Gösta Berling: Erzählungen aus dem alten Wermland
Chapter 14
Er aber liegt im Schlitten und hält die junge Gräfin fest. Aller Kummer ist vergessen, hingerissen von der berauschenden Freude des Abenteuers singt er aus vollem Halse ein Lied von Liebe und von Rosen. Er hält sie fest an sich gepreßt, sie aber macht keinen Versuch, ihm zu entfliehen. Ihr Antlitz ruht weiß und versteinert an seiner Brust.
Ach, was soll ein Mann tun, wenn er ein bleiches, hilfloses Gesicht so unmittelbar in seiner Nähe hat, wenn er das blonde Haar, das sonst die schimmernd weiße Stirn beschattet, zurückgestrichen sieht, wenn die Lider sich schwer über den grauen, schelmischen Augen geschlossen haben?
Küssen, natürlich, die bleichen Lippen, die geschlossenen Augen, die weiße Stirn küssen!
Da aber erwacht die junge Frau. Sie wirft sich auf die Seite, sie ist elastisch wie eine Feder. Und er muß mit seiner ganzen Kraft gegen sie kämpfen, damit sie sich nicht aus dem Schlitten stürzt, ehe es ihm gelingt, sie ergeben aber zitternd in die eine Ecke des Schlittens zu zwingen.
»Siehe,« sagt Gösta ganz ruhig zu Beerencreutz, »die Frau Gräfin ist die Dritte, die Don Juan und ich diesen Winter entführen. Aber die andern hingen an meinem Halse und küßten mich, und sie will weder von mir geküßt werden noch mit mir tanzen. Kannst du aus diesen Frauen klug werden, Beerencreutz?«
Aber als Gösta aus dem Hofe fuhr, als die Frauen schrien und die Männer fluchten, als die Schlittenglocken klingelten und die Peitschen knallten und überall Lärm und Verwirrung herrschte, da ward den Männern, die die Majorin bewachten, gar wunderlich zumute.
»Was geht denn da vor sich?« dachten sie. »Weshalb schreien die Leute?«
Plötzlich wird die Tür aufgerissen und eine Stimme ruft ihnen zu: »Sie ist fort. Jetzt fahren sie mit ihr ab.«
Und sie laufen wie verrückte Menschen davon, ohne nachzusehen, ob es die Majorin oder sonst jemand war, der verschwunden ist.
Das Glück war ihnen günstig, sie fanden sogar noch Platz in einem Schlitten. Und sie fuhren eine lange Strecke, ehe es ihnen klar ward, wer die Verfolgte war.
Aber Bergh und Vetter Kristoffer gingen ganz gemächlich nach der Tür, sprengten das Schloß und öffneten der Majorin.
Sie kam heraus. Sie standen so steif wie zwei Bildsäulen zu jeder Seite der Tür und sahen sie nicht an.
»Draußen hält ein angespannter Schlitten!«
Da ging sie hinaus, setzte sich in das Fuhrwerk und fuhr von dannen. Niemand verfolgte sie. Es wußte auch niemand, wohin sie fuhr.
Don Juan eilt die Brobyer Hügel hinab, an die eisbedeckte Fläche des Sees. Das stolze Roß fliegt dahin. Eiskalte Luft umsaust schneidend die Wangen der Fahrenden. Die Schellen läuten. Die Sterne und der Mond funkeln. Der Schnee liegt blauweiß und schimmert mit seinem eigentümlichen Glanz.
Gösta fühlt poetische Gedanken in sich erwachen.
»Beerencreutz,« sagt er, »dies ist das Leben. So wie Don Juan mit dieser jungen Dame enteilt, so entflieht die Zeit mit den Menschen. Du bist die bittere Notwendigkeit, die das Gefährt lenkt. Ich bin das Verlangen, das den Willen gefangen hält. Und so wird der Machtlose tiefer und tiefer hinabgezogen.«
»Rede nicht so viel«, brüllt Beerencreutz. »Jetzt sind sie uns auf den Fersen.« Und mit sausendem Peitschenschlag treibt er Don Juan zu immer wilderer Fahrt an.
»Da sind die Wölfe, hier ist die Beute«, ruft Gösta.
»Don Juan, mein Junge, bilde dir ein, daß du ein junges Elentier bist. Stürze durch das Gestrüpp, wate durch das Moor, springe vom Felsabhang hinab in den klaren See, schwimme mit keck erhobenem Haupt darüber hin und verschwinde, verschwinde in der errettenden Finsternis des dichten Tannenwaldes. Laufe, Don Juan, alter Frauenräuber! Laufe wie ein junges Elentier!«
Sein wildes Herz schwillt vor Jubel bei der blitzschnellen Fahrt. Die Schreie der Verfolger sind ihm ein Jubelgesang. Sein wildes Herz schwillt vor Jubel, als er bemerkt, daß die Glieder der Gräfin vor Schreck erbeben, als er ihre Zähne klappern hört.
Plötzlich löst sich der eiserne Griff, mit dem er sie festgehalten hat. Er richtet sich hoch im Schlitten auf und schwingt die Mütze.
»Ich bin Gösta Berling!« ruft er, »Herr über tausend Küsse und dreizehntausend Liebesbriefe. Hurra! für Gösta Berling! Fange ihn, wer da kann!«
Und im nächsten Augenblick flüstert er der Gräfin ins Ohr: »Ist dies nicht eine herrliche Fahrt? Ist es nicht eine königliche Fahrt? Hinter dem Löfsee liegt der Wenersee, hinter dem Wenersee liegt das Meer. Überall unendliche Flächen von spiegelblankem, blauschwarzem Eis und dahinter wieder eine strahlende Welt. Rollender Donner in dem krachenden Eis, gellende Rufe hinter uns, Sternschnuppen in der Luft und Schlittengeläute vor uns. Vorwärts! Immer vorwärts! Haben Sie Lust, diese Reise mit mir zu machen, schöne junge Frau Gräfin?«
Er hat sie freigegeben. Sie stößt ihn heftig von sich.
Im nächsten Augenblick liegt er zu ihren Füßen auf den Knien.
»Ich bin ein Elender, ein Elender! Die Frau Gräfin hätte mich nicht reizen sollen. Sie standen so stolz und fein da und glaubten, daß eine Kavalierfaust Sie niemals erreichen könne. Himmel und Erde lieben Sie. Sie sollten den nicht noch mit Steinen belasten, der von Himmel und Erde verachtet ist.«
Er ergreift ihre Hände und führt sie an sein Gesicht.
»Wenn Sie nur wüßten,« sagt er, »was es heißt, zu wissen, daß man ein Ausgestoßener ist. Es ist einem einerlei, was man tut, ganz einerlei.«
Im selben Augenblick bemerkt er, daß sie nichts an den Händen hat. Er nimmt ein Paar große Pelzhandschuhe aus der Tasche und zieht sie ihr an. Und dann ist er plötzlich ganz ruhig geworden. Er setzt sich im Schlitten zurecht, so weit wie nur möglich von der jungen Gräfin entfernt.
»Die Frau Gräfin brauchen sich nicht zu fürchten«, sagt er. »Sehen die Frau Gräfin nicht, wohin wir fahren? Sie werden doch begreifen können, daß wir Ihnen kein Leides antun wollen.«
Sie ist beinahe ganz besinnungslos gewesen vor Schrecken, aber nun sieht sie, daß sie schon über den See gefahren sind und daß Don Juan jetzt die steilen Hügel bei Borg hinaufkeucht. Sie halten das Pferd vor der Treppe zum Hauptgebäude an und lassen die junge Gräfin an der Tür ihres eigenen Hauses absteigen.
Als sie sich aber von der Dienerschaft umringt sieht, die herausgestürzt kommt, kehrt ihr Mut und ihre Geistesgegenwart zurück.
»Sorgen Sie für das Pferd, Andersson,« sagt sie, »die Herren, die mich nach Hause gefahren haben, sind sicher so freundlich, ein wenig näher zu treten. Der Graf muß gleich hier sein.«
»Wie die Frau Gräfin befehlen«, sagt Gösta und steigt sofort aus dem Schlitten. Beerencreutz wirft, ohne sich zu besinnen, dem Kutscher die Zügel zu. Die junge Gräfin aber geht voraus und führt sie mit schlecht verhehlter Schadenfreude in den Saal.
Die Gräfin hatte sicher gedacht, daß die Kavaliere sich besinnen würden, auf ihren Vorschlag einzugehen und ihren Mann zu erwarten. Sie wußten also nicht, welch ein strenger, gerechter Mann er war. Sie fürchteten sich nicht vor der Strafe, die er denen zuerteilen würde, die sie mit Gewalt ergriffen und gezwungen hatten, mit ihnen zu fahren. Sie wollte es mit anhören, wie er ihnen untersagte, jemals wieder den Fuß über ihre Schwelle zu setzen. Sie wollte es erleben, wie er die Dienerschaft hereinrief und vor ihnen die Kavaliere als Persönlichkeiten hinstellte, die sie in Zukunft niemals in die Tore von Borg einlassen dürften. Sie wollte hören, wie er seine Verachtung aussprach, nicht nur über das, was sie ihr angetan, sondern auch über ihr Benehmen gegen die alte Majorin, ihre Wohltäterin.
Ja, er, der ihr gegenüber lauter Zärtlichkeit und Rücksicht war, er würde sich in gerechtem Zorn gegen ihre Verfolger erheben. Die Liebe würde seinen Worten Feuer verleihen. Er, der sie beschützte und bewachte wie ein Wesen feinerer Art als jede andere, er würde es nicht dulden, daß rohe Männer über sie herfielen und sie ergriffen, wie der Raubvogel über den Sperling herfällt. Die ganze kleine Frau erglühte vor Rachedurst vom Scheitel bis zur Sohle. Ihr Mann sollte ihr in ihrer Ohnmacht helfen und die dunklen Schatten vertreiben.
Beerencreutz, der Oberst mit dem dicken weißen Schnurrbart, ging ganz unerschrocken in den Speisesaal, trat an den Kamin, in dem stets, wenn die Gräfin aus einer Gesellschaft kam, ein helles Feuer brannte.
Gösta verharrte im Dunkeln an der Tür und betrachtete schweigend die Gräfin, die der Diener ihres Pelzes entledigte. Wie er so dasaß und die junge Frau ansah, ward er so heiter, wie er es seit Jahren nicht gewesen war. Es ward ihm so klar, er war so überzeugt davon, als sei es eine Offenbarung, daß in ihrem Innern die schönste Seele wohnen müsse.
Lange hatte sie in tiefem Schlaf befangen gelegen, aber sie würde schon ans Tageslicht kommen. Er war so froh, daß er all die Reinheit und Frömmigkeit und Unschuld entdeckt hatte, die in ihrem innersten Herzen wohnten. Er war nahe daran, über sie zu lachen, weil sie so erzürnt aussah und mit flammenden Wangen und gerunzelter Stirn dastand.
»Du weißt es ja selber nicht, wie gut und milde du bist«, dachte er.
Die Seite ihres Wesens, die der Außenwelt zugewendet war, würde ihrem inneren Ich niemals volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, dachte er. Von diesem Augenblick an mußte aber Gösta Berling ihr Diener sein, wie man allem Schönen und Göttlichen dienen muß. Ja, es war ihm nicht möglich zu bereuen, daß er vorhin so gewaltsam gegen sie vorgegangen war. Wenn sie nicht so bange gewesen wäre, wenn sie ihn nicht so heftig von sich gestoßen hätte, wenn er nicht gefühlt hätte, wie sich ihr ganzes Wesen über seine Roheit empörte, so hätte er niemals erfahren, welch ein feiner, welch ein edler Geist in ihr wohnte.
Er hatte bisher keinen Grund gehabt, es zu glauben. Sie war ja lauter Tanzlust und Frohsinn. Und dann hatte sie ja das Unglaubliche tun und sich mit dem dummen Grafen Henrik verheiraten können.
Ja, nun würde er bis an den Tod ihr Sklave sein: Hund und Sklave, wie Hauptmann Christian zu sagen pflegte, und nichts anderes.
Dort an der Tür saß Gösta Berling mit gefalteten Händen und hielt eine Art Gottesdienst ab. Seit jenem Tage, als er zum erstenmal die Feuerzunge der Inspiration über sich hatte flammen fühlen, hatte er keine solche Erhebung in seiner Seele gefühlt. Er ließ sich nicht stören, obwohl Graf Dohna mit einer Menge Menschen hereinkam, die über alle die dummen Streiche der Kavaliere donnerten und fluchten.
Er ließ Beerencreutz den ersten Anprall hinnehmen. Er selber hatte an anderes zu denken. Ganz ruhig stand der Ritter der vielen Abenteuer am Kamin, setzte den einen Fuß auf das Kamingitter, stützte den Ellbogen gegen das Knie und das Kinn in die Hand und sah die Hereinstürmenden an.
»Was hat dies alles zu bedeuten?« brüllte der kleine Graf ihn an.
»Das bedeutet,« erwiderte er, »daß, solange es Frauenzimmer gibt, es auch nicht an Toren fehlen wird, die nach ihrer Pfeife tanzen.«
Der kleine Graf wurde dunkelrot. »Ich frage, was das zu bedeuten hat?« wiederholte er.
»Ja, das frage ich auch«, sagte Beerencreutz. »Darf ich mir die Frage erlauben, was es zu bedeuten hat, daß Graf Henrik Dohnas Gemahlin nicht mit Gösta Berling tanzen will?«
Der Graf wandte sich fragend an seine Gattin.
»Ich konnte nicht, Henrik«, rief sie aus. »Ich konnte weder mit ihm, noch mit einem von den anderen tanzen. Ich dachte an die Majorin, die sie im Gefängnis verschmachten ließen.«
Der kleine Graf richtete seinen steifen Körper stramm auf und warf seinen Greisenkopf in den Nacken.
»Wir Kavaliere«, sagte Beerencreutz, »gestatten niemand, uns zu verhöhnen. Wer nicht mit uns tanzen will, muß mit uns fahren. Es ist der Gräfin kein Schaden zugefügt, und damit mag die Sache ein Ende haben.«
»Nein,« sagte der Graf, »damit hat sie kein Ende. Ich muß für die Handlungen meiner Gattin einstehen. Jetzt frage ich, weshalb sich Gösta Berling nicht an mich wandte, um von mir Satisfaktion zu erlangen, als meine Frau ihn beleidigt hatte.«
Beerencreutz lächelte.
»Ich frage ...« wiederholte der Graf.
»Man bittet den Fuchs nicht um Erlaubnis, wenn man ihm das Fell abziehen will«, sagte Beerencreutz.
Der Graf legte die Hand auf seine schmale Brust.
»Man sagt mir nach, daß ich ein gerechter Mann bin«, entgegnete er. »Ich kann Gericht über meine Dienerschaft halten. Weshalb sollte ich nicht auch Gericht über meine Gemahlin halten? Die Kavaliere haben kein Recht, sie zu richten. Die Strafe, die sie ihr auferlegt haben, hebe ich auf. Die hat für mich gar nicht stattgefunden. Verstehen Sie, meine Herren, die hat gar nicht stattgefunden.«
Der Graf schrie die Worte in seinem höchsten Falsett.
Beerencreutz warf einen schnellen Blick auf die Gesellschaft. Da war nicht einer der Anwesenden -- Sintram und Daniel Bendix und Dahlberg und wer sonst noch mit hereingekommen war --, der nicht in den Bart gelacht hätte, weil er sich so über den dummen Grafen Henrik lustig machte.
Die junge Gräfin verstand es nicht sofort. Was war es eigentlich, das für null und nichtig erklärt wurde? Ihre Angst, die harte Behandlung ihres zarten Körpers von seiten der Kavaliere, der wilde Gesang, die wilden Worte, die wilden Küsse, sollte das alles gar nicht stattgefunden haben?
»Aber Henrik ...«
»Schweig!« herrschte er sie an. Und nun richtete er sich auf, um ihr eine Strafpredigt zu halten. »Wehe dir, daß du, die du eine Frau bist, dich hast zum Richter über Männer aufwerfen wollen«, sagte er. »Wehe dir, daß du, die du meine Frau bist, es wagst, jemand zu beleidigen, dessen Hand ich drücke. Was geht es dich an, daß die Kavaliere die Majorin ins Gefängnis geworfen haben? Hatten sie nicht das Recht dazu? Du wirst es niemals verstehen können, wie ein Mann sich im Innersten seiner Seele verletzt fühlt, wenn er von der Treulosigkeit der Frauen hört. Gedenkst du selber, den schlüpfrigen Weg zu wandeln, da du eine solche Frau in Schutz nimmst?«
»Aber Henrik ...«
Sie jammerte wie ein Kind und streckte die Arme aus, als wolle sie die bösen Worte abwenden. Sie hatte wohl noch niemals so harte Worte an sich richten hören. Sie war so hilflos zwischen diesen harten Männern, und nun wandte ihr einziger Verteidiger sich gegen sie. Nie mehr würde ihr Herz Kraft haben, die Welt hell zu machen.
»Aber Henrik! Du solltest mich ja beschützen!«
Gösta Berling war jetzt, wo es zu spät war, aufmerksam geworden. Er wußte nicht, was er tun sollte. Er meinte es so gut mit ihr. Aber er wagte nicht, sich zwischen Mann und Frau zu drängen.
»Wo ist Gösta Berling?« fragte der Graf.
»Hier«, sagte Gösta. Und er machte einen mißglückten Versuch, das Ganze als Scherz darzustellen. »Der Herr Graf waren gewiß dabei, eine Rede zu halten, und ich schlief ein! Was meinen der Herr Graf dazu, wenn wir jetzt nach Hause führen und Sie zu Bette gehen ließen?«
»Gösta Berling! Sintemal meine Gattin sich geweigert hat, mit dir zu tanzen, befehle ich, daß sie deine Hand küssen und dich um Verzeihung bitten soll.«
»Mein lieber Graf Henrik,« sagt Gösta lächelnd, »das ist keine Hand, geeignet von einer jungen Dame geküßt zu werden. Gestern war sie rot von dem Blut eines erlegten Elentiers, morgen ist sie schwarz von Ruß nach einer Schlägerei mit einem Köhler. Der Graf hat ein edles, hochherziges Urteil gefällt. Das ist eine hinreichende Genugtuung. Komm, Beerencreutz!«
Der Graf stellte sich ihm in den Weg. »Geh nicht«, sagt er. »Meine Frau muß mir gehorchen. Ich will, daß meine Gemahlin erfährt, wozu es führt, wenn sie eigenmächtig handelt.«
Gösta blieb unschlüssig stehen. Die Gräfin stand bleich da, rührte sich aber nicht.
»Geh!« sagte der Graf.
»Henrik, ich kann nicht!«
»Du kannst!« sagte der Graf hart. »Du kannst. Aber ich weiß, was du willst. Du willst mich zwingen, mich mit dem Manne zu duellieren, den du in deiner Launenhaftigkeit nicht leiden kannst. Wohlan! Wenn du ihm keine Genugtuung geben willst, so will ich es. Es ist stets ein besonderes Vergnügen für eine Frau, wenn Männer ihretwegen getötet werden. Du hast den Fehler begangen, willst ihn aber nicht sühnen. Ich werde mich duellieren, Frau Gräfin! In wenigen Stunden werde ich eine blutige Leiche sein.«
Sie schaute ihn mit einem langen Blick an. Und sie sah ihn so, wie er war: dumm, feige, aufgeblasen vor Hochmut und Eitelkeit, der elendeste Mensch, den man sehen kann.
»Beruhige dich«, sagte sie. Und sie war kalt wie Eis. »Ich werde es tun.«
Jetzt aber geriet Gösta Berling ganz außer sich.
»Das dürfen die Frau Gräfin nicht! Nein, Sie dürfen es nicht! Sie sind ja nur ein Kind, ein schwaches, unschuldiges Kind, und Sie sollten meine Hand küssen! Sie haben eine so reine und schöne Seele. Ich werde nie wieder in Ihre Nähe kommen, nie wieder! Ich bringe Tod und Verderben über alles, was gut und unschuldig ist. Sie sollen mich nicht anrühren. Ich schrecke vor Ihnen zurück wie das Feuer vor dem Wasser. Sie dürfen es nicht tun!«
Er hielt die Hände auf dem Rücken.
»Es schadet mir nichts, Herr Berling! Jetzt schadet es mir nicht mehr. Ich bitte Sie um Verzeihung! Ich bitte Sie, lassen Sie mich Ihre Hand küssen!«
Gösta hielt seine Hände noch immer auf dem Rücken. Er ließ den Blick durch den Saal schweifen und näherte sich der Tür.
»Wenn du die Genugtuung nicht annimmst, die meine Frau dir bietet, muß ich mich mit dir duellieren, Gösta Berling, und muß ihr außerdem eine noch härtere Strafe auferlegen.«
Die Gräfin zuckte die Achseln. »Er ist ja ganz verrückt vor Feigheit«, flüsterte sie. »Lassen Sie es geschehen! Es ist ja einerlei, ob ich gedemütigt werde. Das haben Sie ja die ganze Zeit hindurch gewollt.«
»Habe ich das gewollt? Glauben Sie, daß ich das gewollt habe? Jetzt, wo ich keine Hände mehr habe, die Sie küssen können, werden Sie verstehen, daß ich es nicht gewollt habe!« rief er aus.
Er lief nach dem Kamin und steckte seine Hände hinein. Die Flammen schlugen darüber zusammen, die Haut schrumpfte ein, die Nägel knatterten. Im selben Augenblick aber ergriff Beerencreutz ihn beim Nacken und schleuderte ihn gewaltsam durch das Zimmer. Er taumelte auf einen Stuhl und blieb dort sitzen. Er schämte sich fast über sein Benehmen. Würde sie glauben, daß er es nur aus Prahlerei getan hatte? Sich in einem mit Menschen angefüllten Zimmer so aufzuführen -- das mußte ja wie dumme Prahlerei erscheinen. Es war kein Gedanke an Gefahr dabei gewesen.
Ehe er sich vom Stuhl erhoben hatte, lag die Gräfin neben ihm auf den Knien. Sie ergriff die roten, rauchgeschwärzten Hände und betrachtete sie.
»Ich will sie küssen, ich will sie küssen,« rief sie aus, »sobald sie nicht mehr zu wund und zu krank sind.« Tränen stürzten ihr aus den Augen, während sie sah, wie sich die Brandblasen unter der versengten Haut hoben.
So ward es für sie eine Offenbarung ungekannter Herrlichkeit. Daß noch so etwas auf Erden geschehen konnte, daß so etwas um ihretwillen ausgeführt werden konnte! Was für ein Mann war er nicht, zu allem fähig, gewaltig im Guten wie im Bösen, ein Mann großer Taten, starker Worte, glänzender Eigenschaften! Ein Held, ein Held! Aus einem andern Stoffe gemacht als andere. Sklave einer Laune, der Lust eines Augenblickes, wild und schrecklich, aber im Besitz einer rasenden Kraft, nichts in der Welt fürchtend.
Sie hatte sich den ganzen Abend so bedrückt gefühlt, hatte nichts gesehen als Kummer und Grausamkeit und Feigheit. Jetzt war alles vergessen. Die junge Gräfin war wieder froh, ein Mensch zu sein. Die Dämmerungsgöttin war besiegt. Die junge Gräfin sah Licht und Farben und eine sonnige Welt.
* * * * *
Als die Gräfin bald darauf erfuhr, daß die Majorin befreit war, gab sie eine große Mittagsgesellschaft den Kavalieren zu Ehren. Damit begann ihre und Gösta Berlings lange Freundschaft.
Gespenstergeschichten
Ihr Kinder später Zeiten! Ich habe euch nichts Neues zu erzählen, nur das, was alt und beinahe vergessen ist. Nur Märchen habe ich aus dem Kinderzimmer, wo die Kleinen auf niedrigen Schemeln um die alte Märchenerzählerin herumhockten, von dem flackernden Herdfeuer in der Hütte, um das die Knechte und Tagelöhner im Kreise herumsaßen und schwatzten, während ihre feuchten Kleider dampften und sie ihr Messer aus der ledernen Scheide am Halse zogen, um Butter auf dickes, weiches Brot zu streichen, oder aus dem Saal, wo alte Herren in wiegenden Schaukelstühlen ruhten und, von dem dampfenden Grog belebt, von alten Zeiten redeten.
Stand dann ein Kind, das der Märchenerzählerin, den Tagelöhnern, den alten Herren gelauscht hatte, an Winterabenden am Fenster, da waren es keine Wolken, die es am Himmel dahinziehen sah, nein, die Wolken wurden zu Kavalieren, die in wackeligen Gefährten am Horizont dahinjagten; die Sterne waren Wachskerzen, die in dem alten Grafenschloß auf der Borger Landzunge angezündet wurden, und der Spinnrocken, der im Nebenzimmer schnurrte, ward von der alten Ulrika Dillner getreten. Denn der Kopf des Kindes war angefüllt mit den Menschen alter Zeiten, für sie lebte es, für sie schwärmte es.
Wurde aber so ein Kind, dessen ganze Seele mit Märchen gesättigt war, über den dunklen Boden in die Vorratskammer gesandt nach leinenen Tüchern oder Zwiebacken, da eilten die kleinen Füße, da ging es in fliegender Fahrt die Treppe hinab, über die Diele und in die Küche hinaus. Denn da oben im Dunkeln waren dem Kinde alle die alten Geschichten eingefallen, die es von dem bösen Gutsherrn auf Fors gehört hatte, von ihm, der sich dem Teufel verschrieb.
Der Staub des bösen Sintram weilt längst auf dem Svartsjöer Kirchhof, niemand aber glaubt, daß seine Seele in Gott ruht, wie es auf dem Grabstein geschrieben steht.
Während er lebte, war er einer von jenen, zu denen an langen, regnerischen Sonntagnachmittagen eine schwere, mit schwarzen Pferden bespannte Karosse gefahren kam. Ein eleganter, schwarz gekleideter Herr steigt aus dem Wagen und hilft dem Hausherrn bei Karten und Würfeln die schleichenden Stunden vertreiben, die ihn in ihrer Einförmigkeit zur Verzweiflung gebracht haben. Die Partie wird bis nach Mitternacht fortgesetzt, und wenn der Fremde in der Morgendämmerung abfährt, hinterläßt er stets irgendeine unheilverkündende Abschiedsgabe.
Ja, solange Sintram hier auf Erden weilte, war er einer von denen, dessen Kommen von Geistern angekündigt wird. Es gehen ihnen Warnungen voraus; ihr Wagen rollt auf den Hof, ihre Peitsche knallt, ihre Stimme wird auf der Treppe hörbar, die Haustür wird geöffnet und zugeschlagen. Hunde und Menschen erwachen von dem Geräusch, so stark ist es, aber es kommt niemand -- es sind nur Vorbedeutungen.
Hu! diese entsetzlichen Menschen, die von bösen Geistern heimgesucht werden! Was für ein großer Hund konnte das doch nur sein, der sich zu Sintrams Zeit auf Fors zeigte? Er hatte schreckliche, funkelnde Augen und eine lange feuerrote Zunge, die ihm weit aus dem keuchenden Maul heraushing. Eines Tages, gerade als die Knechte in der Küche beim Mittagessen saßen, hatte er an die Küchentür gekratzt, und alle Mädchen hatten vor Entsetzen aufgeschrien; aber der größte und stärkste von den Knechten hatte ein brennendes Scheit vom Herd genommen, die Tür aufgerissen und es dem Hund in den Rachen geschleudert. Da war er mit entsetzlichem Geheul entflohen, Feuer und Rauch waren aus seinem Maul herausgeschlagen, Funken hatten ihn umwirbelt, und seine Fußspuren schimmerten auf dem Wege wie Feuer.
Und etwas ganz Schreckliches war es, wenn der Gutsherr auf Reisen ging; er fuhr mit Pferden von Hause fort, aber wenn er des Nachts nach Hause kam, hatte er stets schwarze Stiere vor dem Wagen. Die Leute die an der Landstraße wohnten, konnten die großen schwarzen Hörner sich gegen den nächtlichen Himmel abheben sehen, wenn er vorüberfuhr: sie hörten die Stiere brüllen und entsetzten sich über die funkensprühenden Streifen, die die Wagenräder und Hufe in dem trocknen Kies hinterließen.