Gespenster: Ein Familiendrama in drei Aufzügen
Chapter 6
=Frau Alving.= Ja, j e t z t kann ich es, Oswald. Du sprachst vorhin von der Lebensfreudigkeit; und da sah ich plötzlich mein ganzes Leben in einem neuen Licht.
=Oswald= (schüttelt den Kopf). Davon verstehe ich nichts.
=Frau Alving.= Du hättest deinen Vater kennen sollen, als er noch junger Lieutenant war. In i h m war Lebensfreudigkeit, -- das kannst du glauben!
=Oswald.= Ja, das weiß ich.
=Frau Alving.= Es war wie Frühlingswetter, wenn man ihn nur ansah. Und dann diese unbändige Kraft, diese Lebhaftigkeit in ihm!
=Oswald.= Nun und --?
=Frau Alving.= Und nun mußte dies lebensfrohe Kind -- denn damals w a r er nichts anderes als ein Kind -- mußte es hier in einer halbgroßen Stadt umher gehen, die keine erhebende F r e u d e, sondern nur V e r g n ü g u n g e n zu bieten vermag. Hier mußte er bleiben, ohne einen L e b e n s z w e c k zu haben; -- er hatte nur ein A m t. Er sah nirgend eine A r b e i t, der er sich mit all seinen Kräften hätte widmen können; -- er hatte nur eine B e s c h ä f t i g u n g. Er besaß keinen K a m e r a d e n, der im Stande gewesen wäre, mit ihm zu empfinden, was Lebensfreudigkeit ist; -- er hatte nur Z e c h b r ü d e r, er kannte nur M ü ß i g g ä n g e r --
=Oswald.= Mutter!
=Frau Alving.= So kam es dann, wie es kommen m u ß t e.
=Oswald.= Und wie m u ß t e es kommen?
=Frau Alving.= Du selbst hast heute Abend schon gesagt, was aus dir werden würde, wenn du hier zu Hause bliebest.
=Oswald.= Willst du damit sagen, daß Vater --?
=Frau Alving.= Dein armer Vater hat niemals eine Ableitung für seine übergroße Lebensfreudigkeit gefunden. Auch ich brachte den Frühling nicht in sein Heim.
=Oswald.= Auch du nicht?
=Frau Alving.= Man hatte mich etwas gelehrt von Pflichten und dergleichen, an die ich bis dahin geglaubt hatte. Alles mündete nur in Pflichten aus, -- -- in m e i n e Pflichten und s e i n e Pflichten und -- -- Oswald, ich fürchte, ich habe deinem armen Vater das Heim unerträglich gemacht.
=Oswald.= Weshalb hast du mir darüber nie etwas geschrieben?
=Frau Alving.= Es erschien mir ja bis jetzt niemals in einem solchen Lichte, daß ich es dir, seinem Sohne gegenüber hätte berühren können.
=Oswald.= Nun -- und wie sahst du es denn bis dahin an?
=Frau Alving= (langsam). Ich sah nur das eine, daß dein Vater ein gebrochener Mann war ehe du geboren wurdest.
=Oswald= (gedämpft). Ah --! (Er erhebt sich und geht ans Fenster.)
=Frau Alving.= Und dann dachte ich Tag aus, Tag ein nur an die e i n e Sache, daß Regine hier eigentlich eben so gut ins Haus gehöre -- wie -- mein eigenes Kind!
=Oswald= (wendet sich schnell). Regine --!
=Regine= (springt auf und fragt mit gedämpfter Stimme). Ich --!
=Frau Alving.= Ja -- nun wißt ihr es beide.
=Oswald.= Regine!
=Regine= (vor sich hin). Mutter war also auch eine solche --
=Frau Alving.= Deine Mutter hatte viele gute Seiten, Regine.
=Regine.= Ja, aber trotzdem war sie -- -- -- Zuweilen habe ich mir das wohl gedacht; -- aber -- -- -- Gnädige Frau, erlauben Sie, daß ich auf der Stelle reise?
=Frau Alving.= Willst du fort, Regine?
=Regine.= Ja, gewiß will ich das.
=Frau Alving.= Du hast natürlich deinen Willen, aber --
=Oswald= (geht zu Regine). Jetzt willst du reisen? Du gehörst ja hierher.
=Regine.= _Merci_, Herr Alving; -- nun, jetzt werde ich wohl Oswald sagen dürfen. Aber s o hatte ich es nicht gemeint.
=Frau Alving.= Regine, ich bin nicht offen gegen dich gewesen --
=Regine.= Nein, leider nicht! Hätte ich gewußt, daß Oswald kränklich sei, so --. Und da es jetzt auch nicht Ernst mit uns beiden werden kann --. Nein, ich kann nicht hier draußen auf dem Lande bleiben und mich für kranke Leute abmühen.
=Oswald.= Nicht einmal für einen, der dir so nahe steht?
=Regine.= Nein, ich kann es wahrhaftig nicht. Ein armes Mädchen muß seine Jugend ausnützen; sonst kann man ehe man sich's versieht auf dem Strohsack liegen. Und i c h habe auch Lebensfreudigkeit in mir, gnädige Frau!
=Frau Alving.= Ja, leider; aber wirf dich nicht fort, Regine.
=Regine.= Nun, wenn's geschieht, so hat es wohl geschehen müssen. Artet Oswald seinem Vater nach, so arte ich vermuthlich meiner Mutter nach. -- Darf ich fragen, Frau Alving, ob Pastor Manders diese Angelegenheit kennt?
=Frau Alving.= Pastor Manders weiß alles.
=Regine= (ist emsig mit ihrem Tuche beschäftigt). Ja, dann muß ich sehen, so schnell wie möglich mit dem Dampfschiff fort zu kommen. Ich möchte gern mit dem Pastor zusammen reisen. Und dann scheint es mir auch, daß ich eben so viel Recht an jenes Geld habe wie er, -- der elende Tischler.
=Frau Alving.= Das Geld soll dir gegönnt sein, Regine.
=Regine= (sieht sie starr an). Frau Alving, Sie hätten mich wohl wie das Kind eines vornehmen Mannes erziehen lassen können; das hätte besser für mich gepaßt. (Wirft den Kopf zurück.) -- Aber nun ist's geschehen! Es ist schließlich auch gleichgiltig! (Mit einem gehässigen Seitenblick auf die Champagnerflasche.) Ich kann vielleicht doch noch einmal Champagner mit vornehmen Leuten trinken!
=Frau Alving.= Und wenn du dich nach einem Heim sehnst, Regine, so komm zu mir.
=Regine.= Nein, ich danke Ihnen, Frau Alving. Pastor Manders wird sich meiner wohl annehmen. Und wenn es mir sehr schlecht gehen sollte, so weiß ich ja immer noch ein Haus, wo ich hin gehöre.
=Frau Alving.= Und das wäre?
=Regine.= Kammerherr Alvings Asyl.
=Frau Alving.= Regine, -- jetzt sehe ich es klar, -- du wirst zu Grunde gehen!
=Regine.= Ah, bah! -- Adieu. (Sie grüßt und geht durch das Vorzimmer ab.)
=Oswald= (steht am Fenster und blickt hinaus). Ist sie gegangen?
=Frau Alving.= Ja.
=Oswald= (murmelt vor sich hin). Ich glaube, dies hier war verkehrt.
=Frau Alving= (geht zu ihm und legt die Hände auf seine Schultern). Oswald, mein lieber Sohn, -- hat es dich sehr ergriffen?
=Oswald= (wendet ihr das Gesicht zu). Diese Dinge über Vater, meinst du?
=Frau Alving.= Ja, über deinen unglücklichen Vater. Ich fürchte jetzt, daß es dich zu sehr erschüttert hat.
=Oswald.= Was fällt dir ein? Es kam mir natürlich höchst überraschend; aber im Grunde kann es mir ja ganz gleichgiltig sein.
=Frau Alving= (zieht ihre Hände zurück). Gleichgiltig! -- Daß dein Vater so grenzenlos unglücklich war!?
=Oswald.= Natürlich hege ich Theilnahme für ihn wie für jeden andern, aber --
=Frau Alving.= Nichts anderes? -- Für deinen eigenen Vater!
=Oswald= (ungeduldig). Ja, Vater -- Vater -- Vater! Ich habe meinen Vater ja niemals gekannt. Ich habe keine andere Erinnerung an ihn, als daß er mir einmal Uebelkeit verursacht hat.
=Frau Alving.= Es ist entsetzlich, das zu denken! Sollte ein Kind nicht trotzdem Liebe für seinen Vater hegen?
=Oswald.= Wenn ein Kind seinem Vater für nichts zu danken hat? Wenn es ihn gar nicht gekannt hat? Hältst du wirklich noch an dem alten Aberglauben fest, du, die du doch sonst so aufgeklärt bist?
=Frau Alving.= Und das sollte nur Aberglaube sein --!
=Oswald.= Ja, das mußt du doch einsehen, Mutter. Dies ist auch eine von jenen Ansichten, die in der Welt in Umlauf gesetzt werden und dann --
=Frau Alving= (erschüttert). Gespenster!
=Oswald= (geht durch das Zimmer). Ja, du kannst sie wahrlich Gespenster nennen!
=Frau Alving= (aufschreiend). Oswald, -- dann liebst du mich auch nicht!
=Oswald.= Dich kenne ich ja doch --
=Frau Alving.= Ja, du kennst mich -- aber das ist auch alles!
=Oswald.= Und dann weiß ich ja, wie lieb du mich hast; dafür muß ich dir dankbar sein. Du kannst mir auch so unendlich nützlich sein, jetzt, wo ich krank bin.
=Frau Alving.= Ja, nicht wahr, Oswald? Das kann ich. Ach, ich könnte diese Krankheit beinahe segnen, die dich zu mir nach Hause getrieben hat. Denn ich sehe es wohl ein; ich h a b e dich nicht, ich muß dich erst g e w i n n e n.
=Oswald= (ungeduldig). Ja, ja, ja; dies sind lauter Redensarten. Du darfst nicht vergessen, Mutter, daß ich ein kranker Mensch bin. Ich kann mich nicht so viel mit andern beschäftigen; ich habe genug mit mir selbst zu thun.
=Frau Alving= (leise). Ich werde genügsam und geduldig sein.
=Oswald.= Und froh und lustig, Mutter!
=Frau Alving.= Ja, mein lieber Junge, du hast Recht. (Geht zu ihm.) -- Habe ich jetzt allen Kummer und alle Gewissensbisse von dir genommen?
=Oswald.= Ja, das hast du. -- Aber wer wird die Angst von mir nehmen?
=Frau Alving.= Die Angst?
=Oswald= (auf und ab gehend). Regine würde es für ein gutes Wort gethan haben.
=Frau Alving.= Ich verstehe dich nicht. Was ist's mit der Angst -- und mit Regine?
=Oswald.= Ist es spät in der Nacht, Mutter?
=Frau Alving.= Es ist schon früh am Morgen. (Sieht in das Blumenzimmer hinein.) Der Tag beginnt schon die Bergspitzen zu erhellen. Und heute wird es ein klarer Tag, Oswald! -- Bald wirst du die Sonne sehen.
=Oswald.= Darauf freue ich mich. -- Ach, es giebt ja doch noch so viel, wofür ich leben, worauf ich mich freuen kann --
=Frau Alving.= Das sollte ich auch glauben!
=Oswald.= Wenn ich auch nicht arbeiten kann, so --
=Frau Alving.= O, jetzt wirst du bald wieder arbeiten können, mein lieber Sohn. Nun hast du ja nicht mehr all diese nagenden, drückenden Gedanken, die dich quälen.
=Oswald.= Nein, es ist gut, daß du mir all diese Einbildungen genommen hast. Und wenn ich jetzt nur noch über dies eine fort kommen kann -- -- (Setzt sich aufs Sopha.) Jetzt wollen wir mit einander plaudern, Mutter --
=Frau Alving.= Ja, laß uns das thun. (Sie schiebt einen Lehnstuhl zum Sopha und setzt sich dicht neben Oswald.)
=Oswald.= -- und inzwischen wird die Sonne aufgehen. Und dann weißt du es. Und ich habe nicht mehr diese fürchterliche Angst.
=Frau Alving.= W a s soll ich wissen?
=Oswald= (ohne auf sie zu hören). Mutter, hast du heute Abend nicht gesagt, daß es gar nichts auf der Welt gäbe, was du nicht für mich thun würdest, wenn ich dich darum bäte?
=Frau Alving.= Ja, das habe ich allerdings gesagt!
=Oswald.= Und du bleibst dabei, Mutter?
=Frau Alving.= Darauf kannst du bauen, mein einziger, lieber Sohn. Ich lebe ja nur für dich allein.
=Oswald.= Ja, ja, nun sollst du hören. -- Du, Mutter, du hast eine starke, kraftvolle Seele, das weiß ich. -- Du mußt ganz ruhig bleiben, wenn du es erfährst.
=Frau Alving.= Aber ist es denn etwas so Entsetzliches --!
=Oswald.= Du darfst nicht aufschreien. Hörst du? Versprichst du mir das? Wir werden ganz still sitzen und darüber sprechen. Versprichst du mir das, Mutter?
=Frau Alving.= Ja, ja, ich verspreche es dir; aber sprich nur!
=Oswald.= Nun, du mußt also wissen, daß das mit der Müdigkeit, -- und daß ich an keine Arbeit denken darf -- daß alles dies nicht die eigentliche Krankheit ist --
=Frau Alving.= Was ist denn die eigentliche Krankheit?
=Oswald.= Die Krankheit, welche ich als Erbtheil bekommen, die -- (zeigt auf die Stirn und fügt ganz leise hinzu) -- die sitzt hier.
=Frau Alving= (beinahe sprachlos). Oswald! -- Nein -- nein!
=Oswald.= Nicht aufschreien! Ich kann es nicht ertragen. Ja, Mutter, sie sitzt hier drinnen und lauert. Und sie kann zu jeder Zeit, zu jeder Stunde hervorbrechen.
=Frau Alving.= O, welches Entsetzen --! --
=Oswald.= Sei nur ruhig. -- So steht es mit mir --
=Frau Alving= (springt auf). Es ist nicht wahr, Oswald! Es ist unmöglich! Es kann nicht sein!
=Oswald.= Dort unten habe ich e i n e n Anfall gehabt. Er ging schnell vorüber. Als ich aber erfuhr, was mit mir vorgegangen, da kam die rasende, jagende Angst über mich -- und ich reiste so schnell wie möglich zu dir nach Hause.
=Frau Alving.= Das ist also die Angst --!
=Oswald.= Ja, denn siehst du, dies ist so unbeschreiblich grauenhaft. O, wäre es nur eine gewöhnliche Todeskrankheit gewesen --! Denn ich fürchte mich ja nicht vor dem Tode, obgleich ich gern so lang wie möglich leben möchte.
=Frau Alving.= Ja, ja, Oswald, das mußt du auch!
=Oswald.= Aber dies! D i e s ist so grauenhaft abscheulich. Wieder zum kleinen Kinde zu werden; gefüttert werden müssen -- O! -- es ist nicht zu beschreiben!
=Frau Alving.= Das Kind hat seine Mutter, die es pflegt.
=Oswald= (springt auf). Nein, niemals; das ist es grade, was ich nicht will! Ich ertrage den Gedanken nicht, daß ich vielleicht viele Jahre so daliegen könnte, -- alt und grau werden. Und du könntest vielleicht noch vor mir sterben. (Setzt sich auf Frau Alvings Stuhl.) -- Denn es braucht ja nicht gleich tödtlich zu enden, sagt der Arzt. Er nannte es eine Art Weichheit im Gehirn -- -- oder etwas Aehnliches. (Lächelt müde.) Die Bezeichnung klingt so hübsch, nicht wahr? Ich muß immer an kirschrothe Draperien denken, -- an etwas, das zart und weich zu streicheln ist.
=Frau Alving= (schreit auf). Oswald! Oswald!
=Oswald= (springt wieder auf und geht im Zimmer hin und her). Und nun hast du Regine von mir genommen! Wenn ich sie nur gehabt hätte. Sie würde mir jene Handreichung schon geleistet haben!
=Frau Alving= (geht zu ihm). Was meinst du damit, mein geliebtes Kind? Giebt es irgend einen Liebesdienst auf der Welt, den ich dir nicht leisten würde?
=Oswald.= Als ich mich dort unten nach jenem Anfall erholt hatte, so sagte der Arzt mir, daß wenn es wieder käme, -- und es kommt wieder -- -- so sei k e i n e Hoffnung mehr.
=Frau Alving.= Und er war herzlos genug, dir das --
=Oswald.= Ich verlangte es von ihm. Ich sagte ihm, daß ich Verfügungen zu treffen hätte -- (Lächelt listig.) -- Und das hatte ich auch. (Zieht aus der inneren Brusttasche eine kleine Schachtel hervor.) Mutter, siehst du dies hier?
=Frau Alving.= Was ist das?
=Oswald.= Morphiumpulver.
=Frau Alving= (sieht ihn entsetzt an). Oswald, mein Liebling --?
=Oswald.= Ich habe zwölf Kapseln zusammen gespart --
=Frau Alving= (greift nach der Schachtel). Gieb mir die Schachtel, Oswald!
=Oswald.= Noch nicht, Mutter. (Steckt die Schachtel wieder in die Tasche.)
=Frau Alving.= Dies überlebe ich nicht!
=Oswald.= Es muß überlebt werden. Wenn ich Regine jetzt hier gehabt hätte, so würde ich ihr gesagt haben, wie es mit mir steht -- und ich würde sie um diese letzte Handreichung gebeten haben. S i e würde mir geholfen haben; dessen bin ich gewiß.
=Frau Alving.= Niemals!
=Oswald.= Wenn das Entsetzliche über mich gekommen wäre, und sie hätte mich hilflos da liegen sehen wie ein kleines Kind, unrettbar, verloren, hoffnungslos -- keine Rettung möglich --
=Frau Alving.= Nie und nimmer würde Regine das gethan haben!
=Oswald.= Regine w ü r d e es gethan haben. Regine war so wunderbar leichtsinnig. Und sie wäre auch bald müde geworden, einen Kranken wie mich zu pflegen.
=Frau Alving.= Dann sei Gott Lob und Dank, daß Regine nicht mehr hier ist!
=Oswald.= Ja, Mutter, nun mußt d u mir jenen Dienst leisten!
=Frau Alving= (schreit laut auf). Ich!
=Oswald.= Wer steht mir denn näher als du?
=Frau Alving.= Ich! Deine Mutter!
=Oswald.= Grade deshalb!
=Frau Alving.= Ich, die dir das Leben gegeben!
=Oswald.= Ich habe dich nicht um das Leben gebeten. Und w e l c h ein Leben hast du mir gegeben? Ich will es nicht! Du kannst es zurück nehmen!
=Frau Alving.= Hilfe! Hilfe! (Läuft ins Vorzimmer.)
=Oswald= (ihr nach). Geh' nicht von mir! Wohin willst du?
=Frau Alving= (im Vorzimmer). Einen Arzt holen, Oswald! Laß mich hinaus!
=Oswald= (ebenfalls im Vorzimmer). Du kommst nicht hinaus. Und niemand kommt herein. (Dreht den Schlüssel um.)
=Frau Alving= (kommt wieder herein). Oswald! Oswald! -- mein Kind!
=Oswald= (folgt ihr). Hast du das Herz einer Mutter für mich -- du, die mich so namenlose Angst erdulden sieht!
=Frau Alving= (nach einem Augenblick, sich beherrschend). Hier hast du meine Hand darauf.
=Oswald.= Du willst --?
=Frau Alving.= Wenn es nothwendig ist. Aber es w i r d nicht nothwendig sein. Nein, nein, es ist ja nicht möglich!
=Oswald.= Laß uns hoffen, Mutter. Und laß uns zusammen leben, so lange wir können. -- -- Danke, Mutter! (Er setzt sich in den Lehnstuhl, welchen Frau Alving an das Sopha geschoben hat. Der Tag bricht an. Die Lampe brennt noch immer.)
=Frau Alving= (nähert sich ihm behutsam). Bist du jetzt ruhiger, mein Kind?
=Oswald.= Ja.
=Frau Alving= (über ihn gebeugt). Oswald, das ist eine entsetzliche Einbildung bei dir gewesen. Alles nur Einbildung! All diese Aufregungen sind zu viel für dich gewesen. Aber jetzt sollst du ausruhen. Daheim bei deiner Mutter, du mein gesegneter Junge. Du sollst alles haben, was du willst, grade so wie damals, als du noch ein kleines Kind warst. -- Siehst du! Jetzt ist der Anfall vorüber. Und ganz leicht. Ach, ich wußte es ja. -- Und siehst du, Oswald, den schönen Tag da draußen? Strahlender Sonnenschein. Jetzt kannst du die Heimat so recht sehen. (Sie geht an den Tisch und löscht die Lampe aus. Die Gletscher und Berggipfel im Hintergrunde liegen in strahlendem Sonnenschein da.)
=Oswald= (sitzt im Lehnstuhl mit dem Rücken gegen den Hintergrund, ohne sich zu rühren; plötzlich sagt er): Mutter, gieb mir die Sonne.
=Frau Alving= (am Tische, sieht ihn erschreckt an). Was sagst du?
=Oswald= (wiederholt dumpf und tonlos). Die Sonne. Die Sonne.
=Frau Alving= (zu ihm eilend). Oswald, wie ist dir?
=Oswald= (scheint im Stuhl zusammen zu schrumpfen; alle Muskeln erschlaffen; sein Gesicht wird ausdruckslos; die Augen werden blöde und stier).
=Frau Alving= (bebend vor Furcht). Was ist das! (Schreit laut.) Oswald! Was ist mit dir! (Wirft sich neben ihn auf die Kniee und schüttelt ihn.) Oswald! Oswald! Sieh mich an! Kennst du mich nicht?
=Oswald= (tonlos wie zuvor). Die Sonne. -- Die Sonne.
=Frau Alving= (springt verzweifelt auf, fährt sich mit beiden Händen ins Haar und schreit): Dies ist unmöglich zu ertragen! (Flüstert wie erstarrt.) Wo hat er sie nur? (Fährt pfeilschnell über seine Brust.) Hier! (Weicht ein paar Schritte zurück und ruft:) Nein; -- nein; -- nein! -- D o c h! -- Nein, nein! (Sie steht ein paar Schritte von ihm, den Kopf mit beiden Händen gepackt, und starrt ihn wie in sprachloser Furcht an.)
=Oswald= (unbeweglich wie zuvor, sagt): Die Sonne. -- Die Sonne.
E n d e.