Gösta Berling: Erzählungen aus dem alten Wermland
Chapter 37
Die Majorin richtete sich im Bette auf. »Alles Glück verlangt Ihr für Euch«, rief sie und drohte mit der geballten Faust, »alles Glück und allen Segen. Nein, die Kavaliere sollen Ekeby haben, damit sie zugrunde gehen. Mann und Weib sollen voneinander getrennt werden, damit sie zugrunde gehen. Eine Hexe, eine Zauberin bin ich, und ich will Euch zu allem Bösen anstacheln. So wie mein Ruf ist, so will ich auch sein!«
Sie nahm den Brief und schleuderte ihn Gösta ins Gesicht. Das schwarze Papier flatterte zur Erde. Gösta kannte es sehr wohl.
»Du hast dich gegen mich versündigt, Gösta. Du hast die verkannt, die dir eine zweite Mutter gewesen ist. Wagst du es, dich zu weigern, deine Strafe aus meiner Hand hinzunehmen? Du sollst Ekeby annehmen, und es soll dein Verderben werden, denn du bist schwach. Du sollst deine Frau nach Hause senden, daß du niemand hast, der dich erretten kann. Du sollst mit einem Namen sterben, der ebenso verhaßt ist wie der meine. Von Margarete Celsing wird es nach ihrem Tode heißen, daß sie eine Hexe, eine Zauberin war, von dir soll es heißen: er war ein Verschwender, ein Bauernschinder!«
Sie sank in ihre Kissen zurück, und alles ward still. Da erklang durch die Stille der Nacht ein dumpfer Schlag, dann folgte ein zweiter und ein dritter. Der Stangeneisenhammer hatte sein dröhnendes Werk begonnen.
»Horch!« sagte Gösta Berling. »So klingt Margarete Celsings Nachruhm! Das sind nicht die Scherze betrunkener Kavaliere. Es ist die Siegeshymne der Arbeit, die zu Ehren einer alten, treuen Arbeiterin angestimmt wird. Dank! sagt sie, Dank für gute Arbeit, Dank für das Brot, das du den Armen gegeben, Dank für die Wege, die du gebahnt, Dank für die Wohnungen, die du gebaut, Dank für die Freude, der du deine Säle geöffnet hast! -- Dank, sagt sie, ruhe in Frieden, dein Werk soll leben und bestehen. Dein Heim soll stets eine Freistätte für die glückbringende Arbeit sein! -- Dank! sagt sie, und verurteile uns nicht, die wir geirrt haben Du, die du jetzt die Reise in das Heim des Friedens antrittst, gedenke unser, die wir noch leben, mit milden Gedanken.«
Gösta schwieg. Der Hammer aber fuhr fort zu reden. Alle Stimmen, die gut und liebevoll mit der Majorin geredet hatten, vermischten sich mit dem Hammerklang. Nach und nach wich die Spannung aus ihren Zügen; sie erschlafften, und es war, als breite der Tod seine Schatten über sie aus.
Anna Lisa trat ein und meldete, daß die Herren aus Högfors da seien. Die Majorin schickte sie fort; sie wollte kein Testament machen.
»Gösta Berling, du Mann der Tat, so hast du also noch einmal gesiegt. Neige dich zu mir herab, damit ich dich segnen kann.«
Das Fieber kehrte mit verdoppelter Gewalt zurück. Der Todeskampf begann. Der Körper hatte noch schwere Leiden durchzukämpfen, die Seele aber wußte gar bald nichts mehr davon. Sie begann in die Himmel zu schauen, die sich den Sterbenden öffnen.
So verging eine Stunde, dann war der schwere Todeskampf beendet. Da lag sie so friedlich und schön, daß die Umstehenden tiefbewegt waren.
»Meine liebe alte Majorin,« sagte Gösta Berling, »so habe ich dich schon einmal gesehen. Jetzt ist Margarete Celsing wieder ins Leben zurückgekehrt. Jetzt soll sie der Majorin von Ekeby nie wieder weichen.«
* * * * *
Als die Kavaliere aus der Schmiede zurückkehrten, vernahmen sie die Kunde vom Tode der Majorin.
»Hörte sie den Hammer?« fragten sie. Den hat sie gehört, und damit mußten sie sich begnügen.
Sie erfuhren später, daß sie die Absicht gehabt hatte, ihnen Ekeby zu vermachen, daß aber das Testament niemals geschrieben wurde. Das betrachteten sie als große Ehre und taten sich bis an ihr Lebensende etwas darauf zugute. Niemand aber hörte sie jemals über die Reichtümer klagen, die ihnen verloren gegangen waren.
Man erzählt auch, daß Gösta Berling in dieser Christnacht an der Seite seiner jungen Gattin stand und seine letzte Rede an die Kavaliere hielt. Er war betrübt über ihr Schicksal, da sie nun alle aus Ekeby fort mußten. Die Gebrechen des Alters harrten ihrer. Wer alt und griesgrämig ist, dem wird nur ein kühler Empfang zuteil, wohin er auch kommen mag. Der arme Kavalier, der sich bei Bauern in Kost geben muß, hat keine frohen Tage: von Freunden und Abenteuern getrennt, welkt er in Einsamkeit dahin.
So sprach er zu ihnen, den Sorglosen, die der Wechsel des Glückes abgehärtet hatte. Noch einmal nannte er sie alte Götter und Rittersleute, die gekommen waren, um Freude einzuführen in das Eisenland und in die eiserne Zeit. Aber er klagte, daß der Garten, in dem die schmetterlingbeschwingte Freude schwärmt, von den zerstörenden Larven heimgesucht werde, so daß ihre Früchte zugrunde gehen.
Wohl wisse er, daß die Freude ein kostbares Gut sei für die Kinder dieser Erde und daß sie unentbehrlich wäre. Aber gleich einem schweren Rätsel laste stets die Frage auf der Welt, wie der Mensch gut und glücklich zugleich sein könne. Das sei das Leichteste und zugleich das Schwerste in der Welt, sagte er. Auch sie hätten dies Rätsel bisher nicht lösen können. Jetzt aber glaubte er, daß sie es gelernt hätten, die Lösung zu finden, daß sie alle es gelernt hätten in diesem Jahre der Freude und der Not, des Glückes und der Sorgen!
* * * * *
Ach, ihr guten Herren Kavaliere, auch für mich liegt die Bitterkeit des Abschiedes über diesem Augenblick! Es ist die letzte Nacht, die wir zusammen durchwacht haben. Ich soll das muntere Lachen und die fröhlichen Lieder nicht mehr hören. Ich soll mich jetzt von Euch trennen und von all den anderen fröhlichen Menschen an den Ufern des Löfsees.
Ihr lieben Alten! Ihr habt mir in früheren Zeiten gute Gaben gespendet. Ihr kommt zu den Einsamwohnenden mit der Botschaft von den reichen Wechselfällen des Lebens. Ich sah euch mächtige Ragnarok-Kämpfe ausfechten an den Ufern des Sees meiner Kindheit. Was aber habe ich euch gegeben?
Vielleicht wird es euch doch freuen, daß eure Namen zusammen mit denen der lieben Besitztümer genannt werden. Möchte all der Glanz, der über euer Leben ausgegossen war, auf die Gegend zurückfallen, wo ihr gelebt habt! Noch steht Borg, noch steht Björne, noch liegt Ekeby am Löfsee, herrlich umkränzt von Gießbach und See, von Park und lächelnden Waldwiesen, und wenn man auf den breiten Altanen steht, umschwärmen einen die Sagen wie die Bienen des Sommers.
Aber da wir doch von Bienen sprechen, so laßt mich noch eine kleine Geschichte erzählen. Der kleine Ruster, der als Trommelschläger an der Spitze der schwedischen Armee einherging, als sie im Jahre 1813 in Deutschland einrückte, konnte seither nie müde werden, von dem wunderlichen Land dort im Süden zu erzählen. Die Menschen seien so groß wie Kirchtürme, die Schwalben so groß wie Adler, die Bienen wie Gänse.
»Aber dann die Bienenkörbe?«
»Die Bienenkörbe waren wie gewöhnliche Bienenkörbe.«
»Wie konnten denn die Bienen da hineinkommen?«
»Ja, das war ihre Sache«, antwortete dann der kleine Ruster.
Lieber Leser, darf ich nicht dasselbe sagen? Hier haben uns nun die Riesenbienen der Phantasie seit Jahr und Tag umschwärmt, aber wie sie in den Bienenkorb der Wirklichkeit hineinkommen sollen -- ja, das muß wahrlich ihre Sache sein.
_Inhalt_
_Einleitung_ 1
Der Pfarrer 2 Der Bettler 13
_Gösta Berlings Sage._
Die Landschaft 32 Die Christnacht 37 Das Weihnachtsfestmahl 54 Gösta Berling, der Poet 68 =La cachucha= 85 Der Ball auf Ekeby 90 Die alten Gefährten 114 Der große Bär auf dem Gurlita-Berge 134 Die Auktion auf Björne 153 Die junge Gräfin 188 Gespenstergeschichten 219 Ebba Dohnas Geschichte 235 Mamsell Marie 262 Vetter Kristoffer 275 Lebenswege 282 Buße 301 Das Ekebyer Eisen 315 Liliencronas Heimat 332 Die Hexe vom Hochgebirge 339 Hochsommer 346 Frau Musika 352 Der Pfarrer von Broby 362 Patron Julius 370 Die tönernen Heiligen 379 Gottes Gesandter 389 Der Kirchhof 406 Alte Lieder 412 Der Tod, der Befreier 426 Die Dürre 437 Des Kindes Mutter 454 =Amor vincit omnia= 466 Das Mädchen aus Nygaard 474 Kevenhüller 494 Der Markt zu Broby 511 Der Schatz des Pfarrers von Broby 522 Margarete Celsing 548
Ins Deutsche übertragen von Mathilde Mann
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Druck der Spamerschen Buchdruckerei zu Leipzig
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Anmerkungen zur Transkription:
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Formatierung:
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Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen:
Seite 15: Ja, nun ist guter Rat teuer Anführungszeichen vor Ja ergänzt -> »Ja, nun ist guter Rat teuer
Seite 27: »Vergib mir, »sagte er, »aber ich kann nicht!« -> »Vergib mir«, sagte er, »aber ich kann nicht!« (Anführungszeichen berichtigt)
Seite 132: Sie überwand ihre Ermattung, eilte dem Major vorauf 'vorauf' -> 'voraus'
Seite 143: 'Bobyer' Hügeln -> 'Brobyer' Hügeln
Seite 166: »Wirst du nicht böse, wenn ich dich frage? sagte sie. --> »Wirst du nicht böse, wenn ich dich frage?« sagte sie. (« ergänzt)
Seite 207: Und so wird der Machtlose tiefer und tiefer hinabgezogen.« -> schließendes Anführungszeichen ergänzt
Seite 210: Die Gräfin hatte sicher gedacht; daß die Kavaliere gedacht; -> gedacht, Semikolon durch Komma ersetzt
Seite 213: 'Man sagt mir nach, daß ich -> »Man sagt mir nach, daß ich einfaches Anführungszeichen durch doppeltes Anführungszeichen ersetzt
Seite 220: aber es kommt niemand -- es und -> aber es kommt niemand -- es sind 'und' durch 'sind' ersetzt
Seite 243: Gräfin 'Marta' -> Gräfin 'Märta'
Seite 275: Aber nun ward Grafin Märta ebenfalls zornig. Grafin -> Gräfin
Seite 275: Das war eine große Genugtung für Mamsell Marie. 'Genugtung' -> 'Genugtuung'
Seite 309: Wehe ihr, welche Tempel schändung begeht sie! 'Tempel schändung' -> 'Tempelschändung'
Seite 320: 'übriggegeblieben' -> 'übriggeblieben'
Seite 322: 'vertaüet' -> 'vertäuet'
Seite 348: Maienbaume mit Blumen und grünen Kränzen 'Maienbaume' -> 'Maienbäume'
Seite 348: 'niedergegetreten' -> 'niedergetreten'
Seite 371: Leben voll Glück und Freude! Von alledem zu scheiden war der Tod. -> Punkt nach 'Tod' ergänzt
Seite 373: 'vor' tiefer Wehmut ergriffen -> 'von' tiefer Wehmut ergriffen
Seite 398: als begehrlicher Geizhalz 'Geizhalz' -> 'Geizhals'
Seite 399: von ihrem Gattin zu reden 'Gattin' -> 'Gatten'
Seite 405: wenn die Mühle 'dir' -> 'die' Körner zu Mehl zermahlt
Seite 413: »Glaube nicht dem Lachen,« sagten sie, »Siehe, die Komma nach 'sie' durch Punkt ersetzt
Seite 414: »Siehe,« sagte Mariane, »da geht nun ein Herz 'Mariane' -> 'Marianne'
Seite 418: Nie aber mürde sie den Monat vergessen 'mürde' -> 'würde'
Seite 422: Das taten sie jetzt immer -> Das taten sie jetzt immer. Punkt nach 'immer' ergänzt
Seite 478: um eine Irrsinnige 'zufinden' -> 'zu finden'
Seite 520: Hauptmann Lenart liegt noch immer bewußtlos auf dem Bett. 'Lenart' -> 'Lennart'
Seite 530: »Wast hast du zu rächen? 'Wast' -> 'Was'
Seite 531: ... dann alles unter die Armen austeilen?' -> austeilen?« einfaches Anführungszeichen durch doppeltes Anführungszeichen ersetzt
Seiten 131 und 471: 'Christian' erscheint hier als 'Kristian' -> keine Änderung gegenüber dem Orignaltext vorgenommen