Gösta Berling: Erzählungen aus dem alten Wermland

Chapter 18

Chapter 183,815 wordsPublic domain

Man erzählt, daß, als Gösta Berling die Tür hinter sich schloß, er einige Schlitten vor der Freitreppe vorfahren sah. Er warf einen Blick auf die kleine Dame, die in dem ersten Schlitten saß. Wie dunkel auch die Stunde für ihn war, wurde sie bei diesem Anblick doch noch dunkler. Er eilte von dannen, um nicht erkannt zu werden, aber eine Vorahnung von kommendem Unheil erfüllte seinen Sinn. Hatte die Unterhaltung da drinnen diese Frau herbeigezaubert? Ein Unglück hat stets ein anderes im Gefolge.

Diener kamen herbeigeeilt, Fußsäcke wurden aufgeknöpft, Decken beiseite geworfen. Wer war denn gekommen? War es wirklich Märta Dohna selber, die weitberühmte Gräfin?

Sie war die heiterste und leichtsinnigste von allen Frauen. Die Weltluft hatte sie auf ihren Thron erhoben und sie zu ihrer Königin gemacht. Spiele und Scherze waren ihre Untertanen. Spiel und Tanz und Abenteuer waren ihr als Anteil zugefallen, als die Lebenslose verteilt wurden. Sie war jetzt nicht weit von den Fünfzigern, aber sie gehörte zu den weisen Menschen, die nicht die Zahl der Jahre zählen. »Wer den Fuß nicht mehr zum Tanz, den Mund nicht mehr zum Lächeln bewegen kann,« pflegte sie zu sagen -- »der ist alt. Der kennt die schwere Last der Jahre -- nicht ich.«

In den Tagen ihrer Jugend saß die Freude nicht ungestört auf ihrem Thron, aber die Unsicherheit und das Schwankende machten das lustige Dasein Ihrer Majestät nur noch lustiger. Ihre Majestät mit den Schmetterlingsflügeln gab den einen Tag eine Kaffeegesellschaft in den Hofdamenzimmern auf dem Stockholmer Schloß, tanzte den nächsten Tag im Frack und mit dem Knotenstock bewaffnet in Paris, besuchte Napoleons Feldlager, segelte auf Nelsons Flotte über das blaue Mittelmeer, wohnte einem Kongreß in Wien bei, wagte sich am Tage vor einer berühmten Schlacht auf einen Ball nach Brüssel. Und wo die Freude war, da war Gräfin Märta ihre auserwählte Königin. Tanzend, spielend, scherzend durchflog Gräfin Märta die Welt. Was hatte sie nicht gesehen, was hatte sie nicht erlebt? Sie hatte Throne umgetanzt, um Fürstentümer im Ecarté gespielt, hatte darüber gelacht, wenn verheerende Kriege über Europa dahingebraust waren.

War die Freude zeitenweise heimatlos in der zu einem Schlachtfeld verwandelten Welt, so pflegte sie auf längere oder auf kürzere Zeit nach dem alten Grafenschloß am Löfsee zu ziehen. Dahin war sie auch gezogen, als die Fürsten und ihr Hof ihr zur Zeit der Heiligen Allianz zu trübselig wurden. In einer solchen Zeit hatte sie es für gut befunden, Gösta Berling zum Hauslehrer ihres Sohnes zu machen. Sie pflegte sich wohl zu fühlen da oben. Niemals hatte die Freude ein herrlicheres Reich. Da waren Gesang und Spiel, zu Abenteuern aufgelegte Männer und schöne, lebensfrohe Frauen. Da fehlte es nicht an Gastmählern oder Bällen, an Segelfahrten auf mondbeschienenen Seen oder Schlittenfahrten durch dunkle Wälder oder an herzerschütternden Ereignissen oder an der Liebe Freuden und Schmerzen. Seit dem Tode ihrer Tochter aber hatte sie ihre Besuche auf Borg eingestellt; sie hatte das Schloß seit fünf Jahren nicht gesehen. Jetzt kam sie, um sich zu überzeugen, wie ihre Schwiegertochter das Leben da oben zwischen den Tannenwäldern, Schneeschanzen und Bären aushalten könne. Sie hielt es für ihre Pflicht, nachzusehen, ob der dumme Henrik sie nicht mit seiner Langweiligkeit zu Tode gepeinigt hatte. Jetzt wollte sie des Hauses milder Engel sein. Sonnenschein und Glück lagen wohlverpackt in ihren vierzig ledernen Koffern, Heiterkeit hieß ihre Kammerzofe, Scherz ihr Kutscher, Spiel ihre Gesellschaftsdame.

Und als sie die Treppe hinaufflog, wurde sie mit offenen Armen empfangen. Ihre alte Wohnung im unteren Stockwerk stand für sie bereit. Ihr Diener, ihre Kammerzofe, ihre Gesellschaftsdame, ihre vierzig ledernen Koffer, ihre dreißig Hutschachteln, ihre Necessaires, ihre Schals und Pelze, alles kam nach und nach ins Haus. Überall herrschte Lärm und geschäftiges Treiben. Türen wurden zugeschlagen, man lief treppauf und treppab. Es war nicht schwer zu merken, daß Gräfin Märta gekommen war.

* * * * *

Es war an einem Frühlingsabend, an einem wundervollen Abend, obwohl man sich erst im April befand und das Eis noch nicht geschmolzen war. Mamsell Marie saß oben auf ihrer Kammer vor dem offenen Fenster, klimperte auf der Gitarre und sang.

Sie war so vertieft in ihr Spiel und in ihre Erinnerungen, daß sie es nicht bemerkte, wie ein Wagen des Weges kam und vor dem kleinen Hause hielt. Im Wagen saß Gräfin Märta und die hatte ihren Spaß daran, Mamsell Marie zu beobachten, die am Fenster saß, die Gitarre an einem Bande um den Hals, die Augen gen Himmel gerichtet, und alte, längst abgedroschene Liebeslieder sang. Schließlich stieg die Gräfin vom Wagen und trat in das Zimmer, wo die jungen Mädchen um den Stickrahmen saßen. Hochmütig war sie nicht; der Wind der Revolution hatte sie umsaust und ihr frische Luft in die Lungen geblasen.

Sie bestellte Stickereien bei Madame Moräus und lobte die Töchter. Sie schaute sich im Rosengarten um und erzählte von ihren Reiseabenteuern. Sie erlebte stets Abenteuer. Schließlich wagte sie sich die Bodentreppe hinauf, die entsetzlich steil und schmal war, und besuchte Mamsell Marie auf ihrem Giebelstübchen.

Dort ließ sie ihre schwarzen Augen über das einsame kleine Wesen blitzen und ihre melodische Stimme einschmeichelnd in die Ohren der alten Jungfer klingen. Sie kaufte Gardinen von ihr. Sie könne nicht leben auf Schloß Borg, ohne filierte Gardinen vor allen Fenstern zu haben, und auf allen Tischen müsse sie von Mamsell Mariens filierten Decken haben.

Dann ergriff sie ihre Gitarre und sang ihr von Freude und Liebe. Sie erzählte ihr Geschichten, so daß sich Mamsell Marie mitten in die heitere, brausende Welt hinausversetzt fühlte. Und der Gräfin Lachen war eine solche Musik, daß die verfrorenen Vögel im Rosengarten zu singen begannen, als sie es hörten, und ihr Antlitz, das kaum mehr schön war -- denn der Teint war durch Schminke verdorben, und um den Mund lagen Züge roher Sinnlichkeit --, erschien Mamsell Marie so schön, daß sie nicht begriff, wie der kleine Spiegel es verschwinden lassen konnte, wenn er es einmal auf seiner blanken Fläche aufgefangen hatte. Als sie ging, küßte sie Mamsell Marie und bat sie, nach Borg zu kommen.

Mamsell Mariens Herz stand leer, wie die Schwalbennester zur Weihnachtszeit. Sie war frei, aber gleich dem alten, freigelassenen Sklaven seufzte sie nach Ketten.

Jetzt begann abermals eine Zeit der Freuden und der Sorgen für Mamsell Marie; sie währte aber nicht lange -- nur acht kurze Tage. Die Gräfin holte sie jeden Augenblick nach Borg. Sie spielte ihr Komödie vor und erzählte von ihren Freiern, und Mamsell Marie lachte, wie sie nie im Leben gelacht hatte. Sie wurden die besten Freundinnen von der Welt. Bald wußte die Gräfin alles von dem jungen Orgelbauer und von dem stattgefundenen Abschied. Und in der Dämmerstunde brachte sie Mamsell Marie so weit, daß sie sich in dem kleinen blauen Kabinett in die Fensternische setzte, die Gitarre um den Hals hängte und Liebeslieder sang. Dann beobachtete die Gräfin, wie die trocknen, mageren Finger und der häßliche kleine Kopf der alten Jungfer sich gegen den roten Abendhimmel abhoben, und sie sagte, daß die arme Mamsell einem schmachtenden Burgfräulein gleiche. Aber alle Lieder handelten von verliebten Hirten und grausamen Hirtinnen, und Mamsell Mariens Stimme war so dünn, so dünn, und ein jeder wird begreifen können, daß eine solche Komödie für die Gräfin ein köstliches Vergnügen sein mußte.

Und dann ward ein Gastmahl auf Borg gegeben, was ganz selbstverständlich war, da ja die Mutter des Grafen heimgekehrt war. Wie gewöhnlich ging es munter her. Die Gesellschaft war nicht groß, es waren nur die Nachbarn.

Der Speisesaal lag im untern Stockwerk, und nach der Mahlzeit gingen die Gäste nicht wieder hinauf, sondern begaben sich in Gräfin Märtas Zimmer, die ebenfalls im Erdgeschoß lagen. Da ergriff die Gräfin Mamsell Mariens Gitarre und fing an, der Gesellschaft etwas vorzusingen. Sie war eine muntere Dame, Gräfin Märta, und sie konnte alle Menschen in Gebärden und Stimme nachahmen. Jetzt hatte sie den Einfall, Mamsell Marie zu spielen. Sie wandte den Blick gen Himmel und sang mit dünner, kreischender Kinderstimme.

»Ach nein, ach nein, Frau Gräfin!« flehte Mamsell Marie.

Aber Gräfin Märta machte es Vergnügen, und die meisten der Gäste konnten sich ebenfalls des Lachens nicht enthalten, obwohl sie fanden, daß es unrecht gegen Mamsell Marie sei.

Die Gräfin nahm eine Handvoll trockener Rosenblätter aus einer Potpourrikruke, trat unter tragischen Gebärden an Mamsell Marie heran und sang:

»Du reisest nun von uns; ach, kehr einst zurück, Wir sehen dich scheiden mit Schmerzen. Vergiß nicht die Freunde in deinem Glück! Wir tragen dich stets im Herzen.«

Dabei streute sie ihr die Rosenblätter auf den Kopf. Die Gäste lachten, Mamsell Marie aber geriet ganz außer sich vor Zorn. Sie sah aus, als wolle sie der Gräfin die Augen auskratzen.

»Du bist ein schlechtes Geschöpf, Märta Dohna«, sagte sie. »Keine anständige Frau sollte mit dir verkehren.«

Aber nun ward Gräfin Märta ebenfalls zornig. »Heraus mit der Mamsell!« rief sie. »Ich habe genug von ihren Verrücktheiten.«

»Ja, ich will schon gehen,« sagte Mamsell Marie, »erst aber will ich das Geld für meine Gardinen haben.«

»Das alte Jux!« sagte die Gräfin. »Für solchen Bettel will sie noch Geld haben? Nimm es nur mit! Ich will den Schund nicht mehr vor Augen sehen.«

Und die Gräfin reißt die Gardinen herunter und wirft sie ihr hin, denn jetzt ist sie in voller Wut.

Am nächsten Tage bat die junge Gräfin ihre Schwiegermutter, sich doch mit Mamsell Marie zu versöhnen. Das wollte aber die Gräfin nicht. Sie war ihrer überdrüssig. Da fuhr Gräfin Elisabeth hin und kaufte Mamsell Marie ihr ganzes Gardinenlager ab und hängte sie in dem oberen Stockwerk auf. Das war eine große Genugtuung für Mamsell Marie.

Gräfin Märta neckte ihre Schwiegertochter mit ihrer Vorliebe für filierte Gardinen. Aber sie konnte ihren Zorn auch verbergen und ihn Jahre hindurch frisch und neu bewahren, denn Gräfin Märta war eine begabte Dame.

Vetter Kristoffer

Oben im Kavalierflügel wohnte ein alter Raubvogel. Er saß stets im Ofenwinkel und gab acht, daß das Feuer nicht ausging. Zerzaust und grau war er. Der kleine Kopf mit der großen Nase und den halb erloschenen Augen neigte sich schwermütig auf dem langen, magern Hals über den braunen Pelzkragen. Denn der Raubvogel trug Sommer und Winter Pelzwerk.

Er hatte mit zu dem Schwarm gehört, der im Gefolge des großen Kaisers über Europa hinjagte, aber welchen Namen und Titel er damals trug, das vermag jetzt niemand mehr zu sagen. In Wermland wußte man nur, daß er an den großen Kriegen teilgenommen, daß er blutige Schlachten mitgemacht hatte und daß er nach 1815 sein undankbares Vaterland verlassen mußte. Er hatte Schutz bei dem schwedischen Kronprinzen gefunden, und dieser hatte ihm den Rat erteilt, in dem fernen Wermland zu verschwinden. Die Zeiten waren jetzt derart, daß der, dessen Name die ganze Welt erzittern gemacht hatte, jetzt froh sein konnte, daß niemand seinen einst so gefürchteten Namen kannte.

Er hatte dem Kronprinzen sein Ehrenwort gegeben, daß er Wermland nicht verlassen und nicht ohne zwingende Notwendigkeit erzählen wolle, wer er sei. Und dann kam er nach Ekeby mit einem Handschreiben des Kronprinzen an den Major, dem er auf das wärmste empfohlen wurde. Da öffneten sich ihm die Türen des Kavalierflügels.

Anfänglich zerbrach man sich den Kopf, wer diese bekannte Persönlichkeit sein möge, die sich unter dem angenommenen Namen verbarg. Allmählich aber wurde er in einen Kavalier und Wermländer verwandelt. Alle Menschen nannten ihn Vetter Kristoffer, ohne eigentlich zu wissen, woher er gerade diesen Namen bekommen hatte.

Aber es war nicht leicht für einen Raubvogel, im Bauer zu leben. Er ist ja an etwas anderes gewöhnt, als von einer Stange auf die andere zu hüpfen und aus der Hand seines Wächters gefüttert zu werden. Die Aufregung der Schlachten und der Todesgefahr hatte einst sein Blut entflammt; ihm ekelte vor dem stumpfsinnigen Frieden.

Freilich waren auch die andern Kavaliere nicht lauter zahme Vögel; bei keinem aber brannte das Blut so heiß wie bei Vetter Kristoffer. Eine Bärenjagd war das einzige, was seine schlaffen Lebensgeister wieder anzuregen vermochte -- eine Bärenjagd oder eine Frau -- eine einzige Frau.

Er war wieder aufgelebt, als er vor zehn Jahren zum erstenmal Gräfin Märta gesehen hatte, die damals schon Witwe war. Eine Frau, launenhaft wie der Krieg, anstachelnd wie die Gefahr, ein sprudelndes, keckes Wesen -- er liebte sie.

Und nun saß er da und wurde alt und grau, ohne sie zur Gattin begehren zu können. Jetzt hatte er sie seit fünf Jahren nicht mehr gesehen. Er welkte und starb allmählich hin, wie ein Adler in der Gefangenschaft. Mit jedem Jahr wurde er dürrer und frostiger. Er mußte tiefer in den Pelz und näher an den Ofen heran kriechen.

* * * * *

Und so sitzt er da, erfroren, zerzaust und grau an dem Morgen des Tages, da man am Abend die Osterschüsse abfeuern will. Die Kavaliere sind alle aus -- er aber sitzt in seiner Ofenecke.

Ach, Vetter Kristoffer, Vetter Kristoffer, weißt du es denn nicht?

Der lächelnde Lenz ist gekommen. Die Natur erwacht aus ihrem bleiernen Schlaf, und in den blauen Wolken tummeln sich schmetterling-beschwingte Wesen in übermütigem Spiel. Dicht aneinandergedrängt wie die Blüten an einem wilden Rosenbusch schimmern ihre Gesichter aus den Wolken heraus. Sie läuten es in die Welt hinein wie mit tausend Sturmglocken: »Lust und Freude! Lust und Freude! Er ist gekommen, der sprudelnde Lenz!«

Vetter Kristoffer aber sitzt regungslos da und versteht nichts. Er beugt sein Haupt herab auf die steifen Finger und träumt von Kugelregen und vom Baum der Ehre, der auf dem Schlachtfelde wächst. Vor seinem geistigen Auge erblühen Rosen und Lorbeeren, die nicht der sanften Schönheit des Lenzes bedürfen.

Es ist doch ein Jammer um ihn, den einsamen alten Fremdling, der dort oben in dem Kavalierflügel sitzt, ohne Volk, ohne Land, er, der nie einen Laut von der Sprache seines Heimatlandes hört, er, dessen Los einst ein namenloses Grab auf dem Broer Kirchhof sein wird. Was kann er dafür, daß er ein Adler ist, geboren zu verfolgen und zu töten?

O Vetter Kristoffer, du hast lange genug im Kavalierflügel gesessen und geträumt! Auf und trinke den sprudelnden Wein des Lebens in den hohen Schlössern! Wisse, Vetter Kristoffer, daß heute ein Brief an den Major gekommen ist, ein königlicher Brief, mit dem schwedischen Reichssiegel versehen. Er ist an den Major gerichtet, der Inhalt aber betrifft dich. Du bist wunderlich zu schauen, während du den Brief liesest, du alter Raubvogel. Das Auge bekommt Glanz, der Kopf hebt sich. Du siehst die Tür des Bauers offen stehen, siehst den ganzen Weltenraum deinen sehnsuchtsvollen Schwingen erschlossen.

* * * * *

Vetter Kristoffer taucht tief nieder bis auf den Boden seiner Kleiderkiste. Dann holt er die sorgfältig verwahrte goldgestickte Uniform hervor und legt sie an. Er setzt den federgeschmückten Hut auf den Kopf und sprengt von Ekeby fort auf seinem prächtigen weißen Roß.

Das ist etwas anderes, als in der Ofenecke zu sitzen. Jetzt sieht er auch, daß der Frühling gekommen ist.

Er hebt sich im Sattel und spornt das Pferd zum Galopp an. Der Dolman und das Pelzwerk flattern; der Federbusch auf dem Hut weht. Der Mann ist verjüngt wie die Erde; er ist aus einem langen Winterschlaf erwacht. Das alte Gold kann noch glänzen. Das kecke Kriegergesicht unter dem Dreimaster ist gar stolz zu schauen.

Ein wunderlicher Ritt! Überall, wo er reitet, sprudeln Bäche hervor, sprossen Anemonen aus dem Erdboden. Die Zugvögel schreien und jubeln um den befreiten Gefangenen. Die ganze Natur nimmt teil an seiner Freude.

Herrlich wie ein Sieger kommt er. Der Frühling selber reitet auf einer schwebenden Wolke vor ihm her. Er ist leicht und luftig, der lichte Geist, bläst ins Waldhorn und hüpft übersprudelnd von Freude im Sattel auf und nieder. Und rings um Vetter Kristoffer herum tummelt ein Stab von alten Waffenbrüdern die Pferde: da ist das Glück, das auf seinen Zehenspitzen im Sattel steht, und die Ehre auf ihrem stattlichen Roß und die Liebe auf ihrem feurigen Araber.

Ein wunderlicher Ritt, ein wunderlicher Reiter. Die Drossel ruft ihn an: »Vetter Kristoffer, Vetter Kristoffer. Wo willst du hin? Wo willst du hin?«

»Nach Borg, um zu freien! Nach Borg, um zu freien!« antwortet Vetter Kristoffer.

»Reit nicht nach Borg! Reit nicht nach Borg! Ein lediger Mann hat keine Sorg!« ruft ihm die Drossel nach.

Er aber hört nicht auf die Warnung. Bergauf und bergab reitet er, bis er endlich da ist. Er springt vom Sattel und wird zur Gräfin hineingeführt.

Alles geht gut. Gräfin Märta ist gnädig gegen ihn. Vetter Kristoffer merkt, daß sie nicht abgeneigt ist, seinen berühmten Namen zu tragen und ihm auf sein Schloß zu folgen. Er sitzt da und schiebt den glücklichen Augenblick hinaus, wo er ihr den Brief des Königs zeigen wird. Er genießt dies Warten.

Sie plaudert und unterhält ihn mit tausend Geschichten. Er lacht über alles und bewundert alles. Da sie aber gerade in einem der Zimmer sitzen, in denen Gräfin Elisabeth Mamsell Mariens Gardinen aufgehängt hat, fängt die Gräfin auch an, die Geschichte dieser Gardinen zu erzählen.

»Sehen Sie,« sagt sie schließlich, »sehen Sie, so schlecht bin ich, und hier hängen nun diese Gardinen, damit ich stets an meine Sünden erinnert werde. Das ist eine Buße sondergleichen. Pfui, diese abscheuliche Filetarbeit!«

Der große Krieger, Vetter Kristoffer, schaut sie mit blitzenden Augen an.

»Auch ich bin arm und alt«, sagt er. »Auch ich habe zehn Jahre im Ofenwinkel gesessen und mich nach meiner Geliebten gesehnt. Lachen Euer Gnaden darüber etwa auch?«

»Ach nein, das ist etwas ganz anderes«, erwidert die Gräfin.

»Gott hat mir mein Glück und mein Vaterland genommen und mich gezwungen, fremder Leute Brot zu essen«, sagt Vetter Kristoffer in ernsthaftem Ton. »Ich habe gelernt, die Armut zu achten!«

»Sie auch?« ruft die Gräfin und hebt die Hände in die Höhe. »Wie tugendhaft die Menschen doch sind! Mein Gott, wie tugendhaft sie alle geworden sind!«

»Ja,« sagt er, »merken Sie sich das, Frau Gräfin, sollte mir Gott einmal in Zukunft meine Macht und meinen Reichtum wiedergeben, dann will ich einen bessern Gebrauch davon machen, als sie mit einer Weltdame zu teilen, mit einem geschminkten, herzlosen Geschöpf, das sich über die Armut lustig macht.«

»Darin haben Sie vollkommen recht, Vetter Kristoffer!«

Und damit marschiert Vetter Kristoffer aus dem Zimmer und reitet wieder heim nach Ekeby; die Geister aber folgen ihm nicht, die Drossel ruft ihn nicht an, er sieht nicht mehr den lächelnden Frühling.

Er kommt gerade in dem Augenblick nach Ekeby, als die Osterschüsse abgefeuert werden und man die »Osterhexe« verbrennt. Die Osterhexe ist eine große Strohpuppe, deren Gesicht aus alten Lumpen besteht, auf denen Augen, Nase und Mund mit Kohle aufgezeichnet sind. Sie trägt die abgelegten Kleider einer Armenhäuslerin, einen langstieligen Feuerhaken und Besenschaft an der Seite und das Salbenhorn[2] um den Hals. Sie ist bereit, nach Blåkulla zu fahren.

[2] Das Salbenhorn mit der Hexensalbe gehört dem schwedischen Volksglauben nach zu den Attributen der Hexen, wenn sie nach Blåkulla, dem schwedischen Blocksberg, reiten.

Major Fuchs ladet seine Flinte und schießt sie einmal über das andere in die Luft ab. Dann wird ein Feuer von Reisig angezündet, die Hexe darauf geworfen und verbrannt. Ja, die Kavaliere tun, was sie können, um auf alte, erprobte Weise die Macht der bösen Geister zu vernichten.

Vetter Kristoffer steht da und schaut mit finsterer Miene zu. Plötzlich reißt er den großen königlichen Brief aus seinem Ärmelaufschlag und wirft ihn ins Feuer. Gott allein weiß, was er dabei denkt. Vielleicht bildete er sich ein, daß Gräfin Märta selber dort auf dem Scheiterhaufen verbrannt werde. Vielleicht meinte er, daß es nichts mehr auf der Erde gibt, was taugt, da ja diese Frau, die er so viele Jahre geliebt hat, nur aus Lumpen und Stroh bestand.

Er geht wieder in den Kavalierflügel zurück, zündet das Feuer an und verwahrt seine Uniform. Wieder setzt er sich in die Ofenecke und wird mit jedem Tage zerzauster und grauer. Er stirbt nach und nach, so wie die alten Vögel in der Gefangenschaft.

Er ist kein Gefangener mehr, aber er macht sich nichts daraus, seine Freiheit zu gebrauchen. Die Welt steht ihm offen. Der Walplatz, die Ehre, das Leben erwarten ihn. Aber er hat keine Kraft mehr, die Schwingen zum Fluge auszubreiten.

Lebenswege

Schwer sind die Wege, die die Menschen hier auf Erden wandern müssen.

Wüstenpfade, Sumpfpfade, Bergpfade.

Weshalb darf so viel Kummer seinen Gang gehen, bis er sich in der Wüste verirrt oder in den Sumpf versinkt oder vom Berge herabstürzt? Wo sind die kleinen Blumenmädchen, wo sind die kleinen Märchenprinzessinnen, auf deren Spuren Rosen wachsen, wo sind die Wesen, die Blumen auf die schweren Wege streuen sollen?

Jetzt hat Gösta Berling, der Poet, beschlossen, sich zu verheiraten. Er sucht nur nach einer Braut, die arm genug, gering genug ist für einen verrückten Pfarrer. Schöne und edle Frauen haben ihn geliebt, aber sie sollen nicht vortreten und um seine Hand werben. Der Verstoßene wählt unter den Verstoßenen. Wen soll er wählen, wen wird er finden?

Zuweilen kommt ein armes junges Mädchen aus einer einsamen Waldgegend hoch oben zwischen den Bergen nach Ekeby, um Besen zu verkaufen. In dieser Gegend, wo große Armut und stetes Elend herrschen, gibt es viele, die nicht im Besitz ihres vollen Verstandes sind, und das Mädchen mit den Besen ist eine von diesen vielen.

Aber schön ist sie. Ihr starkes, schwarzes Haar ist in zwei Zöpfe geflochten, die so dick sind, daß sie kaum Platz auf ihrem Kopf haben, und ihre Wangen sind fein gerundet, die Nase ist gerade und nicht sehr groß, die Augen sind blau. Sie gehört zu jenen melancholischen, madonnenähnlichen Schönheitstypen, wie man sie noch heute bei schönen Mädchen an den Ufern des langen Löfsees findet.

Nun, da hatte Gösta ja eine Braut -- eine halbverrückte Besenverkäuferin ist eine gute Frau für einen verrückten Pfarrer. Etwas Passenderes kann es nicht geben. Er braucht nur nach Karlstad zu reisen, um die Ringe zu bestellen, dann können die Leute am Löfsee wieder einen vergnügten Tag haben. Sie sollen noch einmal über Gösta Berling lachen, wenn er sich mit der Besenverkäuferin verlobt und Hochzeit mit ihr hält. Ja, lachen sollen sie! Hat er jemals einen lustigeren Streich geplant?

Schwer sind die Wege, auf denen die Menschen wandern -- Wüstenpfade, Sumpfpfade, Bergpfade.

Muß nicht der Verstoßene den Weg des Verstoßenen wandeln? Den Weg des Zornes, den Weg des Kummers, den Weg des Unglücks? Was macht es, wenn er stürzt, wenn er zugrunde geht? Ist da irgend jemand, der sich daran kehrt, ihn zurückzuhalten? Ist da irgend jemand, der ihm eine stützende Hand, einen labenden Trunk reicht? Wo sind die kleinen Blumenmädchen, wo sind die kleinen Märchenprinzessinnen, wo sind alle die Wesen, die Rosen auf die schweren Pfade streuen sollen?

Nein, nein, die junge, sanfte Gräfin auf Borg will Gösta Berling nicht in seinen Plänen stören. Sie will an ihren Ruf denken, an den Zorn ihres Mannes und den Haß ihrer Schwiegermutter, sie will nichts tun, um ihn zurückzuhalten.

Während des langen Gottesdienstes in der Svartsjöer Kirche will sie ihr Haupt beugen, will ihre Hände falten und für ihn beten. In schlaflosen Nächten kann sie über ihn weinen und sich um ihn sorgen, aber sie hat keine Blumen, um sie auf den Weg des Verstoßenen zu streuen, keinen Tropfen Wasser, um ihn dem Durstenden zu reichen, keinen leisen Händedruck, der ihn vom Rande des Abgrunds hätte zurückführen können.