Gösta Berling: Erzählungen aus dem alten Wermland

Chapter 34

Chapter 343,874 wordsPublic domain

Der Marktplatz wird beinahe leer; alle geben Hauptmann Lennart das Geleite nach Helgesäter. Man muß ja dafür sorgen, daß er nach Hause kommt. All das Notwendige, das durchaus gekauft werden sollte, muß unterbleiben; die Jahrmarktsgeschenke für die Kleinen daheim werden vergessen, das Gesangbuch wird nicht gekauft, das seidene Tuch, das die Begier des Mädchens erregte, bleibt auf dem Budentisch liegen. Alle müssen mit und sehen, daß Hauptmann Lennart gut nach Hause kommt.

Als der Zug Helgesäter erreicht, ist es dort leer und öde. Wieder donnern die Fäuste des Obersten an der geschlossenen Tür. Alle Dienstboten sind auf dem Markt; die Hausfrau allein ist daheim geblieben und hütet das Haus. Sie öffnet auch heute.

Und wie schon einmal zuvor, so fragt sie auch heute: »Was wollt Ihr?«

Worauf der Oberst, wie schon einmal zuvor, antwortet: »Wir sind hier mit deinem Gatten.«

Sie schaut ihn an, der steif und besonnen dasteht wie immer. Sie schaut die Träger hinter ihm an, die weinen, und die ganze Menschenmenge dahinter. Sie steht dort auf der Treppe und schaut in Hunderte von weinenden Augen, die sie betrübt anstarren. Endlich schaut sie den Mann an, der ausgestreckt auf der Bahre ruht, und sie preßt die Hand gegen das Herz.

»Das ist sein wahres Gesicht!« murmelt sie.

Ohne weiter zu fragen, beugt sie sich nieder, schiebt den Riegel zurück, schlägt die Türen weit auf und geht vor den andern her ins Schlafgemach.

Mit Hilfe des Obersten zieht sie das zusammengeschobene Doppelbett auseinander und schüttelt die Betten auf, und dann wird Hauptmann Lennart wieder auf weiche Daunen und weißes Leinen gelegt.

»Lebt er?« fragt sie.

»Ja,« antwortet der Oberst.

»Ist Hoffnung vorhanden?«

»Nein, es ist nichts dabei zu machen.«

Eine Weile herrscht tiefes Schweigen, dann fragt sie plötzlich: »Weinen alle diese Menschen um seinetwillen?«

»Ja.«

»Was hat er denn getan?«

»Das letzte, was er tat, war, daß er sich von dem starken Måns totschlagen ließ, um Kinder und Frauen vor dem sichern Untergang zu retten.«

Sie sitzt eine Weile schweigend da und sinnt.

»Was für ein Gesicht hatte er doch nur, Oberst, als er vor zwei Monaten nach Hause kam?«

Der Oberst zuckt zusammen. Erst jetzt versteht er den ganzen Zusammenhang!

»Gösta hatte ihn ja angemalt!«

»Also um eines Kavalierstreichs willen habe ich ihm mein Haus verschlossen? Wie wollt Ihr das verantworten, Oberst?«

Beerencreutz zuckte die breiten Achseln: »Ich habe wohl mehr auf dem Gewissen, weswegen ich mich verantworten muß.«

»Dies ist sicher das Schlimmste, was du getan hast!«

»Dann habe ich auch niemals einen schlimmeren Gang getan, als heute hierher nach Helgesäter. Übrigens sind noch zwei andere schuld daran.«

»Und wer denn?«

»Sintram ist der eine, die andere bist du selber, Cousine. Du bist eine strenge Frau. Ich weiß, daß mehr als einer den Versuch gemacht hat, mit dir über deinen Mann zu reden.«

»Das ist wahr!« erwidert sie. Und dann bittet sie ihn, von dem Trinkgelage in Broby zu erzählen.

Er erzählt alles, so gut er sich dessen entsinnen kann, und sie lauscht schweigend. Hauptmann Lennart liegt noch immer bewußtlos auf dem Bett. Das Zimmer ist ganz angefüllt mit weinenden Menschen; niemand denkt daran, diese betrübte Schar hinauszuwerfen. Alle Türen sind weit geöffnet, alle Zimmer, Treppen und Gänge sind voll schweigender, bekümmerter Menschen -- bis weit auf den Hof hinaus stehen sie in dichten Scharen.

Als der Oberst seine Erzählung beendet hat, sagt die Frau des Hauptmanns mit erhobener Stimme: »Falls sich einer der Kavaliere hier im Zimmer befindet, bitte ich ihn, hinauszugehen. Es ist schwer für mich, einen Kavalier hier an dem Sterbebett meines Mannes zu sehen.«

Ohne ein Wort zu sagen, steht der Oberst auf und geht hinaus. Dasselbe tun Gösta Berling und noch ein paar Kavaliere, die Hauptmann Lennart das Geleite gegeben haben. Die Leute weichen scheu zur Seite vor dieser kleinen Schar gedemütigter Männer.

Als sie fort sind, sagt Frau Lennart: »Will jemand von denen, die meinen Mann während dieser Monate gesehen haben, mir sagen, wo er sich aufgehalten und was er vorgenommen hat?«

Und nun fangen die da drinnen an, vor Hauptmann Lennarts Frau Zeugnis abzulegen über ihn, vor ihr, die ihn verkannt und die ihr Herz in Strenge gegen ihn verhärtet hat. Jetzt ertönt die Sprache der alten Hymnen. Männer, die nie ein anderes Buch gelesen haben als die Bibel, fangen an zu reden. In Bildern, die sie Hiobs Buch entleihen, in Wendungen aus den Zeiten der Patriarchen reden sie von dem Gesandten Gottes, der umherging und allem Volk half.

Es währt lange, bis sie ausgeredet haben. Während die Dunkelheit hereinbricht und der Abend kommt, stehen sie da und reden; einer nach dem andern tritt vor und erzählt der Frau, die seinen Namen nicht hat nennen hören wollen, von ihm.

Da sind Leute, die erzählen, daß er sie auf dem Krankenbett gefunden und geheilt hat. Da sind wilde Raufbolde, die er gezähmt hat. Da sind Trunkenbolde, die er zur Mäßigung gezwungen, Betrübte, denen er Trost gespendet hat. Jeder, der in grenzenloser Not gewesen ist, hat sich an Gottes Gesandten gewendet, und er hat ihnen helfen können; wenigstens ist er imstande gewesen, Trost und Hoffnung in ihre Herzen zu gießen.

Den ganzen Abend ertönt die Sprache der alten Hymnen im Krankenzimmer.

Draußen auf dem Hofplatz stehen die dichten Scharen und warten auf »das Letzte«. Sie wissen, was da drinnen vor sich geht -- was laut am Sterbebette gesprochen wird, geht da draußen als Geflüster von Mund zu Munde. Jeder, der etwas zu sagen hat, drängt sich schweigend durch die Menge. »Hier ist einer, der von ihm zeugen kann«, sagt man und macht ihm Platz. Und sie treten aus der Dunkelheit hervor, legen ihr Zeugnis ab und treten wieder in die Finsternis zurück.

»Was sagt sie jetzt?« fragen die Draußenstehenden. »Was sagt die gestrenge Frau auf Helgesäter?«

»Sie strahlt wie eine Königin, sie lächelt wie eine Braut. Sie hat seinen Lehnstuhl an das Bett gerückt und die Kleider darauf gelegt, die sie ihm eigenhändig gewebt hat.«

Aber dann wird es still unter den Leuten. Niemand sagt es, aber alle wissen es wie mit einem Schlage: »Jetzt stirbt er.«

Hauptmann Lennart schlägt seine Augen auf, er sieht, und er sieht genügend. Er sieht sein Heim und die Volksscharen, seine Frau, die Kinder, die Kleider, und er lächelt. Aber er ist nur erwacht, um zu sterben. Er seufzt einmal röchelnd auf und haucht dann seinen Geist aus.

Da verstummen die Erzählungen. Eine Stimme aber beginnt ein Sterbelied. Alle stimmen mit ein, und von Hunderten von starken Stimmen getragen, erhebt sich der Gesang zu den ewigen Höhen. Das ist der Abschiedsgruß der Erde an die fliehende Seele.

Der Schatz des Pfarrers von Broby

Es herrschte Schweigen im Kavalierflügel. Die krummen Waldhörner, die in Veranlassung des Marktes geputzt und mit neuen grünen Schnüren und Quasten verziert waren, hingen unbenutzt in den Ecken. Die Violinen lagen, in rohe Seide gewickelt, in ihren Kasten, den Bogen zur Seite, das Harz und die Reservesaiten am Kopfkissen. Die Flöten waren nicht aus dem Bade herausgenommen, in dem sie lagen, um dicht zu werden. Die Bellmanslieder ertönten nicht, man hörte kein Scherzen und Lachen. Auf dem großen Tisch, der voll weißer Ringe von den Groggläsern war, stand noch das Tablett, aber niemand mischte den dampfenden Trunk. Beerencreutz saß da und spielte mit den Karten, niemand aber machte Miene, Geld auf den Spielteller zu werfen.

Diese Kavaliere, die zu Wächtern der Freude angestellt waren, glichen jetzt den frierenden Winterfliegen, die in das Dunkel und den Schutz des Ofens kriechen. Es war kalt und einsam um sie her geworden. Gestern war Hauptmann Lennart gestorben, von seinem Sterbebett war Gösta Berling in die Wälder und in die Wildnis hinausgeflüchtet, wie es seine Gewohnheit war, wenn sein Gewissen eine neue, schmerzende Wunde erhalten hatte. Sie wußten, daß er lange fortbleiben würde, vielleicht Wochen, bis die Zeit sein Elend geheilt hatte. Ihre junge Gräfin hielt sich eingeschlossen und wollte niemand von ihnen sehen.

Die Rosen waren verwelkt, die Blätter waren abgefallen, das Gras war gelb geworden. Und die Kavaliere fingen an zu glauben, daß das Leben selber ausgeblüht habe. Örneclou sah plötzlich, daß er alt und häßlich war, Onkel Eberhard hatte sein großes wissenschaftliches Werk abgeschlossen, Patron Julius' Gewissen wollte nicht schlafen, Liliencrona sehnte sich nach Hause.

Und sie fragten sich selber, womit sie es verschuldet hatten, daß der Wein seinen Geschmack verloren, daß das Kartenspiel ihnen keine Freude mehr machte, daß die Musik sie nicht mehr belebte. Weshalb war die Macht der Freude von ihnen gewichen? Welch Verbrechen hatten sie begangen, die armen, elenden Kavaliere?

Da öffnete sich die Tür, und die Tochter des Pfarrers von Broby trat zu den versammelten Kavalieren ein. Sie war eine energische kleine Person, die das ganze Jahr hindurch gegen die liederliche Wirtschaft und die Verschwendung angekämpft hatte. Es war etwas so Strenges, Pflichtgetreues an ihr, daß die Kavaliere stets einen gewissen Respekt vor ihr gehabt hatten, obwohl sie kaum die Kinderschuhe ausgezogen hatte.

»Heute bin ich wieder zu Hause gewesen und habe nach dem Geld meines Vaters gesucht«, sagte sie zu den Kavalieren. »Aber ich habe nichts gefunden. Alle Schuldbeweise sind ausgestrichen, und Schubfächer und Schränke stehen leer.«

»Das ist traurig für Sie, Jungfer«, sagte Beerencreutz.

»Als die Majorin aus Ekeby fortzog,« fuhr die Tochter des Pfarrers von Broby fort, »bat sie mich, acht auf ihr Haus zu geben. Und falls ich nun das Geld meines Vaters gefunden hätte, würde ich es dazu verwendet haben, Ekeby wieder instand zu setzen. Da ich aber nichts anderes fand, nahm ich einige von den Stöcken und Zweigen von meines Vaters Schandhügel mit, denn es harrt meiner große Schande, wenn meine Herrin heimkehrt und mich fragt, was aus Ekeby geworden ist.«

»Nehmen Sie sich doch eine Sache nicht so zu Herzen, an der Sie keine Schuld haben, Jungfer«, entgegnete Beerencreutz.

»Aber ich habe nicht allein für mich Stöcke vom Schandhügel genommen«, sagte das junge Mädchen. »Ich nahm auch einige für die guten Herren mit. Bitte recht sehr, meine Herren! Mein Vater ist nicht der einzige gewesen, der Schmach und Schande in diese Welt gebracht hat.«

Und sie ging von dem einen zum andern und legte vor einen jeden einige der dürren Zweige. Mehrere von den Kavalieren fluchten, die meisten aber ließen sie gewähren. Schließlich sagte Beerencreutz mit der ruhigen Würde eines vornehmen Herrn:

»Es ist gut, Jungfer. Haben Sie Dank! Jetzt können Sie gehen.«

Als sie fort war, schlug er mit der geballten Faust auf den Tisch, so daß die Gläser tanzten. »Von diesem Augenblick an«, sagte er, »trinke ich nie wieder. So etwas soll der Branntwein nicht zum zweitenmal über mich bringen.« Dann erhob er sich und ging hinaus, und tiefes Schweigen lagerte sich wieder über den Kavalierflügel.

Aber vor einem jeden der Kavaliere lagen einige von den Hölzern und Zweigen des Schandhügels. Und von ihnen ging eine Reihe unheimlicher Fragen aus:

Wo ist die Majorin? Was ist aus Ekebys Ehre und Macht geworden? Weshalb ist Gottes Gesandter getötet worden? Wo ist der Reichtum, der ehemals am Löfsee herrschte?

Und es war plötzlich, als ertöne der Kavalierflügel von tausend Stimmen, die alle antworteten. Es war den alten Herren, als säßen sie mitten in einem summenden, stechenden Bienenschwarm. Denn auf alle diese Fragen vernahmen sie stechende, beißende Antworten.

Die Kavaliere haben ihre Wohltäterin vertrieben, die Kavaliere, denen sie ein Heim gab, haben sie heimatlos gemacht. Sie gab ihnen Speisung und Freude, sie gaben ihr Hunger und Sorgen.

Die Kavaliere haben das stolzeste Gut in ganz Wermland ruiniert. Die Kavaliere haben dem Gesandten Gottes sein eigenes Haus verschlossen. Der Raufbold, der ihm das Leben nahm, hat ihm weniger Schaden zugefügt als wir, die wir seine liebste Hoffnung töteten. Die Kavaliere haben die Sorglosigkeit und den Trunk unter den Armen verbreitet, sie haben die ganze Löfseer Harde ruiniert.

Diese Stimmen hatten nicht lange gesummt und gestochen, als ein Kavalier nach dem andern sich erhob und hinausging. Und es traf sich so, daß sie sich nach einer Weile alle unten am Gießbach zusammenfanden, dort, wo die Mühle und die Schmiede gestanden hatten. Überall sah man Spuren der Zerstörung. Der große Hammer ragte aus einem Haufen von Sparren und Brettern hervor, die dicken Ofenmauern standen noch mitten in der Zerstörung, und am Boden sah man noch die große Esse ihren weiten Schlund öffnen.

Und seht nur! In all diesem Wirrwarr ging der Oberst umher und arbeitete, er machte Platz für eine neue Schmiede und eine neue Mühle. Und allmählich, als die anderen kamen, gingen auch sie an die Arbeit. Bald waren sie alle da; sie schleppten Balken fort, brachen Steine auf, gruben und zimmerten. Und bald fingen die Lieder wieder an zu klingen, und Scherzen und Lachen erschallte im Kreise. Wieder waren sie mutig und stark; sie würden Ekeby schon wieder aufrichten. Sie wollten die Majorin heimholen; sobald es möglich war, sollte die Tochter des Pfarrers von Broby zu ihr hinaufreisen. Die Armen am Löfsee sollten wieder Arbeit haben.

Aber der Kontrakt, der schwarze, mit Blut geschriebene Kontrakt aus der Christnacht? Ach -- sie handelten jetzt weit mehr kavaliermäßig als ehedem. Sie arbeiteten, und sie wollten fortfahren zu arbeiten, ihr Lohn aber sollte in Ehre bestehen und nicht in Geld.

Am Sonntagmorgen kam Gösta Berling nach der Brobyer Kirche. Der Gottesdienst hatte bereits begonnen, infolgedessen war es vor der Kirche leer, vor dem Portal aber stand ein in Eile zusammengeschlagener Sarg.

Es ward Gösta Berling schwer, an diesem Sarg vorüberzugehen. Er wußte, daß der gute Hauptmann Lennart darin ruhte, und es war ihm, als wenn er ihm den Weg zur Kirche versperre.

Gösta war einen Tag und zwei Nächte im Walde umhergewankt, er hatte nichts gegessen, war müde, hungrig, erschöpft von Leiden. Jetzt war er gekommen, um die armen Leute in der Kirche zu sehen, denn da droben in der Einsamkeit hatte er an den Tag gedacht, da er am Schandhügel des Pfarrers von Broby gesessen, an die Nacht, da er die finsteren Scharen mit der Leiche des Mädchens von Nygaard hatte fortziehen sehen, da ihn das Verlangen ergriff, der Diener und Freund der Armen zu sein. Jetzt wollte er sie in der Kirche sehen, um Kraft zu sammeln, damit er ihnen dienen könne.

Aber er konnte nicht an Hauptmann Lennarts Sarg vorüberkommen. Es war ihm, als rufe der Tote ihm zu: »Gösta Berling, wie willst du den Armen helfen? Du schleppst noch die Folgen all des Bösen, das du getan, hinter dir her. Vorerst mußt du, müssen alle, die du liebst, die Früchte von dem Unheil ernten, das du gesäet hast.«

Er trat an den Sarg heran und fiel davor auf die Knie. »Hilf mir, der Helfer der Armen zu werden,« sagte er, »hilf mir, daß ich der Geliebten nie wieder Kummer mache.« Und einmal über das andere wiederholte er: »Hilf mir, daß ich fortan keinen Kummer, keine Schande, Not und anderes Elend in diese Welt bringe!«

Da legte sich eine schwere Hand auf Göstas Schulter. Hinter ihm stand Sintram.

»Gösta, willst du jemand einen tüchtigen Streich spielen, so leg dich hin und stirb. Es gibt nichts so Raffiniertes, als zu sterben, nichts, das einem braven Menschen einen ärgeren Strich durch die Rechnung macht, wenn er es am wenigsten ahnt. Leg dich hin und stirb, sage ich dir!«

»Das wäre auch das Beste für mich«, meinte Gösta.

»Vorerst aber ersinne etwas, Gösta, wodurch ich den da im Sarge ärgern kann.«

»Hat er dich angeführt?«

»Freilich hat er das! Sieh mich nur an, mein Junge! Ich bin ein betrogener Mann. Weshalb mußte er sich auch so dumm anstellen und mich zum besten haben, so daß ich an seine Dummheit glaubte, während er schlau genug war, sich gerade im rechten Moment hinzulegen und zu sterben. Aber er soll seinen Lohn haben! Ich reiße Flor und Kränze von seinem Sarge, stoße ihn um und trete mit Füßen darauf.«

»Nicht, so lange ich lebe!« rief Gösta.

Sintram kreuzte die Arme über der Brust und hob den Kopf in die Höhe; es lag etwas von der entsetzlichen Majestät des Bösen über diesem ihrem Diener.

»Es ist mein gutes Recht!« sagte er feierlich. »Es war ein großes Werk, und der Plan war geschickt gelegt; er aber hat ihn zerstört. Es handelte sich um die ganze Löfseer Harde. Hätte ich meinen Willen durchgesetzt, würde die ganze Harde zugrunde gerichtet sein. Worauf habe ich denn sonst dies ganze Jahr hindurch hingearbeitet? Ich habe die Majorin vertrieben. Ich habe Melchior Sinclaire elend gemacht. Ich halte den Schatz des Pfarrers von Broby verborgen. Ich habe die Kavaliere regieren lassen. Und jetzt war das Volk so wild und unglücklich geworden, daß niemand sie daran hindern konnte, sich ins Verderben zu stürzen, niemand, mit Ausnahme dieses Mannes, der sich gerade im rechten Augenblick hinlegte und starb. Sahest du es, mein Junge, sahest du es wohl? Die Bauern rückten gegen die Westgotländer, die Dalekarlier gegen die Bauern vor; hätte es nur eine Sekunde länger gewährt, so wäre der ganze Marktplatz in einen großen Walplatz verwandelt gewesen. Frauen und Kinder wären mit Füßen getreten, die Waren in den Schmutz geworfen worden, Raub und Mord hätten gehaust. Wäre Hauptmann Lennart nicht gestorben, so wäre das alles eingetroffen. Und hinterher wäre dann das Gericht gekommen. Hungersnot, neue Aufstände, Einquartierungen würden sie ausgesogen haben. Die ganze Harde wäre so häßlich, so verrufen, so verhaßt geworden, daß niemand außer dem alten Sintram dort hätte wohnen mögen. Wäre das nicht ein großes Werk gewesen?«

»Aber welchen Zweck sollte dies alles nur haben?«

Sintrams Augen sprühten Blitze, als er antwortete: »Es wäre mir eine Freude gewesen, denn ich bin schlecht. Ich bin der Bär im Gebirge, ich bin der Schneesturm auf der Ebene; meine Lust ist es, zu morden und zu verfolgen. Fort, sage ich, fort mit den Menschen und mit dem Menschenwerk! Ich kann sie nicht leiden. Ich kann sie zwischen meinen Klauen hindurchlaufen und ihre Sprünge machen lassen -- das kann mich eine kleine Weile amüsieren --, aber nun hatte ich das Spiel satt, Gösta, nun wollte ich zuschlagen, jetzt wollte ich zerstören.«

Er wäre wahnsinnig, vollständig wahnsinnig. Er hatte vor langer Zeit zum Scherz mit diesen Höllenkünsten begonnen, jetzt aber hatte die Bosheit Oberhand über ihn gewonnen, jetzt glaubte er selber, daß er einer der Geister der Hölle sei.

Gösta Berling aber, der vor Eifer entbrannte, den Notleidenden zu helfen, war durch seine Worte wie vom Blitz getroffen.

»Weißt du, wo der Schatz des Pfarrers von Broby liegt?« fragte er.

Sintram antwortete mit einem schnellen, lauernden Blick. »Willst du vielleicht der Helfer des Volkes sein, Gösta?«

»Ja«, erwiderte Gösta; er wußte, daß es am besten war, mit einem Manne wie Sintram die Wahrheit zu reden.

Ein Lichtschimmer zuckte über Sintrams Antlitz. »Sieh, sieh!« sagte er, »da will ich den im Sarge ruhig liegenlassen, denn dann weiß ich eine bessere Rache.«

»Was hast du zu rächen? Der beste Freund des Volkes ist tot, und die Not ist ebenso groß wie vorher.«

»Ich sage dir, alles ist verloren. Schau nur dahin! Siehst du? Heute habe ich den Gefängniswagen als Equipage bekommen, und es hat mich viele Tränen gekostet, den Landvogt zu bewegen, daß er draußen hält, während ich ein Gebet am Sarge des frommen Mannes verrichte.«

Und Gösta sah, daß der Gefängniswagen an der Kirchhofsmauer hielt und auf Sintram wartete.

»Ich wollte hierher und mich bei der Frau Hauptmann bedanken, daß sie gestern in alten Papieren nachsuchte, um Beweise gegen mich in der bewußten Pulvergeschichte zu finden, und mir dann die Obrigkeit auf den Hals sandte, gerade als ich mich anschickte, zum Begräbnis dieses guten Mannes zu gehen. Aber ich will den Sarg nicht anrühren, ich kann etwas tun, was noch weit besser ist. -- Hör einmal! Ihr seid wohl jetzt wahre Engel Gottes da oben in Ekeby? Wenn die Tochter des Brobyer Pfarrers ihr Erbe bekommt, wollt ihr und sie dann alles unter die Armen austeilen?«

»Sie will es benutzen, um Ekeby wieder aufzurichten und den Armen zu helfen; das hat sie oft gesagt.«

Sintram lachte vor sich hin. »Du wüßtest wohl für dein Leben gern, wo das Geld steckt, Gösta?«

»Ja, das wüßte ich gern.«

»Willst du mir versprechen, geradeswegs von hier zu der Stelle im Walde zu gehen, wo das Mädchen aus Nygaard sich zu Tode fiel, und dich dort herabstürzen, so will ich dir sagen, wo das Geld ist. Es wäre so schön, wenn du da sterben könntest; dann würden alle sagen, daß deine schrecklichen Gewissensqualen dich in den Tod getrieben hätten.«

»Ich habe gelobt, mir das Leben nicht zu nehmen, so lange Anna Lisa im Dienst der Majorin steht.«

»Gilt nicht!« erwiderte Sintram. »Wenn du ihr das Geld verschaffst, dient sie ja nicht mehr.«

Aber bei Gösta Berling schien nun all das alte und all das neue Sehnen sich zu dem einen zu vereinigen -- sterben zu dürfen. Es war niemals zur Klarheit gekommen zwischen ihm und ihr, die er seine Gattin nannte. Er war glücklich gewesen, daß er ihr dienen durfte wie die anderen Kavaliere, wie es aber werden sollte, wenn ihre Zeit auf Ekeby um war, das wußte er nicht. Er wußte nicht einmal, ob sie zu ihren Eltern zurückkehren oder bei ihm bleiben würde. Eins aber stand fest: er konnte ihr keinen größeren Dienst erweisen, als indem er ihr ihre Freiheit wiedergab, und dazu hatte er jetzt die beste Gelegenheit. Jetzt konnte er alle seine Gewissensqualen loswerden; jetzt konnte er die Wünsche seiner besten Momente erfüllen, er konnte Gott und den Menschen dienen; das alles und weit mehr lag in diesem schönen, herrlichen: sterben zu dürfen.

Er reichte Sintram die Hand, und dieser schlug ein.

»Das Geld liegt im Kirchturm zu Bro, unter den Dielen in der Nähe der Schallöcher«, sagte Sintram. »Sorge nun aber dafür, daß du aus der Welt bist, ehe es Abend wird, denn sonst werde ich es schon so einrichten, daß die Tochter des Pfarrers von Broby ihr Geld selbst behält.«

Jetzt folgte ein schöner Tag für Gösta Berling. Er ging in die Kirche und dachte mit feierlicher Freude daran, daß er sein Leben hingeben wolle, um allen diesen Menschen zu helfen. Er ging in die Sakristei und schrieb eine Bekanntmachung aus, daß die Arbeit in Ekeby wieder aufgenommen werden solle und daß dort Korn an die Armen verteilt werden würde. Und er vernahm das Gemurmel der Freude und des Staunens, das durch die Menge ging, als das Manifest nach dem Gottesdienst verlesen wurde. Er schrieb auch ein paar Worte an seine Gattin und teilte ihr mit, wo der Schatz zu finden sei. Gegen seinen Willen lief die Feder weiter, und er schrieb ihr einige Worte des Abschieds, falls sie einander nie wiedersehen sollten. Er müsse etwas tun, um den Tod des Mädchens aus Nygaard zu sühnen, schrieb er. Sobald er den Brief abgesandt hatte, wunderte er sich, weshalb er das eigentlich geschrieben hatte, und er bereute es.

Die Welt war ihm lange nicht so schön erschienen wie an diesem Tage. Nach dem Gottesdienst sprach er mit Anna Stjärnhök und mit Marianne Sinclaire. Sie baten ihn beide, sich aufzuraffen und ein Mann zu werden. Er erfuhr, daß Anna Stjärnhök sich mit der Arbeit getröstet hatte; sie bewirtschaftete jetzt ihre großen Güter selber, und man sagte von ihr, daß sie eine zweite Majorin werden würde. Er fühlte, daß diese beiden stolzen Frauen unter dem Bewußtsein litten, sich des Mannes schämen zu müssen, den sie geliebt hatten. Jetzt, dachte er, werden sie sich darüber freuen, daß ich mein Leben hingebe, um alle die Armen aus ihrer Not zu erretten, um Ekeby wieder in seinem alten Glanz aufzurichten.