Gitanjali (Sangesopfer)

Part 2

Chapter 24,005 wordsPublic domain

Und heute, als ich aus Zufall umherleuchte, find ich die Siegel, finde umhergestreut sie liegen im Staube, vermischt mit Erinnerung an Freuden und Sorgen des Alltags – vergessen.

Du wandtest dich nicht in Verachtung vom kindischen Spiele im Staube, und der Schritt, den ich hörte am Spielplatz, ist der gleiche, der widerhallt von Stern zu Stern.

44

Dies ist meine Wonne zu warten und wachen am Weg, wo der Schatten das Licht jagt und der Regen kommt beim Erwachen des Sommers.

Boten mit Zeitung von unbekannten Himmeln bieten den Gruß mir und eilen den Weg lang. Mein Herz ist froh in mir und der Atem der streifenden Lüfte ist süß.

Vom Morgen zur Dämmerung sitze ich hier vor dem Tor, und ich weiß, daß plötzlich der glückliche Augenblick kommt, wo ich sehend werde.

Inzwischen lächle und sing ich allein. Inzwischen füllt sich die Luft mit dem Duft des Versprechens.

45

Hörtet ihr nicht seinen schweigenden Schritt? Er kommt, kommt, immer kommt er.

Zu jeder Stunde, zu allen Zeiten, zu jedem Tage, zu jeder Nacht, er kommt, kommt, immer kommt er.

Manch einen Sang hab ich gesungen in mancher Stimmung der Seele, doch alle meine Töne verkündeten nur: Er kommt, kommt, immer kommt er.

In duftigen Tagen des sonnigen April auf Waldespfad, er kommt, kommt, immer kommt er.

In dem regnichten Dunst der Julinächte auf dem Donnerwagen der Wolken, er kommt, kommt, immer kommt er.

In Leid nach Leid ist es sein Schritt, der mein Herz drückt und die goldene Spur seiner Füße läßt meine Freude aufleuchten.

46

Ich weiß nicht aus welch ferner Zeit du immer näher kommst, mich zu treffen. Nicht Sonne, nicht Stern kann dich verborgen halten vor mir auf ewig.

An manchem Morgen und Abend hört ich deinen Fußtritt und deine Boten betraten mein Herz und beriefen mich heimlich.

Ich weiß nicht, warum wohl heute mein Leben bewegt ist und eine Wallung von zitternder Freude mein Herz rührt.

Es ist, als wäre die Zeit gekommen, mein Werk zu beschließen, und ich fühle im Wind einen schwachen Duft deines süßen Daseins.

47

Die Nacht ist fast vorbei mit vergeblichem Warten auf ihn. Ich fürchte, daß plötzlich er morgens ins Tor tritt, wenn ich ermüdet in Schlaf sank. O Freunde, laßt den Weg ihm offen, o wehrt ihm nicht.

Wenn der Klang seines Schritts mich nicht weckt, versucht nicht mich aufzurütteln, ich bitte. Ich wünsche nicht, daß vom Schlafe mich ruft der geräuschvolle Chor der Vögel, nicht das Sausen des Winds beim Feste des Morgenlichts. Laßt schlafen mich ungestört, selbst wenn plötzlich mein Herr in mein Tor tritt.

O mein Schlaf, goldener Schlaf, der nur seine Berührung erwartet, zu schwinden. O meine geschlossenen Augen, die ihr die Lider nur öffnet im Licht seines Lächelns, wenn er wie ein Traum vor mir steht, der auftaucht vom Dunkel des Schlafes.

Laßt ihn erscheinen vor meinem Aug als der erste des Lichts, der Gestalten. Den ersten Freudenschauer in meiner erwachenden Seele, ihn gäbe sein Blick mir. Und laßt meine Rückkunft zu mir zugleich auch die Rückkunft zu ihm sein.

48

Das Meer des Schweigens brach aus am Morgen in Triller der Vogelkehlen; und die Blumen am Wege waren alle fröhlich; der Reichtum des Goldes zerstreute durch Spalten der Wolken sich. Wir aber gingen in Eile des Wegs und achteten nichts.

Wir sangen nicht fröhliche Lieder, wir spielten nicht, wir gingen zum Markt nicht zu tauschen; wir sprachen kein Wort und lächelten nicht. Wir zögerten nicht am Weg, wir beschleunigten unsern Schritt wie die Zeit ging.

Die Sonne stieg auf zum Scheitel, und Tauben girrten im Schatten. Welke Blätter tanzten und wirbelten in heißen Lüften des Mittags. Der Hirtenbub dämmerte und träumte im Schatten des Feigenbaumes – und ich legte mich nieder am Wasser und dehnte die müden Glieder ins Gras.

Die Gefährten spotteten mein, mit erhobenem Haupte eilten sie fort. Sie schauten nicht rückwärts, sie ruhten nicht. Sie schwanden im fernen blauenden Dunst. Sie kreuzten Wiesen und Hügel und zogen durch fremde entlegene Lande. Ehre sei dir, du heldisches Heer, auf unendbarem Pfade! Spott und Verachtung spornten mich, weiter zu wandern, aber sie fanden nicht Antwort in mir. Ich gab mich verloren in Tiefen glücklicher Demut, im Schatten dämmriger Freude.

Die Ruhe der sonnengesäumten grünen Dämmrung legte sich langsam über mein Herz. Ich vergaß, warum ich gewandert, und ergab meinen Geist ohne Kampf dem Gewirre von Schatten und Liedern.

Zuletzt erwacht ich vom Schlummer und öffnet die Augen, da sah ich dich vor mir stehn, meinen Schlaf überflutet von deinem Lächeln. Wie hatt ich gefürchtet, daß der Pfad mir zu lang und ermüdend, und der Kampf dich zu erreichen zu hart sei!

49

Du kamst herab von deinem Thron und standest am Tor meiner Hütte.

Ich sang ganz allein für mich in einer Ecke, und dein Ohr fing meine Melodien auf. Du kamst herab und standest am Tor meiner Hütte.

Meister sind viele in deiner Halle, und Sänge singt man dort alle Stunden. Aber des Neulings einfaches Loblied traf deine Liebe. Die klagende kleine Weise mischte sich mit der großen Musik der Welt, und du kamst mit einer Blume als Preis herab und hieltest am Tor meiner Hütte.

50

Ich ging als Bettler von Tür zu Türe am Dorfweg. Da erschien in der Ferne dein goldner Wagen, wie schimmernder Traum, und ich wunderte mich, wer dieser König der Könige sei.

Meine Hoffnung stieg hoch, und mir deuchten die schlimmen Tage vorbei, ich stand Almosen erwartend, die ungebeten verschenkt, und Reichtum, rings in den Staub geschüttet.

Der Wagen hielt, wo ich stand. Dein Blick fiel auf mich, du stiegst nieder mit Lächeln. Ich fühlte, das Glück meines Lebens sei endlich gekommen. Da plötzlich strecktest du deine Rechte aus und sprachst: »Was hast du mir zu geben?«

O welch ein Königsscherz wars, die Hand zu öffnen, dem Bettler zu betteln! Ich war verwirrt, stand unentschlossen, und aus dem Quersack nahm ich langsam das kleinste Korn und gab es dir.

Doch wie groß mein Erstaunen, als am Ende des Tages den Sack ich geleert auf dem Boden, zuletzt ein kleines Korn von Gold unter dem armen Haufen zu finden. Und bitterlich weint ich und wünschte, ich hätte das Herz gehabt, dir mein Alles zu geben.

51

Die Nacht dunkelte. Unser Tagewerk war getan. Wir glaubten den letzten Gast gekommen zur Nacht, und die Tore des Dorfes wurden geschlossen. Nur einige riefen: »der König wird kommen.« Wir aber lachten und sprachen: »Es kann nicht sein.«

Uns schien, es klopfte am Tor, doch wir sagten, es sei nur der Wind. Wir löschten die Lampen und legten uns nieder zum Schlaf. Nur einige riefen: »Der Bote ists.« Wir aber lachten und sprachen: »Es ist nur der Wind.«

Da kam ein Ton durch die tiefe Nacht. Uns Schläfrigen deucht es wie ferner Donner. Die Erde erbebte, die Mauern wankten und störten uns auf vom Schlaf. Nur einige riefen: »Der Ton von Rädern wars.« Wir aber murmelten schläfrig: »Es muß das Krachen der Wolken sein!«

Die Nacht war noch dunkel, da klang die Drommete. Die Stimme rief: »Wacht auf, zögert nicht!« Wir drückten die Hände aufs Herz und schauderten furchtsam. Nur einige riefen: »Schaut das Banner des Königs!« Wir sprangen auf unsre Füße und schrien: »Dann ist keine Zeit zum Verzug!«

Der König kam, – doch wo sind Lichter und wo sind Kränze? Wie ist ihm der Thron bereitet? O Schmach, o tiefe Schmach. Wo ist die Halle, der Schmuck? Und einer rief: »Eitel dies Schrein! Grüßt ihn mit leeren Händen, führt ihn zu euren nackten Stuben.«

Öffnet die Tore, blast auf die Muschel! In der Tiefe der Nacht kam der König zu unsern dunkeln Häusern. Der Donner brüllt in den Himmel, das Dunkel erschauert von Blitzen. Bring heraus den verschlissenen Teppich und breit ihn im Hof aus. Mit dem Wetter kam plötzlich der König in furchtreicher Nacht.

52

Mir deuchte, ich sollte dich bitten – doch wagt ich es nicht – um den Rosenkranz, den du im Nacken trugst. So wartet ich bis zum Morgen, da du gingst, um ein paar Brocken auf deinem Bette zu finden. Und wie ein Bettler sucht ich im Zwielicht nach ein oder zwei verstreuten Blättern.

Doch sieh! Was find ich? Welch ein Zeichen ließ deine Liebe? Es ist nicht Blüte, nicht Weihrauch und kein Gefäß mit duftendem Wasser. Es ist dein mächtiges Schwert, flammend wie Feuer, schwer wie ein Donnerkeil. Das junge Licht des Morgens kommt durch das Fenster und breitet sich über das Bett aus. Die Morgenvögel zwitschern und fragen: »Weib, was hast du gefunden?« Nein, es ist nicht Blüte, nicht Weihrauch und nicht ein Gefäß mit duftendem Wasser – es ist dein schreckliches Schwert.

Ich sitze und sinne dem Wunder, was heißt diese Gabe von dir? Ich find keinen Platz, wohin ich es berge. Ich schäme mich, es zu tragen, schwach wie ich bin, es verletzt mich, wenn ich an den Busen es drücke. Doch werde ich im Herzen tragen die Ehre der Schmerzenslast dieser Gabe von dir.

Von nun an soll keine Furcht der Welt in mir sein und siegen sollst du in allen meinen Kämpfen. Du ließest den Tod als meinen Gefährten und ich will ihn krönen mit meinem Leben. Dein Schwert ist mit mir, um meine Bande entzwei zu schneiden und keine Furcht der Welt soll in mir sein.

Von jetzt an entlaß ich allen eitlen Schmuck, Herr meines Herzens, nie mehr will ich warten und weinen in Winkeln, kein scheues, sanftes Benehmen mehr. Du hast mir dein Schwert zum Schmuck gegeben – kein Puppenschmuck ist mehr für mich!

53

Schön ist dein Armband mit Sternen bedeckt und künstlich getrieben in tausendfarbigen Juwelen. Doch schöner ist mir dein Schwert mit seinen Ringen von Blitzen wie die ausgespannte Schwinge des göttlichen Vogels des Vischnu, vollkommen gefärbt im zornroten Lichte der sinkenden Sonne.

Es bebt wie das eine letzte Zucken des Lebens in der Ekstase der Pein beim Streiche des Todes; es leuchtet auf, wie die reine Flamme des Seins, die den irdischen Sinn auflodernd verzehrt.

Schön ist dein Armband mit Sternensteinen besetzt, aber dein Schwert, o Herr des Donners, ist geschmiedet mit äußerster Schönheit, schrecklich zu schaun und zu denken.

54

Ich bat dich um nichts, ich nannte nicht meinen Namen vor deinem Ohr. Als du Abschied nahmst, stand ich schweigend. Ich war am Brunnen allein, wo querhin der Schatten des Baums fällt, die Frauen gingen nach Haus mit ihren braunen irdenen Krügen bis zum Rande gefüllt. Sie riefen mir laut, »komm mit uns, der Morgen geht auf den Mittag«, doch ich zögerte träge in dämmerndes Sinnen verloren.

Ich vernahm deinen Schritt nicht, wie du kamst. Dein Blick war traurig, da er mich traf, deine Stimme müde, als du leise sprachst – »Ach, ich bin ein durstiger Waller«. Ich fuhr auf aus wachem Traum und goß Wasser vom Krug auf deine gefalteten Hände. Zu Häupten rauschten die Blätter, der Kuckuck sang unsichtbar aus dem Dunkel, der Duft der Bablablumen kam von der Krümmung des Wegs her.

Sprachlos stand ich in Scham, als du meinen Namen fragtest. Was tat ich für dich, daß du meiner gedenkst. Doch die Erinnerung, daß ich dir Wasser durfte reichen, den Durst dir zu löschen, haftet in meinem Herzen, durchtränkt es mit Süße. Der Morgen ist spät, die Vögel singen in müden Tönen, die Blätter des Paternosterbaums rauschen zu Häupten – ich sitze und sinne und sinne.

55

Matt ist dein Herz und der Schlaf liegt noch auf dem Aug dir.

Kam nicht das Wort zu dir, daß die Blüte in Herrlichkeit herrscht unter Dornen? Wach, o wach auf! Laß nicht die Zeit vergeblich zerrinnen!

Am Ende des steinigen Pfads, im Land keuscher Einsamkeit, sitzet mein Freund ganz allein. Enttäusche ihn nicht. Wach, o wach auf!

Was tuts, wenn der Himmel in Hitze des Mittags flimmert und flittert – wenn der brennende Sand seinen Mantel des Durstes entfaltet –

Freust du dich nicht bis zum Grund deines Herzens? Wird nicht bei jedem Schritt deiner Füße die Harfe des Wegs auftönen in süßer Musik der Schmerzen?

56

Drum ist deine Freude in mir so voll. Darum kamst du zu mir herab, o du Herr aller Himmel, wo wäre deine Liebe, wenn ich nicht wäre?

Du nahmst als Gefährten mich all deines Reichtums. In meinem Herzen spielst du das ewige Spiel deiner Lust, in meinem Leben nimmt dein Wille ewig Gestalt an.

Und deshalb hast du, König der Könige, in Schönheit dich angetan, mein Herz zu umgarnen. Und deshalb verliert deine Liebe sich in der Liebe des Liebenden, so wirst du geschaut in vollkommener Vereinigung von Zwein.

57

Licht, mein Licht, weltfüllendes Licht, augenküssendes, herzbesänftigendes Licht!

Ha, das Licht tanzt, mein Liebling, im Zentrum des Lebens mir; das Licht rührt, mein Liebling, die Saiten der Liebe mir; der Himmel öffnet sich, der Wind weht wild, ein Lachen fährt über die Erde.

Die Falter breiten die Segel über das Meer von Licht; Jasmin und Lilien sprießen empor in die Wogen des Lichts.

Das Licht zerstreut das Gold über jede Wolke, mein Liebling, und es streut verschwenderisch Juwelen.

Frohsinn hüpfet von Blatt zu Blatt, mein Liebling, und maßlose Freude. Der Strom des Himmels verläßt seine Ufer, austreten die Fluten der Freude.

58

Laß alle Spannung der Freude austönen in mein letztes Lied – Freude, die die Erde überfließen macht in schwelgerischen Massen des Grases, Freude, die Leben und Tod als Zwillings-Brüder setzt, Freude, die über die weite Erde tanzt und sich in den Sturm mischt, alles Leben durchrüttelnd und schüttelnd mit Lachen, Freude, die still in Tränen auf rotem Lotos der Pein ruht, Freude, die alles, was sie besitzt, in den Staub wirft und kein Wort kennt.

59

Ich weiß, da ist nichts als deine Liebe, Geliebter du meines Herzens – das goldene Licht, das über die Blätter tanzt, die müßigen Wolken, die durch den Himmel segeln, der sanfte Windhauch, der seine Kühle auf meiner Stirn läßt.

Das Morgenlicht überflutet mein Auge – das ist die Botschaft von dir an mein Herz. Dein Antlitz beugt sich herab, deine Augen schauen auf die meinen, und mein Herz berührt deine Füße.

60

Am Seestrand endloser Welten treffen sich Kinder. Der unbegrenzte Himmel hängt reglos zu Häupten, das rastlose Wasser ist ungestüm. Am Seestrand endloser Welten treffen sich Kinder mit Rufen und Tanzen.

Sie baun ihre Häuser aus Sand und spielen mit leeren Muscheln. Aus welken Blättern flechten sie Boote und lassen sie lächelnd ziehen auf der endlosen Tiefe. Kinder haben ihr Spiel am Seestrand der Welten.

Sie wissen nicht, wie man schwimmt, sie wissen nicht, wie man Netze wirft. Perlfischer tauchen nach Perlen, Kaufleute segeln in Schiffen, wenn Kinder Steine sammeln und Steine zerstreun. Sie suchen nicht nach verborgenen Schätzen, sie wissen nicht, wie man Netze wirft.

Die See braust auf in Gelächter, schwach schimmert das Lächeln der Küste. Todtragende Wogen erzählen den Kindern sinnlose Lieder, gleich einer Mutter, wenn sie die Wiege des Kinds wiegt. Die See spielt mit Kindern, schwach schimmert das Lächeln der Küste.

Am Seestrand endloser Welten treffen sich Kinder. Der Sturm rast in pfadlosem Himmel und Schiffe scheitern auf spurlosem Wasser, der Tod ist draußen und Kinder spielen. Am Seestrand endloser Welten ist der große Spielplatz der Kinder.

61

Der Schlaf, der auf Kinderauge ruht – weiß jemand, woher er kommt? Es geht ein Gerücht, er hat seine Wohnung im Feendorf, wo im Waldesschatten, den schwach Glühwürmchen erhellt, zwei zarte Zauberknospen hängen. Dort kommt er her, des Kindes Aug zu küssen.

Das Lächeln, das über Kindermund huscht im Schlaf – weiß jemand, wo es geboren ist? Es geht das Gerücht, daß ein junger Strahl des wachsenden Monds den Rand einer schwindenden Wolke im Herbst traf – dort ward das Lächeln geboren im Traum eines taufeuchten Morgens, das Lächeln, das über Kindermund huscht im Schlaf.

Die süße Frische, die Kinderglieder sanft umblüht, weiß jemand, wo sie so lang sich barg? Ja, als die Mutter noch Braut war, da drang ihr durchs Herz in zartem stillen Geheimnis der Liebe – die süße Frische, die Kinderglieder sanft umblüht.

62

Bring ich dir buntes Spielzeug, mein Kind, dann versteh ich, warum es ein Spiel gibt von Farben und Wolken und Wasser, warum die Blumen so farbig getönt sind – bring ich dir buntes Spielzeug, mein Kind.

Wenn ich sing, um dich tanzen zu lassen, so weiß ich wahrlich, warum Musik in den Blättern ist, warum die Wogen den Chor der Stimmen zum Herzen der lauschenden Erde tragen – wenn ich sing um dich tanzen zu lassen.

Bring ich dir Süßigkeit für deine gierigen Händchen, weiß ich, weshalb es Honig gibt im Kelche der Blumen, warum die Früchte sich heimlich mit süßen Säften anfüllen – bring ich dir Süßigkeit für deine gierigen Händchen.

Wenn ich dein Angesicht küsse, mein Liebling, dich lächeln zu machen, verstehe ich sicher die Lust, die vom Himmel herab in das Morgenlicht flutet, und welch Entzücken der Sommerwind meinem Leib bringt, wenn ich dich küsse, dich lächeln zu machen.

63

Du führtest zu Freunden mich, die ich nicht kannte. Du wiesest den Sitz mir im Hause, das nicht mein eigen. Du brachtest das Ferne mir nah und machtest mich Bruder dem Fremden.

Mein Herz ist voll Unruh, wenn das vertraute Obdach ich lassen muß, und ich vergesse, daß altes immer im neuen wohnt, daß auch du dort wohnst.

Durch Geburt und Tod, in dieser Welt oder in andern, wohin du mich führst, du bist es, derselbe, der ein Gefährte des endlosen Lebens, der immer mein Herz mit den Banden der Freude dem Ungewohnten verbindet.

Dem, der dich kennt, ist nichts mehr fremd, keine Tür ist verschlossen. O, gewähr dies Gebet mir, daß ich nie den Segen verliere, das Eine zu fassen im Spiele der Vielen.

64

Am Abhang des einsamen Flusses, im hohen Gras sprach ich zu ihr: »Mädchen, wo gehst du hin, mit dem Mantel die Lampe beschattend? – Mein Haus ist dunkel und einsam – leih mir dein Licht!« Sie schlug einen Augenblick das dunkle Auge empor und schaut mir durchs Dämmern ins Antlitz: »Ich kam an den Fluß« so sprach sie, »die Lampe aufs Wasser zu setzen, wenn im Westen der Tag geht.« Ich stand allein in dem hohen Gras und gab acht auf das schüchterne Licht ihrer Lampe, das nutzlos trieb mit der Strömung.

Im Schweigen der steigenden Nacht sprach ich zu ihr: »Mädchen, die Lichter sind alle entzündet – wohin trägst du die Lampe? Mein Haus ist dunkel und einsam, – leih mir dein Licht!« Sie schlug ihre dunklen Augen ins Antlitz mir auf und stand zweifelnd ein Weilchen. »Ich kam,« sprach sie endlich, »dem Himmel die Lampe zu leihn.« Ich stand und gab acht auf ihr Licht, das nutzlos im Leeren verbrannte.

Im mondlosen Dunkel der Mitternacht sprach ich zu ihr: »Mädchen, was ist deine Absicht, die Lampe ans Herz dir zu drücken? Mein Haus ist dunkel und einsam, – leih mir dein Licht!« – Sie hielt einen Augenblick an und sann und schaut mir ins Antlitz im Dunkel. »Ich bracht mein Licht,« sprach sie, »es dem Festzug der Lampen zu reihen.« Ich stand und gab acht auf die kleine Lampe, nutzlos verloren unter den Lichtern.

65

Welchen göttlichen Trank wolltest du haben, mein Gott, aus dem überfließenden Kelch meines Lebens?

Mein Dichter, ist es dir Wonne, die Schöpfung durch meine Augen zu sehn und am Tor meiner Ohren zu stehn, um schweigend zu lauschen auf deine eigenen, ewigen Harmonien?

Deine Welt webt Worte in mein Gemüt, doch deine Freude fügt die Musik hinzu. Du gibst dich mir selbst in Liebe, und dann fühlest du ganz deine eigene Süße in mir.

66

Sie, die mir immer verblieb in der Tiefe des Seins, in des Zwielichts Flimmern und Schimmern, sie, die nimmer den Schleier im Morgenlichte entfaltet, wird meine letzte Gabe an dich sein, mein Gott, ganz eingehüllt in meinen Schlußgesang.

Worte warben um sie, doch verfehlten sie zu gewinnen, und Überredung streckte nach ihr umsonst sehnsüchtige Arme.

Ich schweifte von Land zu Land und hielt sie im innersten Herzen und um sie stiegen und fielen Wachstum und Verfall meines Lebens.

All mein Denken und Tun, meinen Schlaf, meine Träume beherrschte nur sie und wohnte allein doch und abseits.

Mancher klopft an mein Tor und fragte nach ihr und wandte sich in Verzweiflung.

Keiner war auf der Welt, der jemals ihr Antlitz gesehen, und sie blieb in der Einsamkeit und wartet auf dein Erkennen.

67

Du bist der Himmel und du bist das Nest zugleich.

Du Schöner, dort ist deine Liebe im Nest, die umschließet die Seele mit Farben, Tönen und Duft.

Da kommt der Morgen mit goldenem Korbe, in seiner Rechten trägt er den Kranz der Schönheit, schweigend die Erde zu kränzen.

Und da kommt der Abend über die einsamen Wiesen, die von den Herden verlaßnen auf spurlosen Pfaden, er trägt kühle Lüfte des Friedens in seinem goldenen Schlauch, von dem westlichen Ozean der Ruhe.

Aber dort, wo der unendliche Himmel sich breitet, in den sich die Seele zum Fluge hebt, dort herrscht der fleckenlose weiße Glanz. Dort ist nicht Tag noch Nacht, nicht Form noch Farbe und nimmer, nimmer ein Wort.

68

Dein Sonnenstrahl kommt herab auf diese meine Erde, mit ausgebreiteten Armen hält er an meiner Tür den lieben langen Tag und trägt zurück zu deinen Füßen die Wolken, gemacht aus meinen Tränen, Seufzern und Sängen.

Mit zärtlicher Lust schlägst du um deine Sternenbrust den Mantel der feuchten Wolke und wandelst sie um zu zahllosen Formen und Falten und färbst sie mit immer wechselnden Farben.

Sie ist so leicht und schwebend und zart und tränenvoll dunkel, das kommt, weil du sie liebst, o du Fleckenloser und Heiterer. Und darum darf sie dein hehres und weißes Licht mit ihrem leidvollen Schatten decken.

69

Der gleiche Strom des Lebens, der Tag und Nacht durch meine Adern fließt, fließt durch die Welt und tanzt in rhythmischen Maßen.

Das gleiche Leben ists, das freudevoll durch den Staub der Erde schießt in zahllosen Gräsern und ausbricht in rauschenden Wogen von Blättern und Blumen.

Das gleiche Leben ists, das geschaukelt wird in der Ozeanwiege von Tod und Geburt, von Ebbe und Flut.

Ich fühl meine Glieder erstrahlen von der Berührung der Welt dieses Lebens. Und mein Stolz stammt aus dem Lebenspuls der Äonen, die durch meine Adern tanzen in diesem Augenblick.

70

Geht es über deine Kräfte, froh zu sein mit dem Frohsinn in diesem Rhythmus? Gefangen, vergangen, verloren im Wirbel dieser angstvollen Freude?

Alle Dinge stürzen weiter, sie halten nicht an, sie schauen nicht zurück, keine Macht hält sie auf, sie stürzen weiter.

Schritt zu halten mit der hinreißenden rastlosen Musik. Jahreszeiten kommen tanzend und gehn. Farben, Töne und Duft schütten endlose Kaskaden in die überströmende Freude, die umherstreut und hingibt und stirbt in jedem Augenblick.

71

Daß ich viel machen sollte aus meinem Selbst, nach allen Seiten es wenden, um in deinen Glanz farbige Schatten zu werfen – das ist deine Maja.

Du setzest eine Schranke im eignen Sein und rufst dein getrenntes Selbst in Myriaden Tönen. Und diese deine Selbsttrennung ist in mir Leib geworden.

Der helle durchdringende Sang hallt durch den ganzen Himmel in vielfarbigen Tränen und Lächeln, Furcht und Hoffnung. Wogen steigen und fallen wieder, Träume zerrinnen und bilden sich. In mir ist deine eigene Selbstvernichtung.

Die Schranke, die du errichtet, ist bemalt mit zahllosen Gestalten, mit dem Pinsel von Tag und Nacht. Dahinter ist dein Thron gewoben in wunderbar geheimnisvollen Schnörkeln, verworfen sind alle Linien, die kahl und gerade sind.

Das große Schauspiel von dir und mir hat sich über den Himmel gebreitet. Von der Melodie von dir und mir erzittern die Lüfte, Zeitalter vergehen mit dem Verbergen und Suchen von dir und mir.

72

Er ist es, der Innerste, der mein Wesen erweckt mit seiner verborgenen Berührung.

Er ist es, der seinen Zauber auf diese Augen legt und freudig auf den Saiten meines Herzens spielt in wechselvoller Weise von Lust und Schmerz.

Er ist es, der den Schleier der Maja webt in flüchtigen Farben von Gold und Silber, von Blau und Grün, der durch die Falten seine Füße schimmern läßt, bei deren Berührung ich mich vergesse.

Tage kommen, Zeitalter gehn und er ist es immer, der mein Herz unter manchem Namen bewegt in mancher Verkleidung, in mancher Verzückung von Freude und Sorge.

73

Befreiung liegt nicht für mich im Verzicht. Ich fühl die Umarmung der Freiheit in tausend Banden der Lust.