Gespenster: Ein Familiendrama in drei Aufzügen
Chapter 4
=Frau Alving.= Sie irren, lieber Pastor. Sie selbst sind der Mann, der mich zum Denken geführt hat, und dafür danke ich Ihnen!
=Pastor Manders.= Ich!
=Frau Alving.= Ja; als Sie mich in d a s hinein zwängten, was Sie Pflicht und Schuldigkeit nannten; als Sie das als recht und wahr lobpriesen, wogegen meine ganze Seele sich als etwas Widerliches empörte. Da war es, daß ich Ihre Lehren an meinem eigenen Saum prüfen wollte. Nur einen einzigen, kleinen Stich gedachte ich aufzuziehen; aber als ich d e n gelöst hatte, riß das Ganze auf. -- Und da sah ich, daß alles nur Maschinennähterei sei!
=Pastor Manders= (leise, erschüttert). Sollte d a s der Gewinn aus dem schwersten Kampf meines Lebens gewesen sein?
=Frau Alving.= Nennen Sie es lieber Ihre traurigste Niederlage!
=Pastor Manders.= Es war der größte Sieg meines Lebens, Helene; der Sieg über mich selbst.
=Frau Alving.= Es war ein Verbrechen gegen uns beide.
=Pastor Manders.= Daß ich Ihnen gebot und sagte: »Weib, geh' heim zu deinem angetrauten Gatten,« als Sie wie im Wahnsinn zu mir kamen und riefen: »hier bin ich, nimm mich!« War d a s ein Verbrechen?
=Frau Alving.= In meinen Augen, ja!
=Pastor Manders.= Wir verstehen einander nicht.
=Frau Alving.= Wenigstens j e t z t nicht mehr.
=Pastor Manders.= Niemals, -- niemals, nicht einmal in meinen geheimsten Gedanken habe ich anders an Sie gedacht, als an die Gattin meines Freundes.
=Frau Alving.= Glauben Sie selbst das?
=Pastor Manders.= Helene --!
=Frau Alving.= Man verliert sich selbst so leicht aus dem Gedächtnis!
=Pastor Manders.= Ich nicht. Ich bin derselbe, der ich immer war.
=Frau Alving= (schlägt einen andern Ton an). Ja, ja, ja; -- sprechen wir nicht mehr von alten Zeiten. Jetzt sitzen S i e bis über die Ohren in Commissionen und Aemtern; und i c h gehe hier umher und kämpfe mit sichtbaren und unsichtbaren Gespenstern.
=Pastor Manders.= Die sichtbaren will ich Ihnen bannen helfen. Nach allem, was ich mit Schrecken heute von Ihnen vernommen habe, kann ich es nicht vor meinem Gewissen verantworten, ein junges, argloses Mädchen in Ihrem Hause zu lassen.
=Frau Alving.= Halten Sie es nicht für das Beste, wenn wir sie versorgen könnten? Ich meine -- durch eine gute Heirath.
=Pastor Manders.= Ohne Zweifel. Das scheint mir in jeder Beziehung wünschenswerth für sie. Regine ist ja jetzt in dem Alter, wo --: ja, ich verstehe mich nicht recht darauf, aber --
=Frau Alving.= Regine war schon frühzeitig erwachsen.
=Pastor Manders.= Ja, nicht wahr? Mir ist, als wäre sie in körperlicher Beziehung schon auffallend stark entwickelt gewesen, als ich sie für die Confirmation vorbereitete. Aber vorläufig muß sie auf jeden Fall nach Hause gehen, unter die Aufsicht ihres Vaters --. Nein, aber Engstrand ist ja nicht -- --. Daß er -- daß er auf solche Weise mir die Wahrheit verheimlichen konnte! (Starkes Klopfen an der Thür des Vorzimmers.)
=Frau Alving.= Wer kann d a s nur sein? Herein!
=Engstrand= (in Sonntagskleidern, in der Thür). Ich bitte unterthänigst um Entschuldigung, aber --
=Pastor Manders.= Aha! Hm --
=Frau Alving.= Sind Sie es, Engstrand?
=Engstrand.= Es war keine von den Dienstmädchen zu sehen, und da nahm ich mir selbst die Freiheit, ein wenig anzuklopfen.
=Frau Alving.= Nun ja, ja. Kommen Sie nur herein. Wollen Sie mit mir sprechen?
=Engstrand= (tritt ein). Nein, ich danke unterthänigst. Ich möchte gern mit dem Herrn Pastor ein kleines Wort reden.
=Pastor Manders= (geht auf und ab). Hm! Mit mir wollen Sie sprechen? Das wollten Sie?
=Engstrand.= Ja, ich möchte gern -- --
=Pastor Manders= (bleibt vor ihm stehen). Nun, darf ich fragen, w a s Sie möchten?
=Engstrand.= Ja, es war nämlich das, Herr Pastor, daß wir da unten klariren. Vielen Dank, gnädige Frau. -- Und nun sind wir mit allem fertig; und da scheint es mir, daß es so schön und passend wäre, wenn wir, die wir während der ganzen Zeit so ehrlich mit einander gearbeitet haben -- wenn wir heute Abend mit einer kleinen Andacht schlössen.
=Pastor Manders.= Eine Andacht? Unten im Asyl?
=Engstrand.= Ja, aber wenn es dem Herrn Pastor nicht passend scheint, so --
=Pastor Manders.= O gewiß scheint es mir das, aber -- hm --
=Engstrand.= Ich habe oft selbst des Abends dort unten eine Andacht gehalten -- -- --
=Frau Alving.= Wirklich?
=Engstrand.= Ja, von Zeit zu Zeit. Was man so eine kleine Erbauung nennt. Aber ich bin ja ein geringer, gemeiner Mann und habe nicht die richtige Gabe, -- Gott bessere mich -- und so dachte ich, weil doch Herr Pastor Manders grade hier draußen ist, so --
=Pastor Manders.= Ja, sehen Sie, Tischler Engstrand, ich muß erst eine Frage an Sie richten. Sind Sie in der rechten Stimmung für eine solche Versammlung? Fühlen Sie Ihr Gewissen frei und leicht?
=Engstrand.= Ach, Gott helfe uns, Herr Pastor, es ist wohl nicht der Mühe werth, über das Gewissen zu reden.
=Pastor Manders.= Ja, g r a d e werden wir darüber reden. Was haben Sie mir also zu antworten?
=Engstrand.= Ja, das Gewissen -- damit kann es zuweilen schlecht bestellt sein.
=Pastor Manders.= Das sehen Sie also wenigstens ein! Aber wollen Sie mir jetzt ohne Umschweif sagen, -- wie hängt das mit Regine zusammen?
=Frau Alving= (heftig). Pastor Manders!
=Pastor Manders= (beruhigend). Lassen Sie mich nur --
=Engstrand.= Mit Regine! Jesus, wie Sie mich erschrecken! (Sieht Frau Alving an.) Es ist doch wohl nichts mit Regine geschehen?
=Pastor Manders.= Das wollen wir hoffen. Aber ich meine, wie hängt die Sache mit Ihnen und Regine zusammen? Sie gelten für Ihren Vater. Nun?
=Engstrand= (unsicher). Ja -- hm -- Herr Pastor, Sie wissen ja die Geschichte mit mir und der seligen Johanna.
=Pastor Manders.= Jetzt keine Verdrehung der Wahrheit mehr. Ihre verstorbene Frau hat Frau Alving den wahren Sachverhalt mitgetheilt, bevor sie aus dem Dienst ging.
=Engstrand.= Nun, da soll doch gleich --! Hat sie das wirklich gethan?
=Pastor Manders.= Sie sind also entlarvt, Engstrand.
=Engstrand.= Und sie, die so heilig geschworen und geflucht -- --
=Pastor Manders.= Fluchte sie!
=Engstrand.= Nein, sie schwor nur, aber so innig aufrichtig.
=Pastor Manders.= Und während all dieser Jahre haben Sie die Wahrheit vor mir verheimlicht. Verheimlicht vor m i r, der Ihnen in einem und allem so unbedingt getraut hat.
=Engstrand.= Ja, leider that ich das.
=Pastor Manders.= Habe ich das um Sie verdient, Engstrand? Bin ich nicht stets bereit gewesen, Ihnen mit Rath und That an die Hand zu gehen, so weit es in meiner Macht stand? Antworten Sie! War es nicht so?
=Engstrand.= Es wäre mir gar manches Mal schlecht ergangen, wenn ich Pastor Manders nicht gehabt hätte.
=Pastor Manders.= Und jetzt danken Sie mir's auf diese Weise. Bringen mich dazu, Unwahrheiten ins Kirchenbuch einzutragen und vorenthalten mir dann Jahre hindurch die Aufklärungen, welche Sie mir und der Wahrheit schuldig waren. Ihre Handlungsweise ist ganz unverantwortlich gewesen, Engstrand; und von heute an ist es mit uns beiden aus!
=Engstrand= (seufzend). Ja, so wird es wohl sein müssen!
=Pastor Manders.= Wie wollten Sie sich denn auch rechtfertigen?
=Engstrand.= Hätte sie denn hingehen sollen und die Schande noch größer machen, indem sie darüber klatschte? Herr Pastor, stellen Sie sich nur vor, daß Sie in derselben Verfassung wären, wie die selige Johanna --
=Pastor Manders.= Ich!?
=Engstrand.= Jesus ja, ich meine ja nicht accurat so. Ich meine nur, wenn Sie, Herr Pastor, etwas hätten, wovor Sie sich in den Augen der Menschen zu schämen hätten, wie man so sagt. Wir Mannsleute sollten ein armes Weib nicht zu strenge beurtheilen, Herr Pastor.
=Pastor Manders.= Aber das thue ich ja gar nicht. Gegen S i e richte ich meine Vorwürfe.
=Engstrand.= Darf ich vielleicht eine klein winzige Frage thun, Herr Pastor?
=Pastor Manders.= Meinetwegen, fragen Sie.
=Engstrand.= Ist es nicht gut und recht, wenn ein Mann eine Gefallene aufrichtet?
=Pastor Manders.= Selbstverständlich, ja.
=Engstrand.= Und muß ein Mann sein aufrichtig gegebenes Wort nicht halten?
=Pastor Manders.= Gewiß muß er das; aber --
=Engstrand.= Damals, als Johanna ins Unglück gekommen war durch jenen Engländer -- oder vielleicht war es auch ein Amerikaner oder ein Rußländer, wie man sie nennt, -- damals kam sie in die Stadt. Die Arme! Ein oder zwei Mal hatte sie mich schon verschmäht; denn sie sah ja nur auf das, was schön war; und ich hatte diesen Schaden hier am Bein. Ja, Herr Pastor, Sie erinnern sich ja, ich hatte mich auf einen Tanzboden gewagt, wo seefahrende Leute, wie man so sagt, mit Rausch und Trunkenheit umgingen. Und als ich sie nun ermahnen wollte, ein neues Leben zu beginnen --
=Frau Alving= (drüben am Fenster). Hm --!
=Pastor Manders.= Ja, ich weiß, Engstrand. Die rohen Menschen warfen Sie die Treppe hinunter. D i e Begebenheit haben Sie mir schon öfter erzählt. Sie tragen Ihr Gebrechen in Ehren.
=Engstrand.= Ich brüste mich nicht damit, Herr Pastor. Aber das war's, was ich erzählen wollte. Sie kam damals zu mir und vertraute mir ihr Unglück unter Thränen und Zähneklappern an. Ich muß sagen, Herr Pastor, es that mir so in der Seele weh, das mit anzuhören.
=Pastor Manders.= W i r k l i c h, Engstrand? Nun, und weiter?
=Engstrand.= Ja, da sagte ich zu ihr: Der Amerikaner streift auf dem Weltmeer umher. Und du, Johanna, sagte ich, du hast einen S ü n d e n f a l l begangen und bist ein verlorenes Geschöpf. Aber Jacob Engstrand, sagte ich, der steht auf zwei reellen Beinen -- ja, das meinte ich so ungefähr wie ein Gleichnis, Herr Pastor.
=Pastor Manders.= Ich verstehe schon, nur weiter.
=Engstrand.= Ja, so richtete ich sie auf und heirathete sie ehrlich, damit die Leute nicht erfahren sollten, wie sie sich mit den Ausländern verirrt hatte.
=Pastor Manders.= Das war schön gehandelt von Ihnen. Ich kann nur nicht billigen, daß Sie sich dazu bequemten, Geld anzunehmen und --
=Engstrand.= Geld? Ich? Nicht einen Heller.
=Pastor Manders= (fragend zu Frau Alving gewendet). Aber --!
=Engstrand.= Ach ja, -- warten Sie nur; jetzt fällt mir's ein. Johanna hatte ein paar Schillinge. Aber davon wollte ich nichts wissen: Pfui, sagte ich, Mammon! Sündensold! das elende Gold -- oder vielleicht war es auch Papiergeld -- -- das werfen wir dem Amerikaner wieder ins Gesicht, sagte ich. Aber er war fort und verschwunden über das wilde Meer, Herr Pastor.
=Pastor Manders.= War er das, mein guter Engstrand?
=Engstrand.= Ja wohl. Und dann wurden Johanna und ich darüber einig, daß das Kind für das Geld erzogen werden sollte; das geschah auch; und ich kann für jeden einzigen Schilling Rechenschaft ablegen.
=Pastor Manders.= Aber das verändert die Sache ja ganz bedeutend.
=Engstrand.= So hängt die Geschichte zusammen, Herr Pastor. Und ich darf wohl sagen, daß ich für Regine ein aufrichtiger Vater gewesen bin, -- so weit meine Kräfte reichten -- denn ich bin leider nur ein schwacher Mensch.
=Pastor Manders.= Nun, nun, mein lieber Engstrand -- --
=Engstrand.= Aber das darf ich wohl sagen, daß ich das Kind in der Furcht erzogen und in Liebe mit der seligen Johanna gelebt und Hauszucht gehalten habe, wie es geschrieben steht. Aber das konnte mir doch niemals einfallen, zu Pastor Manders hinauf zu gehen und mich zu brüsten und ihm zu sagen, daß ich auch einmal im Leben ein gutes Werk gethan habe. Nein, wenn Jacob Engstrand so etwas passirt, so schweigt er hübsch still. Leider kommt so etwas nicht oft vor. Und wenn ich zum Herrn Pastor hinauf komme, so habe ich immer so viel zu sprechen von dem, was schwach und elend ist. Denn ich sage, was ich neulich schon sagte, -- das Gewissen kann einen dann und wann gewaltig plagen.
=Pastor Manders.= Geben Sie mir die Hand, Jacob Engstrand.
=Engstrand.= Jesus, Herr Pastor!
=Pastor Manders.= Keine Ausflüchte. (Drückt seine Hand.) So ist's recht!
=Engstrand.= Und wenn ich den Herrn Pastor schön um Verzeihung bitten dürfte --
=Pastor Manders.= Sie? Nein, umgekehrt; ich habe Sie um Verzeihung zu bitten -- --
=Engstrand.= Nein! Gott behüte!
=Pastor Manders.= Ja, wahrhaftig. Und ich thue es von ganzem Herzen. Verzeihen Sie, daß ich Sie so verkennen konnte. Und Gott gebe, daß ich Ihnen bald einen Beweis meines Vertrauens und meines Wohlwollens geben könnte --
=Engstrand.= Möchten Sie das thun, Herr Pastor?
=Pastor Manders.= Mit dem allergrößten Vergnügen --
=Engstrand.= Nun, dazu wäre gleich eine Gelegenheit. Mit dem gesegneten Gelde, das ich mir hier draußen erspart habe, denke ich in der Stadt so eine Art von Seemanns-Heim zu gründen.
=Frau Alving.= D a s wollen Sie?
=Engstrand.= Ja, es sollte so eine Art Asyl werden. Die Versuchungen sind so mannigfaltig für den Seemann, der auf dem Festlande wandelt. Aber bei mir, in solchem Hause, wäre er wie unter Aufsicht eines Vaters, dächte ich.
=Pastor Manders.= Was sagen S i e dazu, Frau Alving?
=Engstrand.= Es ist nicht viel, womit ich beginnen kann, Gott bessere es; aber wenn irgend ein Wohlthäter mir nur die Hand reichte, so -- --
=Pastor Manders.= Ja, überlegen wir die Sache näher. Ihr Vorhaben sagt mir ganz außerordentlich zu. -- Aber jetzt gehen Sie nur hinunter und machen Sie alles in Ordnung, zünden Sie Licht an, damit es ein wenig feierlich aussieht. Dann werden wir eine schöne Erbauungsstunde mit einander halten, mein lieber Engstrand; denn jetzt glaube ich wirklich, daß Sie in der rechten Stimmung sind.
=Engstrand.= Mir scheint es auch so, ja. Und nun leben Sie wohl, Frau Alving, ich danke Ihnen für alles. Behüten Sie mir die Regine auch gut. (Trocknet eine Thräne.) Johanna's Kind -- hm, es ist wunderlich damit -- aber es ist grade als ob sie mir fest ans Herz gewachsen wäre. Ja, ja, es ist so! (Er grüßt und geht durch das Vorzimmer ab.)
=Pastor Manders.= Nun, was sagen Sie jetzt von dem Manne, Frau Alving? D a s war eine a n d e r e Erklärung, die wir da gehört haben.
=Frau Alving.= Ja, das war es allerdings!
=Pastor Manders.= Da sehen Sie nun wieder, wie sehr wir uns hüten müssen, einen Menschen zu verdammen. Freilich ist es dann wiederum auch eine große Freude, einzusehen, daß man einen Irrthum begangen hat. Oder was meinen S i e dazu?
=Frau Alving.= Ich meine, daß Sie ein großes Kind sind und bleiben werden, Manders.
=Pastor Manders.= Ich?
=Frau Alving= (legt ihre beiden Hände auf seine Schultern). Und ich meine weiter, daß ich Lust hätte, meine beiden Arme um Ihren Hals zu schlingen.
=Pastor Manders= (zieht sich hastig zurück). Nein, nein, Gott behüte uns! -- solche Gelüste --
=Frau Alving= (lächelnd). Ach! Sie fürchten sich sogar vor mir!
=Pastor Manders= (am Tische stehend). Sie haben zuweilen eine so übertriebene Art und Weise, sich auszudrücken. -- Doch jetzt will ich erst die Documente sammeln und sie in meine Tasche legen. (Thut es.) Das wäre also geschehen. Und nun leben Sie inzwischen wohl. Passen Sie auf, wenn Oswald zurück kommt. Ich komme später wieder zu Ihnen. (Nimmt seinen Hut und geht durch die Vorzimmerthür ab.)
=Frau Alving= (seufzt tief auf, blickt einen Augenblick zum Fenster hinaus, räumt ein wenig im Zimmer auf und will dann in das Speisezimmer gehen, bleibt aber mit einem unterdrückten Aufschrei in der Thür stehen). Oswald! Du sitzest noch bei Tische!
=Oswald= (im Speisezimmer). Ich rauche nur meine Cigarre zu Ende.
=Frau Alving.= Wolltest du nicht einen kleinen Spaziergang machen?
=Oswald.= In solchem Wetter? (Ein Glas klirrt. Frau Alving läßt die Thür offen stehen und setzt sich mit ihrem Strickzeug auf das Sopha am Fenster.)
=Oswald= (von drinnen). War es nicht Pastor Manders, der eben fort ging?
=Frau Alving.= Ja, er ist zum Asyl hinunter gegangen.
=Oswald.= Hm! (Glas und Karaffe klirren wieder.)
=Frau Alving= (mit bekümmerter Miene). Lieber Oswald, du solltest mit dem Liqueur vorsichtig sein. Er ist sehr stark.
=Oswald.= Er ist gut bei so feuchtem Wetter.
=Frau Alving.= Willst du nicht lieber zu mir herein kommen?
=Oswald.= Da drinnen darf ich ja nicht rauchen.
=Frau Alving.= Du weißt doch, daß du eine C i g a r r e rauchen darfst!
=Oswald.= Ja, ja, dann komme ich. Nur noch einen kleinen Tropfen. -- Gleich! (Er tritt mit seiner Cigarre ins Zimmer und schließt die Thür hinter sich. -- Kurze Pause.)
=Oswald.= Wohin ist der Pastor gegangen?
=Frau Alving.= Ich sagte dir ja schon, hinunter ins Asyl.
=Oswald.= Ach ja, das ist wahr.
=Frau Alving.= Du solltest nicht so lange bei Tische sitzen, Oswald.
=Oswald= (mit der Cigarre auf dem Rücken). Aber Mutter, ich fühle mich so gemüthlich dabei. (Streichelt sie.) Denk' nur, -- was ist das doch für mich, der jetzt heimgekehrt ist, an Mutters Tisch zu sitzen, in Mutters Zimmer -- und Mutters gute Speisen zu essen.
=Frau Alving.= Mein lieber, lieber Junge!
=Oswald= (ein wenig ungeduldig, geht rauchend auf und ab). Und was soll ich hier sonst auch beginnen? Ich habe nichts zu thun --
=Frau Alving.= Schaffe dir etwas zu thun -- --
=Oswald.= Bei diesem düstern Wetter? Den ganzen Tag keinen Sonnenstrahl? (Auf und ab gehend.) Ach ja, d a s -- nicht arbeiten zu können --!
=Frau Alving.= Vielleicht war es doch nicht wohl überlegt von dir, heim zu kommen.
=Oswald.= D o c h, Mutter; es m u ß t e sein.
=Frau Alving.= Ja, denn zehn Mal lieber will ich das Glück entbehren, dich zu Hause zu haben, als daß du --
=Oswald= (bleibt am Tisch stehen). Aber sag' mir doch, Mutter, ist es wirklich ein so großes Glück für dich, mich hier zu haben?
=Frau Alving.= Ob es ein Glück für mich ist!
=Oswald= (zerknittert eine Zeitung). Mir ist's, als müsse es dir gleichgiltig sein, ob ich lebe oder nicht.
=Frau Alving.= Und du hast das Herz, deiner Mutter das zu sagen?
=Oswald.= Du hast ja früher so gut ohne mich leben können.
=Frau Alving.= Ja; ich habe o h n e dich gelebt; -- es ist wahr. (Pause. Die Dämmerung beginnt langsam sich herab zu senken. Oswald geht auf und nieder. Er hat die Cigarre fortgelegt.)
=Oswald= (bleibt vor Frau Alving stehen). Mutter, darf ich mich neben dich auf das Sopha setzen?
=Frau Alving= (macht ihm Platz). Ja, komm mein lieber Junge.
=Oswald= (setzt sich). Ich muß dir etwas sagen, Mutter.
=Frau Alving= (gespannt). Nun?
=Oswald= (starrt vor sich hin). Ich kann es nicht länger ertragen.
=Frau Alving.= Was! Was ist es?
=Oswald= (wie zuvor). Ich habe nicht den Muth gehabt, es dir zu schreiben; und seitdem ich wieder daheim bin -- -- --
=Frau Alving= (erfaßt seinen Arm). Oswald! Was ist es!
=Oswald.= Sowohl gestern wie heute habe ich versucht, die Gedanken von mir zu weisen, -- mich los zu machen. Aber es geht nicht.
=Frau Alving= (erhebt sich). Jetzt mußt du offen reden, Oswald!
=Oswald= (zieht sie wieder auf das Sopha herab). Bleib, Mutter, und ich will versuchen, es dir zu sagen. -- Ich habe über Müdigkeit nach der Reise geklagt --
=Frau Alving.= Nun ja. Und was weiter?
=Oswald.= Aber das ist es nicht; -- keine gewöhnliche Müdigkeit --
=Frau Alving= (will aufspringen). Du bist doch nicht krank, Oswald?
=Oswald= (zieht sie wieder auf das Sopha). Bleib, Mutter. Nimm es nur ruhig. Ich bin ja auch nicht wirklich krank; nicht das, was man gewöhnlich krank nennt. (Schlägt die Hände über dem Kopf zusammen.) Mutter, ich bin geistig gebrochen, -- vernichtet, -- ich kann niemals wieder arbeiten! (Verbirgt das Gesicht in den Händen, wirft sich in den Schoos der Mutter, und bricht in lautes Weinen aus.)
=Frau Alving= (bleich und zitternd). Oswald! Sieh mich an! Nein, nein, das ist nicht wahr.
=Oswald= (blickt verzweifelt zu ihr auf). Niemals wieder arbeiten können! Niemals! -- niemals! Lebendig todt sein! Mutter, kannst du dir etwas so Entsetzliches vorstellen?
=Frau Alving.= Mein unglücklicher Sohn! Wie ist dies Furchtbare über dich gekommen?
=Oswald= (richtet sich wieder empor). Ja, das ist's ja grade, was mir unmöglich ist zu fassen und zu begreifen. Ich habe niemals ein stürmisches Leben geführt. In keiner Beziehung. Das darfst du nicht von mir glauben, Mutter! Das habe ich n i e gethan!
=Frau Alving.= Das glaube ich auch nicht, Oswald.
=Oswald.= Und trotzdem ist dies über mich gekommen! Dieses entsetzliche Unglück!
=Frau Alving.= Aber es wird wieder besser werden, mein lieber, gesegneter Junge. Es ist nichts als Ueberanstrengung. Das kannst du glauben.
=Oswald= (schwermüthig). Das glaubte ich anfangs auch; aber -- es ist nicht der Fall.
=Frau Alving.= Erzähle mir alles von Anfang bis zu Ende.
=Oswald.= Das will ich auch.
=Frau Alving.= Wann hast du es zuerst bemerkt?
=Oswald.= Gleich nachdem ich das letzte Mal zu Hause war und nach Paris zurückkam. Da bekam ich die heftigsten Kopfschmerzen -- meistens im Hinterkopf, wie es mir schien. Es war als würde mir ein enger Eisenring um Nacken und Kopf geschraubt.
=Frau Alving.= Und dann?
=Oswald.= Anfangs glaubte ich, es sei nichts Anderes, als der gewöhnliche Kopfschmerz, der mich in meiner Jugend so sehr gequält.
=Frau Alving.= Ja, ja --
=Oswald.= Aber dem war nicht so; das merkte ich bald. Ich konnte nicht mehr arbeiten. Ich wollte ein neues, großes Bild beginnen; aber es war, als hätten alle Kräfte mich verlassen; ich war wie gelähmt; ich konnte mich nicht mehr zu festen Vorstellungen sammeln; mir schwindelte, -- alles ging im Kreise. Ah, es war ein entsetzlicher Zustand! Schließlich ließ ich den Arzt holen, -- und von ihm erfuhr ich die Wahrheit.
=Frau Alving.= Wie meinst du das?
=Oswald.= Er war einer der größten Aerzte dort unten. Ich mußte ihm erzählen, was ich empfand; und dann begann er, mir eine Menge Fragen zu stellen, die mir scheinbar gar nicht zur Sache gehörig schienen; ich begriff nicht wo hinaus der Mann wollte -- --
=Frau Alving.= Nun?
=Oswald.= Und schließlich sagte er dann: schon seit Ihrer Geburt haben Sie diese wurmstichige Stelle; -- ja, er gebrauchte grade den Ausdruck »_vermoulu_«.
=Frau Alving= (gespannt). Was meinte er damit?
=Oswald.= Auch ich verstand ihn anfangs nicht und bat ihn um eine nähere Erklärung. Und da sagte der alte Cyniker -- (Ballt die Faust.) -- Ah --!
=Frau Alving.= Was sagte er?
=Oswald.= Er sagte: Die Sünden der Väter werden an den Kindern heimgesucht.
=Frau Alving= (erhebt sich langsam). Die Sünden der Väter --!
=Oswald.= Ich hätte ihn beinahe zu Boden geschlagen --
=Frau Alving= (geht durch das Zimmer). Die Sünden der Väter --
=Oswald= (lächelt schwermüthig). Ja, was sagst du dazu? Ich versicherte ihn selbstverständlich, daß von solchen Dingen gar nicht die Rede sein könne. Aber meinst du, daß er mir glaubte? Nein; er blieb bei seiner Meinung; und erst, als ich deine Briefe hervor nahm und ihm all jene Stellen übersetzte, die vom Vater handelten --
=Frau Alving.= D a --?
=Oswald.= Ja, d a mußte er einräumen, daß er auf falscher Fährte; -- und dann erfuhr ich die Wahrheit. Die unfaßbare Wahrheit! Ich hätte mich fern halten sollen von diesem jubelnden, glückseligen Jugendleben mit den Kameraden. Es sei für meine Kräfte zu stürmisch gewesen. Selbstverschuldet, also!
=Frau Alving.= Oswald! Nein, nein! Glaub' das nicht!
=Oswald.= Es sei keine andere Erklärung möglich, sagte er. D a s ist das Entsetzliche. Unheilbar vernichtet für das g a n z e Leben -- -- durch meine eigene Unbesonnenheit. -- All das Schöne, das Große, das ich auf dieser Welt geschaffen haben würde, -- nicht einmal daran denken dürfen, -- nicht daran denken k ö n n e n! -- Ach, könnte ich das Leben von neuem beginnen, -- alles, alles ungeschehen machen! (Wirft sich aufs Sopha, verbirgt das Gesicht.)
=Frau Alving= (ringt die Hände, geht schweigend aber sichtbar kämpfend auf und ab).
=Oswald= (nach einer Pause aufblickend und auf den Ellenbogen gestützt liegen bleibend). Wenn es wenigstens ererbt gewesen wäre, -- etwas, das ich nicht selbst verschuldet. Aber d i e s e s! Sein eignes Glück, -- seine Gesundheit, -- alles auf der Welt, -- seine Zukunft -- sein Leben auf so schmähliche, gedankenlose, leichtsinnige Weise vergeudet zu haben --! Fürchterlich!
=Frau Alving.= Nein, nein, mein lieber, theurer Sohn; das ist unmöglich! (Beugt sich über ihn.) Es steht nicht so verzweifelt mit dir wie du glaubst.