Geschichten aus Steiermark

Part 17

Chapter 173,855 wordsPublic domain

»Ich hab' zuerst gemeint,« sprach plötzlich mein Weggenosse, »es wäre jenes häßliche Wort, das ihn so sehr getroffen. O nein. Da lassen sie sich zehn Erbschleicher eher gefallen, als einen Advokaten, der einmal Geistlich hätte werden sollen.«

»Und das,« antwortete ich, »soll dir genug sein. Es ist doch ein braves Stück von deinem Bruder, daß er dir's hat ausgerichtet.«

Wir gingen wieder still nebeneinander hin. Bis in die Stadt. Das Hündlein watschelte vor uns her im Straßenstaub. Wir kamen zur Stelle, wo unsere Wege auseinandergingen. Da reichten wir uns schweigend die Hand. Und darauf sagte er es ganz leise und betrübt, als das letzte Wort: »Mir tut's halt leid.« --

Wenn ich nicht damit schließe, sondern noch etwas erzähle, was nach zehn oder zwölf Jahren erst eingetreten ist? Vielleicht will es ein Engel bekannt machen, daß für Menschenbrüder, die von einem unseligen Dämon auseinandergehalten werden und die doch wieder gerne beisammen wären, Rat zu finden ist.

Der Gidi Stadlhofer hatte längst schon Weib und Kind und sein Anwesen stand in Ansehen, als er eines Tages seinen Nachbar totschlug. Im Wirtshaus am Wasser war's. Die Leute hatten sehr viel getrunken. Der Elmischbauer, ein berüchtigter und vielbestrafter Raufbold, war da, schleuderte zuerst der Kellnerin ein unflätiges Schimpfwort zu und wiegelte alles auf, um dann mit dem Messer dreinzustechen. Da erfaßte der Gidi in der Küche einen eisernen Kochtopf und mit einem Hieb streckte er den Unfriedstifter zu Boden. Aus war's. Der Gidi gönnte sich nicht ein einziges Wort der Rechtfertigung. Das Weinen hörte man weitum, als er von seiner Familie Abschied nahm für mindestens acht Jahre. Aber nachher in der Kreisstadt die Herren meinten, so schlimm würde es nicht sein; wenn er Glück habe, so komme er mit zwei Jahren davon. Da kam auch der Advokat +Dr.+ Johann Stadlhofer und sagte: »Wenn ich Glück habe, so kriegt er auch die nicht!« und erbot sich zum Verteidiger. Seine Rede bei der Verhandlung wußte so überzeugend den braven Charakter des Angeklagten darzustellen und zu beweisen, daß gerade sein Gerechtigkeitssinn und sein Abscheu vor jeder verbrecherischen Gewalttat die Ursache seines Werkes gewesen sei, ein Werk, das in der Gegend nur als Befreiungstat, nicht als Verbrechen empfunden werde. Und die ganze Glut der Bruderliebe kam bei seiner Verteidigungsrede zum Ausdruck. Die Geschworenen haben den Gidi Stadlhofer freigesprochen.

Und war es allerdings an der Zeit, daß dieser zum Bruder ging mit dem Bekenntnisse, daß unter Umständen doch auch ein Advokat nicht zu verachten ist.

Der Bahnwächter.

In Karnburg hielt der Eilzug an. Der Stationsvorsteher eilte erschrocken herbei, denn der Eilzug hatte programmäßig nicht zu halten in Karnburg. Einem Abteil erster Klasse entstieg ein kleiner ältlicher Herr in dunklem Anzug; in seinem verwitterten Gesicht zuckten die Muskeln, und indem er dem Schaffner winkte, daß der Zug weiterfahre, rief er in kurzausgestoßenen Atemzügen dem Vorstande zu: »Wächterhaus Numero 180! Der Mann auf 180. Rufen Sie ihn sofort herbei!«

»Wir haben hier keine Telephonverbindung, Herr Oberinspektor. Ich will einen Arbeiter nach ihm schicken.«

Nach einer halben Stunde kam der Arbeiter von der Strecke zurück; schnaufend berichtete er: »Der Bahnwächter auf Numero 180 kann im Augenblick nicht ab, es fährt in wenigen Minuten der Postzug durch.«

»Er kann nicht ab?« sagte der Oberinspektor scharf und rieb sich das glattrasierte Kinn. »Ei, ei, er kann nicht ab -- der gewissenhafte Mann. Als aber der Schnellzug durchfuhr, da konnte er ab. Da konnte er ab! Ich sah es vom Fenster aus, wie der Mann den Zug Zug sein ließ und über die Wiese hin gegen die Weidenbüsche lief. Am Wächterhaus stand nicht eine Katze. Eine solche Gewissenlosigkeit ist mir seit dreißig Jahren nicht vorgekommen. So recht auffällig, wie aus reiner Bosheit, lief er vor dem durchfahrenden Zug davon in die Büsche hin. Und dann hat's die Direktion auf dem Buckel, wenn das Unglück geschieht. Ich werde kurzen Prozeß machen. Herr Vorstand, halten Sie einen provisorischen Wächter bereit.«

Mit schnellen Schritten ging der Erzürnte den Platz vor dem Bahnhofe hin und her. Der Postzug fuhr ein und nach kurzer Zeit wieder ab, und wenige Minuten später keuchte auf dem Bahnkörper der Gerufene heran. Sein Kleid war feucht und es schien, als klebe es stellenweise am Leibe.

Der Oberinspektor ging ihm rasch entgegen: »Sie sind der vom Wächterhause Numero 180?«

»Jawohl --«

»Der Herr Generalinspektor spricht mit Ihnen!« raunte ihm der ebenfalls herbeigeeilte Vorstand zu, worauf der Wächter eine ehrerbietige Verneigung machte.

»Wollen Sie mit ins Bureau kommen!« gebot der Inspektor und ging voraus. Und dort begann das Verhör.

»Wie heißen Sie?«

»Franz Heimgartner.«

»Sagen Sie, Heimgartner, wann fährt der Eilzug Numero 5 an ihrem Wachposten vorüber?«

»Nachmittags 3 Uhr 24 Minuten, Herr Oberinspektor.«

»Auch heute so?«

»Auch heute.«

»Waren Sie auf dem Posten, als er vorüberfuhr?«

Der Wächter blieb ein Weilchen ohne Antwort zu geben, aber nicht, weil er etwa nicht wußte, was zu sagen war, vielmehr um zu überlegen, wie das, was er vorzubringen hatte, gesagt werden müsse.

»Herr Oberinspektor,« sprach er dann, »ich weiß wohl, daß ich schwer gefehlt habe. Aber es war nicht anders möglich!«

»Es war nicht anders möglich?« wiederholte der Herr und dehnte die Worte zum Zeichen höchster Verblüffung.

»Jeder würde es an meiner Stelle getan haben, tun haben müssen,« sagte der Wächter.

»So! Na, da bin ich aber doch begierig zu erfahren, weshalb Sie davonlaufen ~mußten~, als der Eilzug herankam und Sie vorschriftsmäßig auf Ihrem Posten zu stehen hatten?«

Der Franz Heimgartner zerrte ein wenig so an seiner Mütze herum, dann begann er: »Es ist ja leicht einzusehen. Ein Kind, das ins Wasser gefallen war.«

»Ein Kind ins Wasser gefallen?«

»Schon seit Mittag sah ich auf der Wiese, vom Wächterhaus hin, einige Kinder von umliegenden Bauernhöfen herumlaufen. In den Büschen versteckten sie sich, kletterten auf die Weide und schaukelten. Wenn nur keines ins Wasser fällt! habe ich mir gedacht, unter den Weiden rinnt ja der Fluß. -- Weiter habe ich ihrer nicht geachtet, es ward der Eilzug signalisiert. Der rollte bald heran, und wie ich mit meinem Fähnlein mich an die Strecke stelle, lauft vom Flusse her ein Junge und schreit: Ins Wasser gefallen! Ich springe über den Bahnkörper, über die Wiese hin, durch das Gebüsch zum Wasser und sehe, wie ein Kind mit dem Baumast, an dem es sich noch gehalten, davonrinnt. Bei so was schwimmt der Mensch, auch wenn er's nicht gelernt hat. Mich hat's nicht schlecht gewundert, daß ich's kann und wie ich den Knaben heraußen auf dem Rasen habe. Er hat stark gesoffen gehabt und es gibt zu tun, bis er so weit bei sich ist. Derweil sind Leute gekommen und ich denke an meinen Zug. Mein Gott, wo ist mein Zug! Verunglückt, das sah ich, ist er auf meiner Strecke nicht, -- so war ich halt zufrieden.«

Der Oberinspektor hatte aufmerksam zugehört und nun sagte er ganz schlicht: »Also zufrieden waren Sie! Ich bin es aber nicht, daß Sie's nur wissen, und ich denke, daß Sie gestern Ihren letzten Dienst versehen haben, ~wenn~ es der Fall war. Denn heute haben Sie ihn nicht mehr versehen.«

»Aber eine Lebensrettung, Herr Oberinspektor!« wagte der Stationsvorstand einzuwenden.

Der Herr blickte diesen betroffen an. »Sie sagten: Eine Lebensrettung, Herr Stationsvorstand. Wissen Sie, wir nehmen auf unserer Strecke keine Beamten auf, damit sie allfälligen Rangen auf Feld und Flur das Leben retten. Wir haben sie, damit sie über das Leben derer wachen, welche sich unserer Eisenbahn anvertrauen. Während das eine Leben gerettet wurde, konnten ein paar hundert andere auf der Strecke verunglücken -- wie?«

»An das habe ich wohl nicht gedacht,« sagte der Bahnwächter.

»Es scheint! -- Was haben Sie denn gedacht?«

»Ich habe nichts gedacht. Ich habe nur gedacht: Jesus Maria, das Kind ist ins Wasser gefallen.«

»Ja sehen Sie. Wenn Sie in dem Augenblick, als ein vollbesetzter Zug herankommt und Ihre ganze Aufmerksamkeit heischt, nicht an den Zug denken, sondern an das, was draußen auf der Wiese fliegt und kriecht, da können wir Sie nicht brauchen. Das sehen Sie doch ein.«

»Ich sehe es ein, Herr Inspektor, ich habe schwer gefehlt; möchte aber halt doch bitten --«

»Sie sehen es ein und bereuen es?«

»Ich möchte halt wohl bitten, Herr Oberinspektor. Ich habe ja sonst meinen Dienst immer gewissenhaft verrichtet. Der Herr Stationsvorstand wird's auch sagen.«

»Er ist schon fünf Jahre auf dem Posten,« bestätigte der Vorstand, »und hat nicht den geringsten Vermerk.«

»Na, gut. Also Heimgartner, Sie bereuen es und versprechen heilig, daß dergleichen nicht mehr vorkommt?!«

Der Bahnwächter schwieg.

»Sie versprechen mir das, Heimgartner?«

Dieser zuckte die Achseln.

»Ich frage Sie, ob Sie das versprechen?«

»Mein Gott,« sagte der Bahnwächter mit schwankender Stimme, »wie kann man denn so was versprechen! Wenn halt ein Mensch in Todesgefahr ist und man kann zugreifen, so denkt man nicht erst: Soll ich das? Darf ich das? -- Man ~tut's~.«

»So. Man tut's, sagen Sie. Und werden Sie mit eigener Lebensgefahr auch einen Eisenbahnzug retten?«

»Da wird der Mensch auch nicht viel denken: Das ist deine Pflicht. Man tut's bloß. Und wenn ich ein Bauer bin auf dem Felde, oder ein Straßenvagabund, dem es strenge verboten ist, den Bahnkörper zu betreten; wenn ein Eisenbahnzug in Gefahr ist und ich kann beispringen, die Weiche richtig zu stellen, oder so was, so tu' ich's.«

Der Inspektor konnte schon nicht erwarten, bis der Wächter ausgeredet hatte. »Heimgartner,« sagte er, »für die Strecke sind Sie nicht zu brauchen. Sie stellen sich großmütig in den Dienst der Menschheit, wir aber müssen von unseren Leuten verlangen, daß sie sich in den Dienst unserer Bahn stellen. Dafür werden sie bezahlt, und nicht dafür, daß sie eine Rettungsgesellschaft für alle Welt bilden sollen. Mit der nächsten Post erhalten Sie den Laufpaß. Basta!«

Der Franz Heimgartner zuckte wieder die Achseln, verneigte sich und ging zur Tür hinaus.

Draußen stand ein alter, gebückter Mann, dem das weiße Haar auf die Schulter niederhing. »Ist er das?« fragte dieser einen Beamten und zeigte mit dem Finger auf Heimgartner. »Ihr seid es? Aber seid Ihr's denn richtig, Mensch? Seid Ihr denn nicht noch naß? Ach, freilich seid Ihr's!« so rief der alte Mann leidenschaftlich dem Bahnwächter zu und torkelte auf ihn hin, erhaschte seine Hand und drückte seinen Mund darauf und seine Wange. »O du Hand, du! O du liebe, brave Hand, du! Mein Buberl hast mir aus dem Wasser gezogen. Mein einzig's Herzensbuberl. Weg wär's! In den Fischerlhimmel wär' es gefahren! Nasen und Mund voller Schlamm, so hätten sie's herausgezogen morgen oder übermorgen. Hi, hi, hi, so lass' mir's doch, Bahnwächter, diese brave Hand, du, du!« -- Und er hörte nicht auf, sie zu herzen und zu küssen, und dabei lachte er grell.

»Aber Großvater!« rief hinter ihm ein jüngerer Mann, »seid nicht kindisch! -- Ihr müßt ihm schon verzeihen, Bahnwächter. Er ist halt ganz aus dem Häusel. Geht mir selber nicht viel besser. Verscheidenläuten täten sie jetzt auf dem Kirchturm, wenn ihr nicht wäret gewesen. Wie dem Nachbarsdirndl wär's ihm ergangen, unserem Friedl. Das Mädel ist auch so ertrunken vor zwei Jahren. Mein Gott, jetzt bin ich hergekommen und weiß nicht, was ich soll sagen. Mein bestes Paar Ochsen -- gern, gern. Für so was kann man nicht danken genug! Und die Milch sollt Ihr haben, so lang' Ihr sein werdet auf dem Wächterhaus.«

»Ich werd' nicht mehr lange drauf sein,« sprach der Bahnwächter und lachte bitter.

»Gelt nein! Gelt nein!« rief der junge Bauer. »Ihr tut jetzt avancieren und das g'hört sich auch. Nur sagen tut es, was wir Euch geben dürfen. 's ist unser erstes Kind -- und leicht auch unser letztes. Der Donner noch einmal! Daß der Fratz immer so herum zu kranzen hat beim Wasser! Ist er nur erst ganz trocken, der kriegt's! Der kriegt's von mir!« -- In Zorn hatte er sich geredet und mit dem Arm machte er die Bewegung des Züchtigens.

In demselben Augenblick kam die Mutter mit dem Knaben herbei. Der war schon trocken und hatte sein Sonntagsgewand an. Und hatte noch einen roten Hals, weil er daran gerieben worden war. Als der Bauer sein Söhnlein sah, sprang er drauf hin, riß es vom Boden empor an seine Brust mit Leidenschaft. Das war wohl die ganze Züchtigung dafür, daß der Junge auf den Weidenbüschen immer so »herumkranzte« und ins Wasser fiel. -- Die Bauersfrau war gekommen, um in bewegenden Worten ihr dankbares Herz auszuschütten vor dem Lebensretter. Nun stand sie vor ihm und schluchzte in die Schürze und konnte kein Wort hervorbringen, und schämte sich, daß sie gekommen war, um ihm vorzuweinen. Plötzlich fuhr sie auf und schrie zornig dem Knaben zu: »Nau, wirst gehen!? Bedank' dich bei ihm, daß d' lebst!«

Der Bahnwächter stand betroffen da und wußte nichts zu sagen. Da legte der Oberinspektor ihm die Hand auf die Achsel und schnarrte barsch: »Das muß Sie ja freuen, Heimgartner! -- Sagen Sie einmal, wollen Sie nicht nach Wien? Ein Mann mit der Rettungsmedaille findet leicht eine Stelle. Bei der Sicherheitswache, oder als Flußaufseher, oder in einem Bureau. Besser wie auf der Strecke geht's Ihnen überall, und was in meinen Kräften steht -- --«

Der Heimgartner besann sich. Dann sagte er: »Schön' Dank, Herr Oberinspektor. Ist gut gemeint. Aber weil ich schon einmal zufällig frei geworden bin, so will ich ein bissel frei bleiben. Vielleicht läßt sich auch außer Dienst was schaffen!«

Der Oberinspektor hatte wieder begonnen auf dem Platz lebhaft hin und her zu gehen. Dabei knurrte er: »Außer Dienst, natürlich! Außer Dienst!« Plötzlich blieb er stehen vor dem entlassenen Bahnwächter: »Sie haben recht. Die besten Dinge geschehen außer Dienst!«

Die schlaue Almerin.

»Jetzt möcht' ich schon wissen, ob dieser Jager denn nit zum derwischen ist!« sagte die schöne Heidel zu sich. Sie redete nämlich immer laut mit sich selber, wenn sie allein war; sonst wird es schon immer einmal zu langweilig, wenn der Mensch nicht sein Diskursel führen kann so unterwegs auf die Alm. Die Heidel hatte aufgepackt, sie war um und um voll Milchreinen, die an den Henkeln zusammengebunden über ihren Achseln hingen, so daß man sie wundershalber mit einem Tonplutzer vergleichen konnte, der einen hohlklingenden Ton gibt, wenn man mit dem eingebogenen Finger an ihm klöpfelt. Oder sie hätte zur Not auch eine aufrechtstehende Schildkröte -- eine sehr große -- vorstellen können, bei welcher aber das Köpflein aus den Schalen frei hervorstand, was ein großes Glück war. Gelb und rot steht ums Himmelswillen ja nicht zusammen! Na, das wollen wir erst einmal sehen, ob dieses Haar, das so gelb ist, wie die reife Weizenähre im Schnitt, und dieses Rundgesicht, das so rot ist, wie eine Mohnblume im Korn, nicht zusammenstimmt! Ganz kurios! Und wenn man noch die Kornblumen ihrer Augen dazutut, so hat man das ganze Kornfeld beisammen und es fehlt nur der Schnitter.

»Das muß doch derlogen sein, daß dieser Jager nit zum derwischen ist!« sagte die Heidel zu sich, und der Schreiber muß schon närrisch in das Ding verliebt sein, weil die Beschreibung so gespreizt und konfus ausfällt. Ein frisches Dirndl, das mit Milchreinen beladen auf die Alm geht -- punktum, das ist deutlich genug.

Der Jäger vorne, der zwischen jungen Kiefern und Lärchen mit seinen nackten Knien so gelenkig ansteigt, scheint wirklich nicht die Absicht zu haben, von einer jungen Almerin sich derwischen zu lassen, auch wenn sie mit den Tonschüsseln klappert. So wie sie Geselligkeit suchte, schien es ihm gerade einmal um Einsamkeit zu tun zu sein im grünen Wald. Endlich hatte sie ihn aber doch, und als er auf ihren Anruf: »Stad, Jager, stad, daß dich der Wind nit draht!« stehen blieb und zurückschaute, rief sie wie jauchzend aus: »Uh Jesseles! Na, das hat sich jetzt einmal ausgezahlt, daß ich mir schier die Lungel abgelaufen bin!« Denn der Jäger war durchaus nicht so jung, als es nach seinem frischen, geschmeidigen Ansteigen zu vermuten gewesen wäre, er hatte einen grauen Schnurrbart und das verwitterte Gesicht konnte durch die Schatten des breitkrämpigen Älplerhutes nicht mehr mit Belang verdeckt werden.

Der Jäger blickte dieser angehenden Weggenossin lächelnd zu und fragte: »Nun sage doch einmal, was hat sich denn ausgezahlt?«

»Weil ich glaubt hab', es wär' ein Jüngerer!« rief sie hell aus, und setzte lachend, daß es nicht so schlimm gemeint sei, dazu: »Ich bin die jungen Jager halt gewohnt.«

»So! Ich glaube dir's gern.«

»Wenn das Hirschel schon derschossen sein muß, so steht's alleweil nur den Jungen an. Die Alten sollen froh sein, daß sie selber leben.«

»Sind nicht auch die Jungen froh, daß sie leben?«

»Na, ich denk' wohl, daß sie froh sind,« sagte das Dirndl. »Daß sie halt mit dem eigenen Leben frei nit zufrieden sein mögen.«

»Aha, ich verstehe dich schon,« sagte der Jäger. »Sie wollen nebenbei auch noch Hirscheln erschießen und saubere Mädeln lieben.«

»Derraten hat Er's!«

»Du scheinst es aus Erfahrung zu wissen,« sagte er und klopfte mit dem eingebogenen Finger an eine der Milchreinen.

»Gelt, einen hellen Klang hat sie?« sprach das Dirndl. »Hat auch einen Zwanziger gekostet, und wenn Er einmal in meine Hütten kommt, kann Er Milch daraus löffeln. Die Jager tun's eh gern.«

»Und bist wohl selbst im Besitz eines jungen Jägers?«

»Wer kunnt mir's verdenken!«

»Ich gewiß nicht.«

»Wenn sie mir ihn nit weggenommen hätten!«

»Weggenommen? Dir deinen Jäger? Die Weibsleute etwa?«

»Geh, die Weibsleut'! Vor denen möcht' ich mich wohl derwehrt haben, denk' ich! Von den Weibsleuten laß ich mir keinen Jager wegnehmen!«

»Von wem denn sonst?«

»Von einem, der ein bissel stärker ist als unsereins!«

»Na, da wäre ich schon begierig, wer das einem so feinen Mädel zuleid' tun könnte!«

»Das kann Er sich denken! Wer wird's denn sein, der allen armen Dirndln ihre schönen kernfrischen Burschen wegnimmt! Der Kaiser halt!«

»Ach ja so. Beim Militär ist dein Liebster! Na, ich gratuliere dir!«

»Ja, und ich bedank' mich schön!«

»Soldat sein für Kaiser und Vaterland ist jedem eine Ehre!«

»Ja, und 's Derschossenwerden? He? Wenn ich einen Schatz hab', so will ich ihn heiraten, und nit, daß ihn die Russen derschießen!«

»Pah, jeder Soldat wird nicht erschossen. Und schon gar mitten in der Friedenszeit!«

»So möcht' ich doch wissen, zu was der Kaiser mitten in der Friedenszeit Soldaten braucht!«

»Das ist einmal so eingerichtet, liebes Kind. Leider niemand kann's ändern. Ich bin auch Soldat.«

»Na, gute Nacht!« rief das Dirndl lachend aus. »Da muß Er schon schön lang' dienen!«

»Länger jedenfalls, als dein dreijähriger.«

»Was hat Er denn lauter angestellt, daß sie Ihm den Abschied nit wollen geben!«

»Es scheint, sie brauchen ihn immer noch,« sagte der Jäger, der sich auf einen Baumstock niedergesetzt hatte und an den Antworten der Almerin sein Wohlgefallen fand.

»Nachher wird Er halt so ein Öberster sein,« meinte sie, »so ein Ofizierer, oder wie sie heißen, gelt?«

»Es mag schon sein, mein Kind.«

»Und geht so im Jagern um?«

»Bisweilen.«

»Gelt, geschossen muß sein. Weil just kein Feind ist, geht's aufs Wildbret.«

»Nicht jeder Jäger geht des Schießens wegen umher. Es gibt auch andere Annehmlichkeiten dabei.«

»Mein Jager sagt's auch. Alßer lebendiger, sagt er, schaut man die Hirschlein und Rehlein lieber an, als daß man sie gleich allemal niederpufft. Tät auch nit dürfen, ist nit dazu da, daß er schießt, es müßt' ihm nur ein Wildschütz zu nah kommen. Ist angestellt, daß er das Wild tut hegen und halten, bis die großen Jachten sind und der Kaiser selber kommt. Der Kaiser tut so viel gern jagen.«

»Kommt der Kaiser also mitunter selbst in diese Gegend?« fragte der fremde Jäger.

»O, oft!« rief das Dirndl aus. »Schier alle Jahr' einmal, sagen die Leut'.«

»So hast du ihn wohl auch schon einmal gesehen?«

»Ich? Den Kaiser? Da müßt' ich lügen, wenn ich sagen wollt', wie der ausschaut. Bin erst im vorigen Jahr vom Boigtal herüber. Dort kommt er nit. Mein Franzl sagt, ein recht kommodter Herr. Und schießen! Wie der gut schießen kann!«

»So! Wirklich?«

»Freilich ist's keine Kunst, im Tag a Stuck a dreißig Hochwild strecken, wenn von der ganzen Gegend die Leut' da sind, die ihm's in den Schuß treiben.«

»Würde es der Kaiser nicht manchmal vorziehen, für sich zu pürschen, anstatt daß ein ganzes Heer von Jägern und Treibern aufgeboten wird?«

»Das wird er sich eh einrichten, wie er will. Und soll ihn der Herr Jager nur selber fragen, wenn er kommt zu den Jachten. Jesses, die heben ja schon in dieser Wochen an. Im vorigen Jahr ist der Franzl noch dabei gewesen, da hat's allemal ein gutes Trinkgeld gesetzt. Heut' steht der arme Kerl beim Regiment und hat er geschrieben, nix tät ihm so leid, als daß er bei den kaiserlichen Jachten nit kann dabei sein. -- Wenn ich nur wen tät' wissen, der sich für ihn möcht' verwenden.«

»Wie heißt denn dein Jäger?«

»Ich bitt', Franz Kaltenbacher. Beim siebenundzwanzigsten Infanterieregiment. Wird sich's der Herr merken?«

»Hoffentlich.«

»Tät's nit doch sicherer sein, wenn es der Herr wollt' aufschreiben? Hat Er nix kein Papierl bei sich?«

Der Jäger zog ein Notizbuch hervor und schrieb Namen und Regiment hinein. Das Dirndl klatschte in die Hände. »Jetzt krieg' ich meinen Jager wieder!« jauchzte sie.

»Versprechen kann ich nichts, mein Kind!«

»Ich weiß schon, Herr Jager. Er ist gewiß selber ein Ofizierer und leicht mit dem Kaiser auch noch bekannt, leicht gehört Er gar zur Jacht. Es braucht nur ein Wörtl.«

»Versprechen kann ich trotzdem nichts.«

»Aufs Versprechen steh ich auch nit an, wenn Er's nur tut halten, daß der Franzl heimkommt. Vergelt's Gott. Und nix für übel, daß ich so keck hab' dahergeredt, wir grobe Bauersleut' verstehn's halt nit besser. Und jetzt wünsch' ich guten Anblick und daß dem Herrn Jager kein altes Weib begegnet!«

»Es ist schon gut! Es ist schon gut!« Mit diesen Worten winkte der fremde Jäger ab und schlug seinen Weg seitlings ein durch die Lärchen.

Das Dirndl kam mit den klappernden Reinen ganz glühend auf die Alm und vertraute es den Genossinnen, was sie für eine Begegnung gehabt hätte. Mit einem Jager von den kaiserlichen Jachten sei sie zusammengekommen, der aber ganz wer anderer ist, als ein Jager, ganz wer anderer! Mehr will sie nicht sagen! Sie hat ihn wohl erkannt, wer wird ihn nicht kennen, wo ihn jedes im Geldtaschel hat! Aber sie hat sich recht einfältig gestellt und so getan, als täte sie ihn nicht kennen, gerade wie es in den Kalendergeschichten vom Kaiser Josef zu lesen steht. Und sie hat ihm gleich vom Franzl derzählt und daß sie ihn gern daheim hätt', tausend Gottsfreuden gern daheim! Und er hat ihn in sein Büchel geschrieben. Glück muß man haben und schlau muß man sein! --

Wie es mit dem Glücke und der Schlauheit ausgesehen hat? -- Sie erwartete den Franzl schon in der ersten Woche mit Sicherheit. Es wird ja gleich der Befehl ergangen sein: den Franz Kaltenbacher heimgehen lassen, der Kaiser braucht ihn zum Jagern und sein Dirndl zum Gernhaben! -- Aber der Franzl kam in der zweiten Woche noch nicht, und er kam in der dritten nicht. Und er ist gar nicht gekommen vor Ende der Dienstzeit. Schlau war das Dirndl freilich, aber der fremde Jäger war auch kein heuriger Has.

Die heilige Katharina.

Als der achtzehnjährige Bursche, die Hände in den Hosentaschen, durch das Städtchen schlenderte, guckten ihm die Mädchen und Weiber nach.

»Das ist er!« flüsterten sie.

»Er muß entsprungen sein,« sagte eine, »es ist nicht denkbar, daß sie einen Mörder nach vierzehn Tagen wieder auslassen. Die Standarn werden ihn gleich haben!«

»Wenn ihn der Schutzengel nur in mein Haus wollt' führen. Bei mir findet ihn keiner.«

»Ich habe gehört, er soll gehenkt werden.«

»Um den wär's schad'!«