Part 19
»Es ist mir unmöglich, gegen Stämme zu kämpfen, gegen die meines Erachtens ungerecht verfahren wird. Der Sekretär für die Angelegenheiten der Eingebornen hat das Unrecht zugestanden, aber ein solches Zugeständnis allein genügt meinem Gewissen nicht.«
Es kann hiernach nicht wunder nehmen, daß Gordon nach wenigen Monaten seine Stelle niederlegte. Ehe er jedoch vollständig mit der Kapregierung brach, wurde er aufgefordert, als ~Privatmann~ nach Basutoland zu gehen und mit dem Häuptling Masupha zu verhandeln. Er nahm die Sendung an und ging allein und unbewaffnet. Daß er unversehrt zurückkam, ist ein Wunder; denn während Gordon als Friedensbote bei den Basuto verweilte, benutzte ein Kapminister die Gelegenheit, einen andern Häuptling gegen Masupha aufzuhetzen. Es ist lediglich Gordons persönlichem Einfluß zuzuschreiben, mit dem er stets das volle Vertrauen der Eingebornen zu gewinnen wußte, daß er aus dieser Lage unversehrt hervorging. Masupha sah, daß sein Gast an diesem Verrat keinen Anteil hatte, und ließ es ihn nur mit verdoppelter Hochachtung entgelten. Wenn solche Dinge in Südafrika seitens der Regierung vorfallen, dann kann man sich nur mit Gordon auf Seite der Eingebornen schlagen. Daß er daraufhin seinen Abschied einsandte und bei seiner Abreise nach England die Kapstadt links liegen ließ, ist nicht mehr, als von ihm zu erwarten war.
Als Beweis, wie wichtig es ihm erschien, die Basuto auf freundschaftlichem Wege bei ihrer Loyalität zu erhalten, bot er sich selbst an und war willens, sich zwei Jahre lang um den geringen Gehalt von sechstausend Mark bei dem Häuptling Masupha niederzulassen. Es war ein Opfer der Uneigennützigkeit, dessen man jedoch entbehren zu können glaubte. Zum Schluß noch seine Abschiedsrede an die Basuto, die ihn durchaus als den gebornen Beherrscher von Eingebornen, ja als einen Hirten der schwarzen Herde kennzeichnet:
»Als ein Freund der Basuto bin ich hier; ich habe mich als ihr Freund erwiesen, denn als man mich als Feind schicken wollte, um sie zu bekämpfen, weigerte ich mich zu kommen. Nun ich aber hier bin, möchte ich den Basuto Gutes thun. Die Basuto sind zum Rechten geneigt. Ich frage den Häuptling und sein Volk: Wie kann Basutoland für die Basuto erhalten bleiben? Und ich sage, daß die (britische) Regierung es wohl meint mit dem Land. Die Königin wünscht nicht, daß die Kolonie den Basuto ihr Land nehme; aber sowohl die Kolonie, als die Königin fürchten, daß die Basuto von den Boeren aufgegessen werden, wenn sie sich von ihnen zurückzieht. Ich mag die Boeren gut leiden, sie sind tapfer und wollen unabhängig sein; als sie kämpften, war es für ihre Freiheit. England hätte sie schlagen können, aber es wäre unrecht gewesen. Was aber glauben die Basuto, daß den Boeren lieber ist -- die Basuto oder ihr Land? Ihr Land meine ich wohl. Wenn nun die Kolonie dieses Land sich selbst überließe, so hätten die Basuto bald Not mit den Boeren und es gäbe Krieg. Ich blicke zehn Jahre voraus und sehe boerische Anpflanzungen hier: das gefällt mir nicht, es gefällt der Kolonie nicht, und der Königin nicht, und dem Basuto gar nicht. Deshalb sage ich zu den Basuto: haltet euch an die Regierung. Sagen die Basuto: Wir sind stark und können uns wehren und brauchen niemand über uns, und wollen keine Steuern zahlen, so antworte ich: mir persönlich ist es einerlei, ob sie Steuern zahlen oder nicht. Ich kann sie nicht dazu zwingen. Aber mein Herz ist betrübt, wenn ich an die Basuto denke. Ich sehe die Boeren hier, wie sie das Land an sich reißen. Ich versetze mich in Masuphas Lage und frage mich: was ist das Beste für mein Land und mein Volk. Ich weiß wohl, daß es in Basutoland Leute giebt mit zwei Zungen. Ich aber denke, daß einer mit ~einer~ Zunge die Wahrheit spricht. Ich glaube, daß Gott euch zu Christen gemacht hat. Ihr seid Schafe unseres Herrn Jesu und Er hat euch lieb. Wenn die Boeren euch aus eurem Lande verdrängen, so ist es mir kein Verlust und kann uns allen gleichgültig sein, sobald wir einmal begraben sind. Darin aber wünsche ich, daß die Basuto mir folgen. Habt alle nur ~eine~ Zunge. Ich kann mich nicht schwarz machen; ich kann den Masupha und sein Volk nicht zwingen zu thun, was mir gut scheint, ich überlasse es dem Herrn Jesus, der alles recht macht. Das ist's, was ich euch sagen wollte: thut, was euch gut dünkt, aber überlegt es wohl, und bittet Jesus um Rat.«
Achtes Buch.
Gordons Christentum.
Eine Zeit der Ruhe war endlich für Gordon gekommen: er verbrachte sie nicht »im Bett bis Mittag« und dann mit »Austernessen«, wie er's im Sudan einmal scherzweise als sein Ideal hingestellt hatte, sondern er nahm seine Bibel und seine Meßinstrumente und ging nach Jerusalem, um die Topographie der heiligen Stätten zu erforschen. Und zwar that er dies ebenso sehr mit dem geschulten Auge des Ingenieurs, als mit dem gläubigen Herzen des Christen. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen waren originell, wie alles an diesem Mann. Seinen eigentümlichen Ideen über Dinge, die er in Jerusalem gesehen, kann zwar nicht jeder folgen; sie sind zum Teil absonderlich; der lebendige Glaube aber, der dabei sein Herz erfüllt, ist ein leuchtendes Vorbild für uns alle. Der Bischof von Derry sagt schön: »Gordon ist zwar kein berufsmäßiger Theologe, aber er ist etwas viel Besseres; und ich meinesteils würde mich scheuen, einen zu kritisieren, an dem ich in jeder Hinsicht nur hinaufsehen kann, selbst wenn ich seiner Beweisführung nicht immer vernunftmäßig beizutreten im stande bin. Er ist uns allen ein Vorbild des Glaubens an den lebendigen Gott.«
Vier Punkte waren es hauptsächlich, die Gordon beschäftigten; erstens der wirkliche Ort der Kreuzigung; zweitens die Grenzlinie zwischen den Stämmen Benjamin und Juda; drittens die Frage, wo die Hebroniter wohnten, und viertens die Lage des Gartens Eden. Wie einer von Gordons englischen Biographen treffend bemerkt, ist's der gläubige Christ und der Mann vom Sappeur-Korps, den wir hier in einer eigentümlichen Verschmelzung von Mystizismus und mathematischem Vermessungstrieb begegnen; für den einsichtsvollen Kritiker ist es interessant, Gordons originellen, wenn gleich etwas seltsamen Gedanken zu folgen. Wir begnügen uns mit nachgehendem von mehr allgemeinem Wert.
Gordon hat in Palästina fleißig mit der Feder hantiert und im Laufe eines Jahres mehrere Tausend Briefseiten nach England geschickt. Etliche seiner Freunde, insbesondere jener Geistliche, den er in Lausanne kennen gelernt hatte, stellten dann aus diesen Briefen ein Büchlein: »Betrachtungen in Palästina« (London 1884) zusammen, das mit seinem Wissen und Willen bald nach seiner Abreise nach Khartum veröffentlicht wurde. Die Herausgabe des kleinen Buches war eine Art Vermächtnis, denn es ist bekannt geworden, daß Gordon die letzte Reise nach Khartum mit dem bestimmten Vorgefühl antrat, er werde England nicht wieder sehen. Von dem Büchlein hoffte er, es möchte »manchen Gläubigen zu neuen Gedanken anregen und dazu beitragen, daß Gottes Wohnungmachen in uns mit mehr Klarheit erfaßt werde. Das ist das große Geheimnis (Ps. 25). Er schuf uns, um ein Haus -- einen Tempel -- zu haben, in dem Er wohnen kann. Ohne uns ist er wohnungslos. Er bedarf unser, und wie sehr bedürfen wir seiner! Es ist mir ein Trost in meiner Schwachheit hier (in Khartum 3. März 1884) zu wissen, daß Er alles leitet, und es ist die reinste Meuterei, im Herzen oder gar mit der That gegen Seine Führung sich aufzulehnen. Möge Sein Name verherrlicht werden; möge dieses arme Volk hier gesegnet und getröstet werden; möge ich selbst gedemütigt werden, damit ich die Gegenwart Seines Geistes in meinem Herzen um so gewisser erfahren darf! Das ist mein ernstliches Gebet.«
Gordon ging weiter als die meisten Christen, die sozusagen damit zufrieden sind, daß Christus für sie genug gethan hat. Er suchte Wachstum und fand die Heiligung in der Gemeinschaft mit Gott in und durch Jesus. Daher erkannte er in den Sakramenten den von Gott verordneten Weg, dieses große Ziel zu erreichen. Nicht, daß er in der heiligen Taufe und im heiligen Abendmahl den ~einzigen~ Weg erblickte, auf dem Gottes Gnade dem Sünder zu teil werden kann, aber er verkündet ihren hohen Wert als wesentliche Bestandteile des Heiles und des christlichen Glaubenslebens. Ihm steht es fest, daß jeder Christ, Mann, Weib oder Kind, zur Priesterschaft Gottes berufen ist, und daß die Glieder der wahren Gemeinde selbst vor den Engeln durch die Gegenwart des heiligen Geistes ausgezeichnet sind, ja, daß sie wie beim Pfingstfeste des heiligen Geistes voll werden können.
Was die nachfolgende Übersetzung von Gordons Ansicht über die Sakramente anlangt, so machen wir nochmals darauf aufmerksam, daß wir es mit einem Teil der aus seinen Briefen zusammengestellten »Betrachtungen« zu thun haben, also mit seinen eigenen von Freunden zusammengetragenen Worten. Er ist daher nicht gerade für die Zusammenstellung verantwortlich, doch hat er von Khartum aus die ihm mitgeteilten Korrekturbogen gebilligt. Aus diesem Grund ist das Nachstehende auch nicht als eine erschöpfende Betrachtung anzusehen, wohl aber sind es tiefe Gedanken, die für den deutschen Leser um so merkwürdiger sind, als weder die Wiedergeburt in der heiligen Taufe, noch die wirkliche Gegenwart des Leibes und Blutes Jesu Christi im heiligen Abendmahl im allgemeinen von den englischen Christen geglaubt wird.
Die heilige Taufe.
Die Taufe geht dem heiligen Abendmahl voraus; ihr Vorbild muß daher auch in der Geschichte der ersten Menschen dem Essen der verbotenen Frucht voraus gehen.
Das Essen des Leibes und Blutes (Brot und Wein) im Sakrament dient zur Ernährung und Belebung des neuen Menschen. Es bedingt sichtbare Gestalt und äußerliche Handlung. Es schließt ein die Handlung eines Wiedergeborenen. Die Taufe wird Wiedergeburt genannt. Sie ist das Siegel der Einverleibung in den Leib Christi, die Kirche; sie wird auch ein Begrabenwerden und Auferstehen genannt, ein Ablegen des fleischlichen Leibes (Kol. 2, 11-12).
Adams Geschichte besteht aus Geschaffenwerden, Essen, Tod. Die heilenden Sakramente, Taufe und Abendmahl, sind die Fortsetzung dieser Geschichte. Nach dem Genuß der verbotenen Frucht war der Mensch tot in Übertretung und Sünde, von Gott getrennt und daher der innewohnenden Gegenwart des heiligen Geistes verlustig. Die Taufe ist das Sakrament, das den toten Menschen belebt -- seine Auferweckung; der Genuß des Abendmahls erhält ihn am Leben.
Durch das verbotene Essen verfiel der Mensch dem Tode; die Taufe erweckt ihn aus dem Tode und das heilige Abendmahl nährt ihn vom Baum des Lebens.
In der Taufe wird ein Element -- Wasser -- eine materielle Substanz mit des Menschen Leib in äußerliche Berührung gebracht; im Abendmahl werden die Elemente, Brot und Wein, in des Menschen Leib aufgenommen.
Im Essen liegt die Verbindung des heiligen Abendmahls mit dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.
Im Wasser liegt die Verbindung der Taufe mit einem vorsündlichen Ereignis, und dieses Ereignis ist die Schöpfung. Die Geschichte des Menschen ist Geschaffenwerden, Essen, Tod; Auferstehung oder Neuschaffung oder Wiedergeburt, Essen und ewiges Leben. In der Schöpfung müssen wir daher die Erklärung der Taufe suchen. »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, und die Erde war wüst und leer und der Geist Gottes schwebete auf den Wassern.«
Durch das Wort Gottes wurde die Erde aus den Wassern gerufen. Das ist die Schöpfung, und wie des Menschen Leib aus Erde gemacht ist, so darf man sagen, daß er aus den Wassern hervorgerufen worden ist durch das Wort Gottes, durch den heiligen Geist.
Hierin liegt die Analogie zwischen der Schöpfung, dem Ruf ins Leben, und der Taufe. Die Erde war tot sozusagen bis sie ins Leben gerufen wurde. So ist der Mensch tot sozusagen bis er wiedergeboren wird. Der Zustand der Erde vor der Schöpfung war ein ~toter~. Der fleischliche Mensch ist ~tot~. Der Zustand der Erde vor der Schöpfung war gleich dem Zustand des Menschen, als der Engel ihn aus dem Garten trieb.
Was Gottes Wort durch den heiligen Geist an der Erde vollbrachte, als es wüste, leer und finster auf der Tiefe war, das muß am fleischlichen Menschen vollbracht werden, ehe er leben kann. Durch den Ruf Christi und die Arbeit des Geistes kommt er zur Erkenntnis, daß er in einem Zustand der Sünde und Finsternis tot ist; und das äußere Zeichen solcher Erkenntnis ist, daß er getauft, bildlich untergetaucht wird ins Wasser, das seine Rückkehr ins Nichtssein bedeutet und somit die Neuschaffung ermöglicht.
Und wie die Erde einst mit Wasser bedeckt und tot war, so bedeckt die Taufe den Menschen bildlich mit Wasser, um seinen Tod anzudeuten, um öffentlich zu bezeugen, daß er den Tod als seinen Lohn anerkennt; und wie die Erde als eine neue Schöpfung aus dem Wasser hervorging, so ist der Mensch nach der Taufe eine neue Kreatur und dazu geschickt, vom Baum des Lebens im heiligen Abendmahl sich zu nähren.
Ich sage damit nicht, daß die Taufe als äußerliche Handlung den Menschen vom Tod errettet, wie ich auch nicht sage, daß das Abendmahl einem andern als dem gläubigen Empfänger ein Genuß zum Leben ist. Die Taufe ist ein Auferstehen vom Tod, und das Abendmahl ist ein Genuß zum ewigen Leben. Die Taufe an sich macht den Menschen nicht zum Christen. Wer nicht vorher ein Christ ist, der wird es nicht durch die Taufhandlung. Nach Röm. 4, 10. 11 war die Beschneidung das Siegel eines Bundes, dem Abraham durch den Glauben schon angehörte; ebenso ist die Taufe das Siegel eines bereits bestehenden Bundes, welcher ist ein Bund des Glaubens und des Innewohnens des heiligen Geistes.
Und wie der Gläubige im Abendmahl des Leibes und Blutes Christi teilhaftig wird, so wird der Gläubige in der Taufe aus dem Tod erweckt, er empfängt im Wasserbad die Vergebung der Sünde und die Einwohnung des heiligen Geistes, der schon an ihm gearbeitet hat; denn wie könnte er glauben, wenn der heilige Geist seine Seele nicht in den Stand setzte, zu bekennen, daß Jesus der Herr ist!
Ich hebe es noch einmal hervor, daß 1) in der heiligen Taufe das Element des Wassers mit dem Körper in äußerliche Berührung gebracht wird; daß 2) im heiligen Abendmahl Brot und Wein in den Körper aufgenommen werden; daß 3) das heilige Abendmahl in dem ersten Essen (der verbotenen Frucht) sein Gegen- und Vorbild hat und daß es 4) höchst wahrscheinlich ist, daß das andere Sakrament, die Taufe, in analoger Weise auf ein vorsündliches Ereignis sich bezieht. Mir ist schon lange der Gedanke gegeben worden, daß das dritte Kapitel des Evangeliums Johannes so zu verstehen ist, daß zwischen der natürlichen und der neuen Geburt ein Sterben liegt. Nikodemus verstand das nicht (V. 4), so klar es scheint. Er meinte, daß das Fleisch geheilt und für den Himmel geschickt gemacht werden könnte. Es war ihm unverständlich, daß der natürliche Mensch, weil getrennt von Gott, wirklich tot ist. Die Taufe ist also ein offenes Bekenntnis, daß der natürliche Mensch hoffnungslos schlecht und tot ist und nichts Gutes zu thun vermag; und daß sie bildlich ein Begrabenwerden des natürlichen Menschen und eine Neuschaffung oder Auferstehung vom Tod enthält. Im Abendmahl verkünden wir Christi Tod; die Taufe verkündet, daß der Mensch im natürlichen Zustand tot ist und vom Tod erstehen muß. Ein neugeborenes Kind ist tot in Gottes Augen, die Eltern aber, die es im Glauben zur Taufe bringen, empfangen (an seiner Statt) die Verheißung.
Ich kann nicht umhin, dafür zu halten, daß beide, die Taufe und das heilige Abendmahl, mit des Menschen Leib zu thun haben, denn die Elemente in beiden Fällen sind von dem Leib nicht zu trennen. Die Elemente werden in der Taufe äußerlich, im Abendmahl innerlich angewandt.
Der aber ist nicht ein Jude, der auswendig ein Jude ist, auch ist das nicht eine Beschneidung, die auswendig im Fleische geschieht (Röm. 2, 28. 29). Und ebenso bei der Taufe: der Mensch ist nicht darum ein Christ, weil er getauft ist. Kann einer nicht glauben ohne getauft zu sein, und kann in diesem Fall sein Nichtgetauftsein nicht als Getauftsein angesehen werden? Es giebt viele Stellen in der Schrift, die es klar zeigen, daß die Taufe an sich ohne Glaube kein nütze ist; und daraus erkennen wir, warum viele, die getauft sind, den heiligen Geist nicht haben.
Meiner Meinung nach hätten sich die Ausleger, welche über Taufe und Abendmahl geschrieben haben, manchen Irrweg gespart, wenn sie die drei ersten Kapitel des ersten Buches Mose besser erwogen hätten. Mir hat es seit Jahren Gedanken gemacht, was von der Taufe zu halten ist, doch ist es mir schon vor etlichen Jahren klar geworden, daß zwischen zwei Geburten ein Tod liegen muß (Joh. 3). Ich halte dafür, daß im Taufwasser die Sündenschuld zurückbleibt, so wie natürliches Wasser die Unreinigkeit der Gegenstände zurückbehält, die darin gewaschen werden. Es scheint mir aber nicht, daß der heilige Geist das Wasser in anderer Weise als Träger benutzt, als indem er es wirksam macht, die Sünde abzuwaschen. Als Jesus (der, obgleich ohne Sünde, sich als Mensch der Taufe unterzog) aus dem Wasser heraufstieg, kam der heilige Geist über ihn. Gott ist aber nicht an die Taufe gebunden, denn Johannes war voll des heiligen Geistes von Mutterleibe an, und Kornelius hatte den heiligen Geist empfangen vor der Taufe. Die Gläubigen gehen als Kinder Adams ins Taufwasser und gehen als Kinder Gottes daraus hervor.
Die Unterlassung der Taufe in gewissen Fällen anlangend, so fiel der heilige Geist auf Kornelius, ehe er getauft war (Apostelgesch. 10, 44). Mag auch jemand das Wasser wehren, daß dieser nicht getauft werde? Als Petrus und Johannes hinunter nach Samaria gingen (Apostelgesch. 8, 15-16), fanden sie, daß auf des Philippus Predigt hin die Leute glaubten und sich taufen ließen, sie empfingen den heiligen Geist aber erst durch der Apostel Handauflegung.
Aus diesen beiden Stellen ersehen wir, daß der heilige Geist nicht notwendigerweise mit der Taufe dem Täufling gegeben wurde, daß er aber auch nicht dem gläubigen Ungetauften versagt war. Paulus beschnitt Timotheus um der Juden willen (Apostelgesch. 16, 3). Die Beschneidung ist nichts und die Vorhaut ist nichts, sondern Gottes Gebot halten (1 Kor. 7, 19). Um der Juden willen beschneidet Paulus zwar den Timotheus, den Titus aber (Gal. 2, 3) will er nicht beschneiden. Dies zeigt, daß er nach der jedesmal von Gott ihm gegebenen Einsicht handelte. Indem er den Timotheus beschnitt, fügte er sich dem Urteil der Juden, gegen welches zu verstoßen er sich gewissermaßen fürchtete; oder warum hätte er sonst diesen jüdischen Gebrauch vollzogen? Wenn ich sage, daß er fürchtete, den Juden Anstoß zu geben, so meine ich damit, daß Gott ihm die Einsicht verlieh, daß es, um weiser Absichten willen und zur Vermeidung der Uneinigkeit recht sei, sich zu fügen. Ich glaube daher, daß wir z. B. gerechtfertigt wären, die Taufe bis auf weiteres zu unterlassen, wo der öffentliche Fanatismus sich dagegen auflehnt. Denn die Taufe macht einen nicht zum Christen, so wenig wie die Beschneidung einen zum Juden macht. Das bildliche Ausziehen des Fleisches durch die äußerliche Taufe ist nicht mehr nütze, als das bildliche Abthun der Unreinigkeit des Fleisches durch die äußerliche Beschneidung.
Wie bereitwillig gewährte Paulus dem Kerkermeister die Taufe (Apostelgesch. 16, 33). In derselben Stunde der Nacht, als dieser ihm die Striemen abwusch, verkündete ihm Paulus das Wort des Herrn und taufte ihn alsbald. Der Kerkermeister wusch des Apostels Striemen, und der Apostel wäscht ihm im Wasserbad die Sünden ab. Die Apostelgeschichte ist in erster Linie ein Missionslehrbuch; warum sind wir denn so vorsichtig mit der Taufe unter den Heiden? Fehlt uns selber der rechte Glaube? Paulus taufte in jener Nacht nicht nur den Kerkermeister, sondern alle, die in seinem Hause waren. Zu Philippi, der Hauptstadt des Landes (Apostelgesch. 16, 12), war das Gefängnis gewiß groß und es waren ohne Zweifel viel Leute in des Kerkermeisters Haus. Da drängt sich einem wohl die Frage auf, ob der Kerkermeister und alle, die in seinem Hause waren, alle die Katechismusfragen unserer heutigen Missionare hätten beantworten können!
Was hat der Mensch durch jenes erste verbotene Essen verloren? (Ich brauche nicht gern das Wort »Sündenfall« -- die Schrift nennt es nicht so.) Er verlor den heiligen Geist. Was gewinnt der Mensch im andern Essen? Er gewinnt den heiligen Geist. Es ist von Wert hierüber nachzudenken.
Der Verlust des heiligen Geistes ist Trennung von Gott, Tod; so sind wir in Gottes Augen von Natur tot, und wenn wir in das Taufwasser untergetaucht werden, so bekennen wir uns bildlich tot bei dem Begräbnis im Wasser.
Adam, der erste Mensch, entstieg dem Wasser der ersten Schöpfung. Er sündigte, das ganze menschliche Geschlecht war in ihm und starb in ihm, somit sind wir alle tot in den Augen Christi und verfallen damit der Gemeinstatt aller, dem Grab, dem Orte der Toten. Wir bekennen, daß wir beim Hineingehen ins Wasser der Taufe dasselbe sind, was Adam war. Wir gehen mit dem neuen Adam, Christus, als neue Kreatur aus der Taufe hervor. In ihm sind wir nicht länger tot; wir leben. Unser Hervorgehen aus der Taufe ist unser Auferstehen, und in Ihm erhalten wir (was wir vorher verloren hatten) den heiligen Geist, welcher unser Leben ist.
In Adam sind alle Menschen geschaffen, sie sterben mit ihm, werden zu Staub und gelangen an einen Ort, aus welchem sie alle kamen. Was ist der Sammelplatz aller Menschen? -- Das Grab. Christus aber, der zweite Adam, versammelt uns aus dem Grab in ihm selber, in der neuen Geburt. Indem wir im Taufwasser untertauchen, verbildlichen wir unsern Zustand; und indem wir uns so bildlich ins Grab des Wassers legen, können wir daraus als neuer Mensch zu Christus gesammelt werden. (Im Griechischen steht das Wort [Greek: synagôgê] [Sammlung], gebraucht von dem Sammeln der Wasser ebenso wie [Joh. 11, 52] für das ~Zusammenbringen~ der Kinder Gottes, die zerstreut waren.) Die Taufe besagt im Bild, daß wir im Taufwasser in den ersten Zustand 1 Mos. 1 zurückkehren, und im neuen Adam, Christus, gehen wir daraus hervor. Wir kosten vom Baum des Lebens. Wir gelangen zur Auferstehung, die sich im 22. Kapitel der Offenbarung abspiegelt, wo von einem Strom die Rede ist und vom Baum (Holz) des Lebens, von Gott und dem Lamme.
Ehe der heilige Geist in uns erneut wird (es ist auf dieses Wort zu achten, denn es deutet an, daß der Mensch ihn einmal besessen und dann verloren hat), müssen wir im Bild begraben werden, müssen unsern Tod und unsern hoffnungslosen Zustand erkennen. Denn wie das Salböl nicht aus das Fleisch gegossen werden kann, so kann der Fleischlichgesinnte den heiligen Geist nicht empfangen. Fleischlichgesinntsein ist eine Feindschaft wider Gott und kann den heiligen Geist nicht empfangen (Röm. 8, 7 und 9, ein gar ernstes Wort!).
In der Taufe wird der natürliche Leib in der Erwartung gesäet, daß der geistliche Leib auferstehe. In der Taufe bekennen wir uns zur Notwendigkeit solchen Säens; wir bekennen, daß wir in natürlichem Zustand zu nichts nütze sind als (mit dem verweslichen Körper) gesäet und begraben zu werden.
Der erste Adam wurde ins Leben gerufen und starb und ist bildlich in der Taufe begraben. Der zweite oder letzte Adam, Christus, ist der lebendigmachende Geist (der Herr vom Himmel), der von den Toten auferweckt.
Die Taufe ist eine Auferstehung aus der Verwesung. Die Taufe ist eine Auferstehung aus der Unehre. Die Taufe ist eine Auferstehung aus der Schwachheit.
(1 Kor. 15.)