Geschichten aus Steiermark

Part 18

Chapter 183,911 wordsPublic domain

Der Bursche kümmerte sich um solches Schwatzen der städtischen Weibsleute nicht. Er trachtete, daß er aus dem »Stadtl« kam und schritt dann über die winterlichen Felder dahin. Die Welt war voller Nebel und der Bursche voller Freuden. »Hübsch ausgerastet sind wir, und morgen ist der Faschingstanz daheim beim Scheibenwirt in der Baldau. Der Arrestdiener hat uns gesagt, jetzt, weil wir den Raufhandel haben gehabt und gesessen sind, jetzt werden wir uns vor den Dirndln nicht erwehren mögen. Wollen halt einmal sehen, was an der Sache ist.«

Ein hübscher Junge war's. Feine Stiefeln trug er, vorne gespitzt und Wichsleder! eine schwarze Tuchhose, ein grauer Lodenrock, aus dessen Brustschlitz eine »juchtene« Zigarrentasche lugte, ein Hütchen aus Hasenhaaren, etwas schief auf dem lichtblonden Köpfel; eine rotseidene Halsbinde flatterte am weißen Hemdkragen, im frischen Gesicht ein junges Schnurrbärtchen, die braunen Augen munter in den Nebel blickend! Entsprungene Sträflinge sehen nie so aus, entlassene selten!

Plötzlich hörte er hinter sich eine Stimme: »Muß doch sehen, wegen was der Herr Arrestant gar a so laufen tut.«

Das war schon eine. Die feine Chorsängerin von der Baldau war's, des Stegrochel Anna Maria. Sie sah aus wie das junge Leben; dem Winter sagt man nach, daß er nur Eisblumen wachsen lasse. Verleumdung. Auf die Wangen der herzigen Dirnlein malt er Rosen, wie sie der Frühsommer nicht schöner hat. Trotzdem sie unter dem Arm einen in blaues Tuch gewickelten Gegenstand trug, der nicht gar leicht zu sein schien, schwebte sie zierlich auf dem Schneeweg heran, bis sie vor dem Burschen stille stand und sich ausschnaufte.

»Jetzt hab' ich dich,« sagte sie.

»Und ich dich auch,« sagte er.

»Tust eh auch in die Baldau hinüber,« sagte sie, »nachher gehen wir miteinander.«

»Und macht's dir nichts, daß du mit einem Verbrecher gehst?« fragte er munter.

»Hast recht,« antwortete sie, »mit dir soll eins jetzt gar nimmer umgehen. Der Thoma tut zwar schon wieder Holz schneiden. Die Schramm' am Kopf wär' schon lang' heil, wenn er der Zwickelschusterin ihr Pflaster nicht drauf hätt'. Kunnt'st ihm aber auch den Schädel eingeschlagen haben, du Wildling, du! Wegen was ist's denn eigentlich hergangen?«

»Kannst dir's wohl denken, der Weiberleut' wegen. Er hat mir vor allen Leuten zugeschrien, ich wär' noch ein junger Rotzlecker und tät' keine kriegen. Aber du kriegst eine! hab' ich gesagt, da hat er auch schon eine gehabt.

»Vetter,« sagte das Mädchen, als sie nun auf dem enggeleisigen Schlittweg nebeneinander hingingen, wobei einmal er an sie, einmal sie an ihn anstrich, »daß ich dir's nur sage, mir ist's nicht alles eins gewest, wie sie dich haben fortgeführt. Gelt, Lenz, von jetzt an bist wieder brav und daß du nimmer eingesperrt wirst.«

»Wenn mich wieder einer schimpft, so schlag' ich wieder zu!« sprach er schneidig.

»Ist denn das ein Schimpf, wenn einer sagt, du kriegst keine?«

»Das ist einer.«

»Und weißt es denn, daß du eine kriegst?«

»Bis jetzt hab' ich keine mögen.«

»Da hast du ganz recht gehabt, Vetter, das ist ganz gescheit von dir.«

»Was heißest denn du mich alleweil Vetter?« war seine Frage.

»So, das weißt nicht? Wie wir zwei miteinander verwandt sind, weißt nicht? Von deiner Mutter die Schwester ist meine Godl (Patin).«

»Du, Annamirl,« sagte der Bursche, »da weiß ich eine viel nähere Verwandtschaft miteinand. Dein Vater und mein Vater sind zwei Brüder g'west.«

»Jesses Maria.«

»Das ist gewiß. Der meine dem Stockbauern sein Bruder, und der deine der Scheibenwirtin ihrer.«

Kriegte er einen Klaps auf den Mund.

Der Weg stieg bergan, sie hatten den Kilmstock zu übersteigen und zu trachten, daß sie noch vor dem Einbrechen der Nacht in die Baldau kämen.

»Geh, Annamirl,« sagte der Bursche nun, »wirst deinen Striezel selber schleppen, gib ihn her.«

»Das ist ja kein Striezel nicht,« sagte das Dirndl lachend, »und ich will meine Sach' schon selber tragen.«

»Was ist es denn?«

»Kannst raten? Aber nicht greifen.«

»Das Ding,« meinte der Lenz, mit dem Blicke prüfend, »schaut sich gerade an wie ein Stiefelknecht.«

»Wenn du so tief unten anhebst, kannst hundert Jahr' raten,« lachte sie.

»Ist's am End' das Wetterfahndl zu eurem neuen Hausdach?«

»Noch zu tief.«

»Wenn das auch noch zu tief ist, nachher laß ich's sein.«

»Magst nicht so gut sein und ein Stückel in den Himmel hinauf raten?«

»Von wo hast es denn her?«

»Aus dem Stadtl, vom Anstreicher.«

»Himmel? -- Anstreicher?« überlegte der Bursche. »Nachher hast gar ein blaues Firmament bei dir.«

Das Mädchen schlug an ihrem Bündel ein wenig das blaue Tuch auseinander. Ein hellglänzendes Kindergesicht mit einem messingnen Heiligenschein ward sichtbar.

»Kennst sie? Kennst sie nicht? Die heilige Katharina! Haben sie zur Schutzpatronin für unsere Hauskapelle! In der Fastenzeit wollen wir wieder beten dabei. Ist schon arg verschossen gewest. Hat sie der Vater anstreichen lassen und bin ich sie heute holen gewest.«

»Deck' sie nur wieder zu,« sagte der Lenz, »sonst darf man unterwegs nicht einmal fürwitzig sein.«

»Daß dir der Fürwitz nicht vergangen ist im Arrest!« entgegnete sie und verhüllte das Bild.

»Du, da ist er mir erst gekommen. Den ganzen Tag liegen auf der Bank, bei der Nacht auch. Gesunde Kost und gute Behandlung. Ein bissel Karten gespielt haben wir, ich und der Herr Kerkermeister. Wer einmal ein paar Wochen lang Feiertag haben will, etwan im Sommer, wenn die heiße Mahdzeit ist -- kunnt ihm nichts Besseres raten, als einen prügeln.«

Unter solchem Gespräche waren sie hinan und immer weiter hinangestiegen. Da kamen sie in den Sonnenschein; tief unter ihnen in den Tälern, wie ein graues Meer, lag der Nebel, und die hohen Berge standen in der Ferne wie leuchtende Inseln empor, deren höchste Spitzen aber kreisende Wolkenhauben hatten. Die Bäume und Sträucher, an denen unser wanderndes Paar vorüberkam, waren über und über vom Stamme bis zum feinsten Zweige mit silbern schimmernden Eisnadeln bewachsen. Im Schnee zogen die Spuren von Rehen und Hirschen und von allerhand Gevögel.

Der Lenz blieb stehen, schaute eine Weile hinaus und sagte dann: »Eigentlich, wenn man's nimmt, schöner ist's doch auf dem Berge als wie im Arrest.«

Da die Anna Maria auf dem Schneewege ein paarmal ausgerutscht war, so führte er sie Arm in Arm, und je müder sie wurde, je enger zog er sie an sich.

Als sie um den Nockstein gebogen hatten und durch das von Felswänden eingeschlossene Kar hinanstiegen den holperigen Schneepfad, verdüsterte sich allmählich der Himmel und es begann ein sachtes Schneien und Schneetreiben.

Auf dem Sattel des Gebirges, wo der Weg sich abzweigt in den weiten Talkessel der Baldau, steht das Alpenhaus. Es ist vom Österreichischen Touristenklub erbaut worden, steht aber in der Winterszeit, wenn nicht etwa zu Weihnachten Städter kommen, leer und verschlossen.

Weil die Annamirl den Berg heran schon müde geworden war und weil ein eiskalter Wind strich, der ganze Wolken von Schnee herantrieb, so versuchte der Bursche an der Türe des Alpenhauses, ob sie aufgehe. Beim ersten Druck ging sie nicht auf. Tat er einen erklecklich stärkeren, sie ging noch nicht auf. Stemmte er sich mit aller Gewalt an, da brach sie ein.

»So, da wären wir,« sagte der Lenz und zog das Mädchen mit in das Haus. Da drinnen war's aber schreckbar finster und frostig; der Bursche riß einen Fensterbalken auf und nach wenigen Minuten brannte auf dem Herd ein prasselndes Feuer.

»Aber Lenz,« murrte die Annamirl, »was treiben wir denn da?«

»Jausen wollen wir,« entgegnete er, begann in den Schränken herumzusuchen und fand Schnaps, Kaffee, Zucker und Zigarren.

»Also, Hausfrau, pack' an!« rief der Bursche.

»Nicht einen Finger rühr' ich,« sagte sie, »ich will meines Weges!«

»Schau hinaus,« entgegnete der Lenz.

Draußen tobte ein solches Schneegestöber, daß sie nicht zwei Klafter weit in die Luft hineinsahen. Die Schneemassen schienen aus dem Boden zu wachsen, und die Fenster, an denen der Bursche eben die Läden aufgemacht hatte, schien der Schnee wieder vermauern zu wollen.

»Mach' dir nichts draus, Annamirl,« sagte der schalkhafte Lenz, »zu Ostern oder Pfingsten wird's schon wieder aper sein, und jetzt wollen wir Kaffee trinken.«

Der heiße Trank machte das allverzagte Dirndl ein wenig munterer. Das Stübchen war mittlerweile auch warm geworden, wenn zwar ein bißchen räucherig, weil der Sturm den Rauch nicht durch den Schornstein ließ.

»In Gottesnamen,« sagte der Bursche, eine Zigarre anbrennend, »so wär' ich halt wieder im Arrest; aber besser,« er schlang seinen Arm um den Nacken der Annamirl, »besser gefällt mir doch dieser auf dem Berg, als wie jener unten in der Stadt. Jetzt wollen wir halt einmal in einem Herrenhaus unseren Fasching halten, wir zwei.«

Die heilige Katharina wurde von der feucht gewordenen Umhüllung befreit und auf den Tisch gestellt. Die Annamirl kniete davor nieder und betete zu der heiligen Märtyrin und Jungfrau um Hilfe und Erlösung aus dem drohenden Schneegrab. Plötzlich sprang sie auf, gegen den Strohbund hin und schlug mit dem feuchten Tuche hastig drauflos. Was das bedeutet? fragte der Lenz. Ja, ob er's denn nicht gesehen hatte, wie vom Herdfeuer ein Funke in das Stroh gespritzt sei? Da könne das »schönste Malheur« geschehen! Der Lenz lobte die vorsichtige Hausgenossin.

Sie konnte ihm nun aber nicht ins Gesicht blicken. Es kochte in ihr etwas wie Zorn gegen ihn, und doch war ihr klar, daß sie heute, bei dem Einfalle dieses Schneegestöbers, verloren gewesen, wenn nicht er mit ihr des Weges gegangen wäre. Das einzig Angenehme war ihr, daß sie kein böses Gewissen zu haben brauchte. So mit ihm allein zu sein -- es geht ja gar nicht anders. Und er ist im Grunde doch ein guter Bursch!

»Ich weiß nicht, warum ich alleweil den nassen Rock auf dem Leibe herumschleppen soll!« sagte der Lenz, zog die Jacke aus und hing sie über den Herd. Es waren aber auch die übrigen Kleider naß.

»Das ist nicht gesund,« sagte die Annamirl, und legte auch ihre Joppe ab.

»Wir müssen auch inwendig einheizen,« meinte der Lenz und reichte ihr den Schnapsplutzer.

»Mir ist gerade warm genug,« war ihre Antwort.

»Die Nacht ist lang,« sagte er und nahm selbst einen guten Schluck zu sich, »wenn wir auch das Herdfeuer nicht ausgehen lassen! Wir werden zu tun haben, daß wir uns warm halten!«

Darauf sagte die Annamirl nichts mehr, sondern strich an den Tisch hin und hüllte die heilige Katharina mit der Schürze zu.

Draußen toste der Sturmwind und pfiff schrill zu den Fensterfugen herein. Es war finster geworden, die Fensterscheiben waren weiß belegt mit Schnee. Bisweilen ächzten die Wände.

Dem Dirndl war angst und bang, und als der Lenz sich nun zu ihr setzte, hübsch nahe -- es war ihm heiß und kalt -- schob sie ihn nicht zurück.

So saßen sie auf dem Strohbunde. Als wäre jedes von ihnen das Untergehende und klammerte sich ans andere zur Rettung, so war es. Anfangs, als sie sich anschauten, schlug ein Blick den anderen zu Boden. Aber endlich hielten sie einander mutig aus und blickten sich fast krampfig starr an. Wie es ist, wenn man aus scharfer Kälte in eine weiche Wärme kommt, sie waren halb betäubt und verloren sich sachte in die Ungründe eines süßen Traumes. Aller Winterschnee -- so empfand es das Dirndl -- war geschmolzen in einem seltsamen Föhn, rosige Knösplein sproßten aus der Erde, zwitschernde Vögel umkreisten die grünen Wipfel -- der Lenz war da. Der Lenz war bei ihr. Fast schon schmolz sie selbst dahin im Föhn seines Kusses, da war plötzlich in der Stube ein Gepolter. Die Träumenden fuhren empor, das Dirndl ächzte vor Schreck. Die heilige Katharina war vom Tisch gesprungen.

Auf dem Boden lag sie hingestreckt und die Annamirl war nüchtern im Augenblick.

»Wer weiß, was das bedeutet!« sagte sie.

»Ich weiß es: daß der Wind das Fenster aufgerissen und die Figur umgeworfen hat.«

»Lenz!« sprach sie hierauf mit ernster und doch weicher Stimme. »Ich habe die heilige Katharina vorhin gebeten um ihren Schutz. Es wäre aus gewesen. Lenz, ich hab' dich viel zu lieb!«

In diesem Augenblick ein derbes Pochen an der Tür. Das war nicht der Sturm. Der Bursche öffnete.

Zwei Schneemänner traten herein mit aufgepflanzten Gewehren. Gendarmen. Sie forderten den Lenz auf, mit ihnen zu gehen, denn er hätte in das Alpenhaus eingebrochen.

»So, Bub,« sprach das Mädchen mit dem Humor der Verzweiflung. »Dir hat's ja gar so gut gefallen im Arrest, jetzt kannst gleich wieder hinein.«

»Oho!« rief der Bursche und stellte sich scharf vor die Gendarmen hin. »Jetzt frage ich die Herren, für was ist denn dieses Schutzhaus erbaut, als für Leute, die im Gebirge vom Unwetter überfallen werden? Hätten wir da draußen vor dem Hause stecken bleiben und erfrieren sollen?«

Das sahen die Herren ein. Sie waren zufällig an dem Alpenhause vorübergekommen, weil sie in die Baldau wegen des Faschingballes gingen; und weil sie im Hause etwas gewahr worden, so hätten sie gemeint, es wären Schelme drin. -- Ob nicht ein warmer Tropfen zu haben wäre.

Nachdem sie sich mit dem Reste des Branntweins geatzt, verließen nun die vier Personen selbander das Schutzhaus und kämpften sich zur Not durch Schnee und Gestöber hinab in die Baldau.

In der Kapelle des Stegrochel steht heute die heilige Katharina. Der Lenz ist fortgezogen von der Gegend, so erweist die Annamirl der lieben Heiligen alles mögliche Gute. Ein seidenes Bändchen, eine brennende Ampel, ein Kranz von Rosen -- sie ehrt frommen Sinnes in dem Bilde die Blutzeugin und unversehrte Jungfrau. Wohl an der Nase hat es eine ganz kleine Narbe, das Bildnis -- niemand als die Annamirl weiß, was das bedeutet.

Die grüne Rose.

»Jesseles, Vefa, lebst du auch noch!« rief die Großbäuerin im Möstelhof aus, als ein junges heiteres Weib zur Tür hereinhuschte. »Jetzt hab' ich gemeint, du wärst schon gestorben!«

»A na, gestorben bin ich noch nit,« lachte die Eintretende, »das tu' ich nicht, daß ich jetzt sterben tät'. Mein Lebtag hat mich 's Leben nit so gefreut, wie jetzt.«

»Gehst nit!« rief die Bäuerin aus, es war aber kein Befehl, fortzugehen, es war nur ein Ausruf der Verwunderung.

Man hatte ihr »nichts derteilt«, der Vefa, als sie vor etlichen Wochen den Schneider Viktor von der grünen Rose heiratete. Der war als Querkopf bekannt, betrieb außer seinem Handwerk die Rosenzucht und arbeitete seit Jahren daran, durch Okulationen eine Rosenart zu züchten, die eine grüne Krone und rote Laubblätter hätte. Alles andere auf der Welt war ihm Nebensache, ja er hielt die Existenz der Erde überhaupt für zwecklos, so lange sie nicht grüne Rosen trüge. Und dieser Mann, Viktor von der grünen Rose, wie er sich nannte, ging eines Tages in das Kleinhäusel und heiratete ein frisches lustiges Mädel heraus. Es ist nicht gerade so zu verstehen, als ob er sie gleich bei seinem ersten Erscheinen im Häusel geheiratet hätte, das erste Erscheinen verliert sich im Dunkel der Vorzeit. Es stellte sich aber heraus, daß er jemanden haben müsse, zum Rosenwarten, während er auf der Ster arbeitete.

»Lach' dich nur recht aus, Vefa!« hatten am Trauungstage die Leute zu ihr gesagt, »denn bei deinem Schneider wirst du nit viel zu lachen haben.«

Aber sie lachte heute noch, als sie nun eintrat bei der Großbäuerin im Möstelhof. Die Großbäuerin war eine Schulgenossin der Vefa, deshalb konnte sie wohl freundschaftlich fragen: »Daß du die Zeit her nichts von dir hast hören lassen -- wie soll ich mir denn das auslegen?«

»Das könntest schier von dir selber wissen,« antwortete die Vefa lachend. »Wenn zwei jungverheiratete Leute nit mucksen, nachher kannst dir's eh denken.«

»Wie geht's denn mit ihm?«

»Grüne Rosen!« rief sie lachend. »Jetzt bin ich seine grüne Rose.«

»Gehst nit?!« rief die Großbäuerin aus.

»Ja, mein du!«

»Wär' er denn zum mögen?«

»Ich dank' meinem Gott, daß sie sich an ihm verkannt haben, sonst wär' er kaum für die arme Häusler-Vefa übriggeblieben.«

»Wenn er alleweil nur grüne Rosen züchten will und sonst nichts.«

»Laß dich nit auslachen, Bäuerin,« sagte die Vefa. »Geh her, ich will dir was sagen. Ganz gleim, so!« Sie flüsterte der Großbäuerin etwas ins Ohr.

»Gehst nit?« rief diese und schlug die Hände zusammen.

Die andere nickte mit dem Kopf, was soviel sagt, als: Ja, gewiß auch noch! Darauf haben sie alle zwei hübsch heimlich geduschelt.

»Gelt,« sagte hernach die Vefa, »gelt, Bäuerin, ich kann mich verlassen auf dich? Was du mir zu Heiligdreikönig gesagt hast, unten bei der Kirchbrucken? Weißt es nit mehr? -- Weil wir alte Kameradinnen sind, allzwei. Wenn ich einmal eine Gevatterin sollt' brauchen.«

»Jesseles ja, freilich, freilich. Na, aber daß du dir gar so leicht merken tust!« sagte die Bäuerin und setzte launig bei: »Soll ich mich für einen Buben oder für ein Mädel zusammenrichten?«

»Was denn? Freilich für einen Buben!« lachte die Vefa hell auf.

»Jetzt muß ich dir aber doch gleich einen Kaffee machen gehen, weil du eine so schöne Neuigkeit gebracht hast!«

Sagte es und schoß in die Küche hinaus.

So munter war es hergegangen vor fünfzehn Jahren. Seither hatte der Schneidermeister Viktor immer die grüne Rose gesucht und die blaue Blume gefunden. Ja, fast romantisch war die Liebe der beiden Eheleute zueinander, so ganz wie im Märchen, alle anderen Menschen ausschließend und einzig nur einander lebend. Gerade mit der Großbäuerin im Möstelhof pflegte die Vefa noch der Freundschaft, denn die hatte sie blutnötig.

Also kam sie auch heute wieder in den Möstelhof. Ihr Aussehen war nicht das beste. Die gelblich-braunen Wangen eingefallen, um die Augen Schattenringe, um die Mundwinkel zwei halbrunde Runzeln, Parenthesen gleichsam, die noch leidlich roten Lippen einklammernd, als ob diese eigentlich gar nicht mehr dazu gehörten. Aber sie gehörten noch ganz kurios dazu, sie lachten auch noch so lebhaft wie vor fünfzehn Jahren, nur für den Kenner ein ganz klein wenig schrillend, wie ein Glöcklein, das irgendwo einen leichten Sprung hat.

Als sie jetzt über den Hof ging und ein Häuflein Kinder sich balgen sah auf dem Anger, rief sie ihnen zu: »Grüß euch Gott, Kinder! Tut's schon wieder raufen? Ist die Mutter daheim?«

»Die Mutter ist eh in der Kuchel,« antwortete ein etwa fünfjähriges Dirndl und tollte mit den Knaben weiter.

Als sie hernach vor der Bäuerin stand, hub sie merkwürdigerweise nicht an zu lachen. Sie redete ein wenig so herum, daß immer schlecht Wetter sei, -- es war aber sehr schön und warm; daß die Berge steil wären, -- sie war aber auf ebenem Wege dahergekommen; daß man die Kühe gut füttern müsse, wenn sie Milch geben sollten, -- sie hatte aber keine Kuh, bloß zwei Ziegen, wovon die eine auch dann keine Milch gab, wenn man sie gut fütterte, weil sie trächtig war. -- So voller Ungereimtheit war alles und die Vefa lachte noch immer nicht. Und endlich, wie sie gefragt wurde, wie es denn alleweil gehe, riß sie ihre blaue Schürze ans Gesicht und hub an zu weinen.

»Vefa!« sagte die Bäuerin. »Was ist denn das? Was hast denn? ~Das~ ist man von dir nicht gewohnt.«

Die Vefa hatte sich auf die Herdkante niedergesetzt, legte nun ihre Hände wie betend über den Schoß zusammen und sagte endlich ganz dämpfig: »Meine liebe Möstelhoferin! 's hat halt schon wieder was -- bei mir ...«

»Gehst nit?!« wollte die Bäuerin ausrufen, aber der Schreck verschlug ihr die Stimme. Sie starrte auf die Schneiderin, sie legte die Hände zusammen und ging über das Fletz hin.

»Verlaß mich nit, Johanna!« hauchte die Vefa unter fortwährendem Schluchzen.

Endlich erholte sich die Bäuerin und rief aus: »Das ist ein Kreuz! Das Neunte! -- Verlaß mich nit! Ist leicht gesagt. Könnt's denn gar nit gescheiter sein? Seid's doch nimmer so kindisch jung! Schamt's euch denn nit? Schier alle Jahre eins! Wenn unser Herrgott nit gescheiter wär' und nit ein Teil wieder zu sich genommen hätt'! Und wenn ich nicht die drei auf den Hof genommen hätt' -- rein wie in einem Kiniglhasen-Kobel tät's ausschauen bei euch. Ihr könnt's ja ~die~ gar nit versorgen, die euch verblieben sind. Und jetzt schon wieder!«

Antwortete die Vefa ganz ergeben: »Wenn sie unser Herrgott schickt, was kann man machen!«

»Paperlapap, unser Herrgott schickt!« begehrte die Bäuerin fast gröblich auf. »Den da oben zum Schuldaustragen brauchen, ist freilich kamod.«

Das wird in anderen Häusern wohl auch sein, und doch gibt der Obere nicht überall seinen Segen! -- Solches wollte die Vefa schon sagen. Gottlob, daß sie es glücklich hinabgewürgt hat. Die Großbäuerin hatte keine eigenen Kinder und möchte erzürnt leicht auch die angenommenen der armen Häuslerin zurückschicken, wenn so ein ungutes Wort fiele. Die Vefa zog es also vor, ruhig weiter zu weinen. Und das war auch das beste. Nun trat die Bäuerin zu ihr hin, tastete nach ihrer Hand und sagte: »Richtig wahr, man muß recht greinen mit euch. Weil's schon gar! Daß aber er nit gescheiter ist! Na freilich, ihn brennt's nit. Das Mannsbild wirft die Kästen ins Feuer, herausholen kann's die Frau, man weiß eh, wie's geht.«

»Da hätt' ich wohl keine Klage mit meinem Viktor,« sprach die Vefa. »Tag und Nacht, darf ich sagen, tut er arbeiten und sorgen für uns, daß er mir gerads blind wird. Hat eh nichts Gutes auf der Welt, der arme Lapp. ~Eine~ Freud' muß ihm doch vergunnt sein. Lieber Gott, was haben wir schon voriges Jahr geweint miteinander! Sind einmal die halbe Nacht auf der Hühnersteige gesessen nebeneinander und haben geflennt. Und jetzt ist's schon wieder.«

»Es ist wohl schlecht eingerichtet auf der Welt.«

»Gel' ja!«

»Zu viel und zu wenig, überall zu viel oder zu wenig.«

Der Knabe und die zwei Mägdlein jagten zur Türe herein:

»Mutter, der Franzerl tut mich alleweil zupfen beim Krösel!«

»Nit wahr ist's, die Lieserl gibt kein Fried'!«

»Mutterle, gib mir was!«

Mit gutmütigem Brummen schlichtete die Bäuerin den Streit und reichte den Kindern Butterbrot. Das größte Stück bekam aber die Schneiderin und nun saßen sie beisammen, die Vefa und ihre Kinder, und diese wußten es nicht, kümmerten sich gar nicht um sie, machten sich immer nur schmeichelnd mit der anderen, mit dem »Mutterle« zu schaffen. Darob tat der Vefa das Herz weh und doch dankte sie Gott und der braven Großbäuerin, daß die Hascherln hier bei ihrer Patin ein so warmes Heim gefunden hatten.

Die Vefa ist nachher noch eine Weile am Herde gesessen und hat der Bäuerin zugeschaut beim Mittagmahlkochen. Die Bäuerin legte Scheiter über das Feuer, füllte die Wassertöpfe, speckte das Kraut, ballte und sott die Klöße und war wortkarg. So meinte endlich die Vefa betrübt, sie werde nun halt wieder gehen müssen um ein Häusel weiter. Als die Klöße brodelten, sagte die Bäuerin: »Soll's halt noch einmal sein, daß ich dir's aus der Taufe hebe. Aber du mußt mir's versprechen, Vefa, daß es das allerletzte Mal ist!«

»Nein, Bäuerin, versprechen kann ich nichts!« gab die Schneidersfrau mit Eifer zurück. »Versprochen hab' ich dir's in früheren Jahren oft genug. Das hilft nichts. Jetzt laß ich alles Fürnehmen sein, laß in Gottesnamen den Herrgott schütten, so lang' er will.« Und nach diesen Worten lachte sie laut in den Tag hinein.

»Nau, weil du nur wieder lachst!« rief die Bäuerin aus. »Mich ziemt, ausschelten kunnt ich dich, du Band, du leichtsinniges! Und nachher tust mir doch wieder derbarmen, du arme, gute Haut! -- Laß mir's halt sagen. Wird wohl eh noch lang' dauern.«

»Derwarten werden wir's leicht,« lachte die Vefa.

»Und daß du mir Achting gibst, jetzt auf dich! Nit heben und nit tragen, weißt es ja so. Und wenn es dir nach etwas gelüstet, und ich kann dir's schaffen, so sag's. Müßt' nur sein, daß du einen Bäcker in den Arm beißen wolltest, den kunnt ich dir nit schaffen.«

»So noble Passionen hab' ich wohl nit!« lachte die Vefa.

»Und daß du sonst was zu beißen hast, werden wir halt schauen. -- Da, Alte, Gute, Dumme! Nimm für deine kleinen Fratzen den Milchplutzer mit. Und deinen Schneider, wenn er einmal Zeit hat, den schickest zu mir. Dem werd' ich einmal was sagen!«

»Vergelt's Gott, Bäuerin, bis in den Himmel hinauf!« flüsterte die Vefa und eilte mit dem Plutzer davon.

Den Schneider aber hat sie nicht geschickt.