Part 4
Es waren auch Kinder im Theater. Man erbebe nicht, man versetze sich ins Zeitalter und man wird nicht weinen beim Tod eines unschuldigen Kindes. Man versetze sich in beides: ins Zeitalter und in den Unglücksmoment, und man wird eine Furchtbarkeit, die jetzt beginnt, um sich zu greifen, nicht allzu entsetzlich finden. Mütter zertraten ihre eigenen lieblichen Blüten; Männer rissen Kindern ganze Büschel Haare aus, und es gab ein schönes kleines Mädchen, dem mit Füßen ins Augenlicht getreten wurde. Ein Kampf entstand, wie ihn die späteren Kulturen vielleicht nie wieder inmitten des alltäglichen Lebens erlebt haben. Frauen wurden an Säulen und Geländern erdrückt, und unterdessen fingen auch die Menschen an zu brennen, zu brennen, wie Papier brennt. Aber was fürchterlicher brannte als Frauen, das war der erstickende innerliche Jubel, der die Geretteten zu zerfressen drohte, als sie sich gruppenweise draußen in der Kälte und im winterlichen Frost befanden, wo sie sich zu dritt und zu viert, einander schlagend vor Freude, in den knirschenden Schnee warfen. Viele wurden irrsinnig.
Hunderte von Geängstigten warfen sich zu den Fenstern des ersten, zweiten und dritten Stockwerkes blindlings hinaus, auf den harten Schnee hinunter, wo sie mit zerschmetterten Gliedmaßen liegen blieben. Einige von denen, die derart hinaussprangen, hatten feurige Flügel, ihre Köpfe brannten oder ihre Hände, und sie sahen wie merkwürdige Vögel aus, die schreien aber nicht fliegen konnten. Hundert Menschen lagen im Treppenhaus auf einen rauchenden, verkohlte Äste emporstreckenden Haufen zusammengehäuft. Durch einen von diesen Leichenhaufen arbeitete sich Wirsich hindurch, es gelang ihm, er fing an zu brennen, er verstand das Feuer zu ersticken, er schlug links und rechts mit seinen furchtbaren Kräften aus, er wollte leben, es kam ihm plötzlich der Gedanke, er müsse leben, und er kam lebendig aus dem Rachen des Todes heraus. An der frischen Luft angelangt, gab es ein Rettungswerk für ihn. Er fing mit seinen eisenstarken Armen zu Fenstern herausstürzende Menschen auf. Die Haut seines Gesichtes und seiner Hände hing ihm in schwarzen Fetzen herunter, und dieser Mensch fand den Mut, nachdem er die Brandstätte verlassen hatte, zu seiner Freundin, der Gräfin Nidau zu gehen, die gerade zu dieser Stunde eines ihrer berühmten Gastmähler gab. Er trat dort ein, man schrie auf bei seinem Anblick, und er lachte und bat, indem er seiner Herrin mit seiner verbrannten Lippe die Hand küßte, um die Erlaubnis, seinen Durst löschen und ein Glas Wein trinken zu dürfen.
Kerkerszene
Maria Stuart: Wie hübsch du bist, Mortimer. Und so jung. Du lernst die Königin von Schottland spät kennen. Nein, schweige. Sage nichts. Ich weiß ja so gut, was du mir sagen willst, aber ich weiß noch mehr: ich weiß, daß du mich liebst, und das kannst du nicht sagen, das zeigst du. Welche schönen Augen; du hast die unschuldigen Augen eines schüchternen Rehes, Mortimer. Wie du die Hand da küssest. Sauge! Dein Mund betet an meiner Hand. Du bist an die rechte Frau gekommen, sie ist gewohnt, daß man sie anbetet. Sie liebt das jedesmal neu. Meine Hand liebt dich, Junge. Willst du kein Junge sein, schmollst du, du machst mir so sonderbare Lippen. Wenn ich zu dir sage: Knabe! so bist du Marias Mann, und das ist ein Knabe. Ich entfeßle die Männer von allen Verpflichtungen. Sie lieben mich, das ist ihre einzige Stärke. Willst du den Degen zücken und Verschwörungen anzetteln? Laß das, ich hasse diese Art akademischer Tapferkeit, das hast du in Rom gelernt, du mußt wissen, das imponiert mir gar nicht. Wenn man so reizend aussieht wie du, darf man nicht wollen in der Welt eine Rolle spielen. Lerne kühn sein zu meinen Füßen. Deine Befreiungspläne hassen mich, aber der Schwung deiner Lippen liebt mich und befreit mich aus dem Kerker. Gib mir ihn, gib Küsse. Dein Mund ist dein Sarg. Schau diese Hand an. Wie schmeckt dir der Hauch? Angeworfen an den Duft dieser Hände stirbst du eines Tages. Dein letztes Röcheln, wenn du blutüberströmt, wie deine beneidenswerten Vorgänger, am Boden liegst, wird mir noch Dank sagen. Sieh zu, daß es nicht soweit kommt, ich wünsche es nicht, aber gib her, noch einmal! Nicht so stürmisch. Du kostest zu wenig! Knabe, du bist verworfen, merke dir das. Dein rascher Untergang steht dir auf der Stirn geschrieben. Sei behutsam. Nicht, nicht so. Lerne in die Wollust die Ehrfurcht zwängen. Laß uns stumme Musik machen, laß uns die Königin von England entthronen. Knie nieder. Bette dich mit dem Kopf in meinen Schoß. So. O, die Pracht dieses Palastes, die Unversiegbarkeit dieses Herrschertums! Ich bin schön, ich empfinde es. Du bist reizend, Mortimer, weil du mich meine Königreiche empfinden machst. Dank. Wie süß es ist, dir durchs Haar zu streichen. Deine schwarzen Locken brennen. Deine vor mir niederstürzende Liebe wirft Elisabeth in Verzweiflung. Was tust du? Suchst du Gott? Da wirst du nie an ein Ende kommen. Laß es lieber. Da? Tu's nicht. Ich möchte deiner Wonne die Spitze nicht biegen. Was für Glieder du hast, und dein Nacken. Es ist mir, als habe er Augen und sähe mich durstig an. Ich verstehe es, Durst zu entflammen. Was kann sie mir rauben, die englische Willkür? Die Freiheit? Nichts mir Unpassenderes. Das Glück? Es liegt mir zu Füßen. Die Machtentfaltung? Ich spüre die höchste. Die Ruhe? Ich werde geliebt. Das Frauentum? Es feiert Triumphe. Sieh mich an, Mortimer. Steh auf, geh jetzt. Du willst nicht? Ich mag es dir nicht befehlen. Deine Wünsche und Lüste umflattern mich wie gezähmte Tauben. Ich ströme Zwang aus, weil ich so viel Wildheit ausströme. Meine Zartheit geht noch über meine Schönheit. Du lächelst. Ich wünsche, du stürbest jetzt. Ich kann die Gnade vergrößern, aber nicht noch versüßen. Laß uns jetzt still sein. Laß uns thronen im Nichts-mehr-Empfinden.
Lustspielabend
Ich saß auf der Galerie des Lustspielhauses zu Z..., das halbausgetrunkene Bierglas neben mir, den Zigarrenstengel zwischen den Zähnen, neben Studentinnen, Arbeitern und dicken Weibsbildern. Die Luft war schon fast zum Ersticken. Die gipsenen Engel am Plafond des Theaters schienen zu schmachten und zu schwitzen. Ab und zu beugte ich mich über die Brüstung herunter, um zu sehen, was unten los sei. Dort unten saßen an Tischen, dick ineinandergedrängt, junge bessere Leute, Korrespondenten aus Bankhäusern, Studenten mit noblen Schmissen in den Stehkragengesichtern, ältere, feine Herren, die das Leben lieben, und Damen aus anscheinend guter Familie. Auf dem Balkonrang in rotsamtnen Sesseln saß die ganz gute Welt, ich glaubte einige mehr oder weniger ehrwürdige Literaten unterscheiden zu können, unter anderen einen Redakteur, einen Kerl, der sonst immer mit »belletristischen Spaziergängen« aufrückte. Ich kannte ihn ein bißchen. Er sah einem guten braven Schweinemetzger ähnlich, mochte aber trotzdem zu den Feineren zählen. Prachtvolle Damenhüte gab es da, und edle, lange, an den Arm angepreßte Handschuhe bis über die üppigen, biegsamen Ellbogen hinaus. In der Mitte der Saaldecke hing ein Kronleuchter herunter und warf strahlendes Licht auf die Menschen. Da donnerte einer mit kurzen, harten Schlägen auf das Klavier, daß es wie eine mächtig-klangvolle Orgel erbrauste. Der Klavierspieler hatte lange, schwarze, wellige Locken auf dem Kopf und ein schönes Profil am Gesicht. Es kostete nichts, es dürfen betrachtet zu haben. Das herrliche Klavierspiel war der unsichtbare, großbeflügelte, ernste Engel, der mit seinem Gefieder leise an die Sinne der Zuschauer und Zuhörer anschlug. Und dann ging der Vorhang in die Höhe, und das Lustspiel wurde abgehaspelt, als ob es ein Strang Baumwolle gewesen wäre, zwischen zwei Hände gestreckt, daß man es abwinde. Es wurde milliönisch flott gespielt. Der Direktor selber spielte die Hauptrolle. Während der Pausen versank ich jedesmal in tönende Träumereien. Es war mir, als wären die nackten, kühnen, steinernen Figuren zu beiden Seiten der Bühne auf ihren Postamenten lebendig geworden. Eigentlich müßte das alles überflüssig gewesen sein. Das Klavier spritzte mich immer mit Tönen an, hol's der Teufel, ich sah die schlanken Hände des Schlägers und Spielers auf den weißen Tasten auf- und niedertanzen, ich hätte mit dem größten Vergnügen eine halbstündige Pause gehabt. Unter mir, auf dem Balkon, putzte sich eine ältere Dame mit ihrem rasend bespitzten Taschentuch die Nase. Ich fand alles schön und unendlich zauberhaft. Die Kellner fragten, ob Bier gefällig sei. Diese schnurrige Frage kam mir so sonderbar vor. Was waren das für Menschen, die derart an die Leute herantreten und fragen konnten, ob man wünsche, etwas zu trinken? Einer der Kellner hatte ein reines, borstiges Schnurrbartgesicht, man sah nur den großen, gewichsten Schnurrbart und dazwischen ein Paar große, dunkelglühende Augen. Sie schimmerten wie Lichter aus einem Waldesdunkel heraus. Ein anderer war bartlos und krankhaft blaß und elend mager im Gesicht, daß ihm die Backenknochen wie Klippen eines Felsenufers vorsprangen. Diesem nahm ich ein Glas Bier ab, bezahlte sofort und steckte mir einen neuen Zigarrenstumpen in den Mund. Da warf mir das Klavier eine neue, machtvolle Welle ins Gesicht, an die Brust, in die Rockärmel hinein, daß ich glaubte, mich nach einem Handtuch umschauen zu müssen, um mich abtrocknen zu können. Aber die Strahlen des gelblichschimmernden Kronleuchters hatten das schon besorgt, ich brauchte keine Angst zu haben. Da gab es wieder Momente in der Pause, wo ich meinte, meine beiden Augen seien lange, dünne Stangen geworden und hätten die Hand einer der unter mir sitzenden Damen berühren können. Aber sie schien nichts zu merken, sie ließ mich machen, und was ich tat, war doch so unverschämt. Dicht neben mir saß ein herrschaftliches Dienstmädchen, ein lieb aussehendes, kleines, zierliches Ding, ich fragte sie, wie sie heiße, sie sagte es leise. Eigentlich sagte sie es mir mehr mit den Augen und mit ihren beiden, hochrotglühenden Wangen, als mit dem Mund. Sie hieß Anna. Ich bestellte ihr ein Glas Bier und blies ihr Rauch ins Gesicht, um sie lachen zu machen. Wie ihre Augen schwarz und feucht glänzten, es war, als schimmerten zwei kleine Kügelchen aus schwarzem Silber. Unten auf dem Balkon saß die Baronin Anna von Wertenschlag, auch eine Anna, aber eine ganz, ganz andere. Von dem Hut der Baronin fielen lange, geschweifte Federn rückwärts wie sterbende Vögel. Sie zitterten, als ob sie ein leises, unsagbares, menschliches Weh empfunden hätten. Die Frau saß in einem tiefschwarzen Kleid, das gegen unten mächtig gebogen und gebauscht war, Platz für dreie oder viere einnehmend, zwischen zwei jungen, aber, wie es den Anschein hatte, wenig gefährlichen Kavalieren. Sie schien in Gedanken versunken. Da ging der Vorhang wieder auf, und das lustige, kammerzöfliche Stück lispelte weiter. Auf der Bühne geschah es, daß eine reich gewordene Bürgersfrau einer armen Adligen die vornehm ausgestreckte, lässig dargehaltene Hand küssen mußte, weil es die althergebrachte, schöne Sitte erforderte. Nachher aber, wie die Dame von Stand verschwunden war, spottete die Bürgerliche, und gewiß nicht ohne Berechtigung, und spuckte verächtlich auf den Teppich des gräflichen Empfangzimmers aus. Dieses Benehmen erweckte von der Galerie herab ein stürmisches, Sympathie kundgebendes Gelächter. Einer schrie sogar Bravo, das mochte ein adelsfeindlicher Republikaner gewesen sein. Von den unteren Regionen kehrte sich manches Gesicht erstaunt und ein wenig ärgerlich nach oben, zu sehen, wer der Pöbelianer sei, dessen Beifall ein so wenig passender und so überlauter war. Aber die Untensitzenden sollten ihren Ärger denn doch lieber ein wenig zurückgehalten haben, denn schon der nächste Augenblick bewies, daß es auch unter ihnen Pöbelhelden gab. Der Direktor als Ehegatte trat auf, da schmeißt einer der fabelhaft gut angezogenen Studenten, der mit seiner Nase beinahe an die Rampe anstößt, irgendeinen Witz auf die Bühne. Es wird gelacht, und es wird freundlichst angenommen, den Künstler werde es zu einem höflichen Mitlächeln zwingen. Davon aber war keine Spur, der Direktor, mit der Zornesröte im Gesicht und mit dem Zittern des heftigsten Unwillens in der Stimme, wandte sich mit folgender, von verachtungsvollen Gebärden begleiteter Ansprache an das Publikum:
Meine Damen und Herren (was will er, was hat er, was ist hier unten? dachten wir erhöhten Galeriemenschen). Sie haben soeben gehört, wie man mich beleidigt hat. Wäre es einesteils nicht eine Bande von unreifen Buben (die ganze Galerie streckte die Hälse vor), und wären es andernteils nicht respektgebietende Menschen, die ich da, Kopf an Kopf, vor mir sehe, beim Erdenhimmel, ich wollte nicht daran denken, daß ich ein Tiger sei, nein, ich wollte als Mensch in die Rotte hineinspringen, um sie, der ganzen elendiglichen Reihe nach, in die unterste Hölle hinunterzuohrfeigen. Ich habe vieles gesehen und vieles in meinem Künstlerberuf erduldet, wenn mich aber, der ich nun, ein alternder Mann, bald an das Ende meiner Laufbahn angelangt bin, ein junger Affe anspuckt -- Verzeihung ...
Und er spielte weiter. Nie wieder in meinem späteren Leben habe ich noch einmal solch eine prachtvoll-seelenvolle Zurückdrängung der persönlichen Wut gesehen. Im ganzen Theater war es pips-mäuschenstill geworden. Ich hätte darauf schwören mögen, die Herzen der Zuschauer pochen gehört zu haben. Nach und nach vergaßen alle den unfeinen Auftritt. Der fragliche Student schien sich erhoben und geräuschlos aus dem Staube gemacht zu haben, wozu er gewiß alle nur denkbare Veranlassung hatte. Annas Brust hatte sich auf- und niedergehoben vor Erregung, jetzt lächelte sie. Das Stück war so friedlich, so wiänerisch, gutes, altes, solides Fabrikat. Es spickte wie aus Spickröhrchen eine Anzahl junger Mädchen aufs Tapet, die alle einen Mann haben wollten und schließlich, das ahnte man schon, auch einen kriegen würden. Schneidige Bureaulisten scheichelten in Sommerhüten, mit Spazierstöcken bewaffnet, umher und hatten so zuckersüße Manieren und so gewählte Worte. Ein Husar in angespannten Hosen und herrlichen Stiefeln machte viel Wesens von sich. Bald war es ein Garten, bald ein ärmliches Zimmer, bald eine Landstraße, bald ein hochherrschaftliches Kabinett, worin gespielt wurde. Um ihm Achtung zu bezeigen, überwarf man den Direktor mit Beifall, das war natürlich dumm und ein wenig roh, und doch dürfte es dem Mimen geschmeichelt haben. Diese Leute wissen ja schließlich zu unterscheiden und haben dabei ihre eigenen Gedanken. Dann gab es wieder eine Pause, und wieder bekam ich eins über den Schädel von der Musik, daß ich ganz wie von selber den Mund auftat, um hinzuhorchen. Anna, das Dienstmädchen, plauderte von den Gewohnheiten ihrer Herrschaft, wobei sie natürlich die Lächerlichkeiten bevorzugte, ich hörte ganz der Musik zu und dazwischen noch halb und halb dem Geplauder. Die Hitze kam wieder, um sich an den Stirnen und unter den Achseln beklemmend anzumelden. Die Kellner sammelten die Biergläser ein, ziemlich unwirsch, und unten um die breitröckige Anna von Wertenschlag herum säuselten und scharwenzelten und tanzschrittelten sie, die Halunken, die wohl wußten, wo's etwa Trinkgelder geben mochte. Die ganze Galerie schwitzte, kochte, dampfte und dunstete. Die dicken Weibsbilder klebten bereits mit ihren Röcken und Unterröcken an den braunlackierten Klappstühlen an, sie sagten es sich und schrien vor Schreck und Genugtuung. Viele wischten sich den Schweiß von der Stirn ab. Anna von Wertenschlag hob den Kopf in die von Gesichtern gesprenkelte Höhe. Welche wundervollen Augen! Dann kam der letzte Akt, und dann ging es nach Hause. Während des Hinaustretens spielte noch einmal der Klaviermann. Die Treppen erbebten unter den hinabpolternden Schritten. Welle auf Welle floß es mir nach, so schön, so groß und so melodiös gute Nacht und auf baldiges Wiedersehen sagend. Draußen regnete es. Die Baronin stieg in den Wagen, und die Kutsche rollte davon.
Katzentheater
Ein Schlafzimmer
Es ist Mitternacht vorüber. In einem Bett schläft Muschi, ein kohlrabenschwarzes Kätzchen, in schneeweißen, spitzenbehangenen Kissen. Wie das kleine Kinder zu tun pflegen, schläft Muschi mit offenem Mündchen. Eine ihrer Pfoten hat sie unter den Kopf gelegt, während die andere über den Bettrand herunterhängt. Es sind niedliche kleine Pfoten. Im Zimmer ist es zauberhaft still, und es entströmt ihm ein eigener Duft, ähnlich dem Duft einer Kinderküche, in der gerade etwas ganz Köstlich-Süßes gebacken und gebraten wird. Auch etwas Prinzeßhaftes duftet daraus hervor in den Zuschauerraum. Auf einem Nachttischchen brennt ein winziges Nachtlicht, einer züngelnden Kirschblüte ähnlich, und verbreitet einen milden, rötlichen Schein gegen das Bett zu. Muschi träumt, man merkt das, denn sie zuckt manchmal mit der Pfote und blinzelt ein wenig mit den Augendeckeln. Die Fenster des Zimmers sind von entzückend saubern Gardinen und Umhängen dicht, wie von Schnee, umrahmt. Auch das hat etwas entschieden Kleinkinderhaftes und Blütenartiges. Tisch, Kommode, Sessel und Kleiderschrank sind angenehm und absolut ungezwungen im Raum verteilt. Muschis Kleider liegen neben der Schlafenden auf einem Stuhl. Auf einmal geht eine der Gardinen auseinander, und ein Räuber, das heißt, ein großer Kater als Räuberhauptmann verkleidet, steigt geräuschlos und sich vorsichtig nach allen Seiten umwendend, zum Fenster hinein. Er steckt in Stulpenstiefeln, hat einen hohen, spitzen Hut auf dem Kopf und Waffen im Gürtel. Sein Bart und seine wilden Augen sind schrecklich, und seine Bewegungen sind die eines in der Tat ausstudierten Spießgesellen. Er tritt an das Bett heran, ergreift die kleine, ahnungslose Muschi beim Schopf, zieht sie zu den Kissen heraus, schlägt sie in ein Tuch und tut dann das zappelnde Ding, das schreien will und nicht kann, in einen dafür bereitgehaltenen großen Sack hinein. Zufriedenes Grinsen und Schnurren. Das Orchester spielt eine bald wehklagende, bald leise und spitzbubenhaft-triumphierende Melodie. Drinnen im anderen Zimmer ruft eine Stimme: Muschi, Muschi. Das klingt gesungen und sehr gedehnt. Der Räuber dreht sich schurkengewandt auf den Schuhabsätzen um und macht sich zum Fenster hinaus. Im nächsten Augenblick geht eine Tür auf, und herein tritt im weiten Nachtkleid die Amme der Muschi. Eine Art Frau Wangel ins Katzliche hinüber transponiert. Sie bleibt erstarrt stehen und will miauen. Es ist aber schließlich schon eine ältere Katze, und der Schreck lähmt ihr sowohl die Glieder als die Stimme. Sie sinkt unter kläglichen Gebärden in Ohnmacht. Dann besinnt sie sich und läuft laut miauend, eigentlich beinahe schon mehr menschlich schreiend, zum Zimmer hinaus.
Flußgegend mit Turm
Im Turm, ganz hoch oben, brennt ein Licht. Es ist Nacht, und der Sturmwind braust. Die Amme tritt auf, den Regenschirm unter dem Arm. Nach ein paar Schritten gegen das Publikum zu bleibt sie stehen, ermüdet von langen Wanderungen, wie es scheint, zieht das rotgetüpfelte Schnupftuch aus der Rocktasche und hebt ein minutenlanges, rührendes Schluchzen an. Unter anderem putzt sie sich die platteingedrückte Katzennase, wie es alte Frauen, die weinen, zu tun pflegen. Sie hat sich von Hause aufgemacht, um die geraubte Muschi zu suchen, und sie sucht nun schon an die zehn Jahre lang. Sie spricht schon zehn verschiedene Sprachen, weil sie schon durch zehn fremde Länder gegangen ist. Zu Hause sitzt die vornehme Mama von Muschi und ißt beinahe nichts und trinkt nichts, denn sie will und kann sich nicht an den Schmerz gewöhnen, der ihr sagt, sie habe ihr einziges Kind verloren. Die Amme hat denn auch sogleich, ohne eine Miene zu verziehen oder ein überflüssig Wort zu reden, die groben Wanderschuhe angezogen und ist mit ihren alten Beinen bis zu diesem schauervollen Turm gelaufen. Überall hat sie gerufen: Muschichen, Muschichen. Manchmal sogar hat sie in ihrer Seelenangst geschrien: Müschibüschi, Müschimüschichen, und solches zärtliches, unsinniges, dummes Zeug mehr, und nie ist ihr geantwortet worden. Der Amme sind zu verschiedenen Malen von müßigen Witwern Heiratsanträge gemacht worden, auf der Reise, in der Herberge, aber sie hätte eher eine Ohrfeige annehmen mögen, als solch einen schmutzigen Heiratsantrag, der zu nichts gut war, als sie abzulenken von der großen, süßtraurigen Aufgabe ihres Lebens, nämlich, das Müschischüchen suchen zu gehen. Diese ihre Trauer kommt, wie sie so dasteht, beredt zum Ausdruck; jetzt aber wendet sie sich gegen den Turm und bemerkt das kleine Licht in der Höhe. Alsogleich sieht sie sich zu einem kräftigen Miauen veranlaßt, das sich so anhört, als frage sie das Licht etwas. Das Licht blinzelt nur ein ganz klein wenig, wie das schließlich von solch einem Licht auch gar nicht anders zu erwarten gewesen ist. Ist Muschi da oben? fragt die Amme. Keine Antwort. Sage mir doch, liebes Licht, weißt du, wo meine Muschi ist? Keine Antwort. Keckheit das, nicht einmal einer Amme aus vornehmem Haus zu antworten. Also denn nicht? Keine Antwort. Die Amme tritt vom Turm weg. Der Sturm bläst das freche, lieblose Licht aus. Wolken ziehen über die Bühne. Es darf dies als ein Bild entlegenster Einsamkeit gelten. Die Amme weint und macht sich bereit, weiterzugehen. Sie zieht an einem Zipfel den Rock hoch und wischt sich die Augen damit.
Eine Singspielhalle
Also soweit hat es nun die Muschi gebracht; an die Varietétheateragenten ist sie verhandelt worden. Laß mal sehen. Wirklich, da steht sie auf der Bühne, in einem erbärmlichen Flitterröckchen, in hohen Schuhen mit geschweiften Absätzen, in knallroten Strümpfen, die bis über die Knie hinaus sichtbar sind, und muß für den Taglohn tanzen. Hübsch ist sie indessen geworden, das kann man auf den ersten Blick sehen, sie ist denn auch die beste Nummer auf dem ganzen Programm. Sie hat was Vornehmes an sich, was Stolzes, das nur von der Abstammung herrühren kann. Die Zuschauerkater sind ganz plebejisch aussehende Kerle mit breiten Mäulern und ziemlich dreckigen Manieren. Mit den Vorderpfoten klappen sie die Bierglasdeckel zu und freuen sich über die ganze stumpfsinnige Bedeutungslosigkeit ihres Tuns. Ein schlechter Dunst weht im Lokal, Kellnerinnen bedienen und wollen immer etwas zum besten bekommen haben. Muschi tanzt, und sowie sie den Tanz beendet hat, setzt sie sich zu anderen Tänzerinnen auf eine samtüberzogene Bank, um sich gelassen angaffen und anwitzeln zu lassen. Ihr Köpfchen hält sie gesenkt, und mit ihren Pfoten spielt sie wie in lange, wehmütige Gedanken verloren mit den knisternden Spitzen ihres Tanzröckchens. Ihre Augen, wenn sie sie aufschlägt, sind so groß, traurig und schön. Es sind gelbe Augen. Man wird nie vergessen dürfen, daß es eben nun einmal, so wie die Dinge liegen, Katzenaugen sind, aber es sind Katzenaugen von der feinsten und edelsten Sorte. Ein unauslöschlicher Kummer, mit einer unauslöschlichen Erinnerung verbunden, scheint darin zu brennen. Da will sie ein Kerl von unten her an das in der Tat fesche Bein fassen, pfui, mit den Saupfoten. Sie versetzt ihm einen heftigen Stoß mit dem scharfkantigen Stiefelabsatz ins breite Schnauzengesicht hinein, daß er laut miauend davonläuft, um dem Herrn Wirt Anzeige zu erstatten. Leider ist es nun gerade ein guter Duzfreund des Wirtes. Dieser stürzt vor und ohrfeigt die Muschi, die nun in Tränen ausbricht. Die Kellnerinnen, die dem Gast flattieren wollen, sagen, das sei recht, so gehöre es sich, nur munter in die Fresse gehauen, das sei gesund für solch ein Stolztruthähnin. Muschi weint und muß weinend tanzen, sie tanzt aber so schmerzlich schön, daß es den wüstesten Schmierfinken nicht mehr erlaubt ist, aus irgendeiner innern Ahnung heraus, sie noch ferner zu belästigen. Der feuchte Glanz in Muschis großen Augen hat sie energisch eingeschüchtert. Die Kater brüllen Bravo und klatschen in die Pfoten und lecken das ausgeschüttete Bier von den Tischen ab. Der Wirt, ein urgelungenes, dickes Tier, macht eine unendlich komische wichtige Miene.