Gespenster: Ein Familiendrama in drei Aufzügen
Chapter 3
=Frau Alving.= Was wollen Sie damit sagen?
=Pastor Manders.= Und so wie Sie dereinst die Pflichten der Gattin verläugnet haben, so verläugneten Sie seitdem die Pflichten der Mutter.
=Frau Alving.= Ah --!
=Pastor Manders.= Ein unheilschwangerer Geist des Eigenwillens hat Sie während Ihres ganzen Lebens geleitet. Ihr ganzes Sinnen und Trachten ist dem Zwanglosen, dem Ungesetzlichen zugewendet gewesen. Niemals haben Sie irgend einen Zwang ertragen können. Alles, was Sie im Leben beengt und bedrückt hat, haben Sie gewissenlos und rücksichtslos wie eine Bürde abgeworfen, über die Sie selbst Gewalt hatten. Es behagte Ihnen nicht länger, Gattin zu sein -- und Sie verließen Ihren Gatten. Es war Ihnen beschwerlich, Mutter zu sein, und Sie schickten Ihr Kind hinaus in die Fremde.
=Frau Alving.= Ja, das ist wahr; das habe ich gethan.
=Pastor Manders.= Aber deshalb sind Sie auch eine Fremde für ihn geworden.
=Frau Alving.= Nein, nein; das bin ich n i c h t!
=Pastor Manders.= Das s i n d Sie; das m ü s s e n Sie sein. Und wie ist er zu Ihnen zurückgekehrt! Bedenken Sie das wohl, Frau Alving. Sie haben gegen Ihren Gatten ein Verbrechen begangen; -- das sehen Sie ein und errichten ihm deshalb jenes Denkmal da unten. Erkennen Sie jetzt aber auch, was Sie gegen Ihren Sohn verbrochen haben; vielleicht ist es noch Zeit, ihn von dem Wege der Verirrung zurück zu führen. Kehren Sie selbst um; und richten Sie in ihm auf, was vielleicht noch aufzurichten ist. Denn (mit erhobenem Zeigefinger) wahrlich, Frau Alving, Sie sind eine schuldbeladene Mutter! -- Dies Ihnen zu sagen, habe ich für meine Pflicht gehalten. (Langes Schweigen.)
=Frau Alving= (langsam und sich beherrschend). Jetzt haben Sie gesprochen, Herr Pastor, und morgen sollen Sie öffentlich zum Gedächtnis meines Mannes reden. Ich werde morgen nicht sprechen; aber j e t z t werde ich ein wenig mit Ihnen reden, grade so wie Sie zu mir gesprochen haben.
=Pastor Manders.= Natürlich, Sie wollen Entschuldigungen für Ihr Betragen vorbringen --
=Frau Alving.= Nein. Ich will nur erzählen.
=Pastor Manders.= Nun --?
=Frau Alving.= Alles das, was Sie hier soeben über mich und meinen Gatten und unser Zusammenleben gesagt, nachdem Sie mich, wie Sie es nennen, auf den Weg der Pflicht zurückgeführt hatten, -- alles das sind Dinge, die Sie ja nicht aus eigener Anschauung kennen. Denn seit jenem Augenblick setzten Sie -- unser Freund und täglicher Gast -- Ihren Fuß ja nicht mehr über unsere Schwelle.
=Pastor Manders.= Sie und Ihr Gatte verließen die Stadt ja gleich darauf.
=Frau Alving.= Ja; und hier heraus sind Sie bei Lebzeiten meines Mannes nicht mehr gekommen. Erst die Geschäfte in den Angelegenheiten des Asyls zwangen Sie, mich zu besuchen.
=Pastor Manders= (leise und unsicher). Helene -- soll dies ein Vorwurf sein, so muß ich Sie bitten zu überlegen -- --
=Frau Alving.= -- die Rücksichten, welche Sie Ihrer Stellung schuldeten; ja. Und dann war ich ja eine entlaufene Frau! Solchen rücksichtslosen Frauenzimmern gegenüber kann man niemals zurückhaltend genug sein.
=Pastor Manders.= Liebe -- Frau Alving, dies ist eine so ungeheure Uebertreibung.
=Frau Alving.= Ja, ja, ja, lassen wir das. Ich wollte nur d a s sagen; wenn Sie über meine ehelichen Verhältnisse urtheilen, so stützen Sie sich so ohne Weiteres auf die allgemein verbreiteten Ansichten.
=Pastor Manders.= Nun ja; und was weiter?
=Frau Alving.= Aber jetzt, Manders, jetzt werde ich Ihnen die Wahrheit sagen. Ich habe mir geschworen, daß Sie sie einmal erfahren sollten! S i e allein!
=Pastor Manders.= Und was ist denn die Wahrheit?
=Frau Alving.= Die Wahrheit ist, daß mein Mann eben so ruchlos starb, wie er all seine Tage gelebt hatte!
=Pastor Manders= (tastet nach einem Stuhl). W a s sagen Sie?
=Frau Alving.= Nach neunzehnjähriger Ehe eben so ruchlos -- in seinen Neigungen wenigstens -- wie er gewesen, bevor Sie uns vor dem Altar verbanden.
=Pastor Manders.= Und diese Jugendverirrungen -- diese Unregelmäßigkeiten, -- Ausschweifungen, wenn Sie wollen, nennen Sie ein ruchloses L e b e n!
=Frau Alving.= Unser H a u s a r z t gebrauchte diesen Ausdruck.
=Pastor Manders.= Jetzt verstehe ich Sie nicht.
=Frau Alving.= Ist auch nicht nöthig.
=Pastor Manders.= Mir schwindelt beinahe. Ihre ganze Ehe, -- Ihr ganzes vieljähriges Zusammenleben mit Ihrem Gatten sollte nichts anderes gewesen sein als ein überdeckter Abgrund!
=Frau Alving.= Nichts anderes! Jetzt wissen Sie es.
=Pastor Manders.= Darin -- darin kann ich mich nicht zurechtfinden. Ich kann es nicht fassen! Es nicht begreifen! Aber wie war es denn möglich, daß --? Wie hat so etwas verborgen bleiben können?
=Frau Alving.= Tag für Tag ist dies auch mein unaufhörlicher Kampf gewesen. Als wir Oswald bekamen, schien es gleichsam etwas besser mit Alving zu werden. Aber das dauerte nicht lange. Und nun mußte ich ja doppelt kämpfen, kämpfen auf Leben und Tod, damit niemand erfuhr, welch ein Mensch der Vater meines Kindes war. Und dann wissen Sie ja auch, wie herzgewinnend Alving sein konnte. Es schien, als konnte niemand anders als gut von ihm denken. Er war einer von jenen Menschen, dessen Ruf besser als sein Leben. -- Aber dann, Manders -- auch d a s sollen Sie wissen, -- -- dann kam das Abscheulichste von allem.
=Pastor Manders.= Noch abscheulicher als dies!
=Frau Alving.= Ich hatte alles ertragen, obgleich ich sehr wohl wußte, was heimlich außerhalb des Hauses vorging. Aber als dann das Aergernis innerhalb unserer eigenen vier Wände kam --
=Pastor Manders.= Was sagen Sie! Hier!
=Frau Alving.= Ja, in unserem eigenen Heim. Da drinnen (zeigt auf die erste Thür rechts) im Speisezimmer war es, wo ich zuerst die Sache entdeckte. Ich hatte dort etwas zu thun, und die Thür stand halb geöffnet. Da hörte ich unser Stubenmädchen mit dem Wasser für die Blumen da drüben aus dem Garten kommen.
=Pastor Manders.= Nun ja --?
=Frau Alving.= Gleich darauf hörte ich auch wie Alving kam. Ich vernahm, daß er leise zu ihr sprach. Und dann hörte ich -- (Mit kurzem Lachen.) Ah, es klingt mir heute noch so herzzerreißend und lächerlich in den Ohren; -- ich hörte meine eigene Magd flüstern: »Lassen Sie mich los, Herr Kammerherr! Lassen Sie mich in Ruhe!«
=Pastor Manders.= Welch unbegreiflicher, unverzeihlicher Leichtsinn von ihm! O, mehr als Leichtsinn ist es nicht gewesen, Frau Alving. Glauben Sie mir.
=Frau Alving.= Ich erfuhr dann bald, was ich zu glauben hatte. Der Kammerherr setzte seinen Willen bei dem Mädchen durch, -- und dieses Verhältnis hatte Folgen, Pastor Manders.
=Pastor Manders= (wie versteinert). Und alles das in d i e s e m Hause! In d i e s e m Hause!
=Frau Alving.= Ich hatte viel in diesem Hause ertragen. Um ihn des Abends zu Hause zu halten -- während der Nacht -- mußte ich mich zum Genossen seiner einsamen Gelage oben in seinem Zimmer machen. Da mußte ich allein mit ihm sitzen, mit ihm anstoßen und trinken, auf seine sinnlosen Reden hören, mit Anspannung all meiner Kräfte mit ihm kämpfen, um ihn ins Bett zu schleppen --
=Pastor Manders= (erschüttert). Und alles dies konnten Sie ertragen?
=Frau Alving.= Ich hatte meinen kleinen Knaben, für den ich es ertrug. Aber als dann die letzte Verhöhnung kam; als meine eigene Magd --; da schwor ich mir selbst: dies soll ein Ende nehmen! Und da nahm i c h die Gewalt im Hause -- die ganze Gewalt -- sowohl über ihn, wie über alles andere. Denn sehen Sie, jetzt hatte ich Waffen gegen ihn; er wagte nicht sich zu wehren. Damals wurde Oswald fortgeschickt. Er ging schon in sein siebentes Jahr und begann aufmerksam zu werden und Fragen zu stellen, wie Kinder es zu thun pflegen. Alles das konnte ich nicht ertragen, Manders. Mir war, als müsse das Kind Gift einsaugen, indem es nur in diesem besudelten, entweihten Heim a t h m e t e. Deshalb schickte ich ihn fort. Und jetzt begreifen Sie auch, weshalb er niemals einen Fuß hierher setzen durfte, so lange sein Vater lebte. Niemand weiß, was es mich gekostet hat.
=Pastor Manders.= Sie haben in Wahrheit das Leben kennen gelernt.
=Frau Alving.= Und ich würde es ja auch niemals ausgehalten haben, wenn ich meine Arbeit nicht gehabt hätte. Ja, ich darf wohl sagen, daß ich gearbeitet habe! All diese Vergrößerungen der Güter, alle Verbesserungen, all die nützlichen Einrichtungen, für welche Alving Preis und Ruhm erhielt -- glauben Sie, daß er für so etwas Interesse oder Beruf hatte? E r, der den ganzen Tag auf dem Sopha lag und in einem alten Staatskalender las?! Nein; jetzt will ich Ihnen auch d a s sagen: i c h war es, die ihn aufrüttelte, wenn er seine lichten Stunden hatte; i c h war es, welche die ganze Last schleppen mußte, wenn er dann von neuem mit seinen Ausschweifungen begann oder in Jammer und Krankheit zusammen fiel.
=Pastor Manders.= Und d i e s e m Manne errichten Sie ein Ehrendenkmal!
=Frau Alving.= Da sehen Sie die Macht des bösen Gewissens.
=Pastor Manders.= Des bösen --? Was meinen Sie damit?
=Frau Alving.= Es war mir stets, als müsse die Wahrheit doch einmal an den Tag kommen und dann geglaubt werden. Deshalb sollte das Asyl gleichsam alle Gerüchte niederschlagen und alle Zweifel aus dem Wege räumen.
=Pastor Manders.= Und da haben Sie gewiß Ihren Zweck erreicht, Frau Alving.
=Frau Alving.= Und dann hatte ich noch e i n e n Grund. Ich wollte nicht, daß Oswald, mein geliebter Knabe, irgend eine Erbschaft seines Vaters antreten sollte.
=Pastor Manders.= Es ist also von Alvings Vermögen, daß -- --?
=Frau Alving.= Ja. Die Summen, welche ich Jahr für Jahr diesem Asyl geschenkt habe, machen jenen Betrag aus, -- ich habe es ganz genau ausgerechnet -- jenen Betrag, welcher seiner Zeit Lieutenant Alving zu einer guten Partie machte.
=Pastor Manders.= Ich verstehe Sie --
=Frau Alving.= D a s w a r d i e K a u f s u m m e --. Ich will nicht, daß jenes Geld in Oswalds Hände übergehe. Mein Sohn soll a l l e s von m i r empfangen.
(=Oswald Alving= tritt durch die zweite Thür rechts ein; Hut und Ueberrock hat er draußen abgelegt.)
=Frau Alving= (ihm entgegen). Bist du schon zurück?? Mein lieber, lieber Junge!
=Oswald.= Ja. Was soll man draußen in diesem ewigen Regenwetter beginnen? Aber ich höre, daß wir zu Tische gehen können. Das ist prächtig!
=Regine= (mit einem Packet aus dem Speisezimmer). Hier ist ein Packet für die gnädige Frau. (Reicht Frau Alving dasselbe.)
=Frau Alving= (mit einem Blick auf Pastor Manders). Vermuthlich die Festgesänge für morgen.
=Pastor Manders.= Hm! --
=Regine.= Es ist auch schon servirt.
=Frau Alving.= Gut; wir kommen gleich; ich will nur -- (Beginnt das Packet zu öffnen.)
=Regine= (zu Oswald). Herr Oswald, wünschen Sie hellen oder dunklen Portwein?
=Oswald.= Beides, Jungfer Engstrand.
=Regine.= _Bien!_ -- sehr wohl, Herr Alving. (Geht ins Speisezimmer.)
=Oswald.= Ich muß ihr wohl mit dem Entkorken helfen. (Geht ebenfalls ins Speisezimmer, dessen Thür sich halb hinter ihm öffnet.)
=Frau Alving= (die das Packet geöffnet hat). Ja, in der That; hier haben wir die Festgesänge für morgen, Pastor Manders.
=Pastor Manders= (mit gefalteten Händen). Wie ich morgen mit freudigem Sinn meine Rede halten soll, das -- --!
=Frau Alving.= O, Sie werden sich schon damit abfinden!
=Pastor Manders= (leise, damit man ihn im Speisezimmer nicht hört). Ja, es muß sein, denn ein Aergernis dürfen wir doch nicht geben.
=Frau Alving= (leise aber fest). Nein. Aber d a n n hat die lange, häßliche Komödie auch ein Ende. Von übermorgen an wird es für mich sein, als hätte der Verstorbene niemals in diesem Hause gelebt. Hier soll kein anderer sein als mein Sohn und seine Mutter. (Aus dem Speisezimmer hört man den Lärm eines fallenden Stuhls; zu gleicher Zeit ertönt:)
=Regine's Stimme= (scharf aber flüsternd). Oswald, aber Oswald! Bist du närrisch? Laß mich!
=Frau Alving= (fährt entsetzt zusammen). Ah! (Sie starrt wie im Wahnsinn auf die halb geöffnete Thür. Man hört Oswald husten und ein Lied summen. Eine Flasche wird entkorkt.)
=Pastor Manders= (erregt). Aber was ist denn das! Was i s t das, Frau Alving?
=Frau Alving= (heiser). G e s p e n s t e r! Das Paar aus dem Blumenzimmer -- geht wieder um.
=Pastor Manders.= Was sagen Sie! Regine --? Ist s i e --?
=Frau Alving.= Ja. Kommen Sie. Kein Wort --! (Sie ergreift Pastor Manders Arm und geht schwankend dem Speisezimmer zu.)
Z w e i t e r A u f z u g.
D a s s e l b e Z i m m e r.
Der Regennebel liegt noch immer über der Landschaft.
=Pastor Manders= und =Frau Alving= treten aus dem Speisezimmer.
=Frau Alving= (noch in der Thür). Gesegnete Mahlzeit, Herr Pastor. (Spricht ins Speisezimmer hinein.) Kommst du nicht mit, Oswald?
=Oswald= (drinnen). Nein, danke; ich will ein wenig ausgehen.
=Frau Alving.= Ja, thu' das; der Regen hat jetzt nachgelassen. (Schließt die Thür des Speisezimmers, geht zur Vorzimmerthür und ruft:) Regine!
=Regine= (draußen). Ja, gnädige Frau?
=Frau Alving.= Geh' hinunter ins Bügelzimmer und hilf mit den Kränzen.
=Regine.= Sehr wohl, gnädige Frau.
=Frau Alving= (vergewissert sich, daß Regine geht; schließt dann die Thür).
=Pastor Manders.= Er kann uns da drinnen doch nicht hören?
=Frau Alving.= Unmöglich, wenn die Thür geschlossen ist. Ueberdies will er ja spazieren gehen.
=Pastor Manders.= Ich bin noch ganz betäubt. Ich begreife nicht, wie ich nur einen Bissen von den gesegneten Speisen hinunter bringen konnte.
=Frau Alving= (sucht ihrer Unruhe Herrin zu werden, auf und ab gehend). Auch ich fasse es nicht. Aber was ist hier zu thun?
=Pastor Manders.= Ja, was ist zu thun? Ich weiß es meiner Treu nicht; in solchen Dingen bin ich gänzlich unerfahren.
=Frau Alving.= Ich bin überzeugt, daß bis jetzt wenigstens kein Unglück geschehen ist.
=Pastor Manders.= Nein, das möge der Himmel verhüten! Aber ein unpassendes Verhältnis ist es trotzdem.
=Frau Alving.= Das Ganze ist ein loser Einfall Oswalds; davon können Sie überzeugt sein.
=Pastor Manders.= Ja, wie gesagt, ich verstehe mich auf solche Sachen nicht; aber mich dünkt doch entschieden -- --
=Frau Alving.= Aus dem Hause muß sie auf jeden Fall. Und das sofort. D a s wenigstens ist sonnenklar. --
=Pastor Manders.= Ja, das versteht sich.
=Frau Alving.= Aber wohin? Wir können es doch nicht verantworten, sie --
=Pastor Manders.= Wohin? Natürlich nach Hause zu ihrem Vater.
=Frau Alving.= Zu w e m meinen Sie?
=Pastor Manders.= Zu ihrem -- Aber nein, Engstrand ist ja nicht --. Aber, mein Gott, Frau Alving, wie ist dies möglich? Vielleicht irren Sie sich doch!
=Frau Alving.= Leider irre ich mich in keiner Hinsicht. Johanna mußte mir alles bekennen, -- -- und Alving konnte nicht läugnen. Es blieb nichts anderes mehr zu thun übrig, als die Sache möglichst zu vertuschen.
=Pastor Manders.= Ja, das war wohl das einzig Mögliche.
=Frau Alving.= Das Mädchen mußte sofort den Dienst verlassen und bekam eine ziemlich große Summe, um bis auf Weiteres zu schweigen. Für das Uebrige sorgte sie selbst, als sie in die Stadt kam. Sie erneuerte ihre alte Bekanntschaft mit dem Tischler Engstrand; vermuthlich ließ sie ihn auch verstehen, wie viel Geld sie habe, und weiter erzählte sie ihm irgend etwas von einem Ausländer, der während des Sommers mit seiner Vergnügungsyacht hier gelegen haben sollte. Dann wurden Engstrand und sie in aller Eile getraut. Ja, Sie selbst haben sie ja getraut.
=Pastor Manders.= Aber wie soll ich mir das alles erklären --? Ich erinnere mich noch heute so deutlich, wie Engstrand zu mir kam, um die Trauung zu bestellen. Er war ganz niedergeschmettert und klagte sich so bitter an wegen des Leichtsinns, dessen er und seine Verlobte sich schuldig gemacht hatten.
=Frau Alving.= Ja, er mußte ja alle Schuld auf sich nehmen.
=Pastor Manders.= Aber eine solche Falschheit seinerseits! Und das mir gegenüber! Das hätte ich wahrlich Jacob Engstrand nicht zugetraut. Nun, ich werde ihn ordentlich vornehmen, darauf kann er sich verlassen. -- Und dann das Unsittliche in einer solchen Verbindung! Um des Geldes Willen! Wie hoch belief sich die Geldsumme, über die das Mädchen verfügen konnte?
=Frau Alving.= Es waren 300 Speziesthaler.
=Pastor Manders.= Aber denken Sie nur, -- für lumpige 300 Spezies hinzugehen und sich mit einer Gefallenen trauen zu lassen!
=Frau Alving.= Was sagen Sie denn von m i r, die hinging und sich mit einem gefallenen M a n n e trauen ließ?
=Pastor Manders.= Aber Gott soll uns behüten! -- Was sagen Sie? -- Ein gefallener Mann!
=Frau Alving.= Glauben Sie vielleicht, daß Alving reiner war, da ich mit ihm an den Altar trat, als Johanna, da sie sich mit Engstrand trauen ließ?
=Pastor Manders.= Das sind doch aber himmelweit verschiedene Dinge --
=Frau Alving.= Durchaus nicht so verschieden. Allerdings war ein großer Unterschied im Preise; -- lumpige 300 Thaler -- und ein ganzes Vermögen!
=Pastor Manders.= Daß Sie aber so ungleiche Dinge neben einander stellen mögen. Sie hatten sich doch mit Ihrem Herzen und Ihren Angehörigen berathen!
=Frau Alving= (blickt ihn nicht an). Ich glaubte, Sie hätten errathen, wohin das, was Sie mein Herz nennen, sich damals verirrt hatte.
=Pastor Manders= (fremd). Hätte ich etwas derartiges errathen, so wäre ich nicht ein täglicher Gast in dem Hause Ihres Mannes gewesen.
=Frau Alving.= Nun, auf alle Fälle steht es fest, daß ich mich mit mir selbst nicht berieth.
=Pastor Manders.= Dann aber doch mit Ihren nächsten Verwandten; so wie es vorgeschrieben ist; mit Ihrer Mutter und Ihren beiden Tanten.
=Frau Alving.= Ja, das ist wahr. Die Drei machten das Rechenexempel für mich. O es ist unglaublich, wie klar sie mir bewiesen, daß es der reine Wahnsinn wäre, einen solchen Antrag auszuschlagen. Wenn meine Mutter jetzt herabsehen und wissen könnte, was aus all der Herrlichkeit geworden ist!
=Pastor Manders.= Für den Ausgang kann niemand verantwortlich gemacht werden. So viel steht wenigstens fest, daß Ihre Ehe in Uebereinstimmung mit jeder gesetzlichen Ordnung geschlossen wurde.
=Frau Alving= (am Fenster stehend). Ach ja, die Ordnung und das Gesetz! Manchmal glaube ich beinahe, daß diese beiden alles Unglück hier auf Erden stiften.
=Pastor Manders.= Frau Alving, jetzt versündigen Sie sich.
=Frau Alving.= Ja, das mag sein; aber ich ertrage all diese Bande und Rücksichten nicht länger. Ich kann nicht mehr! Ich muß mich zur Freiheit empor arbeiten!
=Pastor Manders.= Was wollen Sie damit sagen?
=Frau Alving= (trommelt gegen die Fensterscheiben). Ich hätte Alvings Leben niemals verheimlichen sollen. Aber damals wagte ich nicht anders zu handeln, -- auch um meiner selbst willen nicht. So feige war ich.
=Pastor Manders.= Feige?
=Frau Alving.= Hätten die Leute etwas erfahren, so würden sie gesagt haben: Armer Mann, es ist ja begreiflich, daß er ausschweifend lebt, er, der eine Frau hat, die ihm davon läuft.
=Pastor Manders.= Solche Worte hätten auch eine gewisse Berechtigung gehabt.
=Frau Alving= (blickt ihn fest an). Wenn ich wäre, was ich sein sollte, so würde ich Oswald vornehmen und ihm sagen: Hör', mein Kind, dein Vater war ein gesunkener Mensch --
=Pastor Manders.= Aber du barmherziger Gott -- --
=Frau Alving.= -- -- und dann würde ich ihm alles erzählen, was ich Ihnen gesagt habe, -- haarklein!
=Pastor Manders.= Frau Alving, ich bin beinahe empört über Sie!
=Frau Alving.= Das weiß ich. Das weiß ich ja! Ich selbst empöre mich gegen den Gedanken. (Verläßt das Fenster.) S o feige bin ich!
=Pastor Manders.= Und Sie nennen es feige, wenn Sie auch noch fernerhin Ihre Pflicht und Schuldigkeit thun. Haben Sie vergessen, daß ein Kind Vater und Mutter ehren soll?
=Frau Alving.= Nehmen wir die Sache nicht so allgemein. Fragen wir hingegen: soll Oswald Alving den Kammerherrn Alving ehren und lieben?
=Pastor Manders.= Ist denn keine Stimme in Ihrem Mutterherzen, die Ihnen verbietet, die Ideale Ihres Sohnes zu zertrümmern?
=Frau Alving.= Und was wird dann aus der W a h r h e i t?
=Pastor Manders.= Und was wird aus den I d e a l e n?
=Frau Alving.= Ach -- Ideale, Ideale! Wenn ich nur nicht so feige wäre, wie ich bin!
=Pastor Manders.= Verwerfen Sie die Ideale nicht, Frau Alving, -- denn das rächt sich bitter. Und besonders bei Oswald. Oswald hat leider nicht so viele Ideale. Aber so viel habe ich doch schon bemerkt, daß sein V a t e r ihm ein Ideal ist.
=Frau Alving.= Darin haben Sie Recht.
=Pastor Manders.= Und diese Vorstellungen haben Sie ja selbst durch Ihre Briefe in ihm geweckt und genährt.
=Frau Alving.= Ja; Pflichten und Rücksichten zwangen mich dazu. Deshalb log ich jahraus, jahrein meinem Jungen gegenüber. Ah! wie feig, -- wie feig bin ich gewesen!
=Pastor Manders.= Es hat eine glückliche Illusion bei Ihrem Sohne befestigt, Frau Alving, -- und d a s dürfen Sie wahrlich nicht unterschätzen.
=Frau Alving.= Hm! -- wer weiß, ob d a s sich jetzt als gut erweist. Aber irgend welche Gemeinschaft mit Regine dulde ich unter keinen Umständen. Er soll nicht hingehen und das arme Mädchen unglücklich machen.
=Pastor Manders.= Nein; du großer Gott, das wäre ja entsetzlich!
=Frau Alving.= Wenn ich nur wüßte, ob er es ehrlich meint, und ob es zu seinem Glücke führen würde -- --
=Pastor Manders.= Wie? Und was dann?
=Frau Alving.= Aber dazu würde es nicht führen; denn Regine ist leider nicht derartig veranlagt.
=Pastor Manders.= Nun, was dann? Was meinen Sie?
=Frau Alving.= Wenn ich nicht so gottsjämmerlich feige wäre, wie ich es bin, so würde ich zu ihm sagen: »verheirathe dich mit ihr, oder richtet euch ein, wie ihr wollt; aber nur keinen Betrug!«
=Pastor Manders.= Aber du barmherziger --! Eine gesetzmäßige Ehe dann! Etwas so Entsetzliches --! Etwas so Unerhörtes!
=Frau Alving.= Ja. Sagen Sie u n e r h ö r t? Die Hand aufs Herz, Pastor Manders; glauben Sie nicht, daß es da draußen im ganzen Lande umher viele Ehepaare giebt, die eben so nahe verwandt sind?
=Pastor Manders.= Ich verstehe Sie durchaus gar nicht!
=Frau Alving.= O, Sie verstehen mich sehr wohl.
=Pastor Manders.= Nun, -- Sie denken sich den möglichen Fall, daß --. Ja, leider ist das Familienleben nicht immer so rein, wie es sein sollte. Aber das, worauf Sie abzielen, sind doch immer nur Dinge, die man nicht wissen kann, -- wenigstens nicht mit Bestimmtheit. H i e r hingegen --; daß Sie, die Mutter, zugeben wollen, daß Ihr --!
=Frau Alving.= Aber ich w i l l es ja nicht. Ich will es um keinen Preis der Welt; das ist's ja grade was ich sage.
=Pastor Manders.= Aber nur deshalb nicht, weil Sie feig sind, wie Sie sich ausdrücken. Wenn Sie also n i c h t feig wären --! Du mein Schöpfer! -- eine so empörende Verbindung!
=Frau Alving.= Ja, man sagt, daß wir alle miteinander aus solchen Verbindungen stammen. Und wer ist es, der es derartig auf dieser Welt eingerichtet hat, Pastor Manders?
=Pastor Manders.= Solche Fragen erörtere ich nicht mit Ihnen, Frau Alving; dazu haben Sie durchaus nicht den rechten Sinn. Daß Sie aber zu sagen wagen, es sei nur Feigheit Ihrerseits -- --!
=Frau Alving.= Jetzt sollen Sie hören, wie ich es meine! Ich bin furchtsam und scheu, weil in mir etwas von diesem Gespensterartigen steckt, das ich niemals so recht los werden kann.
=Pastor Manders.= W i e nannten Sie es?
=Frau Alving.= Gespensterartig. Als ich Regine und Oswald da drinnen hörte, war mir's, als sähe ich Gespenster vor mir. Aber ich glaube beinahe, Pastor Manders, wir alle sind Gespenster. Es ist nicht allein das, was wir von Vater und Mutter geerbt haben, das in uns umgeht. Es sind allerhand alte, todte Ansichten und aller mögliche alte Glaube und dergleichen. Es lebt nicht in uns; aber es steckt in uns und wir können es nicht los werden. Wenn ich nur eine Zeitung in die Hand nehme, um daraus zu lesen, so ist's mir schon, als sähe ich die Gespenster zwischen den Zeilen umher schleichen. Im ganzen Lande müssen Gespenster leben. Mir ist's, als müßten sie so dicht sein, wie der Sand am Meer. Und dann sind wir alle mit einander ja so gottsjämmerlich lichtscheu.
=Pastor Manders.= Aha! Da haben wir also die Ausbeute Ihrer Lectüre. Schöne Früchte in der That! O, diese abscheulichen, aufrührerischen, freigeistigen Schriften!