Gösta Berling: Erzählungen aus dem alten Wermland

Chapter 30

Chapter 303,889 wordsPublic domain

Das Kind wog so wenig, daß es sich nicht einmal der Mühe verlohnt, zu sagen, wie wenig es war. Man mußte es in Lammfelle nähen, und es wollte weder essen noch schlafen. Aber es lebte. Niemand wußte, wie es am Leben erhalten wurde, aber leben tat es.

Das Kind war in einer kleinen Bauernhütte östlich vom Klarelf geboren. Des Kindes Mutter war Anfang Juni dahin gekommen und hatte einen Dienst gesucht. Sie habe einen Fehltritt begangen, hatte sie zu den Leuten im Hause gesagt, und ihre Mutter sei so hart gegen sie gewesen, daß sie habe fliehen müssen. Sie nannte sich Elisabeth Karlsdatter, aber sie wollte nicht sagen, woher sie sei, denn dann würden sie natürlich ihre Eltern von ihrem Aufenthaltsort benachrichtigen, und die würden sie zu Tode peinigen, wenn sie sie fänden; davon sei sie überzeugt. Sie verlange keinen Lohn, sie wolle nur Essen und Trinken und ein Dach über dem Haupte haben. Sie könne arbeiten, weben oder spinnen oder die Kühe hüten -- was sie wollten. Wenn man es verlange, könne sie auch für ihren Aufenthalt bezahlen.

Sie war so vorsichtig gewesen, barfuß auf den Hof zu kommen, die Schuhe unterm Arm; sie hatte grobe Hände, sie redete die Sprache der Gegend und trug die Kleidung eines Bauernmädchens. Sie glaubten ihr. Der Hausherr meinte, sie sähe gebrechlich aus, er traute ihrer Arbeitstüchtigkeit nicht recht. Aber irgendwo müsse sie ja bleiben die Ärmste. Und so durfte sie denn dableiben.

Es war etwas an ihr, was bewirkte, daß alle auf dem Hofe freundlich gegen sie waren. Sie war in ein gutes Haus gekommen. Die Menschen dort waren ernsthaft und still. Die Hausfrau hielt große Stücke auf sie, seit sie entdeckt hatte, daß sie Drell weben konnte. Sie lieh einen Drellwebstuhl von der Pröpstin, und des Kindes Mutter hatte den ganzen Sommer am Webstuhl gesessen.

Es fiel niemand ein, daß sie geschont werden müsse: sie mußte die ganze Zeit hindurch wie ein Bauernmädchen arbeiten. Sie war nicht sehr unglücklich. Das Leben unter den Bauern sagte ihr zu, obwohl sie alle Bequemlichkeiten, an die sie gewöhnt war, entbehren mußte. Aber man faßte dort alles ganz ruhig und natürlich auf. Aller Gedanken drehten sich um die Arbeit, und die Tage vergingen so einförmig, daß man sich verrechnen konnte und glauben, man befinde sich mitten in der Woche, wenn der Sonntag kam.

Eines Tages gegen Ende August hatten sie den ganzen Tag Hafer gemäht, und des Kindes Mutter war mit aufs Feld gegangen, um Garben zu binden. Dabei hatte sie sich überanstrengt, und das Kind ward geboren, aber zu früh. Sie hatte es im Oktober erwartet.

Jetzt stand die Bauernfrau mit dem Kinde am Feuer und erwärmte es, denn das arme kleine Wesen fror mitten in der Augustwärme. Des Kindes Mutter lag nebenan in der Kammer und lauschte, was von dem Kleinen gesagt werde. Sie konnte sich vorstellen, wie die Knechte und Mägde hingingen und es in Augenschein nahmen.

»So ein armes, kleines Ding«, sagten sie dann immer, und hinterdrein folgte ohne Ausnahme: »Du armer Kleiner, der du keinen Vater hast!«

Irgend jemand wunderte sich regelmäßig, daß das Kind so rot und runzelig sei, dann aber antwortete ebenso regelmäßig eine andere Stimme, so sähen alle kleinen Kinder aus.

Sie klagten nicht über das Geschrei des Kindes: sie waren ganz davon durchdrungen, daß Kinder schreien müßten, und schließlich, wenn man alles recht erwog, war das Kind ganz kräftig für sein Alter. Es schien alles ganz in Ordnung zu sein, wenn es nur einen Vater gehabt hätte.

Die Mutter lag da und lauschte und wunderte sich. Die Sache erschien ihr plötzlich von großer Wichtigkeit. Wie sollte der arme Kleine, der keinen Vater hatte, durchs Leben kommen?

Sie hatte ihren Plan im voraus gemacht. Sie wollte das erste Jahr auf dem Bauernhof bleiben. Später wollte sie sich ein Zimmer mieten und ihr Brot durch Weben verdienen. Sie wollte selber das Erforderliche verdienen, um das Kind zu ernähren und zu kleiden. Ihr Mann mochte gern glauben, daß sie seiner unwert war. Sie hatte gedacht, daß das Kind vielleicht ein besserer Mensch werden würde, wenn es von ihr allein erzogen wurde, als wenn ein hoffärtiger Vater es leitete.

Jetzt aber, nachdem das Kind geboren war, konnte sie die Sache nicht von diesem Gesichtspunkt auffassen. Sie fand, daß sie selbstsüchtig gehandelt hatte. »Das Kind muß einen Vater haben«, sagte sie zu sich.

Wäre das Kind nicht so ein kleines, jämmerliches Wesen gewesen, hätte es schlafen und essen können wie andere Kinder, hätte sein kleiner Kopf nicht immer auf die eine Seite gehangen, wäre es nicht nahe daran gewesen zu sterben, wenn die Krampfanfälle kamen, so würde die Frage nicht von so überaus großer Wichtigkeit gewesen sein. Aber dies kleine, hilflose Wesen _mußte_ einen Vater haben.

Es war nicht so leicht, sich zu entschließen, aber entschließen mußte sie sich, und zwar sofort. Das Kind war drei Tage alt, und die Bauern in Wermland warten selten länger damit, ihre Kinder zur Taufe zu tragen. Unter welchem Namen sollte nur der Kleine ins Kirchenbuch eingetragen werden, und was wollte der Pfarrer von des Kindes Mutter wissen? Es war doch sicher ein Unrecht gegen das Kind, es als vaterlos einschreiben zu lassen. Es war nun einmal in diese Welt der Leiden gekommen, schien sich aber nur danach zu sehnen, sie wieder zu verlassen. Vielleicht würde es besser gedeihen, wenn es einen Vater bekäme. Wenn nun dies Kind zu einem schwachen, kränklichen Manne heranwuchs, wie konnte sie es da verantworten, es der Vorteile zu berauben, die ihm infolge seiner Geburt und seines Reichtums zukamen?

Des Kindes Mutter wußte ja sehr wohl, daß es ein großes Ereignis und eine große Freude war, wenn ein Kind zur Welt kam. Jetzt erschien es ihr, daß es schwer sein müsse, für diesen Kleinen zu leben, da ihn alle bemitleideten. Sie wollte ihn gern auf Seide und in Spitzen gebettet sehen, wie es sich für einen Grafensohn geziemt. Sie wollte ihn gern von Glanz und Stolz umgeben sehen. Ja, das Kind _mußte_ einen Vater haben!

Des Kindes Mutter fing an zu meinen, daß sie ein zu großes Unrecht gegen seinen Vater begehe. Hatte sie ein Recht, es für sich allein zu behalten? Das konnte sie doch wohl nicht haben. So ein teures kleines Wesen, dessen Wert kein Mensch abzuwägen vermag, sollte sie sich aneignen? Es war gar nicht rechtschaffen von ihr, so zu handeln.

Des Kindes Mutter wollte nicht gern zu ihrem Gatten zurück. Sie war bange, daß es ihr Tod werden würde. Aber der Kleine schwebte in größerer Gefahr als sie. Er konnte jeden Augenblick sterben, und er war nicht getauft.

Das, was sie von Hause fortgetrieben hatte, die große Sünde, die in ihrem Herzen gewohnt hatte, war verschwunden. Jetzt empfand sie keine andere Liebe als für den Kleinen, der keinen Vater hatte. Es war ihr keine schwere Pflicht zu versuchen, ihm einen zu verschaffen.

Des Kindes Mutter ließ den Mann und die Frau im Hause zu sich rufen und sagte ihnen alles. Der Mann fuhr nach Borg, um Graf Dohna zu erzählen, daß seine Frau lebe, und daß ein Kind geboren sei, das einen Vater haben müsse.

Der Bauer kam spät am Abend nach Hause. Er hatte den Grafen nicht getroffen, denn der war verreist, aber er war beim Pfarrer in Svartsjö gewesen und hatte mit ihm über die Sache geredet. Da erfuhr denn die Gräfin, daß ihre Ehe für ungültig erklärt war, und daß sie keinen Mann mehr hatte.

Der Pfarrer schrieb ihr einen freundlichen Brief und bot ihr ein Heim in seinem Hause an. Es ward ihr auch ein Brief von ihrem eigenen Vater an den Grafen Henrik gesandt; der mußte wenige Tage nach ihrer Flucht auf Schloß Borg angekommen sein. Vielleicht hatte gerade dieser Brief, in welchem ihr Vater den Grafen bat, die Legalisierung der Ehe zu beschleunigen, Graf Henrik den leichtesten Weg gezeigt, auf dem er sich seiner Gattin entledigen könne.

Man kann sich wohl vorstellen, daß des Kindes Mutter vor Zorn entflammte, größer aber war doch noch ihr Schmerz, als sie die Erzählung des Bauern hörte. Die Mutter eines kräftigen, schönen Kindes hätte diese Nachricht mit Verachtung hinnehmen und stolz darüber sein können, daß sie das Kind nun ganz allein besaß. Aber die Mutter dieses kleinen, hilflosen Wesens hatte fast ein Gefühl, als hätte sie ihren Mann töten können. Sie besaß keinen Stolz, zu dem sie ihre Zuflucht nehmen konnte.

Die ganze Nacht hindurch floh sie der Schlaf. Das Kind _mußte_ einen Vater haben! Darum kreisten alle ihre Gedanken.

Am nächsten Morgen mußte der Bauer auf ihr Verlangen nach Ekeby fahren und Gösta Berling holen.

Gösta richtete viele Fragen an den schweigsamen Mann, aber er erfuhr nichts. Ja, die Gräfin sei den ganzen Sommer bei ihm im Hause gewesen und habe gearbeitet. Jetzt sei ihr ein Kind geboren. Das Kind sei schwach, die Mutter aber würde bald wieder gesund sein.

Gösta fragte, ob die Gräfin wisse, daß ihre Ehe für ungültig erklärt sei.

Ja, jetzt wisse sie es; gestern habe sie es erfahren.

Auf dem ganzen Wege dahin war Gösta bald in brennendem Fieber, bald überliefen ihn kalte Schauer. Was wollte sie von ihm? Weshalb sandte sie nach ihm?

Er dachte an das Sommerleben da oben am Ufer des Löfsees. Sie hatten die Tage mit Tanz und Spiel und Lustfahrten verbracht, und inzwischen hatte sie gearbeitet und gelitten. Niemals hatte er an die Möglichkeit gedacht, sie wiederzusehen. Ach, hätte er das doch nur hoffen können! Da würde er als besserer Mann vor sie getreten sein. Worauf konnte er jetzt zurückblicken? Auf nichts als auf die gewöhnlichen Torheiten.

Gegen acht Uhr des Abends erreichte er sein Ziel und ward sogleich zu des Kindes Mutter geführt. Es war halb dunkel im Zimmer, er konnte sie kaum sehen, wie sie dalag. Auch der Mann und die Frau kamen herein.

Jetzt darf man nicht vergessen, daß sie, deren weißes Antlitz ihm in der Dämmerung entgegenleuchtete, für ihn stets das Höchste und Reinste war, was er kannte, die schönste Seele, die sich in irdische Gewänder gekleidet hatte. Als er nun wieder den Segen ihrer Nähe empfand, fühlte er das Bedürfnis, sich auf die Knie zu werfen und ihr zu danken, weil sie sich ihm aufs neue offenbarte, aber er war so überwältigt von Bewegung, daß er nichts sagen oder tun konnte.

»Teure Gräfin Elisabeth!« stammelte er nur.

»Guten Abend, Gösta!«

Sie reichte ihm die Hand, die wieder weiß und durchsichtig geworden war. Sie lag schweigend da, während er mit seiner Gemütsbewegung kämpfte.

Des Kindes Mutter wurde nicht von gewaltsam hervorstürmenden Gefühlen erschüttert, als sie Gösta erblickte. Es wunderte sie nur, daß er hauptsächlich an sie zu denken schien, da er ja doch begreifen konnte, daß es sich jetzt ausschließlich um das Kind handelte, das einen Vater haben mußte.

»Gösta,« sagte sie sanft, »jetzt mußt du mir helfen, wie du mir einst gelobtest. Du weißt, daß mein Mann mich verlassen hat, folglich hat mein Kind keinen Vater mehr.«

»Ja, Frau Gräfin, aber die Sache läßt sich doch ändern. Jetzt, wo ein Kind da ist, kann der Graf sicher gezwungen werden, die Ehe zu legalisieren. Sie können sich darauf verlassen, daß ich Ihnen helfen werde, Frau Gräfin.«

Des Kindes Mutter lächelte. »Glaubst du, daß ich mich Graf Dohna aufdrängen will?«

Das Blut strömte Gösta zu Kopf. Was wollte sie denn nur? Was verlangte sie von ihm?

»Komm hierher, Gösta,« sagte sie und reichte ihm wieder ihre Hand. »Du mußt mir nicht böse werden wegen dessen, was ich nun sagen will, aber ich dachte, daß du, der du, der du ...«

»Der ich ein abgesetzter Pfarrer bin, ein Saufbruder, ein Kavalier, Ebba Dohnas Mörder -- ich kenne die ganze Liste meiner Meriten ...«

»Bist du schon jetzt böse, Gösta?«

»Ich möchte am liebsten, daß die Frau Gräfin nicht fortführe.«

Aber des Kindes Mutter fuhr fort: »Mehr als eine, Gösta, würde aus Liebe deine Gattin geworden sein, aber so ist es nicht mit mir. Wenn ich dich liebte, würde ich nicht den Mut haben, so mit dir zu reden, wie ich jetzt rede. Um meiner selbst willen würde ich nicht um so etwas bitten, Gösta, aber siehst du, das Kind muß ja einen Vater haben. Du begreifst wohl schon, um was ich dich bitten will. Es ist allerdings eine große Erniedrigung für dich, weil ich eine unverheiratete Frau bin und ein Kind habe. Ich dachte nicht daran, daß du es wohl tun würdest, weil du geringer bist als andere, obwohl -- ja, ich dachte auch daran. Hauptsächlich aber dachte ich, daß du es wohl tun würdest, weil du so gut bist, Gösta, weil du ein Held bist und dich aufopfern kannst. Aber das ist vielleicht zu viel verlangt. Vielleicht _kann_ ein Mann nicht so viel tun. Wenn du mich zu sehr verachtest, wenn es dir gar zu sehr zuwider ist, als Vater eines andern Kindes genannt zu werden, so sage es nur. Ich will dir nicht zürnen. Ich sehe sehr wohl ein, daß es zu viel verlangt ist, aber das Kind ist krank, Gösta. Es ist so hart, daß man bei seiner Taufe nicht den Namen von seiner Mutter Gatten nennen kann.«

Während er ihr zuhörte, empfand er dasselbe wie damals, als er sie an jenem Frühlingstage an Land setzen und sie ihrem Schicksal überlassen mußte. Jetzt mußte er ihr helfen, ihre Zukunft zu zerstören, ihre ganze Zukunft. Er mußte das tun, er, der sie liebte!

»Ich will alles tun, was Frau Gräfin wünschen!« sagte er.

Am nächsten Tage sprach er mit dem Propst in Bro, denn Svartsjö ist eine Nebenpfarre von Bro, und dort sollte das Aufgebot stattfinden. Der gute alte Propst wurde gerührt und versprach, alle Verantwortung und die Erfüllung aller Formalitäten zu übernehmen.

»Ja,« sagte er, »du mußt ihr helfen, Gösta, das mußt du tun. Sie könnte sonst leicht wahnsinnig werden. Sie glaubt, daß sie dem Kinde einen Schaden zugefügt hat, weil sie seinen Vater nicht hat angeben können. Sie hat ein sehr zartes Gewissen, diese junge Frau.«

»Aber ich weiß, daß ich sie unglücklich machen werde,« rief Gösta aus.

»Das mußt du nicht tun, Gösta! Du mußt ein vernünftiger Mann werden, jetzt, wo du für Frau und Kind zu sorgen hast.«

Der Propst wollte nach Svartsjö hinabfahren und mit dem Pfarrer und dem Amtmann reden. Das Ende vom Liede war, daß am nächsten Sonntag Gösta Berling und Elisabeth von Thurn in der Svartsjöer Kirche aufgeboten wurden.

Dann wurde des Kindes Mutter mit der größten Vorsicht nach Ekeby gefahren, und dort wurde das Kind getauft.

Der Propst sprach mit ihr und sagte ihr, daß sie ihren Entschluß noch rückgängig machen könne. Ehe sie sich mit einem Manne wie Gösta Berling verheirate, müsse sie an ihren Vater schreiben.

»Ich kann es nicht bereuen«, sagte sie. »Denkt doch, wenn mein Kind sterben sollte, ehe es einen Vater bekommen hat!«

Als das Aufgebot zum drittenmal verlesen wurde, war des Kindes Mutter schon mehrere Tage wieder ganz frisch und gesund gewesen. Am Nachmittage kam der Propst und traute sie und Gösta Berling. Niemand aber dachte daran, daß dies eine Hochzeit sei. Es waren keine Gäste geladen. Man verschaffte nur dem Kinde einen Vater, das war das Ganze.

Des Kindes Mutter strahlte in stiller Freude, als wenn sie ein großes Ziel erreicht hätte. Der Bräutigam war betrübt. Er dachte daran, wie sie ihre Zukunft durch die Ehe mit ihm verdarb. Er merkte mit Entsetzen, daß er eigentlich gar nicht für sie existierte. Alle ihre Gedanken waren bei dem Kinde.

Einige Tage darauf wurden des Kindes Vater und Mutter in Trauer versetzt. Das Kind war während eines Krampfanfalls gestorben.

Es wollte manchem scheinen, als wenn des Kindes Mutter nicht so heftig und tief trauere, wie man erwartet hatte. Es lag ein Ausdruck von Triumph über ihr. Es war, als jubele sie, daß sie ihre ganze Zukunft um des Kindes willen zerstört hatte. Wenn der Kleine zu den Engeln hinaufkam, würde er sich doch erinnern, daß er auf Erden eine Mutter gehabt hatte, die ihn liebte.

* * * * *

Dies alles ging still und unbemerkt vor sich. Als Gösta Berling und Elisabeth von Thurn in der Svartsjöer Kirche aufgeboten wurden, wußten die meisten nicht einmal, wer die Braut war. Die Geistlichen und die Edelleute, die über die Sache Bescheid wußten, sprachen so wenig wie möglich davon. Es war, als fürchteten sie, daß der eine oder der andere, der den Glauben an die Macht des Gewissens verloren hatte, der Handlungsweise der jungen Frau eine üble Deutung geben möge. Man war so besorgt, daß jemand sagen könne: »Da könnt ihr sehen, es ist doch wahr gewesen, daß sie ihre Liebe zu Gösta nicht überwinden konnte; jetzt hat sie sich unter einem Vorwand, der ja recht edel erscheint, mit ihm verheiratet.« Ach, die Alten behandelten die junge Frau stets mit so großer Zartheit. Niemals duldeten sie es, daß man schlecht von ihr sprach. Sie wollten kaum einräumen, daß sie gesündigt hatte. Sie wollten nicht sehen, daß diese Seele, die so ängstlich vor allem Bösen war, von Sünde befleckt sein könne.

Ein anderes großes Ereignis, das gerade um dieselbe Zeit geschah, trug auch dazu bei, daß Gösta Berlings Ehe nicht mehr beredet wurde. Major Samzelius wurde von einem Unglück betroffen. Er war mehr und mehr sonderlich und menschenscheu geworden. Er verkehrte fast ausschließlich mit Tieren und hatte auf Sjö einen ganzen kleinen Tierpark um sich versammelt. Gefährlich war er auch, denn er hatte stets eine geladene Flinte bei sich und feuerte sie einmal über das andere ab, ohne darauf zu achten, wohin der Schuß ging. Eines Tages wurde er von einem zahmen Bären gebissen, den er versehentlich angeschossen hatte. Das verwundete Tier stürzte sich über ihn, während er dicht vor dem Gitter stand, und biß ihn in den Arm. Dann brach es aus der Gefangenschaft aus und flüchtete in den Wald.

Der Major wurde bettlägerig und starb an dieser Wunde, aber erst kurz vor Weihnachten. Hätte die Majorin gewußt, daß er krank daniederlag, so hätte sie die Herrschaft über Ekeby wieder übernehmen können. Aber die Kavaliere wußten, daß sie nicht kommen würde, ehe ihr Jahr verstrichen war.

=Amor vincit omnia=

Unter der Treppe zu der Pulpitur in der Svartsjöer Kirche befindet sich eine Rumpelkammer, die ganz angefüllt ist mit allerlei altem Gerümpel: mit zerbrochenen Grabscheiten, unbrauchbaren Kirchenbänken und dergleichen.

Da drinnen, wo der Staub dick liegt und sie gleichsam vor jedem menschlichen Auge verbirgt, steht eine mit dem reichsten Perlmuttermosaik eingelegte Truhe. Wischt man den Staub davon ab, so scheint sie zu schimmern und zu strahlen wie eine Felswand in einem Märchen. Die Truhe ist verschlossen, und der Schlüssel ist gut verwahrt. Sie darf nicht geöffnet werden; kein Sterblicher darf einen Blick dahinein werfen. Niemand weiß, was darin ist. Erst wenn das neunzehnte Jahrhundert verstrichen ist, darf der Schlüssel in das Schloß gesteckt, der Deckel aufgehoben, dürfen die Schätze, die hier verschlossen liegen, von Menschen erblickt werden. Also hat er es angeordnet, der einst diese Truhe besaß.

Auf der Messingplatte des Deckels steht eine Inschrift: =»Labor vincit omnia«=. Aber eine andere Inschrift würde besser gepaßt haben: =»Amor vincit omnia«= hätte dort stehen sollen. Denn sogar die alte Truhe in der Rumpelkammer ist ein Zeugnis von der Allmacht der Liebe.

O Eros, du alles beherrschender Gott!

Du, o Liebe, bist der in Wahrheit Ewige. Alt ist das Menschengeschlecht auf Erden, du aber gabst ihm durch alle Zeiten das Geleite.

Wo sind die Götter des Ostens, die starken Helden, deren Waffe der Blitzstrahl war, sie, die an den Ufern der heiligen Flüsse Opfer aus Milch und Honig in Empfang nahmen? Tot sind sie. Tot ist Bel, der mächtige Krieger, und Thoth, der Riese mit dem Ibiskopf. Tot sind die Herrlichen, die auf den Wolkenlagern des Olymps ruhten, wie auch die Tatenreichen, die in dem schildgedeckten Walhall wohnten. Alle die alten Götter sind tot, mit Ausnahme von Eros -- von Eros, dem Allbeherrschenden.

Alles, was du siehst, ist sein Werk. Er erhält die Geschlechter. Siehe ihn überall! Wo kannst du gehen, ohne eine Spur seines Fußes zu finden? Was hat dein Ohr vernommen, in dem nicht das Sausen seiner Schwingen der Grundton war? Er wohnt in dem Herzen der Menschen und in dem schlummernden Samenkorn. Fühle mit Beben seine Nähe in den toten Dingen!

Was gibt es wohl, das sich nicht sehnt, das sich nicht hingezogen fühlt? Alle Götter der Rache werden fallen, alle Götter der Stärke und Macht. Du, o Liebe, bist der in Wahrheit Ewige!

* * * * *

Der alte Onkel Eberhard sitzt an seinem Schreibtisch, einem prächtigen Möbel mit hundert Schubfächern, mit einer Marmorplatte und mit Beschlag aus dickem Messing. Er arbeitet mit Eifer und Fleiß allein oben im Kavalierflügel.

Aber Eberhard, warum streifst du nicht umher in Wald und Feld in diesen letzten flüchtigen Sommertagen, so wie die andern Kavaliere? Niemand, das weißt du, darf ungestraft der Göttin der Weisheit huldigen. Dein Rücken ist gebeugt, obwohl du nur sechzig Jahre alt bist, das Haar, das deinen Scheitel bedeckt, ist nicht dein eigenes, die Runzeln scharen sich auf deiner Stirn, die sich über den eingefallenen Augenhöhlen wölbt, und alle die vielfältigen Stellungen, die die Degen zweier Fechter in einem Duell einnehmen können, zeichnen sich in den tausend Runzeln um deinen zahnlosen Mund ab. Eberhard, Eberhard, warum streifst du nicht umher in Wald und Feld? Der Tod wird dich nur um so schneller von deinem Schreibpult trennen, dich, der du das Leben dich nicht von ihm fortlocken läßt.

Onkel Eberhard macht einen dicken Tintenstrich unter die letzte Linie. Und dann entnimmt er den unzähligen Schubfächern des Pultes alte vergilbte Haufen dichtbeschriebenen Papiers, alle die verschiedenen Teile seines großen Werkes, des Werkes, das Eberhard Berggrens Namen durch alle Zeiten tragen soll. Aber gerade als er den einen Haufen auf den andern gestapelt hat und sie in stummem Entzücken anstarrt, tut sich die Tür auf und die junge Gräfin tritt herein.

Da ist sie, die junge Herrin der alten Herren. Sie, der sie mehr dienen, die sie mehr anbeten, als Großeltern den ersten Enkel anbeten und ihm dienen. Da ist sie, die sie in Armut und Krankheit gefunden und der sie nun alle Herrlichkeiten der Welt geschenkt haben, wie es der König im Märchen mit dem armen Mädchen machte, das er im Walde fand. Für sie ertönen Waldhorn und Violinen auf Ekeby. Für sie atmet, regt sich und arbeitet alles auf dem großen Gut.

Sie ist jetzt wieder gesund, wenn auch noch sehr schwach. Die Einsamkeit in dem großen Haus bedrückt sie ein wenig, und da sie weiß, daß die Kavaliere weg sind, will sie sehen, wie es in dem Kavalierflügel, diesem berüchtigten Ort, aussieht.

Also kommt sie leise herein und sieht sich um, betrachtet die weißgetünchten Wände und die gelbgewürfelten Bettvorhänge. Sie sieht Göstas Drechselbank, Löwenbergs Tisch, an dem er seinen Beethoven auf gemalten Tasten spielt, die ausgestopfte Krähe über Kristian Berghs Bett und das Bärenfell vor Major Fuchs' Ruhestatt. In der einen Ecke sieht sie die sonderbare Webarbeit, die Beerencreutz' Zeitvertreib ist. Er hat die Kette auf dem Fußboden ausgespannt und schlägt den Eintrag ohne Hilfe von Webstuhl oder Schiffchen auf. Sie sieht den Stuhl am Ofen, auf dem Vetter Kristoffer das Leben ohne Taten und ohne Namen verträumt. Patron Julius' geschnitzte Vorratstruhe, Liliencronas Violinkasten, Kevenhüllers Ranzen und Knotenstock, Rusters Punschlöffel -- alles sieht sie, aber sie wird verlegen, als sie entdeckt, daß das Zimmer nicht leer ist.

Onkel Eberhard geht ihr feierlich entgegen und führt sie an den großen Haufen betriebenen Papiers.

»Seht, Gräfin,« sagt er, »jetzt ist mein Werk beendet. Jetzt soll das, was ich geschrieben habe, in die Welt hinaus. Jetzt werden große Dinge geschehen.«

»Was wird denn geschehen, Onkel Eberhard?«