Gespenster: Ein Familiendrama in drei Aufzügen
Chapter 2
=Pastor Manders.= Ja, und in vollkommenster Ordnung. Sie können glauben, es hat schwer gehalten, sie zu rechter Zeit zu bekommen. Ich habe förmlich eine Pression üben müssen. Die Behörden sind beinahe peinlich gewissenhaft, wo es sich um Entscheidungen handelt. (Sucht in dem Papierbündel.) Sehen Sie, hier ist die gerichtlich bestätigte Uebergabsurkunde des Gehöftes Solvik, Vorwerk des Ritterguts Rosenvold, mit den darauf befindlichen Neubauten an Häusern, Schullokalen, Lehrerwohnung und Kapelle. Und hier ist die Anerkennung der Legate und Stiftungsurkunde. Wollen Sie gefälligst sehen -- (Liest.) Die Statuten des Kinderasyls »Zu Hauptmann Alvings ewigem Gedächtnis« --
=Frau Alving= (blickt lange auf das Papier). -- Also d a s ist es.
=Pastor Manders.= Ich habe die Bezeichnung H a u p t m a n n und nicht Kammerherr gewählt. Hauptmann klingt prunkloser.
=Frau Alving.= Ja, ja; ganz wie Sie meinen.
=Pastor Manders.= Und hier ist das Sparkassebuch über das rententragende Kapital, welches ausgesetzt ist, um die Betriebskosten des Asyls zu decken.
=Frau Alving.= Besten Dank; aber haben Sie die Güte, es der Bequemlichkeit wegen zu behalten.
=Pastor Manders.= Sehr gern. Ich halte es für das Beste, wenn wir das Geld vorläufig in der Sparkasse liegen lassen. Der Zinsfuß ist zwar nicht sehr verlockend, vier Procent bei sechsmonatlicher Kündigung. Wenn man dann später zu einer guten Pfandobligation kommen könnte, -- es müßte natürlich erste Priorität und ein Papier von unzweifelhafter Sicherheit sein, -- so könnten wir weiter darüber reden.
=Frau Alving.= Ja, ja, lieber Pastor Manders, alles das verstehn Sie am besten.
=Pastor Manders.= Auf alle Fälle werde ich die Augen offen halten. -- Und nun noch etwas, über das ich schon mehre Mal mit Ihnen sprechen wollte.
=Frau Alving.= Und das wäre?
=Pastor Manders.= Soll das Asylgebäude versichert werden oder nicht?
=Frau Alving.= Gewiß muß es versichert werden.
=Pastor Manders.= Sachte, sachte, beste Frau. Betrachten wir die Sache ein wenig näher.
=Frau Alving.= Ich habe stets alles versichert, sowohl die Gebäude und den Hausrath wie auch die Scheunenvorräthe und die Ackergeräthschaften.
=Pastor Manders.= Selbstverständlich. Auf Ihrer eigenen Besitzung. Das thue auch ich natürlicherweise. Aber sehen Sie, hier ist es eine ganz andere Sache. Das Asyl soll doch gleichsam einer höheren Lebensaufgabe geweiht sein.
=Frau Alving.= Ja, aber deshalb -- --
=Pastor Manders.= Für meine eigene Person würde ich natürlich nicht das Geringste darin finden, wenn wir uns gegen alle Möglichkeiten sichern --
=Frau Alving.= Nun, das sollte ich auch denken.
=Pastor Manders.= -- aber wie verhält es sich mit der Stimmung des Volkes hier in der Gegend? Diese müssen Sie ja besser kennen als ich.
=Frau Alving.= Hm -- die Stimmung --
=Pastor Manders.= Giebt es hier eine beträchtliche Anzahl von Meinungsberechtigten -- von w i r k l i c h Meinungsberechtigten, die Anstoß daran nehmen könnten?
=Frau Alving.= Ja, was verstehen Sie denn eigentlich unter wirklich Meinungsberechtigten?
=Pastor Manders.= Nun, ich denke in erster Reihe an Männer, die so weit in unabhängiger und einflußreicher Stellung sind, daß man nicht gut unterlassen kann, ihrer Meinung ein gewisses Gewicht beizulegen.
=Frau Alving.= Deren giebt es hier Mehrere, die sich vielleicht daran stoßen könnten, wenn -- --
=Pastor Manders.= Nun, sehen Sie nur! In der Stadt haben wir eine ganze Menge von dieser Sorte. Denken Sie nur an all die Anhänger meines Amtsbruders! Man könnte wirklich leicht dahin kommen es so aufzufassen, als wenn weder Sie, verehrte Frau, noch ich das rechte Vertrauen auf eine Vorsehung hätten.
=Frau Alving.= Aber was Sie anbetrifft, lieber Herr Pastor, so wissen Sie doch für alle Fälle selbst, daß -- --
=Pastor Manders.= Ja, ich weiß, ich weiß; -- ich habe meine gute Ueberzeugung, das ist wahr. Aber trotzdem würden wir eine falsche und unvortheilhafte Auslegung nicht hindern können. Und diese könnte wieder sehr leicht einen hemmenden Einfluß auf die Thätigkeit des Asyls üben.
=Frau Alving.= Nun, wenn d a s der Fall wäre, so -- --
=Pastor Manders.= Und ich kann mich auch nicht gänzlich der unangenehmen, -- ja, ich kann sogar sagen peinlichen Stellung verschließen, in welche ich möglicherweise kommen könnte. In den leitenden Kreisen der Stadt beschäftigt man sich viel mit dieser Asyl-Angelegenheit. Das Asyl ist ja auch theilweise zum Nutzen der Stadt errichtet, und hoffentlich wird es in nicht unbeträchtlichem Maße dazu dienen, unsere kommunalen Armen-Lasten zu erleichtern. Da ich nun aber Ihr Rathgeber gewesen bin und den geschäftlichen Theil der Sache geführt habe, so muß ich befürchten, daß die Eifersüchtigen und Neider sich zuerst gegen mich wenden würden.
=Frau Alving.= Ja, d e m sollen Sie sich nicht aussetzen.
=Pastor Manders.= Gar nicht zu reden von den Angriffen, welche gewisse Blätter und Zeitschriften unzweifelhaft gegen mich richten würden --
=Frau Alving.= Genug, lieber Pastor Manders; diese Rücksichten sind entscheidend.
=Pastor Manders.= Sie wollen also nicht, daß wir versichern?
=Frau Alving.= Nein, lassen wir es.
=Pastor Manders= (lehnt sich im Stuhl zurück). Aber w e n n nun doch einmal das Unglück hereinbräche? Man kann ja niemals wissen -- --. Würden Sie dann den Schaden wieder gut machen können?
=Frau Alving.= Nein. Das sage ich Ihnen grade heraus. Das könnte ich nicht.
=Pastor Manders.= Ja, aber wissen Sie, Frau Alving, -- dann ist es eigentlich eine bedenkliche Verantwortung, die wir auf uns laden.
=Frau Alving.= Aber meinen Sie denn, daß wir anders k ö n n e n?
=Pastor Manders.= Nein, das ist grade die Sache; wir k ö n n e n eigentlich nicht anders. Wir dürfen uns doch nicht einer schiefen Beurtheilung aussetzen; und wir dürfen auch durchaus in der Gemeinde kein Aergernis geben.
=Frau Alving.= Sie, als Priester, gewiß nicht.
=Pastor Manders.= Und mich dünkt doch auch wirklich, wir dürfen darauf bauen, daß das Glück einer solchen Anstalt hold ist, -- ja, daß sie unter einem besondern Schutz und Schirm steht.
=Frau Alving.= Hoffen wir es, Pastor Manders.
=Pastor Manders.= Wollen wir die Sache also auf sich beruhen lassen?
=Frau Alving.= Ja, gewiß.
=Pastor Manders.= Gut. Wie Sie wollen. (Notirt.) Also -- n i c h t versichern.
=Frau Alving.= Es ist übrigens seltsam, daß Sie grade heute über diese Angelegenheit sprachen -- --
=Pastor Manders.= Ich beabsichtigte schon oft, Sie darüber zu befragen --
=Frau Alving.= -- denn gestern hätten wir drüben beinahe eine Feuersbrunst gehabt.
=Pastor Manders.= Ist das möglich!
=Frau Alving.= Es hatte übrigens nichts auf sich. Einige Hobelspäne in der Tischlerwerkstätte waren in Brand gerathen.
=Pastor Manders.= Dort, wo Engstrand arbeitet?
=Frau Alving.= Ja. Die Leute sagen, daß er oft so unvorsichtig mit den Zündhölzern umgeht.
=Pastor Manders.= Der Mann hat so viele Dinge in seinem Kopf, -- -- so viele Anfechtungen. Gott sei Dank, wie ich höre, befleißigt er sich jetzt indessen, ein tadelloses Leben zu führen.
=Frau Alving.= So? Wer sagt das?
=Pastor Manders.= Er selbst hat mich das versichert. Und ein geschickter Arbeiter ist er ja auch.
=Frau Alving.= O ja, so lange er nüchtern ist --
=Pastor Manders.= Ja, diese unglückselige Schwäche! Aber er sagt, daß er zuweilen seines kranken Beines wegen trinken m u ß. Als er das letzte Mal bei mir in der Stadt war, hat er mich wirklich tief gerührt. Er kam zu mir, um mir für die Arbeit zu danken, die ich ihm hier verschafft hatte, weil es ihm nun doch möglich gemacht war, mit Regine zusammen zu sein.
=Frau Alving.= Er sieht sie aber doch nur sehr selten.
=Pastor Manders.= Nein, er sieht sie täglich; er hat es mir ja selbst gesagt.
=Frau Alving.= Nun, nun, es kann ja sein!
=Pastor Manders.= Er fühlt sehr wohl, daß er jemanden braucht, der ihn zurückhält, wenn die Versuchung an ihn herantritt. D a s ist das Liebenswürdige an Jacob Engstrand, daß er selbst so hilflos daher kommt und sich anklagt und seine Schwäche bekennt. Als er das letzte Mal bei mir war und mir erzählte -- -- -- Hören Sie, Frau Alving, wenn es für ihn eine Herzensbefriedigung wäre, Regine wieder bei sich zu Hause zu haben --
=Frau Alving= (erhebt sich hastig). Regine?!
=Pastor Manders.= -- so müßten Sie sich dem nicht widersetzen.
=Frau Alving.= O, dem widersetze ich mich ganz entschieden. Und überdies, -- Regine bekommt eine Beschäftigung im Asyl.
=Pastor Manders.= Aber bedenken Sie, er ist doch ihr Vater --
=Frau Alving.= Ja, i c h weiß am besten, was für ein Vater er ihr gewesen ist. Nein, mit m e i n e r Zustimmung wird sie niemals zu ihm zurückkehren.
=Pastor Manders= (erhebt sich). Aber beste Frau, ereifern Sie sich nicht so. Es ist traurig, wie sehr Sie den Tischler Engstrand verkennen. Sie waren ja förmlich erschrocken --
=Frau Alving= (ruhiger). Es ist einerlei. Ich habe Regine zu mir genommen, und bei mir bleibt sie. (Horcht.) Still, lieber Pastor, sprechen wir nicht mehr über diesen Gegenstand! (Ein Freudenstrahl erhellt ihr Gesicht.) Hören Sie! Oswald ist schon auf der Treppe. Jetzt wollen wir nur an i h n denken.
(=Oswald Alving=, in leichtem Rock, den Hut in der Hand, aus einer großen Meerschaumpfeife rauchend, tritt durch die Thür links ein.)
=Oswald= (bleibt an der Thür stehen). Ich bitte um Verzeihung -- ich glaubte die Herrschaften seien im Schreibzimmer. (Tritt näher.) Guten Tag, Herr Pastor.
=Pastor Manders= (ihn anstarrend). Ah! -- Das ist aber sonderbar --
=Frau Alving.= Ja, was sagen Sie zu d e m da, Pastor Manders!
=Pastor Manders.= Ich sage, -- ich sage --. Nein, aber ist denn das wirklich --?
=Oswald.= Ja, Herr Pastor, es ist wirklich der verlorene Sohn.
=Pastor Manders.= Aber mein lieber, junger Freund --
=Oswald.= Nun also, der h e i m g e k e h r t e Sohn.
=Frau Alving.= Oswald denkt an die Zeit, als Sie so sehr dagegen waren, daß er Maler wurde.
=Pastor Manders.= Menschlichen Augen mag ja mancher Schritt bedenklich scheinen, der später trotzdem -- (Schüttelt Oswalds Hand.) Nun, willkommen! willkommen! Nein, mein lieber Oswald -- Ich darf Sie doch noch bei Ihrem Vornamen nennen?
=Oswald.= Aber wie wollten Sie mich denn sonst nennen?
=Pastor Manders.= Gut. Es war also d a s, was ich Ihnen sagen wollte, -- Sie dürfen nicht glauben, daß ich den Künstlerstand unbedingt verdamme. Nein, ich nehme an, daß es auch in diesem Stand Viele giebt, die ihren innern Menschen unverderbt bewahren.
=Oswald.= Das wollen wir hoffen.
=Frau Alving= (strahlend glücklich). Ich kenne Einen, der sowohl seinen innern wie seinen äußern Menschen unverderbt bewahrt hat, sehen Sie ihn nur an, Pastor Manders.
=Oswald= (geht auf und ab). Ja, ja, liebste Mutter. Aber lassen wir das.
=Pastor Manders.= Nun, wahrhaftig, -- -- das läßt sich nicht läugnen. Und jetzt haben Sie auch schon angefangen, sich einen Namen zu machen. Die Zeitungen haben oft unendlich günstig von Ihnen gesprochen. Ja, übrigens, in letzter Zeit war nicht mehr viel von Ihnen die Rede, wie mich dünkt.
=Oswald= (der hinten bei den Blumen steht). Ich habe nicht mehr so viel malen dürfen.
=Frau Alving.= Ein Maler muß sich doch auch zuweilen ausruhen.
=Pastor Manders.= Das kann ich mir denken. Dann bereitet man sich vor und sammelt neue Kräfte zu einem großen Werke.
=Oswald.= Ja. -- Mutter, speisen wir bald?
=Frau Alving.= In einer kleinen halben Stunde. Appetit hat er doch, Gott sei Dank.
=Pastor Manders.= Und Rauchlust auch.
=Oswald.= Ich fand Vaters Pfeife da oben auf dem Zimmer und da --
=Pastor Manders.= Aha! Da haben wir es also?
=Frau Alving.= Was?
=Pastor Manders.= Als Oswald ins Zimmer trat mit der Pfeife im Munde, war mir's, als stände sein Vater lebendig vor mir.
=Oswald.= Nein, wirklich?
=Frau Alving.= O, wie können Sie das nur sagen! Oswald geräth doch ganz mir nach.
=Pastor Manders.= Ja, aber jener Zug um die Mundwinkel, um die Lippen, erinnert so deutlich an Alving -- -- besonders jetzt, wo er raucht.
=Frau Alving.= Durchaus gar nicht. Mich dünkt, Oswald hat eher einen priesterlichen Zug um den Mund.
=Pastor Manders.= O ja, o ja; mehre meiner Amtsbrüder haben einen ähnlichen Zug.
=Frau Alving.= Aber stell' die Pfeife jetzt fort, mein lieber Junge; ich mag hier keinen Tabakrauch haben.
=Oswald= (thut es). Gern. Ich wollte sie nur probiren, denn einmal als Kind habe ich daraus geraucht.
=Frau Alving.= Du?
=Oswald.= Ja. Ich war damals noch ganz klein. Aber ich erinnere, wie ich eines Abends zu Vater ins Zimmer kam, und er so lustig und vergnügt war.
=Frau Alving.= Bah, du erinnerst dich an gar nichts aus jenen Jahren.
=Oswald.= Doch; ich erinnere mich ganz deutlich, wie er mich auf sein Knie setzte und mich aus der Pfeife rauchen ließ. »Rauche, Junge,« sagte er, »rauch tüchtig!« Und ich rauchte aus aller Kraft, bis ich fühlte, wie ich bleich wurde und der Schweiß mir in großen Tropfen auf der Stirn stand. Da lachte er so herzlich --
=Pastor Manders.= Das war aber doch seltsam.
=Frau Alving.= Mein Bester, das hat Oswald nur geträumt.
=Oswald.= Nein Mutter, das hat mir durchaus nicht geträumt. Denn -- erinnerst du d a s nicht noch -- da kamst du und trugst mich hinüber in die Kinderstube. Dort wurde mir übel und ich sah, daß du weintest. -- -- Hat Vater oft solche Possen getrieben?
=Pastor Manders.= In seiner Jugend war er ein unendlich lebenslustiger Mensch --
=Oswald.= Und hat doch so viel auf dieser Welt zu Stande gebracht. So vieles, das gut und nützlich; -- und er ist doch nicht alt geworden!
=Pastor Manders.= Ja, mein lieber Oswald Alving, Sie haben in der That den Namen eines thätigen und würdigen Mannes geerbt. Nun, das wird Ihnen hoffentlich ein Sporn sein -- --
=Oswald.= Es s o l l t e so sein, ja.
=Pastor Manders.= Auf jeden Fall war es schön von Ihnen, daß Sie zu seinem Ehrentage nach Hause kamen.
=Oswald.= Weniger konnte ich für meinen Vater doch nicht thun.
=Frau Alving.= Und daß ich ihn jetzt so lange hier behalten kann, -- das ist doch das Schönste von ihm.
=Pastor Manders.= Ja, wie ich höre, werden Sie den ganzen Winter hindurch daheim bleiben.
=Oswald.= Ich bleibe für unbestimmte Zeit hier, Herr Pastor! -- Ach! es ist doch gut, wieder zu Hause zu sein!
=Frau Alving= (strahlend). Ja, nicht wahr, du?
=Pastor Manders= (sieht ihn theilnehmend an). Sie sind früh in die Welt hinaus gekommen, mein lieber Oswald.
=Oswald.= Das ist wahr. Zuweilen denke ich, daß es z u früh war.
=Frau Alving.= O, durchaus nicht. Das thut einem gesunden Burschen nur gut. Und besonders Einem, der einziges Kind ist. Ein solcher soll nicht zu Hause bei Vater und Mutter sitzen und verhätschelt werden.
=Pastor Manders.= Das ist eine durchaus bestreitbare Frage, Frau Alving. Das Vaterhaus ist und bleibt doch die rechte Zufluchtsstätte, der beste Aufenthalt für ein Kind.
=Oswald.= Darin muß ich dem Pastor ganz Recht geben.
=Pastor Manders.= Sehen Sie nur Ihren eigenen Sohn an. Ja, wir können ja sehr wohl in seiner Gegenwart darüber sprechen. Welches sind die Folgen davon für ihn gewesen? Er ist sechs- bis siebenundzwanzig Jahre alt geworden und hat noch niemals Gelegenheit gehabt, ein ordentliches Heim kennen zu lernen.
=Oswald.= Um Verzeihung, Herr Pastor, -- aber da irren Sie doch.
=Pastor Manders.= So? -- Ich glaubte, Sie hätten ausschließlich nur in Künstlerkreisen verkehrt.
=Oswald.= Das ist auch der Fall gewesen.
=Pastor Manders.= Und meistens doch mit den jüngern Künstlern.
=Oswald.= Ja, gewiß.
=Pastor Manders.= Aber ich glaubte, daß die Mehrzahl dieser Leute nicht die Mittel besäßen, eine Familie zu gründen und ein Heim zu haben.
=Oswald.= Zweifelsohne giebt es viele unter ihnen, die nicht Geld genug haben, um sich zu verheirathen.
=Pastor Manders.= Nun, das ist es ja, was ich sage.
=Oswald.= Aber deshalb können sie doch ein Heim haben. Und einer oder der andere hat es sogar; und ein sehr ordentliches und behagliches Heim obendrein.
=Frau Alving= (horcht gespannt, nickt zuweilen, sagt aber nichts).
=Pastor Manders.= Aber ich spreche ja nicht von Junggesellenwirthschaften. Unter einem Heim verstehe ich ein Familienheim, in welchem ein Mann mit seinem Weibe und seinen Kindern lebt.
=Oswald.= Ja. Oder mit seinen Kindern und der Mutter seiner Kinder.
=Pastor Manders= (stutzt; schlägt dann die Hände zusammen). Aber du barmherziger Gott -- --!
=Oswald.= Nun?
=Pastor Manders.= Zusammen leben mit -- -- der Mutter seiner Kinder!
=Oswald.= Ja! Oder wäre es besser, wenn er die Mutter seiner Kinder verstieße?
=Pastor Manders.= Sie reden also von ungesetzlichen Verhältnissen! Von diesen sogenannten wilden Ehen?!
=Oswald.= Mir ist niemals etwas besonders Wildes in dem Zusammenleben dieser Leute aufgefallen.
=Pastor Manders.= Aber wie ist es nur möglich, daß ein -- ein einigermaßen wohlerzogener Mann oder ein junges Weib sich dazu verstehen kann in dieser Weise zu leben -- so vor den Augen aller Welt!
=Oswald.= Aber was sollen sie thun? Ein armer, junger Künstler, -- ein armes, junges Mädchen --. Es kostet viel Geld, wenn man sich verheirathen will. Was sollen sie denn thun?
=Pastor Manders.= Was sie thun sollen? Ja, Herr Alving, ich werde Ihnen sagen, was sie thun sollen. Sie sollten sich von Anfang an fern geblieben sein, -- d a s sollten sie.
=Oswald.= Mit solchen Reden werden Sie bei jungen, heißblütigen, verliebten Menschen nicht weit kommen.
=Frau Alving.= Nein, damit kommen Sie nicht weit!
=Pastor Manders.= Und daß die Behörden dergleichen dulden! Daß dergleichen ganz offenkundig geschehen darf! (Stellt sich vor Frau Alving.) Nun, hatte ich nicht Ursache, um Ihren Sohn besorgt zu sein? In Kreisen, wo die unverhüllte Unsittlichkeit geduldet wird und sich gleichsam ein Recht erworben hat -- --
=Oswald.= Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Pastor. Ich bin ein steter Sonntagsgast an einem paar solcher unregelmäßiger Familienherde gewesen -- --
=Pastor Manders.= Und das noch dazu am Sonntag!
=Oswald.= Ja gewiß, das ist ja der Tag an dem man sich amüsiren soll. Aber niemals habe ich dort ein anstößiges Wort gehört, und noch weniger war ich Zeuge von irgend etwas, das man unsittlich nennen könnte. Nein; wissen Sie, wann und wo ich die Unsittlichkeit in Künstlerkreisen getroffen habe?
=Pastor Manders.= Nein, Gott Lob, das weiß ich nicht!
=Oswald.= Nun, so werde ich mir erlauben, es Ihnen zu sagen. Ich habe sie getroffen, wenn einer oder der andere unserer mustergiltigen Ehemänner und Familienväter hinunter gekommen ist, um sich dort so ein wenig auf eigene Hand umzusehen -- und dann den Künstlern die Ehre anthat, sie in ihren bescheidenen Kneipen aufzusuchen. Da konnten wir etwas lernen! Die Herren wußten uns über Dinge und Oertlichkeiten zu erzählen, von denen wir uns niemals hatten träumen lassen.
=Pastor Manders.= Was? Wollen Sie wirklich behaupten, daß Ehrenmänner von hier zu Hause da draußen -- --?
=Oswald.= Haben Sie denn niemals gehört, wie diese E h r e n m ä n n e r bei ihrer Heimkehr sich über die zunehmende Unsittlichkeit im Auslande ausgesprochen haben?
=Pastor Manders.= Ja, natürlich --
=Frau Alving.= Das habe auch ich gehört.
=Oswald.= Ja, man kann ihnen getrost aufs Wort glauben. Sie sind zuweilen sachkundige Leute! (Greift sich an den Kopf.) O -- daß das schöne, das herrliche Freiheitsleben da draußen, -- daß es s o besudelt werden muß!
=Frau Alving.= Du darfst dich nicht ereifern, Oswald; es schadet dir.
=Oswald.= Du hast Recht, Mutter. Es schadet mir. Siehst du, es ist diese verdammte Müdigkeit. Ich will noch einen kleinen Spaziergang vor dem Mittagsessen machen. Verzeihen Sie, Herr Pastor; Sie können sich nicht hinein denken; aber es überwältigte mich wieder einmal. (Ab durch die zweite Thür rechts.)
=Frau Alving.= Mein armer Junge --!
=Pastor Manders.= Ja, Sie haben Ursache, das zu sagen! So weit ist es also mit ihm gekommen!
=Frau Alving= (sieht ihn an und schweigt).
=Pastor Manders= (auf und abgehend). Er nannte sich den verlorenen Sohn. Ja, leider, -- leider!
=Frau Alving= (sieht ihn immer noch an).
=Pastor Manders.= Und was sagen S i e zu all dem?
=Frau Alving.= Ich sage, daß Oswald mit jedem Worte Recht hatte.
=Pastor Manders= (hält inne). Recht? Recht! Mit solchen Grundsätzen!
=Frau Alving.= Hier in meiner Einsamkeit bin ich dahin gekommen eben so zu denken, Herr Pastor. Aber ich habe mich niemals erkühnt, daran zu rühren. Nun wohl; mein Sohn soll für mich sprechen.
=Pastor Manders.= Sie sind ein beklagenswerthes Weib, Frau Alving. Aber jetzt muß ich ein ernstes Wort mit Ihnen reden. Jetzt ist es nicht mehr Ihr Geschäftsführer und Rathgeber, Ihr und Ihres verstorbenen Mannes Jugendfreund, der vor Ihnen steht. Es ist der Priester! So wie er in dem schwersten Augenblick Ihres Lebens vor Ihnen stand.
=Frau Alving.= Und was ist es, das der Priester mir zu sagen hat?
=Pastor Manders.= Ich muß zuerst an Ihrer Erinnerung rütteln, Frau Alving. Der Augenblick ist gut gewählt. Morgen ist der zehnte Todestag Ihres Gatten; morgen soll das Ehrendenkmal des Verstorbenen enthüllt werden; morgen soll ich zu der ganzen Schaar der Versammelten reden; -- aber heute will ich mit Ihnen allein sprechen.
=Frau Alving.= Gut, Herr Pastor; sprechen Sie!
=Pastor Manders.= Erinnern Sie sich, daß Sie nach kaum einjähriger Ehe am äußersten Rande des Abgrunds standen? Daß Sie Ihr Haus und Ihr Heim verließen -- daß Sie Ihrem Manne entflohen; -- ja, Frau Alving, flohen, flohen, und sich weigerten, zu ihm zurückzukehren, wie sehr er auch bat und flehte?
=Frau Alving.= Haben Sie vergessen, wie grenzenlos unglücklich ich während dieses ersten Jahres war?
=Pastor Manders.= Das ist grade der rechte Geist des Aufruhrs, der immer das Glück hier im Leben erstrebt. Welches Recht haben wir Menschen denn ans Glück? Nein, wir sollen unsere P f l i c h t thun, Frau Alving! Und I h r e Pflicht war es, fest zu dem Manne zu halten, den Sie einmal gewählt hatten und an den Sie durch ein heiliges Band geknüpft waren.
=Frau Alving.= Sie wissen sehr wohl, welches Leben Alving in jener Zeit führte, welcher Ausschweifungen er sich schuldig machte.
=Pastor Manders.= Ich weiß leider, welche Gerüchte über ihn gingen; und ich bin der letzte, der seinen Lebenswandel während der Jugendjahre billigt. Aber die Gattin ist nicht zum Richter über ihren Gatten gesetzt. Es wäre Ihre Schuldigkeit gewesen, mit demüthigem Sinn das Kreuz zu tragen, welches ein höherer Wille Ihnen auferlegt hatte. Aber statt dessen werfen Sie in Empörung dieses Kreuz von sich, verlassen den Strauchelnden, den Sie hätten stützen sollen, gehen hin und setzen Ihren guten Namen und Ihren Ruf aufs Spiel, und -- -- sind nahe daran, den Ruf anderer obendrein zu verscherzen.
=Frau Alving.= Anderer? Sie meinen doch nur e i n e s anderen.
=Pastor Manders.= Es war äußerst rücksichtslos von Ihnen, bei m i r Zuflucht zu suchen.
=Frau Alving.= Bei unserem Priester? -- Bei unserem Hausfreund?
=Pastor Manders.= Grade deshalb. -- Ja, danken Sie Ihrem Herrn und Gott, daß ich die nöthige Festigkeit besaß, -- daß ich Sie von Ihrem überspannten Vorhaben abbrachte und daß es mir vergönnt war, Sie auf den Weg der Pflicht zurückzuführen, in Ihr Heim -- zu Ihrem rechtmäßigen Gatten.
=Frau Alving.= Ja, Pastor Manders, d a s war allerdings I h r Werk!
=Pastor Manders.= Ich war nur ein bescheidenes Werkzeug in der Hand des Höchsten. Und ist es nicht zum größten Segen für all Ihre übrigen Lebenstage geworden, daß es mir gelang, Sie unter das Joch der Pflicht und des Gehorsams zu beugen? Ist es nicht gekommen, wie ich Ihnen vorher sagte? Ließ Alving nicht von seinen Verirrungen ab, so wie es einem Manne gebührt? Verlebte er nicht seit jener Zeit all seine Tage in Liebe und ohne Vorwurf mit Ihnen? Wurde er nicht zum Wohlthäter der ganzen Gegend, und hob er Sie nicht dergestalt zu sich empor, daß Sie ein Mitarbeiter an all seinen Unternehmungen wurden? Und dazu ein t ü c h t i g e r Mitarbeiter; -- o, ich weiß das, Frau Alving; d e n Ruhm werde ich Ihnen lassen. -- Aber jetzt komme ich zu dem zweiten großen Fehltritt in Ihrem Leben.