Part 24
Noch übertrumpft wurde der Paulus durch den »Bettler-Hiesel«. Das war ein hagerer gebückter Greis, der zur Zeit meiner Jugend in unseren Bergen umherstieg; wir sind ihm schon in der »Waldheimat« begegnet. Sein langes Gesicht hatte immer graue Bartstoppeln; seine blutlosen Lippen, seine lange, dünne Nase, vollends sein blödes, glanzloses Auge hatte etwas Leichenartiges; anstatt des Hutes trug er eine schwarze Zipfelmütze, deren Quaste immer das kleine Köpflein umbaumelte. Der Mann war nicht in der Gegend zuständig, sondern aus einem fremden Tale. Unser Ortsrichter hatte sich jahrelang vorgenommen, den Bettler-Hiesel abzuschaffen, aber so oft dieser vor seine Tür geschliffelt kam, fehlte dem Richter der Mut dazu. Es war bedenklich. Der alte Bettler pflegte sich vor die Haustür zu stellen, sein grauleinenes Bündel zur Erde zu setzen, es aufzuschnüren und zu warten, was da kommen würde. Man konnte also gar nicht einmal sagen, daß er bettle, ganz starr und stumm stand er da, manchmal stundenlang, grüßte nicht und bat um nichts, sondern wartete. Bäuerinnen, die ihn kannten, ließen ihn allzu lange nicht warten, kamen mit Speck oder Butter oder einer anderen Naturaliengabe und legten sie auf das Bündel. Der Alte packte die Sache gelassen ein, schnürte zu, dann trat er in die Tür und hub mit dumpfer, halblallender Stimme langsam und eintönig an, so zu sprechen: »Vergelt's Gott, Bäurin! Hundertmal vergelt's Gott, Bäurin! Glück in dein Haus und Stall, über Kinderln und Kälberln all. Vergelt's Gott, Bäurin! Deine arme Seel' soll in den Himmel fahren. Deine Vater und Mutter in den Himmel fahren. Deine Blutsfreund in den Himmel fahren. Vergelt's Gott, Bäurin! Der Erzengel Michael soll dein Kutscher sein. Der Erzengel Gabriel dein Diener sein. Im ersten Himmel ist dein Bräutger. Im zweiten Himmel ist dein Hochzeitsmahl. Im dritten Himmel wird dein Eh'bett sein. Gott Vater krönt dich. Gott Sohn halst dich. Gott heiliger Geist ist dein Freund in Ewigkeit, Amen. Vergelt's Gott Bäurin!«
Dann wendete er sich, hob das Bündel auf, steckte die Arme in die Bänder und siffelte langsam davon. Sein Gesicht blieb starr, ohne Schatten von Freude, wäre die Gabe auch groß gewesen.
Dieser Bettelspruch wirkte, besonders auf den, der ihn von diesem Manne das erstemal gehört, ganz unheimlich. Aber der Bettler-Hiesel hatte einen noch kräftigeren, der übrigens selten zur Anwendung kam, denn darauf ließen es die Leute nicht ankommen. Das »in die Höll' hinabbeten«, das fürchteten alle. Wenn er nämlich stundenlang vergeblich vor einer Tür gestanden war oder gar, wenn ihn übermütige Buben neckten oder spotteten, dann stellte er sich ebenso auf die Schwelle und begann leise und langsam mit derselben dumpfen Stimme eintönig und feierlich also zu beten: »Vergelt's Gott! Vergelt's Gott den harten Herzen! Der Himmel Herrgott verflucht das Haus. Er wird es sengen. Er wird es brennen. Er wird die Leut' in die Höll' hinabdrängen. In die erste Höll'. Vergelt's Gott! In die zweite Höll'! In die dritte Höll'! Ganz hinab in die neunte Höll'! In die feurige Pein! Vergelt's Gott den harten Herzen! Vergelt's Gott in aller Zeit und Ewigkeit, Amen!« Dann ging er ebenso ruhig und gelassen davon und sein schmales Gesicht blieb starr, ohne Spur von Zorn oder Groll. Niemandem tat dieser Greis etwas Übles, ja er war so kraftlos und siech, daß er bei jeder lebhaften Bewegung vor allem selber umgefallen wäre, und doch gab es in der ganzen Gegend keinen gefürchteteren Menschen, als den Bettler-Hiesel. Und auch kaum einen lieber Gesehenen bei jungen Bäuerinnen und alten Jungfrauen, die ihm etwas schenkten und die er bis in den dritten Himmel hinaufbetete, wo das Ehebett steht.
So hat jeder von ihnen und mancher von uns, wenn er betteln geht, seine besondere Gebärde und sein besonderes Sprüchlein. Es ließe sich noch manches darüber reden und erzählen.
Der großartigste Bettler, der mir je begegnet, war ein baumstarker, lustiger Landstreicher, der mich vor kurzem auf der Straße um eine »gute Gabe« anging. Ich natürlich war sofort mit meinem guten Rate da, er sei jung und kräftig, er solle arbeiten.
»Arbeiten? Pfui!« Mit wahrer Verachtung ins Gesicht lachte er mir diese Worte und setzte dann gutmütig belehrend bei: »Wie Sie mir so etwas zumuten mögen, lieber Herr! Arbeiten! Sie wissen doch, daß arbeiten eine Strafe ist. Eine entehrende Strafe, mein Herr! Für die erste Sünde. Im Schweiße deines Angesichts und so weiter. Mich geht das nichts an, bin bei der ersten Sünde nicht dabei gewesen. Bin noch unbestraft.«
Ich, als lebenslänglicher Galeerensträfling der Arbeit, wie kläglich stand ich da vor dem, der noch »unbestraft« war, das heißt, sein Lebtag noch nichts gearbeitet hatte, sondern frisch und frei sich durch die Welt bettelte -- stolz, ein hoher Herr.
Von
Peter Rosegger
erschien zuletzt im gleichen Verlage:
Frohe Vergangenheiten
Launige Geschichten
Mit einem Vorwort von
Hans Ludwig Rosegger
15. Tausend
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»Der Titel trifft auf die Erzählungen, die, ernst und heiter vermischt, ~das schalkhafte Gesicht des Waldschulmeisters fleckenlos spiegeln~, absolut zu. ~Es ist echtester Rosegger~: Waldweisheit, die allerhand reizvolle Patina angesetzt hat und dennoch nicht nur ehrwürdig, sondern lebendig wie jedes Wort ist, das Rosegger je geschrieben hat. -- ~Ganz ungewöhnlich lesenswert aber und als menschliches Dokument so ziemlich alles, was in den letzten Jahren auf dem Büchermarkt erschien, überragend, ist die dem Bande vorangesetzte »Lebns-Beschreibung«.~ Die Orthographie ist die des fünfzehnjährigen Bauernbuben, aber das, was der »Autor« mit früherwachter Selbstkritik »keine interesande Geschichte« nennt, ist nicht literarische Kuriosität, sondern in seiner Wahrhaftigkeit und in der Hilflosigkeit des von allen ersehnten Quellen des Wissens ausgesperrten Bauernbuben ~rührend und erschütternd. Alle Schulorthographie ist, gegen dieses erste Stammeln eines großen Menschen gehalten, Makulatur.~«
Karl Marilaun im »Neuen Wiener Journal«.