Part 23
Die Katz' ist gar nicht da und muß eilends etwas Possierliches von ihr zusammengelogen werden. Dem Salonbauer wird unheimlich. In ernsthaft freundlicher Art benehmen sich die Almleute gegen ihn, weil er aber nun doch ein gar zu verdutztes Gesicht macht, so ergötzen sie sich immer mehr.
Ein alter Hirt ist dabei, der legt seinen Kopf so über die Achsel eines anderen und sagt nicht ein Wort, aber man merkt's, er ist noch der Boshafteste unter allen. Zum Glück für ihn kann unser Städter nicht Gedanken und Mienen lesen.
Du, mein Leser, bist besser dran, schau' einmal auf das Bild »Der Salontiroler«, und du weißt alles. Nicht ein einziges Wort brauche ich dir mehr zu sagen.
Daß der feine Stadtherr allmählich aufsteht und kleinlaut davongeht, kannst du dir denken. In seinen städtischen Kreis zurückgekehrt, weiß er von pikanten Liebesabenteuern zu erzählen, wie das »göttlich« gewesen sei in der Sennhütte, wie er dort eine ganze Bauerngesellschaft, die sich um ihn versammelt, auf das Köstlichste unterhalten habe. Gelacht sei worden, gelacht ....! Schon »gekugelt« hätten sich die guten Leute vor Lachen!
~Warum~ so sehr gelacht worden ist, das sagt unser Sonntagsbauer aber nicht. Weiß es vielleicht kaum -- ahnen mag er's wohl.
Da hat der Florian wieder einmal einen heraufgebracht zur Almhütte der Gunde. Einen gar gelehrten Herrn, der gewißlich auf eigene Faust in der Mineralogie und Botanik umgeht und nebenbei -- wie er sagt -- ein bißchen »Ethnographie« treibt. In das letztere Fach gehört es auch, wenn sich der Herr Professor jetzt an die Gunde wendet und seine Freude ausdrückt über ihr prächtiges Aussehen. »Bedank' mich,« sagt sie und denkt: es tät' sich schicken, daß ich ihm jetzt dasselbe sagen sollt', dem zaundürren Schippel. Lassen wir's aber gut sein.
Ob sie wohl wisse, frägt er sie dann, daß auf ihrer Alm so prächtige Exemplare des +Sempervivum Wulfenii+ vorkämen! Und zeigt ihr ein Exemplar davon.
»Was will denn der Herr mit der Hauswurz?« frägt sie entgegen. »Fürs Ohrenreißen ist sie gut, wenn Er's einmal hat. Die dicken Blätter zerdrucken, den Saft einträufeln.«
»I wahrlich!« ruft er und lugt sie an, »leider habe ich seit der Volksschule nicht mehr Ohrenreißen gehabt.« Er kann witzig sein. Hierauf weist er ihr die buxbaumblätterige Kreuzblume, die er auch gefunden hat. Er gedenkt sich durch die Blume allmählich in ihr Herz zu schleichen. Vor der Wissenschaft wird sie doch Respekt haben. »Man nennt diese Pflanze,« sagt er, »+Polygala Chamaebuxus+.«
»Kamel Buxus!« sagt sie, »das ist ja das Lappenkraut. Da wäre mir das Blümel Herzlieb schon lieber.« Und lugt, wie sie da spricht, schalkhaft auf den Florian hin.
»Und ein Tausendguldenkräutel dabei,« antwortet der Bursche. »Kein übles Sträußel.«
Der Gelehrte kommt hierauf mit einer +Campanula+.
»Das ist die Zwiderwurzen!« lacht die Gunde auf.
»Nein, mein liebes Kind,« antwortet der poetisch werdende Stadtherr, »das ist die Glockenblume, die läutet den Frühling ein.«
»Schön von ihr,« sagt die Sennerin und schmunzelt gegen den Florian hin, der sich auf die Wandbank gesetzt und seine Pfeife angeraucht hat, als ob sie ihn mit den Augen fragen wollte: Was hast mir denn heut' wieder heraufgebracht?
»Das Schönste aber habe ich da drinnen,« flüstert der Gelehrte und tut ein Büchschen hervor, »das will ich -- wie heißt du doch, mein Kind?«
Sie trällert:
»Marei und Kathrin, Und der Zinner macht Zinn, Und der Schuster macht Schuh' Wann's dich g'freut, so frag' zu!«
Er droht ihr schäkernd mit dem Finger. Daß sie ihn neckt, er hält es für ein gutes Zeichen.
»Also Marei und Kathrin,« sagt er, »was ich da drinnen hab', das will ich dir schenken. Zum Angedenken. Es ist das hier seltene +Cerastium uniflorum+.«
»Ih mag dih nit!« ruft sie aus.
»Wie meinst du?« frägt er.
»Ih -- mag -- dih -- nit -- Kräutel heißt's bei uns,« ist ihre Antwort.
Jetzt schwant ihm beiläufig, er dürfte hier überflüssig sein. Wohl erbittet er sich Milch und Käse, was ihm auch nicht versagt wird -- denn schließlich ist er doch als ein armer Reisender anzusehen. Er zieht es vor, den Imbiß draußen im Freien einzunehmen, und als er damit fertig ist, schreibt er in sein Notizbuch folgende Zeilen:
»Die Flora ist in diesem Gebirge höchst mannigfaltig, nur zu beklagen der Indifferentismus der Bevölkerung, welche noch tief in der Nacht des Aberglaubens steckt. Mir ist eine Person vorgekommen, welche die Namen einzelner Pflanzen kurzweg fälschte und die lieblichen Kinder Floras mit geradezu barbarischen Ausdrücken belegte. Wie arg durch Duldung solcher Zustände der Verdummung des Volkes Vorschub geleistet wird, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Es wäre Sache der Volksbildner sowohl wie der löblichen Alpenvereine, in den Bauernhäusern und Alpenhütten Tafeln mit den Abbildungen der in der Gegend vorkommenden Gestein- und Pflanzenarten und deren wissenschaftlichen Namen aufhängen zu lassen.«
»Ja, ja, wenn erst die Kühe lateinisch können!« lacht hinter ihm plötzlich die ungezogene Sennerin auf. Da frägt der Herr, was der Imbiß koste, tut sein Kupfernes auf das Tischbrett und geht kopfschüttelnd seinen Weg.
Der Sim-Sampel.
Der Sim-Sampel! Er besaß einen großen Bauernhof und alles was dazugehört und sonst noch mancherlei Haupt- und Nebensächliches. Unter letzterem war auch sein Weib, eine kleine, dicke Person, die außer ihrer Hühnerzucht sich um weiteres nicht kümmerte. Sie mästete, fütterte und pappelte alle Tierlein selber und hatte es sogar mit einer Brutmaschine probiert. Diese warf sie wieder weg, Hahn und Henne, meinte sie, machen es in herkömmlicher Weise besser. An fünfhundert »Henndln« verkaufte sie manches Jahr und zehnmal so viel Eier. Besonders im Monat März ging ihre Körbelträgerin ununterbrochen zwischen dem Sim-Sampelhof und dem Mürztale hin und her. Was die Mürztaler für Eiermarder sind -- man glaubt's nicht. Der Sim-Sampel selber war aber auch einer. Zum Frühkaffee und »Schunken« zwei lehngekochte Eier, vormittags zum Milchbrot zwei Eier, nachmittags drei Eier in Schmalz, abends nach dem Nachtmahl auch noch ein paar. Eier kann der Mensch nie genug essen, war seine Meinung, Eier hat die Kirche sogar an den Fasttagen erlaubt, daraus die Unentbehrlichkeit dieser Nahrung genugsam erhellt.
Nachdem der Sim-Sampel etwa so an seine hunderttausend Eier verzehrt hatte, wurde er krank. Zuerst der nächstbeste Arzt, aber der machte es mit seinem Pulver nur noch schlechter. Eilends der Wagen um den Doktor nach Bruck; der erschien nur, so ward es schon besser, denn er kam gerade zu rechter Zeit. Dann aber blieb es wochen- und monatelang übel, der Sim war nicht krank und nicht gesund. In seinen Körper kam so eine gewisse Schwammigkeit und der Arzt fürchtete eine Herzverfettung. Doch tat dieser Brucker Doktor alleweil nichts, als Lebensweise verordnen, bis der erboste Bauer endlich die flache Hand auf den Tisch schlug und sagte: »Ja, mein lieber Herr, was ist's denn mit uns zweien? Zum guten Rat geben kann ich alte Weiber haben, so viel als der Will. Ein Doktor, der keine Medizin hat, ist bei mir kein Doktor! Jetzt serb' (kränkle) ich schon seit Michaeli, wir haben Weihnachten und ich hab' noch keine ordentliche Medizinflaschen gesehen. Für was verdoktert einer denn sein gutes Geld, wenn er nichts zum Einnehmen kriegt?« -- Weiter sprechen wollte er, war aber schon heiser. Der Doktor war noch ein junger, unerfahrener Mann, er sagte also: »Einnehmen wollen Sie? Aber Sie nehmen ohnehin zu viel ein, lieber Sim-Sampel! Nicht so viel Schmalzkoch und Eierschmarrn essen und nicht so viel pipperln! Des Abends früh schlafen gehen, des Morgens früh aufstehen. Fleißig Zimmer lüften. Den Körper hübsch reinlich halten, mit kaltem Wasser waschen, Bewegung machen --«
»Jesses Maron!« unterbrach ihn der Bauer, »wenn ich das alles tun will, nachher brauch' keinen Doktor!«
»Brauchen auch keinen«, sagte der Arzt ruhig.
»Aber Mensch, ich will eine Medizin haben, die mich gesund macht. Das ist der Medizin ihre Schuldigkeit, und da wird man doch nicht erst neue Bräuch' einführen müssen. Und der Herr Doktor tut mir einen Gefallen, wenn er gleich sagt, was ich schuldig bin für sein Hergehen, was freilich für die Katz ist gewesen.« Weil es ihm den Atem verschlug, so gurgelte er nur noch für sich hin: »Ist mir auch noch mein Lebtag nit vorgekommen, drei Monat krank sein, einen Doktor haben und keine Medizin kriegen. Nit einen Fingerhut voll Medizin. Wie soll der Mensch da gesund werden!«
Am nächsten Tage stand der Tisch neben seinem Bette voller Flaschen. Große Flaschen mit bräunlichem Inhalt zum Einnehmen, alle Stund' einen Eßlöffel voll; in kleinen Fläschchen Tropfen auf Zucker zu nehmen; in anderen Fläschlein Tropfen zum Einreiben; in Tiegeln Salben zum Schmieren; in Rollen Plaster zum Auflegen. Auch ein Topf mit Igeln war da, diese Tiere sollten die Krankheit herauszuzeln. -- Das war aber nicht vom Brucker Doktor, das war von der Krautgruben-Liesel in Allischbach. Und das war was anderes! Schon am ersten Tage lebte der Sim auf. Später kamen freilich wieder die alten Übel und manchmal schlimmer als vorher, aber das war die schlechte Jahreszeit. Er aß nun nicht mehr so viel Schmalznudeln und Schweinfleisch, denn die Medizinen hatten seinen Magen so gründlich kuriert, daß er gar keine Eßlust mehr verspürte.
Weiter sage ich nichts von ihm. Leben wird er kaum mehr.
Schalkhafte Bettelleute.
»Junger Bauer, alter Bettler« rief jener Knecht auf dem Wege nach der Fabrik in den Hof zurück.
»Hol' dich der ...!« schrie der Bauer und warf ihm den Dreschflegel nach, aber so, daß er nicht traf. Der Knecht hat eigentlich recht, dachte der Bauer, ich wollt' auch davonlaufen, wenn's sein kunnt.
Wird es schon bei den Hausbesitzern oft wahr: Junger Bauer, alter Bettler! bei den Dienstboten stimmt es fast immer. Werden sie alt oder sonst arbeitsunfähig, so kommen sie in die Einlege, das heißt, sie werden behördlich der Gemeinde »eingelegt« und von dieser in den Gehöften abwechslungsweise verpflegt. Das ist aber eine gebundene Marschroute und platzweise ein erzwungener Aufenthalt, der manchem Armen nicht behagen will. Dann tut er etwas, das wir eine Urlaubsreise oder eine Ferienwanderung nennen könnten -- er nimmt seinen Buckelkorb und seinen Stecken und geht einmal ein wenig in die Fremde. Dort hat er »bissel was zu tun«. Er tut's auf eigene Faust, nach eigener Wahl der Gegend und der Häuser, bei denen er zuspricht. Das ist unterhaltlicher, man lernt dabei Land und Leute kennen, hat Abwechslung im Essen, an Herberge und sammelt sich einen kleinen Vorrat an Fleisch, Speck, Mehl, Schmalz, von jedem etwas, um daran -- in die Einlege zurückgekehrt -- sich heimlicherweise einen Leckerbissen zu gönnen. Es ist schon geschehen, daß so ein armer Einleger seinen Hausbesitzer eingeladen hat, mitzuhalten, gemeinsam solche gesammelte Kostbarkeiten zu verzehren, und daß der Besitzer als Gast des Bettlers ein besseres Mahl genoß, denn der Bettler als Gast des Bauers. Das Störende bei solchen »Ferienwanderungen« sind die Gendarmen. Weil der Staat die Armen nicht abbringen kann, will er die Bettler abbringen. Aber der Gendarm, der so einen Vagabunden anhält, wird nicht immer sehr ernst genommen, so martialisch derb er auch nach dem Wanderbuche fragt.
»'s Wanderbuch? Was für ein Wanderbuch?« tut der Bettler mit einfältiger Miene zurück. »Ah, ja so, 's Büchel wöll'n S' haben. Ich bitt', gleich, gleich. Da ist's ja schon. Oha, das ist ein Stück Brot. Hat mir die Grübelschusterin geschenkt. Ein braves Leutel, die Grübelschusterin.«
»Das Wanderbuch will ich sehen!«
»Aber ja, Herr Justizrat!« Er sucht in seinem zerfahrenen Rocke, in allen Säcken umher. »Werden's ja gleich haben. Wenn der Mensch so viel Säckel hat! Da ist's ja. Noch nit? Der Teuxel, jetzt hab' ich wieder 's Betbüchel derwischt.«
»Betbüchel? Zeigen Sie her! Das sind ja Spielkarten!«
»Richtig, Herr Standar, das sind Spielkarten. Geh'n S', sein S' gut. Setzen wir uns zusamm' da im Schatten, machen wir ein Bot (Spiel) miteinand'.«
»Ich will das Wanderbuch sehen!«
»So muß es im Leibelsack sein, das narrische Büchel!« Der Bettler greift in die innere Westentasche, und zwar so tief, daß unten die Finger hervorgucken, macht ein verdutztes Gesicht, tut einen Pfiff und sagt langsam: »Ah, das ist jetzt gut. Der Leibelsack hat ein Loch.«
Die Reise wird unterbrochen. -- Doch diese Fälle sind im Gebirge selten. Weit abseits steht die Warnungstafel: »Das Betteln ist verboten!« Aber das Leutheimsuchen wird doch erlaubt sein! Und wenn einer dem andern was schenken will, das wird wohl auch keine Todsünde sein. Also die Bahn wäre frei, nur die Häuser und Herzen sind nicht immer offen. Die muß der Sammler zu öffnen verstehen, und auch hierin macht Übung den Meister. Er ist kein Bettler, so will er nicht genannt sein, er ist nur Sammler, der für »den kalten Winter a bissel was sammeln tut bei den lieben, seelenguten Hausmutterln in Berg und Tal«.
Wie der Alte dann, gebückt unter dem Rückkorb, in dem er seine Habseligkeit trägt, mit dem Stecken vorsichtig tastend, daß er von der Vorkammer in die dunkelnde Küche nicht über die Schwelle stolpere, wie er so ins Haus tritt, da ruft er laut: »Gelobt sei Jesu Christi! A bissel abrasten, Mutterl, wenn ich tat dürfen, mit Verlaub. Hab' just eure Wuzerln und Zarterln gesehen, da draußen; saubere Kinder habt's, Bäuerin, so viel saubere Kinder! Allemal han ih Freud', wenn ih eure Kinder tu sehen. Frisch wie neuback'ne Wecken und wolter brav gezüchtet. A Freud', solche Kinder!« Das sagt er mit metsüßer Stimme und zieht sein Gesicht in ein liebliches Viereck auseinander, obschon es gerade dieselben Rangen sind, die ihn vorher hinter dem Wäldchen drüben mit Spottgeschrei gehetzt, auf ihn losspringend und von seiner Jacke den Schößel losgerissen haben. Wenn er mit diesem losgetrennten Lappen in den Hof gekommen wäre, murrend: Jetzt heft' ihn mir nur wieder an, Bäurin, deine Kinder haben's tan, die Lausbuben!« so wäre ihre Antwort gewesen: »Werd' dir gleich anheften zeigen, Lotterer, du alter! Schau, daß du weiter kommst; von so einem Landstreicher lass' ich meine Kinder nicht schimpfen. Soll ich dir hinaushelfen beim Loch?« und die entsprechende Geste mit der Ofengabel dazu. Die »sauberen, frischen, wohlgezüchteten Kinder« hingegen, mit denen er »allerweil a Freud hat«, bringen ihm ein Stück Speck ein und die freundliche Erlaubnis, sich auszurasten auf der Bank und zu warten, bis die Rahmsuppe fertig gekocht ist. Deshalb hat der Alte die süße Sanftmut gewählt; das ist die Waffe der Armen und Schwachen. Wollten sie den Weg des Rechtes betreten, so würden sie immer noch tiefer ins Unrecht gesetzt werden, und wenn bei solchen Leuten das Maß des Elends einmal voll ist, dann nehmen sie alles nur für »Spaß«, auch wenn sie geschlagen und getreten werden; sie machen ihr viereckiges Gesicht dazu, was nach außen hin wie ein gutmütiges Lächeln spielen soll -- wie ihnen inwendig ist, das verdecken die Spinnweben.
Viel schlauer als der Bettelmann macht es das Bettelweib. Es verachtet das grobe, durchsichtige Gewebe der Schmeichelei, es spinnt feiner. Anstatt die Kinder des Hauses gerade zu loben, weiß es denen der Nachbarn allerhand Zweifelhaftes nachzusagen, und das erweckt in der Bäuerin erst ein rechtes Behagen. Nachbarsleute durchhecheln, das kommt mancher Hausmutter so unterhaltsam vor, daß sie dem Bettelweibe recht gern Unterschlupf gewährt, um ihm Gelegenheit zu geben, einmal Wasch- und Flicktag zu halten. Und wenn dabei das Bettelweib von einer Nachbarsbäuerin weiß, die schmutzig und geizig ist, stellt die Hausmutter zum Wasch- und Flicktage noch lieber Seife und Zwirn bei.
Andere Bettelleute zeigen sich gern gefällig und trachten, sich nützlich zu machen. Sie bringen Waldbeeren mit für die Kinder, Pilze für die Bäuerin oder Reisig für Hausbesen oder Zunderschwamm, um Herdfeuer zu machen, wenn etwa einmal das Feuerzeug versagen sollte. Sie schnitzen dem Halterbübel Peitschenstecken oder Rohrpfeifen, machen sich anheischig zum Kinderwiegen, was allemal ein Zeichen ist, daß sie in demselben Hause gern ein paar Tage Rast halten möchten, etwa über Sonn- und Feiertag oder gar, wenn ein häusliches Fest bevorsteht, bei dem köstliche Abfälle zu verhoffen sind. Da hat denn manche Bäuerin ihre liebe Not, solche Bettler unter allerhand Ratschlägen und Redensarten fortzubringen. »Ich denk', Leutl, du gehst zum Nachbar, dort hast es ruhiger. Bei uns weiß ich dir keine Liegerstatt und die Knecht' sind immer einmal auch so viel grob auf ein armes Leut. Gelt, du tust am allergescheitesten, du nimmst dein Körbel auf den Buckel und gehst um ein Häusel weiter. Aufs Jahr nachher komm' halt wieder einmal, wenn wir 's Leben haben.«
Da weiß es sich aber manches »arme Leut« so einzurichten, daß sie es nicht fortlassen wollen. Und gibt's abgefeimte Schlaucherln, die es im »Bauernablausen« zu einer glänzenden Fertigkeit gebracht haben. Lebte vor Jahren in der Oststeiermark ein alter Bettler. Man sah ihn jahraus, jahrein in einer blauen »Kommißhose.« Er war, wie er gern dartat ein Wiener Soldatenkind und selbst lange beim Militär gewesen, hatte die Revolution niederwerfen, die Ungarn bändigen helfen und war in den Jahren Neunundfünfzig und Sechsundsechzig dabei gewesen, die Katzelmacher (Italiener) aus Österreich hinauszujagen. »Alsdann, weil die Wälischen sich alleweil an Haus Österreich angeklettet haben, aber Haus Österreich hat gesagt: Ich mag euch nit, denn weil ich eh mit meine Leut' genug zu tun hab'. Zwei blutige Feldzüg' hat's kost', bis wir sie los'kriegt haben.« Und wenn der Kommißblaue dann von seinen persönlichen Leistungen erzählte! Bei der Wiener Revolution habe er den Kaiser Ferdinand gerettet, durch die Flucht in einen unterirdischen Gang, der nur ihm allein bekannt gewesen. In Ungarn habe er, der Doktor Kossuth und der Vater Radetzky den Räubern die ungarische Königskrone weggenommen; nachher hätte sie der Kossuth haben wollen und der Radetzky auch; sie wären raufend worden, wenn er sich nicht ins Mittel gelegt und entschieden hätte: Um die Kron' wird nit gerauft, die gehört dem Kaiser König! In Italien habe er es mit dem roten Garibaldi zu tun bekommen. Der habe nämlich den General Radetzky aufgefordert zu einem Buckelringen (Ringkampf); für den betagten General wollte er einspringen, da sei der Rote davongelaufen. -- Derlei erzählte der alte Soldat mit martialisch finsterem Gesichte den verwunderten Bauersleuten, die ihn darob mit allem Respekt zu ihrem Tische luden. Einmal hatte ihn aber doch ein Hausvater gefragt, wie es denn komme, daß er trotz seiner Heldentaten betteln gehe.
»Ja, das glaub' ich, daß du fragst!« rief der Alte. »Majestät haben mich eh zum Grafen machen wollen, aber ich hab' höflich gedankt für den Titel ohne Mittel. Den Freiherrn hab' ich mir ausgebeten und daß ich in ganz Österreich frei herumgehen und meine Sach' einheben darf. Den Frei- und Schirmbrief, wer ihn sehen will!« Er zeigte das stark abgegriffene Papierstück, den »Abschiederbrief«, mit Stolz und rühmte sich des Rechtes, in ganz Österreich seine Sach' einheben, das heißt betteln zu dürfen. Überall wäre er gut aufgehoben, aber am liebsten gehe er doch ins schöne Steirerlandl zu den braven Bauern ... Man kann sich denken, daß der Mann keine Not litt, daß er in den meisten Höfen gern gesehen wurde. Wo es ihm gerade gefiel, blieb er tagelang und wenn Gefahr war, fortgeschickt zu werden, dann erzählte er an den Abenden Ritter-, Räuber- und Hexengeschichten in Fortsetzungen, allemal abbrechend dort, wo sie am spannendsten waren, ein Verfahren, das seit Scheherazade auch die Zeitungen unter dem Strich mit Erfolg anwenden.
Also war dieser Fabelhans auch in meinem Vaterhause einmal stark überflüssig geworden nach tagelangem Aufenthalte und meine Mutter, die sonst nicht leicht hart wurde gegen Arme, geriet über den Schwätzer einmal in Zorn und rief: »Morgen, wenn er nit selber geht, schmeiß ich ihn hinaus!« Das hat ihr aber nichts geholfen. An demselben Abend begann er die Geschichte vom Robinson oder wie der Mann sagte: »Robelsum«, und gerade als dieser nach schrecklichem Schiffbruche sich auf die wüste Insel retten will, sagte der Erzähler: »Leut', es ist Zeit zum Schlafengehen. Morgen tun mer weiter.« Am nächsten Morgen legten wir Kinder bei der Mutter glühende Fürbitte ein, den Geschichtenerzähler nicht fortzuschicken, wie konnte man jetzt den armen Robelsum allein lassen auf dem schrecklichen Meere! Am letzten Tage versuchte er aber noch eine Erpressung. »Heut wirst mir wohl einen feisten Brennsterz müssen kochen, Bäuerin,« sagte er, »wenn ich den Robelsum wieder glücklich soll heimbringen zu seinen Eltern.«
Für uns Kinder war dieser Alte, wir nannten ihn den »Geschichtenbettler«, ein helles Entzücken gewesen. Er kam jedes Jahr ein paarmal und blieb, besonders im Winter, allemal mehrere Tage lang. Plötzlich blieb er aus und kam nicht wieder. Da vermutete unser Knecht Markus, der Kaiser würde ihn in den Grafenstand erhoben und ihm dazu ein »Gschloß« geschenkt haben. --
Viel schlichter als dieses Wiener Soldatenkind, oder wenn man will noch vornehmer, gab sich ein anderer Bettelmann. Das war der Paulus. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Gewand, Stock und Bart wie der Apostel Paulus auf der Kirchenwand zu tragen, und seine ehrwürdige Wesenheit wurde noch erhöht durch einen weihevollen Spruch, den er vor jeder Haustür mit heller, halb singender Stimme auszurufen pflegte. Ungefähr hat das so gelautet: »Paßt auf mit Fleiß, ihr Christenleut', und hört und hört: Es kommt ein frommer Bote daher, er ist von Jesu Christ geschickt, hat einen Sack voll Unglück und einen Sack voll Glück. Weil der Herr halt selber nit kommen kann, so schickt er her mich armen Mann; und was ihr den lieben Armen tut, das kommt dem Jesu Christ zugut. Gesundheit ins Haus und Krankheit hinaus, Unglück hinaus und Glück herein, und Leut' und Vieh sollen gesegnet sein. Gelobt sei die heilige Dreifaltigkeit!«
Es ging die Rede, mit diesem kräftigen Türspruche habe der Mann sich einen Strumpf voll Mariatheresientaler zusammengesungen. Dieser Wirkung wegen hatten andere Bettler ihm den Spruch abgelernt und sangen ihn ebenfalls vor den Haustüren, aber die Bauern hielten zu Paulus fest wie die Korinther und sagten: »Wenn's der Paulus nit ist, so soll er's Maul halten!«