Part 6
»Vor den Toren steht der grimme Feind, der durch die Länder raset wie ein Ungewitter, der die Heere vernichtet und die Fürsten zertritt. Wir sind Würmer vor seiner Gewalt. Nur einer kann mit uns sein und uns erretten, der allmächtige Gott. Und ihr wollt uns auch Gott zum Feinde machen? Denen, die seine Altäre zerstören, wollt ihr die unschuldigen Jungfrauen ausliefern, die sich seinem Dienste geweiht haben? So schwöret ihr in den Tagen der Drangsal, in welchen wir Gottes Gnade erflehen müßten, Gottes Rache herab? Tut es, wenn ihr den Untergang Unzmarkts verantworten könnt, wenn ihr euch nicht der Wut eurer eigenen Mitbürger aussetzen wollt! Ihr guten Christen begeht im Angesicht schrecklicher Not den abscheulichen Verrat an eurer Religion, führt die Bräute des Herrn wie Schlachtopfer den Heiden zu. Ich sage nein, und sage es im Namen aller Bewohner dieses Ortes, die nicht gegenwärtig sind, im Namen eurer Weiber und Kinder, die ihr vor den irdischen Feinden beschützen wollt, und die ihr dem Zorn des ewigen Richters auszuliefern im Begriff seid. Ich sage nein und Amen.«
Auf diese Worte stutzte die Versammlung. Unter dem ersten Eindruck stellte der Bürgermeister solchen Antrag: Unzmarkt hat Pferde und eine Begleitung von zwölf Mann aufzubringen, so sollen die Nonnen in der nächsten Nacht aus dem vom Feinde bedrohten Orte fortgeschafft und über Judenburg und Admont nach Niederösterreich begleitet werden.
Der Augenblick zündete. Bei der Abstimmung über den Vorschlag des Bürgermeisters sagten zwar nicht alle ja, aber keiner sagte nein. Der Beschluß wurde sofort verwirklicht, Unzmarkt, der Ort an der oberen Mur, beging den Ritterdienst an den schutzlosen Jungfrauen und der Tischler Sepp ward als Führer des seltsamen Zuges gewählt, der am nächsten Tage über den Tauern ging, und zur Stunde, als die ersten Franzosen in Unzmarkt einzogen, die sichere Klosterstätte im Österreicherland erreichte.
Der Feind hauste nicht so schlimm in dem armen Gebirgsorte, als die Schwarzseher vorausgesagt hatten. Zwar war er an Begehr von Gut und Geld, von Gewandung und Nahrung nicht gar bescheiden, aber an lebendiger Ware nahm er nur das, was sich freiwillig als solche ausbot.
Der Führer des Nonnenzuges, genannt der Tischler Sepp, ist der Erzähler dieser Begebenheit. Wenn der Leser etwa erwartet haben sollte, daß zwischen diesem jungen Menschen und der schönsten Nonne sich unterwegs eine Liebschaft entspinnen würde, so irrt er leider. Es hat sich eine solche nicht entsponnen und der geneigte Leser muß schon einmal mit einem guten Werk ohne Liebesgeschichte fürlieb nehmen.
Als Hans der Grete schrieb.
»Ist sie daheim, die Kühgretl?« rief eine schnarrende Männerstimme zum Fenster herein in den Stall, »ein Briefel von der Post hätt' ich da, gehört der Margarete Krautwascherin. Schreibst dich ja so, Gretl?«
Die junge, rotwangige und flachshaarige Magd, die just unter der scheckigen Kuh saß, den Melkzuber zwischen den Beinen, erhob sich jetzt: »Die bin ich, die Gretl, ja freilich bin ich sie, und von wegen -- gelt, er ist so gut und tut ein Eichtl warten, da muß ich wohl den Bauern fragen, ich sag', 's steht wo zu lesen und er wird's wissen, wie ich mich schreiben lass'. Mich däucht wohl, Krautwascherin, ja, mich deucht wohl.« Und etwas leiser, zutraulicher: »Auf dem Briefel steht's 'leicht drauf? Und von wem denn?«
»Gar von einem Kaiserlichen. Ist zu weiten Landen, kann selber nicht mehr durchs Fensterl rucken, ruck halt du, sein Brieferl, hinein. Wirst ihn nix kennen, Gretl, Hans Kinigl heißt er.«
»Uh Jessas, aber na!« jauchzte das Mädchen auf, »bin ich aber erschrocken! Auweh!« Die Milch sickerte zur Hälfte auf die Streu. Dann leise murmelnd: »Jetzt hab' ich aber Schaden tan, uh mei, jetzt hab' ich Schaden tan!«
Der Bote war fort. Die Gretl wischte ihre Arme und Finger säuberlich an der Schürze ab, und nahm dann völlig schamhaft das Brieflein vom Fensterbrett. Sie guckte es an, sie kehrte und wendete es: »Mein Lebtag, der Hansl hat geschrieben. Und verpetschiert ist er auch, ganz verpetschiert. Wer macht mir ihn auf? Ich nicht, ich trau' mich nicht drüber.« Sie guckte noch lange, sie ging in den dunkelsten Winkel, weil die Scheckige gar so neugierig herüberglotzte. »Brauchst derweilen just nicht alles zu wissen.« Im geheimsten öffnete sie den Brief mit Müh' und Not -- was er denn schreibt, wie's ihm denn geht? Gesund wird er mir leicht doch sein. -- Daß er gar zuletzt muß kriegführen gehen?
Die Kuh schellte an der Kette und schnupperte. Sie kannte den Hans recht gut; wie er in derselbigen Nacht stecken blieben ist im Fenster, das ist eine dicke Glasscheiben gewesen.
Endlich war der Brief offen, entfaltet und überrascht rief die Gretl aus: »Der Närrisch, das ist aber ein rechter Närrisch!« Sein Konterfei war oben an der Ecke des Briefes, sein leibhaft Konterfei mit dem Czako, dem weißen Röckel und der blauen Hose, frisch und hell gemalt, und der Schnurrbart dabei. »Jegerl, uh mein! Aber sauber ist er, freilich wohl rechtschaffen sauber. Und wie er ihm gewachsen ist, so viel gewachsen, der Schnauzbart! -- Na, der Hansl, was wird er denn schreiben? -- Jessas, jetzt kann ich nicht lesen! Wer hätt' mir's denn gelernt? Daß so ein Briefel kunnt kommen, auf so was hätt' eins von klein auf gar keine Gedanken. Aber na, daß ich nicht lesen kann!«
Sie preßte das Papier wohl zum Mund und langsam glitt die Hand damit nieder gegen den Busen so jung und zart -- ließ den Brief dort ruhen. Plötzlich aber zuckte sie ihn weg: »Sapperwald, Hansl, das darf nicht sein! Nein, Hansl, das darf nicht sein!« Und noch lebhafter flüsternd: »Ich bitt' dich um alles in der Welt, sein darf's nicht!« -- Dann später, wie aus einem Traum erwachend, ruhig: »Weil eins meint, er wär's selber -- wie er da so sauber gemalt ist.«
So lehnte sie im dunkeln Winkel an ihrem Bettchen. Da zeterte draußen vom Hofe her plötzlich eine Stimme: »Gretl, ja weiger, was ist denn das heut', bist 'leicht in den Milchzuber gefallen? Hast keinen Fuß nit? Hast keinen? So ein junges Mädel wie du, hat meine Mutter allfort gesagt, soll nit so lang müßig sein, als eine Taube ein Korn aufpickt. Ich, wie ich in den jungen Jahren bin gewesen, über drei Zäun' bin ich gesprungen, hab' ich ein Federl sehen liegen. Und heutzutag -- Muß ich dir weiterhelfen vom Kuhstall heraus?«
Die Bäuerin war's. Schnell verbergen den Brief unter den blauen Busenlatz, an dem heut' ein Schnürchen war zersprungen, und der Arbeit zu. Im Dienst, im Bauerndienst! 's ist halt eine schwere Sach'; wenn so ein Mägdelein auf einen Buben wollt' denken, beileib' nit, das wär' Sünd', so viel Sünd'!
Die Gretl hatte an demselbigen Tag alles verkehrt angefaßt. Die Streu im Hof kratzte sie mit der Mehlschaufel zusammen, und als sie auf der Tenne Korn in den Mühlsack fassen sollte, wollte sie es mit der Streugabel tun, und als sie zu Mittag die Suppe salzen sollte, da hat sie das ganze Salzfaß in den Waschkessel geschüttet. Sie hatte ja das ungelöste Rätsel des Schreibens auf dem Herzen -- die arme Gretl.
Am Nachmittag, als sie die alten zwei Kühe einspannte und damit auf die Granitzwiese um Futter fuhr, sagte sie zu sich selbst: »Die Christl kunnt schon lesen, sie braucht ja ein Betbüchel in der Kirch', die Christl.«
Die Christl war des Schwanenwirts Weiddirn, die an Kirchtagen auch die Gäste bedienen half, die auch den Hans Kinigl kannte, rechtschaffen gut kannte. Und die Christl war Gretls G'spanin, wenn's am Fronleichnam zum Kranzelaufsetzen kam. Indes, ohne daß eine von der anderen wußte, allbeide waren dem Hansl verbunden; er hat nie drein geredet, wenn sie, weiß gekleidet, das Jungfraukranzel im Haar, bei der Prozession gewesen sind; er hat, wie's ja Recht und Sitte ist, die Knöpfchen seines Rosenkranzes abgebetet und nicht ein Wörtl hat er geplaudert.
So ist er nachher gestellt worden, haben ihn abgemessen -- er ist halt lang genug gewesen -- ist blieben beim Militär. Ein sauberer Soldat ist er worden, der Kaiser nimmt halt von seinem Land die schönsten Leut'. Ich tät's auch. Jetzund ist seitdem schon ein ganzer Sommer vorbei.
Die zwei Kühe trotteten hin über den Steinweg, der Granitzwiese zu, und der Karren knatterte und die Gretl, die drauf saß und in süßen Gedanken war, wurde recht arg dabei geschüttelt. Freilich so ein Schütteln und Hopsen ließe man sich gefallen, wenn eins nur das Lesen hätt' gelernt. Versterben kunnt man, hat man seinen Brief in der Hand und weiß nicht, was er schreibt.
Sie war schon dort, wo der Wald aufhört und die Wiese anhebt -- tat sie auf einmal einen Juchschrei und sprang vom Karren. Sie hatte die Christl gesehen, die hinter dem Zaun drüben Eschenlaub sammelte.
»Bist 'leicht auch da, Christl?« schrie sie hinüber, »geh', magst nicht ein Eichtl herüberhupfen zu mir, ich zieh' dir zwei Stangen aus.«
Aber die Stangen waren störrig und die Lücke in den Zaun nicht so leicht gemacht. So lehnten sich beide nur daran und ließen die Stangen und Stecken, wie sie waren, dazwischen.
»Wirst es nicht meinen, ich hab' was Neues bei mir,« sagte die Gretl freudestrahlend, »einen Soldatenbrief von Hans -- ja von Hans, freilich, und sein Pultree (Porträt) ist auch dabei, und für mich, für die Margareta Krautwascherin gehört er, der da -- der Soldatenbrief.«
Die Christl hatte mit beiden Händen emporgezuckt: »Geh, laß schauen!«
Sie sah den gemalten Krieger an. Sie steckten die Köpfe zusammen, Christls Hände zitterten fast und wollten der anderen das Papier aus den Fingern zerren.
"Na, du, auslaß ich ihn nit!« sagte die Gretl, »aber dasselb' bitt' ich dich, lesen tu mir ihn; kannst dafür wissen, was drin steht. Gelt, Christl, lesen, das wirst mir nicht versagen, nit, gelt?«
Da versetzte die andere: »Weißt, Gretl, das ist halt so, sagen will ich dir's wohl, wie's ist. Drucklesen schon, aber Schriftlesen, weißt, das hab' ich halt nicht gelernt. Vom Herzen gern, daß ich's tät.«
Die Gretl war durch dieses Wort niedergeschlagen. »Ja so,« sagte sie dann kleinlaut, »das Schriftlesen, dasselb' kannst nicht. Das ist mir aber schon rechtschaffen unlieb; jetzt, was heb ich an? -- Ja so, nur Drucklesen. Und Schriftlesen, dasselb' nicht, meinst. Nu, wenn du's halt nicht kannst. Aber na, ich weiß mir jetzt frei keinen Rat. Ich weiß mir keinen Menschen in der Gemein und ich trau' mich nicht; freilich trau' ich mich nicht. -- Ging dir halt nicht von statten, meinst, das Schriftlesen? Wenn du's aber dennoch im Gottesnamen tät'st probieren -- leicht ging's, Christl.«
»Einen tät' ich wohl wissen, der's kunnt,« sagte die Christl nach einigem Nachdenken, ein wenig unsicher, wie lauernd; »will dir's wohl sagen, der alt' Schmiedrochel ist ein grundgelehrter Mann.«
»Der alt' Schmiedrochel, meinst?«
»Kennst ihn doch, den alten, tauben Mann -- stocktaub -- kennst ihn ja.«
»Freilich wohl, aber -- Christl, weißt, das ist so, der soll's halt nit wissen, das mit dem Hansl. Mein Vormund ist er, der Rochel.«
»Um so besser,« rief die Christl.
»Nein, ich -- weißt, er soll's halt nicht wissen, und -- wirst stehn bleiben, Scheckin! Ob'st mir gleich stehn bleibst, Scheckin! -- Er leidt's nicht, daß ich mit dem Hansl was hab' -- ich weiß, daß er's nicht leid't -- freilich nit.«
»So braucht er auch von der ganzen Geschicht' nichts zu wissen,« sagte die Christl schalkhaft; »mußt ihn den Brief denn gerad' ~still~ im Gedanken lesen lassen? ~Laut~ soll er ihn lesen, dir vorlesen soll er ihn, und ich sag' dir's, bei seiner Taubheit, er versteht kein Wort davon -- kein Wort.«
Da hob die Gretl ihr frisches einfältiges Gesichtchen: »Meinst? Ja -- weißt, ich versteh' das zu wenig, hab' mein Lebtag keinen Buchstaben angeschaut, mein Lebtag keinen. Aber, ich hätt' doch gemeint, wenn er den Brief selber lesen tät', daß er's 'leicht wissen kunnt, was drin steht.«
»Aber ich bitt' dich gar schön, Gretl, was du heut' für einen Unsinn redest! Wenn er laut liest und kein Wort hört, wie soll denn das sein, auf alle Mittel und Weis'!«
»Ja freilich wohl, ich lass' dir's gern gelten.«
»Sagst halt, mußt ihm's aber ordentlich ins Ohr schreien, ~mir~ tät' er zugehören, der Brief, von meiner Muhm' in Kirchbach, und ich hätt' dich damit geschickt und ließ ihn bitten, er soll dir ihn lesen, daß du mir's kunnt'st sagen, was drin steht.«
»Das ist gescheit -- wird wohl gescheit sein,« sagte die Gretl, »bist ein' ausbündige Dirn', du. Du wärst die Erst' bei der Hochzeit, tät' mich der Hansl heiraten. -- Wie's aber grasen, meine Küh'; wollen 'leicht das Futter lieber im Magen, wie auf dem Karren heimbringen. Schaut völlig so aus. Dank' dir Gott, Christl, für den guten Rat, und lass' dir Zeit und Weil' zum Laubrechen -- ja, lass' dir Zeit!«
Das Mädchen eilte zu den Kühen, mähte das Futter, füllte den Karren in hoher Schicht, spannte an, fuhr heim.
Die Christl aber lauerte hinter dem Zaun und kicherte: »Leicht ist sie wirklich so dumm und zeigt den Brief ihrem Vormund. Und weiß der alte Luzifer die Geschicht' von Hans und Gretl, nachher stehen die zwei nimmer zusammen. Nachher, mein lieber, sauberer Schatz, weiß der Briefbot' mein Fensterl auch zu finden. Hi, Hansl, Hott, Gretl!« Und laut: »Kei (kippe) die Fuhr' nicht um, Gretl!«
»Selb gib ich schon acht, freilich, selb gib ich schon acht!« rief diese noch aus dem Walde zurück.
Die gute Gretl ging neben ihren Kühen her. Wieder zog sie das Briefchen hervor: »Schau, Scheckin, das schickt mir der Hans!« Sie hielt das Papier den Rindern hin, diese glotzten es an, lesen konnten auch sie nicht.
Und als es Feierabend war, schlich die Gretl fort vom Haus, wo sie diente, und hinein in die Talschlucht, gegen die kleine Schmiede. Aus dem Schornstein sprühten Funken, der Alte war noch in der Werkstatt.
Mit Bangen und Zagen nahte sie ihrem Vormund, ihrer einzigen Stütze, seitdem Vater und Mutter gestorben.
»Die Dirn' ist da,« brummte er, als sie in die Schmiede trat. Mägde und Weibervolk genug, aber »Dirn« gab's ihm nur eine einzige auf der Welt, seine Mündel; Dirn, das war ihm der zärtliche Ausdruck für Schützling, Tochter, Kind.
Ehe das Mädchen noch ordentlich über die Schwelle kam, es stolperte schier, rief es: »Von der Schwanenwirt-Christl bin ich geschickt, den Brief da soll mir der Vatermann lesen und laut, daß ich's ihr kann sagen, der Schwanenwirt-Christl.«
Dreimal mußte es die Worte dem Alten ins Ohr schreien, ehe dieser seine rußigen, mächtigen Glasaugen hervorholte.
»Was wird's denn sein? So einen Brief lesen, wird auch just keine Hexerei sein!« Er machte sich aber doch wichtig.
»Von der Schwanenwirt-Christl ihrer Muhm' ist er!« rief das Mädchen schnell.
Der Alte wendete sich gegen die ausschnaufende Esse, daß der Brief, den er nun öffnete, rot beleuchtet war: »Kreuz und Eisenstern übereinand, da ist ja gar ein Kaiserjäger oben!«
»Halt ja, ein Soldat, halt ja,« zitterte die Gretl, »der Schwanenwirt-Christl ihrer Muhme ihr Sohn.« --
»Der Schwanenwirt-Christl ihrer --«
»Muhme ihr Sohn. Ja freilich, freilich wohl. Laut, nur gleich laut lesen, weil -- weil ich nicht recht Zeit han. Muß gleich wieder heim, aber gleich wieder.«
Der Alte verstand kein Wort. Er las bereits. Mit dem einen Fuß trat er den Blasebalg, daß er an der Esse eine Leuchte hatte. Mit dem anderen stand er fest, recht fest. »Du verschwefelt's Volk!« rief er plötzlich. »Also vorlesen soll ich dir die Schrift, vorlesen? Recht gern. Innigstgeliebte Margaretha! -- steht's geschrieben.«
Da ward's dem Mädchen wie zum Umfallen. -- Taub ist er freilich, aber so heraus hat er's geschrien, er kunnt's verstanden haben. »Just gar so laut, dasselb' ist keine Notwendigkeit, Vatermann.«
»Ich grüße Dich tausendmal und wünsche, daß Dich mein Schreiben in bester Gesundheit antreffen möge. Ich bin Gott sei Dank gesund und mache Dir zu wissen, und daß ich vor etlichen Tagen zum Korporal avanciert bin und ich in ein' Jahr auf Urlaub zu Haus kommen werde, was mich wegen Deiner so freut, vielgeliebte Margaretha, und ich denk' bereits Tag und Nacht auf Dich, und Dein Zellerpreverl trage ich auf der Brust, daß mich mit Gottes Hilf' kein' Kugel trifft. So schau' ich aus wie das Gemal (Gemälde) da oben, und ich bitte Dich, daß Du mir getreu bleibst, und glaube der Leut' Reden nicht, weil sie einen Neid haben auf uns Zwei. Und ich möcht' auch wissen, das von der letzten Kirchweih, wie ich fortgegangen bin, wird Dir nicht geschadet haben.«
Der Alte hielt inne, starrte das Mädchen an. Dieses sagte mit einer packenden Keckheit:
»Hör' schon, Vatermann, recht gut hör' ich, freilich!«
Und der Alte fuhr fort:
»Und sei so gut, tu' auf mein tuchenes Gewand schauen, von wegen der Schaben, und schreib' mir paar Zeilen, wie es Dir geht und was Neues ist, und für den Brief brauchst nicht zahlen. Und auf Dich kann ich nicht vergessen bis in den Tod, innigstgeliebte Margaretha, und so vielmals als Stern sein am Himmelszelt und Tropfen im Meer und Blümlein auf der Welt, sollst Du von mir gegrüßet sein. Halt' mir nichts für Übel, und ich schließe mein Schreiben im Schutze Gottes und verbleibe bis ins kühle Grab
Dein Johann Kinigl,
Korporal, 27. Infant.-Reg. König der Belgier.«
Der alte Schmiedrochel schüttelte sehr lange den Kopf. -- »Von der Schwanenwirt-Christl ....?«
»Ja,« rief die durch den Brief entzückte Gretl, »der Schwanenwirt-Christl ihrer --«
»Dirn!« rollte jetzt die Stimme des Alten dazwischen wie ein niederstürzender Eisenklumpen. Da sah die gute Gretl alles verraten, verloren. Still war's, nur der Blasebalg pfauchte.
»Er hat mir's versprochen,« hauchte das Mädchen, ihre Finger ineinanderhäkelnd und sehr laut, »'s Heiraten hat er mir versprochen und es hat so sein müssen, weil der Herr Pfarrer hat predigt, die Ehen werden im Himmel geschlossen.«
»Ja, und die Torheiten auf Erden begangen. Heiraten! Und einen Habenichts vom Militär! Hörst, einer, der einmal den Tornister auf dem Buckel trägt, gewöhnt sich den Höcker nicht mehr ab, hängt, hat er sonst nichts, den Bettelsack um.«
»'s schickt sich nicht, daß ich was red', Vatermann, aber mich deucht halt, rechtschaffen fleißig bei der Arbeit wär' der Hansl, rechtschaffen fleißig und brav; tut nicht trinken und nicht spielen; kann schreiben wie der Herr Verwalter und tut manigsmal gern in den Büchern lesen --«
»Ja, in solchen 'leicht, wo man die Blätter mit dem Knie umwendet. Marsch in deinen Stall, Dirn! -- Mein Lebtag hab' ich noch kein Mädel gesehen, das einen heiraten will, der gar nicht da ist. -- Kommt der Hans heim und er red't noch wie heut', und du hast ein' ehrliche Frag' -- ich halt dich nit auf. Jetzt weg mit dem Wisch da, den brauch' ich nit!«
Glückselig erfaßte sie das Papier, küßte seine Hand zum Dank und eilte ihrem Hofe zu.
Am nächsten Sonntag besorgte der Vatermann das Antwortschreiben in ihrem Namen:
»Lieber Hans!
Das Schreiben lass' bleiben. Kommst heim, bist brav, sollst mich haben.
Margaretha Krautwascherin.«
Wie war sein Brief so gut und treu und »gottsunmöglich schön«, und wie war diese Antwort so kurz und kalt. Die Gretl litt viel Marter und Pein, aber sie vermochte nichts über den Alten, nur daß sie noch heimlich zwei Blümlein in den Brief zu schmuggeln verstand. Ein Vergißmeinnicht und eine brennende Lieb'.
Sie konnten zusammen nicht kommen.
Der Halter vom Schieberpaß sprach im Dorfe beim Kaufmannshaus zu, nachdem er ins Auslagefenster geguckt hatte, ob auch Kirschbranntwein oder Weichselgeist vorhanden wäre. Er sah so etliche Flaschen, es konnte aber auch Öl sein oder Sauerwasser. Dann trat er ein: »Guten Morgen, Frau Stäuberin!«
»Ja, was willst denn?« Damit stand sie vor dem Jungen in ihrer stattlichen Gestalt. Das lichte Haar hatte sie kranzartig um das Haupt geflochten und der lange, dunkelblaue Kittel rauschte, weil er gestärkt war. -- Wenn nur ich auch gestärkt wäre, dachte der Hirte und lugte gegen eine der Flaschen. »Der Wirt braucht einen Sack Reis und ich soll ihn gleich mitnehmen. Zahlen tut er selber.«
»Eilt nicht,« antwortete sie und ließ ihm das Verlangte in den Korb packen.
»Haben's da auch Tabakpfeifen feil?« fragte der Bote etwas stotternd.
Die Frau zog aus dem Pult eine Lade, da drinnen gab's derlei. Der Junge nahm eine hölzerne Tabakspfeife in die Hand, dann ein Pfeifenrohr, dann ein Taschenmesser, dann einen messingenen Uhrschlüssel, dann einen blechernen Handspiegel, drehte solche Dinge eine Weile über und über und legte sie wieder in die Lade zurück.
»Haben's da auch einen Weichselgeist?« fragte er dann langsam.
»Willst was oder nicht?« fragte die Kaufmannsfrau und faßte die Lade fest an, daß der Inhalt reixelte.
»Hab' eh kein Geld,« antwortete der Halter träge und wandte sich unentschlossen dem Ausgang zu. Als er schon draußen auf dem Antrittsstein stand, kehrte er wieder um und sagte: »Bei der Frau Stäuberin han ih was auszurichten. Von der Alm. Vom Latschenwirt. Er laßt sagen, die Frau sollt' doch bald einmal hinaufkommen zu ihm.«
»So, der Latschenwirt?« Ihr rundes rotes Gesicht war auf einmal noch viel röter. »Gehst eh gleich wieder zurück?« fragte sie den Jungen. »Nachher sag' dem Latschenwirt, du hättest deine Post ausgerichtet und die Frau Stäuberin hätt' gesagt, er hätt' nach Migelbach nicht weiter, wie sie auf die Alm, und herab ginge es leichter wie hinauf. Hast es gehört?«
»Jo.« Er stand und starrte drein und rührte sich nicht.
»Was willst denn noch?«
»Der Latschenwirt hat gesagt, ich tät gewiß ein Stamperl Weichselgeist kriegen. Zum Botenlohn. Bei der Frau Stäuberin.«
»Schau du?« und ihr Rundgesicht schmunzelte nicht uneben. »Daß mir deine Post ein Stamperl Weichselgeist wert wäre, meint er? Recht ist's, da, komm' her einmal!« Sie nahm eine der Flaschen und goß ein winziges Kelchgläschen voll. Der Junge setzte an und trank den roten Geist wie Wasser und verkutzte sich dabei, daß er ganz blau wurde und die Kaufmannsfrau ihre Hand wohl zehnmal auf seinen Rücken schlug, um ihn wieder zu Atem zu bringen.
Als er am selben Abend oben im Gebirge beim Latschenwirt zusprach, erzählte er, einen Weichselgeist hätte er wohl bekommen und Schläge hätte er auch bekommen.
»Und was hat sie gesagt? Kommt sie einmal herauf?«
»Das weiß ich nit.«
Dachte der Latschenwirt: 's ist wohl allemal am gescheitesten, man gibt dem Buben einen Kreuzer und geht selber.
Nur war es leider, daß er selber nicht gehen konnte, so flink seine Beine auch gewesen wären. Das Gehen hätte ihm viel weniger Mühe gekostet als das Bleiben, und das Sprechen viel weniger als das Schreiben, aber endlich war der Brief doch fertig:
»An die ehrsame Frau Amalia Stäuberin, Kaufmännin in Migelbach.