Gösta Berling: Erzählungen aus dem alten Wermland
Chapter 28
Auch seiner konnte sie mit Freude gedenken -- jetzt war sie ja frei! Er hatte sie mit seiner Lebenslust und Kühnheit stets an Gösta erinnert, jetzt wollte sie ihn wieder fröhlich sehen. Er sollte wieder der Ritter Sonnenschein sein, der in seinem ganzen Glanz auf den Hof ihres Vaters gekommen war. Sie wollte ihm Erde verschaffen, in der er pflügen und säen konnte, soviel sein Herz begehrte, sie wollte es erleben, daß er eine schöne Braut an den Traualtar führte.
Unter solchen Gedanken setzt sie sich hin und schreibt, um ihm seine Freiheit zurückzugeben. Sie schreibt sanfte, eindringliche Worte, Vernunft in Scherz gehüllt und dabei doch so, daß er verstehen kann, wie ernst sie es meint.
Während sie noch schreibt, ertönt Hufschlag auf der Landstraße.
»Mein lieber Ritter Sonnenschein,« denkt sie, »das ist das letztemal!«
Gleich darauf tritt der Baron bei ihr ein.
»Aber Adrian, kommst du hier herein!« Und sie sieht entsetzt all die Unordnung an.
Er wird ganz verlegen und stammelt einige Worte der Entschuldigung.
»Ich bin gerade im Begriff, dir zu schreiben«, sagt sie. »Schau her, du kannst es ja gleich lesen.«
Er nimmt den Brief, und sie beobachtet ihn, während er liest. Sie sehnt sich danach, sein Antlitz vor Freude aufleuchten zu sehen. Aber er hat nicht lange gelesen, als Purpurröte sein Antlitz übergießt; er wirft den Brief auf den Boden, stampft darauf und flucht, als solle der Himmel einstürzen.
Da geht ein leises Beben durch Marianne. Sie ist kein Anfänger im Studium der Liebe, aber bisher hat sie diesen unerfahrenen Knaben, dies große Kind nicht verstanden.
»Adrian, lieber Adrian,« sagt sie, »was für eine Komödie hast du mir vorgespielt? Komm und erzähle mir die Wahrheit!«
Er kam und war nahe daran, sie mit seinen Liebkosungen zu ersticken. Armer Junge! Wie hatte er sich gesehnt, wie hatte er gelitten!
Nach einer Weile schaute sie aus dem Fenster. Da ging Frau Gustava noch immer und redete mit dem großen Gutsherrn über Blumen und Vögel, und hier saß sie und sprach von Liebe. »Das Leben hat uns beide seinen harten Ernst fühlen lassen!« dachte sie und lächelte wehmütig. »Es wird uns trösten, daß wir jeder unser großes Kind bekommen, mit dem wir spielen können.«
Es war doch gut, daß sie geliebt werden konnte. Es tat doch wohl, ihn von der Zauberkraft flüstern zu hören, die von ihr ausging, und wie er sich über das schämte, was er in seiner ersten Unterredung mit ihr gesagt hatte. Er ahnte damals nicht, welche Macht sie besaß. Ach, kein Mann konnte in ihrer Nähe weilen, ohne sie zu lieben, aber sie habe ihn eingeschüchtert, er sei sich so wunderlich nichtig vorgekommen.
Dies war kein Glück und auch kein Unglück, aber sie wollte versuchen, das Leben mit diesem Manne zusammen zu leben.
Sie fing an, sich selbst zu verstehen und dachte an die Worte des alten Liedes von der Turteltaube, dem Vogel der Sehnsucht: »Sie trinkt niemals das klare Wasser, sie macht es erst trübe mit ihrem Fuß ...«, damit es besser zu ihrem traurigen Sinn passen möge. So sollte auch sie nicht an die Quelle des Lebens kommen und das klare, unvermischte Glück trinken. Von Wehmut getrübt -- so war das Leben am besten für sie.
Der Tod, der Befreier
Mein bleicher Freund, der Tod, der Befreier, kam im August, als die Nächte bleich vom Mondschein waren, zu Hauptmann Ugglas Heim. Aber er wagte es nicht, geradeswegs in das gastfreie Haus zu treten; denn derer, die ihn lieben, sind nur gar wenige.
Mein bleicher Freund, der Tod, der Befreier, hat ein mutiges Herz. Es ist seine Lust, von glühenden Kanonenkugeln getragen durch die Luft zu reiten. Er nimmt die pfeifende Granate auf den Nacken und lacht, wenn sie springt und die Splitter umherfliegen. Er schwingt sich im Gespenstertanz auf den Kirchhöfen und scheut nicht die Pestsäle der Hospitäler, aber er zittert an der Schwelle des Redlichen, an der Tür des Guten. Denn er will nicht mit Tränen, sondern mit Freuden begrüßt werden, er, der die Geister aus den Banden des Schmerzes befreit, der sie von dem bedrückenden Staub befreit, der sie das freie, herrliche Leben im Weltenraum erproben läßt.
In den alten Hain hinter dem Wohnhause, wo noch heutzutage schlanke, weißstämmige Birken wetteifern, den dünnen Laubbüscheln an ihren Wipfeln das Licht des Himmels zu verschaffen, dort schlich der Tod sich ein. In diesem Hain, der damals jung und voll verbergenden Grüns war, versteckte mein bleicher Freund sich, während die Sonne am Himmel stand; in der Nacht aber stand er am Waldesrande, weiß und bleich, mit seiner Sense, in der der Mond sich spiegelte.
O Eros! Du warst der Gott, dem damals der Hain gehörte. Die Alten wissen davon zu erzählen, wie ehedem die liebenden Paare seine Ruhe aufsuchten. Und noch heutzutage, wenn ich an Berga vorübergehe, ärgerlich über die lästigen Hügel und den erstickenden Staub, so freue ich mich über den Anblick des Hains mit den jetzt spärlichen weißen Stämmen, der von der Erinnerung an die Liebe junger, schöner Menschen widerstrahlt.
Nun aber war es der Tod, der dort stand, und die Tiere der Nacht sahen ihn. Abend für Abend hörten die Bewohner von Berga, wie der Wolf heulte, um sein Kommen zu melden. Die Natter schlängelte sich auf den Kieswegen bis an das Wohnhaus hinan. Sie konnte nicht sprechen, aber sie verstanden wohl, daß sie kam als Vorbote des Gewaltigen. Und im Apfelbaum unter Frau Ugglas Fenster ließ die Eule ihr Geschrei ertönen. Denn alles in der Natur kennt den Tod und erbebt.
So geschah es denn, daß der Amtmann und seine Frau aus Munkerud, die im Broer Pfarrhof zum Gastmahl gewesen waren, gegen zwei Uhr in der Nacht an Berga vorüberkamen und ein Licht im Fenster des Fremdenzimmers stehen und brennen sahen. Sie sahen ganz deutlich die gelbe Flamme und das weiße Licht und erzählten später voller Verwunderung von dem Licht, das in der Sommernacht gebrannt hatte.
Da lachten die fröhlichen jungen Damen auf Berga und sagten, Amtmanns hätten Gespenster gesehen, denn die Talglichter daheim bei ihnen seien schon seit dem März aufgebraucht; und der Hauptmann schwur heilig und teuer, daß seit Wochen und Tagen niemand im Fremdenzimmer gewohnt habe; aber die Frau des Hauptmanns schwieg und erbleichte, denn dies weiße Licht mit der klaren Flamme pflegte sich stets zu zeigen, wenn jemand in ihrer Familie von dem Tode, dem Befreier, erlöst werden sollte.
Bald darauf, eines Tages im strahlenden August, kam Ferdinand von seinem Vermessungsdienst in den nördlichen Wäldern heim. Er kam bleich und krank zurück mit einem unheilbaren Lungenleiden, und sobald seine Mutter ihn sah, wußte sie, daß er sterben müsse.
So sollte er denn von hinnen gehen, dieser gute Sohn, der seinen Eltern niemals den geringsten Kummer bereitet hatte. Der Jüngling sollte die Luft und die Freude dieser Welt verlassen und seine schöne, geliebte Braut, die seiner harrte, und die reichen Besitzungen, die dröhnenden Eisenwerke, die sein Eigentum hatten werden sollen.
Endlich, als mein bleicher Freund einen Mondwechsel gewartet hatte, faßte er Mut und begab sich eines Nachts nach dem Wohnhause. Er wußte, daß die Bewohner dort dem Hunger und der Not fröhlich ins Auge sahen, weshalb sollten sie ihn denn nicht mit Freuden empfangen?
Leise ging er den Kiesweg hinauf und warf einen dunklen Schatten über den Rasenplatz, wo die Tauperlen im Mondschein glitzerten. Er kam nicht als fröhlicher Schnitter mit Blumen um den Hut und den Arm um die Taille eines jungen Mädchens geschlungen. Er ging gebeugt und sah abgezehrt aus und hielt die Sense in den Falten des Mantels verborgen, während Eulen und Fledermäuse ihn umflatterten.
In jener Nacht hörte Frau Uggla, die wach lag, daß jemand ans Fenster pochte, und sie richtete sich im Bett auf und fragte: »Wer klopft da?«
Und die Alten erzählen, daß der Tod ihr antwortete: »Der Tod klopft.«
Da stand sie auf und öffnete das Fenster und sah Fledermäuse und Eulen im Mondlicht flattern, den Tod aber sah sie nicht.
»Komm«, sagte sie halblaut; »Freund und Befreier, weshalb hast du so lange gezögert? Ich habe gewartet, ich habe gerufen. Komm und erlöse meinen Sohn.«
Da glitt der Tod ins Haus, froh wie ein entthronter König, der in seinem Greisenalter seine Krone zurückerhält, froh wie ein Kind, das zum Spielen gerufen wird.
Am nächsten Tage setzte Frau Uggla sich an das Krankenbett ihres Sohnes und sprach mit ihm über die Seligkeit der befreiten Geister und über ihr herrliches Leben.
»Sie arbeiten«, sagte sie, »sie wirken. Welche Künstler, mein Sohn, welche Künstler! Wenn du zu ihnen hinaufgelangst, so sage mir, was du dann werden willst? Einer der Bildhauer ohne Meißel, die Rosen und Lilien bilden, einer der Meister des Abendrots? Und wenn die Sonne in all ihrer Schönheit untergeht, will ich dasitzen und denken: das ist Ferdinands Werk!
»Mein teurer Sohn, bedenke, wie viel da zu sehen, wie viel da zu tun ist! Denke an alle die Samenkörner, die im Frühling zum Leben erweckt werden sollen, an alle die Stürme, die gelenkt werden, an die Träume, die entsendet werden sollen! Und denke an die langen Reisen durch den Himmelsraum, von Welt zu Welt!
»Denke an mich, mein teurer Junge, wenn du so viel Schönes zu sehen bekommst! Deine arme Mutter bekommt niemals etwas anderes zu sehen als Wermland.
»Aber eines Tages gehst du zum lieben Gott hinein und bittest ihn, ob er dir nicht eine der kleinen Welten geben will, die im Himmelsraum umherrollen, und er wird sie dir geben. Wenn du sie erhältst, so ist sie finster und kalt, voller Abgründe und Felsblöcke, und es wachsen dort keine Blumen, es leben dort keine Tiere. Aber du arbeitest auf dem Stern, den Gott dir gegeben hat. Du schaffst ihm Licht und Wärme und Luft, du bringst Pflanzen und Nachtigallen und helläugige Gazellen dahin, du läßt Gießbäche in die Abgründe strömen, du türmst Berge auf und besäest die Ebenen mit den schönsten roten Rosen.
»Und wenn ich einst sterbe, Ferdinand, wenn meine Seele vor der langen Reise erbebt und sich vor dem Abschied von den bekannten Gegenden fürchtet, da sitzest du und wartest vor dem Fenster in einem mit Paradiesvögeln bespannten Wagen, in einem Wagen aus schimmerndem Gold, mein Ferdinand.
»Und meine arme, unruhige Seele wird in deinen Wagen aufgenommen und sitzet nun neben dir, geehrt wie eine Königin. Und dann fahren wir durch den Himmelsraum, vorbei an den strahlenden Welten, und wenn wir in die Nähe dieser Himmelswohnungen kommen und sie immer herrlicher werden, da frage ich, die ich es nicht besser weiß: Wollen wir nicht hier oder dort bleiben?
»Aber du lachst still für dich und treibst das Vogelgespann an. Endlich kommen wir zu dem kleinsten von allen Weltkörpern, aber zu dem schönsten, den ich je gesehen habe, und dort halten wir vor einem goldenen Schloß, und du läßt mich eintreten in das ewige Heim der Freude.
»Dort sind die Vorratskammern gefüllt und die Bücherschränke. Der Tannenwald steht dort nicht wie hier auf Berga und beschattet die ganze schöne Welt, sondern ich schaue hinaus über große Meere und sonnenbeschienene Ebenen, und tausend Jahre sind wie ein Tag.«
Und dann starb Ferdinand, schwelgend in lichten Bildern, der künftigen Herrlichkeit entgegenlächelnd.
Mein bleicher Freund, der Tod, der Befreier, hatte nie etwas so Schönes erlebt. Denn wohl war Ferdinand Ugglas Todeslager von weinenden Menschen umstanden, der Kranke selber aber lächelte dem Manne mit der Sense zu, als er sich auf den Rand seines Bettes setzte, und seine Mutter lauschte seinem Todesröcheln wie einer süßen Musik. Sie zitterte, daß der Tod nicht imstande sein würde, sein Werk zu vollenden, und als alles vorbei war, traten ihr Tränen in die Augen, aber es waren Freudentränen, die auf die erstarrten Züge ihres Sohnes fielen.
Niemals ward meinem bleichen Freund so viel Ehre erzeigt wie bei Ferdinand Ugglas Begräbnis. Hätte er es gewagt, sich zu zeigen, da wäre er in federgeschmücktem Barett und mit goldgesticktem Mantel erschienen und hätte vor dem Leichenzug her den Kirchhofsgang entlang getanzt, nun aber saß er, der Alte, Einsame, in seinem verschlissenen schwarzen Mantel zusammengekauert auf der Kirchhofsmauer und sah den Zug kommen.
O, es war ein wunderliches Leichenbegängnis! Sonne und lichte Wolken machten den Tag strahlend, lange Reihen von Roggenhocken schmückten die Felder. Die Sommeräpfel im Garten des Propsthofes schimmerten durchsichtig und klar, und im Garten des Küsters strahlten Nelken und Georginen.
Es war ein wunderlicher Leichenzug, der die Lindenallee hinabging. Vor dem blumengeschmückten Sarge schritten schöne Kinder einher und streuten Blumen. Da waren keine Trauerkleider, keine Kreppflore, keine Schneppenhauben zu erblicken, denn die Mutter hatte es so gewollt, daß er, der heiter gestorben, nicht von einem traurigen Leichenzuge, sondern von einem glänzenden Hochzeitszuge nach der guten Freistätte geleitet werden sollte.
Dem Sarge zunächst ging Anna Stjärnhök, die schöne, strahlende Braut des Verstorbenen. Sie hatte den Brautkranz auf ihr Haupt gesetzt, sich in den Brautschleier gehüllt und ein Brautgewand von weißer, schimmernder Seide mit langer Schleppe angelegt. So geschmückt ging sie, um dem Grabe, um einem dahingeschiedenen Bräutigam geweiht zu werden.
Und nach ihr kam Paar auf Paar, stattliche alte Damen und Herren. Die schönen, vornehmen Frauen kamen mit schimmernden Spangen und Broschen, mit milchweißen Perlhalsgeschmeiden und Armbändern aus Gold. Die Federn in ihren Turbanen ragten hoch auf zwischen dem Seidenstoff und den Spitzen, und von ihren Schultern wogten die dünnen seidenen Schals, die sie einst als Brautgeschenk erhalten hatten, über bunte, seidene Kleider hinab. Und die Männer kamen in ihrem schönsten Staat mit bauschenden Jabots, in Leibröcken mit hohen Kragen und vergoldeten Knöpfen und mit Westen aus steifem Brokat oder reich gesticktem Samt. Es war ein Hochzeitszug: die Herrin von Berga hatte es so gewollt.
Sie selber ging dicht hinter Anna Stjärnhök am Arme ihres Gatten. Hätte sie ein Kleid aus schimmerndem Brokat besessen, sie würde es angelegt haben, hätte sie Geschmeide und einen prachtvollen Turban ihr eigen genannt, sie würde sie getragen haben an dem Ehrentage ihres Sohnes. Nun aber hatte sie nichts als dies schwarzseidene Kleid und diese gelben Spitzen, die sie auf so vielen Festen getragen hatte, und die trug sie auch auf diesem Fest.
Obwohl die Gäste mit Pomp und Pracht zum Begräbnis kamen, blieb doch kein Auge trocken, während sie bei leisem Glockengeläute zum Grabe hinauswanderten. Männer und Frauen weinten, nicht so sehr über den Toten wie über sich selbst. Siehe, da ging die Braut, dort trug man den Bräutigam, da wanderten sie selber festlich geschmückt -- wo ist der Mensch, der auf Gottes grüner Erde wandelt und nicht weiß, daß er dem Kummer, der Sorge, dem Unglück, dem Tode anheimgefallen ist? Sie gingen einher und weinten bei dem Gedanken, daß nichts in der Welt imstande sei, sie zu beschützen.
Die Mutter weinte nicht, sie war aber auch die einzige, deren Augen trocken blieben.
Als das Ritual verlesen und das Grab zugeschüttet war, kehrten alle zu den Wagen zurück. Nur Frau Uggla und Anna Stjärnhök blieben am Grabe zurück, um dem Toten ein letztes Lebewohl zu sagen. Die Alte hockte sich auf den Grabhügel, und Anna setzte sich neben sie.
»Siehe,« meinte Frau Uggla, »ich habe zu Gott gesagt: Laß den Tod, den Befreier, kommen und meinen Sohn holen, laß ihn den, den ich am heißesten geliebt habe, mit sich in die stillen Wohnungen des Friedens nehmen, es sollen nur Freudentränen in meine Augen kommen; mit Hochzeitsgepränge will ich ihn zu Grabe geleiten, und meinen roten Rosenbusch, den reichblühenden, der vor meinem Schlafstubenfenster steht, will ich ihm auf den Friedhof pflanzen! Und nun ist es geschehen, mein Sohn ist tot. Ich habe den Tod wie einen Freund begrüßt, habe ihn bei den zärtlichsten Namen gerufen, ich habe Freudentränen über das erstarrte Antlitz meines Sohnes geweint, und im Herbst, wenn die Blätter fallen, pflanze ich ihm meinen roten Rosenbusch aufs Grab. Aber du, die du hier an meiner Seite sitzest, weißt du, weshalb ich solche Gebete zu Gott emporgesandt habe?«
Sie sah Anna Stjärnhök an, das junge Mädchen aber saß still und bleich an ihrer Seite. Vielleicht kämpfte sie, um die innere Stimme zur Ruhe zu bringen, die schon dort, auf dem frischen Grabe des Toten, ihr zuzuflüstern begann, daß sie nun endlich frei sei.
»Du trägst schuld daran«, sagte Frau Uggla.
Da sank das junge Mädchen zusammen wie unter einem Keulenschlag. Sie erwiderte kein Wort.
»Anna Stjärnhök, du warst einstmals stolz und eigensinnig, da spieltest du mit meinem Sohn, nahmst ihn und verstießest ihn. Was war dazu zu sagen? Er mußte sich dareinfinden so gut wie alle die andern. Vielleicht haben auch wir so wie er dein Geld ebensosehr geliebt wie dich. Aber du kamst wieder zurück, du kamst mit reichem Segen in unser Heim, du warst milde und sanftmütig, stark und gut, als du wiederkamst. Du umgabst uns mit Liebe, du machtest uns so glücklich, Anna Stjärnhök, und wir armen Menschen lagen dir zu Füßen.
»Und doch, und doch habe ich gewünscht, daß du nicht gekommen wärest. Da hätt ich Gott nicht zu bitten brauchen, daß er das Leben meines Sohnes verkürzen möge. Um die Weihnachtszeit hätte er deinen Verlust überwinden können, aber nachdem er dich kennen gelernt hatte, so wie du nun bist, hatte er nicht die Kraft dazu.
»Du mußt wissen, Anna Stjärnhök, du, die du heute dein Brautgewand angelegt hast, um meinem Sohn das Geleite zu geben, du würdest niemals in dem Gewande mit ihm vor dem Traualtar gestanden haben, denn du liebtest ihn nicht.
»Ich sah es, du kamst nur aus Barmherzigkeit, denn du wolltest unser hartes Schicksal mildern. Du liebtest ihn nicht. Glaubst du nicht, daß ich die Liebe kenne, daß ich sie sehe, wo sie vorhanden ist, daß ich es fühle, wenn sie fehlt? Da dachte ich: Möge Gott meinen Sohn zu sich nehmen, ehe ihm die Augen geöffnet sind!
»Ach, hättest du ihn doch geliebt! Wärest du doch niemals zu uns gekommen, um unser Leben zu versüßen, wenn du ihn nicht liebtest! Ich kannte meine Pflicht: wenn er nicht gestorben wäre, hätte ich ihm sagen müssen, daß du ihn nicht liebtest, daß du dich mit ihm verheiraten wolltest, weil du die Barmherzigkeit selbst bist. Ich hätte ihn zwingen müssen, dich freizugeben, und dann wäre sein Lebensglück vernichtet gewesen. Siehst du, deswegen bat ich Gott, daß er sterben möge, damit ich den Frieden seines Herzens nicht zu zerstören brauchte. Und ich habe mich über seine eingefallenen Wangen gefreut, habe mich über seine schweren Atemzüge gefreut, habe gezittert, daß der Tod sein Werk nicht vollenden würde.«
Sie schwieg und wartete auf Antwort; aber Anna Stjärnhök konnte noch nicht sprechen, sie lauschte noch zu vielen Stimmen in der Tiefe der Seele.
Da rief Frau Uggla ganz verzweifelt aus: »O, wie glücklich sind doch die, die über ihre Toten trauern, die Ströme von Tränen vergießen können. Ich muß mit trocknen Augen am Grabe meines Sohnes stehen, ich muß mich über seinen Tod freuen. Wie unglücklich bin ich doch!«
Da preßte Anna Stjärnhök die Hände hart gegen ihre Brust. Sie gedachte jener Winternacht, da sie bei ihrer jungen Liebe geschworen hatte, diesen armen Menschen ein Trost und eine Stütze zu sein, und sie erbebte. War denn alles vergebens gewesen, war ihr Opfer eines von denen, das Gott nicht wohlgefällig ist? Sollte sich alles zum Fluch wenden?
Aber wenn sie alles opferte, würde Gott da nicht dem Werke seinen Segen geben und sie zur Glücksspenderin, zur Stütze, zur Hilfe für Menschen machen?
»Was ist denn erforderlich, damit du über deinen Sohn trauern kannst?« fragte sie.
»Es ist erforderlich, daß ich meinen Augen nicht mehr glaube. Wenn ich glaubte, daß du meinen Sohn liebtest, da würde ich über seinen Tod trauern.«
Da erhob sich das junge Mädchen mit von Begeisterung strahlenden Augen. Sie riß ihren Brautschleier ab und breitete ihn über das Grab, sie nahm Kranz und Krone ab und legte beides auf den Schleier.
»Sieh jetzt, wie ich ihn liebe!« rief sie aus. »Ich schenke ihm meinen Kranz und meine Krone. Ich weihe mich ihm! Niemals will ich einem andern angehören!«
Da erhob sich auch Frau Uggla. Sie stand eine Weile schweigend da; ihr ganzer Körper bebte, ihr Antlitz verzog sich, aber schließlich kamen die Tränen, die Tränen des Schmerzes.
Doch mein bleicher Freund, der Tod, der Befreier, schauderte, als er diese Tränen erblickte; so war er denn auch hier nicht mit Freude begrüßt, nicht einmal hier hatte man sich von Herzen über ihn gefreut.
Er zog die Kapuze tief über das Gesicht, glitt leise von der Kirchhofsmauer herunter und verschwand zwischen den Kornhocken auf dem Felde.
Die Dürre
Wenn tote Dinge lieben können, wenn Erde und Wasser einen Unterschied zwischen Freunden und Feinden machen können, dann möchte ich gern ihre Liebe besitzen. Ich möchte gern, daß die grüne Erde meine schweren Schritte nicht als schwere Last empfände. Ich möchte gern, daß sie es mir leichten Herzens verziehe, daß sie um meinetwillen mit Pflug und Egge verwundet wird, daß sie sich meinem toten Körper willig öffnete. Und ich möchte gern, daß die Welle, deren blanken Spiegel meine Ruder zertrümmern, dieselbe Geduld mit mir hätte, wie eine Mutter sie mit einem unruhigen Kinde hat, wenn es auf ihren Schoß klettert, ohne sich daran zu kehren, daß es ihr seidenes Sonntagskleid zerknittert. Ich möchte in freundschaftlichem Verhältnis zu der klaren Luft stehen, die über den blauen Bergen zittert, und zu der strahlenden Sonne und den schönen Sternen. Denn es will mir oft scheinen, als wenn die toten Dinge mit den lebenden fühlen und leiden. Die Schranke zwischen ihnen und uns ist nicht so groß, wie die Menschen glauben. Wo ist der Teil von dem Staub der Erde, der nicht mit im Kreislauf des Lebens gewesen ist? Ist nicht der wirbelnde Staub der Landstraße einstmals als weiches Haar geliebkost, als gute, hilfreiche Hände geliebt worden? Ist nicht das Wasser in der Wagenspur ehedem als Blut durch pochende Herzen geströmt?
Der Geist des Lebens wohnt noch in den toten Dingen. Was hört er, während er in traumlosem Schlaf schlummert? Gottes Stimme hört er -- achtet er auch auf die der Menschen?
Ihr Kinder später Zeiten, habt ihr es nicht gesehen? Wenn Unfriede und Haß auf Erden herrschen, müssen auch die toten Dinge vielfach leiden. Da wird die Welle wild und raubgierig wie ein Wegelagerer, da wird das Feld geizig wie ein Geizhals. Aber wehe dem, um dessentwillen der Wald seufzt und die Berge weinen.
Es war ein merkwürdiges Jahr, in dem die Kavaliere regierten. Es sieht mir fast so aus, als wenn die Unruhe der Menschen damals die Ruhe der toten Dinge zerstört hätte. Wie soll ich die Ansteckung bezeichnen, die sich in jenen Tagen über das Land verbreitete? Sollte man nicht glauben, daß die Kavaliere die Götter der Umgegend waren, daß alles von ihrem Geist beseelt war? Von dem Geist des Abenteuers, der Sorglosigkeit, der Zügellosigkeit.
Könnte man das alles erzählen, was sich in jenem Jahr unter den Menschen zutrug, die am Ufer des Löfsees wohnten, da würde die Welt sich wundern. Denn da erwachte alte Liebe, aber auch alter Haß entzündete sich aufs neue. Da flammten alle auf in Begierde nach der Schönheit des Lebens: Tanz und Scherz, Spiel und Trunk ergriffen sie. Da offenbarte sich alles das, was im tiefsten Innern der Seele verborgen liegt.