht,« sagte Gösta, »daß wir die sieben Besitzungen annehmen, um unsere Seelen zu retten, nicht aber um reiche Gutsherren zu werden, die Geld zählen und Eisen wiegen; keine trocknen Pergamente, keine zugeschnürten Geldbeutel wollen wir werden, sondern Kavaliere wollen wir sein und bleiben.«

»Goldene Körner der Weisheit!« murmelte der schwarze Herr.

»Wenn du uns deswegen die sieben Besitzungen auf ein Jahr geben willst, so nehmen wir sie an, merk dir aber eins: wenn wir während der Zeit etwas tun, was nicht kavaliermäßig ist, wenn wir irgend etwas tun, was nützlich oder klug oder schurkenhaft ist, so kannst du uns alle zwölfe holen, wenn das Jahr um ist, und die Eisenwerke geben, wem du willst.«

Der Böse rieb sich vor Wonne die Hände.

»Dahingegen aber, wenn wir uns stets benehmen wie wahre Kavaliere,« fuhr Gösta fort, »so darfst du nie wieder einen Kontrakt in bezug auf Ekeby schließen und erhältst in diesem Jahr keinen Lohn, weder von uns noch von der Majorin.«

»Das sind harte Bedingungen«, sagte der Böse. »Ach, lieber Gösta, du könntest mir immerhin eine Seele gönnen, eine einzige kleine Seele. Könnte ich nicht die Majorin bekommen? Weswegen schonst du nur die Majorin?«

»Ich treibe keinen Handel mit dergleichen Waren«, brüllt Gösta. »Willst du aber eine Seele haben, so hol dir den alten Sintram auf Fors; der ist reif für die Hölle, dafür steh ich ein!«

»Sieh, sieh, sieh! Das läßt sich hören«, sagt der alte Herr, ohne zu blinken. »Die Kavaliere oder Sintram -- das geht gegeneinander auf. Das wird ein fettes Jahr.«

Und dann wird der Kontrakt mit Blut aus Göstas kleinem Finger geschrieben auf das schwarze Papier des Bösen und mit seiner Gänsefeder.

Als das aber getan ist, jubeln die Kavaliere. Jetzt soll die Herrlichkeit der Welt ihnen ein ganzes Jahr lang gehören -- und später wird man schon einen Ausweg finden.

Sie rücken die Stühle beiseite, reichen einander die Hände und bilden einen Kreis um den Punschkessel mitten auf dem schwarzen Fußboden und schwingen sich in wildem Tanz herum. In der Mitte des Kreises tanzt der Böse mit hohen Sprüngen, schließlich läßt er sich, so lang er ist, neben dem Kessel fallen, neigt ihn zu sich heran und trinkt.

Da wirft sich Beerencreutz neben ihm und Gösta Berling nieder, und dann lagern sie sich alle im Kreis um den Kessel, der von dem einen Mund zum andern geneigt wird. Schließlich bekommt er einen Stoß, so daß er umstürzt und der ganze heiße, klebrige Trank sich über die Lagernden ergießt.

Als sie sich fluchend erheben, ist der Böse verschwunden, aber seine goldenen Versprechungen schweben gleich strahlenden Kronen über den Scheiteln der Kavaliere.

Das Weihnachtsfestmahl

Am Weihnachtstage gibt die Majorin Samzelius ein großes Festmahl auf Ekeby.

Da sitzt sie als Wirtin an ihrem Tisch, der für fünfzig Gäste gedeckt ist. Sie sitzt dort in Glanz und Herrlichkeit; der kurze Pelz, das gestreifte Kleid aus Beiderwand, die Tonpfeife sind verschwunden. Seide umrauscht sie, Gold ziert ihre Arme, Perlen kühlen ihren weißen Hals.

Wo aber sind die Kavaliere, wo sind die, die auf dem schwarzen Fußboden der Schmiede aus dem blanken Kupferkessel auf das Wohl der neuen Besitzer von Ekeby tranken?

In einer Ecke am Ofen sitzen die Kavaliere an einem Tisch für sich; heute ist kein Platz für sie an der großen Tafel. Zu ihnen gelangen die Speisen spät und die Weine spärlich, zu ihnen fliegen nicht die Blicke der schönen Damen hinüber, niemand lauscht dort Göstas Scherzen.

Die Kavaliere gleichen aber gezähmten Füllen, matten Raubtieren. Nur eine Stunde Schlaf hatte die Nacht für sie, dann fuhren sie beim Fackel- und Sternenschein zur Frühmesse. Sie sahen die Weihnachtskerzen, sie hörten die Weihnachtslieder, ihre Mienen wurden wie die sanfter Kinder. Sie vergaßen die Christnacht in der Schmiede, wie man einen bösen Traum vergißt.

Groß und mächtig ist die Majorin auf Ekeby. Wer wagt es, seinen Arm zu erheben, um sie zu schlagen, wer wagt es, den Mund zu öffnen, um gegen sie zu zeugen? Sicherlich nicht die armen Kavaliere, die jahrelang ihr Brot gegessen und unter ihrem Dach geschlafen haben. Sie setzt sie hin, wo es ihr beliebt, sie kann ihnen die Tür verschließen, wenn sie will, und sie können sich nicht einmal ihrer Macht entziehen. Gott steh ihnen bei! Fern von Ekeby können sie nicht leben.

An dem großen Tisch genießt man das Leben; dort strahlen Marianne Sinclaires schöne Augen, dort klingt das fröhliche Lachen der munteren Gräfin Dohna.

Bei den Kavalieren aber ist es still. Wäre es nicht recht und billig, wenn sie, die um der Majorin willen in den Abgrund gestürzt werden sollen, an demselben Tische säßen wie ihre anderen Gäste? Was für eine beschämende Einrichtung ist dies mit diesem Tisch unten in der Ofenecke? Als ob die Kavaliere nicht würdig seien, an der Gesellschaft der Honoratioren teilzunehmen!

Die Majorin brüstet sich, wie sie da zwischen dem Grafen auf Borg und dem Probst zu Bro sitzt. Die Kavaliere lassen die Köpfe hängen wie Kinder, die in die Ecke gestellt sind. Und währenddes fangen die Gedanken der Nacht an, bei ihnen zu erwachen.

Gleich scheuen Gästen kommen die munteren Einfälle, die lustigen Lügengeschichten zu dem Tisch in der Ecke. Dort halten der Zorn der Nacht, die Gelübde der Nacht ihren Einzug in die Gehirne. Wohl macht Patron Julius dem starken Hauptmann, Christian Bergh, weis, daß die gebratenen Haselhühner, die jetzt am großen Tisch herumgereicht werden, nicht für alle Gäste ausreichen, aber dieser Einfall ruft kein munteres Lachen hervor.

»Sie können nicht ausreichen«, sagt er. »Ich weiß, wie viele da waren. Aber deswegen ist man nicht in Verlegenheit, Hauptmann Christian, man hat für uns hier an dem kleinen Tisch Krähen gebraten.«

Aber Oberst Beerencreutz' Lippen kräuseln sich nur zu einem matten Lächeln unter dem wüsten Schnurrbart, und Gösta sieht den ganzen Tag hindurch aus, als gehe er mit dem Gedanken um, irgend jemand totzuschlagen.

»Ist nicht jegliches Essen gut genug für die Kavaliere?« fragt er.

Da gelangt denn endlich eine hochgetürmte Schale voll prächtiger Haselhühner an den kleinen Tisch.

Aber Hauptmann Christian ist wütend. Hat er nicht den ganzen Haß seines Lebens den Krähen geweiht, diesen abscheulichen, schreienden Geschöpfen. So bitter war sein Haß, daß er im Herbst Frauengewänder anlegte und sich zum Gespött für alle machte, nur um bis auf Schußweite an sie heran zu gelangen, wenn sie das Korn auf den Feldern verzehrten. Er überraschte sie im Frühling beim Liebestanz auf den kahlen Feldern und erschlug sie. Er suchte im Sommer ihre Nester auf und warf die schreienden, federlosen Jungen heraus oder vernichtete die halbausgebrüteten Eier.

Jetzt rückt er die Schale mit den Haselhühnern zu sich heran.

»Glaubst du etwa, daß ich die nicht kenne?« brüllt er dem Diener zu. »Glaubst du, daß ich sie krächzen hören muß, um sie zu kennen? Zum Teufel mit euch, Christian Bergh Krähen anzubieten! Zum Teufel, sage ich!«

Damit nimmt er ein Haselhuhn nach dem andern und schleudert es gegen die Wand. Sauce und Fett spritzen ringsumher. Die zermalmten Vögel prallen von der Wand ab und fliegen über den Fußboden hin. Und der ganze Kavalierflügel jubelt.

Da dringt die erzürnte Stimme der Majorin an das Ohr der Kavaliere: »Werft ihn zur Tür hinaus!« ruft sie den Dienern zu.

Aber das wagen diese nicht. Ist er doch Christian Bergh, der starke Hauptmann!

»Werft ihn zur Tür hinaus!«

Er hört den Ruf. Und schreckeinflößend in seinem Zorn wendet er sich nun an die Majorin, wie sich ein Bär von einem gefallenen Feind gegen den neuen Angreifer wendet. Er tritt an den hufeisenförmig gedeckten Tisch. Der Fußboden erbebt unter den Schritten des Riesen. Er bleibt ihr gegenüber stehen, den Tisch zwischen sich und ihr.

»Werft ihn zur Tür hinaus!« ruft die Majorin noch einmal.

Er aber ist rasend; seine gerunzelte Stirn, seine grobe, geballte Faust sind schrecklich zu schauen. Er ist groß wie ein Riese, stark wie ein Riese. Gäste und Diener zittern und wagen nicht, Hand an ihn zu legen. Wer sollte es auch wohl wagen, jetzt, wo ihm der Zorn den Verstand geraubt hat?

Er steht der Majorin gerade gegenüber und droht ihr. »Ich schleuderte die Krähen gegen die Wand. Hatte ich nicht ein Recht dazu?«

»Hinaus mit dir, Hauptmann!«

»Du Weibsbild! Christian Bergh Krähen zu bieten! Handelte ich gegen dich, wie du es von Gottes und Rechts wegen verdienst, so nähme ich dich mitsamt deinen sieben Teufeln ...«

»Bei allen Teufeln, Christian Bergh, untersteh dich nicht zu fluchen -- hier darf nur ich allein fluchen.«

»Glaubst du, daß ich mich vor dir fürchte, du Hexe? Glaubst du, daß ich nicht weiß, woher du deine sieben Besitztümer hast?«

»Schweige, Hauptmann!«

»Als Altringer starb, gab er sie deinem Mann, weil du seine Liebste gewesen warst.«

»Schweig, sage ich dir!«

»Weil du eine so treue Gattin gewesen warst, Margarete Samzelius. Und der Major nahm die sieben Güter ruhig an und überließ dir die Verwaltung und tat, als wisse er von nichts. Und der Teufel hat die ganze Geschichte angezettelt. Jetzt aber soll es ein Ende haben mit dir!«

Die Majorin setzt sich, sie ist bleich, sie zittert am ganzen Leibe. Dann bestätigt sie seine Worte mit einer sonderbar leisen Stimme: »Ja, jetzt ist es aus mit mir, und das ist dein Werk, Christian Bergh!«

Bei dem Ton erbebt der starke Hauptmann; seine Züge verzerren sich, Tränen der Angst treten ihm in die Augen.

»Ich bin betrunken!« ruft er. »Ich weiß nicht, was ich sage, ich habe nichts gesagt. Hund und Sklave, Hund und Sklave und nichts weiter bin ich in diesen vierzig Jahren für sie gewesen. Sie ist Margarete Celsing, der ich mein ganzes Leben lang gedient habe. Ich sage nichts Böses von ihr. Sollte ich etwas über die schöne Margarete Celsing sagen? Ich bin der Hund, der ihre Tür bewacht, der Sklave, der ihre Lasten trägt. Sie kann mich schlagen, mich mit Füßen stoßen, aber ihr seht ja, daß ich schweige und leide. Ich habe sie vierzig Jahre lang geliebt. Wie sollte ich wohl etwas Schlechtes von ihr sagen!«

Und ein wunderlicher Anblick ist es, wie er sich ihr zu Füßen wirft und um Verzeihung bittet, und da sie an dem andern Ende des Tisches sitzt, geht er auf seinen Knien um den Tisch herum, bis er zu ihr gelangt; da beugt er sich herab, küßt den Saum ihres Gewandes und benetzt den Fußboden mit seinen Tränen.

Aber nicht weit von der Majorin sitzt ein kleiner, wohlbeleibter Mann. Er hat krauses Haar, kleine, schielende Augen und einen vorstehenden Unterkiefer. Er gleicht einem Bären. Ein wortkarger Mann ist er, er geht am liebsten seine eigenen Wege und kümmert sich nicht um die Welt und ihr Treiben. Das ist Major Samzelius.

Er erhebt sich, als er Hauptmann Christians letzte Worte hört, und die Majorin erhebt sich, und alle die fünfzig Gäste tun ein gleiches. Die Frauen weinen aus Angst vor dem, was da kommen wird. Die Männer stehen verzagt da, und zu den Füßen der Majorin liegt Hauptmann Christian und küßt den Saum ihres Gewandes, während seine Tränen den Fußboden netzen.

Die breite, behaarte Hand des Majors ballt sich langsam, er erhebt den Arm.

Sie aber redet zuerst. Es ist ein dumpfer Klang in ihrer Stimme, der ihr sonst fremd ist.

»Du hast mich gestohlen!« ruft sie aus. »Du kamst wie ein Räuber und nahmst mich. Daheim zwang man mich mit Hieben und Schlägen, mit Hunger und bösen Worten, dein Weib zu werden. Ich habe gegen dich gehandelt, wie du es verdienst.«

Die breite Faust des Majors hat sich geballt. Die Majorin zieht sich einen Schritt zurück. Dann spricht sie weiter: »Ein lebender Aal windet sich unter dem Messer, eine zur Ehe gezwungene Gattin schafft sich einen Liebhaber an. Willst du mich für das schlagen, was vor zwanzig Jahren geschah? Weshalb schlugst du mich damals nicht? Weißt du nicht mehr, daß er auf Ekeby wohnte und wir auf Sjö? Hast du vergessen, wie er uns aus unserer Armut half? Wir fuhren in seinem Wagen, wir tranken seinen Wein. Haben wir dir etwas verheimlicht? Waren nicht seine Diener unsere Diener? Füllte sein Gold nicht deine Taschen? Nahmst du die sieben Besitzungen nicht an? Damals hast du geschwiegen und alles angenommen; da hättest du dreinschlagen sollen, Berndt Samzelius, da hättest du dreinschlagen sollen!«

Der Mann wendet sich von ihr ab und sieht alle Anwesenden an. Er liest auf ihren Gesichtern, daß sie ihr recht geben, daß sie alle geglaubt haben, er habe Geld und Gut für sein Schweigen genommen.

»Ich wußte es nicht!« sagt er und stampft auf den Fußboden.

»Ein Glück, daß du es jetzt weißt!« unterbricht sie ihn mit schneidender Stimme. »Ich fürchtete, du würdest sterben, ohne es erfahren zu haben. Ein Glück, daß du es jetzt weißt, da kann ich offen mit dir reden, der du mein Herr und mein Gefängniswächter gewesen bist. So wisse denn, daß ich ihm doch angehört habe, dem du mich gestohlen hast. Alle, die mich verklatscht haben, sollen es wissen!«

Es ist die alte Liebe, die in ihrer Stimme jubelt, die aus ihren Augen strahlt. Sie sieht ihren Mann mit erhobener, geballter Faust vor sich stehen. Entsetzen und Verachtung liest sie auf den fünfzig Gesichtern vor sich. Sie fühlt, daß dies die letzte Stunde ihrer Macht ist. Aber sie kann nicht umhin, sich zu freuen, daß sie offen von den schönsten Erinnerungen ihres Lebens reden darf.

»Er war ein Mann, ein herrlicher Mann! Wer warst du, daß du dich zwischen uns stellen durftest? Nie habe ich seinesgleichen gesehen. Er schenkte mir Glück, er schenkte mir Hab und Gut. Gesegnet sei sein Andenken!«

Da senkt der Major den erhobenen Arm, ohne zuzuschlagen -- jetzt weiß er, wie er sie strafen soll.

»Hinaus!« brüllt er, »hinaus aus meinem Haus!«

Sie regt sich nicht.

Die Kavaliere aber stehen mit bleichen Gesichtern da und starren einander an. Jetzt ging ja alles in Erfüllung, was der Schwarze geweissagt hatte. Jetzt sahen sie die Folge davon, daß der Kontrakt der Majorin nicht erneut war. Wenn dies wahr ist, so ist es wohl auch wahr, daß sie seit mehr denn zwanzig Jahren Kavaliere in die Hölle hinabgesandt hat, daß auch sie zu dieser Reise bestimmt gewesen sind. O diese Hexe!

»Hinaus mit dir!« wiederholte der Major. »Erbettle dir dein Brot auf der Landstraße. Du sollst keine Freude mehr von seinem Geld haben, du sollst nicht auf seinen Gütern wohnen. Jetzt ist es aus mit der Majorin auf Ekeby. An dem Tage, wo du deinen Fuß in mein Haus setzt, schlage ich dich tot!«

»Verjagst du mich aus meinem Heim?«

»Du hast kein Heim! Ekeby gehört mir!«

Da kommt ein Geist der Verzagtheit über die Majorin. Sie weicht zurück bis an die Tür, und er folgt ihr auf den Fersen.

»Du, der du das Unglück meines Lebens gewesen bist,« klagt sie, »sollst du nun auch Macht haben, mir dies anzutun?«

»Hinaus, hinaus mit dir!«

Sie lehnt sich gegen den Türpfosten, faltet die Hände und hält sie vor das Gesicht. Sie denkt an ihre Mutter und murmelt vor sich hin: »Möchtest du verleugnet werden, wie ich verleugnet worden bin. Möge die Landstraße dein Heim, der Graben dein Bett, der Kohlenmeiler deine Feuerstätte sein. So sollte es also doch geschehen, so sollte es also doch geschehen!«

Der gute alte Pfarrer aus Bro und der Landrichter aus Munkerud traten nun an den Major heran und versuchten, ihn zu beruhigen. Sie sagten ihm, daß er am besten daran tue, wenn er alle diese alten Geschichten ruhen lasse, wenn er alles beim alten ließe, vergessen und vergeben. Er aber schüttelt die sanften Hände von seinen Schultern ab. Es ist gefährlich, sich ihm zu nahen, so wie vorhin Christian Bergh.

»Das ist keine alte Geschichte!« ruft er. »Ich habe bis zum heutigen Tag nichts gewußt. Ich habe die Ehebrecherin bisher nicht strafen können.«

Bei diesem Wort richtet die Majorin den Kopf in die Höhe, ihr alter Mut kehrt wieder.

»Du sollst vor mir aus dem Hause hinaus! Glaubst du, daß ich dir weiche?« sagte sie. Und sie tritt von der Tür zurück.

Der Major antwortet nicht, aber er verfolgt eine jede ihrer Bewegungen mit den Augen, bereit zuzuschlagen, wenn er sie nicht auf andere Weise los werden kann.

»Helft mir, ihr guten Herren,« ruft sie, »damit wir den Mann binden und hinausschaffen können, bis er seine Vernunft wiedererlangt hat! Bedenkt, wer er ist, und wer ich bin! Bedenkt das, ehe ich ihm weichen muß! Ich verwalte die ganze Wirtschaft auf Ekeby, und er sitzt den ganzen Tag in der Bärengrube und füttert die Bären. Helft mir, ihr guten Freunde und Nachbarn! Hier wird ein Elend ohnegleichen entstehen, wenn ich nicht mehr hier bin. Der Bauer hat seine Nahrung und Behausung davon, daß er mir Holz im Walde fällt, daß er Erz für mich fährt. Der Köhler lebt davon, daß er mir Kohlen schafft, und der Flößer davon, daß er mein Holz stromabwärts führt. Ich teile alle diese wohlstandverbreitende Arbeit aus. Glaubt ihr, daß der da mein Werk aufrechterhalten kann? Ich sage euch, wenn ihr mich fortjagt, öffnet ihr der Hungersnot das Tor!«

Abermals erhoben sich eine Menge Hände, um der Majorin zu helfen, abermals legen sich milde Hände überredend auf die Schultern des Majors.

»Nein,« sagt er, »weg mit euch! Wer will die Ehebrecherin verteidigen? Ich sage euch, wenn sie nicht gutwillig geht, so nehme ich sie auf meine Arme und trage sie hinab zu meinen Bären.«

Bei diesen Worten sinken die erhobenen Hände wieder herab.

Da, in ihrer äußersten Not, wendet sich die Majorin an die Kavaliere.

»Wollt auch ihr ruhig zusehen, daß ich aus meinem Hause verjagt werde, Kavaliere? Habe ich euch des Winters im Schnee frieren lassen, habe ich euch starkes Bier und süßen Branntwein versagt? Habe ich Lohn oder Arbeit von euch angenommen, weil ich euch Kleidung und Nahrung gab? War't ihr nicht geborgen bei mir, wie die Kinder bei der Mutter? Sind nicht Munterkeit und Freude euer tägliches Brot gewesen? Laßt nicht diesen Mann, der das Unglück meines Lebens gewesen ist, mich aus meinem Hause verjagen, Kavaliere! Laßt mich nicht zur Bettlerin auf der Landstraße werden.«

Gösta Berling beugt sich zu einem schönen, dunkelhaarigen Mädchen hinab, das an dem großen Tisch gesessen hat. »Du verkehrtest vor fünf Jahren viel auf Borg, Anna,« sagt er. »Weißt du, ob die Majorin Ebba erzählt hat, daß ich ein abgesetzter Pfarrer bin?«

»Hilf der Majorin, Gösta!« antwortet sie ihm.

»Du wirst begreifen, daß ich erst Klarheit darüber haben muß, ob sie mich zum Mörder gemacht hat.«

»Ach, Gösta, was sind das für Gedanken! So hilf ihr doch!«

»Ich merke schon, du willst nicht antworten. Dann hat Sintram doch die Wahrheit geredet.« Und Gösta kehrt zu den Kavalieren zurück. Er rührt keinen Finger, um der Majorin zu helfen.

Ach, hätte doch die Majorin die Kavaliere nicht an einen Tisch für sich in die Ecke gesetzt! Jetzt sind die Gedanken der Nacht in ihren Gehirnen erwacht, jetzt funkelt in ihren Augen ein Zorn, der nicht geringer ist als der des Majors. Muß nicht alles, was sie sehen, die nächtlichen Gesichte bestätigen?

»Es ist sehr wohl zu merken, daß ihr Kontrakt nicht erneuert wurde«, murmeln sie.

Nein, von dieser murrenden, drohenden Kavalierschar hat die Majorin keine Hilfe zu erwarten.

So weicht sie denn wieder zurück bis an die Tür und hebt die gefalteten Hände vors Gesicht.

»Mögest du verleugnet werden, wie ich verleugnet worden bin!« ruft sie sich selber in bitterem Schmerz zu. »Möge die Landstraße dein Heim, der Graben dein Bett werden!«