Geschichten aus Steiermark

Part 10

Chapter 103,815 wordsPublic domain

»Ja, wart' a bissel, ich werd' ein' andern nehmen!« lachte sie laut auf, ohne daß ihr der Mund viel auseinanderging. »Ich will deine Stockbattnerin werden, verstehst? Ich laß mich nimmer abschütteln. Schau du, das wär' kamod, ein ganzes Jahr gernhaben und nachher ins Winkel stellen wie einen Strohschneidstock, wenn der Sommer kommt! Bübel, zum Auseinandergehen müssen ~zwei~ sein. Ich geh nicht auseinander, daß du's nur weißt!«

»Ja mein du, ich auch nicht. Aber wenn ich halt den Stockbattnerhof verkaufen muß! dem Erstbesten verkaufen, bietet er, was er will, dafür. Weißt eh, mein Bruder gibt nicht nach.«

»Will der noch alleweil sein Geld haben?«

»Sicherlich, so lang' bis er's hat. Am fünfzehnten März geht er mich klagen und laßt mich pfänden. Nachher kann ich gehen vom Haus, wie die Dirn vom Tanz.«

Die Mali rang über ihrem Magen die Hände: »Das ist doch ein Elend! ein solcher Bruder! das ist gar kein Bruder!«

»Leider ja, es ist einer, sonst braucht' ich ihm seine Erbschaft nicht auszuzahlen.«

»Wird gewiß heiraten wollen!«

»Vielleicht -- nimmst ihn,« sagte der Stockbattner; da wurde das Dirndl wild: »Jetzt weiß ich's, meiner ledig willst sein. Zuerst den Hof verkaufen, nachher mich beschimpfen auch noch!«

»Jesses, Mali, was sagst? das war ja nur Spaß, wirst doch desweg nicht weinen! du, weinen darfst mir nicht, das kann ich nicht leiden, himmelsakra, nein! wenn ich dich so flennen sehen tu', da möcht' ich gleich am liebsten zuschlagen oder ins Wasser gehen!« er riß ihr die Hände vom Gesicht und drückte zum Ersatz das seine darauf, daß auch seine Wangen ganz naß wurden von ihren bitteren Tropfen.

Und nach solchem Zwiste und nach solcher Aussöhnung -- Gott, wie sind die bitteren Tropfen süß, wenn sie der Liebste von den Augen wegküßt! -- wurde die Mali wieder ganz ruhig und ernsthaft und fragte: »Seppel, weißt also kein Mittel, wie du jetzt zu Geld könntest kommen?«

»Und wenn du mich auf den Kopf stellst, ich weiß keins.«

»Gar keins? Gar nicht ein bissel eins?«

»Gar keins.«

»Nachher muß halt ich schauen,« sagte sie. »Geh her da, Seppel, ich muß dir ein Geheimnis sagen.«

Der Seppel erschrak, ging aber her.

»Noch näher,« sagte sie, »ganz her. So. -- Ich muß dir was sagen, Bübel. -- Ich hab' Geld. Der verstorbene Klausenmüller, mußt wissen, der ist mein Vetter gewesen. Hat keinen Menschen gehabt, wie er auf den Tod krank ist gelegen, und hab' ich ihn gewartet, weil er ja doch mein armer Vetter ist gewesen. Jetzt, wie er gestorben ist, heißt's, er hätt' mir um sechshundert Gulden Bankozettel vermacht. Hab' sie nachher auch bald bekommen mitsamt dem eisernen Trühel. Hab' dich erst an unserem Hochzeitstag damit überrumpeln wollen. -- Jetzt, Seppel, wenn du's aber schon jetzt so notwendig brauchst, mir ist nichts um die Papierfetzen, nimm sie und zahl' ihn damit beim Loch hinaus, diesen grauslichen Bruder. Und nachher soll er mir nimmer ins Haus kommen. So, jetzt weißt es.«

Man kann es sich denken, was dem Stockbattner dieses Geplauder für Vergnügen machte. So war er jetzt auf einmal obenan und konnte, wenn er nur wollte, nun auch einmal tüchtig grob sein gegen den übermütigen Jakob, der ihm mit seiner Forderung schon so lange in den Ohren und im Magen gelegen. --

Der fünfzehnte März. Schon in dunkler Früh' klopfte es an der Tür des Stockbattners, arg polterte es, und der Jakob draußen rief: »He, Bruder, ist das Frühstück schon fertig?«

»Ei freilich,« antwortete der Stockbattner, indem er mit Schwamm und Stein Feuer zu schlagen suchte.

»So mach' doch auf, Seppel!«

»Ja, ja, wenn der Teuxel nicht brennt!«

Als »der Teuxel« brannte, ging er mit dem Leuchtspan und sperrte die Tür auf.

»Geh nur her, Jakob, iß einen Löffel Sterz mit mir, wenn du warten willst, bis er fertig ist; wir gehen nachher miteinand.«

Der Jakob ließ sich Sterz und Milch dazu wohl schmecken, dann gingen sie; auch der Seppel war im Feiertagsgewand.

»Wohin gehst denn du?« fragte der Jakob.

»Ich begleite dich bloß bis zum Nachbar Franzmeier hinüber, weil ich dich halt so viel gern hab', Bruder, weißt eh.«

»Bauer,« sprach hierauf der Jakob, »mit dem Schmeicheln und Süßreden richtest du bei mir nichts aus. Du weißt, wohin ich heute geh. Ich geh nach Schirbach zum Notar, von heut' an sollst schon die Unkosten haben, ich klag' dich um meine fünfhundertacht Gulden!«

»Ah geh, Bruder, das mußt nicht tun,« antwortete der Bauer bittweise. »Mußt nicht einen so großen Prügel werfen zwischen dich und dein Heimatshaus, den du nachher dein Lebtag nicht wieder kannst wegheben. Bist jetzt gleichwohl ein starker, gesunder Bauernknecht, so kannst doch nicht wissen, wie es dir gehen wird, und ob du nicht einmal einen Heimgang brauchst bei mir.«

Der Bauer erschrak fast vor seinem eigenen Worte, das war so gewichtig, daß es den Jakob schier umstimmen könnte, und um solches war dem Stockbattner heute durchaus nicht mehr zu tun. Doch der Jakob ließ sich nicht umstimmen. »Wer ein Geld hat,« sagte er knurrend, »dem kann nichts an. Von dir werd' ich mir kein Almosen erbitten, das kannst heilig glauben. Laß es gut sein, ich will von dir und vom Stockbattnerhof nichts mehr hören.«

»Aber klagen gehst mich doch nicht, Bruder!«

Der Jakob blieb fest stehen: »So gewiß ich da steh, klagen geh ich dich.«

Bald hernach kamen sie zum Franzmeierhof.

Vor der Tür stand der Franzmeier und sein Schwager, der Stoppel-Zenz, mit einer Laterne. Beide waren im Feiertagsgewand. Der Stockbattner ahnte etwas. Er hatte was läuten gehört. Sagte aber nichts ....

»Recht ist's mir, daß ihr beieinander seid,« redete er die Nachbarn an. »Ihr müßt mir gerad' einen kleinen Gefallen tun. Ich zahl' jetzt meinem Bruder Jakob die Erbschaft aus, und da wollt' ich euch gebeten haben, daß ihr mir dabei Zeugenschaft leistet.«

»Wohl rechtschaffen gern,« antwortete der Franzmeier, »ist eh wunderselten heutzutag', daß man wen zahlen sieht. Kommt doch in die Stube herein!«

»Ah, 's tut's da beim Roßtrog auch,« entgegnete der Stockbattner, »sei so gut, Zenz, halt' ein bissel deine Laterne her!« ging zum Pferdetrog, der am Wege stand, zog die Brieftasche aus dem Sack und legte in den Trog vor den Jakob hin nagelneue Bankozettel für fünfhundertacht Gulden.

Mit nicht geringer Verblüffung schaute der Jakob drein.

Und als vor den Zeugen das Geld aufgezählt war, sagte der Stockbattner: »Ich hab's ja gesagt, Bruder Jakob, du gehst mich nicht klagen!«

»Bauer!« brummte nun der Jakob, mit seinen hageren Fingern langsam die Noten zusammenkrabbelnd, »woher hast denn du jetzt auf einmal das viele Geld? Das möcht' ich wissen!« Schon die Miene allein, die er dazu machte, wäre eine Ehrenbeleidigung gewesen, wenn der Seppel sie für eine solche genommen hätte.

»Also, deine Sach' hast jetzt?« fragte der Bauer. »Hast sie jetzt?«

»Meine Sach' hab' ich,« knirschte der Jakob, bei sich ärgerlich, daß er nun machtlos war und den Bruder in keine Verlegenheit mehr bringen konnte.

»Gut, nachher bringst mir vom Notar die Quittung mit.«

»Die kannst auf der Stell' haben, wenn du fürchtest, ich könnt' dich etwan ein zweitesmal fordern,« sagte der Jakob, dann gingen sie erst noch in die Stube hinein, wo das Schriftstück ausgefertigt und mit Zeugenschaft unterschrieben wurde.

»So wär's in Ordnung,« sagte der Stockbattner, das Papier in den Sack steckend, »und ich geh jetzt wieder heim zu meiner Arbeit.«

»Ja, gehst du nicht mit nach Rottenstein?« fragte ihn der Stoppel-Zenz.

»Was soll denn ich heut' in Rottenstein?«

»Hast du die Vorrufung nicht erhalten?«

»Was für eine Vorrufung?«

»Ist doch gestern der Amtsbot' von Haus zu Haus gegangen und hat angesagt, daß alle Besitzer als am heutigen Tag Stund acht auf dem Kirchplatz in Rottenstein sein müßten?«

»Bin gestern nicht daheim gewesen,« entgegnete der Stockbattner, »was mag's denn da schon wieder geben?«

»Kein Mensch weiß es,« sagte der Franzmeier.

»Gewiß wieder eine große Robot, oder eine Heu- oder Haferlieferung für die Franzosen.«

»Wer nicht kommt, der hat sich's selbst zuzuschreiben, hat der Amtsbote gesagt.«

»Wenn's so ist, da muß ich freilich mit,« sagte der Stockbattner, »die Herren sind grob, wenn man ihren Willen nicht tut, weißt eh.«

Also gingen sie nun mitsammen, die vier Männer, und der Knecht Jakob machte den kleinen Umweg über Rottenstein, er war schon auch begierig, zu sehen, was da wieder los ist. -- Die Besitzer! die Bauerngrundbesitzer! Vielleicht wird ihnen alles weggenommen. Gesund wär's ihnen! Ein Glück, wer sein Geld im Sack hat und kann's verstecken. -- So dachte der brave Jakob.

In den Wirtshäusern zu Rottenstein ging's an diesem Morgen recht lustig zu. Leute gab's überall wie bei der Kirchweih. Voll Erwartung steckten sie die Köpfe zusammen, keiner wußte was, jeder mutmaßte allerlei.

»Mir träumt halt alleweil,« sagte ein alter Bauer, »und was einem stehend träumt, das ist selten derlogen! -- mir träumt halt alleweil, unsere Kontributionen kriegen wir endlich zurück, wie es der Bonaparte versprochen hat.«

»Ja, ich glaub' es auch,« antwortete ein zweiter, »unser Korn und Heu und Stroh und Vieh und Holz wird uns jetzt bezahlt, das wir seit Jahr und Tag den Franzosen haben liefern müssen.«

»Das ist gewiß!« sagte ein dritter, »unsere Sach' wird uns heut' vergütet. Zeit ist's dazu!«

Und das sprang von Wirtshaus zu Wirtshaus, von Gruppe zu Gruppe: »Geld gibt's heut'!«

Auch war der Regierungskommissär schon gesehen worden, der mit seinem schwarzen Schildkäppchen und mit seinem rasselnden Säbel nicht wenig Aufsehen machte. »Natürlich wird er den Säbel bei sich haben, wenn er so viel Geld umträgt!«

Die Lustigen vertranken im Wirtshause ihren vorletzten Bankozettel, die Lustigsten ihren letzten. »Wird ja eh frisch nachgefüllt in die Säcke!« Auch der Stockbattner ließ sich ein stattliches Glas bringen, da setzte sich gleich wieder sein Bruder Jakob zu ihm; zu diesem sagte er aber heute: »Geh, du hast mehr Geld als ich -- weißt eh!« und kehrte sich mit seinem Glase von ihm ab.

Zur Zeit um halb acht war der ganze Kirchplatz überfüllt mit Menschen.

Alles war heiter, witzig und lachbereit und manche sprachen untereinander Mutmaßungen aus, auf welche Weise jedem das Seine eingehändigt werden würde. »Das kunnt sogar noch einen Rummel geben!« gab einer zu bedenken. »Alle werden gleichviel haben wollen. Aber so viel Stroh, wie ich, hat keiner geliefert.«

»So viel wie ich, auch keiner!« rief ein anderer.

»Die Strohmänner kommen zuletzt,« sagte ein dritter, »die sollen warten, was die Korn- und Holzmänner übrig lassen.«

»Wollen schon sehen, wer stärker ist!« schrie der eine zurück und ballte die Faust.

Schlag acht Uhr stand der Regierungskommissär auf der obersten Stufe des Kirchentores.

»Am Ende predigt er uns einen neuen Glauben!« flüsterte einer.

»Wär' eine überflüssige Sach', wo wir eh den alten nicht halten.«

»Still seids!« herrschte jemand, »er liest was. Vom Kaiser ist die Rede!«

»Vom Kaiser!« murmelten sie und drängten nach vorwärts, sie waren doch allzu neugierig, was ihnen der gute Kaiser Franz mitteilen lassen würde.

Der Kommissär hatte einen großen Bogen in der Hand und las lange eintönig fort. Plötzlich hob er die Stimme und rief es schallend hin über die Köpfe: »Wir beschließen demnach, daß die Bankozettel noch mit dem ~fünften Teil~ ihres Nennwertes vom Staate eingewechselt werden. Der Bankozettel von einem Gulden (damals hatte der Gulden sechzig Kreuzer) wird also auf zwölf Kreuzer, der Bankozettel von fünf Gulden auf einen Gulden bewertet und so weiter, und sind in diesem Betrage bei allen öffentlichen Kassen unweigerlich anzunehmen. -- Die weitere Belehrung in dieser Angelegenheit ist gedruckt und bei mir zu haben.«

Als der Regierungskommissär seine Vorlesung geschlossen hatte und nun seinen Bogen gelassen zusammenfaltete, war es totenstill über den Hunderten von Menschen. Allmählich erst begannen sie sich zu bewegen und zu flüstern: »Was ist das gewesen?«

Dort an der Kirchhofsmauer hatte jemand einen heiseren Schrei ausgestoßen. Derselbe jemand war einer der ersten, denen klar wurde, was es geschlagen. Der Knecht Jakob war es, der seit einer Viertelstunde um vierhundert Gulden ärmer geworden. Er taumelte fürbaß.

Ja, ein ungeheurer Geldfall hatte stattgefunden. Haus Österreich -- grausam geschwächt durch »Seine Majestät den Herrn Schwiegersohn« und anderes Unglück -- hatte zu wenig Vermögen, um das massenhaft ausgegebene Papiergeld einzulösen; und weil das ein Lump ist, der mehr gibt als er hat, so gab Haus Österreich nicht mehr, und das übrige -- hebt sich.

Den Kopf mit den Händen haltend, so liefen die Leute in Rottenstein -- und anderswo wahrscheinlich auch an jenem merkwürdigen Tage -- wirr durcheinander. Die einen fluchten, die anderen lachten! heute lachten zur Abwechslung gerade solche, die kein Geld hatten. Ja, auf der Bäuerei lachten eigentlich die meisten. Die liegenden Güter, die Fahrnisse, die Kuh im Stall, das Stück Brot auf dem Tische, ja sogar der Taschenfeitel im Sack hatten von dem Augenblicke an, als das Geld fünfmal weniger galt, einen fünfmal höheren Wert.

Mancher ging nach solchem Schrecken wieder ins Wirtshaus, um auch noch den letzten Groschen zu vertrinken, aber siehe, der Pfiff Wein, der vor einer Stunde noch um einen Groschen zu haben war, kostete jetzt fünf Groschen. Beim Bäcker die große Semmel kostete statt zwei Kreuzer deren zehn. Der Fleischhauer schmunzelte, als er dem Hausbauer den Braten anstatt zu zwanzig Kreuzer, zu einem Gulden vierzig Kreuzer rechnen durfte, aber er schmunzelte nicht lange. Als er dem Hausbauer hernach ein vier Wochen altes Kalb abkaufen wollte, kostete dasselbe anstatt neun Gulden deren fünfundvierzig. Jetzt kam die Zeit, da ein Paar Ochsen eintausendfünfhundert, ein Pferd tausend, eine ordinäre Sackuhr hundertfünfzig, ein mittelgroßes Bauerngut im Gebirge dreißigtausend Gulden wert war. Damals vertrank einer an einem Abende beim »Adler« spielend zwanzig Gulden und verspielte trinkend deren vierzig und hundert und mehr. Sparsinn und Redlichkeit hatten aufgehört. -- »Was den Großen erlaubt ist, wird den Kleinen nicht verboten sein.« -- Die alten Schulden durften nicht nach der alten Ziffer bezahlt werden, sondern nach der fünffachen neuen. So daß der Stockbattner, als er des Abends zu seiner Braut kam, ausrufen konnte: »Mali, das Glück, wie mir's mein lieber Bruder Jakob mit seinem Drängen gut gemeint hat! Hätte ich ihm heute früh seine Sach' nicht ausgezahlt, so wären wir ihm jetzt anstatt fünfhundertacht Gulden nicht weniger als schwere zweitausendfünfhundertundvierzig Gulden schuldig!«

Der Jakob betrachtete die Kehrseite und raufte sich Haar' aus dem Kopf. Das half aber nichts, dadurch hatte er weniger Haar' und nicht mehr Geld. Seine fünfhundert Scheine gingen nur mehr für einhundert Gulden, und da kann man's noch nicht wissen, ob's dabei bleibt; wenn so ein Teufelszeug einmal anhebt zu purzeln, so purzelt es hinab bis in den Dreck. Die Bankozettel! was war das für ein kamodes Geld gewesen. Und jetzt gerade gut genug, um sich damit die Pfeife anzuzünden. Das heißt, wenn er brennt, der schmutzige Fetzen! -- O Jakob, Jakob! Wie fein wäre es, wenn dir dein Bruder das Fünfundzwanzigfache schuldig wäre von dem, was du jetzt im Sack hast! Wie hübsch könntest ihn zwicken und drücken und abtrennen, ihn gar zum Bettler machen, der du jetzt selber bist! Ja, wenn man so was im voraus wissen tät'!

Leute, denen er seinen Jammer klagte, meinten fast, die Sache könnte anfechtbar sein. Alsogleich lief der Jakob zu einem Advokaten. Der Advokat aber riet ihm, wenn er nicht mehr als hundert Gulden zu verlieren habe, das Prozessieren sein zu lassen.

Als der Stockbattner es mit seiner Mali Ernst machte, lud er anstandshalber auch den Bruder zum Ehrentage. Der Jakob aber schrie herum, nicht sechs Rösser brächten ihn auf diese Hochzeit. Der Stockbattner sei ein unglaublich falscher Mensch, der habe es zu Fleiß so eingerichtet, daß er die Erbschaft just und knapp vor dem verdammten Geldfall hinausbezahlt!

Darob kränkte sich die Mali, und was die Leute sagen würden, wenn der einzige Bruder des Bräutigams fehle?

»Der Jakob ist halt jetzt ein bissel gewissensbissig,« antwortete der Seppel, »wir werden aber auch ohne seiner eine lustige Hochzeit haben, denk' ich. Wir werden uns die Zeit schon vertreiben -- weißt eh.«

Die guldene Grete.

»Es begeben sich in den Stand der heiligen Ehe: Der Bräutigam Michael Rehling, katholisch, großjährig, Besitzer des +vulgo+ Seesteinerhofes in hiesiger Pfarre. Die Braut Maria Haldegger, katholisch, minderjährig, derzeit in Dienst beim Bauer an der Wand. Dieses Brautpaar wird heute zur Aufdeckung eines allfälligen Ehehindernisses öffentlich verkündet zum erstenmal.«

So las es der Pfarrer von der Seeau auf der Kanzel aus einem großen Papierbogen der Gemeinde vor.

Es war das Fest der heiligen drei Könige.

Die Gemeinde war im Festkleid und in Festfreude versammelt, und vor dem mit frischen Tannenzweigen umgebenen »Krippel« -- der bildlichen Darstellung von unseres Heilandes Kindheit -- brannten zwei Wachskerzen, die heute nicht, wie sonst gern, nach einer Seite hin abrannen, da es sehr kalt war und das Wachs gefror ganz nahe an der Flamme.

Wenn plötzlich die Tür aufgegangen wäre in allen Angeln, und die heiligen drei Könige mitsamt ihren goldenen Kronen und Schätzen, und ihren Mohren und Kamelen und mit ihrem Stern hochfeierlich durch die Kirche gezogen wären, und hin zum Krippel, es hätte kaum so viel Aufsehen gemacht unter den Leuten, als die Verkündigung der Heirat des jungen Seesteiners und der Maria Haldegger. Der Seesteiner, ein Bursche, stramm und frisch, hoch und stolz wie ein junger Tannenbaum, dem der größte Hof gehörte jenseits des Sees. Sein Hof stand da wie ein Schloß, und seine Waldungen waren so groß und weit, daß, wenn neun Jäger in demselben zu gleicher Stunde ihre Gewehre abschossen, einer von dem anderen keinen Schuß hörte und keinen Hall. Vorwitzige Leute nannten den Seesteiner den Gaugrafen, weil ihm schier alles untertan war weit und breit. Wenn dich in der Gegend ein böses Wetter überraschte, und du stelltest dich unter eine buschige Tanne, so standest du unter einem Seesteinerschen Schirmbaum, und wäre auf dem Seesteinergrunde keine Quelle aufgeronnen, die ganze Pfarre hätte verdursten müssen, und die hunderttausend Forellen im See dazu.

Das Altarbild der Seeauer Kirche stellte den heiligen Erzengel Michael dar; aber gar viele Seeauer und Seeauerinnen, wenn sie davor ihre Andacht verrichteten, dachten dabei schier gottlos an den Michael Rehling; der war es eigentlich, was das Altarbild vorstellte: der Schutzengel, der Erzengel, der Patron der Gemeinde.

Und Maria Haldegger war die arme Dienstmagd, im Sommer auf der Alm, wie hundert andere, im Winter beim Bauer an der Wand, bei dem ein Festtag war, wenn sie sich einmal an der Haferbrotsuppe satt essen konnten. Kein Mensch, außer vielleicht ein armer, pechiger Waldteufel, hätte sich um die Maria Haldegger gekümmert, wenn im letzten Sommer mit ihr nicht etwas vorgefallen wäre, was eben nicht gar oft vorfällt.

Ein Prinz, der einen so klingenden Namen hatte, daß sie ihn in der halben Welt hörten, war auf der Jagd dagewesen, hatte die Maria Haldegger auf der Alm gesehen, und hatte sich ausgerechnet in sie verliebt, und hatte ihr einen Ring geben wollen, der zweimal so viel wert war, wie das ganze Bauernhaus an der Wand. -- Die Maria Haldegger aber hatte gesagt: »Nichts für ungut, Herr Prinz, ich bitt', aber für Guld und Geld und alle Herrlichkeit der Welt ist eine ehrliche Magd nicht zu kaufen. Wollt Ihr's aber redlich meinen, so fragt bei meinem Paten an; ich kann nichts versprechen.« Der Prinz hat sich zufrieden gegeben und die Maria Haldegger nur noch ersucht, daß sie ihm für mehrere Stunden möge Unterstand gewähren auf ihrem Heuboden, da schon die Nacht käme. Aber die junge Magd hat ihm's rundweg abgeschlagen, und der Prinz ist zornig davongegangen bis zur nächsten Almhütte.

Zwei alte Seesteinersche Jäger, die -- ohne daß es die Maria wußte -- hinter der Hütte auf dem Moos gelegen, haben den Vorgang belauscht und haben ihn erzählt im Wirtshause der Seeau, und jenseits des Wassers, und überall, wo Schick war zum Erzählen.

Da hat denn alles weit und breit von der Maria Haldegger gesprochen, und der Bauer an der Wand hat nur so lächelnd mit dem Kopf genickt, wie seine wackere Magd im Herbst von der Alm zurückgekommen ist und Rechenschaft abgelegt hat über alles, was sie auf der Alm zu verwalten gehabt.

Es kam der Winter, es fiel klaftertiefer Schnee, es fror der See. Es war Jagen im Wald, der junge Seesteiner ging oft mit der Flinte am Dorf vorüber, und ging gegen die kleinen Bauerngüter hinaus, und stieg die Holzleiter der Loserwand hinan gegen die Waldhöhen. Zu Weihnachten war großes Eisschießen auf dem See, und jetzt zu Heiligendreikönig wurde, unerwartet wie ein Blitz vom Himmel im Eismonat, die Neuigkeit von der Kanzel verkündet.

Das also war heute, und als hierauf das Hochamt abgehalten wurde, betete kein Mensch ein andächtig Vaterunser, jeder und jede mußte fortwährend an das Brautpaar denken und sich verwundern.

Der Seesteiner saß heute im hintersten Stuhle des Chores; seine Braut war gar nicht in der Kirche. Noch bevor der letzte Segen und die Sprenge -- das Bespritzen der Gemeinde mit Weihwasser durch den Priester -- zu Ende war, verließ Michael die Kirche und eilte seines Weges.

Er ging nicht über den See seinem Gehöfte zu, er nahm die Richtung gegen die Wand. Als er nach dem tiefen Schneepfade durch die Halde schritt, kreischte ihm eine Stimme nach: »Laß Zeit, Herr Bräutigam! Hast aber eilig.«

Die »guldene Gret« war's, ein kaum vierundzwanzigjähriges Mädchen mit krausen, gelblichten Locken, falben Augenbrauen und stets geröteten, zuweilen sommersprossigen Wangen. Sie war mehr klein als groß, hatte eine sehr geschmeidige Gestalt, hatte gern ein Lächeln um den scharfen Mund, konnte schmeicheln und spotten und näschenrümpfen und liebäugeln, wie gar keine mehr sonst um den ganzen weiten See. Sie war die Tochter einer Häuslerin. Man kannte sie als ein leidenschaftliches Mädchen, zuweilen boshaft, zuweilen gar ein wenig bösartig, und dann doch wieder hochsinnig zum Erstaunen. Man nannte sie die »guldene Gret«, weil sie goldhaarig war, und weil sie das Gold wohl zu schätzen wußte, mehr wie manch andere auf der Alm.

Die Gret ging zuweilen wurzelgraben und kräuterrupfen auf die Alm, aber ihr wollte ein Prinz nimmer begegnen. --

Der junge Mann blieb nun auf den Ruf stehen.

»Magst mich heut' nimmer über den See rudern, junger Herr Seesteiner?« sagte das Mädchen, ihm näher kommend.

»Der See ist gefroren,« entgegnete Michael kurz.

»Aber ich bin's nicht,« rief sie, »ich weiß noch recht gut eine warme Kirchweihnacht --«

»Wo ich dich aus Gefälligkeit über den See geführt habe.«

»Wo du mich an dich gezogen hast --«

»Weil du mir sonst im Finstern leicht über den Rand gefallen wärest.«

»Wo du mir die Liebschaft mit dem Holzmeisterfranzl abgeredet hast --«

»Weil er leichtsinnig ist und Weib und Kind nicht ernähren kann.«

»Du hast damals gesagt, daß du meine alte Mutter unterstützen wolltest.«

»Das tue ich, weil sie eine arme Frau ist.«

»Michael, du hast gesagt, daß du heiraten wollest, und daß dir kein Mädchen zu arm und zu gering sei --«

»Das hab' ich nicht vonnöten, ich schau nur auf die Bravheit.«

»Und daß du redlich seiest und keine betrügen wollest!«

»Das hab' ich gesagt und gehalten.«

»Aber du hast mich an der Hand genommen, an dich gedrückt, und ich habe den Franzl fahren lassen, und hab' keinen mehr angeschaut, und hab' gearbeitet im Taglohn, und bin brav gewesen, und nur an dich hab' ich gedacht. -- Michael, du bist ein Falscher. Der Teufel soll in deine Maria fahren!«

Die Gret lief davon, sie war wild anzusehen; sie ballte die Fäuste gegen den Bräutigam, und als sie hinauf kam zum Waldrande, warf sie sich in den Schnee, und schlug mit den Händen um sich, daß der dichte, weiße Staub auseinanderstob nach allen Seiten.