Geschichten

Part 5

Chapter 53,519 wordsPublic domain

Vornehme Straße mit Gartengitter

Zehn Jahre sind wieder verflossen. Die Ammenkatze tritt auf, auf einen Knotenstock herabgebeugt, halb blind von dem vielen Suchen: Zehn Jahre, zwanzig Jahre, und damals, als sie im Bettchen lag, war sie vier Jahre alt, eins dazu, das macht fünfundzwanzig, denkt sie und versucht, mit der alten Schnauze zu lächeln. O, was für ein uraltes, verwittertes Lächeln das ist. Das bröckelt vom Mund wie Steine von einem alten, zerrissenen Gemäuer. Es ist helles Sonntagvormittagswetter. Auf den Sträuchern im Garten blendet die Sonne. Es hat, wenn man durchaus zeigen will, daß man gebildet ist, etwas von dem neufranzösischen Impressionismus. Die Alte hat sich auf einen der beiden Steine, wie sie etwa vor Gartentoren stehen, gesetzt und hüstelt ein bißchen. Das ist so, wenn man alt ist, man hustet sogar im heißesten Sommer. Wie schmerzlos sie dasitzt. Das Suchen ist ihr zu einer sozusagen lieben, unentbehrlichen Gewohnheit geworden. Sie sucht schon längst nicht mehr, um zu finden, sondern aus einer ihr selber nicht bewußten Lust am Suchen. Es genügt ihr, das letzte bißchen Pflicht zu erfüllen. Sie hofft nicht mehr. Hoffnung ist ihr bereits seit längerer Zeit Entweihung geworden. Auch suchen tut sie nicht mehr so recht, nur noch so gehen und ein bißchen sehen, das tut sie. Alt, alt ist sie geworden und so schön müde, so schön schwach, so abgelaufen, so abverdient, so das ganze Leben um einer Pflicht willen abgetrieben. Da sitzt sie, und Katzenleute gehen an ihr achtlos, in der Meinung, es sei eine faule Bettlerin, vorüber. Niemand schenkt ihr mehr als etwa so einen halbpatzigen Blick, Kindermädchen wägeln mit Kinderwagen vorüber. Arbeiter und Herren im Zylinder, alles Kater natürlich. Aber Katerliches und Menschliches vermischt sich. Die Herren drehen sich langweilig die Schnurrbärte, die bis hinten an die Ohren reichen. Selbstverständlich gehen sie alle mehr oder weniger stramm aufrecht. Die Elektrische saust vorüber. Ganz junge Katzenkinder springen spielend umher, und die Sonne lacht so freundlich. Hinter den Büschen des herrschaftlichen Gartens schimmert das grau-bläuliche Schieferdach eines Hauses, und jetzt, aber alte Amme, was soll das? Nicht, nicht doch. Nicht schlafen. Siehst du nicht? Eine himmlisch schöne, in weiße Schleier gehüllte, junge Frauengestalt ist aus dem Gartentor herausgetreten. Die Alte macht bä wä -- -- und sinkt um und ist tot vor Freude. Die schöne Erscheinung ist Muschi. Sie ist eine schöne, vornehme Katze geworden, Frau eines Ministers. Wie sie nun die alte Frau hat umfallen sehen, steigt ihr eine Ahnung auf. Sie eilt zu ihr hin, erkennt sie, kniet neben ihr und ist ganz starr, kein Wunder, da die Kindheitwelt sie jetzt überwältigt.

Die Schauspielerin

Die schöne Schauspielerin und der bärtige Mann sitzen zusammen in einem halbdunkeln Zimmer. Die Fenster stehen offen. Die Frau erhebt sich aus ihrer halb sitzenden, halb liegenden Haltung, tritt auf den schmalen, länglichen Balkon heraus und winkt dem Manne, nachzukommen. Wie schön, wie frei ist die Welt, sagt sie, indem sie lächelt: unsereins muß das so stark fühlen. Wir Schauspielerinnen hängen nur mit den flüchtigsten Blicken an dem süßen, offenen Bilde der Welt, aber diese Blicke sind uns wie Musik, wie tiefe, tiefe Gedanken, wie Wellen, die an uns heranschlagen und uns mit herrlich-schönem, dankbarem Gefühl bespritzen, daß wir ganz durchnäßt, durchfüllt davon werden. Wir sind ja so geknebelt; Sie zum Beispiel haben die Aufgabe, in den Strudel und in das harte, prachtvolle Spiel unterzutauchen, Sie jagen Ihren Genüssen und Geschäften in natürlicher Kraftanstrengung nach, treiben mit den Treibenden, ruhen mit den Ruhenden und lachen, wo es irgendwo einen Anlaß gibt, in ein Gelächter auszubrechen. Wir Künstlerinnen sehen unser ganzes Dasein in der Kunst dahinfließen, einen Menschenschmerz, eine Menschenscham oder einen Menschenjubel nachzuahmen und empfinden oft in der Arbeit, die unser Beruf uns kostet, einen beengenden, nicht schönen Stillstand; alles Strömende will uns dann stocken, alles Stürzende und Sinkende und Fliegende scheint sich in uns hineingebohrt zu haben, wir tragen alles und werden von nichts, nichts fortgetragen, und emporgehoben können wir nur werden von der stumpfen, abschließenden, treuen Geduld in dem beharrlichen Weiterschaffen. Des beweglichen Geschäftsmannes Schaffen beruht auf einer natürlich-schönen Weitherzigkeit und luftigen Weitschweifigkeit, die ich mir so gesund für Körper und Seele vorstelle, die ich kaum noch dem Duft und der Ahnung nach kenne, da wir Schauspielerinnen die Weitverbreitetheit und alles Umliegende beinahe hassen müssen, um nur ja so recht das feste, ewig Nahe zu sehen, woran wir angekettet leben. Sie haben wohl kaum einen Begriff, wie die Kunst ketten, ja würgen kann, einengen, ach, und einem alle lebendig-warmen Aussichten vor den Augen weg, wie Vögel aus der stillen Luft hinab, niederschießt, daß es einem scheinen möchte, alle Erlebnisse, die süßen und schlechten, lägen da vor den Füßen, am fleckigen Boden, aus vielen trockenen, elenden Wunden langsam und schwärzlich blutend. Sie, Sie haben es schön. Nein, wir Künstlerinnen haben es nicht schön.

Der Mann sagt nichts, und die Schauspielerin, indem sie den schönen, üppig geformten Arm lässig ausstreckt, spricht weiter:

Wie da unten in der Straße die unbekannten, lieben Menschen gehen, sich umschauend, einander überholend, Wagen fahrend, Pakete tragend, springend, atmend und Schultern wiegend! Man sehnt sich nach Menschen, wenn man zwanzig Jahre lang auf der Bühne Menschenschicksale dargestellt hat. Schon als zwölfjähriges Kind habe ich zu spielen begonnen; durch den künstlerischen Erfolg bin ich zum erstenmal in Verbindung mit unbefangenen Menschen geraten, aber ich fürchte, es waren nicht die Unbefangenen, die zu mir hintraten, um mir ihre Bewunderung vor die Füße zu legen. Durch den Erfolg lernt eines nur die stupiden Anbeter und die ebenso dummen Neider kennen, Schwätzer in der Regel, die Angst davor haben, sich einer Empfindung, einem Gefühl oder einer Tat hinzugeben. Ich habe sie alle rasch durchschaut, ohne Zorn, nur mit einem gewissen Kummer, der mir sagte, es sei etwas irgendwo, das ich nie würde dürfen kennen lernen. Und dann habe ich ja auch immer zu tun gehabt. Ein Künstlerberuf ist eine eiserne Kiste, die einen kaum atmen läßt, darin man steckt in halb aufrechter Haltung, nicht frei und doch auch nicht so ganz und gar gefangen, den Kopf an der Luft, aber auf irgendeine Weise sieht man sich gefesselt, man weiß es, und im nächsten Augenblick weiß man es wieder nicht mehr.

Das sei schließlich mit jedem Lebensberuf so, meint der Mann.

O nein, sagt sie, mit Euch andern ist es ganz anders. Ihr habt trockene, notwendige Berufe, und das ist das Schöne. In unsern Leistungen, wenn sie gute sind, badet Ihr Euch wie in erfrischenden, einsamen Bergquellen; das Gefühl, durch den Geschäftstag hindurch unterdrückt, springt Euch lachend, weinend, tausendfarbig und tausendtönig auf, wie Wunden, aber nicht wie trockene, eher wie fließende, und sanft und wohlig schmerzende. Unsereins dagegen hat immer mit Gefühlen und Empfindungen, mit rein Menschlichem und Ideellem zu tun, wir müssen es messen, zerschneiden, auseinanderlegen, berechnen und es auf Wirkungen hin, die es machen soll, erproben. Wir pröbeln und schneidern mit Dingen, die in der Brust anderer Menschen gesund und geheimnisvoll und unangetastet ruhen, heiligen, gefährlichen Quellen gleich, die man nicht ungestraft beständig hervorreizt. Dann, wenn man das getan hat, ist man so kalt und leer, daß man hingehen möchte, um sich einem gelassenen, unangefochtenen, braven und simpeln Menschen an die breite, gute Brust zu werfen. Wie köstlich erscheint einem an solch einem Schauspielabend der Atemzug solch eines Menschen, man möchte die Kunst hassen und sich selber nicht minder, empfinden zu müssen, daß man sich an sie angeschlossen hat. Und doch ist sie schön, und doch ist das alles so schön. Gehen wir hinein.

Sie treten beide wieder in das Zimmer hinein.

Trinken Sie einen Schnaps?

Ja, er trinkt einen. Sie schenkt ein, während sie in tiefes, schönes Nachdenken versunken scheint. Das Mädchen stellt eine Lampe auf den Tisch. Die Frau sagt:

Halb sieben. Jetzt kann ich noch zwanzig Minuten mit Ihnen dasitzen, dann muß ich gehen. Sie kommen nicht ins Theater, nein? Ja, Sie reisen noch heute abend. Ich werde heute nacht müde nach Hause kommen, ich spüre es schon jetzt. In zwanzig Tagen sitzen Sie wieder auf Ihren halbwilden Pferden, jagen durch die Steppe, wirtschaften und schaffen mit Kopf und Händen und Fäusten. Schreiben Sie mir, es schreibt ja heutzutage niemand mehr Briefe, machen Sie eine Ausnahme, Ihre Briefe werden mir den Duft der Prärie hier in dieses Zimmer tragen. Es ist so schön, abends heimzukommen und einen Brief aus einer fernen, fernen Gegend auf dem Tisch liegen zu sehen. Ich werde vielleicht an Sie denken. Es wird vorkommen, daß mir, wenn ich einmal zornerbebend oder hell auflachend, wie es gerade das Spiel verlangt, auf der Bühne stehe, plötzlich Ihre Stimme einfällt, Ihre Figur, ein Wort, das Sie einmal gesagt haben, der Stiefel da an Ihren Füßen, die Haartracht, der Bart, der Blick Ihrer Augen. Sehen Sie, so lernt man eines Tages auf wunderliche Art einen Menschen kennen, man spricht eine Stunde lang, oder zwei mit ihm, er geht, er will weiter nichts, man vergißt ihn, weil man keine Ursache hat, sich zu nötigen, seiner zu gedenken. Er mag einem eines Tages zwischen einer hastigen Wagenfahrt und einem aufregenden Wortwechsel wieder einfallen; vielleicht schneit es, wenn ich an Sie denke, oder ich habe die Hand gebrochen, muß im Zimmer sitzen, und ich erinnere mich plötzlich Ihres Händedrucks. Leben Sie wohl, jetzt muß ich mich umkleiden.

Die Talentprobe

Zimmer der königlichen Hofschauspielerin Benzinger

~Frau Benzinger~: Also Sie wollen Schauspieler werden. Treten Sie näher zu mir heran. Genieren Sie sich nicht. Fallen Sie nicht um vor Schreck, wenn ich Sie nun etwas näher ins Auge fasse. Wenn mein Atem Sie streift, ist das noch keine Ursache, rot über den ganzen Kopf zu werden. Haben Sie noch nie mit einiger Gelassenheit das Bein einer Frau gesehen? Die Spitzen meines Unterrocks, die Sie sehen, sind nur das gelinde und gewöhnliche Vorspiel dessen, was einem Bühnenkünstler täglich und stündlich begegnet, und worüber er hinwegsehen muß. Wir Künstler sind ein freies, zwangloses und, wie wir uns gern einbilden, ehrliches Volk. Sie dagegen sind ein Jüngling aus dem dicksten, gefüttertsten bürgerlichen Milieu, und Sie wollen zur Bühne? Na, tragen Sie mal etwas vor.

Der junge, schüchterne Mann hat etwas vorgetragen.

~Frau Benzinger~: Das ist nichts. Danken Sie Gott, daß Sie einem Menschen in die Hände gefallen sind, der es so gut mit Ihnen meint, daß er offen zu Ihnen spricht. Unwahrheiten sind in solchen Fällen Morde. Sie sind schüchtern, Sie sind erschrocken, wie Sie sahen, daß ich das eine meiner natürlichen Beine über das andere gelegt habe; aber Sie dürften meinetwegen noch hundertmal schüchterner und schreckfüßiger sein, das hätte nichts zu sagen, denn das liegt nur in Ihrer großen Jugend und tiefen Unerfahrenheit. Aber Sie besitzen auch nicht die leiseste Spur eines schauspielerischen Talents. Alles ist verborgen, verhüllt, vertieft, trocken, holzig an Ihnen. Sie mögen der glühendste Mensch innerlich sein, zerwühlt meinetwegen von herzlichen Leidenschaften, doch es kommt nichts an Ihnen zur Erscheinung, nichts zum Ausdruck. Sie sprechen eine ganz ordentliche Sprache, daß man fühlen muß, wie richtig Sie urteilen, wie anständig Sie über Sachen nachdenken, das aber, mein Knabe, ist das Aller-Allerwenigste von dem, was an Erfordernissen für einen angehenden Künstler in Betracht kommt. Ich bin eine ältere Frau und erprobte Schauspielerin und muß deshalb wohl wissen, was sich Ihnen gegenüber für eine Sprache ziemt. Mein Knabe, schütten Sie den allzu feurigen Wein Ihrer Träume von Bühnenlaufbahn und dergleichen rasch aus der Schale Ihres jungen Kopfes und fahren Sie fort, den Beruf, den Sie erlernt haben, auszuüben. Was würden Ihre Eltern sagen, wenn ich Sie unglücklich machen wollte? Das Geld, das Sie mir für Ihre Stunden ausbezahlten, würde in meinen Händen widerwärtig brennen, und ich würde das Gesicht Ihrer Frau Mutter sehen, dessen kummervoller Ausdruck mich für den Frevel, Ihnen die Wahrheit vorenthalten zu haben, gräßlich strafen müßte. Nein, ich tue das nicht. Aber bleiben Sie noch einen Augenblick. Nehmen Sie hier dicht neben mir Platz. So. Sie sind zu gut und zu schlecht für den Schauspielerberuf. Sie würden immer nur schauspielern, nicht spielen; Unmensch, Bär, Windbeutel, ungeziemende lächerliche Fratze, nicht Mensch auf der Bühne sein. Die heilige, inbrunstvolle Flamme fehlt Ihnen, das Auge, das Lippenpaar, die drohende, bewegliche Wange. Bewegung fehlt Ihnen. Manier, sehen Sie, das haben Sie, aber das bedeutet nichts, das ist menschlich. Sie haben nichts Künstlerisches. Ich bin davon überzeugt (geben Sie mir die Hand), daß Sie innere Gaben besitzen, die Sie, wenn Sie heranreifen, zum guten, brauchbaren Mann stempeln werden. Ich glaube, daß Sie ein schöner Mensch werden; auf der Bühne, im goldenen Licht der Rampe, wären Sie häßlich, glauben Sie es mir. Sie müssen mir das glauben, kindlich, denn verstehen können Sie es noch nicht, weil Sie zu jung und zu unberührt von schrecklichen Erfahrungen sind. Drücken Sie einen Kuß auf meine Hand.

Der junge Mensch küßt der Schauspielerin beide Hände.

~Frau Benzinger~: Sie kommen viel ins Theater, nicht wahr. Ja, das ist so gefährlich für junge Köpfe. Ins Theater sollten nur reife Menschen kommen, das hätte das Gute, daß es auch einen veredelnden, verschärfenden Schein und Einfluß auf die Bühne und deren Kunstleistungen würfe. Ich bin so froh, lieber junger Mann, Sie haben warnen und abschrecken zu dürfen. Ein anderer würde Sie aufgenommen haben, würde vielleicht noch seinen Spaß daran gehabt haben, Ihnen Gift in Ihr ganzes, Ihnen selber noch unbekanntes Leben zu streuen. Gehen Sie jetzt. Leben Sie wohl. Nein, nein, besuchen Sie mich nie mehr. Lassen Sie die ganze Theaterei stramm beiseite, baden Sie Ihre Empfindungen in natürlicheren Quellen, werfen Sie sich in gute, männliche Pflichten, und wenn Sie dreißig Jahre alt geworden sind, können Sie zu mir kommen und mir erzählen, was Sie errungen, erlitten und erlebt haben. Ich freue mich darauf, Sie so lange aus dem Gesicht zu verlieren; das verspricht mir die Freude, Sie als festen Menschen wiederzusehen. Hier. Behalten Sie das. Es ist mein Bild. Vergessen Sie nie, was ich Ihnen gesagt habe.

Kleist in Thun

Kleist hat Kost und Logis in einem Landhaus auf einer Aareinsel in der Umgebung von Thun gefunden. Genau weiß man ja das heute, nach mehr als hundert Jahren, nicht mehr, aber ich denke mir, er wird über eine winzige, zehn Meter lange Brücke gegangen sein und an einem Glockenstrang gezogen haben. Darauf wird jemand die Treppen des Hauses herunterzueidechseln gekommen sein, um zu sehen, wer da sei. »Ist hier ein Zimmer zu vermieten?« Und kurz und gut, Kleist hat es sich jetzt in den drei Zimmern, die man ihm für erstaunlich wenig Geld abgetreten hat, bequem gemacht. »Ein reizendes Bernermeitschi führt mir die Haushaltung.« Ein schönes Gedicht, ein Kind, eine wackere Tat, diese drei Dinge schweben ihm vor. Im übrigen ist er ein wenig krank. »Weiß der Teufel, was mir fehlt. Was ist mir? Es ist so schön hier.«

Er dichtet natürlich. Ab und zu fährt er per Fuhrwerk nach Bern zu literarischen Freunden und liest dort vor, was er etwa geschrieben hat. Man lobt ihn selbstverständlich riesig, findet aber den ganzen Menschen ein bißchen unheimlich. Der zerbrochene Krug wird geschrieben. Aber was soll alles das? Es ist Frühling geworden. Die Wiesen um Thun herum sind ganz dick voller Blumen, das duftet und summt und macht und tönt und faulenzt, es ist zum Verrücktwerden warm an der Sonne. Es steigt Kleist wie glühendrote betäubende Wellen in den Kopf hinauf, wenn er am Schreibtisch sitzt und dichten will. Er verflucht sein Handwerk. Er hat Bauer werden wollen, als er in die Schweiz gekommen ist. Nette Idee das. In Potsdam läßt sich so etwas leicht denken. Überhaupt denken die Dichter sich so leicht ein Ding aus. Oft sitzt er am Fenster.

Meinetwegen so gegen zehn Uhr vormittags. Er ist so allein. Er wünscht sich eine Stimme herbei, was für eine? Eine Hand, nun, und? einen Körper, aber wozu? Ganz in weißen Düften und Schleiern verloren liegt da der See, umrahmt von dem unnatürlichen, zauberhaften Gebirge. Wie das blendet und beunruhigt. Das ganze Land bis zum Wasser ist der reine Garten, und in der bläulichen Luft scheint es von Brücken voll Blumen und Terrassen voll Düften zu wimmeln und hinunterzuhängen. Die Vögel singen unter all der Sonne und unter all dem Licht so matt. Sie sind selig und schläfrig. Kleist stützt seinen Kopf auf den Ellbogen, schaut und schaut und will sich vergessen. Das Bild seiner fernen, nordischen Heimat steigt ihm auf, er kann das Gesicht seiner Mutter deutlich sehen, alte Stimmen, verflucht das -- er ist aufgesprungen und in den Garten des Landhauses hinabgelaufen. Dort steigt er in einen Kahn und rudert in den offenen morgendlichen See hinaus. Der Kuß der Sonne ist ein einziger und fortwährend wiederholter. Kein Lüftchen. Kaum eine Bewegung. Die Berge sind wie die Mache eines geschickten Theatermalers, oder sie sehen so aus, als wäre die ganze Gegend ein Album, und die Berge wären von einem feinsinnigen Dilettanten der Besitzerin des Albums aufs leere Blatt hingezeichnet worden, zur Erinnerung, mit einem Vers. Das Album hat einen blaßgrünen Umschlag. Das stimmt. Die Vorberge am Ufer des Sees sind so halb und halb grün und so hoch, so dumm, so duftig. La, la, la. Er hat sich ausgezogen und wirft sich ins Wasser. Wie namenlos schön ihm das ist. Er schwimmt und hört Lachen von Frauen vom Ufer her. Das Boot macht träge Bewegungen im grünlich-bläulichen Wasser. Die Natur ist wie eine einzige große Liebkosung. Wie das freut und zugleich so schmerzen kann.

Manchmal, besonders an schönen Abenden, ist ihm, als sei hier das Ende der Welt. Die Alpen scheinen ihm der unerklimmbare Eingang zu einem hochgelegenen Paradiese zu sein. Er geht auf seiner kleinen Insel, Schritt für Schritt, auf und ab. Das Meitschi hängt Wäsche zwischen den Büschen auf, in denen ein melodiöses, gelbes, krankhaftschönes Licht schimmert. Die Gesichter der Schneeberge sind so blaß, es herrscht in allem eine letzte, unanrührbare Schönheit. Die Schwäne, die zwischen dem Schilf hin und her schwimmen, scheinen von Schönheit und abendlichem Licht verzaubert. Die Luft ist krank. Kleist wünscht sich in einen brutalen Krieg, in eine Schlacht versetzt, er kommt sich wie ein Elender und Überflüssiger vor.

Er macht einen Spaziergang. Warum, fragt er sich lächelnd, muß gerade er nichts zu tun, nichts zu stoßen und zu wälzen haben? Er fühlt, wie die Säfte und Kräfte in ihm leise wehklagen. Seine ganze Seele zuckt nach körperlichen Anstrengungen. Er steigt zwischen hohen, alten Mauern, über deren grauem Steingebröckel sich der dunkelgrüne Efeu leidenschaftlich niederschlingt, zum Schloßhügel hinauf. In allen hochgelegenen Fenstern schimmert das Abendlicht. Oben am Rand des Felsenabhanges ist ein zierlicher Pavillon, dort sitzt er und wirft seine Seele in die glänzend-heilig-stille Aussicht hinunter. Er wäre jetzt erstaunt, wenn er sich wohl fühlen könnte. Eine Zeitung lesen? Wie wär's? Ein dummes politisches oder gemeinnützliches Gespräch mit irgendeinem wohlangesehenen, offiziellen Schafskopf führen? Ja? Er ist nicht unglücklich, er hält im stillen diejenigen für selig, die trostlos sein können: Natürlich und kraftvoll trostlos. Mit ihm steht es um eine kleine, gebogene Nuance schlimmer. Er ist zu feinfühlend, zu gegenwärtig mit all seinen unschlüssigen, vorsichtigen, mißtrauischen Empfindungen, um unglücklich zu sein. Er möchte schreien, weinen. Gott im Himmel, was ist mit mir, und er rast den dunkelnden Hügel hinunter. Die Nacht tut ihm wohl. In seinen Zimmern angekommen, setzt er sich, entschlossen, bis zur Raserei zu arbeiten, an den Schreibtisch. Das Licht der Lampe nimmt ihm das Bild der Gegend weg, das stimmt ihn klar und er schreibt jetzt.

An Regentagen ist es entsetzlich kalt und leer. Die Gegend fröstelt ihn an. Die grünen Sträucher winseln und wimmern und regentröpfeln nach Sonnenschein. Schmutzige, ungeheuerliche Wolken gleiten den Köpfen der Berge wie große, freche, tötende Hände um die Stirnen. Das Land scheint sich vor dem Wetter verkriechen zu wollen, es will zusammenschrumpfen. Der See ist hart und düster, und die Wellen sprechen böse Worte. Wie ein unheimliches Mahnen saust der Sturmwind daher und kann nirgends hinaus. Er schmettert von einer Bergwand zur anderen. Dunkel ist es und klein, klein. Es ist einem alles auf der Nase. Man möchte Klötze nehmen und damit um sich herumhauen. Weg da, weg.

Dann ist wieder Sonne und es ist Sonntag. Glocken läuten. Die Leute treten aus der hochgelegenen Kirche heraus. Die Mädchen und Frauen in engen, schwarzen, silbergeschmückten Schnürbrüsten, die Männer einfach und ernst gekleidet. Gebetbücher tragen sie in der Hand, und die Gesichter sind so friedlich und schön, als wären alle Sorgen zerflossen, alle Falten des Kummers und Zankes geglättet und alle Mühen vergessen. Und die Glocken. Wie sie daherschallen, daherspringen mit Schällen und Tonwellen. Wie es über das ganze, sonntäglich umsonnte Städtchen glitzert, leuchtet, blaut und läutet. Die Menschen zerstreuen sich. Kleist steht, von sonderbaren Empfindungen angefächelt, auf der Kirchtreppe und verfolgt die Bewegungen der Hinuntergehenden. Da ist manch Bauernkind, das wie eine geborene, an Hoheit und Freiheit gewöhnte Prinzessin die Stufen hinunterschreitet. Da sind schöne, junge, kräftestrotzende Burschen vom Land, und von was für einem Land, nicht Flachland, nicht Burschen von Ebenen, sondern Burschen, hervorgebrochen aus tiefen, wunderlich in die Berge eingehöhlten Tälern, eng manchmal, wie der Arm eines etwas aus der Art geschlagenen, größeren Menschen. Das sind Burschen von Bergen, wo die Äcker und Felder steil in die Einsenkungen hinabfallen, wo das duftende, heiße Gras auf winzigen Flächen dicht neben schauervollen Abgründen wächst, wo die Häuser wie Tupfe an den Weiden kleben, wenn einer unten auf der breiten Landstraße steht und hoch hinaufsieht, ob es etwa da oben noch Menschenwohnungen geben könne.