Part 7
Vor etlichen Tägen habe ich einen Boten geschickt, der ist nix nutz gewest. Wann mein Brief nit mehr ausrichtet, alsdann tut's mir leid ums Schulgeld, das mein Vater für mich hat springen lassen. Ich selber kann jetzt nit los vom Wirtshaus, jetzt im August ist die beste Zeit und darf man keinen Gast versäumen. Wenn ich ein Weib hätt', alsdann kunnt ich schon weg und alsdann wollt' ich wahrscheinlich nicht weg, weil's daheim im Nest auch schön warm sitzen ist, gelt? Wir wissen's halt allzwei beide, wie das ist verheirateter Weis', haben's gleiche Unglück ausgehalten, und dessenthalben sollten wir auch jetzt allzwei beide nach dem gleichen Glück greifen -- verstehst? Seit meinem letzten Aufenthalt in Migelbach, wo ich bei dir den guten Kaffee hab' getrunken, muß ich alleweil dran denken. So ein Weiberl, das guten Kaffee kocht, tät mir halt taugen -- und sonst auch. Ist bei der Wirtschaft der Mann, so fehlt's Weib, und du wirst wahrscheinlich 's umgekehrt sagen können, gleichwohl ich weiß, wie tüchtig du seit deines Alten Absterben haushalten tust. Im Alter hätten wir auch keinen großen Unterschied und jetzt bin ich bei dem guten Rat, Frau Stäuberin, du sollst mich zum Mann nehmen. Spaß und Ernst auch, du wirst mit mir zufrieden sein. Willst überhaupt, so sag's, in Kleinigkeiten, wo wir etwan nicht gleich sind, werden wir schon gleich werden. Ich beschließe mein Schreiben, bei dem ich eh bin schwitzend worden, und verbleibe dein aufrichtiger Freund Stefan Mairinger.
Einen halben Laib Emmentaler Käse und zwei Kilo Sechzehner-Kerzen kannst mir auf Rechnung schicken, mit dem Steinführer.«
Mehr als ein Tintenschweinchen unterbrach die Schrift, die Zeilen waren auch etwas ungleich, hier so eng beisammen wie ein zärtliches Ehepaar, dort so weit auseinander wie zwei Leutchen, die zur Ehescheidung laufen. Oder steht zwischen den Zeilen etwas? Nein, der Mairinger sagt's ganz ehrlich heraus, was er will -- heiraten will er.
Die Frau Stäuberin hat schon eine zierlichere Schrift und treibt auch nicht Schweinezucht in ihren Briefen. Also antwortete sie ihm sittsam:
»An den hochgebornen Herrn Stefan Mairinger, Latschenwirt auf dem Schieberpaß.« Wenn einer so hoch auf der Alm daheim ist, da muß man schon »hochgebornen« schreiben! denkt sie und kichert.
»Dein liebes Schreiben nehme ich für Ernst, erstens, weil man mit so wichtigen Sachen keinen Spaß treibt, und zweitens, weil es einem Frauenzimmer mit dem Heiraten allemal gleich ernst ist, wenn nur ein Mann halbwegs an die Tür klöpfelt. Wenigstens stehen wir im Ruf, daß wir schier nit derwarten mögen, bis einer kommt -- wer den Ruf aufgebracht hat, weiß ich nicht, wir Weibsleute sind überhaupt so, wie uns die Männer herrichten. Das kannst dir gleich merken, sollst einmal mit mir nicht zufrieden sein. So, jetzt habe ich schon ja gesagt. Wenn du ein Weib brauchst und ich einen Mann, da gibt's freilich kein besseres Mittel, als zusammenheiraten. Komm' nur ehzeit herab, daß wir alles ausreden können, und sollten sich derweil ein paar Gäste verlaufen, so mußt halt denken, besser die Gäste als die Braut. Käse und Kerzen gehen mit dem Steinführer ab.
Deine aufrichtige Freundin
Amalia Stäubinger.«
Als sie den Brief durchgelesen hatte, hieb sie mit der Faust drauf. Ist es gut so? Den Mannsbildern darf man keine Verliebtheit zeigen. Nicht einmal, wenn eine vorhanden ist. Wer gern kauft, dem schätzt man die Ware gleich teurer. Ist einmal so. Vielleicht habe ich ohnehin zu viel gesagt, daß er mir's nachher vorwirft, ich hätt' nach ihm geplangt. Zerknittert ist jetzt das Papier auch. Ei was, ich schreib' noch einmal. Sie schrieb den Brief das zweite Mal:
»An den Herrn Stefan Mairinger, Latschenwirt auf dem Paß.
Dein Schreiben verstehe ich nicht und wenn du was willst, so mußt schon so gut sein, selber kommen und anfragen. Amalia Stäubinger.«
Das ist besser.
Auf den Stefan Mairinger machten die paar Zeilen gar keinen üblen Eindruck. Recht hat sie. Das Heiraten ist kein Briefwechsel, da muß man selber zusammenkommen.
Beim nächsten Nebeltage, als kein Tourist vermutet wurde, sperrte er sein Wirtshaus zu, die alte Magd, der er's nicht anvertrauen mochte, schickte er in die Preiselbeeren aus. Er selber ging ins Tal nach Migelbach.
Sie verabredeten es kurz und nüchtern.
»Über die ersten Dummheiten sind wir hinaus,« sagte der Latschenwirt und betrachtete sich den niedlichen, mit Waren vollgepfropften Kaufmannsladen. Sie erkundigte sich nach dem Ertrag des Latschenwirtshauses, und da dachte er, wirtschaftlich ist sie und das ist die Hauptsache. Dann begannen sie Zukunftspläne zu machen, wobei sich aber die Meinungen etwas verwirrten, so daß der Mairinger auf seinen Paß hinauf mußte, bevor sie fertig werden konnten. Im Latschenwirtshause begann er hernach die Ehekammer, die seit dem Tode seiner Ersten etwas öde und unordentlich geworden war, herzurichten. Schaffte sich ein paar haarige Gemsfelle an als Fußteppich vor den Betten und rote Fenstervorhänge, damit das kalte Licht, das von den Eisfeldern herabkam, in Rosen getaucht werde.
Die Frau Stäuberin ließ ihr Haus weißeln, die Fensterbalken grün anstreichen und sonstiges instand stellen, damit dem neuen Herrn alles freundlich entgegenschaut. Dem neuen Herrn? Es wäre nicht zu ertragen, wenn sie nicht gleichzeitig die neue Frau über das Latschenwirtshaus werden würde!
Als der Latschenwirt demnächst wieder zu ihr kam, hatte er ein Steirerwäglein bei sich und zwei schwere Hengste drangespannt. Sie wartete ihm Blumenkohl auf -- in ihrem Garten stand noch einer; er aß davon mit Mäßigkeit und meinte, von Blumenkohl sei er ein Freund, besonders gern aber esse er Speckknödeln. Dann packte er mancherlei Lebensmittel auf den Wagen und die Frau dazu, und so fuhren sie selbander davon durch das lange Schluchtental, hernach durch Wälder und über Almen hinan, am Quarzsteinbruch vorbei bis zum Bergjoch. Dort oben strich ein scharfer Wind, Frau Amalia zog die Tuchjoppe enger zusammen und sagte: »Husch, husch! Das ist ja ein Bärenloch, da heroben!«
»Aber eine schöne Aussicht, gelt? Man sieht sogar die krainerischen Berge.«
»Um die geht's mir nicht,« antwortete sie, »mir sind schon die steirischen zu viel.«
In der Wirtsstube waren Gäste, mit denen die alte Magd nichts anzufangen wußte. Wenn der Mensch gestehen muß, daß er keinen Kellerschlüssel hat, so ist das nicht bloß darum zuwider, weil er dem Durstigen keinen Wein vorsetzen kann, sondern vielmehr wegen des damit bekundeten Mangels an Vertrauen, den eine alte Magd, die redlich durchs Leben gegangen ist, nicht ertragen kann, ohne sich in einem Winkel zu verstecken und zu Tode zu schämen. Die Alte schämte sich nicht zu Tode, sondern durchstöberte das ganze Haus, als ob der Kellerschlüssel bloß verlegt wäre. Welch eine Erleichterung also, als der Wirt kam, und welch ein Schreck, als sie an seiner Seite eine rundliche Frau sah! Der Latschenwirt ließ seiner werten Gastin Hirschbraten mit Preiselbeertunke vorsetzen. Sie aß ein weniges, dann legte sie Messer und Gabel auf den Tisch und sagte: Die Preiselbeeren habe sie sehr gern, aber das Hirschfleisch modere ihr zu stark.
Der Wirt wartete nun, daß sie mit den Gästen, zwei scharf ausgerüstete Hochtouristen waren es, ein paar freundliche Worte wechsele oder sie gar ein bißchen bedienen würde. Aber Frau Amalia blieb auf ihrer Bank fest sitzen und tat fremd. Er sprach vom ungarischen Wein und vom Flaschenbier, sie sprach von Kaffee, Seife und Schnittwaren. Er sprach vom Wirtsgeschäft auf dem Schieberpaß, sie von ihrer Kaufmannschaft zu Migelbach. Ein großes, unerfahrenes Herz hätte meinen müssen, diese zwei Leute paßten trefflich zusammen; was er nicht sei, das sei sie, und umgekehrt. Ein kleines, erfahrenes Weltherz jedoch hätte nach solchen Anzeigen geschlossen, das gehe schief; was er nicht wolle, das wolle sie, und umgekehrt.
Indes freute Frau Amalia sich an dem geordneten Anwesen auf dem Bergjoch, und Herr Stefan rechnete insgeheim aus, welch eine Summe das schöne Kaufmannshaus samt Geschäft in Migelbach einbringen werde. So kamen sie wohlgemut auseinander und bei der Heimfahrt, da sie hinter dem Fuhrmann allein saß, konnte die Frau Stäuberin ihren Hochzeitsstaat überlegen -- sie denke, einen Rock aus kirschroter Seide, mit schwarzem Samtbesatz, dazu ein Pariserhütchen, wie es die Frau Kreisrichterin zu Martan trägt.
Einige Tage nach dieser Zusammenkunft kreuzten sich zwei Briefe, der eine ging tal-, der andere bergwärts. Der erstere war so gestimmt:
»Liebe Mali!
Eigentlich fürchte ich's gar nicht. Du wirst schon in die Wirtschaft taugen da heroben, du wirst noch eine prächtige Wirtin werden, wie du das Zeug hast. Jetzt schaut's freilich noch nicht viel gleich bei mir, aber wenn wir das Kaufmannshaus verkaufen, so bauen wir uns auf dem Sattel ein Fremdenhotel, wo ich schon lang dazu eine Freud gehabt hätt', aber alleweil zu wenig Geld. Das wird ein Geschäft werden im Sommer, wie kein zweites im Land, denn man muß mit dem Fortschritt halten und mein Vater selig hat oft gesagt zu mir: Bub, aus dem Latschenwirtshaus laßt sich was machen. Ich denk', liebe Mali, daß wir bald zum Pfarrer gehen, schreib' wann's Dir recht ist, bin allezeit bereit. Richt' nur Deinen Taufschein her und wegen's Katechismus, das G'sätzel von der Ehe wirst eh noch wissen. Ich hab's schier vergessen und muß nachbessern.
Dein lieber Stefan.«
Der Brief, der diesen kreuzend vom Tal zu Berge ging, lautete also:
»Lieber Stefan!
Wir haben's letztens nicht recht ausgeredet und wirst eh froh sein, wenn Du vom Windloch da oben einmal befreit bist. Das Latschenwirtshaus geben wir derweil in Pacht, bis wir's gut verkaufen können. Das Migelbacher Geschäft vergrößern wir, mir liegt schon lang die Mehlhandlung im Kopf, +vis-à-vis+ gegenüber von meinem Haus. In Wollstoffen wäre jetzt auch was zu machen. Werden schon zu tun haben allzwei und wird schon gesorgt sein, daß Dir nicht die Zeit lang wird in Migelbach, und mit Deinem guten Kopf lernst Du die Handlung in paar Wochen.
Kannst kommen wann Du willst, daß wir anfangen.
Deine Amalia.«
Somit war das in allerbester Ordnung und die zwei Briefe, die sich schon am nächsten Tage wieder kreuzten, waren noch kürzer und deutlicher gehalten.
Der von oben: »Das wird wohl nicht geschehen, meine Liebe, daß ich mein Vaterhaus im Stich laß! Da wird wohl das Weib dem Mann folgen müssen. Richt' Dich nur zusamm'n! Dein Stefan.«
Und der von unten: »Da werden's mich eher auf den Freidhof hinaustragen, als wenn ich ins Latschenwirtshaus hinaufgeh'. Willst die Kaufmännin haben, so wird Dir schier nichts anders übrig bleiben, als Kaufmann zu werden. Deine Amalia.«
Nach diesem diplomatischen Notenwechsel zwischen dem Schieberpaß und Migelbach war es ein Weilchen still. Die Frau Stäuberin hatte schlechte Nächte und sie sann nach, wie der halsstörrige Mann doch herumzukriegen wäre, damit sie mit dem Erlös des Latschenwirtshauses ihre Handlung vergrößern könnte. Vor der Hochzeit, wenn man auch wollte nachgeben, so muß es doch nach der Hochzeit sein, daß ich mir meinen Kopf aufsetze. Und die Mannsbilder, wenn man ihnen nicht folgt, werden gern grob und nachher ist der Teuxel los. Na, das kann eine zuwidere Geschicht' werden.
Da erschien eines schönen Tages der Hirtenknabe wieder im Kaufmannshaus bei der Frau Stäuberin -- er hätte was abzugeben, und langte säumig ein Brieflein hin. Dieweilen sie dasselbe las, lugte er wieder auf die Flaschen. Vermutend, daß heute nichts für ihn ausfallen würde, wollte er den Weichselgeist wenigstens von außen ansehen. Mit den Augen kann man die ganze Flasche verschlingen, auch wenn sie einem nicht gehört, und kriegt doch keinen Rausch. Wie sehr war er verwundert, als die Frau Stäuberin ein Gläschen füllte und ihn freundlich einlud: »Geh her da, Bübel, und trink'. Da hast auch ein Zwieback zum Dazubeißen. Laß dir nur Zeit und trink' aus, ich füll' schon noch einmal nach.«
Und was stand denn in dem Brieflein, das sie so froh gemacht hatte? In dem Brieflein standen die paar Zeilen:
»Schätzbare Frau Stäuberin!
Ich hab' mir's überlegt. Es ist das Gescheitere, wir lassen's sein. Daß wir einander nicht ins Unglück bringen. Nix für ungut. Sei so gut, mir einen Zuckerhut und zwei Kilo Kaffee prima Sorte auf Rechnung zu schicken.
Mit Achtung Stefan Mairinger.«
Nussenspielen.
»Mit dem Obst schaut's bei uns halt schlecht aus; ein bissel Waldkirschen, ein bissel Schlehen, ein bissel Holzäpfel und ein bissel Lethfeigen,« so sagt der Staggelhofer, meint mit den Lethfeigen aber schon die Burschen, die zu bequem und zu feige sind, um am Kirchtag mit ein paar Stuhlfüßen ein paar Kameraden blau zu machen. Die »blauen Montage« waren fast abgekommen zu Scherersbach. »Das beste Obst,« so fährt der Staggelhofer fort, »ist bei uns noch das, welches unter der Erde wachst. Was im Sommer nicht unter der Decken ist, das wachst nicht -- so frisch ist's bei uns zu Scherersbach.« Unter der Decke -- die Erdäpfel meint er.
Deswegen geschieht es, daß der Staggelhofer im Spätherbste eines Tages ein paar Ochsen einspannt und auf einem Leiterwagen etliche Säcke mit Erdäpfeln ins Untergai schleppt. Dort werden die gelben Erdäpfel mit rotwangigen Baumäpfeln aufgemessen, und als Draufgabe bekommt der Alpenbauer noch ein volles Säcklein dazu, das schauderhaft raschelt, als es auf den Karren geworfen wird. Dann fährt er heim. Die Äpfel werden zum Jausenbrot genossen, die Kinder bekommen deren extra, wenn sie folgsam sind; der Halterbub schleicht manchmal heimlich zum Sacke. »Hat der Adam ~auch~ Äpfel gestohlen,« meint er in Erinnerung an den genossenen Katechetenunterricht, und setzt aus eigenem bei: »Der Adam hat's der Eva wissen lassen und so ist's aufkommen. Ich will gescheiter sein und das Apferl allein essen.« Nach Jahren, wenn er groß und stark geworden, will er's bei einem lustigen Plausch im Wirtshause dem Staggelhofer einmal sagen: »Du Bauer, deine Äpfel, die ich dir gestohlen, haben sehr gut geschmeckt!« Wenn man's eingesteht, nachher ist's nicht mehr Sünd', denkt er. Zurzeit ißt der Halterbub keinen Apfel allein, sondern läßt schon allemal auch eine Eva mithalten, hat also nicht mehr nötig, seine Sünden selber auszusagen.
Herr Jesses, ich verweile mich da bei den Äpfeln und sollt' schon lang bei den Nüssen sein.
Am Tage des heiligen Nikolaus, am langen Abende, da die Leute nach verrichtetem kurzen Tagewerk in der Stube beisammen sitzen -- späneklieben, besenbinden, rauchen, schuhnageln, flicken, spinnen, stricken, tratschen, duseln und was so der häuslichen Arbeiten mehr sind, raschelt auf einmal etwas. Der Bauer kommt langsam zur Tür hereingestiegen und bringt eine hölzerne Schüssel voll Nüsse.
Etliche schreien vor Freuden auf, besonders die Weibsbilder, und der Großknecht langt schon nach dem Spielkartenbüschel.
»Nussenspielen!«
Alles verläßt seine Arbeit und drängt an den Tisch, was nicht schon dabei sitzt. Eine Kerze wird angezündet, denn das Kienspanlicht ist nicht heilig genug fürs Kartenspielen, und die Öllampe ist nicht sicher genug, wenn sie raufend werden.
»Ja, ja, Nussenspielen!« sagt der Staggelbauer und stellt seine Holzschüssel neben sich auf die Bank, »nix Nussenspielen! Vorher Nussen ~kaufen~! 's Paar um ein' Kreuzer!«
»Da mögen die Weiberleut' einkaufen, mir sind sie zu teuer!« entgegnet der Weidknecht.
»Narr!« lacht zu diesem der Oberknecht, »die Weiberleut' sind immer teuer!«
»Die ~Nussen~ sind mir zu teuer, du Pölli!« schreit der Weidknecht und fährt auf.
»Hi, hi, hi!« kichert der kleine Bub, der alleweil die Hände im Sack hat, weil ohnehin die Läufeln barfuß sind.
»Was lachst denn, Lecker?« fragt ihn der Stallbub.
»Weil sie schon raufen wollen und spielen noch gar nit!«
»Wem's Paar um ein' Kreuzer zu teuer ist, der soll zehn um ein' Batzen haben,« sagt der Bauer.
»So wegen meiner!« antwortet der Großknecht und kauft sich um drei »Batzen« Nüsse. Der Weidknecht auch so viel, der Stallknecht nicht weniger. Die Kuhdirn will auch um einen Kreuzer.
»Du kriegst nur achte,« sagt der Bauer, »weil du sie eh samt der Schalen ißt.«
Gelächter. Aber die Kuhdirn sagt: »Kannst du selber tun, Bauer, mir täten sie zu viel reixeln im Magen.«
»Der Bauer ißt ja auch die Erdäpfel in der Haut,« spöttelt der Weidknecht.
»Nau, abziehen werd' ich sie mir nit lassen vor dem Nachtmahl,« entgegnet der Bauer und zählt jedem die gewünschte Anzahl Nüsse vor.
So sitzen sie nun beim Tisch und jedes hat vor sich einen Haufen Nüsse. Die sind anstatt Münzen, und für »Nussen« wird jetzt gespielt. Sie spielen »um den letzten Stich«, wer den hat, der bekommt von jedem eine Nuß. Das ist leicht faßlich, da kann sogar das Abwaschdirndl mithelfen; wenn sie auch die Karten noch nicht kennt, allemal eine Nuß hergeben, das kann sie doch -- heißt das, so lange sie ihrer hat. Auffallend ist es, wie bei solchem Spiel zwischen beiderlei Geschlechtern fast allemal die Männer gewinnen und die Weibsbilder büßen. Man muß aber wissen -- das heißt, man darf es nicht wissen -- wie sich erstere beim Spiel unter dem Tische einander auf die Zehen treten, ohne daß auch nur ein einziger »au weh!« schreit.
An der männlichen Seite häufen die Nüsse sich zum Verwundern, »und wo Tauben sind, da fliegen Tauben zu!« sagt die Küchenmagd und schupft mit der Hand die neuerdings verspielten hinüber.
»Die redet jetzt von Tauben!« bemerkt der Weidknecht.
»Ja, von tauben Nüssen,« sagt der Großknecht. »Die muß lauter solche haben, von der mag ich keine.«
»Hat der Fuchs gesagt wegen der Trauben!« schreit die Küchenmagd und hebt die auszuspielende Karte wie einen Dolch: »Gestochen!«
Diesmal hat sie den letzten Stich und nun rascheln ihr von allen Seiten Nüsse zu, daß sie vor Freuden kichert.
Um so kleinlauter ist die Kuhdirn, ihr Vorrat ist alle, zwei einzige Nüßlein und noch dazu kleinwinzige (denn die großen hat sie in ihrer Gutmütigkeit zuerst hergegeben), liegen an ihrer Seite; -- zwei feindliche Stiche noch, und sie ist fertig.
Und auf diese paar Nüsse lugt ein mitleidiges Auge -- das Auge des Stallknechtes. »Nit verzagen, Gretel,« sagt er schmunzelnd, »solang noch das Paar ist, geht die Welt nit zugrund.« Dabei schielt er ein bißchen auf ihre Karten, die sie wie einen Fächer in der Hand hält, prüft dann seine Karten in der Hand und tritt dem Nachbar ein wenig auf die Zehe. Dieser wirft keck das Blatt aus und wird »gezwickt«, denn der Fußtritt war ein falscher gewesen, hatte den Spieler mißleitet. Die Stalldirn macht den letzten Stich und ist überrascht von solchem Glück, daß sie vor Schreck aufschreit, als hätte sie mit ihrem Stiche wirklich jemanden erstochen. Jetzt rollen ihr die Nüsse zu und bald danach erklärt der Bauer, es wäre morgen auch noch ein Tag.
»Zum Spielen!« sagt der Weidknecht.
»Zum Korndreschen!« ruft der Hausvater, »früh auf heißt's. Und jetzt schlafen gehen!«
»Ich tu' früher meine Nussen essen,« meinte der Halterbub und zerdrückt die erste mit dem Handballen auf dem Tisch. Der Großknecht öffnet seine Gewinnste mit einem Faustschlag. »Hau!« schreit er, als der rostige Kern zum Vorschein kommt, »ist so ein kohlschwarzer Teufel drin!«
»Ein schneeweißer Engel wird nit drin sein in Nussen, die einer erfalschelt,« bemerkt der Weidknecht.
»Wer hat erfalschelt?« schreit der Großknecht und haut auf den Tisch, daß die Nüsse zu tanzen anheben.
»Oho,« sagt die Küchendirn zu den Nüssen, die sie fängt, »im Advent ist das Tanzen verboten!«
»Wer hat gefalschelt?« schreit der Großknecht, »~du~!« und schleudert dem Weidknecht eine Handvoll Nußschalen ins Gesicht. Jetzt fährt der Weidknecht los, packt den Gegner am Hemdkragen; die anderen wollen abwehren, aber da die Arme schon einmal zugreifen sollen, so schlagen sie auch munter drein, die Karten flattern wie Unzücht, die Nüsse fliegen raschelnd in den Lüften und springen wie gehexter Hagel an alle Wände, Kästen und Bänke, bis sie zu Boden kollern.
Der kleine Bub reibt sich vergnügt die Fäuste ineinander, denn der Gewinn ist sein. Alle Nüsse, die sich in den Winkel verkollern, fallen ihm zu, morgen, wenn er Jagd darnach hält. Heute ist's schon zu finster dafür, denn auch die Kerze hat ihren Tackel bekommen, und der Bauer ruft heftig: »Die Saggra sollen aufhören zu balgen, ihre Arme und Beine zusammensuchen und sich ins Nest trollen!«
»Kein Wunder wär's nit, wenn ich statt meinem einen fremden Fuß derwisch, bei der Finstern!« scherzt der Weidknecht.
»Und ich muß meinen Kopf verloren haben,« knurrt der Großknecht, »der, den ich jetzt aufhab', der paßt mir nit. Brummen tut er.«
Unter solch halb scherz-, halb ernsthaftem Warteln zerstreuen sie sich und bald wird's still im Staggelhof.
Das »Nussenspielen« wiederholt sich nun jeden Abend, gerade so oder ein bissel anders, durch den ganzen Advent, über die Weihnachtsfeiertage bis Neujahr.
Und in der Neujahrsnacht ist's, daß die Stalldirn, die Gretel, bei stets verschlossener Tür, auf ihrem Bette sitzt und die Nussen zählt, die sie in einer Schürze eingesackelt hat. Sie weiß selber nicht, wie sie dazukommt, kennt nicht einmal alle Karten und hat einen Gewinn von etlichen Dutzend aufzuweisen. Hat aber noch keine gegessen. Sie ist ihnen just nicht Feind, den Nußkernen, die Leute sagen, man würde fett davon, besonders wenn man auch fleißig Schweinsbraten dazu esse -- doch so ganz allein mag sie nicht naschen, da schenkt sie das ganze Schürzel voll lieber weg.
Natürlich fragt jetzt einmal wer zum Fensterl herein, ob sie keinen Nußknacker brauchen könne? Und natürlich ist's der Stallbub. Wie er heißt? Wenn sie Grethel heißt, so wird er Hansel heißen, natürlich.
»Ich hab' mir's eh gedacht,« sagt die Gretel.
»Was hast dir eh gedacht?« fragt der Hansel.
»Daß du mir die Nussen hast zugeschanzt, weil du ein falscher Ding bist! Und daß du sie jetzt wieder haben willst, das weiß ich auch.«
»Das alte Jahr dauert nur mehr eine Viertelstund',« sagt draußen der Bursche, »aber ich erfrier' noch im alten Jahr, wenn du nit aufmachst.«
»Lapp, so geh in dein Bett, dort wird's offen sein.«
»Mein Bett ist mir nix seltsam. -- Gretel, was zu reden hätt' ich mit dir.«
»Hast dir auch die richtige Gelegenheit dazu ausgesucht.«
»Weil ich mir vorgenommen hab': noch im alten Jahr red' ich. Jetzt ist nimmer lang' Zeit. Geh her, greif' meine Hand an. Wie ein Eiszapfen so kalt.«
Das Handangreifen ist ja nichts Schlechtes, denkt sich die Gretel und geht zum Fenster; aber die Hand ist wärmer, als sie geglaubt hat.
»Gernhaben sollst mich!« flüstert ihr der Hansel an die Wange.
Das Dirndel haucht: »Gernhaben ist Sünd'.«
»Wer hat denn das gesagt?«
»Der Pfarrer hat's gesagt. Das Gernhaben ohne Heiraten ist grob' Sünd'! Geh, laß mich aus, du brichst mir ja die Finger ab.«
»Das Patscherl gehört mein,« flüstert er; »und ich möcht' gern, daß wir Zwei zusammenheiraten.«
»Ja,« meint sie, »auf was denn?«
»Auf dich und mich.«
»Hast ja kein Örtel, keinen Heimgang, und ich hab' auch nit viel mehr.«
»Daß du aber jetzt an solche Sachen denken magst! Wo mir so kalt ist!«
»Der Pfarrer,« so drauf sie, »der will das Heiraten nit erlauben, wenn zwei Leut' nix haben.«
Jetzt wird dem Hansel warm.
»So!« sagt er, »der Pfarrer will das Gernhaben nit erlauben ohne Heiraten! und das Heiraten will er auch nit erlauben? -- Was sollen wir denn nachher machen?«
»Halt schön brav bleiben!« meint das Dirndel.
»Brav bleiben! Brav bleiben! Sollen's andere probieren!« So der Hansel. Zornig, zornig ist er, und also läuft er in die Nacht hinaus, ins neue Jahr hinein.
Die Gretel geht traurig zu ihren Bettstufen zurück und sagt: »In Gottesnamen, muß ich halt meine Nussen allein essen.« Ißt aber keine einzige. Und vor dem Einschlafen kommt es ihr noch zu Sinn: Wer weiß, wie kalt ihm gewesen ist!