Part 3
Du schenkest mir immer den frischen Trunk deines Weines, verschieden in Farbe und Duft und füllest die irdene Schale zum Rande.
Meine Welt entzündet die hundert verschiedenen Lampen an deiner Flamme und stellt sie auf am Altar deines Tempels.
Nein, ich will nimmer die Tore der Sinne verschließen. Die Wonnen des Sehens und Hörens und Tastens, sie werden deine Wonnen tragen.
Ja, all meine Trugbilder werden zu Freudenfackeln entbrennen und all mein Begehren zu Früchten der Liebe reifen.
74
Es ist nicht mehr Tag, der Schatten liegt auf der Erde. Es ist Zeit, daß zum Fluß ich gehe, den Krug zu füllen.
Die Abendluft ist schwanger von dunkler Musik der Wasser – es ruft mich ins Zwielicht hinaus. In der einsamen Gasse geht Niemand vorüber, der Wind ist auf, die Wellen kräuseln sich auf dem Flusse.
Ich weiß nicht, ob ich je heimwärts wiederkehre, ich weiß nicht, wen mir der Zufall entgegenführt. Dort bei der Furt in dem kleinen Boot spielt der Unbekannte auf seiner Flöte.
75
Deine Gaben erfüllen all unsre Notdurft uns Sterblichen und kommen zu dir zurück unvermindert.
Der Fluß hat sein Tagwerk zu tun und eilt durch Felder und Weiler; doch windet sein unaufhaltbarer Strom zu deinen Füßen sich, um sie zu waschen.
Die Blume durchtränkt die Lüfte mit Duft, doch ihre letzte Verehrung bietet sich dir dar.
Dein Dienst verarmt nicht die Welt.
Den Worten des Dichters entnehmen die Menschen den Sinn, der ihnen gefällt; doch ihr letzter Sinn deutet auf dich.
76
Werd ich Tag für Tag, o Herr meines Lebens vor dir stehn von Angesicht zu Angesicht?
Mit gefalteten Händen, o Herr aller Welten, werd ich vor dir stehn von Angesicht zu Angesicht?
Unter deinem großen Himmel in Schweigen und Einsamkeit mit demütigem Herzen werd ich vor dir stehn von Angesicht zu Angesicht?
In dieser deiner geschäftigen Welt, geräuschvoll von Mühen und Kämpfen werd ich vor dir stehn von Angesicht zu Angesicht?
Und wenn mein Werk getan ist in dieser Welt, o König der Könige, werd ich allein und sprachlos vor dir stehn von Angesicht zu Angesicht?
77
Ich erkenne dich als meinen Gott und steh bei Seite – ich kenne dich nicht als mein Eigen und komme nicht näher. Ich kenne dich als meinen Vater und neige mich deinen Füßen – ich fasse nicht deine Hand wie die eines Freundes.
Ich stehe nicht, wo du herabkommst, um mich zu erkennen und dich mir zu eigen gibst, um dort dich ans Herz zu drücken und dich als Gefährten zu wählen.
Du bist der Bruder unter meinen Brüdern, doch ich beachte sie nicht und teile nicht mein Verdienst mit ihnen, um alles mit dir zu teilen.
In Freude und Leid steh ich nicht auf Seite der Menschen und so steh ich bei dir. Ich schaudre, mein Leben aufzugeben und so tauch ich nicht in das große Wasser des Lebens.
78
Als nun die Schöpfung neu war und alle Sterne schienen im ersten Glanze, da hielten die Götter Versammlung im Himmel und sangen: »O Bild der Vollendung! o lautere Freude!«
Doch einer rief plötzlich: »Es scheint, die Kette des Lichtes zerbrach und ein Stern ging verloren!«
Die Saite der goldenen Harfe zersprang, ihr Lied verstummt, und sie riefen im Schrecken: »Der verlorne Stern war der beste, er war der Ruhm aller Himmel.«
Seit diesem Tag hört das Suchen nicht auf, der Schrei geht von Mund zu Mund, daß die Welt ihre einzige Freude verlor.
Nur im tiefsten Schweigen der Nacht, da lächeln die Sterne und flüstern untereinander: »Umsonst ist dies Suchen! Ungebrochne Vollendung herrscht überall.«
79
Ists nicht mein Teil dich zu treffen in diesem Leben, dann laß mich immer fühlen, daß ich verfehlt deinen Anblick – laß mich nimmer vergessen, laß mich tragen den Stachel der Sorge im Traum wie in wachen Stunden.
Wenn meine Tage vergehen auf wimmelndem Markt dieser Welt und meine Hände sich füllen mit täglichem Vorteil, laß immer mich fühlen, daß nichts ich gewonnen – laß mich nimmer vergessen, laß mich tragen den Stachel der Sorge im Traum wie in wachen Stunden.
Wenn ich am Wegrand sitze, ermüdet atmend, wenn ich mein Bett im niederen Staube bereitet, laß immer mich fühlen, daß meine lange Reise noch vor mir ist – laß mich nimmer vergessen, laß mich tragen den Stachel der Sorge, im Traum wie in wachen Stunden.
Wenn meine Zimmer festlich geschmückt sind, die Flöten tönen und laut das Gelächter, laß immer mich fühlen, daß ich nicht dich in mein Haus lud – laß mich nimmer vergessen, laß mich tragen den Stachel im Traum wie in wachen Stunden.
80
Ich bin wie ein Fetzen der Herbst-Wolke, nutzlos streifend im Himmel. O meine Sonne, ewig klare! Dein Strahl hat meinen Dunst nicht aufgetrunken, um deinem Licht mich zu einen, so zähle ich Monde und Jahre, getrennt von dir.
Wenn dies dein Wunsch und wenn dies dein Spiel, dann nimm meine flüchtige Leere, mal sie mit Farben, vergolde mit Gold sie, treib sie auf dem wehenden Winde, gestalte zu mancherlei Wunder sie.
Und wieder ist es dein Wunsch, zu enden dies Spiel über Nacht, dann werde ich schmelzen und hingehn ins Dunkel oder im Lächeln des weißen Morgens in der Kühle der reinen Klarheit vergehn.
81
An manchem müßigen Tag grämte ich mich der verlornen Zeit. Doch sie war nie verloren, o Herr. Du nahmst jeden Augenblick meines Lebens in deine Hände.
Im Herzen der Dinge verborgen ernährst du den Samen zum Sproß, die Knospe zur Blüte, die reifende Blume zur Frucht.
Ich war müde und schlief auf müßigem Bett und glaubte, mein Werk wäre zu Ende. Am Morgen erwachte ich und fand meinen Garten voll vom Wunder der Blumen.
82
Die Zeit ist endlos in deinen Händen, o Herr. Niemand zählt deine Minuten.
Tage und Nächte gehn, Zeitalter blühen und welken wie Blumen. Du weißt zu warten.
Jahrhunderte folgen einander, um eine kleine wilde Blume zu vollenden.
Wir aber haben nicht Zeit zu verlieren, und da sie uns fehlt, müssen wir unser Glück erraffen. Wir sind zu arm, um zu spät zu kommen.
Und so ists, daß die Zeit geht, ich gebe sie jedem, der sie zudringlich begehrt, und dir bleibt der Altar leer von Gaben bis zum Letzten.
Am Ende des Tages haste ich, fürchtend, dein Tor sei geschlossen; doch finde ich, daß dort noch Zeit ist.
83
Mutter, ich werd eine Perlenkette für deinen Nacken aus meinen Tränen der Sorge weben.
Die Sterne flochten die Ringe von Licht, deinen Fuß zu schmücken, doch meine Kette hängt auf deiner Brust dir.
Reichtum und Ruhm kommt von dir, dir gebührt es zu geben und zu versagen. Aber der Schmerz ist mein eigen durchaus, wenn ich dir ihn als mein Opfer bringe, lohnest du mir mit deiner Gnade.
84
Es ist das Weh der Trennung, das durch die Welt sich verbreitet, Gestalten unzählbar gebiert im unendlichen Himmel.
Es ist dieser Schmerz der Trennung, der nächtlich im Schweigen starret von Stern zu Stern und Gesang wird unter dem raschelnden Laub des regnichten, dunkelen Juli.
Es ist dies überfließende Weh, das sich in Liebe vertieft und Begehren, in Leiden und Freuden der Menschenwohnung, dies ist es, das immer schmilzt und fließet im Lied durch mein Dichterherz.
85
Als aus der Halle des Meisters zuerst die Krieger traten, wo hatten sie ihre Macht verborgen? Wo waren Rüstung und Waffen?
Sie blickten arm und hilflos, die Pfeile hagelten auf sie nieder, am Tage, da sie aus ihres Meisters Halle traten.
Als die Krieger wieder zurück in ihres Meisters Halle schritten, wo verbargen sie ihre Macht?
Sie hatten das Schwert von sich gelegt und Bogen und Pfeile; Frieden thronte auf ihrer Stirn, sie hatten die Früchte ihres Lebens zurückgelassen, an dem Tag, da sie wieder zurück zu ihres Meisters Halle schritten.
86
Tod, dein Diener ist an meiner Tür. Er hat die unbekannte See gekreuzt und deine Botschaft in mein Haus gebracht.
Die Nacht ist dunkel, mein Herz ist furchtsam, und doch will ich die Lampe nehmen, mein Tor ihm öffnen, und ihm Willkommen bieten. Dein Bote ist es, der vor meiner Türe steht.
Ich will ihn ehren mit gekreuzten Händen, ihn ehren mit Tränen. Ich will ihn ehren und ihm den Schatz meines Herzens zu Füßen legen.
Er wird fortgehn, wenn er den Auftrag gesagt und wird auf meinem Morgen einen dunkelen Schatten lassen, in meinem verlassenen Heim bleibt nur mein verlorenes Selbst, meine letzte Gabe für dich.
87
Voll verzweifelter Hoffnung geh ich umher und suche nach ihr in allen Winkeln des Hauses, ich finde sie nicht.
Mein Haus ist klein, und was einmal ging, kann sich nie wiederfinden. Aber unendlich groß ist dein Haus, o Herr, und sie suchend kam ich an deine Tür.
Ich stehe unter dem goldenen Dach deines Abendhimmels und hebe die flehenden Augen zu deinem Antlitz.
Ich kam zum Rande der Ewigkeit, in der nichts schwindet – nicht Hoffnung, nicht Glück und nicht das Bild eines Angesichtes durch Tränen geschaut.
O, tauch mein entleertes Leben in jenen Ozean, versenk es in seine tiefste Fülle. Laß mich noch einmal fühlen im weiten Weltall die süße verlorne Berührung.
88
Gottheit des zertrümmerten Tempels! Die zerrissenen Saiten der Vina singen nicht mehr deinen Preis. Die Glocken des Abends verkünden nicht mehr deines Dienstes Stunde. Die Luft ist still und schweigend rings um dich.
In deine zerstörte Wohnung kommen die duftigen Frühlingslüfte. Sie bringen die Botschaft der Blumen – der Blumen, die man nicht mehr weihet zu deinem Dienst.
Dein Priester von einst sehnt sich wandernd noch immer nach dem verweigerten Opfer. Am Abend, wenn Feuer und Schatten sich mischen dem Dunkel des Staubes, dann kommt er müde zurück zum zerstörten Tempel mit Hunger im Herzen.
Manch ein Festtag kommt zu dir im Schweigen, du Gott des zerstörten Tempels. Manche Nacht der Anbetung geht, und die Lampen sind nicht entzündet.
Viele neue Bilder wurden von Meisterhand schön gebildet und hin zum heiligen Strom des Vergessens getragen, wenn ihre Zeit kam.
Nur die Gottheit des zerstörten Tempels bleibt immer unverehrt, unsterblich verachtet.
89
Kein lautes, geräuschvolles Wort mehr von mir – so ist meines Meisters Wille. Hinfort sprech ich nur noch im Flüstern. Meines Herzens Sprache wird in dem Murmeln eines Gesanges getragen.
Die Menschen hasten zu des Königs Markt. Verkäufer und Käufer sind alle dort. Ich aber erhielt unzeitigen Urlaub inmitten des Tags im Gedränge der Arbeit.
Lass denn die Blumen im Garten erblühen, wenn es auch nicht ihre Zeit ist; und laß die Mittagsbiene ihr träges Summen beginnen.
Gar manche Stunde verbracht ich im Kampfe von Gut und von Böse, nun aber will es die Gunst meines Gespielen in leeren Tagen, mein Herz an sich zu ziehen; und ich weiß nicht, warum dieser plötzliche Ruf, zu welch nutzlosem Ziel.
90
An dem Tage, da der Tod an deine Türe klopfen wird, was willst du ihm bieten?
Ich will vor meinen Gast das volle Gefäß meines Lebens setzen – ich werde ihn nicht mit leeren Händen lassen!
Die ganze süße Kelter meines Herbstes, meiner Sommernächte, die ganze Ernte und der Gewinn des geschäftigen Lebens, das breite ich vor ihn aus am Schluß meiner Tage, wenn der Tod an mein Tor klopft.
91
O du letzte Erfüllung des Lebens, Tod, mein Tod, komm, flüstre mir zu!
Tag um Tag hab ich gewartet auf dich, für dich trug ich die Freuden und Schmerzen des Lebens.
All was ich bin und habe und hoffe und all meine Liebe flossen immer zu dir in tiefem Geheimnis. Ein letzter Blick deiner Augen und mein Leben wird immer dein eigen sein.
Die Blumen sind alle gepflückt, und der Kranz ist bereit für den Bräutigam. Nach der Hochzeit verläßt die Braut ihr Heim, ihren Herrn zu treffen allein in der Einsamkeit der Nacht.
92
Ich weiß, es wird kommen der Tag, wenn mein Blick diese Welt verliert, das Leben Abschied nimmt in Schweigen, der letzte Vorhang mir über die Augen fällt.
Die Sterne werden wachen zur Nacht, der Morgen aufsteigen wie einst, die Stunden sich heben wie Wogen, die Freuden und Schmerzen aufwerfen.
Denk ich des Ziels meiner Stunden, dann bricht die Schranke der Stunden, ich sehe beim Lichte des Todes die Welt mit ihren gleichgültigen Schätzen. Leicht wiegt ihr niederster Sitz und leicht das geringste Leben.
Dinge, die ich umsonst ersehnt und Dinge, die ich erlangt hab – mögen sie ziehn. Laß mich nur wahrhaft besitzen die Dinge, die stets ich verspottet und übersehn.
93
Ich hab meinen Urlaub erhalten, so sagt mir lebwohl, meine Brüder. Ich neige mich allen und nehm meinen Abschied!
Hier geb ich zurück die Schlüssel des Tors – und verzichte auf allen Anspruch im Hause. Ich bitte nur noch um letzte gütige Worte von euch.
Wir waren Nachbarn lang, doch empfing ich mehr als ich geben konnte. Der Tag bricht an, die Lampe erlosch, die mir den dunkeln Winkel erhellte. Ein Befehl kam zu mir, ich bin fertig zur Reise.
94
In dieser Zeit meines Abschieds wünscht mir gut Glück, meine Freunde! Der Himmel errötet im Frühlicht, der Pfad liegt schön vor mir.
Fragt nicht, was ich mit mir nehme. Ich beginne die Reise mit leerer Hand und erwartendem Herzen.
Ich lege mein Hochzeitskleid an und nicht die rotbraune Kutte der Waller. Und drohn auch Gefahren mir unterwegs, ich fürchte mich nicht.
Der Abendstern kommt heraus, wenn meine Wandrung am Ziel ist, und die klagenden Töne der Zwielichtmelodien erklingen vom Torweg des Königs.
95
Ich wußte den Augenblick nicht, da ich einst die Schwelle des Lebens beschritt.
Was war die Macht, die mich hieß, mich zu öffnen in dieses weite Geheimnis, gleich wie die Knospe im Mitternachtswalde.
Als ich am Morgen emporschaut ins Licht, fühlt ich augenblicks, daß ich kein Fremder war in der Welt und daß das Unerforschbare, das ohne Namen ist und Gestalt, mich in seinen Arm nahm in Gestalt meiner Mutter.
So wird der Tod, der gleiche Unbekannte, mir erscheinen als immer gekannt. Und weil ich dies Leben so liebe, so weiß ich, daß ich den Tod gleich lieben werde.
Das Kind schreit auf, nimmt die Mutter es fort von der rechten Brust, um augenblicks den Trost an der linken zu finden.
96
Wenn ich von hier geh, mag dies mein Abschiedswort sein, daß unübertrefflich ist, was ich gesehn.
Ich kostete den verborgenen Honig dieses Lotos, der sich ausdehnt auf dem Ozean von Licht – so bin ich gesegnet – sei dies mein Abschiedswort.
Auf dem Spielplatz unendlicher Formen hatt ich mein Spiel, dort hab ich ihn erblickt, der formlos ist.
Mein ganzer Leib und meine Glieder erbebten bei seiner Berührung, der jenseits Berührung ist – und kommt das Ende hier – laßt es kommen – dies sei mein Abschiedswort.
97
Als ich mit dir spielte, fragte ich nie, wer du bist. Ich kannte nicht Scheu noch Furcht, mein Leben war lärmend.
Am frühen Morgen riefest du mich vom Schlaf auf wie einer meiner Gefährten, und führtest mich laufend von Lichtung zu Lichtung.
In jenen Tagen sorgte ich nicht um den Sinn des Sanges, den du mir sangst. Nur meine Stimme nahm deinen Ton auf, und in seinen Kadenzen tanzte mein Herz.
Nun die Spielzeit vorbei, was heißt das Gesicht, das mir plötzlich kam? Die Welt, den Blick auf deine Füße gesenkt, steht in Ehrfurcht mit all ihren schweigenden Sternen.
98
Ich schmücke dich mit Trophäen und Kränzen von meinen Mängeln. Es steht nicht in meiner Macht, daß ich unbesiegt entkomme.
Ich weiß, mein Stolz rennt gegen die Mauer, mein Leben zerbricht seine Bande in tausend Schmerzen, mein leeres Herz schluchzt aus in Musik, wie ein hohles Rohr, und der Stein wird in Tränen zerschmelzen.
Ich weiß gewiß, die hundert Blätter des Lotos sind nicht für immer geschlossen, das geheime Gefäß seines Honigs wird offenbar werden.
Vom blauen Himmel blicket ein Auge auf mich und ruft mich schweigend. Nichts wird mir bleiben, nichts, was es auch sei, den nackten Tod empfang ich zu deinen Füßen.
99
Laß ich das Steuer fahren, dann weiß ich, die Zeit kam für dich, es zu nehmen. Was nun zu tun ist, soll auf der Stelle getan sein. Umsonst ist das Sträuben.
So nimm deine Hände fort, und schicke dich schweigend in das Verlieren, mein Herz, nimm es als gutes Glück, ganz still zu sitzen, wohin man dich setzte.
Ein jeder Windstoß blies meine Lampen aus und bei dem Versuch, sie neu zu entzünden, vergaß ich alles wieder und wieder.
Doch jetzt will ich weise sein und warten im Dunkeln und die Matte am Boden ausbreiten, und wenn es dir gefällt, o Herr! komm schweigend und nimm deinen Sitz hier ein.
100
Ich tauch in die Tiefe des Meeres der Gestalten, ich hoffe dort die vollkommene Perle des Ungestalten zu finden.
Ich segle nun nicht mehr mit meinem verwitterten Boote von Port zu Port. Die Zeit ist vorbei, da es mir Lust war, von Wogen geworfen zu werden.
Nun sehn ich mich hinzusterben in das Unsterbliche.
In der Halle am unergründlichen Abgrund, wo die Musik der tonlosen Saiten aufschwillt, werd ich die Harfe meines Lebens aufnehmen.
Ich werde sie auf den Ton der Ewigkeit stimmen, und wenn sie den letzten Laut hinausgeschluchzt hat, leg ich meine Harfe schweigend zu Füßen des Schweigenden nieder.
101
Mein Leben lang haben dich meine Lieder gesucht. Sie führten mich hin von Tür zu Tür, mit ihnen tastet ich um mich und suchte und rührte an meine Welt.
Meine Lieder lehrten mich alle Lehren, die je ich gelernt; sie zeigten mir heimliche Pfade, sie brachten vor meinen Blick manch einen Stern am Horizont meines Herzens.
Sie führten mich Tag für Tag zu den Mysterien des Landes von Lust und Leid. Und zu welchem Palasttor brachten sie mich am Abend zuletzt, am Ende der Reise?
102
Ich rühmte mich unter den Menschen, daß ich dich kennte. Sie sehen dein Bild in allen meinen Werken. Sie kommen und fragen »Wo ist er?« Ich weiß keine Antwort für sie. Ich spreche »Ich kann es nicht sagen.« Da tadeln sie mich und gehen voll Hohn. Und du sitzest lächelnd.
Ich legte mein Wissen von dir in dauernde Lieder. Und das Geheimnis von dir entströmte meinem Herzen. Sie kommen und fragen »Sag, was ist ihr Sinn?« Ich weiß keine Antwort für sie. Ich sage »Wer weiß, was der Sinn ist.« Sie lachen und gehen in äußerstem Hohn. Und du sitzest lächelnd.
103
In einen Gruß an dich, mein Gott, laß ich meine Sinne entfalten und rühren die Welt zu deinen Füßen.
Wie die Regenwolke im Juli tief hängt, mit der Last der unausgegossenen Schauer, laß meinen Geist zu deiner Schwelle sich neigen – in einen Gruß an dich.
Laß all meine Lieder die vielen Weisen versammeln in einen Strom, der zum Meere des Schweigens führt – in einen Gruß an dich.
Wie ein Heer heimkehrender Kraniche Tag und Nacht zu den Bergnestern fliegt, laß mein ganzes Leben des Weges ziehn in sein ewiges Heim – in einen Gruß an dich.
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