Geschichten aus Steiermark

Part 9

Chapter 93,818 wordsPublic domain

Der Brief muß lange gegangen sein, denn noch vor der angegebenen Zeit steht der Mensch bei der Hütte am Brunnen. Er hat sein Gewand an wie damals. Sein Gesicht ist schmäler und blasser geworden, aber gut rasiert. Seine Augen schauen größer aus, so wie nach einer Krankheit. Er nimmt einen Schluck Wasser. -- Sie sieht ihn, geht langsam hinaus und reicht ihm die Hand. Er hält sie fest, schaut sie an und sagt nichts. Sie führt ihn in die Hütte, setzt ihm eine Schüssel mit Milch vor, legt ein Stück Brot daneben hin und einen Löffel.

»Ich tu' lieber trinken,« sagt er und führt den Rand der Schüssel zum Mund. Jetzt, da sie sieht, wie gierig er die Milch austrinkt, kann sie ihr Herz nimmer verhalten. »Aber, Siegmund!« schreit sie weinend heraus, »warum hat denn das so sein müssen?!«

Er fährt sich mit seinem zerknüllten blauen Sacktuch über das Gesicht und tut ein kurzes heiseres Auflachen.

»Wenn's dich gereut hat mit mir, wesweg bist denn jetzt wieder da?« fragt sie.

»Du weißt es halt nit, Sanna,« sagt er. »Du hast es halt nit wahrgenommen. Wie wir in die Kirche sind gegangen und am Tor das Gedräng' ist, streicht mich der Sandbichlersohn an und raunt mir ins Ohr: Mußt dich schleunen mit der Koplation, in einer Stund' sind die Schandarm da! -- Da weiß ich, er hat mich verraten. Weil ich den Schildhahn hab' geschossen und der Sandbichler hat mich dabei gesehen.«

»Und was denn weiter?« fragt sie.

»Jetzt kannst dir's ja wohl denken. -- Hätt' ich dir's leicht antun sollen, daß mich die Schandarm vom Altar wegtreiben? Da geht einer schon lieber so. Schnurgerade zum Landsgericht bin ich, hab' mich gestellt und mein' Sach' abgebüßt.«

Susanne steht da, hält die Hände über der Brust gefaltet und schweigt. Nach langem Schweigen endlich: »Eines Schildhahns wegen!«

»Ungeschickt genug, daß ich so bin davongelaufen. Und dir eine andere Schand' gemacht, derweil ich dir die eine hab' ersparen wollen.«

»Und auf mein Leid hast nit gedacht?!«

Er reißt sie an sich und herzt sie und küßt sie.

»Und wenn's gutzumachen wär', Susanna. Freilich hab' ich des Hahns wegen auch meine Holzmeisterstell' verloren. Bin halt gar nix jetzt ...«

»Ich frag' nit nach Schand' und Ehr' und Holzmeisterstell'. Vier gesunde Händ' haben wir und wenn du ordentlich ja sagen kannst, so woll'n wir's halt noch einmal miteinander probieren.«

Ist aus den zwei armen Leuten ein zufriedenes Ehepaar geworden. Und ist's ihnen am liebsten, wenn sich fremde Leute nicht weiter um sie kümmern.

Das geheimnisvolle Bildnis.

Das Tal von Kapfenberg bis Aflenz kennen zu lernen, kann niemandem schaden. Es ist ein steirisches Gebirgstal, wie es »im Buch steht«. Auf dem Boden des Kurortes Steinerhof wandelnd, sieht man noch die schönen Berge des Rennfelds, des Flonings und andere Almen im freien Sonnenschein. Wir wandern den Thörlbach entlang aufwärts bis zum Felsenblock, auf welchem die grünen Almen des Floning aufgebaut sind. Hier engt sich das Tal; an beiden Seiten steile, üppigbewaldete Berghänge, an den Lehnen manch kleines Äckerlein oder eine Matte mit Heuduft. Im tiefen Grunde die weiße breite Straße mit massigem Geländer hin und hin, und mit den drei Telegraphendrähten darüber. Daneben rauscht und tost zwischen wuchtigen Felsblöcken das Wasser, oder es wallt rasch und weiß über die Steine hin, die in den Jahrtausenden von der grünlichen Alpenflut glatt geschliffen worden sind. Wo neben Straße und Fluß noch ein grünes Wieslein Platz hat im Tale, da liegt es zwischen Silberweiden, Schlehdornsträuchern und Eschen. Dort auf dem Hange oder hier in der schattigen Nebenschlucht blinken zwischen Linden, Ahornen oder wilden Kirschbäumen die taubengrauen Dachbretter eines Hauses hervor, ein wehmütig Denkzeichen an die Zeiten, da diese Berge noch traute Heimstatt fleißiger Bauern gewesen sind. Jetzt versinkt alles in die Schatten der aufwuchernden Wildnis, und nur der stattliche Eisenhammer im Talgrunde sucht mit dem Klingen seiner Werkzeuge das Jodeln und Jauchzen zu ersetzen, das ehedem die Gegend belebt hatte. (Die Eisenbahn, die heut' durch das Tal zieht, ist zur Zeit dieser kleinen Geschichte noch nicht gewesen.)

So schlängelt sich das Tal zwischen den waldigen Bergen hin, und oft muß der Weg den rollenden, grollenden Bach auf festen Brücken überspringen. Dann wieder eine räucherige Holzhauerhütte, deren Fugen der Wandzimmerung mit Kalk verklebt sind; davor, schier unter dem Schatten des aufsteigenden finsteren Fichtenwaldes, ein Gärtlein mit kümmerlichen Kohlpflanzen und freundlichen Nelken.

In einer dieser Holzhauerhütten war ich Zeuge eines Strafgerichtes gewesen. Nachbarsjungen waren in den Ziegenstall gedrungen und hatten ein Zicklein entführt. Einer hatte sogar ein Schußgewehr bei sich, um dem Kohlenbrenner die Hühner abzuschießen. Ich kam hier gerade zurecht, wie die Jungen vom eigenen Vater den Lohn erhielten; aber einer davon sagte während der Prügel zu seinem Vater: »Schlag' zu, schlag' zu! Bist selber ein Wilddieb!«

Ein paarmal leuchtet aus dem Hintergrunde dieses Tales über dem Waldkamme das weiße Gewände des Fölzsteins auf, denn endlich treten wir in das engere Bereich der Hochschwabkette. Das Thörl bei Aflenz mit seiner uralten Felsenruine ist der Eingang. Hier gehen an beiden Seiten von den Hängen Felsenrippen nieder, die das ganze Tal einengen nicht bloß zu einem Tor, sondern sogar zu einem Törl, durch das zwischen dem stattlichen Eisenwerk und anderen Gebäuden, die sich gerade hier festgestellt haben, Straße und Fluß nur mit Mühe durchkommen. Knapp hinter der Enge zweigt sich das Tal; links geht's nach St. Gilgen und ins Herz der Schwaben hinein. Da drinnen steht auch jenes Wirtshaus, wo einmal ein übermütiger junger Mensch gebührend bestraft worden ist, wie der Verlauf dieser Darstellung zeigen wird.

Saß also damals -- als ich an einem himmelblauen Sommernachmittag in goldener Jugendseligkeit dem Tale entlang wanderte -- im beschriebenen Thörlgraben, unter dem Schatten einer Esche, ein lieblich Dirndl. Auf dem Schoß hatte es in blaues Tuch geschlagen einen flachen viereckigen Gegenstand, auf den es die Hände legte. So saß es da und schaute mir entgegen. Ich wußte nicht, wollte es auf mich warten oder mich vorüberziehen lassen, nahm aber das erstere an. Ein Vollgesichtlein hatte es und zwei kugelrunde Augen drin und ein feines Näschen, das sich so ein wenig aufstülpte, als wollte es sagen: »Bitte, wenn du bei den Lippen was zu tun hast, ich steh dir nicht im Weg'!« Und das Lippenpaar! Zwei rote, sanft aneinander liegende Kißlein, so harmlos preisgegeben den Blicken des herannahenden Knaben. Ein blaues Tuch hatte die junge Maid um das Haupt gebunden und darunter schlängelten sich an den Stirnseiten so ein paar Goldlockenringlein herab, daß es schon des Teufels war.

Ich setzte mich zum Mädel hin, der Stein war breit genug für zwei, nahm sie bei der Hand und sagte: »Das ist schön von dir, Mariandl, daß du auf mich wartest.«

Wer wochenlang Zeit hat, der mag die Bekanntschaft mit einem herzigen Mädel unter »Sie« anheben; auf der Wanderschaft ist mir diese Umsiederei immer zu langweilig gewesen.

»Warten tu' ich ja nicht,« lachte sie, »ich will nur ein bissel rasten, weil ich in Kapfenberg gewesen bin, und Mariandl heiß' ich auch nicht.«

»So?!« rief ich, »hab' doch gehört daß in der Aflenzer Gegend alle sauberen Dirndeln Mariandl heißen. Was tragst du denn da?«

»Da drinnen, da?« fragte sie und hob den tafelartigen Gegenstand ein wenig empor. »Das sag' ich nicht.«

»Sicherlich eine schöne Heiligkeit.«

»Nein, kein Heiligenbild ist es nicht,« schmunzelte das Dirndlein.

»Oder der Liebste!«

»Keinen Liebsten hab' ich nicht.«

»Oder hast dich gar selber malen lassen!«

»Jawohl, gewiß!« lachte sie auf; »malen lassen werde ich mich! Wer mich sehen will, der soll zu mir selber kommen.«

»Das habe ich getan. Malen kann man dich doch nicht. Der Maler täte früher mit der ganzen Staffelei niederbrennen vor lauter Lieb'.«

»Da müßt' man halt löschen,« meinte sie.

»Und ich möcht' so gern sehen, was du da drinnen für ein schönes Bild hast.«

»Ja, das glaub' ich!«

»Dirndel, zeig' es mir!«

»Das zeig' ich nicht her,« sagte sie schalkhaft und legte die Hände fester über die verhüllte Tafel. Als ich sie des Rahmens wegen ein wenig befühlen wollte, schob sie meine Finger weg, sagte, sie könne ihre Lebenszeit hier nicht versitzen, und machte sich auf den Weg. Ich ging mit ihr und wir plauderten gemütlich dahin.

»Wie alt bist denn schon?« war meine Frage.

»Kann Er gut raten?«

Ich streckte meine zehn Finger aus: »Doppelt so viel!«

»Höher, Peter!«

»Höchstens noch einen dazu!«

»Stimmt.«

Bei manchem Stadtfräulein dürfte man beim Erraten der Lebensjahre der Wahrheit nicht so nahe kommen.

Nun begegnete uns eine Kreuzschar, die aus Mariazell kam. Hinterdrein kristelte einer nach, der vielleicht bei der Rast in Aflenz sein Leben etwas zu sehr durchgeistigt hatte; er traf die Straße nicht immer haarscharf und trollerte ein paarmal an die Telegraphenstangen.

»Aber der ist fromm,« sagte meine Begleiterin, »der telegraphiert sogar seinen Rausch nach Mariazell!«

Ich fragte sie nun, unsere Unterhaltung wieder anknüpfend, ob auch sie einmal in Mariazell gewesen sei.

Sie verneinte es.

»Aber,« bemerkte ich nach dem bekannten Bauernspruch, »jedes Dirndel muß ja neunmal nach Mariazell wallfahren gehen, bis es einen Mann kriegt!«

»Ja,« entgegnete sie, »und ein Mann muß neunmal nach Mariazell wallfahren gehen, bis er das Weibsbild wieder losbringt. Unser alter Knecht sagt's. So einen Spott brauch' ich nicht. Ich mag keinen Mann.«

»Da hast ganz recht. Die Burschen sind auch viel feiner. Geh, Dirndel, gib her dein Bild, ich will dir's tragen.«

»Dazu bin ich schon selber stark genug,« war ihre Antwort, und dabei nahm sie die verhüllte Tafel noch fester unter den Arm.

»Woher hast sie denn?« wieder meine Frage.

»Vom Kapfenberger Glaserer.«

»Was ist denn drauf?«

»Das braucht Er nicht zu wissen.«

»Wo gehst denn hin damit?«

»Heim.«

»Ich geh mit dir.«

»Der Weg ist breit genug dazu.«

»Wo wirst denn das Bild aufhängen?«

»Halt über der Stübeltür.«

»Zu deiner Schlafkammer?«

»Kann schon sein.«

In dem Augenblick stand's bei mir fest: Du gehst mit ihr! Sie mag hingehen, wo immer.

Vor dem Wirtshaus in Thörl werde ich sie -- so viel mir noch erinnerlich ist, und was auch schicksam war -- gefragt haben, ob sie nicht einkehren wolle? Nein, sie könne auch daheim trinken. Wartete aber doch nicht so lang'. Auf dem Wege gegen St. Gilgen, unter einem verknorpelten Ahorn, ist ein Brunnen. Zu dem beugte sie sich nieder, nutzte die hohle Hand zu einem Schöpfer und trank.

»Kalt ist's!« sagte sie und schlenkerte von der Hand das Nasse.

»Jetzt geschwind ein Busserl drauf, daß es warm wird!« war mein Rat.

»Warum denn nicht!« sagte sie und trocknete die Lippen, »ein Busserl in Ehr'n geb' ich Bauern und Herrn.«

»Und laß mir auch das Bild ansehen. Geh, deck's auf!«

»Oha!« rief sie, und es war so weit, daß sie mir die Tafel entwinden mußte. »Da zeig' ich's nicht her, weil Er so gamerig (darnach lüstern) ist! just nicht!«

Etliche Minuten später trat sie in ein Haus, über dessen Türe Fichtenreisig und Hobelspäne winkten. Wein und Bier! Also ein Wirtshaus. Und da ist sie daheim. Um so besser, da kehrt man ein und bleibt über Nacht, wenn's zu spät zum Weiterwandern wird. Also ins Haus.

»Gott sei Dank!« sagte sie und legte in der Stube ab, dann zu mir gewendet: »Was schaffen wir?«

Ich aß und trank. Es waren ein paar lustige Burschen und Dirnen da, sie tranken Apfelmost und Branntwein und tranken einander, und auch mir und meiner »Mariandl« auf gute Gesundheit zu. Stadtleute, die immer oben hinaus wollen, trinken sich ein »Hoch« zu, Landleute »gute Gesundheit«.

Um so viel sind diese klüger. Endlich, als die Burschen und Dirnlein recht viel Gesundheit in sich hatten, gingen sie davon.

Ich blieb zurück und machte mir mit dem Dirndl zu schaffen. Als sie neben mir auf der Bank saß, legte ich meinen Arm sehr gesittig auf ihre Achsel, und es war wieder die Sprache von dem verdeckten Bilde.

Weil es mittlerweile dämmerig geworden war, so meinte sie: »Jetzt warten wir schon damit, bis das Kerzenlicht kommt, daß wir eine gute Beleuchtung haben.«

»Auch gut. Wir können bis Mitternacht trinken, mir macht's nichts, und hier gibt's weder einen Nachtwächter, noch sonst einen Büttel. Wir können eins singen miteinander und lustig werden, mir macht's nichts. Gelt, dir auch nicht?«

Endlich, als sie mit ihrem Vater und dem kleinen Gesinde Milchsuppe und Salat mit Speck gegessen und einiges von Kapfenberg ausgesagt hatte, ging sie an die Tafel, die auf einer Bank an der Wand lehnte, band die Tuchecken auseinander und schlug sie zurück. Daß ich, den Kerzenleuchter in der Hand, nahe hinter dem Dirndel stand, daß ich mit sehnsüchtiger Augenlust auf das Bild blickte, welches so geheimnisvoll getragen und bewacht worden war und welches jetzt enthüllt wurde -- ist leicht zu glauben. Die Hülle fiel und ich sah.

-- -- Wie heißt es in jenem Gedichte? »Auf ewig war seines Lebens Heiterkeit dahin ...«

Die Polizeiordnung. An der Wand lehnte frisch enthüllt die Polizeiordnung in Glas und Rahmen.

»Von der K. K. Statthalterei wird strengstens kundgemacht« usw.

»Und jetzt schlafen gehen!« sagte der Wirt. »Mariandl, führ' den Herrn auf die Bodenkammer!«

Aus der Küche kam ein altes, schiefäugiges Weibsbild gewackelt, das nahm die Kerze und knurrte mich an, mitzukommen. ~Das~ war die Mariandl.

Am nächsten Morgen, als ich wohlausgerastet in die Gaststube trat, war die Sonne da und der Kaffee und das freundliche Dirndel von gestern. Und die Polizeiordnung hing über der Tür zum Nebenstübel.

Ich verlangte nach dem Wirt, um zu rechnen. Das Dirndel nahm die Kreide und sagte, ich hätte ~gestern~ die Rechnung ohne den Wirt gemacht, ich möge es heute nur auch tun. Sie betrage just zwei Gulden, und froh sollte ich sein, daß sie mir keine größere machen könne.

Zwei Gulden! Darauf war nun mein Handwerksburschenbeutel freilich nicht gefaßt. Aber sie hat recht, dachte ich, 's kunnt schlimmer sein!

Zur Gesundheit! Am nächsten Morgen schrieb ich in mein Tagebuch: »Wenn das Dirndel hübsch ist, so lockt es die Burschen selbst mit einer Polizeiordnung ins Haus.« -- Gott, wenn so ein dummer Junge gefoppt wird, das ist zu lustig!

Sein Geld will er haben.

An einem nebelgrauen Märztage war's im Jahre des Heils 1811. Der Stockbattner werkte in seiner Geräthütte umher und besserte Pflug und Egge aus. Denn es kam die Zeit zum Ackern. Der Stockbattner war ein noch junger Mann, der die Tabakspfeife, wenn das Feuer ausgegangen war, nicht noch im Munde baumeln ließ, sondern sie weglegte und sich nicht sobald Zeit nahm, sie wieder anzuzünden. Er hatte vor kurzem erst den Bauernhof übernehmen müssen; sein rüstiger Bruder war schon früher zu einem Nachbarn als Knecht gezogen, um sich Geld zu verdienen; sein altes mühseliges Elternpaar war bis zum letzten Ende im Hause geblieben -- also hieß es jetzt tapfer anschieben, um die Wirtschaft zur Not im Gange zu halten.

Dem Pfluge fehlte ein Sech, er stemmte es ein; dem Rade mangelte ein Reifen, er schlug ihn an; der Egge gingen etliche Zähne ab, er setzte sie ein -- der Ungeschicktesten war er keiner, gab es Schmiede-, Wagner- oder Zimmermannsarbeit, er wußte anzugreifen und nachzuhelfen. Natürlich, wenn wir die auf dem Hofe liegenden Schulden tilgen sollen, wenn wir die Gebäude ausflicken und die Grundstücke in bessere Tragfähigkeit bringen müssen, wenn wir am Ende gar noch heiraten wollen, da muß man wohl überall nach dem Rechten sehen und Bescheid wissen.

»Mir scheint, du hast mit dem Werkzeug dein G'frött,« redete den Bauer jemand an. Er schaute von seiner gebückten Stellung auf, stand sein Bruder Jakob hinter ihm.

»Ah, du bist es,« lachte der Stockbattner, »hab' mir schon nicht denken können, wer heut' dahersteigen kunnt. Ja freilich hab' ich mein G'frött; es ist hübsch alles zerlempert umundum, und wenn das Werkzeug nichts nutz ist, wird die Arbeit auch nichts nutz. Weißt eh, wie's geht.«

»Wenigstens ist jetzt alles dein,« sagte der Jakob.

»Wär' schon recht, wenn ich erst einmal die Schulden weggezahlt hätte. Willst nicht ein bissel in die Stuben hineingehen und abrasten, Bruder? Mit einem Glasel Schnaps kann ich dir aufwarten. Sonst bring' ich halt nichts für. Wenn die Hauswirtin fehlt, weißt eh.«

»Schnaps mag ich alleweil,« beschied der Jakob, und sie gingen ins Haus, wo der Bauer den Bruder mit Zwetschkenbranntwein und Schwarzbrot bewirtete. Der Jakob schnitt sich vom Brotlaib ein großes Stück ab, machte in diesem dann mit seinem Taschenmesser mehrere Querschnitte, um es solchergestalt brockenweise in den Mund stecken zu können.

»Hast kein' Speck dazu?« fragte er.

»Der tausend ja, Speck, ei freilich! Bin wohl ein schlechter Hauswirt, ich, daß ich nicht daran denk': Mußt mir's schon nicht für übel halten.« Damit beeilte sich der Stockbattner, aus einem rußigen Küchenkasten das Gewünschte hervorzuholen. »Laß dir's nur schmecken, Bruder. Mich gefreut's. Weißt eh, daß es mich allemal gefreut.«

Und als der Bruder Jakob sich tapfer geatzt hatte, das Taschenmesser zuklappte und den Mund mit der breiten Hand abwischte, pfiff er dem Bauer ein Liedel ins Gesicht und sagte hierauf gemütlich: »Weißt, warum ich da bin? Was glaubst?«

»Das Heimatshaus sucht der Mensch gern manchmal auf. Ist auch recht.«

»Hau, das Heimatshaus!« lachte der Jakob. »Bin ja doch fremd, seit du darauf sitzest.«

»Aber Bruder!«

»Bin ja hinausgebissen worden.«

»Aber Bruder Jakob! Du hättest ihn doch haben können, den Hof, hast ihn nicht genommen, hab' halt ich mich müssen dranmachen, daß er nicht in fremde Hände kommt. Weißt eh.«

»Ist gut,« brummte der Jakob mit einer unwilligen Handbewegung. »Wir wollen nicht streitend werden. Ich bin nur da, Bruder, um dir zu sagen, daß ich mein Geld haben will.«

Der Stockbattner schaute ihm eine Weile forschend ins Gesicht. »Das wird doch nicht dein Ernst sein.«

»Ich will mein Geld haben.«

»Wärst aber nicht gescheit, Bruder! Ja, zu was brauchst es denn auf einmal?«

»Das ist mein Sach'. Ich wart' nimmer zu.«

»Um Gottes-Christi willen, woher sollt' ich jetzt auf der Stell' fünfhundert Gulden nehmen?«

»Fünfhundertachti, mein Lieber! Schenken tu' ich dir keinen Kreuzer. Lieber einem wildfremden Menschen, wie dir.«

»Und um mir das zu sagen, hast dir die Gurgel mit Speck einschmieren müssen?«

»Wenn du mir das Stückel Speck neidest -- soll dir vergütet werden.«

»Ach nicht so, nicht so, Bruder. Wer wird so was denken! Ist dir wohl vergunnt. Nur mit der Forderung tu' mir noch ein bissel warten, ich bitt' dich gar schön. Woher sollt' ich's nur nehmen? Die Ochsen sind noch nicht feist. Hafer verkaufen kann ich erst im Herbst, weißt eh. Die vielen schlechten Jahre her -- in der Franzosenzeit. Die schreckbaren Abgaben alleweil, es ist hart hausen. Die Leich' von Vater und Mutter, die wir so schnell nacheinand' verloren, haben auch was gekostet.«

»Hau, soll ich, der arme Bauernknecht, die Alten noch ins Grab zahlen, meinst?«

»Aber Jesses, wer redet denn von so was!«

»Wo ich eh verkürzt genug bin worden!«

Nach einem Weilchen versetzte der Stockbattner: »Sei doch nicht gar so harb, Jakob. Ich will gern mit dir tauschen und ich will dir nachwarten mit dem, was nachher ich von dir zu kriegen hätt'.«

»Was nutzt die Rederei!« unterbrach der Jakob, »ich will mein Geld haben, in acht Tagen will ich's haben, sonst wirst sehen, was geschieht.«

Damit goß er noch ein Gläschen Schnaps in seine Gurgel, stand auf und ging fort.

Der Stockbattner trottete wieder hinaus zu seinem Pfluge und arbeitete gelassen wie vorher daran herum. Am Abende aber, als es dunkel wurde, und das Gesinde in der großen Stube herumsaß und auf das Nachtmahl wartete, welches eine alte Magd in der rauchigen Küche zusammentat, ging der Bauer hinab in den Torhof. Im Vorhause dieses Hofes, bei einem Kerzenlichte, tat die saubere Haustochter Mali Leinwand glätten. Die übrigen Hausbewohner waren in Stuben, Kammern und Ställen zerstreut und kümmerten sich nicht drum, daß der Stockbattner neben dem bügelnden Dirndl saß und mit ihm plauderte. Das geschah ja oft, daß die so plauderten, und ist weiter auch kein Geheimnis, daß die zwei zusammenhalten.

»Ja, so geht's,« hatte der Stockbattner angefangen, »immereinmal ist es schwer, Mensch zu sein.«

»Was hat's denn?« fragte das Mädchen teilnehmend.

»Jetzt kann's erst sein, daß alles miteinander nichts wird, was wir uns so fein ausgedacht haben, allzwei. Weißt eh.«

Sie ließ das Bügeleisen stehen auf einem Fleck, und schier zu lang. »Schrecken tust einen, Seppel!« hauchte sie, da hatte das Linnen schon eine leicht versengte Stelle.

»Mein Bruder ist heut' bei mir gewesen.«

»Der Jakob?«

»Ja, der Jakob.«

»Ist's dem leicht nicht recht -- unsertwegen!«

»Ah, davon hat er nichts gesagt. Sein Geld will er haben.«

»So gib ihm's.«

»Jesses, Mädel, wenn ich's nicht hab'. Ich müßt' rein ein Grundstück verkaufen, oder sonst was, aber der Stockbattnerhof hat nichts übrig, weißt eh. Und hat ja nichts einen Wert jetzt.«

»Grundstück darfst kein's verkaufen und sonst auch nichts, wenn nichts übrig ist und nichts einen Wert hat.«

»Aber woher nehm' ich das Geld?«

»Ja, mein Mensch, das weiß ich halt auch nicht.«

»Wenn er mir nur wenigstens bis Pfingsten warten tät', nachher hätt' ich vielleicht ein paar Ochsen -- klecken aber nichts.«

»So geh, schau, bitt' ihn halt noch einmal, daß er dir bis Pfingsten warten tut; das Paar Ochsen, kleckt es nicht viel, so kleckt es ein bissel, und das übrige zahlst ihm im Herbst.«

»Und sonst --« sagte der Stockbattner scheinbar zerstreut, »sonst kannst mir keinen Rat geben?«

»Wenn mein Vater was hätt', der wollt' dir's gewiß gern leihen, aber er hat halt auch kein Bargeld. Das Geld ist halt frei so viel klug (spärlich).«

Mit solchem Bescheide stieg der Bauer wieder sachte hinan zu seinem Hof. Er dachte hin und er dachte her, was da zu machen wäre, aber es fiel ihm nichts ein.

Am nächsten Tage war Sonntag. Nach dem Gottesdienst lud der Stockbattner seinen Bruder Jakob ein auf eine Halbe Wein beim »Adler«. Der Bruder ließ sich nicht lange bitten, tat dem Glase wacker Bescheid und bemerkte noch, zu einem so guten Wein gehöre auch ein guter Rostbraten.

»Haben sollst ihn, Jakob!« rief der Bauer und hieb ihm launig die Hand auf die Achsel. »G'freuen tut's mich, wenn du mir's nicht verschmähst. Wir sind unser zwei einzige Brüder, wir müssen schön zusammenhalten, gelt!«

»Ei freilich!« meinte der Jakob und machte sich an den Braten.

Später, beim Auseinandergehen, als der Stockbattner schon dachte: Gottlob, heut' sagt er nichts davon, hat sich's doch überlegt! -- tat der Jakob plötzlich noch einen Schritt zurück und sagte: »Richtig, daß ich nicht vergess', Stockbattner. Am fünfzehnten März muß ich nach Schirbach zum Notar von wegen meiner G'schrift. Wenn du mir bishin mein Geld nicht fürbringst, so übergeb' ich gleich auf eins die ganze Schuld dem Notar.«

»Klagen gehen willst mich?« fragte der Bauer.

»Der Notar wird nicht viel Geschichten machen, der laßt dich pfänden.« Also der Jakob, wendete sich wegshin und der Stockbattner stand allein da mit einem langen Gesichte und beklagte fast noch mehr den Wein und den Rostbraten, als die fünfhundert Gulden. Von diesen war er bloß neugierig, wie es der Notar angehen würde, ihrer habhaft zu werden.

Als der Bauer demnächst wieder mit der Mali plauderte, sagte er sehr leise: »Wir halten auch auf weiterhin noch zusamm', gelt, Dirndel?«

Sie schaute ihn an. »Wesweg sollten wir denn nicht zusammenhalten -- wo wir uns doch versprochen haben!«

»Na, ist recht. Ich hab' nur gemeint, weil's mit dem Heiraten nichts ist.«

»Du, sei so gut!« begehrte die Thorhofertochter auf.

»Sonst kriegst leicht einen andern ...« murmelte der Stockbattner betrübt.