Geschichte des Araberaufstandes in Ost-Afrika
v. Perbandt erhielten den Auftrag, die Mafitis bis nach dem mehrere
Tagereisen entfernten Pangiri zu verfolgen. Doch wurde Pangiri trotz der anstrengendsten Eilmärsche bereits von den Mafiti verbrannt und seit kaum einer halben Stunde verlassen vorgefunden, ein Zeichen, welche Panik sich derselben nach dem Gefecht von Jombo bemächtigt hatte. Von dort marschierten die genannten Abteilungen nach Daressalam, ohne noch auf Mafiti zu stoßen, und bemerkten hier, daß die vor den Mafiti geflüchteten Wasaramo schon wieder zum Teil in ihre Dörfer zurückgekehrt waren.
Durch sein kühnes Vorgehen hatte Gravenreuth Buschiri abermals energisch zurückgeschlagen, Usaramo von der Plage der Mafiti befreit und der an der Küste eingerissenen Panik mit einem Schlage ein Ende gemacht.
Als Wißmann von Mpapua zurückkehrte -- er war auf die Nachricht der Mafiti-Gefahr mit +Dr+. Bumiller und einer kleinen Abteilung dem unter Zelewski folgenden Gros vorangeeilt -- empfing ihn die Siegesnachricht, welche im Verein mit dem, was er selbst im Innern erreicht hatte, einen wesentlichen Schritt vorwärts bedeutete und freiere Entfaltung aller Kräfte zuließ.
Indes konnte sich Wißmann nicht in jeder Weise mit Gravenreuths Vorgehen einverstanden erklären. Er mißbilligte entschieden die Teilung des Expeditionskorps in drei Kolonnen, von denen ja nur die eine wirklich hatte eingreifen können, während die Richelmannsche nur auf kleine und vereinzelte Trupps von Flüchtigen gestoßen war, und die dritte nur zur Verfolgung hatte verwandt werden können. Leicht hätte diese Schwächung bei der von Gravenreuth nicht geahnten Tapferkeit der Mafiti ihm verhängnisvoll werden können. Die Teilung erschien auch deswegen nicht angebracht, weil die Nachrichten über die Stellung der Gegner keineswegs so genau waren, daß man daraufhin hätte operieren können. Ein Vorgehen mit der gesamten Macht auf Jombo, allerdings vielleicht auf einem Umwege, um die Möglichkeit eines überraschenden Überfalls für sich zu haben, und dann in nächster Nähe des Feindes eine Teilung zum Angriff von verschiedenen Seiten her, wie es ja Gravenreuth mit seiner eigenen Kolonne gemacht hatte, wäre für das gesamte Korps das Richtigste gewesen.
Indes der Erfolg war da, und das Verdienst, die Küste verteidigt und die Mafitis aufs eklatanteste geschlagen zu haben, gebührt ohne Zweifel Gravenreuth mit seinen Offizieren und Unteroffizieren, wie auch vor allen Dingen der Kaltblütigkeit und Bravour unserer Sudanesen. Hätten diese bei Jombo versagt, so wäre das Expeditionskorps vernichtet gewesen. Als ich auf dem Rückmarsch mit der Stanley-Eminschen Karawane in Msua mit dem Freiherrn v. Gravenreuth zusammentraf, erzählte er mir von den damals noch frischen Ereignissen, wobei er den Erfolg außer der Tapferkeit der Soldaten besonders der Ruhe seiner Offiziere von Perbandt und von Behr zuschrieb.
9. Kapitel.
Wißmanns Thätigkeit an der Küste nach der Rückkehr von Mpapua, Buschiris Gefangennahme und die Unterwerfung Bana Heris.
Revisionsreise des Reichskommissars nach allen Stationen. -- Bana Heri im Hinterland von Sadani. -- Der Verkehr wird durch seine Leute behindert. -- Gefährdung der französischen Mission Mandera. -- Expedition gegen Bana Heri unter v. Zelewski. -- 600 Wassukuma als Hilfstruppe. -- Selbständiges Vorgehen der Wassukuma nach Mandera. -- 200 irreguläre Wadoë und Wakuara aus unserer Seite. -- Kleineres Expeditionskorps unter Gravenreuth zur See in Sadani; Zelewski auf dem Landwege. -- Hauptboma Bana Heris bei Mlembule bleibt unentdeckt. -- Besetzung von Mkwadja. -- Anlage einer Station daselbst. -- Vorstoß des +Dr.+ Schmidt von Pangani nach Magila. -- Einwohnerschaft auf deutscher Seite. -- Buschiri im Innern isoliert. -- Gerücht, Buschiri wolle sich mit Bana Heri und Simbodja verbinden. -- +Dr.+ Schmidt mit kleinem Expeditionskorps in Gewaltmärschen ins Innere, um Buschiri den Weg zu verlegen. -- Einnahme des Dorfes Masiro. -- Buschiri entkommt abermals. -- Die Eingeborenen überall freundlich gesinnt. -- Buschiri vom Jumbe Magaya gefangen. -- Rückmarsch nach der Küste. -- Buschiris Verhör, Verurteilung und Tod. -- Die aufständischen Bagamoyo-Jumbes werden verurteilt. -- Günstige Entwicklung der Verhältnisse auf den Küstenstationen. -- Neue Rüstungen Bana Heris. -- Rekognoszierungstour des Verfassers gegen Bana Heri im Hinterland von Sadani. -- Angriff auf die Boma von Mlembule. -- Rückmarsch nach der Küste. -- Wißmann zieht alle verfügbaren Streitkräfte zusammen zum Angriff auf Bana Heri. -- Mlembule in heftigem Gefecht erobert. -- Bana Heri zieht sich nach Palamakaa zurück. -- Einrichtung der Station Sadani unter dem Verfasser. -- Rekognoszierungsexpeditionen unter von Gravenreuth und dem Verfasser. -- Expedition des +Dr.+ Schmidt zu Simbodja. -- Anlage eines Postens am Kilimandscharo. -- Gefechte um Palamakaa. -- Eroberung der Boma. -- Zersprengung der Macht Bana Heris. -- Kleinere Expeditionen um Pangani. -- Uebergabe Bana Heris in Sadani.
Die nächstliegende Aufgabe des Reichskommissars nach seiner Rückkehr aus dem Innern und nach Erledigung der laufenden Geschäfte war eine Revisionsreise an der Küste. Ihr Zweck war eine Besichtigung der Stationen, auf denen Wißmann durch den Augenschein sich von den inzwischen gemachten Fortschritten überzeugen wollte, um seine weiteren Pläne nach dem Zustande der Stationen und der etwaigen Notwendigkeit der Besetzung derselben einzurichten.
Das Ergebnis dieser Besichtigung war ein sehr erfreuliches. Überall war wie vor der Expedition so auch während derselben wacker an dem Ausbau der Stationen weiter gearbeitet worden; die Beziehungen der Stationschefs zur Bevölkerung waren im weiteren Umkreise auf einen Teil des Hinterlandes ausgedehnt, speziell das Hinterland von Bagamoyo und Daressalam war nach Besiegung der Mafitis vollkommen beruhigt. Wißmann konnte telegraphisch nach Berlin berichten, daß die große Karawanenstraße von Bagamoyo nach den Seen wieder für den Verkehr offen stände.
Nur im Hinterlande von Sadani ließen die Verhältnisse noch sehr vieles zu wünschen übrig. Hier hatte sich der bereits früher erwähnte Bana Heri, der Machthaber von Usegua festgesetzt, jeden Verkehr mit der Küste unterbrochen und brandschatzte die aus Unkenntnis den Sadani-Weg benutzenden Karawanen. Boten von Mpapua, die auf dem kürzeren Wege durch Usegua nach Bagamoyo gingen, Leute der französischen Mission wurden von ihm gefangen genommen und ihrer Waren beraubt. Später, nach der Einnahme der Hauptstellung Bana Heris fanden wir in seiner Hütte verschiedene von ihm abgefangene Briefe von uns und von der Station Mpapua vor. Selbst der Dhau-Verkehr vor Sadani und im Wami wurde durch Bana Heris Leute unsicher gemacht.
Major Wißmann beschloß daher ein abermaliges Vorgehen gegen Bana Heri und setzte den Beginn der Unternehmungen gegen ihn ursprünglich auf den 10. November fest; doch veranlaßte die Bitte der französischen Mission Wißmann, die Unternehmung schon früher zu beginnen, da die Missionsstation Mandera in Usegua von den Scharen Bana Heris aufs ernsteste gefährdet wurde.
Der Führer des Expeditions-Korps, Chef v. Zelewski, erhielt Befehl, mit dem aus vier Kompagnien formierten Korps direkt auf Mandera vorzugehen, sämtliche feindliche und befestigte Dörfer anzugreifen und zu zerstören, um dadurch Bana Heri seiner Stützpunkte im Hinterlande zu berauben, die Mission zu sichern und den Verkehr wieder zu ermöglichen. Dem Expeditionskorps wurde die früher bereits erwähnte Karawane der Wassukuma unter ihrem Führer Tscherekesa beigegeben, da dieser mit den erwachsenen Wassukuma sich bereitwilligst in gleicher Weise, wie es früher während des Aufstandes die Waniamuesi gethan, zur Verfügung der Deutschen stellte.
Während der Zeit der Anwesenheit der Karawane in Bagamoyo hatte Tscherekesa Gelegenheit gehabt zu sehen, daß gute von ihm geleistete Dienste von uns anerkannt wurden, daß es die erste Aufgabe des Reichskommissariats in jener Zeit war, Handel und Wandel nicht nur an der Küste, sondern besonders im Hinterland an den großen Karawanenstraßen wieder zu heben, daß er somit seinen Vorteil auf unserer Seite zu suchen habe. Außerdem hatten die Wassukuma zu Bagamoyo vielfach Gelegenheit zu Verdienst. Besonders aber hatte die Art und Weise mitgewirkt, mit der es der stellvertretende Stationschef zu Bagamoyo, Hauptmann Richelmann verstanden, mit der Karawane und den Leuten umzugehen.
Das zwischen uns und den Wassukuma hergestellte gute Verhältnis war um so bemerkenswerter, als bei Ausbruch des Aufstandes gerade Tscherekesa, der Führer jener Karawane, sich bereit erklärt hatte, seine Macht auf die Seite der Rebellen zu stellen. -- Daß bei dem Entschluß Tscherekesas, unter Zelewski nach Usegua mitzuziehen, auch zum großen Teil Rücksichten auf Gewinn, auf gute Beute und Plünderung mitsprachen, ist ja natürlich.
Die Wassukuma, welche er stellte, 600 an der Zahl, wurden mit Vorderlader-Gewehren und genügender Munition versehen und in einzelne Trupps eingeteilt, von denen jeder, um ihn als unseren Freund kenntlich zu machen, eine schwarz-weiß-rote Flagge mit sich führte.
Die Wassukuma hatten auf dem Wege nach Mandera zwischen dem Expeditionskorps und der Küste zu marschieren und hatten ebenfalls den Auftrag, überall wo sie Widerstand fänden, einzuschreiten und die Dörfer gründlich zu zerstören.
Auf der andern Seite des Expeditionskorps, also westlich desselben marschierte ein ebenfalls aus freiwilligen Irregulären bestehender Trupp von 200 Wadoë und Wakuara.
Wir haben bereits früher erwähnt, daß auch diese zuerst auf Seiten der Rebellen standen, aber nach den ersten Siegen Wißmanns den Frieden von uns erbaten und nun offen auf unserer Seite gegen ihre einstigen Verbündeten kämpften. Auch sie erhielten von uns Gewehre und Munition und hatten die Aufgabe, die Expedition Zelewski in ihrer linken Flanke zu sichern.
Sämtliche Hilfstruppen waren, wie erwähnt, dahin instruiert, daß sie angreifen sollten, wo ihnen mit Feindseligkeiten entgegengetreten würde; gegen Befestigungen sollten sie selbständig vorgehen, und nur, wenn sie sich außer Stande sähen, mit Erfolg eine zu starke Boma anzugreifen, sollten sie Meldung an den Chef von Zelewski erstatten, damit dieser dann mit dem Expeditionskorps selbst eingreifen könnte.
Außer diesem unter der Führung von Zelewski stehenden Expeditionskorps von vier Kompagnien, hatte der Reichskommissar noch ein kleineres Expeditionskorps aus der bis dahin am stärksten besetzten Station Pangani herausgezogen und unter den Befehl des Chefs von Gravenreuth gestellt. Dieses kleine Expeditionskorps wurde am 8. November auf dem Dampfer »München« eingeschifft und nach Sadani gebracht, wo auch die Kriegsschiffe auf Bitten des Reichskommissars zusammengezogen waren, um eventuell für das Eingreifen an der Küste mit zur Verfügung stehen zu können.
Die Landung zu Sadani fand noch am Tage der Ankunft, den 8. November statt, und zwar nach Verabredung mit dem ältesten Offizier der Marine, Kapitän Voß, gemeinsam mit einem Landungscorps der kaiserlichen Marine.
Der der Landung entgegengesetzte Widerstand von Seiten der Rebellen war nur sehr gering. Die landenden Truppen erhielten Feuer von einer fünf Mann starken Patrouille, die sich indessen sofort auf Ndumi zurückzog. Auch das Terrain um Sadani selbst war frei von Rebellen, die, von Westen durch das starke Expeditionskorps und die Irregulären bedrängt, in nördlicher Richtung davonzogen. Es wurde infolgedessen von dem gelandeten Expeditionskorps der Schutztruppe ein Platz für das Lager ausgewählt und dies in der bei uns auf Märschen üblichen Weise hergestellt. Während der Nacht wurde von einem flüchtig vorbeiziehenden Rebellentrupp noch eine Salve ins Lager hineingeschossen, jedoch ohne Erfolg.
Tags darauf, den 9. November traf das Expeditionskorps unter Zelewski in Sadani ein. Schon vom frühen Morgen an wurde, da sein Eintreffen an diesem Tage erwartet wurde, eifrig nach ihm vom Lager bei Sadani aus ausgeguckt.
Um 10 Uhr Vormittags erblickte man in dem in weiter Ferne aufsteigenden Rauch eines angezündeten Dorfes das erste Zeichen des Herannahens der Expedition. Bald darauf bezeichneten weiter aufsteigende Rauchwolken den Weg der verschiedenen Teile der Expedition Zelewski, bis um 2 Uhr auch Ndumi, das letzte Dorf in der Nähe von Sadani, zwei Stunden von diesem entfernt, in Flammen aufging. Es war dies derjenige Ort, in dem Wißmann im Jahre 1883 nach seiner ersten Durchquerung Afrikas von Bana Heri aufs freundlichste empfangen und bewirtet wurde, derselbe Ort, wo auch der Verfasser nach schwerer Verwundung auf seiner im Eingang dieses Buches geschilderten Expedition von den Eingeborenen freundlich aufgenommen und speziell von Bana Heri und seinem Sohne Abdallah gastlich bewirtet wurde. Der planmäßige Widerstand Bana Heris und der Fanatismus seiner Leute hatte indes diese rauhe, in solchen Fällen in Afrika aber notwendige Art der Kriegsführung, die in der planmäßigen Verwüstung des Landes und dem Niederbrennen der Dörfer besteht, heraufbeschworen.
Nach seinem Eintreffen berichtete Chef von Zelewski, daß er auf seinem Marsche bis nach Mandera, der Südgrenze Useguas, alles friedlich gefunden habe. Von da ab habe er fünf zum Teil stark befestigte Dörfer unter Verlust von zwei Toten und fünf schwer Verwundeten eingenommen. Der Feind habe große Verluste gehabt und flüchte nach Norden.
Die Hilfstruppen hatten ebenfalls Gelegenheit gefunden, an einzelnen Plätzen einzugreifen. Sie waren auch, wie sich allerdings erst später herausstellte, auf die im folgenden zu erwähnende Boma Bana Heris in Mlembule gestoßen, dort aber zurückgeschlagen worden. Da ihnen diese Stellung der Rebellen zu stark erschien, als daß sie annahmen, dieselbe würde von uns genommen werden, und da sie sofort das Hasenpanier ergriffen hatten, glaubten sie am schlauesten zu handeln, wenn sie überhaupt über diese Befestigung nichts verlauten ließen. So blieb uns, da auch Zelewski selbst nichts von jener Stellung Bana Heris erfuhr, dieser überaus feste Stützpunkt und die darin befindliche bedeutende Macht vor der Hand gänzlich verborgen. Der letztere Umstand wirkte zur Ausführung einer Maßregel mit, welche sich später als Mißgriff erwies.
Die Nachricht, daß Sadani von Bana Heri und seinen Leuten wieder besetzt sei, hatte sich als falsch erwiesen; ein kaum nennenswerter Widerstand war hier gefunden worden. Das Lager von Mlembule blieb in Folge der Dummheit der Irregulären unbekannt. Ein großer Teil des Handels mußte naturgemäß jetzt statt nach Sadani nach Mkwadja gehen und so beschloß der Reichskommissar, statt Sadani den letzteren Platz zu besetzen. Chef Freiherr von Gravenreuth sollte mit der Kompagnie, die am 8. in Sadani gelandet war, und den Wassukuma die Küste entlang nach Mkwadja marschieren, und Zelewski mit seinem Expeditionskorps, das von 48 Stunden 32 marschiert und gefochten hatte, am nächsten Tage dorthin folgen, während der Kommandant selbst beabsichtigte, nach Erledigung der in Sansibar und Bagamoyo seiner harrenden Arbeiten am 13. November nach Mkwadja zu kommen. Für die Besetzung dieses Ortes sprach noch der Umstand, daß von Mkwadja ein starker Schmuggel nach Sansibar und Pemba hin betrieben wurde.
Der Marsch Gravenreuths ging, da die Dörfer an der Küste alle verlassen waren, von Sadani aus in friedlichster Weise von statten. Schwierig indes war das Passieren der vielen sich zwischen Sadani und Mkwadja von der Küste ins Land hineinziehenden Creeks. Die beiden ersten derselben konnten durchwatet werden, während ein dritter Creek, der sich unmittelbar südlich von Mkwadja befindet, größere Hindernisse bot. Eine vorausgesandte Patrouille unter dem Chef Frhrn. von Bülow und Premierlieutenant Böhlau versuchte den Creek zu durchschwimmen, aber sowohl die beiden genannten Offiziere, wie auch einige Askaris wurden durch den starken Strom ins Meer hinausgetrieben und nur der großen Schwimmfertigkeit der betreffenden gelang es, das Land wieder zu erreichen; ein Askari ertrank. Erst beim Eintritt von Niedrig-Wasser konnte der tiefe und breite Creek passiert werden.
Unmittelbar darauf wurde von der Kompagnie unter Gravenreuth der Ort Mkwadja, in dem sich einige Araber festgesetzt hatten, welche die Spitze der Expedition mit einem anhaltenden Feuer empfingen, genommen und die Aufständischen daraus vertrieben. Die Befestigungsarbeiten in der Station wurden sogleich in Angriff genommen und durch die thatkräftige Unterstützung der Marine unter dem liebenswürdigen, stets entgegenkommenden Kapitän Voß sehr gefördert. 60 Mann von der Schutztruppe unter dem Kommando des Chefs von Bülow, der sechs Wochen später durch Lieutenant von Perbandt ersetzt wurde, blieben als Besatzung zurück.
Schon vor dieser Zeit hatte von Pangani aus, wo um die englische Missionsstation Magila herum eine große Ansammlung von Rebellen stattgefunden hatte, der dortige Stations-Chef +Dr+. Schmidt einen siegreichen Vorstoß unternommen. Nachdem er sich durch Kundschafter über die örtlichen Verhältnisse genau informiert, hatte er mit 100 Mann das Rebellenlager, welches nach den Angaben der Eingeborenen 1000 Mann in sich bergen sollte, durch einen überraschenden Bajonettangriff genommen und die Gegner mit einem Verlust von 30 Toten geworfen, während diesseits nur Verwundungen zu verzeichnen waren. Dieser Erfolg wirkte bestimmend auf die Bewohner des Hinterlandes von Pangani ein, die von nun an ihren Vorteil darin sahen, zur Station zu halten. Auch Simbodja, der durch die Gefangennahme des +Dr+. Meyer und Baumann bekannte, mächtige Häuptling im Hinterlande von Pangani, hatte seine Absicht kund gegeben, sich dem Reichskommissar zu unterwerfen.
Buschiri war durch den Erfolg Gravenreuths bei Jombo vollkommen isoliert worden. Die Mafiti, welche bis dahin fest an einen Sieg Buschiris geglaubt und nun seinetwegen so starke Verluste erlitten hatten, außerdem ihren beim Einfall in Usaramo gemachten Raub nicht einmal hatten in Sicherheit bringen können, waren seine Feinde geworden und er mußte versuchen, sich ihrer Rache zu entziehen.
Buschiri wandte sich zunächst nordwärts und hielt sich in Nguru versteckt. Während dieser Zeit gelang es uns nicht, irgend welche sicheren Nachrichten über seinen Aufenthalt zu erhalten. Es wurde bereits die Befürchtung laut, es könne ihm gelungen sein, unter Umgehung von Mpapua nach Tabora durchzukommen, um hier den Widerstand der Araber gegen uns zu organisieren. Da plötzlich traf in Pangani die Nachricht ein, Buschiri wolle sich mit Bana Heri und dem Häuptling Simbodja verbinden und mit diesen die Station Pangani angreifen. Diese Nachricht wurde durch den uns freundlich gesinnten Häuptling Mohammed Soa dahin berichtigt, daß Buschiri sich in Muenda an der Grenze von Nguru mit den noch bei ihm gebliebenen Arabern und 50 Eingeborenen in einem Lager verschanzt, und daß er zu Simbodja Boten gesandt habe, um diesen zu einem gemeinsamen Vorstoß gegen die Küste zu überreden. Der Stationschef von Pangani, dessen Thätigkeit die überaus schnelle und günstige Entwickelung der Verhältnisse um Pangani insbesondere zuzuschreiben ist, erkannte, daß, wenn Buschiri im Hinterlande einen Stützpunkt für seine Pläne fände, die größte Gefahr vorhanden sei, daß alles bisher Erreichte mit einem Schlage wieder vernichtet würde.
Um dieser Gefahr vorzubeugen, setzte +Dr+. Schmidt ein Expeditionskorps aus der Stationsbesatzung zusammen und brach mit diesem am 2. Dezember in Eilmärschen von Pangani auf, um Buschiri den Weg nach Masinde zum Häuptling Simbodja zu verlegen. Nach zwei Gewaltmärschen kam die Expedition im Dorfe des Häuptlings Masiro an, welcher Buschiri mit Lebensmitteln unterstützt und ihm einen Esel geschenkt hatte. Das Dorf wurde zerstört und der Weitermarsch nach Muenda fortgesetzt. Kurz vor diesem Platz machte Schmidt Halt, erteilte dem Lieutenant Ramsay den Befehl mit einem Teil des Expeditionskorps das Lager nach Westen hin zu umgehen und von der Westseite aus dann gegen dasselbe vorzudringen, während er sich selbst mit dem Gros des Expeditionskorps an der Ostseite hielt.
Der Angriff wurde für Mitternacht festgesetzt. Niemand sollte außer im äußersten Notfall einen Schuß abgeben, jeder Lärm, jedes Geräusch sollte vermieden werden, um die Überrumpelung möglichst vollständig zu machen. +Dr.+ Schmidt drang mit den Askaris von der Ostseite ein. Diese hatten den Befehl, sofort auf die durch Ortskundige gezeigte Hütte Buschiris vorzudringen und diesen hierin festzunehmen. Aber ein planloses Schießen der Askaris warnte den Rebellenführer und gab ihm abermals Gelegenheit, noch im letzten Momente zu entkommen. Ohne die von +Dr.+ Schmidt aufs strengste verbotene Schießerei wäre der Coup vollkommen gelungen und Buschiri schon damals in unsere Hände gefallen. Von den eindringenden Truppen wurden die Leute im Lager, soweit sie nicht im letzten Augenblick noch entflohen waren, niedergemacht, und es zeigte sich am nächsten Morgen, daß der Feind 28 Tote, darunter viele Araber auf dem Platze gelassen hatte. Von unserer Seite wurde ein Zulu und zwei Suaheli leicht verwundet.
Tags darauf zog +Dr.+ Schmidt nach Manamgato, einem Orte in der Nähe von Muenda, wohin Buschiri geflüchtet und wo er von den Eingeborenen erschlagen sein sollte. Bei der Rekognoszierung der Leiche stellte es sich indes heraus, daß es nicht Buschiri, sondern einer der andern, in seiner Begleitung befindlich gewesenen Araber war. +Dr.+ Schmidt ging sodann mit zwei Kompagnieen nach Makororo zurück, um von hier aus weitere Nachforschungen anzustellen. Bereits vorher hatte Schmidt in der ganzen Umgegend bekannt gemacht, daß es verboten sei, Buschiri aufzunehmen, daß derjenige, welcher dies dennoch thäte, von ihm als Rebell behandelt würde, wer ihn dagegen festnehme, solle reichlich belohnt werden.
Am 7. Dezember traf denn auch die Nachricht von Jumbe Magaya ein, daß Buschiri zu Quamkoro an der Grenze von Nguru gefangen genommen sei. In zweitägigem Parforcemarsch ging es nun nach Quamkoro. Der Jumbe kam der Expedition schon entgegen und führte dann +Dr.+ Schmidt und die Offiziere der Expedition sofort nach der Hütte, in der Buschiri gefangen lag. Bei der Flucht aus der Boma von Muenda hatte Buschiri alles verloren und blos sich selbst, nur mit einem Lendentuch bekleidet, gerettet. In diesem Zustande fand man ihn in der dunklen Hütte vor, Hände und Füße mit schweren Eisenketten gefesselt, den Hals in eine Sklavengabel eingezwängt. Die herbeikommenden Askaris, welche mehrfach gegen Buschiri gefochten hatten, erkannten ihn sofort, und +Dr.+ Schmidt unterhielt sich mit Buschiri, der bereitwillig über alles Auskunft erteilte und seiner Verwunderung über das plötzliche Erscheinen der Deutschen hier an der Grenze von Nguru Ausdruck gab.
Der Marsch nach der Küste wurde am nächsten Morgen angetreten und hierbei selbstverständlich Buschiri sowohl auf dem Marsche wie im Lager auf das sorgfältigste stets von Europäern bewacht. Für den Marsch wurde ihm ein Esel als Reittier gegeben, zu beiden Seiten gingen Soldaten; in der Nacht schlief Buschiri im Zelte des Führers der Expedition, in welchem sich gleichzeitig die Lagerwache mit einem Europäer befand.
In Pangani wurde +Dr.+ Schmidt mit dem Expeditionskorps natürlich auf das freudigste begrüßt und allseitig zu seinem nicht zu unterschätzenden Erfolge beglückwünscht.
Dieser Erfolg war dadurch nicht geringer geworden, daß die Eingeborenen schließlich Buschiri selbst ausgeliefert hatten; Schmidt hatte es eben verstanden, die Bevölkerung so für sich zu gewinnen, daß sie endlich gegen den früher so mächtigen Rebellenführer Partei nahm.
Da Schmidt schon während des Marsches durch Eilboten Nachricht nach der Küste und von da an den Reichskommissar gesandt hatte, kam Wißmann tags nach der Ankunft des Expeditionskorps in Pangani an und begab sich sofort in das Gefängnis zu Buschiri. Der Rebellenführer antwortete auf die Fragen des Reichskommissars völlig unbefangen und gab alle Auskunft über die gegen uns gelieferten Gefechte sowohl wie über die Organisation des Aufstandes gegen die ostafrikanische Gesellschaft und die Absichten, welche er selbst (Buschiri) hierbei verfolgt hatte. Eine längstgehegte Vermutung unsererseits erhielt durch Buschiris Angaben Betätigung, nämlich, daß er vom Sultan von Sansibar zum Vorgehen gegen die Deutschen ermutigt, ja daß ihm von demselben sogar angeboten worden sei, er solle nach gutem Erfolge zum Vezir der Küste gemacht werden. Belege für die Wahrheit dieser Aussage konnte Buschiri indes nicht beibringen. In Verlegenheit geriet er, als ihm seine großen Schandthaten vorgehalten wurden, besonders sein Verhalten gegen den in den ersten Kapiteln erwähnten Handwerker Dunia, dem er seiner Zeit die beiden Hände abhacken ließ. Trotz allem glaubte Buschiri fest, daß er vom Reichskommissar begnadigt werden würde; er hatte sogar gebeten, ihn als Offizier in die Schutztruppe einzustellen, und versprochen, er würde dann ebenso wacker für uns kämpfen, als er früher gegen uns gefochten hätte.
Nach dem langen Verhör im Gefängnis durch den Reichskommissar bat Buschiri bei Eintritt der Abenddämmerung, als es Zeit wurde zum mohammedanischen Sechsuhrgebete, ihn allein zu lassen, damit er den Vorschriften seiner Religion gerecht werden könnte.
Am folgenden Tage wurde ihm sein Todesurteil bekannt gemacht, das er, obgleich es ihm unerwartet kam, doch gefaßt entgegennahm. Die Hinrichtung war auf den 15. Dezember, nachmittags 4 Uhr angesetzt. Dicht bei der Station in Pangani war auf einem freien Platz ein Galgen hergerichtet worden; um ihn herum nahmen die Truppen Aufstellung. Nach der Ankunft des Kommandanten mit seinem Stabe wurde Buschiri aus dem Gefängnis vorgeführt. Die feste Haltung, welche er bis dahin bewahrt hatte, verließ ihn hier vollständig. Als das Todesurteil durch den Adjutanten +Dr.+ Bumiller verlesen war, und eben der Kopf des Verurteilten durch die Schlinge gesteckt werden sollte, verlangte Buschiri nochmals den Reichskommissar zu sprechen: er habe noch sehr wichtige Enthüllungen zu machen. Diese Enthüllungen bestanden nur darin, daß er alle seine Schuld auf seinen treuesten Anhänger, den bereits öfter erwähnten Komorenser Jehasi, abwälzen wollte. Insbesondere behauptete er, Jehasi sei es gewesen, der mit Makanda zusammen die Mafiti geholt und zum Vorgehen gegen die Küste bewogen habe. Buschiri glaubte hierdurch sein Leben zu retten, erreichte jedoch nur, daß er, nachdem er namentlich bei Beginn des Aufstandes und in vielen Kämpfen Zeichen seiner Bravour und seines Organisationstalentes gegeben hatte, nun angesichts des Todes als Feigling der Verachtung anheimfiel.
Viel gefaßter zeigten sich die meisten anderen zum Tode durch den Strang verurteilten gläubigen Mohammedaner. Verfasser selbst hat die meisten, nachdem sie den Kopf freiwillig in die Schlinge gesteckt hatten, noch die Worte sagen hören: »Ich sterbe als guter Mohammedaner!«
Daß gegen Buschiri keine Gnade geübt wurde, war natürlich. Der ganze Aufstand hatte sich an seinen Namen geknüpft; solange er lebte, lag immer die Gefahr nahe, daß sich auf ihn die Hoffnungen der Unzufriedenen richten und in ihm eine Unterstützung finden würden. Seine Begnadigung wäre zudem ohne den geringsten Wert für uns gewesen; denn eine Macht hatte Buschiri nur nach seinem ersten ephemeren Erfolge im Aufstand gehabt; als der Erfolg sich von ihm abwandte, war er ebenso einflußlos wie früher. Die großen Araber ließen ihn fallen und nur besitzloses Gesindel scharte sich um ihn. Seine Angaben, daß er gute Verbindungen zu den Aufständischen von Kilwa und zu Bana Heri hätte, und daß er daher dem Reichskommissar von großem Nutzen sein könne, waren erlogen. So lag kein Grund für den Reichskommissar vor, dem Rebellenführer die wohlverdiente Strafe zu erlassen.
Im Lager Buschiris waren noch die Bagamoyo-Jumbes Bomboma, Malela und Pori mit 30 Männern und 200 Weibern und Kindern gefangen genommen und auf ihren Wunsch vom Reichskommissar von Pangani nach Bagamoyo geschickt worden. Von den Gefangenen wurden nach stattgehabter Untersuchung drei, nämlich Bomboma, Malela, weil sie sich bis zuletzt erbittert und verstockt gegen uns gezeigt hatten, und endlich derjenige Mann unter den Anhängern Buschiris, der, wie jetzt festgestellt wurde, im April dem Handwerker Dunia die Hände im Lager Buschiris abgeschlagen hatte, zum Tode durch den Strang verurteilt und am Galgen bei der Station Bagamoyo aufgeknüpft. --
Inzwischen hatte auch Herr von Gravenreuth auf seiner bereits erwähnten Expedition, unterstützt von Leuten, welche ihm der bereits früher erwähnte Häuptling Kingo von Morogro gestellt hatte, im Innern auf Buschiri gefahndet. Gravenreuth nahm den Aussagen der Kundschafter zufolge an, daß Buschiri weiter im Innern von Usegua und Nguru sich aufhalte. Einige Dörfer, die zu Buschiri und Bana Heri gehalten hatten, wurden bestraft. Im übrigen hatte Gravenreuth die französischen Missionsstationen Tununguo, Morogro und Mhonda besucht und überall, sei es durch strafendes Einschreiten, sei es durch friedliches Schauri für die Stärkung unseres Ansehens im Innern gewirkt.
Auch auf allen andern Küstenstationen entwickelten sich die Verhältnisse in durchaus befriedigender Weise. In Tanga war es dem Stationschef Krenzler gelungen, durch einen friedlichen Zug bis zur englischen Missionsstation Magila die Ruhe vollkommen zu sichern, und er hatte den Küstenplatz Tangata besetzt. In Pangani, wo nebenher die Stationsarbeiten gut vorgeschritten waren und ihrer Vollendung entgegengingen, bewiesen die eben erwähnten Ereignisse und die Stimmung der Eingeborenen, welche sich ja schließlich selbst gegen die Rebellen wandten, am besten die dort gemachten Fortschritte. Der im Bezirk von Daressalam noch unsichere Küstenplatz Kisiju wurde von Chef Leue und Lieutenant Johannes genommen und ein berüchtigter Araber gefangen, der in Daressalam aufgehängt wurde. An Stelle des in Mpapua verstorbenen Lieutenant v. Medem wurde im Januar 1890 der Chef v. Bülow als Stationschef nach Mpapua geschickt.
In der zweiten Hälfte des Dezember 1889 drangen Nachrichten über weitere Rüstungen Bana Heris im Hinterlande von Sadani und Mkwadja zu unsern Ohren. Wißmann, der um diese Zeit des Pascha wegen öfters nach Bagamoyo kam, erteilte mir den Auftrag, ein Expeditionskorps aus den in Bagamoyo verfügbaren Kräften und einem Teil der in Pangani befindlichen Expeditionstruppen zusammenzustellen und mit diesem eine Rekognoszierung im Hinterlande von Sadani und Mkwadja zu unternehmen, wenn möglich Bana Heri zu schlagen und nach Süden abzudrängen. Es standen mir zur Verfügung an Offizieren die Herren Chef v. Bülow, Lieutenant Johannes, Lieutenant Fischer und Deckoffizier Illich; ferner eine Anzahl deutscher Unteroffiziere und 250 Soldaten. Ein Teil wurde unter Bülows Führung von Bagamoyo nach Mkwadja gebracht, der andere von mir in Pangani, wohin ich mich am 24. Dezember begab, in der Weihnachtsnacht eingeschifft und am Vormittag des 25. Dezember ebenfalls in Mkwadja gelandet.
Am Nachmittag desselben Tages trat ich mit meiner vollzählig versammelten und mit Patronen, sonst aber nur mit dem allernotwendigsten Proviant (Zelte, Feldbetten, Reittiere u. s. w. wurden nicht mitgenommen) versehenen Expedition den Vormarsch nach Westen an. Die Zusammensetzung war folgende: Suaheli-Askari unter Deckoffizier Illich, eine Zulu-Kompagnie unter Chef v. Bülow, dazu Lieutenant Fischer, die kombinierte Sudanesen- und Zulu-Kompagnie unter Lieutenant Johannes, das Maxim-Gun unter Feldwebel Schulte. Während des größten Teils der Nacht wurde marschiert, in der Absicht überall möglichst unverhofft zu erscheinen. Diese Absicht wurde jedoch vereitelt, denn die Leute Bana Heris hatten durch Kundschafter schon von unserer Landung in Mkwadja erfahren und erwarteten uns. Sie warfen sich uns immer in kleinen Trupps entgegen, belästigten uns in unsern Lagern und Ruheplätzen bei Tage und bei Nacht, wurden aber überall in die Flucht gejagt. Immerhin gewannen sie auf diese Weise ganz genaue Kenntnis von unsern Bewegungen.
Am 26. Dezember nachmittags wurde Lieutenant Fischer von einem so schweren Sonnenstich betroffen, daß er von uns eigentlich schon aufgegeben wurde. Nur der aufopfernden Pflege des sehr verdienten Lazarettgehülfen Grucza gelang es, ihn durchzubringen, so daß er, wenn auch in bewußtlosem Zustande, mit uns einige Tage später an der Küste ankam und von dort nach Sansibar überführt werden konnte. Wir machten inzwischen mehrere Gefangene und zwangen diese, uns Führerdienste zu leisten, wobei sie wiederholt den vergeblichen Versuch machten, uns irre zu führen. Das wurde erst anders, als wir ihnen etwas unsanft bedeuteten, sie möchten im eigenen Interesse nicht mehr vom rechten Wege zur Boma Bana Heris, die wir als Ziel im Auge hatten, abweichen. Sie behaupteten indessen alle, eine solche Boma gebe es überhaupt nicht, Bana Heris Leute seien alle zerstreut.
Als ich, nachdem ich von der ursprünglich westlichen Richtung nach Süden abgebogen war, am späten Nachmittag des 27. Dezember mit der Tête der Expedition auf den Höhen nördlich von Mlembule eintraf, erhielten wir plötzlich heftiges Feuer, und zwar wie wir aus dem Pfeifen der Kugeln hörten, zum größten Teil aus Hinterladern (fast alles Snider-Gewehre) von sämtlichen die Höhe umgebenden Waldlisieren. Ich ließ die bei mir befindliche Abteilung, die Askari unter Illich, das Feuer gegen die Rebellen sofort eröffnen, und das Maxim-Gun, das gleich dahinter folgte, durch den Feldwebel Schulte in Thätigkeit setzen. Auch die Abteilungen unter Bülow und Johannes entwickelten sich, sobald sie herangekommen waren, und es gelang bald, die westlichen und südlichen Lisieren zu säubern, wobei die Rebellen sehr erhebliche Verluste erlitten.
Schon begann ich zu glauben, die Mitteilung unserer gefangenen Führer, die Leute Bana Heris seien im Gelände überall zerstreut und hätten ihre Hauptmacht nicht in einer befestigten Stellung versammelt, sei richtig, da die Rebellen sich uns in dem allerdings sehr coupierten, aber doch nicht befestigten Terrain mit Feuerwaffen entgegenstellten. Ich sandte Herrn von Bülow mit 50 Mann zur Verfolgung der in hellen Haufen fliehenden Feinde nach Süden, und Lieutenant Johannes nach Westen. Ich selbst setzte mit den übrigen Soldaten der Kompagnie von Bülow, den Askaris und dem Maxim-Gun das Feuer gegen die im Osten und Südosten noch standhaltenden Gegner fort. Als ich endlich auch diese in ungeregelter Flucht in der Richtung auf Sadani zu davoneilen sah, wollte ich eben die Verfolgung dahin aufnehmen nachdem ich den übrigen Abteilungen sowie der hinter uns befindlichen, von den Sudanesen gestellten Bedeckung für den bewußtlosen Lieutenant Fischer und dem Gepäck unter Führung eines Europäers Sadani als Sammelpunkt angegeben. Da eilte plötzlich ein ganzer Haufen Zulus von der Bülowschen Kompagnie aus der gegenüberliegenden Lisiere heraus. Außerdem kam ein Mann mit einer schriftlichen Meldung von Herrn von Bülow, seine Abteilung habe sich plötzlich bei der Verfolgung der Fliehenden vor einer starken Buschboma befunden; er habe sofort durch die noch offene Thür hineinstürmen wollen, habe aber heftiges Feuer erhalten und dabei den Sergeanten Ludwig und vier Zulus verloren. Die andern Zulus seien, durch diesen plötzlichen Verlust und das heftige Feuer entmutigt, feige geflohen; er allein mit acht Zulus halte noch vor der Boma.
Da Lieutenant Johannes mit seiner Abteilung weiter westlich noch mit der Säuberung des Geländes beschäftigt war, waren nur disponibel die Askari, 50 Zulus und das Maxim-Gun; mit diesen eilte ich sofort an die Stelle, wo die Boma sein sollte, Herrn von Bülow zu Hilfe. Dieser hatte inzwischen unter dem heftigsten feindlichen Feuer auf seinen Schultern den gefallenen Sergeanten Ludwig bis etwa 50 Schritt von der Boma zurückgetragen.
Angesteckt von der Mutlosigkeit und Verzagtheit ihrer Kameraden waren auch meine eigenen Zulus durchaus nicht vorzubringen, ja nicht einmal zum Ausschwärmen in gerader Linie zu bewegen. Das Feuer des Maxim-Gun und unsere Salven schienen ohne jede Wirkung auf die Boma zu sein, obgleich wir, Bülow, Illich, Schulte mit dem Geschütz und ich nur etwa 25 Schritt von den Pallisaden entfernt standen, deren Thür inzwischen wieder verbarrikadiert war. Das ununterbrochene Schnellfeuer aus der Boma heraus auf uns, die wir ganz ungedeckt auf dem schmalen zur Boma führenden Pfade standen, hatte trotz der lächerlich geringen Entfernung minimale Wirkung, da die Kugeln alle viel zu hoch gingen. Der Eintritt der Dämmerung, bis zu der wir vor der Boma feuernd gestanden hatten, -- d. h. wir Offiziere und Unteroffiziere und die Suaheli Askari, während die Zulus weiter hinten vorsichtig gedeckt lagen --, sowie auch unsere Verluste machten unsern schleunigen Abmarsch in freieres Terrain nötig. Glücklicherweise traf bald die Abteilung Johannes ein; dieselbe erhielt, da sie am meisten intakt und ohne Verluste war, auch zur Hälfte aus den aufs Beste bewährten Sudanesen bestand, den Befehl, den Rückzug zu decken. Die Arrieregarde aus den Sudanesen schlug die Rebellen, welche das Gelände geschickt benutzend auf uns noch feuerten, zurück, und war so trotz der unter den Zulus, dem Hauptkontingent meiner Truppe, eingerissenen Panik ein durchaus geordneter Rückzug ermöglicht. Weiter östlich in freierem Terrain blieben wir dann vollkommen unbehelligt und setzten unsern Marsch über Sadani nach Mkwadja fort, das wir am Nachmittage erreichten. Hier erfüllten wir die traurige Pflicht, dem braven Sergeanten Ludwig die letzten militärischen Ehren zu erweisen. Außer ihm waren auf unserer Seite noch neun Mann gefallen, ebensoviel waren außerdem verwundet. Die Verluste der Rebellen betrugen nach ihrer eigenen späteren Angabe ungefähr 50 Tote und eine Masse Verwundeter.
War das Gefecht auch ein unglückliches gewesen, so war doch ein Zweck meiner Expedition erreicht, nämlich die Stellung Bana Heris zu rekognoszieren, welche bisher noch von keiner unserer Expeditionen berührt worden war. Bald fand sich eine Fahrgelegenheit nach Sansibar, mit der ich Lieutenant Johannes absandte, um Major Wißmann Bericht zu erstatten und den Lieutenant Fischer ins Lazarett überzuführen. In seinem Bericht an den Reichskanzler über dieses erste Gefecht bei Mlembule sagt der Reichskommissar unter anderm:
»Wenn dieses Gefecht als für uns ungünstig verlaufen hingestellt werden muß, so kann man der Truppe, die einen Kranken und einen toten Weißen und neun verwundete Soldaten aus dem Gefecht trug und sich bei Dunkelheit geordnet zunächst zur Küste hinab und am nächsten Tage nach Mkwadja zurückzog, in Berücksichtigung ihres erst kurzen Bestehens Anerkennung nicht versagen. Sobald ich Meldung über oben berichtetes Gefecht erhielt, traf ich Maßregeln zum nachhaltigen Angriff auf Bana Heri.«
Wißmann zog alsbald alle disponibeln Truppen vor Sadani zusammen und es kam zu uns S. M. S. »Sperber«, um uns mit den intakten Truppen von Mkwadja an Bord zu nehmen und auf die Rhede nach Sadani zu bringen. Die Truppen wurden gelandet, ohne daß die Rebellen uns zu hindern oder auch nur zu stören versucht hätten. Wißmann suchte sogleich einen Platz für die sich als notwendig erweisende Station aus, und wir befestigten daselbst zunächst das von den gesamten Truppen bezogene Lager in provisorischer Weise. Im Ganzen hatten wir 500 Soldaten zur Verfügung, 40 Europäer und fünf Geschütze (ein Maxim-Gun, zwei 4,7 +cm+ und zwei 6 +cm+ Geschütze). Die Leute wurden in zwei Bataillone eingeteilt, das eine bestehend aus einer Sudanesen- und drei Zulu-Kompagnien unter Chef von Zelewski, das andere unter meinem Kommando, zusammengesetzt aus zwei Sudanesen-Kompagnien und den vereinigten Suaheli-Askari. Die Tage bis zum 3. Januar 1890 wurden dazu benutzt, die Truppen ordentlich einzuexerzieren und in die Hand ihrer zum Teil neuen Führer zu arbeiten. Besondere Mühe wurde natürlich nach den Erfahrungen bei Mlembule auf die Zulus verwendet.
Eine von mir mit Lieutenant Johannes und 80 Mann unternommene Rekognoszierung konstatierte, daß die Rebellen uns in der bewußten Buschboma erwarteten. Der 4. Januar war vom Reichskommissar zum Angriff bestimmt worden. Die Marschordnung war folgende: 1) 2. Bataillon unter meinem Kommando, 2) Artillerie unter Chef Krenzler, 3) 1. Bataillon unter von Zelewski.
Um 4 Uhr morgens brachen wir von Sadani auf, und kurz nach 6 Uhr trafen wir in Mlembule ein. Mit einem Bajonettangriff nahm ich zunächst eine unterhalb der Bana Heri'schen Buschboma gelegene ehemalige Befestigung ein, deren Palissaden die Aufständischen niedergerissen hatten, damit wir bei unserm Angriff hier nicht einen Stützpunkt und Deckung fänden. Um diese trefflich gelegene Position, von der aus einzelne Teile der Boma bequem zu sehen waren, entwickelte Wißmann seine Truppen. Unmittelbar bei jener Befestigung marschierte ich mit meinem Bataillon auf, rechts davon die Artillerie und Zelewski. Wir erhielten heftiges Feuer, wieder meist aus Hinterladergewehren, aus der etwa 400 +m+ entfernten Boma und hatten auch gleich einige Verwundete. Es folgte ein 3-1/2stündiges Feuergefecht, teils Zugsalven, teils Einzelfeuer der Europäer; letzteres besonders, wenn es darauf ankam, bei der Boma auftauchende feindliche Trupps wirksam zu beschießen; endlich Feuer der Artillerie, die sich zunächst mit Granaten einschoß und dann Shrapnels aus den 6 +cm+ Geschützen aufsetzte, welche gute Sprengpunkte erzielten. Nichtsdestoweniger hielten die Aufständischen in der Boma aus; allerdings wurde nach 2-1/2 Stunden ihr Feuer etwas schwächer. Es war wie wir später erfuhren, auf den Abzug einer Waniamuesikarawane zurückzuführen, welche Bana Heri auf dem Sadani-Wege abgefangen und zu seiner Unterstützung mit Gewalt gezwungen hatte. Ein Teil der feindlichen Wasegua umging, gedeckt durch das Dickicht, welches unsern linken Flügel und die Boma deckte, unsere Stellung, so daß wir plötzlich von hinten Feuer erhielten. Wir brachten dieses aber mit einigen Salven sofort zum Schweigen. Das Feuer aus der Boma war immer noch heftig genug. In einzelnen Pausen hörten wir, wie es auch damals bei meinem ersten Angriff der Fall gewesen war, einen Vorbeter in der Boma zu Allah rufen, und die Menge von Zeit zu Zeit einfallen mit dem bekannten +Allah Allah ill Allah+.
Noch nie war uns während des Aufstandes ein solcher Fanatismus entgegengetreten. Bana Heri hatte es wohl verstanden, ihn zu schüren, und die Leute so zum Kampfeseifer gegen uns anzuspornen. Nach 3-1/2stündigem Feuer, als uns die Munition bereits knapp zu werden anfing, wurde die Sudanesen-Kompagnie des Zelewskischen Bataillons unter Führung des Lieutenants End nach links detachiert, um einen Weg, der nach der Boma führte, und den besten Angriffspunkt zu rekognoszieren. Der Süden und Südosten schien am wenigsten befestigt zu sein, während der Westen, wo wir das erste Mal angriffen, die stärkste Seite der Boma bildete. Als von der ersten Kompagnie die Meldung geschickt wurde, daß von der linken Flanke ein Weg nach der Boma führe, sandte mich der Major dahin, um nach Hinzutritt der Kompagnie End zu meinem Bataillon mit diesem den Sturm zu unternehmen. Bis zu meinem Eintreffen an der Boma, das ich möglichst gedeckt bewerkstelligen sollte, wollte er das gesamte Feuer der Artillerie und des Zelewskischen Bataillons gegen die Gegner richten, um sie noch im letzten Augenblick, soviel als möglich, zu erschüttern, und uns so den Sturm zu erleichtern. In dem Moment, wo ich an die Boma so nahe herangekommen wäre, daß ich mit dem Bajonett vorzugehen beabsichtigte, sollte ich durch dreimaliges Schwenken der vorangetragenen Fahne ihm ein Zeichen geben, daß das Feuer einzustellen sei. Wenn der Sturm gelungen sei, sollte ich die deutsche Flagge an den Palissaden aufpflanzen.
Alles geschah wie verabredet. Wir gingen gedeckt im Grunde vor, bis wir 30 Schritt vor der Boma auftauchten und das Signal mit der Flagge gaben. Aus der Boma wurden wir mit einem anhaltenden Schnellfeuer empfangen, das mehrere Verwundungen herbeiführte, und zwar, da die Gegner diesmal zu tief schossen, nur Beinverwundungen. Ein Sudanese z. B. hatte vier Schüsse durch seine Beine. Nachdem wir noch eine Salve in die Boma geschossen hatten, ging es mit Hurrah vorwärts, worauf wir zunächst ebenfalls ein höhnisches Hurrah aus der Boma zurück erhielten. Es gelang jedoch, an verschiedenen Stellen Bresche zu reißen und in die Boma einzudringen, voran die zu meinem Stabe als Ordonnanz-Offiziere gehörenden Herren (Jahnke und v. Eltz) mit mir und die Europäer der unter uns rühmlichst bekannten Kompagnie End, gleich darauf Illich mit den Askari und die anderen Kompagnien.
Es war die härteste Arbeit, die bisher jemals bei der Einnahme einer feindlichen Stellung von den Truppen geleistet war. Bei unserem Eindringen flohen aber die letzten Gegner aus der Boma ins Dickicht der Umgebung. Die Freude über das Gelingen war unter den Soldaten so groß, daß sie, des Unterschiedes zwischen Offizier und Soldaten vergessend, alle zu uns, ihren Vorgesetzten, kamen und uns die Hände schüttelten, um sich gewissermaßen bei uns zu bedanken, während wir doch schließlich das, was wir geleistet, lediglich der Bravour unserer schwarzen Truppen, speziell der Sudanesen, zu verdanken hatten. In der Boma fanden wir eine große Anzahl Sprengstücke und Shrapnelkugeln, welche bewiesen, wie wirksam das Feuer unserer Artillerie gewesen war, und wie gut sich Chef Krenzler mit seinen Geschützen eingeschossen hatte.
Der Feind hatte sehr große Verluste gehabt, sodaß es zum ersten Male ihm nicht gelungen war, alle seine Toten mitfortzunehmen. Die intakteren Zulukompagnien wurden zur Verfolgung ausgesandt, die übrigens bei dem ungemein schwierigen Terrain von nur geringem Erfolge war, während wir an die Plünderung und Zerstörung der Boma gingen. Bei dem Gefecht hatten wir unsererseits 11 Verwundete, unter ihnen ein Europäer, der leicht verwundete +Dr.+ Stuhlmann. Der Sergeant Tanner hatte das Unglück, daß ihm beim Laden eines Geschützes eine Granate den Arm zerriß. Tags darauf erlag er seinen Verletzungen.
Über die Boma sagt der Bericht des Reichskommissars folgendes:
»Die Boma war die stärkste, die ich je gesehen. Hinter 4 +m+ hohen starken Palissaden waren mannshohe Erddeckungen aufgeworfen, die auch unseren Granaten widerstanden hatten. An den Ecken waren reguläre Bastionen erbaut, vor den Palissaden war ein freies Schußfeld von ca. 20 +m+, an das sich ringsherum die dichte, fast undurchdringliche Urwalddschungel schloß. Das Lager war bedeckt mit abgeschossenen Patronenhülsen, die bewiesen, daß der Feind hauptsächlich mit Hinterladern bewaffnet gewesen war. Der Feind hatte mit großer Bravour ausgehalten, jeder Baum in der Boma hatte eine große Anzahl von Schüssen aufzuweisen; die Shrapnels und Granatsplitter lagen überall im Lager umher. Leichen, die man nicht mehr hatte in den Wald schleppen können, zeigten Massen von Wunden.«
Und weiter:
»Der Kampf von Mlembule ist der erbittertste, den ich während der Zeit meines Wirkens hier geführt habe. Es erklärt sich dies aus folgenden Gründen. Bei der ersten kriegerischen Expedition, die ich durch Süd-Usegua gehen ließ, war die beschriebene Befestigung Mlembule nicht gefunden worden. Bana Heri hatte dagegen wahrscheinlich geglaubt, daß sie uns zu stark gewesen sei, um sie anzugreifen. Der Glaube an die Uneinnehmbarkeit hatte sich gesteigert durch den bereits gemeldeten abgeschlagenen Angriff meiner Truppen am 27. Dezember. Vor acht Jahren hatte Bana Heri die Truppen des Sultans Said Bargasch geschlagen. Bana Heri ist niemals besiegt worden. Er erkannte die Oberhoheit des Sultans von Sansibar an, soweit es ihm paßte, und erhielt jährlich Geschenke vom Sultan. Er hat sich nie Wali, sondern stets Sultan von Usegua genannt, und hatte, was besonders merkwürdig ist, während der Zeit des Aufstandes begonnen, eine Art religiöses Band um seine Anhänger zu schlingen. Aus diesen Gründen hat auch wohl Bana Heri meine mehrmals wiederholte Aufforderung, mit mir in Friedensverhandlungen zu treten, zurückgewiesen. Daß er Sadani nicht halten konnte, begründete er durch das große Übergewicht unserer Kriegsschiffe, wie überhaupt an der ganzen Küste die Ansicht herrschte, daß wir wohl unter den Geschützen der Marine oder mit weißen Soldaten ihnen überlegen seien, aber nicht im Lande, bis ich durch die Reise nach Mpapua und mehrere Gefechte im Innern ihnen diese Hoffnung nahm. Jetzt ist der Glaube an die Unbesiegbarkeit Bana Heris gründlich zerstört. Man hielt überall Mlembule für uneinnehmbar und kannte die große und besonders wohl bewaffnete Macht Bana Heris. Ein Zeichen dafür, wie ergeben die Südusegua ihrem Fürsten waren oder wie sehr sie ihn bisher fürchteten, ist der Umstand, daß es solange Zeit gelang, uns über den Verbleib und die Maßnahmen Bana Heris zu täuschen. Wir erfuhren stets, er treibe sich flüchtig im Lande umher, während er mit großem Fleiß und Geschick seine Befestigungen verstärkte. Außer der Besetzung von Sadani lasse ich die Schlupfwinkel für Dhaus an der Küste durch stationierte Fahrzeuge beobachten. Die Munition wird Bana Heri ziemlich ausgegangen sein.«
In den ersten Tagen nach der Erstürmung der Boma zu Mlembule ließ Wißmann den größten Teil des Expeditionskorps noch in Sadani versammelt, um, wie er es überall bei der Anlage von Stationen gethan, ihn zu den Befestigungsarbeiten heranzuziehen. Das war hier um so notwendiger, als der seit einiger Zeit gänzlich eingeäscherte Ort und die Umgegend im Umkreise von mehreren Meilen vollkommen von Menschen verlassen war, und der Platz nur von den Europäern und Truppen der Station wie einigen wenigen farbigen Handwerkern, die wir von andern Plätzen her engagiert hatten, bewohnt wurde. Ich erhielt den Befehl über die Station Sadani und wurde zugleich Chef des neu begründeten Distrikts der Stationsbereiche von Sadani und Mkwadja. Derselbe wurde im Süden durch den Wami begrenzt, wo der Distrikt Bagamoyo begann. Da Sadani nur als kleine Station geplant war, wurde die Umfassung ziemlich klein erbaut, und der Raum innerhalb derselben nach Möglichkeit für die Unterbringung der Europäer und der nötigen Gebäude ausgenutzt. In zwei Monaten gelang es mir, die Bauten im großen und ganzen fertig zu stellen.
Während Wißmanns Abwesenheit von Bagamoyo hatte der Kommandant des »Sperber«, Kapitän Voß, -- der überhaupt in der ganzen Zeit seiner Anwesenheit den Reichskommissar und uns alle aufs liebenswürdigste unterstützt und das regste Interesse für unsere Kolonien bewiesen hat -- selbst mit seinem Landungscorps die Station besetzt gehalten und es so Wißmann ermöglicht, mit allen seinen Truppen bei Mlembule einzugreifen. Vor Mkwadja, der Station des Herrn von Perbandt, die unter Umständen ebenfalls einem Angriff Bana Heris ausgesetzt sein konnte, lag die »Schwalbe«, unter dem ebenfalls in den ostafrikanischen Küstenkämpfen vielgenannten und verdienten Korvettenkapitän Hirschberg. Sperber und Schwalbe wechselten sich bei der vom Reichskommissar erbetenen Blockierung der Küste in der nächsten Zeit ab, und sind uns auch sonst vielfach von Nutzen gewesen. So hatten wir zum Beispiel Gelegenheit kameradschaftlichen Verkehr zu pflegen, und in Krankheitsfällen ward uns von Bord aus öfters ärztliche Hilfe zu Teil, da wir in unserm Distrikt Sadani keinen Arzt hatten. --
Um über die weiteren Bewegungen Bana Heris zur Klarheit zu gelangen, und den Sieg bei Mlembule auszunutzen, wurde Herr von Gravenreuth mit 120 Mann und einer Verstärkung durch irreguläre Truppen zur Rekognoszierung von Bagamoyo aus abgeschickt. Von meiner Stationsbesatzung hatte ich ihm 50 Mann abgegeben, sodaß mir nur noch 80 Mann übrig blieben. Ich erhielt den Auftrag, soweit ich vermochte, die Verbindung mit Herrn v. Gravenreuth aufrecht zu erhalten, und ihn von Sadani aus, wenn er es wünschte, zu unterstützen. Durch Patrouillen hatte ich festgestellt, daß Bana Heri in einem 5 Stunden von Sadani entfernten Dorfe, namens Palamakaa, seine Leute gesammelt hatte. Gravenreuth marschierte zunächst nach der Missionsstation Mandera und teilte mir von hier aus durch Boten seine Absicht mit, am 29. Januar die Rebellen in Palamakaa anzugreifen. Ich machte mich daher schleunigst mit 30 Mann und 3 Europäern, dem Lieutenant v. Arnim, Herrn von Nettelblatt, der als freiwilliger Krankenpfleger auf meiner Station war, und dem Feldwebel Kay, dorthin auf den Weg, um zu rekognoszieren. Als Führer dienten wieder unterwegs aufgegriffene Eingeborene. Ich kam, wie beabsichtigt, am 29. früh dort an, dem Tage, an dem Gravenreuth, seinem Schreiben gemäß, ursprünglich angreifen wollte. Da ich jedoch nirgends etwas von ihm gewahrte, blieb mir nichts übrig, als nach einigem Aufenthalte nach Sadani zurückzukehren. Hier fand ich die Schwalbe vor, und war so in der Lage, ohne zu große Sorge um die Sicherheit meiner Station, im ganzen 40 Mann aus der Besatzung herauszuziehen, mit denen ich mich alsbald wieder auf den Weg machte, in der Annahme, daß Gravenreuth sich vielleicht durch unvorhergesehene Hindernisse verspätet habe und doch noch nach Palamakaa kommen werde. Als ich auf einem andern Wege auf der Höhe von Palamakaa anlangte, wurden wir aus den Büschen heraus von einem größeren auf uns einstürmenden Trupp angegriffen, schlugen denselben jedoch durch gutgezielte Salven zurück. Von Herrn von Gravenreuth war wieder nichts zu sehen und zu hören. In Sadani empfing ich von ihm einen Brief aus Mandera, vom 28. vormittags, er habe von Mandera aus auf dem Wege nach Palamakaa einige kleinere zu Bana Heri haltende Ortschaften genommen, sei bereits am 28., nicht wie er ursprünglich wollte, am 29. auf den Höhen von Palamakaa angekommen, und dort heftig von den Rebellen, die er auf 1200-1400 Mann schätze, angegriffen worden. Dabei sei Sergeant Bauer schwer verwundet worden. Durch die Stärke der gegnerischen Stellung, besonders aber durch die numerische Überlegenheit der Feinde, sowie den Umstand, daß die Zulus abermals versagten, sei er zum Rückzuge auf Mandera genötigt worden, der ihm, als sein erstes Zurückweichen, freilich bitter genug angekommen sei. Er müsse unter diesen Umständen auch ein gemeinsames Vorgehen gegen Bana Heri für zwecklos erachten, und wolle nach Bagamoyo eilen, um von dort aus Wißmann zu berichten. Es müsse wieder mit allen verfügbaren Truppen eingegriffen werden. Lieutenant Langheld war von Herrn von Gravenreuth zu Mandera in der Missionsstation zum Schutze derselben mit einer kleinen Besatzung zurückgelassen worden.
Einige Zeit vorher hatte der Reichskommissar das Expeditionskorps unter dem Kommando des Chefs +Dr.+ Schmidt von Pangani aus zu Simbodja abmarschieren lassen, der ja, wie früher erwähnt, eine friedliche Einigung mit uns wünschte. In Begleitung von +Dr.+ Schmidt befand sich der Kilimandscharo-Reisende Ehlers, welcher mit Geschenken Sr. Majestät des Kaisers zum Sultan Mandara wollte und Herr von Eltz, welcher im Auftrage Wißmanns den kleinen Posten am Kilimandscharo befehligen sollte.
+Dr.+ Schmidt hatte zunächst in Lewa, der bekannten Tabaksplantage, eine Besatzung von 10 Mann unter Lieutenant von Behr zurückgelassen zum Schutze der Angestellten der Plantagengesellschaft, welche ihre Arbeiten wieder aufnehmen wollte. Von hier aus zog Schmidt weiter nach Masinde, dem Hauptsitze Simbodjas, wo er am 6. Februar eintraf.
Die Verhandlungen führten dazu, daß Simbodja sich vollkommen unterwarf, 1000 Rupies in Geld und circa 2800 Rupies in Elfenbein als Strafe für die Gefangennahme des +Dr.+ Meyer und +Dr.+ Baumann zahlte, die in seinen Händen befindlichen Hinterlader zurückgab und sich zum Gehorsam und zur Heeresfolge gegen uns verpflichtete. Andererseits wurde ihm die verantwortliche Beaufsichtigung des nördlichen Teils von Usambara übertragen gegen ein Gehalt von 100 Rupies oder etwa 150 Mark monatlich. Die deutsche Flagge, welche Simbodja von nun an zu führen hatte, wurde in Masinde gehißt.
Darauf ging +Dr.+ Schmidt auf der großen Karawanenstraße weiter bis Gonja. Von hier aus zog dann Herr Otto Ehlers sowie Herr von Eltz auf dem von nun an sicheren Wege zum Sultan Mandara weiter. Von Gonja bog +Dr.+ Schmidt nach dem Umba ab und kehrte von dort nach der Küste zurück. Er wurde hier bereits sehnlichst erwartet, da seine Truppen in der Aktion gegen Palamakaa mit verwandt werden sollten.
Der Reichskommissar zog alle verfügbaren Truppen wiederum in Sadani zusammen, so daß daselbst eine Macht von insgesamt 700 Mann mit 5 Geschützen versammelt war. Um, wenn möglich, überraschend zu erscheinen, wurde in der Nacht vom 8. zum 9. März um 11 Uhr der Abmarsch angetreten, in folgender Ordnung:
1. Avantgarde: die aus dem Distrikt Sadani herausgezogene Stationsbesatzung (Rochus Schmidt);
2. 1. Bataillon (+Dr.+ Schmidt);
3. 2. Bataillon (von Gravenreuth);
4. 3. Bataillon (von Zelewski).
Um 5 Uhr morgens trafen wir vor Palamakaa ein. Palamakaa ist ein Komplex von zehn Dörfern, welche alle in einem weiten, von den Usegua-Bergen umzogenen Thale liegen. Die ersten Dörfer, auf welche wir stießen, waren verlassen. Befestigungen wurden durch die absuchenden Patrouillen nicht gefunden und es wurde uns durch Gefangene bestätigt, daß größere Befestigungen nicht vorhanden seien. Die Gegner, durch die Erfahrung von Mlembule belehrt, daß sie auch in der stärksten Boma uns auf die Dauer keinen Widerstand leisten könnten, zogen es vor, das dortige sehr coupierte Terrain zu Kämpfen in einzelnen Abteilungen gegen uns auszunutzen.
Die uns entgegengeworfenen Trupps wurden mit leichter Mühe einzeln zurückgeschlagen und die im Thale gelegenen Ortschaften nach einander zerstört.
Am Nachmittag des 9. März wurde, nachdem alle unsere Abteilungen an den verschiedensten Stellen ins Gefecht gekommen und überall siegreich gewesen waren, ein gemeinsames Lager in etwas erhöhter Stellung bezogen, um von hier aus die Bewegungen des Gegners zu rekognoszieren.
In dieser für uns günstigen Stellung wurden wir noch am selben Tage von mutig und schneidig, aber vollkommen sinnlos draufgehenden Rebellentrupps von mehreren Seiten angegriffen, die aber, wennschon sie eine Zeit lang das Feuer gegen uns unterhielten, leicht abgewiesen wurden. Auch hier operierte Wißmann entweder mit Salvenfeuer, oder bei günstigen Gelegenheiten mit Einzelfeuer der Europäer.
Am späten Nachmittage wurden starke Patrouillen nach verschiedenen Richtungen hin ausgesandt, welche die noch auftauchenden Rebellen zurücktrieben und die noch nicht zerstörten Ortschaften einnahmen und verbrannten, bis auf eine verhältnismäßig stark besetzte, im Dickicht belegene Position, gegen die eine nur aus Schwarzen bestehende Abteilung nichts auszurichten vermochte. Hierhin wurde am Morgen des nächsten Tages Herr von Gravenreuth mit seinem Bataillon abgeschickt, der denn auch nach einer kurzen Beschießung mit Granaten und dem Maxim-Gun die Position nahm und den Gegner, soweit es das Gelände zuließ, verfolgte.
Der größte Teil der andern Truppen wurde zur Absuchung der weiteren Umgebung benutzt, doch wurden nur noch vereinzelt Rebellen angetroffen. Es stellte sich heraus, daß der Feind in den einzelnen Abteilungen, in denen er uns angegriffen hatte, nach den verschiedensten Richtungen abgezogen war und die Gegend verlassen hatte. Er hatte 40 Tote: 30 davon waren beim Sturm auf unser Lager gefallen, während bei uns nur der Oberbüchsenmacher Bauernschmidt, dem der Daumen der rechten Hand abgeschossen war, und vier Sudanesen verwundet waren.
Die meisten Aufständischen waren bereits vor dem eben beschriebenen Gefecht weggezogen, die noch vorgefundenen wurden auf etwa 400 geschätzt. Bana Heri selbst sagte später aus, daß er sich in der ganzen Zeit versteckt gehalten habe, weil er nach dem verunglückten Angriffe Gravenreuths einen Angriff der ganzen Schutztruppe wie bei Mlembule vorausgesehen habe.
Lebensmittel waren zu Palamakaa nur noch wenig vorhanden und die Stimmung der Eingeborenen wandte sich immer mehr und mehr von Bana Heri ab. Es wurde ihnen verboten, ihn in ihren Dörfern aufzunehmen und die Rebellen mit Lebensmitteln zu unterstützen.
Lieutenant Langheld war in Mandera mit einem Trupp von 50 Mann postiert worden und hatte den Befehl erhalten, auf flüchtige Trupps der Aufständischen zu fahnden; es gelang ihm auch, eine Schaar von Arabern und Wasegua zu zersprengen.
So konnte, da das Terrain von Palamakaa gesäubert war und eine weitere Verfolgung aussichtslos erschien, am 10. März der Rückmarsch nach der Küste angetreten werden, auf dem wir leider vier schwere und einige leichte Fälle von Hitzschlag hatten und zwar meist bei den erst vor einigen Tagen eingetroffenen Europäern. Es verstarben infolgedessen die Unteroffiziere Gombert und Witzick, welche dann in Sadani beerdigt wurden.
Der aus Deutschland mit dem Transport neuer Offiziere und Unteroffiziere eingetroffene Major Liebert hatte am Gefechte bei Palamakaa in der Begleitung des Majors Wißmann teilgenommen und bereiste in der folgenden Zeit mit dem Reichskommissar sämtliche Stationen, um auf Grund dessen, was er sah und hörte, im Stande zu sein, die nächste Vorlage betreffs der Schutztruppe vor dem Reichstage zu vertreten. Auf dieser Besichtigungstour war ihm auch Gelegenheit gegeben, selbst mit einem Trupp farbiger Offiziere gegen einen Häuptling, der sich gegen den in Lewa stationierten Offizier aufgelehnt hatte, im Verein mit +Dr.+ Bumiller einzuschreiten.
Mit Bana Heris Macht im Hinterlande von Sadani war es, wie erwähnt, nach jenem Gefecht bei Palamakaa zu Ende. Dazu zwang ihn und seine Leute der Hunger, mit uns in Unterhandlungen zu treten, die durch den neu eingesetzten Jumbe von Mkwadja vermittelt wurden.
Da der Reichskommissar den Einfluß Bana Heris auf die Bevölkerung von Usegua ausnutzen wollte, wurde ihm anbefohlen, sich mit seinen Leuten an einem bestimmten Tage auf der Station Sadani einzufinden. Der Befehl über Sadani war nach dem Gefecht bei Palamakaa auf den Lieutenant Sigl übergegangen. Der Verfasser hatte zu dieser Zeit den Auftrag erhalten, im Verein mit +Dr.+ Stuhlmann die Expedition des +Dr.+ Emin Pascha, welche in einem besonderen Kapitel behandelt werden wird, Soldaten, Träger und Lasten zusammenzustellen.
Im Auftrage des Reichskommissars sollte Herr von Gravenreuth in Sadani die Verhandlungen wegen der Übergabe Bana Heris zu Ende führen. Korvettenkapitän Valette, der älteste Offizier der Marinestation, hatte auf die Bitten des Reichskommissars dem Kommandanten des »Sperber« den Befehl erteilt, nach Sadani zu gehen, um dort für den allerdings von vornherein ziemlich unwahrscheinlichen Fall, daß der mit bedeutender Macht heranrückende Bana Heri ein falsches Spiel triebe, zur Hand zu sein. Die Besatzung der Station Sadani bestand nur aus 50 Mann, dem Stationschef Sigl, Lieutenant von Arnim, +Dr.+ Freiherr von Nettelblatt und 3 Unteroffizieren. Der »Sperber« hatte den ausdrücklichen Befehl, nach 24 Stunden wieder nach Sansibar zurückzukehren.
Am 3. April nachmittags fuhr Gravenreuth auf der »München« nach Sadani hinüber. In seiner Begleitung befanden sich der Wali von Pangani, Soliman ben Nassr, durch den im Verein mit dem uns ergebenen Jumbe von Mkwadja Bana Heri die Unterwerfungsverhandlungen mit dem Reichskommissar geführt hatte, und Bana Omari, ein Sohn Bana Heris. Nach der Ankunft in Sadani begab sich Bana Omari sofort ins Innere in die Gegend von Palamakaa, um Bana Heri die Nachricht von der Ankunft Gravenreuths zu überbringen mit der Aufforderung, sich nun selbst in Sadani zwecks der näheren Verhandlungen einzufinden. Bereits in den letzten Tagen hatte sich in der Station von Sadani eine Reihe von Leuten Bana Heris eingefunden, da derselbe nicht mehr in der Lage war, seine Anhänger zu ernähren. Der Hunger trieb dieselben, sich an uns Deutsche an der Küste zu wenden. Sie wurden auf der Station aufgenommen, untergebracht, verpflegt, leisteten drei Tage lang wahrhaft unglaubliches im Essen und Schlafen und meldeten sich dann zur Arbeit.
Am 4. April, Freitags, traf der »Sperber« vor Sadani ein; am Sonnabend kamen Boten von Bana Heri mit der Nachricht, derselbe könne erst am nächsten Tage erscheinen, da er krank sei und nur langsam marschieren könne. Da er aber auch an diesem Tage, dem Ostersonntag, bis Mittag nicht erschienen war, mußte der »Sperber« infolge des erhaltenen Befehls abdampfen und nach Sansibar zurückkehren. Fast in demselben Augenblick, als der Sperber Anker aufging, erschien im Gelände hinter der Station der Jumbe von Mkwadja mit zwei Begleitern und der Meldung, daß Bana Heri ihnen auf dem Fuße folge. Gleich darauf sah man von der Station aus eine lange Menschenreihe sich auf diese zu bewegen, voran eine weiße Fahne, das Zeichen des Friedens. Der Schall der Negertrommel wurde gehört. Dann erschien eine zweite weiße Fahne, gleich darauf von andrer Seite her ein dritter Trupp: -- Bana Heri war im Anrücken.
Die ganze Gesellschaft hielt zunächst vorsichtig in dem Bett eines nur zur Regenzeit Wasser enthaltenden Flusses dicht bei der Station. Omari, Bana Heris Sohn, löst sich aus den Reihen und begiebt sich nach der Station hin, aus der ihm schon der Stationschef Sigl und Lieutenant von Arnim entgegengehen. Er erhält die Weisung, Bana Heri habe sich mit seinen ganzen Truppen in der Ebene hinter der Station zu lagern. Innerhalb der Station war alles bereit. Die Geschütze waren geladen, ebenso standen die Soldaten fertig, doch war Europäern und Sudanesen streng verboten, sich auf den Bastionen und an der Brustwehr zu zeigen, um nicht den Leuten Grund zum Mißtrauen und zur Furcht zu geben, und so im letzten Augenblick ein allgemeines Ausreißen zu veranlassen.
Es wälzt sich nun die ganze Masse in die Ebene, etwa 400 Mann an der Zahl. Voran geht eine seltsame Gestalt, von dem Kopfe stehen nach beiden Seiten zwei mächtige, aufgerichtete Adlerflügel ab, den Rücken bedeckt ein Löwenfell, perlengestickte Bänder hängen vom Körper herab, -- so trippelt der Zauberer und Vortänzer, denn er ist es, in kurzem Trabe und in Schlangenlinien vor dem Zuge her, beschreibt Kreise und läuft unermüdlich hin und her. Ihm folgen drei Trommler, auf mächtigen Gomas (Negertrommeln) einen langen Wirbel schlagend, dann die weißen Fahnen, ihnen nach die Krieger, Araber, Belutschen, Sklaven, Waniamuesi, Wasegua, alle möglichen Stämme. Die meisten Leute sind sehr gut, viele Araber prächtig gekleidet, einige Neger befinden sich im Kriegsschmuck mit aufgerichteten Federbüscheln bedeckt. Fünf buntgeschirrte Esel befinden sich im Zuge. Fast alle Leute sind mit Gewehren bewaffnet, nur etwa dreißig tragen Speere oder Bogen und Keulen. So bewegt sich der Zug auf die Station zu. Da der ihnen angewiesene Platz gerade unter der Mündung des großen Feldgeschützes liegt, -- für den Neger ein höchst verdächtiger Umstand, -- so bitten sie, im Grunde des oben erwähnten trockenen Creeks lagern zu dürfen.
Hier findet das unvermeidliche, unendliche Schauri statt: Stationschef Sigl und der Wali von Pangani verhandeln mit Bana Heri. Dieser wieder macht Schauri mit seinen Leuten, das länger als drei Viertel Stunden dauert. Endlich kommt es zu einem Resultat. Stationschef Sigl meldet Herrn von Gravenreuth, Bana Heri ließe seinen Salaam sagen und bitte um die Erlaubnis, ihn selbst begrüßen zu dürfen. Er sei in ganz friedlicher Absicht gekommen; was ihn beträfe, so sei der Krieg aus und vorbei, und er unterwerfe sich allem. Zu bitten habe er folgendes: Er sei heute mit seiner besten Macht gekommen, um in möglichst feierlicher Weise seine Unterwerfung zu erklären; nun habe er noch 500 Mann in seinem Lager bei Palamakaa, ebenso seien dort die Weiber und die Kinder und das ganze Gepäck. Zu essen hätten sie garnichts, Munition ebensowenig. Herr von Gravenreuth möge gestatten, daß er selbst mit einer Abteilung wieder abzöge, um jenes Lager herbeizuholen, bezw. die Leute in ihre Dörfer zu entlassen. Die andern Abteilungen sollten in der Nähe sich niederlassen dürfen. Es möchten ihnen Schutzbriefe gewährt werden.
Alle Punkte wurden zugestanden. Sogleich kam das ganze Lager auf die Beine und im feierlichen Zuge in der vorher beschriebenen Ordnung nähert sich die Menge dem vorderen Eingange zum Fort. Der Zauberer und die Fahnenträger pflanzten sich im Hofe auf und Gravenreuth begiebt sich mit den übrigen Europäern hinunter an den äußeren Eingang. Hier harrte Bana Heri, sein Sohn Abdallah, Omari, Jehasi, mehrere Araber, 14 Jumbes und die ganze Macht.
Bana Heri selbst trägt ein gelbseidenes Araberhemd, den Kopf von einem blauen, glatt anliegenden, hinten zu einem Knoten geschürzten Tuche umwunden. Im Gürtel steckt der prächtige Maskatdolch. Als Herr v. Gravenreuth auf ihn zutrat, legte er die Hand zum Gruße an die Stirn, ergriff dann mit beiden Händen Gravenreuths Rechte und begrüßte ihn mit »+Jambo, jambo sana, jambo sâânââ+« (sei gegrüßt, sei herzlich gegrüßt, sei auf das allerbeste gegrüßt). Dann fügte er hinzu: »Ach, Herr, wäre ich doch Deinem Briefe gefolgt!« (Herr von Gravenreuth hatte ihn schon bei Ausbruch des Aufstandes zur Übergabe aufgefordert.) Das Ganze machte den Eindruck, als ob Bana Heri außerordentlich froh sei, den Krieg beendigt zu sehen. Mit großer Herzlichkeit schüttelte er allen Anwesenden die Hände. Dann bat er selbst nochmals, sogleich abziehen zu dürfen, was ihm erlaubt wurde, zumal ein schrecklicher Regen den Aufenthalt im Freien im Augenblick besonders lästig machte und alle bis auf die Haut durchnäßte. Bana Heri versprach noch, in spätestens vier Tagen wieder zurück zu sein, bat, sich wieder in Sadani niederlassen und vorher nach Sansibar kommen zu dürfen, um Major Wißmann seinen Salaam zu sagen. Er erhielt Reis und Matama und nach vielen herzlichen Danksagungen und Salaams zog er ab.
Abdallah, Omar, Jehasi und die Jumbes blieben im Fort zurück, um ihre Schutzbriefe zu erhalten. Jehasi erklärte sehr vergnügt, nun sei aller Krieg vorbei, sie hätten absolut nichts mehr zu essen gehabt. Dann sprach er voll Bewunderung von unserm Maximgeschütz, welches bei Palamakaa in Tätigkeit war, und dessen Wirkung er auf eigentümliche, hier nicht wiederzugebende Weise deutlich machen wollte. Das Geschütz sei ihm, obwohl er sich sehr gut auf Kanonen verstünde, absolut unerklärlich.
Bana Heri persönlich sandte später als äußeres Zeichen seiner Unterwerfung an den Reichskommissar sein arabisches Schwert.
Die Jumbes der Umgebung von Sadani, welche sich mit den Truppen eingefunden hatten, wurden mit Schutzbriefen versehen, und alles zog wieder ab, um sich in der nächsten Zeit in Sadani anzusiedeln und den Ort wieder aufzubauen.
Der Aufstand im Norden war mit der Unterwerfung Bana Heris erledigt. Im ganzen hatte letzterer nach dem Gefecht bei Palamakaa immerhin noch 1200 Leute gehabt, die sich nun, soweit sie nicht in Sadani selbst sich wieder ansiedelten, nach Mkwadja, Uwindji, Windi oder Mlembule wandten und alle unter der Kontrolle der Stationschefs von Sadani und Mkwadja standen.
Es ist sowohl in Afrika von eifrigen, mit den Verhältnissen nicht vertrauten Offizieren der Schutztruppe und Beamten wie in Deutschland vielfach darüber geklagt worden, daß Wißmann, der doch mit Buschiri kurzen Prozeß gemacht hätte, gegen Bana Heri eine allzu große Langmut bewiesen habe, und es wird die Milde, die er gegen Bana Heri und gegen den bereits früher erwähnten Simbodja hat walten lassen, ihm als Schwäche oder als Inkonsequenz ausgelegt. Ich habe schon bei Buschiri darauf hingewiesen, daß Gründe, diesen Rebellenführer zu schonen, absolut nicht vorlagen, weder Milderungsgründe für ihn, noch Nützlichkeitsgründe für uns. Bei Bana Heri und Simbodja lag die Sache anders. Abgesehen davon, daß Bana Heri, der die Übergabe-Verhandlungen, wie erwähnt, durch Soliman ben Nassr und den Jumbe von Mkwadja hatte führen lassen, eine Schonung seiner Person und der Leute, die sich dem Reichskommissar stellten, als Grundbedingung gestellt hatte, war für Wißmann ganz besonders die Absicht maßgebend, aus dem großen Einfluß, den Bana Heri in Usegua und Nguru ausübte, für uns Nutzen zu ziehen.
In dieser Berechnung hat sich der Reichskommissar nicht getäuscht. Bana Heri sowohl, wie seine viel schwieriger zu behandelnden Söhne haben sich nicht nur stets ruhig verhalten, sondern auch die vorher öfters beunruhigte Sadanistraße durch Usegua und Nguru in Ordnung gehalten. Verfasser selbst hat im vergangenen Jahre in Nguru, das durch Krieg stark heimgesucht war, durch die Benutzung des Einflusses Bana Heris und seines Sohnes Abdallah den Frieden auf die einfachste Weise wieder hergestellt.
Simbodjas Vergehen ist nur gewesen, daß er durch die Ereignisse an der Küste sich auch seinerseits im Innern zum Aufstand aufreizen ließ und dem Gebote Buschiris Folge leistete. Er folgte auch diesem Zwange, als er +Dr.+ Meyer und +Dr.+ Baumann auf Buschiris Befehl festnahm. Daß er dann ein Lösegeld auch für sich erpreßte, ist noch kein Grund, ihn zu opfern.
Das Urteil der mit den Verhältnissen im Hinterland von Pangani vertrauten Persönlichkeiten, -- und das ist nicht das Urteil flüchtig das Land durchziehender Reisender, wie +Dr.+ Meyer, sondern das Urteil der dort jahrelang thätigen Beamten und Offiziere, -- geht dahin, daß der Einfluß Simbodjas uns von großem Nutzen ist und die Gegend vor den Übergriffen vieler kleiner Häuptlinge sichert. Voraussetzung dabei ist natürlich, daß Simbodja stets unsere Autorität vor Augen hat und gelegentlich ausdrücklich an dieselbe erinnert wird.
Erst später ist bekannt geworden, daß tatsächlich Mohammed ben Kassim, von dem noch an anderer Stelle gesprochen werden wird, mit 600 Mann aus Tabora und Udjidji zur Verstärkung Bana Heris herannahte. Wir hätten also noch ernste Kämpfe gegen Bana Heri zu bestehen gehabt, wenn nicht den Friedenswünschen desselben Gehör geschenkt worden wäre, und wir hätten uns dadurch der Möglichkeit beraubt, mit allen Mitteln an die Wiedereroberung des Südens zu gehen.
10. Kapitel.
Die Stationen und der Dienst auf denselben.
Bedeutung Bagamoyos und der indischen Kaufleute. -- Negerbevölkerung. -- Station Bagamoyo. -- Posten bei Mtoni. -- Sicherung der Karawanenstraße durch die Station Mpapua. -- Kleinere Posten. -- Besetzung der Stationen. -- Bauten. -- Armierung. -- Der Stationsdienst. -- Machtbereich der Stationschefs. -- Regelung des Karawanenverkehrs. -- Viehankäufe. -- Dienst der Gruppen auf den Stationen. -- Die Rechtsprechung. -- Verwendung der Walis und Akidas. -- Verwendung mächtiger Häuptlinge im Innern. -- Die deutschen Unteroffiziere.
Wir haben schon bei der Entwickelung der Geschichte des Aufstandes der Gründung einzelner Stationen Erwähnung gethan. Um ein richtiges Bild von der außerordentlichen Thätigkeit, welche hierbei seitens aller Angehörigen des Kommissariats entfaltet werden mußte, zu geben, um ferner den Plan Wißmanns zu verstehen, die Küste nicht nur wiederzuerobern, sondern ein für allemal militärisch und handelspolitisch zu sichern, muß auf die einzelnen Stationen an dieser Stelle eingegangen werden. Als wichtigste und erste derselben zählt naturgemäß Bagamoyo. In der Nähe der Kinganimündung in einer fruchtbaren Ebene Usaramos gelegen, hatte Bagamoyo vor dem Aufstand bereits die bei weitem höchste Bedeutung unter allen Küstenstädten erlangt. Hier mündet die große Karawanenstraße von Tabora und den Seen über Mpapua. Alljährlich erreichten etwa 80 Tausend Träger in Bagamoyo die Küste und zogen von hier wieder ins Innere hinein, der Stadt das Gepräge eines überaus regen Geschäftsverkehrs und Lebens verleihend.
Die Stadt selbst bestand bereits damals zum großen Teil aus Steinhäusern von mitunter bedeutendem Umfang, außerdem aus Negerhäusern, Lehmbauten oder einer Art Erdhütten, deren Herstellung in der Weise geschieht, daß ein Gerüst aus eng aneinander stehenden, harten Stämmchen aufgerichtet und wagerecht mit demselben Material überflochten wird, sodaß eine Unzahl kleiner Vierecke offen bleibt. Eine zweite Wand wird parallel zur ersten in derselben Weise aufgerichtet und der Zwischenraum mit fest gestampfter Erde ausgefüllt. Als Bedachung dienen Palmenblätter. Endlich bedeckten gewöhnlich ein Unzahl von Trägerhütten, lediglich aus Palmenzweigen erbaut, den Strand.
Die Bevölkerung der Stadt bildeten in erster Linie vornehme und reiche Araber, deren Schamben (landwirtschaftliche Plantagen) unmittelbar an Bagamoyo grenzten; ferner in weit größerer Zahl Inder und zwar Hindus, Mohammedaner, wenige Banianen. Die Inder haben in erster Linie den Kleinhandel und den Ladenverkauf in Händen und dienen ferner den indischen Großkaufleuten in Sansibar als Agenten, welche ihrerseits den Karawanenhandel, d. h. die Lieferung an Tauschartikeln und den Ankauf der gebrachten Produkte des Innern, vornehmlich Elfenbein, Sesam, Kopal und Erdnüsse völlig in ihre Hand gebracht hatten. Die eigentliche Negerbevölkerung Bagamoyos bestand nur zum geringsten Teil aus eingeborenen Wasaramos, zum bei weitem größeren Teil aus Mischlingsnegern der verschiedensten Stämme der Küste und des Innern, Mischlingen von Arabern und Negern, Suahelis und dergleichen mehr.
Die ständige Bevölkerung der Stadt dürfte etwa 15000 Seelen betragen, zu denen jedoch meist etwa 2-3000 gerade in Bagamoyo anwesende Träger, Waniamuesi oder Wassukuma, -- häufig bedeutend mehr, -- hinzukamen. So bildete Bagamoyo naturgemäß den Hauptkernpunkt des ganzen Aufstandes. Sein Name war bis in das tiefste Innere hinein bekannt. Der Begriff von Reichtum und Macht war mit ihm für jeden Neger unauflöslich verbunden. Es mußte daher natürlich die Hauptaufgabe des Reichskommissariats sein, diese Stadt dauernd in den deutschen Besitz zu bringen und vor jeder weiteren Berührung mit dem Aufstand ein für allemal zu schützen. Die Anlage der Station Bagamoyo wurde von vornherein in großartigem Maßstabe begonnen und durchgeführt. Zum eigentlichen Fort wurde ein umfangreiches, starkes Gebäude umgebaut, welches dem Inder Sewa Hadji gehörte, mit der Front nach dem Meere zu gelegen und nur durch einen etwa 300 Schritt breiten Raum davon getrennt. Ein aufgesetztes Stockwerk und ein angebauter Flügel gewährten Raum für die Unterbringung von Offizieren, Unteroffizieren und Bureaus. Um das Gebäude herum, teilweise daran sich anlehnend, zog sich eine starke Umfassungsmauer mit Eckbastionen; im Innern lehnten sich an diese Umfassungsmauer massive Wohnräume für die Besatzung. Die vordere Eckbastion des Forts bestrich mit ihren Geschützen die ganze Hauptstraße von Bagamoyo, wie denn überhaupt die Stadt unter das Feuer des Forts genommen werden konnte. Neben dem Hauptfort erhob sich am entgegengesetzten Ende der Stadt die sogenannte Zulukaserne, ein ebenfalls festes Steinhaus, in welchem das Expeditionskorps kasernierte.
Noch weiter nach Nordwesten war gegen die französische Mission hin der sogenannte Dundaposten, in einem kleinen kugelsicheren Steinhaus untergebracht.
Jedes einzelne der genannten Gebäude war mit einem starken Stacheldrahtzaun umgeben, das Schußfeld durch Rasieren der Bäume und Sträucher frei gemacht. Um eine noch größere Sicherheit für die gesamte Stadt herbeizuführen, hatte man in der ersten Zeit, als die Scharen Buschiris noch überall in der Nähe waren, die ganze Stadt mit einem Stacheldrahtzaun als erstes Hindernis gegen die Annäherung umgeben. Bagamoyo war ebenso wie alle anderen noch zu erwähnenden größeren Stationen für unsere afrikanischen Gegner durchaus uneinnehmbar.
Die Wichtigkeit des Platzes erforderte jedoch, daß auch der weitere Umkreis, besonders die dorthinführenden Straßen dauernd in unsern Machtbereich gebracht wurden. Eine Menge Karawanen waren bei Ausbruch des Aufstandes mit ihren Elfenbeinschätzen, mit Gewehren und Munition aus dem Innern nach Bagamoyo unterwegs. Es mußte dafür gesorgt werden, daß diese Karawanen den Aufständischen nicht in die Hände fielen und ihre Macht durch gangbare Werte und Waffen unterstützten.
Der Reichskommissar beschloß daher von Anfang an auch die weitere Umgebung durch Posten zu sichern. Als wesentlichsten dieser Posten führen wir hier Mtoni an. Mtoni liegt an der Stelle, nur etwa 6 Stunden von Bagamoyo entfernt, wo die Karawanen den Kingani-Fluß zu überschreiten haben, und wäre dies für die Aufständischen der geeignetste Punkt für Angriffe gewesen. Hier wurde daher in einem aus Wellblech erbauten, durch Erdbewurf und Stacheldraht geschützten Hause ein Posten von 12 Sudanesen unter einem weißen Offizier und einem Unteroffizier untergebracht, welcher für den Schutz des Überganges vollkommen ausreichte. Um das früher übliche, zeitraubende Übersetzen der Karawane durch einen Einbaum (Eingeborenen-Canoe) aus der Welt zu schaffen, stellte der Reichskommissar ein großes Stahlboot zur Verfügung.
Von ausschlaggebender Bedeutung jedoch für die Sicherung der Karawanenstraße und die Erhaltung des Handels von Bagamoyo war die Station Mpapua. Wir haben bereits bei der Expedition nach Mpapua einige Streiflichter auf die Wichtigkeit des Punktes in strategischer Rücksicht geworfen. Mpapua bildet aber, und dies ist von ungleich größerer Bedeutung, den Hauptknotenpunkt aller Karawanenstraßen, welche aus dem Seengebiet zur Küste führen. Alle die vom ganzen Gebiet des Tanganjika über Tabora laufenden und dann nach verschiedenen Richtungen sich teilenden Karawanenwege vereinigen sich wieder in Mpapua. Auch die vom Südufer des Viktoria Nyanza und von der Westküste desselben aus Uganda, Unioro, Karagwe kommenden Karawanen wählen den Weg über Mpapua. Die Sicherung dieses Punktes war daher von der allergrößten Bedeutung. Daß Buschiri seine Wichtigkeit erkannt hatte, beweist sein Überfall der Station der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft.
Abgesehen von der Sicherung des Karawanenweges diente die Station aber auch zum Schutze der fruchtbaren und reichen Thäler von Inner-Usagara und bildete auf der andern Seite für Ugogo, das berüchtigte Räuberland im Westen, und für die Massais im Norden, sowie für Uhehe im Süden eine Kräftigung unseres Ansehens.
Bei den damals vorhandenen Machtmitteln war die Begründung der Station Mpapua mit ihrer starken Besatzung ein erfreulicher, nach den damaligen Verhältnissen genügender Schritt zur Sicherung eines Küstenstreifens von mehr als 300 +km+ Breite. Es war dies eine Aufgabe, deren Lösung durch Wißmann als ein Meisterstück richtiger strategischer Einsicht angesehen werden muß, denn die Besetzung von Mpapua und die Errichtung des Forts daselbst ist thatsächlich der erste Schritt zu einer wirklichen Beherrschung unseres Gebietes.
Zum Interessenbereich von Bagamoyo gehört ferner noch die kleine Station Bueni mit einer Besatzung von durchschnittlich 20 Sudanesen. Sie bildete gleichzeitig einen Beobachtungsposten für den südlich gelegenen Platz Kondutschi, von dem aus ein schwungvoller Schmuggelhandel sowie Sklavenausfuhr stattfand. Endlich ist dahin zu rechnen der kleine Beobachtungsposten bei Mandera, welcher hauptsächlich dem Schutz der dortigen Missionsstation bei den Wadoës diente.
Den südlichen Teil von Usaramo deckte als Hauptstation Daressalam mit einer Besatzung von 60-70 Sudanesen und einem kleinen Posten am Hafeneingang. Bei der größeren Sicherheit, welche in diesem vom Aufstand erst später und in geringerem Maße berührten Teile Usaramos geherrscht hatte, schien es unnötig, weitere befestigte Stationen hier anzulegen.
In Usegua indes schien stärkere Machtentfaltung durchaus geboten und die eigenartige Stellung, welche Bana Heri den Eingeborenen gegenüber einnahm, ließ ihn als einen gefährlicheren Gegner erscheinen, denn Buschiri selbst. Es lag in der ursprünglichen Absicht des Reichskommissars nach der mehrfachen Beschießung von Sadani die Stadt ganz vom Erdboden zu vertilgen und die Handelsbeziehungen nach Mkwadja, nördlich von Sadani und etwa 30 +km+ entfernt, hinüberzuführen. Mkwadja erhielt daher eine ziemlich feste Station und 50 Mann Besatzung.
Die Absicht Wißmanns zeigte sich jedoch bald als undurchführbar. Araber sowohl wie besonders Karawanenführer und Träger hängen mit überaus großer Zähigkeit an dem einmal von ihnen begangenen Wege. Es zeigte sich außerdem noch während der Kämpfe, daß die Eingeborenen und Bana Heri selbst unmittelbar nach den Bombardements die Stadt immer wieder aufbauten. Bei letzterem kam, abgesehen davon, daß er Sadani nun einmal als angestammten Herrschersitz betrachtete, noch ein religiöses Moment hinzu: es befand sich dort das Grab seiner Mutter.
So stellte sich sehr bald die Notwendigkeit heraus, Sadani ebenfalls zur Militärstation zu machen. Während der Kämpfe gegen Bana Heri erhielt es eine Besatzung von 130 Mann und beherbergte zeitweise noch das Expeditionskorps; später wurde die Besatzung auf 50 Sudanesen vermindert.
In Usambara sind die Hauptstationen Pangani mit einem Posten in Rasmuhesa und einem zweiten Posten in Lewa, 25 km nordwestlich von Pangani, zum Schutz der dortigen Plantagen der Ostafrikanischen Plantagengesellschaft; endlich Tanga, letzteres ohne detachierte Posten. Zur Sicherung der Karawanenstraße, welche vom Kilimandscharo herunter nach Tanga oder Pangani führt, wurde am Kilimandscharo in Moschi, im Gebiet des uns befreundeten Häuptlings Mandara, ein Fort angelegt.
Die bisher genannten 14 Stationen und kleinen Posten bestanden bereits im Anfang des Jahres 1890 nach kaum dreivierteljähriger Thätigkeit des Reichskommissariats. Sie wurden insgesamt mit Besatzungen versehen aus dem damals noch nicht 1000 Mann starken ersten Soldatenkontingent; und zwar zählten die größeren Stationen zwischen 100 (Mpapua) und 40 (Tanga) Mann, die kleineren zwischen 20 (Moschi am Kilimandscharo, Bueni) und 10 (Mandera, Lewa). Außerdem waren noch Expeditionstruppen in der Gesamtstärke von 300 Mann vorhanden.
Sämtliche Stationen sind, -- denn auch der sehr bewährte spätere Bauleiter Wilkens hat seine Schule erst in Afrika gemacht, -- ohne Zuhilfenahme der gänzlich mangelnden Sachverständigen durch die Offiziere, Unteroffiziere und die schwarzen Truppen angelegt und vollendet worden. Die Eingeborenen wurden lediglich zu Handlangerdiensten, wie zum Stein- und Erdtransport herangezogen. Wenn auch in vielen Fällen der Kern der Stationen in einem oder mehreren Araberhäusern vorhanden war, so mußten diese Gebäude doch jedesmal mehr oder weniger umgebaut, für den Gebrauch der Europäer passend eingerichtet und ausgebessert werden. Umwallungen, Bastionen und Befestigungen mußten selbstverständlich erst geschaffen werden. Das Material an Steinen wurde aus den verfallenen oder zusammengeschossenen Araberhäusern der betreffenden Ortschaften genommen, teils aus den Korallenbänken gebrochen. Als Bauholz dienten sogenannte Boriti, harte Knüppel aus Mangrovestämmen. Provisorische Befestigungen oder Bauten wurden durchweg aus Wellblech in vollkommen zweckentsprechender Weise hergestellt.
Es mag gleich hier angeführt werden, daß nach der Herstellung geeigneter Wohnräume sich ein erheblich günstigerer Gesundheitszustand ergab, denn je zuvor. Die große Sterblichkeit unter den Beamten der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft vor der Zeit des Reichskommissariats ist zweifellos zum Teil auf die ungemein mangelhaften Wohnungsverhältnisse zurückzuführen. Nach der Erbauung der Forts mit ihren mitunter (wie in Bagamoyo und Daressalam) 15 Fuß hohen Zimmern und ihrer vorzüglichen Ventilation verminderten sich die Fiebererkrankungen in auffallender Weise.
Die Armierung der Stationen bestand aus 8 +cm+ Feldgeschützen, 4,7 +cm+ Geschützen, Revolverkanonen und Mörsern. Die Expeditionskorps führten 4,7 +cm+ Geschütze und das Maximgeschütz mit sich, welche auseinander genommen und in einzelnen Stücken, die eine und zwei Trägerlasten bildeten, getragen wurden.
Eine besondere Berücksichtigung verlangte die Einrichtung des Stationsdienstes, welche am besten geeignet ist, das Vorurteil zu widerlegen, als ob es sich hier lediglich um eine Kriegsführung nach Landsknechtsart gehandelt habe, als ob, wie man in gegnerischen Kreisen in Deutschland so häufig behauptete, die Schutztruppe nur mit Morden, Sengen, Brennen und Aufhängen sich beschäftigt habe.
Die 7 großen Stationen standen jede unter einem Chef, dem die übrigen Offiziere untergeordnet waren. Die Zahl der letzteren schwankte je nach der Stärke und Wichtigkeit der Stationen, so zwar, daß dieselbe in Bagamoyo naturgemäß am stärksten sein mußte. Die Funktionen des Stationschefs waren in erster Linie die Instandhaltung der Station, ferner der Oberbefehl über die Stadt und die Umgebung derselben, Beaufsichtigung des Karawanenverkehrs, endlich die oberste Rechtsprechung in seinem Bezirk.
Wißmanns Absicht ging dahin, von vornherein den aus dem Innern kommenden Jumbes, Karawanenführern und Trägern klar zu machen, daß ein für allemal die Macht und Oberhoheit in deutschen Händen läge. Dafür gab es kein besseres Mittel als die Regelung des Karawanenverkehrs. Sämtliche Karawanen, welche Mpapua passierten, hatten bei dem dortigen Stationschef sich zu melden. Dort fand eine genaue Aufnahme der mitgeführten Waren, eine Zählung der Schußwaffen und Munition, sowie der Kopfzahl der Karawane, des mitgeführten Viehs u. s. w. statt.
Die Karawanenführer erhielten darüber eine Bescheinigung des Stationschefs und hatten dieselbe als Legitimation zunächst bei der Mtoni-Fähre zu präsentieren. Von der Fähre aus erhielten sie einen Sudanesen bis Bagamoyo mit, welcher den Begleitschein dem dortigen Stationsoffizier zur Prüfung vorzulegen hatte. Die Wirkung dieser Maßregel auf die Karawane, besonders auf die das Hauptträgerkontingent stellenden Waniamuesi und Wassukuma, sowie auf die Karawanenführer ist eine ganz erstaunliche gewesen und hat in außerordentlicher Weise zur Ausbreitung des deutschen Ansehens im tiefen Innern beigetragen. Allerdings brachte der Verkehr mit den Trägern und Führern der Karawanen unglaubliche Schwierigkeiten und Weitläufigkeiten mit sich. Die Leute waren gewöhnt, sobald sie das Meer vor sich sahen, die Lasten ohne weiteres abzuwerfen, zum Strande hinabzueilen und sich ihre Laubhütte irgendwo aufzubauen, wo es ihnen gerade gefiel. Jetzt kam Ordnung in die Sache. Der Kirangosi (Karawanenführer) hatte sich mit den begleitenden Sudanesen auf der Station zu melden, die Karawane mußte ihre Lasten fein säuberlich nach den Warengattungen ordnen und niederlegen; das mitgeführte Vieh mußte in dafür errichtete Gehege gebracht werden; die Hüttenstadt endlich mußte an einem dazu bestimmten Platz am Strande möglichst ordentlich aufgebaut, resp. in Bagamoyo in neuerer Zeit das Lager bei der Karawanserei ordnungsmäßig aufgeschlagen werden. Dann begannen die endlosen Verhandlungen wegen Viehankauf. Es lag selbstverständlich im Interesse des Kommissariats, das aus dem Innern zur Küste geführte Vieh zur Vermeidung des Zwischenhandels von den Karawanen direkt zu kaufen. Einmal wurde dadurch eine außerordentliche Verbilligung in der Verproviantierung der Europäer erzielt, andrerseits waren die Chefs in der Lage, die Sudanesen vor Übervorteilung zu schützen. Endlich war immer ein Bestand für Expeditionszwecke zur Verfügung.
Das Kommando über die Stationsbesatzung lag unter der Oberleitung des Chefs in den Händen des diesem zugeteilten Offiziers. Der eigentliche Dienst der Truppe in den Stationen beschränkte sich, nachdem die schon früher beschriebene erste Ausbildung vollendet war, auf den Morgenappell um 6 Uhr, dann folgte Exerzierdienst bis 8 und noch einmal für ein bis zwei Stunden am Nachmittag. Der eigentliche Kasernendienst bestand lediglich im Putzen der Waffen und Waschen der Uniform, Instruktionsstunde fiel von selbst weg. Den wesentlichsten Teil der Zeit hatte die Garnison im Arbeitsdienst zuzubringen. Dieser Arbeitsdienst war naturgemäß sehr verschiedener Art und hing im Wesentlichen von dem Eifer des Stationschefs und seiner Untergebenen ab.
Die im Vorstehenden genannten Obliegenheiten waren die offiziellen, vom Reichskommissar den Chefs und Offizieren gestellten Aufgaben, welche unbedingt erfüllt werden mußten. Darüber hinaus aber blieb es jedem Chef überlassen, aus seiner Station zu machen, was er konnte, und gerade in dieser Beziehung entwickelte sich ein reger Wetteifer. Jeder versuchte, so viel als möglich die Umgebung des Forts zunächst zu einer reizvollen zu machen. Wege wurden gebaut, Gärten und Felder angelegt, Bäume gepflanzt, Akklimatisationsversuche angestellt und dergl. mehr. Bei allen diesen Arbeiten wurde die Besatzung herangezogen, und es ist gewiß als vortreffliche Eigenschaft unserer schwarzen Soldaten hervorzuheben, daß sie alle diese Arbeiten, allerdings unter dem Beispiel der weißen Unteroffiziere, für sich selbst zu einer Art Ehrensache machten und daß so der Wettstreit unter den Stationen sich innerhalb jeder einzelnen Besatzung wiederholte.
Wenn oben die Rechtsprechung durch den Chef angeführt wurde, muß hier eingefügt werden, daß sie nicht allein durch ihn geschah. Es wurde den Sitten und Gebräuchen, den religiösen und Rechts-Anschauungen der Leute durch Einsetzung der Wali und Akida Rechnung getragen. Sie wurden aus denjenigen vornehmen Arabern gewählt, welche beim Volk wohlangesehen und beliebt waren und von deren ergebener Gesinnung gegen uns wir überzeugt sein konnten. Sie bildeten demnach berufene Mittelspersonen zwischen den Stationschefs und der arabischen und eingeborenen Bevölkerung ebenso wie in manchen Beziehungen die Berater der ersteren. So nahmen sie gewissermaßen im Zivilleben eine Stellung ein, wie sie die farbigen Offiziere uns und der Truppe gegenüber hatten.
Die Funktion der Wali und Akida -- den ersteren Namen führten sie in den größeren und bedeutenderen Plätzen, den letzteren in kleinen Orten, in denen nur eine geringe Besatzung und wenig Verkehr war -- war zur Zeit der Beherrschung der Küste durch die Sultane von Sansibar die von größeren und kleineren Statthaltern. Selbstverständlich hat die jetzige Funktion dieser Leute hiermit nichts mehr zu thun. Sie sind lediglich Organe der örtlichen Behörden, der Stationschefs, und haben in der Rechtsprechung wie überhaupt in der Verwaltung nur diejenigen Obliegenheiten, die nach Lage der örtlichen Verhältnisse der betreffende Stationschef ihnen zuzuteilen für gut befindet.
Bei großer Überbürdung des Stationschefs wurde ein Teil der kleineren Gerichtsbarkeit den Walis insofern übertragen, daß sie die Urteile fällten, diese aber der Bestätigung der Chefs unterbreiten mußten. In manchen Stationen hatten die Walis noch eine Anzahl sogenannter Walisoldaten zu unterhalten, denen es oblag, notwendige Botendienste in der näheren und weiteren Umgebung zu verrichten, Vorladungen zum Schauri zu überbringen, auch Widerspenstige festzunehmen und dergleichen. Diese Walisoldaten sind insofern von großem Wert für uns gewesen, als sie den Verkehr zwischen uns und der eingeborenen Bevölkerung, soweit diese nicht in unmittelbarer Nähe der Station wohnte, bedeutend erleichterte. Außerdem erleichterten die Wali, ohne daß der deutsche Offizier und Beamte und die deutschen Soldaten sich bei jeder Kleinigkeit persönlich engagierten, in vielen Fällen eine Vermittlung, die immer viel eher zwischen dem Wali und der Bevölkerung möglich war.
Von den Walis verdienen einzelne Personen besonders erwähnt zu werden und zwar Soliman ben Nasr, welcher als Wali von Pangani dem dortigen Stationschef +Dr.+ Schmidt nach der Einnahme von Pangani bei der Herstellung der Ruhe und Ordnung an diesem Platze durch sein Ansehen und ebenso später dem Reichskommissar, von Sansibar aus, zur Unterhaltung eines guten Einvernehmens mit den Arabern der gesamten Küste behilflich war; ferner der bekannte Schech Amer in Bagamoyo, welcher bei der großen Überbürdung der Chefs resp. Bezirkshauptleute von Bagamoyo diesen eine wertvolle Unterstützung war, besonders auch den hier in dieser großen Handelsstadt zusammenströmenden Arabern, Indern und Eingeborenen gegenüber große Repräsentationspflichten versah. Da diese Persönlichkeiten naturgemäß mehr im Leben des Volks selbst stehen als wir Europäer, und wir immer darauf angewiesen sind, durch unsere Vertrauenspersonen uns auf dem Laufenden zu halten und durch diese dem Volke näher zu rücken, so ist selbstredend die Loyalität und das Interesse der Wali für uns von höchster Wichtigkeit.
Daß solche Leute, die unter der Herrschaft der Sultane von Sansibar, wenn auch dort mehr indirekt, große Einnahmen gehabt haben, bei uns nach ihren Begriffen entschädigt werden müssen, ist selbstverständlich; und es kann nur als eine unerklärliche Kurzsichtigkeit und durchaus verfehlte Sparsamkeitsrücksicht bezeichnet werden, wenn, wie dies nach der Einrichtung des Gouvernements im vorigen Jahre geschehen ist, gerade diese bewährten, für uns so wichtigen eingeborenen Beamten in ihren Gehältern herabgesetzt wurden.
Es sei auch noch der an Stelle von Walis eingesetzten Persönlichkeiten im Innern gedacht, die an den Plätzen, wo keine Europäer sind, die Interessen des Reichskommissars vertraten, und die deswegen besonders wichtig für uns waren, weil man, falls sie notorische Macht ausübten, in ihnen immer Persönlichkeiten hatte, an die man sich bei vorkommender Unordnung halten und die man fassen konnte; aber auch Persönlichkeiten, die selbst für die Sicherheit ihrer Gebiete sorgten und daselbst die Ordnung aufrecht erhielten. Daß diese Leute, von denen wir hier in erster Linie Kingo von Morogro und den Häuptling Simbodja erwähnen, nicht immer absolut in europäischem Sinne regieren und auch nicht das deutsche Strafgesetzbuch kennen, ist selbstverständlich.
Sind doch alle Erfolge der Engländer auf das System zurückzuführen, die Eingeborenen in okkupierten Gebieten zunächst selbst herrschen zu lassen und diese hierfür sogar noch gut zu bezahlen. Die Eingeborenen empfanden die direkte Einmischung des Europäers unter Umständen hart, und zwar namentlich dann, wenn nicht die genügende Zahl von Landeskundigen und sonst geeigneten Persönlichkeiten zur Verfügung stehen.
Außerdem werden aber auch auf diese Weise große Ersparnisse erzielt, wichtig dann, wenn die Mittel zu einer genügenden Machtentfaltung, um direkt das Land zu beherrschen und zu verwalten, mangeln. Freilich ist die Behandlung mancher dieser Walis nicht leicht und erfordert Geschick und Takt, wie auch Strenge am richtigen Platze.
In der Besetzung der Stationen fanden unter den Offizieren naturgemäß häufig Veränderungen statt. Einmal forderten die Kriegszüge, Krankheitsfälle oder sonstige Rücksichten einen Wechsel der Chefs und Offiziere, oder aber es wurden untaugliche und wenig brauchbare Elemente kurzer Hand nach Europa zurückgeschickt und durch neue ersetzt.
Ein besonderes Lob verdient in jeder Beziehung das deutsche Unteroffizierkorps in Ostafrika. Die Stellung der Unteroffiziere war ja von vornherein eine eigentümliche, ja man kann sagen gänzlich isolierte. Die in Ostafrika anwesenden, nicht zur Schutztruppe gehörenden Europäer standen meistens nur im Verkehr mit den Offizieren, so daß Zivilverkehr für die Unteroffiziere selten oder nie vorhanden war. Die Ehrbegriffe, welche das Unteroffizierkorps aus Deutschland mitbrachte, verboten ihm von selbst den engeren Verkehr mit den unter ihnen stehenden Elementen. Auf der andern Seite ließ eben dieser Ehrbegriff sie stets den richtigen Takt, einerlei ob im dienstlichen Verkehr oder bei Festlichkeiten, beobachten und ließ sie ferner ihre Aufgabe als eine im Dienst des Vaterlandes zu leistende ansehen. Wenn diese Aufgaben grade bei den Unteroffizieren zuweilen weit über das Maß des Militärdienstes hinausgingen, so sind sie doch immer mit derselben Präzision, derselben Hingabe und demselben Geschick gelöst worden. Die Ausnahmen, welche allerdings vorkamen, können nur die Regel bestätigen.
11. Kapitel.
Die Unterwerfung des Südens.
Lage und Entwickelung der nördlichen Stationen. -- Major Liebert. -- Reise des Generalkonsuls +Dr.+ Michahelles nach Witu. -- Einteilung des nördlichen Küstendistrikts. -- Stationschefs im Norden. -- Vermehrung der Schutztruppe. -- Das neue Material erweist sich als minderwertig. -- Neueinteilung der Schutztruppe. -- Einexerzieren der neuen Söldner. -- Verhandlungen mit dem Süden. -- Rekognoszierungstour Wißmanns auf der »München« nach Kilwa. -- Verhandlungen zur Mitwirkung der Marine. -- Einschiffung und Einteilung der Truppen für den Süden. -- Einnahme von Kilwa und Lindi. -- Friedliche Besetzung von Mikindani. -- Stationsgründungen im Süden. -- Schlechter Gesundheitszustand der Truppen. -- Verhandlungen mit den Eingeborenen. -- Uebergabe der südlichen Stationen an die Chefs. -- Allgemeine Lage bei der Urlaubsreise Wißmanns nach Deutschland.
Die Unterwerfung der Rebellen im nördlichen Teile unserer Küste und die Gewähr, welche die befestigten Stationen für eine dauernde und völlige Sicherheit der Städte und der Karawanenstraßen boten, erlaubten dem Reichskommissar, jetzt an die Lösung des zweiten Teils seiner Aufgabe zu gehen, an die Unterwerfung des Südens. Bevor der Leser jedoch in den eigentlichen Gang der Ereignisse daselbst eingeführt wird, möge es gestattet sein, noch einmal die Lage im Norden und eine Reihe von Thatsachen zusammenzufassen, welche in diese Zeit, -- in die Monate März und April des Jahres 1890, -- fallen.
In Tanga hatte sich die europäische Kolonie schnell vergrößert. Außer den Mitgliedern der ostafrikanischen und der Pflanzergesellschaft ließen sich einige Deutsche daselbst nieder, die aus privaten Mitteln Unternehmungen ins Leben rufen wollten. Der Missionar Krämer hatte die Gründung einer evangelischen Missionsstation in Angriff genommen; griechische Kleinhändler hatten sich dort, wie in allen von uns besetzten Küstenplätzen, etabliert und haben heute durch das mehrjährige Bestehen ihrer Geschäfte bewiesen, daß sie die Konkurrenz der Inder aushalten können.
An der Nordgrenze, in Muoa, wurde zwar noch viel Schmuggel getrieben, aber eine spätere Besetzung dieses Platzes war bereits ins Auge gefaßt. In Pangani hatte der, von Tanga dorthin versetzte Distriktschef Krenzler Nachricht von der Ankunft einer großen Sklaven-Karawane erhalten und es gelang ihm, obwohl die Sklaven, 207 an der Zahl, gleich auf die Schambas vertheilt worden waren, sie alle auf die Station bringen zu lassen. Wenn auch vernünftiger Weise gegen die äußerst milde Art der Haus- und Feldsklaverei nicht vorgegangen wird, so stand doch jede Zufuhr aus dem Innern, wie wir aus diesem Beispiel sehen, unter unserer Kontrolle. Am Kilimandscharo war Herr v. Eltz als Agent des Reichskommissars stationiert und seine Berichte über die Aufführung des dortigen Hauptsultans Mandara, sowie über das Fortschreiten des deutschen Einflusses lauteten günstig. Leider wird der Kilimandscharo alljährlich das Ziel vieler Sportexpeditionen, die für das Land einen Nutzen nicht haben, sondern besonders durch die planlose Ausrottung des Wildes nur Schaden anrichten.
Um Mkwadja und Sadani, wo fleißig am Wiederaufbau des Platzes gearbeitet wurde, waren nach dem Friedensschlusse mit Bana Heri die Verhältnisse ebenfalls geordnete. Bana Heri erhielt vom Reichskommissar ein Geschenk von 2000 Rupies als Beitrag zur Wiedererrichtung der Moschee.
Der Distrikts-Chef von Bagamoyo und Stellvertreter des Reichskommissars, Herr von Gravenreuth, mußte wegen der in letzter Zeit bei ihm wiederholt auftretenden, schweren Fieberanfälle, die er sich auf seinen Expeditionen und durch den aufreibenden Dienst zugezogen, Mitte April mit längerem Urlaub Ostafrika verlassen, das er leider nie wieder betreten sollte. Frhr. v. Eberstein, der mit großem Eifer und Erfolg die Verwaltungsabteilung geleitet hatte, trat ebenfalls einen wohlverdienten siebenmonatlichen Urlaub an.
Im Februar des Jahres 1890 war der Major im großen Generalstabe, Liebert, welcher bisher in Berlin die Vertretung des Kommissariats innegehabt hatte, auf Befehl Sr. Majestät in Ostafrika eingetroffen, um sich an Ort und Stelle durch den Augenschein von der Lage der Dinge Kenntniß zu verschaffen und darüber Bericht zu erstatten. In seiner Begleitung befand sich ein Beamter des Auswärtigen Amtes, Tesch. Dieser sollte dem Reichskommissar und den Chefs über die Art und Weise der Rechnungsführung, wie man sie auf dem Auswärtigen Amt wünschte, Instruktionen erteilen. Die Thätigkeit des Herrn Tesch war, wie wir gleich bemerken wollen, obwohl er sich mit großem Eifer dieser Arbeit unterzog, von keinem Erfolge begleitet. Man stellte sich eben die Verhältnisse von Deutschland aus ganz anders vor, als sie in Wirklichkeit waren. Es wurde daher bald die Sendung einer Revisions-Kommission angeordnet.
Besonders bemerkenswert ist während dieser Zeit die Entsendung eines Detachements der Schutztruppe in der Stärke von 60 Mann unter dem Kommando des Chefs Theremin und in Begleitung des General-Konsuls +Dr.+ Michahelles nach Witu. Nachdem im Monat März von Sr. Majestät Schiff »Carola« die deutsche Flagge an der Wubuschi-Mündung gehißt worden war, hatte der General-Konsul Befehl erhalten, sich an Bord eines Kriegsschiffes nach Lamu zu begeben, um von hier aus mit jener erwähnten Begleitmannschaft dem Sultan von Witu Geschenke zu überbringen und formell die deutsche Schutzherrschaft zu erklären. Es erregte dieses Vorgehen damals ganz besondere Freude, denn man schloß daraus, daß nun auch dort energisch etwas für die weitere Entwickelung jener Kolonie, welche bis dahin recht stiefmütterlich behandelt worden war, gethan werden würde. Leider sollte diese Hoffnung durch das deutsch-englische Abkommen auf das bitterste getäuscht werden. Der Führer des Detachements, Chef Theremin hatte die Expedition nach Witu bereits in leidendem Zustande angetreten. Nach seiner Rückkehr mußte der anerkannt tüchtige Offizier in Sansibar in das dortige Hospital aufgenommen werden und erlag bald einer zu einem unbedeutenden Magenleiden hinzutretenden Bauchfellentzündung.
Wir erwähnten früher bereits, daß für die Verwaltung des nördlichen Küstendistrikts eine Einteilung in drei Distrikte, nämlich Bagamoyo, Sadani und Pangani vorgenommen worden war. Diese Einteilung hatte ihre großen Schattenseiten. Bei der mangelhaften Verbindung der den Distriktschefs unterstellten Küstenplätze entstanden nur Schwierigkeiten für den dienstlichen Verkehr, welche die Verwaltung schwerfällig machten. Man sah infolgedessen, besonders da im Süden wegen der meist noch viel größeren Entfernung der Stationen von einander sich eine gleiche Maßregel noch weniger empfahl, von der Distrikts-Einteilung ab und griff wieder zu der ursprünglich stattgehabten Einteilung in Stationen, denen folgende Herren vorstanden:
Tanga: Chef Richelmann, der indes bald wieder durch Krenzler ersetzt wurde, da Richelmann die Station Sansibar und das Bureau des Reichskommissariats zu übernehmen hatte.
Pangani: nach der Versetzung Krenzlers nach Tanga Chef Johannes.
Mkwadja: Lieutenant Fischer.
Sadani: nach Abkommandierung Sigls zur Stokeschen Expedition Lieutenant von Arnim.
Bagamoyo: Chef Ramsay, (welcher diese Station nach der Versetzung des zu Bagamoyo trefflich bewährten Chef Richelmann nach Tanga erhielt).
Daressalam: Chef Leue.
Endlich fällt in diese Zeit als wichtigstes Moment für die Weiterentwickelung des Kommissariats und die Hebung der Aktionsfähigkeit die Vermehrung der Schutztruppe. Als der Plan zur Bestrafung der Rebellen der Südküste und zur Wiedereinnahme der nicht in unsern Händen befindlichen Küste gefaßt wurde, mußte man sich klar darüber sein, daß eine Verstärkung der Schutztruppe notwendig sei.
Nach abermaligen Verhandlungen des auswärtigen Amtes zu Berlin mit der englischen und egyptischen Regierung wurde denn auch die Anwerbung von 600 Sudanesen in Egypten genehmigt und ein in der Verwaltung des Reichskommissariats thätiger Beamter, Donarski, der gerade zur Wiederherstellung seiner Gesundheit einen Urlaub nach Egypten erhalten hatte, mit der Anwerbung beauftragt. Die Wahl Donarskis war ein entschiedener Fehler. Mit vielem Fleiß und bewundernswürdigem Eifer hatte er sich in seine ihm anfangs völlig fremde Thätigkeit eingearbeitet, aber er hatte doch niemals Gelegenheit gehabt, sich eine Kenntniß der Sudanesen und unseres Soldatenmaterials überhaupt zu erwerben. Daß Donarski für die Aushebung ausersehen wurde, hatte seinen Grund lediglich in der übel angebrachten Rücksicht darauf, Ersparnisse zu machen; er reiste eben, wie erwähnt, so wie so nach Egypten. In Kairo stand Donarski bei der Anwerbung besonders zur Seite der Vertreter von Hansing & Co. in Sansibar, Strandes, der sich in jener Zeit ebenfalls in Egypten aufhielt, und der Kaufmann Brettschneider, welche beide bei der Erledigung der komplizierten kaufmännischen Geschäfte Donarski hülfreich zur Hand gingen.
Bei der Anwerbung selbst war wiederum, wie das erste Mal, der englische Oberst Scheffer von großem Nutzen. Doch machte sich jetzt schon empfindlicher als das erste Mal die Abneigung der englischen und egyptischen Regierung geltend, die Sudanesentruppe weiterhin den Deutschen für ostafrikanische Dienste zur Verfügung zu stellen, und nur mit Mühe gelang es Donarski, in noch verhältnismäßig kurzer Zeit die gewünschten 600 Mann zu beschaffen. Immer nach Anwerbung einer genügend großen Zahl wurden dieselben wie früher nach Sues geschickt.
Zum ersten Einexerzieren waren zwei neu für Ostafrika bestimmte Offiziere, die Herren Lieutenant Scherner und von dem Knesebeck mit einigen Unteroffizieren von Deutschland nach Egypten beordert worden. Ihnen wurden die angeworbenen Leute von Donarski übergeben, und dann in gleicher Weise, wie das bei der ersten Anwerbung geschah, die Exerzitien mit den Leuten vorgenommen. Die Untersuchung und Behandlung der Leute geschah durch Assistenzarzt +Dr+. Buschow, der ebenfalls neu für die Schutztruppe angeworben war; indes einen Einfluß auf die Auswahl des Soldatenmaterials hatte er ebenso wenig wie die beiden Offiziere: Donarski wollte, ohne öfters laut gewordenen Vorstellungen Gehör zu geben, alles allein besorgen.
Das ganze Kontingent wurde auf dem egyptischen Dampfer Schibin in Sues eingeschifft und ging unter Donarskis Kommando nach Sansibar ab, woselbst der Transport Mitte April eintraf. Die Überfahrt war von Donarski und den Offizieren benutzt worden, die Leute einzukleiden; Uniformen, Schuhzeug, Ausrüstungsstücke, auch Bewaffnung waren bereits beschafft, und so machte bei ihrer Ankunft auf dem Dampfer die Truppe einen vorteilhaften Eindruck.
Der Reichskommissar, der mit den andern in Sansibar anwesenden Herren, -- auch Major Liebert begleitete ihn bei der Ankunft des Schibin, -- sogleich an Bord ging, ließ sich indes durch den vorteilhaften äußeren Eindruck nicht täuschen, sondern sagte von vornherein: »Mir gefallen die Leute nicht, es sind viel zu viel gelbe Kerls darunter.«
In der That hatten sich die guten Erfahrungen, die wir mit der egyptischen Anwerbung das erste Mal gemacht hatten, lediglich auf das schwarze Element, nicht aber auf die Gelbgesichter, die eigentlichen Egypter, Armenier und Syrer bezogen. Solcher Leute hatte die neue Anwerbung einen nur allzugroßen Prozentsatz aufzuweisen. Dazu merkten wir bald, daß die jetzige Anwerbung lange nicht soviel altgediente Soldaten zählte, wie das erste Kontingent. Ein großer Teil bestand aus Soldaten, welche wenig kriegerischen Stämmen angehörten und bisher Kriegsdienste gar nicht gethan hatten, ein anderer aus Baschibosuks, und nur ein kleiner Teil aus regulären egyptischen Sudan-Soldaten. Indes man mußte mit dem gegebenen Material rechnen, und es wurde alsbald zur Einteilung und Ausbildung desselben geschritten.
Mit Rücksicht auf die demnächst vorzunehmende andere Truppenbesetzung der Stationen des Nordens, die Wiedereinnahme des Südens und die Besetzung der zu begründenden südlichen Küstenstationen, sowie für Expeditionszwecke mußte eine neue Einteilung der Schutztruppe eingerichtet werden. Die Neuangekommenen wurden mit den bewährten felddienstfähigen Truppen des früheren Kontingents in zwei Expeditionskorps formiert. Das eine wurde zunächst unter dem Kommando des Chefs von Zelewski zum Zweck der Ausbildung in Bagamoyo, das andere zu gleichem Zweck in Daressalam unter Chef End vorläufig stationiert.
Der Reichskommissar hatte, da die Ankunft der Truppen schon im März erwartet war, gehofft, bereits im April vor Eintritt der großen Regenzeit gegen den Süden vorgehen zu können, allein die Führer der Expeditionskorps meldeten übereinstimmend, daß bei der Minderwertigkeit des diesmal angeworbenen Materials sie den Rest des Monats April für ein Einexerzieren der Leute notwendig hätten, und so wurde die Aktion gegen den Süden bis zum Monat Mai verschoben.
Bei der genannten Anwerbung ist übrigens noch ein Umstand zu erwähnen, durch den wir in große Verlegenheit gesetzt wurden. Ein Teil der egyptischen Offiziere und Unterhändler nämlich, deren sich Donarski naturgemäß für die Anwerbung der Truppen bedienen mußte, hatte sich nicht damit begnügt, die ihnen von uns gemachten Geschenke und Werbegelder einzustecken, sondern sie hatten in echt orientalischer Weise das Geschäftchen dadurch vergrößert, daß sie nach ihrem Belieben die Chargen an die Anzuwerbenden verkauften.
Ein Teil der angeworbenen Soldaten, die bis dahin Militärdienst noch garnicht gethan hatten, kauften sich Atteste als Unteroffiziere, Sergeanten oder dergl. und wurden nach Zahlung des erheblichen Backschisch an die Unterhändler als solche eingestellt. Wir mußten sie natürlich zunächst kontraktmäßig übernehmen und nach der Charge besolden. Dieser Betrug wurde erst später entdeckt, und dann natürlich thatkräftig eingeschritten. So fällt schon in die Zeit vor wie auch nach Einnahme des Südens eine große Masse von Entlassungen aus dem neuen Kontingent. Auch der hohe Prozentsatz an Todesfällen auf den Südstationen ist zum Teil der körperlichen Unbrauchbarkeit des Materials zuzuschreiben.
Während der Ausbildungszeit der neu formierten Expeditionskorps wurde von Seiten des Reichskommissariats alles versucht, in den südlichen Plätzen, wo es irgend möglich war, die Verhältnisse friedlich zu regeln, da ja jede kriegerische Aktion immerhin einen Rückgang des Handels und Wandels für beträchtliche Zeit nach sich zieht. Die Anregung zu diesen Verhandlungen ging von den Bewohnern der südlichen Plätze selbst aus.
Mikindani, Sudi, Lindi, Kissiweri hatten, auf das Gerücht hin, daß der Süden mit allen Kräften des Kommissariats angegriffen werden soll, Deputationen an Wißmann geschickt, um ihre freiwillige Unterwerfung anzukündigen und seine Bedingungen entgegenzunehmen. Zur Vornahme der Verhandlungen wurde von uns der für solche Fälle schon oft in Anspruch genommene Wali von Pangani, Soliman ben Nassr, der sich als besonders tauglich und zuverlässig hierfür erwiesen hatte, bestimmt und auf dem Sultans-Dampfer Barawa nach den südlichen Plätzen gesandt.
Der Sansibarsultan selbst, welcher damals den europäischen Interessen erheblich mehr zugethan war, als es im Anfang der Amtsthätigkeit Wißmanns der Fall war, wünschte aus Geschäftsrücksichten, möglichst schnell friedliche Verhältnisse herbeizuführen. Die Verhandlungen Solimans führten zu einem günstigen Abschluß mit den südlichsten Plätzen Mikindani und Sudi. In Lindi und von da nach Norden hin behielt indes die Kriegspartei die Oberhand. Anfang April unternahm Major Wißmann auf der »München« gemeinsam mit Major Liebert eine Rekognoszierungsfahrt nach dem Süden, gleichzeitig dampfte Korvetten-Kapitän Valette, der älteste Offizier der Station und Kommandant Sr. Maj. Schiff »Carola«, mit seiner Korvette dorthin. Noch vor Antritt der Rekognoszierungsfahrt wurde vom Reichskommissar in Sansibar der Kriegszustand und das Standrecht im Namen Sr. Majestät des Kaisers und des Sultans von Sansibar vom Rufidji bis zum Rovuma einschließlich proklamiert.
Für die Rekognoszierungstour entwarfen Major Wißmann und Kapitän Valette einen gemeinsamen Operationsplan. Zunächst bezog sich dieser auf den am besten verteidigten und befestigten auch bei weitem am meisten straffälligen Platz Kilwa Kiwindje, wo anderthalb Jahre zuvor die Beamten der ost-afrikanischen Gesellschaft Krüger und Hessel der Wut der Rebellen zum Opfer gefallen waren. Als die Schiffe auf der Rhede vor Kilwa ankerten, fand man die ausgedehnte Stadt an der Seeseite ganz und gar mit Pallisaden befestigt und mit Truppen stark besetzt. Eine Dampf-Pinasse der »Carola« wurde zur Rekognoszierung etwas näher an das Land geschickt, aber sofort vom Lande aus sowohl durch Gewehre, als mit den dort befindlichen Geschützen beschossen. Da die Geschütze verwahrloste Vorderlader waren, mit Eisenstücken, Nägeln und allem möglichen geladen, so war die Beschießung natürlich ganz wirkungslos. Die Dampfpinasse erwiderte das Feuer mit ihrem Revolvergeschütz.
Nachdem die Pinasse wieder an Bord der »Carola« zurückgekehrt war, wurden einige Granaten von der »Carola« in die Stadt hineingeworfen. Die im Bericht des Kapitän Valette ausgesprochene Annahme jedoch, daß das Feuer den Arabern in Kilwa bedeutende Verluste beigebracht haben müsse, bestätigte sich bei unseren an Ort und Stelle vorgenommenen zuverlässigen Erkundigungen nicht.
Der Reichskommissar seinerseits fing mit der »München« fünf Halbaraber und Neger auf und zog von diesen Nachrichten ein. Sie bestätigten nur, daß die Rebellen in Kilwa entschlossen seien, auf das energischste Widerstand zu leisten.
Nachdem der Zweck der Rekognoszierung erreicht war, kehrte sowohl Wißmann auf der »München«, als auch Kapitän Valette auf der »Carola« nach Sansibar zurück. Der gemeinsam verabredete Aktionsplan gegen Kilwa bestimmte Folgendes: Die »Carola« sollte die Blockierung und Beschießung des Platzes von der Seeseite aus vornehmen; »Schwalbe« hingegen mit den Wißmann für den Transport zur Verfügung stehenden Schiffen, dem gecharterten Sultansdampfer »Barawa«, der »Harmonie« und einem von den kleinen Dampfern außerhalb Mafia nach Kiswere gehen. Dort sollten die Schiffe den Eintritt der Dunkelheit abwarten und dann nordwärts den Hafen von Kilwa Kisiwani anlaufen, um hier die Truppen Wißmanns zu landen. Von dort aus sollte der Anmarsch gegen Kilwa Kiwindje beginnen, während »Schwalbe«, die ebenfalls Wißmannsche Truppen an Bord zu nehmen gewillt war, zur »Carola« auf die Rhede von Kilwa Kiwindje zurückdampfen sollte.
Die zur Teilnahme an den Operationen gegen den Süden bestimmten Truppen wurden für diesen Zweck in 3 Bataillone zu 3 Kompagnien unter dem Kommando der Herren Chef +Dr.+ Karl Wilhelm Schmidt, Chef von Zelewski und dem Verfasser eingeteilt. Jedem der Bataillone wurde ein 4,7 +cm+ Geschütz, dem zweiten (Rochus Schmidt) außerdem noch ein Maximgeschütz beigegeben. Für die Beförderung der Truppen nach dem Süden dienten für jedes Bataillon ein großer Dampfer und zwar für das erste Bataillon unter +Dr.+ Karl Wilhelm Schmidt Sr. Majestät Schiff »Schwalbe«, da, wie erwähnt, Korvettenkapitän Hirschberg mit Genehmigung des ältesten Offiziers der Marine-Station die Güte hatte, einen Teil der Truppen auf sein Schiff zu nehmen, für das zweite unter dem Verfasser der vom Sultan gecharterte Dampfer »Barawa«, für das dritte unter Zelewski unser Dampfer »Harmonie.«
Am Abend des 29. April waren in Daressalam sämtliche für den Feind bestimmten Truppen und Fahrzeuge versammelt. Der Verabredung gemäß war Sr. Maj. Schiff »Carola« nach Kilwa vorausgegangen und dort nach einer sehr stürmischen Reise am 1. Mai eingetroffen. In der Nacht vom 1. zum 2. Mai wurde von der »Carola« mit der Beschießung der Stadt begonnen und dieselbe am nächsten Morgen fortgesetzt, die Befestigungen vor der Stadt, wie auch die verschiedenen Teile der Stadt wurden mit Granaten beworfen. Die Rebellen erwiderten zu Anfang das Feuer aus ihren bereits erwähnten Geschützen, selbstverständlich ohne mit der Ladung nur ein nennenswertes Stück weit zu reichen. Durch die Geschosse der »Carola« wurde ihnen bald die Lust zum weiteren Bedienen ihrer Geschütze genommen. Der Zweck der Beschießung, die Rebellen in permanenter Aufregung zu erhalten, war vollkommen erreicht.
Am 30. April morgens fand unterdessen in Daressalam die Einschiffung der Truppen in der vorher bestimmten Art statt, während die kleineren Dampfer des Reichskommissars Gepäck, Proviant und Munition für den Süden an Bord nahmen, teils auch noch mit Gepäck beladene Dhaus zu schleppen hatten. Die Dampfer »Harmonie«, »Barawa«, »München«, »Max« und »Vulkan« verließen, sobald sie mit der Aufnahme der Truppe, bezw. der Ladung fertig waren, am genannten Tage (dem 30. April) früh den Hafen. S. M. Schiff »Schwalbe«, auf der sich auch der Reichskommissar eingeschifft hatte, folgte um 1/2-9 Uhr morgens und holte bald die vorausgegangenen Dampfer ein. Der Südwest-Monsum hatte bereits wider Erwarten mit aller Kraft eingesetzt, sodaß der Fahrt nach dem Süden größere Hindernisse sich entgegenstellten, als man geahnt hatte.
Gleich im Anfang hegte man Besorgnis wegen der »Harmonie«, welche sehr viel Wasser übernahm und von Wind und Wellen heftig hin und her geworfen wurde. Am Nachmittag des 30. April nahm Wind und Seegang noch zu, und da an der Nordspitze Mafias erfahrungsgemäß noch größere See zu erwarten stand, so mußte die Absicht, an der Außenküste Mafias des Nachts weiter zu fahren, aufgegeben werden. Korvetten-Kapitän Hirschberg, der bis Mafia die Führung übernahm und die Dampfer alle auf den richtigen Kurs gebracht hatte, nahm nun den Kurs durch den Mafia-Kanal und erreichte bei Dunkelwerden den Ankerplatz bei Faniove, wohin er auch die andern Schiffe durch Blicke des Nachtsignal-Apparates dirigierte. Am nächsten Morgen konnte die Weiterfahrt wegen dicken Nebels und Regen-Böen erst um 7 Uhr fortgesetzt werden, und zwar in Rücksicht auf die »Harmonie« unter schwachem Dampf.
Kapitän Hirschberg verabredete mit Major Wißmann, die Südpassage durch den Mafia-Kanal, welcher vor einbrechender Dunkelheit erreicht werden konnte, zu verlassen, wenn dies des Wetters wegen irgend möglich sei, und während der Nacht nach Kilwa-Kisiwani zu gehen. Aber auch diese Absicht war undurchführbar, denn die Seeuntüchtigkeit unserer »Harmonie« stellte sich immer deutlicher heraus. Schon wir, die wir auf der »Barawa«, einem Schiff von 1000 Tonnen, eingeschifft waren, wurden bei dem fortwährenden Rollen und Stampfen stark hin und her geworfen; wirklich bemitleiden mußten wir indes die auf der »Harmonie« eingeschifften Kameraden und Truppen. Die »Harmonie« fuhr hinter uns her und wir konnten ihr furchtbares Schlingern aus nächster Nähe beobachten. Die Besorgnis, daß die »Harmonie« bei dieser See kentern könnte, lag sehr nahe, und in der That wurde bald darauf auf der »Harmonie«, als wir den Wasserweg innerhalb des Mafia-Kanals verlassen wollten, ein Signal sichtbar, daß der Dampfer unmöglich folgen könne. Nachdem der Kapitän der »Harmonie« und Chef von Zelewski, der Kommandant der auf der »Harmonie« eingeschifften Truppen mit dem Reichskommissar in Verbindung getreten waren, wurde zunächst bei Samanga geankert und hier beschlossen, daß die andern Schiffe bis auf »Schwalbe« und »Harmonie« direkt und zwar möglichst ohne daß man sie von Kilwa Kiwindje bemerken könne, nach Kisiwani weiter gehen sollten.
Die »Schwalbe« lief mit Tagesanbruch des 2. Mai nach Kilwa, um Herrn Kapitän Valette von der notwendig gewordenen Änderung der ursprünglich getroffenen Dispositionen Meldung zu erstatten und »Harmonie« folgte ihr langsam nach. Dann schlug die »Schwalbe« den Weg nach Kilwa Kisiwani ein, wo sie wieder die Führung übernahm und, den übrigen Dampfern den Weg weisend, Nachmittags in den Hafen einlief. Die Führung durch Sr. Maj. Kreuzer »Schwalbe« ist während der ganzen Fahrt nach dem Süden für uns von der größten Wichtigkeit gewesen. Den Führern unsrer Dampfer, die bis dahin kaum jemals nach dem Süden gekommen waren, war das Fahrwasser unbekannt, und es ist sowohl der geschickten Führung durch Kapitän Hirschberg, als auch besonders der großen Hilfsbereitschaft, mit der er jeden weiter zurückbleibenden oder vom richtigen Fahrwasser abkommenden Dampfer wieder auf den richtigen Weg brachte, zu danken, daß wir, ohne durch die Elemente größere Verluste zu erleiden, im Süden angekommen sind.
Dem auf der »Schwalbe« eingeschifften Bataillon und insbesondere den Offizieren ist die bestmögliche, kameradschaftlichste Aufnahme zu Teil geworden, wie überhaupt in jener Zeit das vorher zuweilen gespannte Verhältnis mit der Marine sich in ein sehr gutes umgewandelt hatte. Zumal mit der alten Besatzung der »Carola« und »Schwalbe«, mit denen wir so vieles gemeinsam durchlebt hatten, wurde eine enge Freundschaft und die beste Kameradschaft gepflogen.
Die »Harmonie« hatte die Anweisung erhalten, da sie nach Kilwa Kisiwani nicht folgen konnte, nach der Rukyrro-Bai, südlich von Kilwa Kiwindje zu gehen und daselbst das an Bord befindliche Bataillon auszuschiffen.
Bei unserer Ankunft in Kilwa Kisiwani machten das Kriegsschiff und die armierten Dampfer klar zum Gefecht, aber es zeigte sich nirgends ein Feind.
Die Landung der Truppen an der Südspitze der von Kilwa Kiwindje nach Süden auslaufenden Halbinsel ging ohne Schwierigkeit von statten und war bis zum Eintritt der Dunkelheit beendet. Die Truppen der »Harmonie« wurden ebenfalls in der Nacht vom 2. zum 3. und am 3. früh in der Rukyrro-Bai gelandet, wobei die »Schwalbe« ebenso wie bei unserer Landung in Kilwa Kisiwani durch Hergabe von Booten und durch Schleppen mit der Dampfpinasse bereitwillig Unterstützung leistete.
Eine Stunde nach begonnener Landung war in der Kisiwani-Bai die ganze Mannschaft von »Schwalbe« und »Barawa« ausgeschifft und um 5 Uhr 15 Minuten befand sich bereits alles im Marsch.
Das Landen der Truppen, Rangieren und der Abmarsch machten einen sehr guten militärischen Eindruck, in Anbetracht der überstandenen Seefahrt und der Seekrankheit, an der fast alles zu leiden hatte. Es wurde zunächst eine Stunde weit marschiert bis Masoko in der Rukyrro-Bai, in deren Nähe die »Harmonie« vor Anker lag.
Abgesehen von einem Angriff auf eine von uns ausgesandte Patrouille, bei welchem ein Mann auf unsrer Seite verwundet, einer der Gegner erschossen wurde, fanden Feindseligkeiten während der Nacht nicht statt. Wir hatten dagegen unterwegs einige Eingeborene aufgegriffen, welche uns am nächsten Tage als Führer nach Kilwa Kisiwani dienen sollten.
Das zweite Bataillon war während der Landung der »Harmonie« nordwärts vorgeschoben und hatte die Vorposten zu stellen. Noch während der Landung wurden dieselben von einem etwa 200 Mann starken Trupp, der offenbar auf die Nachricht von unserer Landung hin von Kilwa Kiwindje ausgesandt war, angegriffen. Der Gegner wurde indes nach kurzem Gefecht unter bedeutenden Verlusten zurückgeworfen.
Unmittelbar nach erfolgter Landung des auf der »Harmonie« eingeschifften Bataillons wurde der Vormarsch auf Kilwa (in der Marschordnung: zweites, erstes, drittes Bataillon), angetreten. Der Marsch führte zunächst an der Küste entlang nach Norden, dann bogen wir nach Nordwesten ab in der Richtung auf den Kisimo-Berg.
Unterwegs wurde unsere Tête fortwährend von Rebellen angegriffen, jedoch wurde der Marsch hierdurch nicht verlangsamt, da es zumeist nur des Einsetzens der Têten-Kompagnie bedurfte, den Gegner zurückzuwerfen. Dagegen hatten wir in Folge der großen Hitze, der schlechten Ernährung und der überstandenen Seekrankheit einige Fälle von Sonnenstich, was uns einigermaßen aufhielt. Während der Nacht vom 3. zum 4. Mai wurde Bivouak in einer verlassenen Ortschaft bezogen. Die Nacht verlief ohne jede Störung, obgleich das stark coupierte Terrain und die Tags zuvor sich immerfort wiederholenden Angriffe des Feindes auch Unternehmungen desselben bei Nacht erwarten ließen. Selbstverständlich waren nach dem Beziehen des Bivouaks alle Vorsichtsmaßregeln getroffen und starke Vorposten ausgestellt worden.
Am 4. Mai morgens wurde der Weitermarsch fortgesetzt, abermals unter schnell zurückgewiesenen Angriffen der Gegner. Gegen 7 Uhr wurde das Feuer der Kriegsschiffe hörbar. Die vorzüglich einschlagenden Granaten legten einen beträchtlichen Teil der Befestigung an der Front nieder, ebenso eine Menge massiver Bauten in der Stadt. Ein Teil derselben, der aus Negerhütten bestand, geriet in Brand, ein Teil der Pulvervorräte des Feindes flog in die Luft.
Als sich unsere Truppen um 8 Uhr der Stadt von Südwesten her näherten, dirigierte der Reichskommissar das zweite Bataillon auf den Süden der Stadt, das erste auf die Westlinie, während das dritte als Reserve folgte. Dicht vor der Stadt wurden noch einige Granaten in dieselbe geworfen und eine Patrouille mit der deutschen Flagge rechts nach dem Strande gesandt. Sie sollte der Marine das Zeichen zum Einstellen des Feuers geben, damit wir selbst zum Angriff vorgehen könnten.
Zu unserer großen Überraschung konnten wir, ohne Feuer zu erhalten, in die Stadt eindringen: sie war während der letzten Nacht geräumt worden. Wir hatten erwartet, daß die fanatischen Rebellen von Kilwa Stand halten würden, und daß es zu einem sehr erbitterten Straßenkampfe kommen würde, wobei die vielen festen Steinhäuser vorzügliche Reduits für die Rebellen hätten bilden können. Wäre es uns dann gelungen, den Gegner aus der Stadt zu treiben, so hätte ihm nach Erstürmung des südlichen Stadtteils das erste Bataillon vom Westen her den Rückzug abgeschnitten, und der Feind wäre in den Terrain-Abschnitt zwischen den Meeresstrand und den Fluß gedrängt worden, wo er ertrunken oder in unsere Hände gefallen wäre. Die Rebellen waren indes eingeschüchtert. Sie hatten erwartet, daß wir lediglich von der Seeseite angreifen würden, wo sie sich durch eine sehr stark angelegte doppelte Pallisadenreihe, in deren Mitte Erde geschichtet war, befestigt hatten. An verschiedenen Stellen der Pallisaden waren Bastionen errichtet, deren Armierung im ganzen aus acht primitiven Geschützen bestand. Im Norden und Süden stießen die Befestigungen an Creeks; an den Seiten dagegen waren Befestigungen überhaupt nicht angebracht.
Da wir den Rebellen den Gefallen nicht gethan hatten, die stärkste Seite der Stadt anzugreifen, und ihre Versuche, uns durch Entgegenwerfen stärkerer Trupps im Vormarsch aufzuhalten, ebensowenig Erfolg gehabt hatten, warfen sie die Flinte ins Korn und gaben die Stadt preis. Nach den eingezogenen Erkundigungen waren die Verluste an Menschenleben, welche die Rebellen durch die Beschießung der Marine erlitten hatten, ganz geringfügig, sie betrugen nur 2 Mann; um so größer aber war der moralische Eindruck gewesen, den das Bombardement und der Brand in der Stadt hervorriefen. Um nicht die ganze Stadt abbrennen zu lassen, mußten wir selbst zum Löschen schreiten.
Der Verlust der Schutztruppe vor Kilwa betrug drei Tote und einige Verwundete. Die Marine war, da ihre Schiffe aus einer Entfernung von über 3000 +m+ feuerten, selbstverständlich nicht durch die Rebellen gefährdet. Die Verluste, welche die Rebellen in den vereinzelten Gefechten beim Anmarsch der Schutztruppe von Süden her erlitten, beliefen sich auf etwa 30 Mann. Recht wunderbar schien es uns, daß obwohl unsere Marine stets recht gut schoß, die Verluste der Rebellen an Menschenleben so ungeheuer gering waren und der Schätzung der Marine stets bedeutend nachstanden. Man sah, daß die Granaten meist vorzüglich krepierten, dennoch aber keine Verluste beibrachten. Gewiß ist in dieser Beziehung der Vorschlag des Admirals Deinhard, statt mit Granaten mit Shrapnels gegen lebendige Ziele zu feuern und die in Ostafrika stationierten Kriegsschiffe mit solchen zu versehen, sehr beachtenswert.
Kilwa Kiwindje ist die größte und bedeutendste Stadt des Südens, fast so groß wie Bagamoyo, wenn auch als Handelsplatz bei weitem nicht von derselben Bedeutung. Die Zahl der Steinhäuser und besonders der geräumigen Steinhäuser übersteigt erheblich die in allen andern Plätzen. Leider hat Kilwa eine sehr schlechte Rhede und der sehr schlickige Strand erschwert sogar das Landen mit den Booten. Die Bedeutung Kilwas ist ersichtlich aus der großen Zahl der hier wohnenden Inder. Annähernd 100 Geschäfte von Hindus und Banianen befinden sich in der Stadt.
Auf der Rhede von Kilwa lag zur Zeit unseres Angriffes das englische Kriegsschiff »Turquoise«, um diejenigen von den indischen Unterthanen aufzunehmen, welchen der Aufenthalt in der Stadt zu unsicher erschien und welche die Absicht hatten, nach Sansibar überzufahren. Es schifften sich denn auch 12 Männer und 105 Frauen und Kinder auf der »Turquoise« ein; ein Inder war noch unmittelbar vor dem Abzug der Rebellen in seinem Hause ermordet und sein Laden vollständig ausgeplündert worden. Bei unserm Einzuge fanden wir die Inder fast alle aus der Stadt geflüchtet und erst auf gutes Zureden, nachdem wir Friedensboten zu ihnen gesandt, waren sie zur Rückkehr zu bewegen.
Die Stärke des Feindes variierte nach den Angaben der Inder zwischen 5 und 7 Tausend Mann, doch scheint diese Zahl von den für größere Zahlenangaben wenig Verständnis besitzenden Leuten sehr übertrieben zu sein.
Nach unserem Einrücken in die Stadt wurden die im Besitze der Rebellen befindlichen Häuser geplündert und nachdem das Vieh, welches in der Stadt und deren Nähe sich vorfand, zusammengetrieben war, bezogen die Truppen Quartiere. Jedem Bataillon wurde ein Teil der Stadt überwiesen und diese Bereiche in Kompagnie-Reviere eingeteilt. So kamen hier nach der Seefahrt und dem Marsch im Regen, -- seit unserer Abfahrt von Daressalam hatte es fast ununterbrochen in Strömen gegossen, -- die Truppen zum ersten Mal in trockene Quartiere. Da sich durch die Stadt Kilwa selbst ein Creek hindurchzieht, und außerdem in der Regenzeit das ganze Terrain in und um Kilwa zum Sumpfe wird, in welchem gerade jetzt viel Erdarbeiten auszuführen waren, so kann es nicht Wunder nehmen, wenn in der nächsten Zeit der Gesundheitszustand der Truppen ein sehr schlechter war.
Am Tage nach dem Einrücken wurde eine Patrouille von 3 Kompagnien nach dem Singino-Hügel geschickt, welche die Meldung zurückbrachte, daß der erste Halt der flüchtigen Aufständischen 7 Stunden von Kilwa entfernt läge, aber kaum Aussicht sei, daß dieselben einer anrückenden Truppe weiterhin Stand halten würden.
Man ging nun eifrig an das Ausladen der Dampfer, welche die für Kilwa bestimmten Baumaterialien, Munition und Proviant gebracht hatten, und bereitete die Befestigungsarbeiten vor, so daß der Platz von zwei Kompagnien gehalten werden konnte. Als Platz für die Station wurde das alte am Strande gelegene Zollhaus und drei andere Steinhäuser ausgesucht, die zunächst durch eine provisorische Umwallung aus Wellblech (mit Erdaufwurf zwischen den Wellblechen) und durch einen Stacheldrahtzaun derart umgeben wurden, daß sie mit den Geschützen und der zugehörigen Besatzung ein wohl zu verteidigendes Fort bildeten. Die Station wurde am 8. Mai nachmittags mit 15 Europäern, 2 Kompagnien und 2 Geschützen dem Chef von Zelewski übergeben.
Am 9. Mai erfolgte die Einschiffung der übrigen Truppen und zwar an Bord der »Carola«, »Schwalbe« und »Barawa«, da »Harmonie« wegen ihrer bewiesenen Untüchtigkeit in Kilwa zurückgelassen wurde. Am Mittag des 9. Mai gingen »Carola«, »Schwalbe«, »Barawa«, »München« und »Vesuv« nach Lindi, unserem nächsten Ziele, ab, wo wir am Morgen des 10. Mai eintrafen.
Die Stadt Lindi, meist aus Negerhütten bestehend, weist nur ganz wenige Steinhäuser auf. Sie liegt auf der nördlichen Seite eines von See aus ins Land sich hineinziehenden sehr breiten Creeks. Die Ausdehnung der Stadt ist keine große, da unmittelbar hinter derselben eine ziemlich bedeutende Hügelkette eine natürliche Grenze bildete. Am Ende des Creeks mündet in diesen der Ukeredi-Fluß. Nach unserer Ankunft vor dem gewissermaßen den Hafen bildenden Creek gingen die Dampfer »Schwalbe«, »Barawa«, »München« und »Vesuv« in denselben, den sogenannten Lindi-Fluß hinein, während »Carola« von der Rhede aus die Operation auf Ansuchen des Majors Wißmann durch Hineinwerfen dreier schwerer Granaten in die Stadt eröffnete. Wir erhielten im Flusse sowohl von der Lindiseite aus, als auch von der entgegengesetzten Seite des Flusses Feuer, welches die »Schwalbe« mit Revolvergeschützen erwiderte, während ich von der Kommandobrücke der »Barawa« aus mit dem Maxim-Gun die am Strande von Lindi befindlichen Rebellen beschoß. Obgleich die Lindileute fast gar keine Verluste erlitten, wurde doch der Strand von ihnen geräumt, und unsere Landung erfolgte ohne Verluste.
Der Vormarsch gegen die Stadt machte keine Schwierigkeiten. Überall wurde das Terrain im Umkreis von den Rebellen gesäubert. Wo sie sich zeigten, wurden sie, ohne daß sie bedeutenden Widerstand leisteten, zurückgeworfen. Nach der Besetzung der Stadt wurden alsbald Vorposten aufgestellt und mit den Löscharbeiten begonnen. Eine von uns unternommene stärkere Rekognoszierungs-Patrouille, bei der wir an einzelnen Stellen beschossen wurden, hatte zwar die Rebellen über die benachbarte Hügelkette hinaus gejagt, doch wurden während der Nacht unsere Vorposten noch an verschiedenen Stellen, allerdings ohne Erfolg, angegriffen. Ein weißer Unteroffizier wurde bei der Schießerei während der Nacht verwundet. Zur provisorischen Befestigung wurde ein Platz am Strande ausersehen und drei hier befindliche Steinhäuser durch entsprechende Verbindung verteidigungsfähig eingerichtet.
Am 11. Mai bereits kehrte der Araber Selim ben Salum, welcher oberhalb des Flusses seine Schamba hatte, auf einem Boote mit der weißen Friedensfahne zurück und bot seine sowie aller Araber Unterwerfung an. Ebenso schickten die Hauptführer an diesem Tage Boten zu uns, welche um Frieden und Begnadigung baten. Die »Carola« verließ am Nachmittag des 11. Mai die Rhede, zeigte sich dann vor Mikindani und kehrte von da nach Sansibar zurück. Am 12. wurde vom Reichskommissar mit dem Dampfer »München« eine Rekognoszierung den Lindifluß aufwärts unternommen und die Niederlassung des bereits erwähnten Selim besucht. Hier waren alle Araber der Umgegend versammelt und zeigten dem Reichskommissar ihre vollständige Unterwerfung an.
Am 13. wurde die Station Lindi mit 18 Europäern, zwei Kompagnien und 6 Geschützen dem Verfasser übergeben. Der Reichskommissar brach mit den übrigen Truppen nach Mikindani auf, wo er an demselben Nachmittag eintraf. Bereits über Land war an den Wali von Mikindani ein Brief abgesandt mit der Aufforderung, beim Eintreffen des Reichskommissars sich diesem friedlich zu unterwerfen. Und so kamen denn auch bei der Einfahrt in den Hafen bereits Boten mit weißen Flaggen entgegen, welche Briefe vom Wali und den Jumbes überbrachten, in denen sie ihre Unterwerfung anzeigten. Der Reichskommissar begab sich sofort an Land und fand an der Stelle der späteren Station im ganzen 100 meist bewaffnete Araber zum Schauri versammelt. Sie wurden ermahnt, sich in den Ortschaften um Mikindani ruhig zu verhalten, und es wurde ihnen mitgeteilt, daß am nächsten Morgen die Truppen ausgeschifft und mit dem Bau einer Befestigung begonnen werden würde. Eine Sorge für ihr Leben und Eigentum hätten die sich friedlich Unterwerfenden nicht zu hegen.
Nach Ausschiffung der Truppen am nächsten Morgen wurden auch hier die provisorischen Befestigungsarbeiten vorgenommen, nachdem die friedliche Unterwerfung aller Einwohner angenommen war. Nur ein Dorf, welches die Friedensflagge nicht gehißt hatte, wurde von den Negern geräumt.
Der Wali, der Jemadari und der Akida des Sultans wurden in die Dienste des Reichskommissars übernommen und zum Gehorsam verpflichtet. Die Leitung der weiteren provisorischen Befestigungsarbeiten wurde dem Chef +Dr+. Karl Wilhelm Schmidt übertragen, der einige Tage darauf auf Befehl des Reichskommissars die Station mit 11 Europäern, 2 Kompagnien und 4 Geschützen an Chef End zu übergeben hatte. Die beiden übrigen Kompagnien Dr. Schmidts sollten nach Bagamoyo und Pangani zurückgesandt werden. Er selbst hatte den Befehl, auf der »Schwalbe« nach Sansibar zu kommen.
Auf der Rückfahrt von Mikindani lief der Reichskommissar mit der »München« die Plätze Lindi und Kilwa nochmals an und fand daselbst alles in guter Ordnung. In Kilwa hatten sich bereits einige 100 Eingeborene wieder eingestellt. Der größte Teil der Aufständischen war noch einige Tagereisen von Kilwa entfernt versammelt. Kilwa Kisiwani hatte als Vertreter einen völlig arabisierten Italiener, der Jussuf genannt wurde, an Chef von Zelewski gesandt, mit der Bitte auch nach Kisiwani Truppen hineinzulegen.
Am 17. Mai traf der Reichskommissar wieder in Sansibar ein und ging von dort aus am 18. nach Sadani. Bana Heri, der dem Reichskommissar, wie erwähnt, sein Schwert, das er im Aufstande gegen ihn geführt, übersandt hatte, trug ihm jetzt die Bitte vor, ihm ein anderes Schwert zu übergeben, das er von jetzt an nur in deutschen Diensten tragen würde. Seine Bitte wurde erfüllt.
In Sadani war der Araber Mohammed ben Kassim aus Tabora, der allgemein beschuldigt wurde, den deutschen Kaufmann Giesecke im Jahre 1885 in Tabora ermordet zu haben, durch Lieutenant Sigl nach erfolgter Rekognoszierung durch den Irländer Stokes dingfest gemacht worden. Wißmann, der Mohammed ben Kassim bereits drei Jahre früher am Lualaba kennen gelernt hatte, erkannte denselben wieder und sandte ihn nach Bagamoyo, woselbst er ein Kriegsgericht über ihn anordnete. Der Sultan Said Ali selbst bat zwar, seinen Unterthan Mohammed ben Kassim ihm auszuliefern, doch wurde das Ansuchen von Wißmann abgeschlagen.
Am 26. Mai trat der Reichskommissar, dessen Gesundheit durch die fortwährenden Strapazen sich sehr erheblich verschlechtert hatte, einen ihm bewilligten Urlaub nach Deutschland an, nachdem er zuvor an den von Mikindani zurückgekehrten Chef +Dr.+ Karl Wilhelm Schmidt für die Dauer seiner Abwesenheit die Geschäfte des Reichskommissariats übergeben hatte.
12. Kapitel.
Das Reichskommissariat unter Wißmanns Stellvertreter +Dr.+ Karl Wilhelm Schmidt.
Innerer Ausbau und Organisation des Kommissariats. -- Beaufsichtigung und Kontrolle der Karawanen. -- Verurteilung des Mörders Gieseckes, des Arabers Mohammed ben Kassim. -- Deputationen aus dem Innern melden die Unterwerfung der Bevölkerung. -- Einfall der Mafiti in Usaramo. -- Expedition des +Dr.+ Schmidt nach Usaramo bis an den Rufidji-- Unterwerfung des Jumbe Pangiri. -- Expedition des Chef von Perbandt nach Nguru zur Sicherung der katholischen Mission. -- Verhandlungen mit der Bevölkerung im Süden. -- Ausbau der Station Kilwa durch Zelewski. -- Anknüpfung von Beziehungen mit den Eingeborenen um Lindi und Mikindani. -- Expeditionen zu diesem Zweck in das Hinterland. -- Die Sklavenfrage in und um Lindi. -- Die Wahiyao und der Häuptling Maschemba. -- Verhandlung mit letzterem. -- Scheinbare Unterwerfung desselben. -- Pulverschmuggel im Hinterland von Lindi. -- Unterdrückung des Pulverschmuggels durch Benutzung der Eingeborenen und Händler. -- Die Stämme im Hinterland des Südens. -- Beschaffenheit des Hinterlandes. -- Charakter der Lindi-Leute. -- Expedition des Verfassers mit Chef End zu Maschemba. -- Besuch des Makanda-Häuptlings Schikambo. -- Krieg zwischen Schikambo und Maschemba. -- Expedition des +Dr.+ Schmidt mit den Stationschefs von Lindi und Mikindani zu den englischen Missionsstationen und an den Rovuma. -- Gefecht bei Kisanga; Verwundung des Verfassers. -- Der Rovuma. -- Ankunft in Mikindani. -- Informationsreise des Herrn von Soden nach Ostafrika. -- Soden als Ersatz für Wißmann in Aussicht genommen.
Die Hauptaufgabe des Stellvertreters des Reichskommissars, +Dr.+ Schmidt, lag auf friedlichem Gebiete. Nach der Wiedergewinnung der ganzen Küste und nach vollkommener Pacificierung des nördlichen Teils unseres Interessen-Gebietes konnte während der Abwesenheit Wißmanns an dem innern Ausbau und der Organisation des Reichskommissariats gearbeitet werden. +Dr.+ Schmidt wurde dieser Aufgabe gerecht durch Erlaß einer Reihe von Bestimmungen über die Thätigkeit, Diensteinteilung und Befugnis der Stationschefs und die Abgrenzung der Stationsbereiche, welche natürlich durch die praktischen Verhältnisse vorgezeichnet waren. Bei der Feststellung des Verhältnisses der Stationschefs zur eingeborenen Bevölkerung und den Karawanen traf er Anordnungen über die Beaufsichtigung und Kontrolle der Karawanen, die Abstempelung der Schußwaffen, welche dieselben mit sich führten, über den Verkauf von Waffen und Munition an Karawanen und über den Kautschuckhandel, um der häufigen Verfälschung dieses wertvollen Produktes durch die Neger vorzubeugen, endlich über die militärischen Befugnisse der Stationschefs und Offiziere und dergleichen mehr. Im allgemeinen wurden hierbei natürlich die von Wißmann stets gehandhabten Grundsätze gewahrt und nur die bisher in der Praxis allgemein befolgten Prinzipien in feste Form gelegt.
Wir haben bereits erwähnt, daß es in Sadani gelungen war, den Araber Mohammed ben Kassim aus Tabora festzunehmen, und daß der Reichskommissar die kriegsgerichtliche Aburteilung desselben befohlen hatte. Die vorgenommene Untersuchung ergab die volle Schuld nicht nur in Betreff der dem Mohammed ben Kassim zur Last gelegten Ermordung des deutschen Kaufmannes Giesecke zu Tabora, sondern es wurde auch festgestellt, daß er im Jahre 1889 nach Begründung der Station Mpapua mit einer größeren Masse von Arabern und Sklaven einen Angriff auf die Station beabsichtigt und bereits im Anmarsch auf dieselbe gewesen sei. Nur durch die ihn aus Furcht vor den Deutschen zurückhaltenden Wagogo war er am Durchmarsch durch Ugogo behindert worden. Mohammed den Kassim wurde infolgedessen zum Tode durch den Strang verurteilt. Später erst sind zudem, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, seine Absichten gegen uns im vollen Umfange bekannt geworden.
Es entwickelten sich unter der Vertretung durch +Dr.+ Schmidt die Verhältnisse im Norden weiterhin durchaus befriedigend. Viele Häuptlinge aus dem Innern, mit denen bereits Wißmann Beziehungen angeknüpft hatte, kamen herunter zur Küste und legten Zeugnis von ihrer Unterwerfung unter die deutsche Herrschaft und von ihrem Gehorsam ab. Der Karawanen-Verkehr nahm einen erfreulichen Aufschwung. Zu Masinde, dem Sitz des Häuptlings Simbodja, ließ Schmidt, obgleich dieser Häuptling ebenfalls Proben seiner Ergebenheit und guten Gesinnung gezeigt hatte, doch, um ihn kontrolieren zu können, eine befestigte Station durch Chef Ramsay anlegen.
Nur Usaramo wurde, trotz der Niederlage der Mafiti bei Jombo im Jahre zuvor, durch einen erneuten Einfall derselben auf große Strecken hin verwüstet und entvölkert, sodaß sich der stellvertretende Reichskommissar genötigt sah, eine Expedition gegen die Mafiti mit zwei Kompagnien zu unternehmen. Der Marsch wurde von Bagamoyo aus angetreten und führte über die alten Stationen der Ostafrikanischen Gesellschaft Dunda, Madimola und Usungula nach der französischen Missionsstation Tununguo, welche am meisten von den Mafiti bedroht erschien. Auf der Station wurde zur Bedeckung derselben ein weißer Unteroffizier und 20 Mann zurückgelassen. +Dr.+ Schmidt marschierte nach dem Dorfe Zungumero, drei Tagereisen südlich von der Station, woselbst die die Mission bedrohende Abteilung der Mafiti sich befinden sollte. Das große und stark befestigte Dorf wurde jedoch verlassen vorgefunden. Da es nicht gelang, die Eingeborenen zum Eingehen auf Unterhandlungen zu bewegen, wurde der Ort niedergebrannt.
Der Weitermarsch führte nach dem Rufidji, woselbst ebenfalls noch Mafitis versammelt sein sollten. In diese Gegend hatte sich auch der Jumbe Pangiri, dessen Dorf Pangiri, wie wir in einem früheren Kapitel erwähnt, vom Reichskommissar bei Antretung der Mpapua-Expedition zur Strafe zerstört worden war, geflüchtet und hatte Unterstützung bei der Bevölkerung jener Gegend gefunden. Er erschien jedoch bei der Ankunft des +Dr.+ Schmidt freiwillig in dessen Lager, um sich auf Gnade und Ungnade zu unterwerfen. Schmidt erteilte ihm Amnestie unter der Bedingung, daß er mit der Expedition zugleich nach der Küste zurückkehre und sich in seinem alten Dorfe niederlasse. In der That schloß sich Pangiri mit seinen Leuten sofort der Expedition an. Mit dem Jumbe Pangiri war der letzte der angesehenen Rebellen-Häuptlinge des nördlichen Teils der Küste zurückgekehrt.
Der Rückmarsch wurde zunächst längs des Rufidji angetreten. +Dr.+ Schmidt, den dringende Verwaltungs-Geschäfte nach Sansibar riefen, marschierte in Eilmärschen von Mtansa aus mit einer kleinen Bedeckung nach Daressalam, während Chef Ramsay den Auftrag erhielt, sich mit dem Gros der Expedition über den Rufidji nach Kilwa zu begeben und bei dieser Gelegenheit die Verhältnisse des Hinterlandes von Kilwa möglichst aufzuklären.
Von den Mafitis war das ganze Land zwischen dem Kingani und dem Rufidji einerseits und der Küste und Mahenge andrerseits stark verwüstet; auch hatten sie überall wieder die gewöhnlichen Grausamkeiten verübt. Um diesen Einfällen der Mafiti vorzubeugen und die eingeborene Bevölkerung vor ihnen zu sichern, schlägt +Dr.+ Schmidt die Anlage einer Station in der Gegend der Schuguli-Fälle am Rufidji vor, durch welche, nach Ansicht des +Dr.+ Schmidt, sowohl die südlich des Rufidji wohnenden als auch die nördlichen Mafitistämme in Schach gehalten werden sollten; es ist dies indes von einer einzigen Station um ein Bedeutendes zu viel erhofft.
Einer Expedition des stellvertretenden Stationschefs von Bagamoyo, Herrn von Perbandt, in dieser Zeit sei noch Erwähnung gethan. Sie hatte den Zweck, kleinere nördlich der durch Nguru führenden Karawanenstraße vorgekommene Unruhen zu beschwichtigen, wurde auf Befehl des Reichskommissars ausgerüstet und von Herrn von Perbandt geschickt und schneidig durchgeführt.
Die Verbindung nach den Süd-Stationen war bei den großen Entfernungen und der während der Zeit des Südwest-Monsums herrschenden hohen See durch die kleinen Dampfer schwer aufrecht zu erhalten und wurde, da eine Masse Baumaterial und Proviant des öfteren nach den Stationen geschickt werden mußte, durch den vom Sultan von Sansibar gecharterten Dampfer »Barawa« hergestellt. Auf den Süd-Stationen selbst entwickelten sich die Verhältnisse in durchaus befriedigender Weise.
Die Aufständischen um Kilwa hatten sich zunächst in der Absicht, weiteren Widerstand zu leisten, etwa in 8 Stunden Entfernung verbarrikadiert, doch gaben sie die Absicht eines Angriffs bald auf und faßten statt dessen den weniger energischen Entschluß, wenn ihnen von der Station Kilwa aus auf den Leib gerückt würde, Fersengeld zu geben. Der stellvertretende Reichskommissar hatte sich aber von der Möglichkeit überzeugt, daß die Verhältnisse um Kilwa, -- nachdem der Ort seine verdiente Strafe durch das Bombardement und die Einnahme der Stadt erlitten und wir unserer Macht durch Anlage einer starken Station Ausdruck gegeben hatten, -- weiterhin im guten zu regeln seien. Er gab deshalb die Instruktion, daß alles daran gesetzt werden sollte, die Leute zur Rückkehr zu bewegen, damit der alte Handelsplatz Kilwa bald wieder seine frühere Bedeutung zurückgewinne. Chef von Zelewski pflog auch durch Unterhändler mit den Aufständischen Verhandlungen, um dieselben zur Rückkehr in die Stadt zu bewegen, aber es dauerte trotz der immer gegebenen Versprechungen, daß sie geschont würden, geraume Zeit, ehe die Neger ihr Mißtrauen und ihre Furcht vor Strafe ablegten.
Zelewski gab sich in dieser Zeit mit dem größten Eifer dem Ausbau seiner Station und der Fürsorge für die Stadt hin und er, der leider ein Jahr darauf als Kommandeur der kaiserlichen Schutztruppe den Tod für die koloniale Sache in Uhehe sterben sollte, hat sich durch seine Thätigkeit in Kilwa ein bleibendes Denkmal gesetzt. Die äußerst praktisch angelegte Station, die aus einigen geschickt verbundenen arabischen Ruinen entstanden war, das in Kilwa erbaute Lazarett, die Entwässerung der die Stadt umgebenden Sümpfe, eine Wasserleitung in der Stadt, ein in das Meer hinausgelegter Steindamm, durch welchen die ungemein schlechten Landungsverhältnisse für die Boote verbessert wurden, geben das sprechendste Zeugnis von seiner Thätigkeit. Auf keiner der andern Stationen ist auch nur annähernd dasselbe erreicht worden, wie von ihm in Kilwa im Laufe von nur 10 Monaten.
Es gelang Zelewski endlich, die Führer der Aufständischen zur Rückkehr nach Kilwa zu bewegen und er hatte die Freude, diesen Platz zu seiner alten Bedeutung wieder erwachsen zu sehen. Nebenbei glückte es dem Stationschef, die Mörder der bei Beginn des Aufstandes ermordeten Beamten der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft, Krieger und Hessel, in Kilwa festzunehmen. Sie wurden im November 1890 vom stellvertretenden Reichskommissar zum Tode durch den Strang verurteilt.
Die Furcht vor den Mafiti, in diesem Fall den südlichen Mahengestämmen, veranlaßte die Leute des Hinterlandes, sich enger an die Station anzuschließen, da sie nur von dieser Hülfe gegen ihre alljährlich das Land nach der Regenzeit heimsuchenden Feinde erhoffen durften. Bei seinem Marsch vom Rufidji nach Kilwa wurden dem Chef Ramsay von keiner Seite aus auch nur die geringsten Schwierigkeiten gemacht oder Feindseligkeiten entgegengesetzt, er konnte nur überall die große vor den Mafitis herrschende Furcht konstatieren.
In Lindi und Mikindani war es nach dem Stationsbau und den damit zusammenhängenden Arbeiten, als Freilegung des Terrains, Straßen- und Gartenanlagen, Bau des Schießstandes, Strandarbeiten etc., ebenfalls die hauptsächlichste Aufgabe der dortigen Stationschefs, möglichst bald gute Beziehungen mit der Bevölkerung herzustellen, um den Karawanen-Handel, der zwischen dem Nyassa-See und unserer Küste bestand, bald wieder dorthin zu lenken. In Mikindani waren die Verhältnisse von vornherein friedliche, da auch der einzige anfänglich nicht für Unterwerfung geneigte unter den Rebellen alsbald sich eines besseren besann und zurückkehrte. Ebenso hatten wir bereits bei der Einnahme Lindi's erwähnt, daß auch dort die Rebellen vom Reichskommissar Amnestie erbeten hatten. Der Verfasser setzte als Stationschef natürlich ebenfalls alles daran, die früheren Rebellen zur Rückkehr zu bewegen, und dies gelang ihm auch gleich in der allerersten Zeit bei fast allen. Nur einen einzigen, den Hauptbeteiligten, Raschid Schapapa, hinderte die Furcht vor Strafe und Mißtrauen gegen uns an der Rückkehr. Die andern Hauptagitatoren beim Aufstande, Kadi Omar, Fundi Majaliwa, Mohammed ben Raschid, leisteten der Aufforderung zur Rückkehr alsbald Folge.
Es sahen sowohl Chef End, der Stationschef von Mikindani, wie auch der Verfasser in Lindi ihre Aufgabe darin, hier in diesen unsern südlichen Plätzen, wohin Europäer bisher noch wenig gekommen waren, wo selbst der Sultan von Sansibar außerhalb der festen Plätze eine Herrschaft nie ausgeübt hatte, uns mehr Fühlung mit den Eingeborenen zu verschaffen und diesen das große Mißtrauen, das uns hier anfangs entgegengebracht wurde, allmählich zu benehmen. Im Hinterlande der beiden Plätze ist besonders dadurch, daß die Bevölkerung nach Möglichkeit zu den großen in der ersten Zeit natürlich notwendigen Stations-Arbeiten herangezogen und hierdurch etwas mehr an uns gewöhnt wurde, in dieser Hinsicht ein bedeutender Erfolg erzielt worden.
Um Lindi selbst gab es indes noch eine andere Frage, deren Lösung nicht so leicht erschien, nämlich die Regelung des Verhältnisses der Araber und der besitzenden Klasse überhaupt zu den Sklaven.
Lindi ist von jeher nach zwei Seiten hin bekannt: erstens als Haupt-Sklavenplatz unserer ganzen Küste und ferner durch die häufig dort vorkommenden Sklaven-Aufstände. Die Sklaven haben sich hier in den letzten Jahren des öfteren gegen ihre Herren erhoben, ihnen nicht nur den Gehorsam aufgekündigt und sind entflohen, sondern sie haben direkt die Waffen gegen sie gekehrt. Sie hatten dabei im Hinterlande von Lindi, in Luagalla, an dem Wahiyao-Häuptling Maschemba eine kräftige Stütze und fanden bei ihm einen willkommenen Zufluchtsort. Außer in Maschemba's Gebiet fanden auch noch an vielen andern Plätzen Ansammlungen von Sklaven statt, welche dann eine Art Räuberbande bildeten und die Gegend beunruhigten.
Die Sklaverei in und um Lindi verdiente kaum diesen Namen; die Sklaven konnten thun und lassen, was sie wollten und wuchsen mit der dem Neger eigenen Unverschämtheit ihren Herren über den Kopf. Im Interesse der allgemeinen Sicherheit im Lande hätten wir eine strengere Form der Sklaverei geradezu erwünscht und mußten auf alle Fälle versuchen, dem bestehenden Zustande ein Ende zu machen. Diese Regelung der Verhältnisse blieb uns Stationschefs überlassen. Nachdem unter den Häuptlingen des Hinterlandes, die auf Aufforderung des Reichskommissars mit dem Verfasser in Verbindung getreten waren, sich auch Maschemba eingefunden hatte, wurde daran gegangen, bezüglich der Sklavenfrage mit dem Häuptling ein Einverständnis zu erzielen. Ich trug ihm auf, entweder selbst zu mir nach Lindi zu kommen, oder einen seiner Söhne zu schicken, damit dieser meinen Willen erführe und wir ein die Interessen des Landes sowohl, wie, soweit angängig, diejenigen Maschembas wahrendes Abkommen treffen könnten.
Maschemba, der in jener Zeit viel mit dem Verfasser korrespondiert hat, indem er die Briefe immer in Suaheli-Sprache in lateinischen Lettern von einem auf der englischen Mission erzogenen Yao-Burschen schreiben ließ, ging auf mein Verlangen ein und sandte seine beiden Söhne mit folgendem Schreiben:
»Mein lieber Freund. Ich befinde mich wohl. Die Geschenke, die Du mir geschickt hast, sind alle angekommen, 3 Hemden, 2 Kikois, 3 Maskattücher, 12 Ballen Zeug, 4 Lessos. Meinen Dank dafür. Du schreibst mir, daß ich selbst komme oder mein Sohn. Ich schicke Dir heute zunächst meinen jüngern Sohn; der große kommt nach, er bringt noch Geschenke für Dich. Er heißt Kantande Wadi Maschemba. Damit der Brief sehr schnell kommt, bringt ihn mein jüngerer Sohn. Viele Grüße von mir. Ich bin hier wohl. Maschemba bin Tschapama.«
Der hier angekündigte Kantande, der älteste von Maschembas Söhnen, traf denn auch bald nach dem jüngeren ein und brachte, nachdem mir Maschemba schon gleich im Anfang einmal Hühner und Ziegen gesandt hatte, nun abermals die angekündigten Geschenke, welche in Kleinvieh und Hühnern bestanden, mit. Außerdem brachte er für mich als Geschenk ein Monstrum von einem Weibe, die er wahrscheinlich für besonders schön gehalten hatte. Sie besaß einen Umfang wie mindestens 3 starke Männer zusammen, so daß sie kaum durch das Stationsthor eintreten konnte. Die Wache und alle Neger, welche diese Schönheit sahen, konnten sich des Lachens nicht enthalten. Die gute Absicht Maschembas wurde zwar anerkannt, das Weib aber schleunigst in Freiheit gesetzt.
An dem Verhalten der Söhne Maschembas merkte ich bald, daß, wenngleich sie natürlich in Lindi auf alle Vorschläge und Bedingungen eingingen, und wenn auch Maschemba selbst ernstlich die Absicht zu haben schien, mit mir, falls seine Interessen gewahrt würden, sich dauernd auf einen guten Fuß zu stellen, an ein ernstliches Abkommen nicht zu denken war: sie hätten alles zugestanden, die Sache aber wäre im großen und ganzen doch beim Alten geblieben. Der Grund hierfür lag wohl darin, daß es Maschemba zwar verstanden hatte, die teils ihren Besitzern entlaufenen, teils von ihm von überall her geraubten Sklaven vorzüglich zu organisieren und gewissermaßen als große Räuberbande auszubilden, daß aber seine Autorität über diese Horde doch keine unbedingte war.
Ich entschloß mich deshalb, sobald meine Reisen in der Umgegend von Lindi beendet wären, Maschemba selbst aufzusuchen und zu sehen, was mit ihm persönlich auszurichten sei.
Meine Absicht war es, Maschemba zu verpflichten, daß er jeden ihm zugelaufenen Sklaven an die Station in Lindi ausliefere. Der Stationschef sollte dann den ursprünglichen Besitzer zitieren und diesem, wenn nicht besondere Gründe dagegen sprächen, den Sklaven zurückgeben, ihn aber zugleich verpflichten, an Maschemba für den Transport des Sklaven und die Auslieferung pro Kopf eine bestimmte Summe, die ich auf 5 Dollars anschlug, auszuzahlen. Ein solches Verfahren mag vielleicht heutigen Tages den jetzt geltenden Prinzipien bezüglich unseres Verhaltens in der Sklavenfrage entgegenstehen, scheint mir aber doch den damaligen Zuständen des Südens angemessen gewesen zu sein, da es vor allem darauf ankam, die Sicherheit des Gebietes und der Karawanenstraßen herbeizuführen und von zwei Übeln das kleinere mit in den Kauf zu nehmen.
Aber auch noch andere Umstände, als die Sklavenfrage, machten die Verhältnisse im Hinterlande von Lindi schwierig und stellten an den Stationschef weitgehende Ansprüche nichtmilitärischer Natur.
Daselbst bestand nämlich ein großartiger Pulverschmuggel sowohl von unserer Küste aus, wie auch von portugiesischem Gebiet nach unserem Hinterland. Eine Anzahl Leute im Hinterlande von Lindi selbst, unter denen wiederum Maschemba, sowie Araber und Eingeborene, hatten es verstanden, den Karawanenhandel, der von den Seen herunterkam, zum großen Teil an sich zu ziehen. Sie hielten selbst größere Lager der überall in Afrika am meisten begehrten, besonders aber im Süden verlangten Handelsartikel, nämlich Pulver, Munition und Gewehre und tauschten dagegen die Produkte des Innern, besonders Sklaven, ein.
Dies hatte den Nachteil, daß die Karawanen sich der Kontrolle an der Küste entzogen und ihre Geschäfte schon im Hinterlande abmachten, daß also an unserer Südküste eine Art Zwischenhandel bestand, der die Zoll-Einnahme stark beeinträchtigte und uns den Einfluß auf den wichtigsten und gleichzeitig gefährlichsten Einfuhrartikel benahm. Die verkaufte Munition wurde entweder nach den Plätzen unserer Küste, die nicht besetzt waren, eingeschmuggelt oder vom portugiesischen Gebiet über den Rovuma, wo ja auch Beobachtungsposten nicht bestanden, in das Hinterland eingeführt.
Dem mußte natürlich nach Möglichkeit entgegengearbeitet werden. Ich ließ durch meine Beziehungen zu den Eingeborenen und durch besoldete Spione diejenigen Leute innerhalb des Machtbereichs der Stationen ausfindig machen, die einen solchen verbotenen Handel betrieben und erschwerte ihnen ihr Gewerbe nach Möglichkeit. Ferner aber verkaufte ich, da ich diesen Zwischenhandel, namentlich die Schmuggelei über den Rovuma zu Maschemba und jenen Häuptlingen hin nicht gänzlich verhindern konnte, von der Station aus Gewehre und Munition an die Karawanen und zog diese dadurch an die Küstenplätze.
Da jedoch die Abgabe von Kriegsbedarf an die Karawanen nicht vorgesehen war, und auf den Stationen das nötige Pulver zum Verkaufe nicht vorhanden war, benutzte ich den Umstand, daß meine strenge, in der Umgegend von Lindi eingeführte Überwachung der den verbotenen Handel betreibenden Leute einerseits, wie Nachsicht gegen dieselben andrerseits einen Teil derselben bewog, mir ihre Vorräte auszuliefern. Ich vergütete ihnen natürlich, damit sie keinen direkten Schaden hatten, den Verlust an Waare durch Zahlung einer kleinen Summe.
Sodann wurden möglichst weit nach dem Innern hinein den vom Nyassa-See kommenden Karawanen Vertrauenspersonen entgegengeschickt, die ihnen mitteilten, daß sie ohne Furcht an die Küste selbst kommen, dort eine gute Aufnahme finden und die von ihnen gewünschten Artikel kaufen könnten.
Durch dieses Vorgehen gelang es sowohl dem Chef End in Mikindani, der dieselbe Taktik befolgte, wie mir in Lindi, den Karawanenverkehr an die Küste zu ziehen. Daß dabei bisweilen Sklaven vom Nyassa her bei den Elfenbein-Karawanen mit unterliefen, war erklärlich; ebenso notwendig war es auch unter den beschriebenen Verhältnissen, ein Auge zuzudrücken. Es wäre sonst der ganze Verkehr gestört oder nach dem benachbarten portugiesischen Gebiet, wo eine Kontrolle nicht bestand, hinübergelenkt worden. Wir beschränkten uns darauf, eine Sklaven-Ausfuhr von der Küste nach Sansibar, soweit dies in unsrer Macht stand, zu verhindern. -- Allerdings befanden sich unter den ankommenden Karawanen in Lindi auch solche von den Wahiyao-Häuptlingen Mataka aus Mwera am Nyassa-See und Makendjira von Tschusiunguli, von denen der erstere vielleicht ein Jahr früher zwei, der letztere mit seinen Leuten einen Engländer ermordet hatte, um sich an ihnen für zu strenges Vorgehen der Engländer an der Küste in der Sklavenfrage zu rächen. Die Umstände indes und die Unmöglichkeit in den Verhältnissen am Nyassa in dieser Beziehung vorläufig Wandel zu schaffen, zwangen uns zu mildem Verhalten.
Eine weitere Landplage im Süden bildeten die das Hinterland beunruhigenden Mafiti-Stämme, besonders die Magwangwara, die mehr noch als die Sklavenjagden der Araber die Gebiete der angrenzenden friedlichen Bewohner entvölkerten und die sich immer mehr und mehr ausdehnten. Die Magwangwara werden häufig als Zulus angesehen, und werden auch wie diese Wangoni genannt, ohne es indes wirklich zu sein. Es hat in früherer Zeit allerdings von Süden her eine Invasion der Zulus stattgefunden, die weite Gebiete bis an den Tanganjika heran entvölkerten. Die meisten Stämme konnten ihnen nicht widerstehen und es sind hier und da Niederlassungen von Zulus entstanden. Gerade die Magwangwara waren jedoch ein Stamm, der den Zulus erfolgreich Widerstand leistete. Sie fanden es jedoch nützlich, die Sitten, Tracht und Kampfesweise der Zulus anzunehmen und sich einem bequemeren Gewerbe, dem des Raubes und der Plünderung, hinzugeben, mit dem sie im Laufe der Zeit ihren Nachbarn ebenso gefährlich wurden, wie die Zulus in früheren Zeiten. Eigentliche Zulu sind die Magwangwara nicht.
Der kriegerische Sinn aller am Nyassa wohnenden Stämme, so auch schon der Wahiyao, ist die Ursache, daß sie sich auf Kosten der schwächeren, friedlicheren Nachbarvölker weiter und weiter ausbreiten.
Das unmittelbare Hinterland von Lindi, insbesondere das Hochplateau, welches sich hinter der sich unmittelbar an der Küste hinziehenden Hügelkette erhebt, das sogenannte Makanda-Plateau, war ursprünglich von den Makanda, den Makua und Wamwera bewohnt; aber auch hier sind die Wahiyaos eingedrungen und beherrschen große Gebiete jenes fruchtbaren Plateaus, in dem sie ihre Grenze und ihre Macht immer mehr und mehr erweitern.
Man kann nicht sagen, daß mit dem Zunehmen der kriegerischen Bevölkerung eine Verminderung der Bodenkultur des Landes eingetreten sei, vielmehr wird diese auch von den kriegerischen Stämmen des Südens in gleicher Weise wie von den Mafiti des Nordens, -- die allerdings zumeist ihre Weiber und Sklaven arbeiten lassen, -- in der fleißigsten Weise betrieben. Davon legen z. B. die vielen nach der Küste kommenden Produkte Zeugnis ab.
Von der sonstigen ursprünglichen Beschaffenheit des Landes sei noch erwähnt, daß fast überall, wo nicht schon durch Bebauung eine regelrechte Kultur eingeführt ist, ein undurchdringlicher, stark mit Kautschuk-Lianen durchzogener Busch, wie wir ihn im Norden nur ganz vereinzelt finden, hier allgemein das Land bedeckt. Die Märsche unserer Truppen, das merkten wir stets bei unsern Expeditionen im Süden, werden dadurch ungemein erschwert, besonders Feinden gegenüber, wie wir sie im Süden vorfanden, die sich ganz ausgezeichnet auf die Ausnutzung des Terrains und auf die Anwendung des kleinen Krieges in Afrika verstehen. Selbst kleine Abteilungen konnten uns zuweilen die erheblichsten Schwierigkeiten bereiten.
In Lindi selbst stand ich vor der Aufgabe, der erhaltenen Instruktion gemäß, immer gute Beziehungen mit den Eingeborenen und besonders mit den Machthabern des Landes, auch wenn diese am Aufstand und selbst an der Vertreibung der Ostafrikanischen Gesellschafts-Beamten beteiligt waren, herbeizuführen. Dem schon erwähnten Kadi Omar und dem Nassr Munimgando, Leuten, die in ihren persönlichen Interessen durch den zwischen dem Sultan von Sansibar und der Ostafrikanischen Gesellschaft geschlossenen Vertrag geschädigt und zur Teilnahme am Aufstand bewogen waren, gab ich gewissermaßen Vertrauensstellungen. Ersterer diente mir als Sekretär und hatte die Suaheli-Korrespondenz mit den Machthabern der Umgegend und des Hinterlandes zu besorgen, nebenbei hatte er auch als Kadi ab und zu mir ratend zur Seite zu stehen. Letzterer hatte besonders nach außen hin darauf zu wirken, daß die Karawanen nach der Küste heruntergezogen würden. Jene beiden Leute waren ja, genauer betrachtet, ziemlich große Halunken, doch waren sie unter damaligen Umständen mir sehr nützlich. Leute dieser Art sind besonders dann gut zu verwerten, wenn sie in jeder Weise merken, daß man ihnen auf die Finger sieht.
Die Erwähnung dieser Verhältnisse habe ich für notwendig gehalten, weil sie die Grundlage der nächsten Ereignisse im Süden bilden und veranschaulichen, warum bei der Geringfügigkeit der uns zu Gebote stehenden Mittel in unserm südlichsten Gebiet ein wesentlich verändertes Vorgehen im Gegensatz zum Norden notwendig war.
Nachdem sowohl Chef End in Mikindani, als auch der Verfasser in Lindi die Arbeiten beim Aufbau der Stationen soweit geführt hatten, daß die Umwallung der Stationen und die Fertigstellung der Bastionen und Mauern vollendet war, gingen wir beide gemeinsam an die Ausführung der bereits angedeuteten Expedition in unser Hinterland. Sie galt dem Besuch des Wahiyao-Häuptlings Maschemba und der Verhandlung mit ihm, außerdem einem Besuch des einflußreichen Oberhäuptlings der Makanda Schikambo.
Ein jeder von uns hatte die disponiblen Truppen aus seiner Station herausgezogen und wir vereinigten uns in Lindi, von wo aus die Expedition angetreten wurde.
Schon am dritten Marschtage erreichten wir Dörfer der Wahiyao und hatten mit diesen aus ganz geringfügigen Ursachen (Felddiebstahl der Träger u. dergl.) Streitigkeiten, wobei es mit Mühe und Not gelang, ein kriegerisches Einschreiten zu vermeiden. Am vierten Tage, an dem wir Maschembas Dorf erreichen sollten, sandte uns dieser auf halbem Wege seinen ältesten Sohn mit einer Begleitmannschaft von etwa 40 Leuten zu unserer Begrüßung entgegen. Von den Wahiyaos wurden zur Feier des Tages Kriegstänze aufgeführt, und von jetzt an auf dem ganzen Wege bis zu Maschemba hin knallten Freudenschüsse, die Maschemba von der Annäherung der Karawane in Kenntnis setzen sollten. Nach Passierung eines vor dem Dorfe des Maschemba befindlichen ganz dichten Busches, der selbst auf dem schmalen Fußpfade eine Menge ganz besonderer Hindernisse bot, wurden wir von einer aufgeregten, total betrunkenen Bande, der besonders die deutsche von uns selbstverständlich mitgeführte Flagge unangenehm war, empfangen.
Die zahlreichen, zu vielen Hunderten hier versammelten Leute Maschembas schossen ihre Gewehre immer noch unter der Firma Freudenschüsse in die Luft ab, ein Zeichen, wie wenig es ihnen an Pulver und Munition mangelte.
Da das Benehmen der Leute höchst auffallend und wenig Vertrauen erweckend erscheinen mußte, ließen wir nach der Ankunft unsere Truppen inmitten der Menge ein Carré formieren, und als dann Maschemba immer noch nicht zur Begrüßung sich eingefunden hatte, wurde ihm ein Bote entgegengesandt, der ihm unser kategorisches Verlangen nach seinem Erscheinen überbrachte. Zugleich sollte er dafür sorgen, daß die Banden ihr ungeberdiges Benehmen einstellten; andernfalls würden wir auf die Menge Salven abgeben und das Dorf bestrafen.
Maschemba leistete der Aufforderung sofort Folge und kam schwerbetrunken bei uns an, entschuldigte sich und seine Leute und meinte, dieselben hätten erst am Abend des vorhergehenden Tages von unserer Ankunft erfahren, und aus Freude über die seinem Dorfe zu Teil werdende Ehre sich leider in Pombe betrunken.
Es war unter diesen Umständen natürlich an eine Verhandlung garnicht zu denken. Maschemba befahl seinen Leuten auf mein Verlangen, auseinanderzugehen und sich ruhig zu verhalten, während wir unter Beobachtung aller nöthigen Vorsichtsmaßregeln Lager bezogen.
Um unnütze Reibereien mit den Leuten zu vermeiden, mußte Maschemba Wasser, Brennholz und Baumaterial für den Lagerbau, sowie die nötige Verpflegung an Feldfrüchten und Kleinvieh ins Lager schaffen. In besonders erfreulicher Weise abstechend war das würdige Benehmen unserer Sudanesen-Soldaten gegenüber den ungeberdigen Horden, auf die sie mit Verachtung herabblickten.
Der Abend des Tages wurde insofern noch gemütlicher, als Maschemba mit seiner Familie und den einflußreichsten seiner Leute zu mir ins Lager kam und große Kalebassen Pombe mitbrachte, die dann gemeinsam ausgetrunken wurden. Maschemba selbst war natürlich wieder sein bester Gast. Ich benutzte die Gelegenheit, Maschemba einen vorher bereits beschlossenen Besuch des stellvertretenden Reichskommissars +Dr+. Schmidt für einen Monat später in Aussicht zu stellen und befahl ihm dann für eine anständige Aufnahme Sorge zu tragen, wofern er weiterhin darauf Wert legte, mit uns ein gutes Einvernehmen aufrecht zu erhalten.
Am nächsten Tage ging es zu dem Makandahäuptling Schikambo, der die bittersten Klagen über die fortwährenden Beunruhigungen durch Maschemba vorbrachte. Von Schikambos Dorf Niangamala ging der Marsch nach Ikonga, wo die Expedition sich trennte. Chef End marschierte von hier aus nach Mikindani, ich selbst über den Ukeredi-Fluß nach Lindi zurück.
Bald nach meiner Ankunft in Lindi empfing ich von Maschemba ein Schreiben, worin er für das Benehmen seiner Leute um Entschuldigung bat, und seine friedlichste Gesinnung und Unterwürfigkeit beteuerte. Ohne viel hierauf zu geben, war es mir doch erwünscht, wenigstens äußerlich die Ruhe und Ordnung aufrecht erhalten zu sehen, um den Karawanenverkehr nicht zu sehr zu schädigen.
Bald indes drangen Nachrichten nach Lindi über ernstere Streitigkeiten, die zwischen den Wahiyao Maschembas und den Makanda, den Leuten Schikambos, ausgebrochen waren. Nachdem zuerst die Wahiyao einige Verluste erlitten hatten, drangen sie im Gebiet der Makanda siegreich vor und zerstörten einige Dörfer derselben von Grund aus. Einzelne Makanda flüchteten bis nach Lindi, wohin Schikambo von dem Überfall Maschembas berichtete. Maschemba seinerseits bedachte uns mit einem Briefe, worin er angab, daß Schikambo durch Ermordung eines Verwandten Maschembas eine Blutschuld auf sich geladen habe. Er, Maschemba, sei dadurch zum Kriegszuge gegen die Makanda bewogen worden; nachdem er jetzt Rache genommen, wäre für ihn der Streitfall beendet, zumal er selbst Verluste erlitten hätte. Er wolle nur von der Sache Mitteilung machen, um falsche Nachrichten von feindlicher Seite zu berichtigen.
Die Entschuldigung Maschembas erschien von vornherein haltlos, und es wurde sowohl vom Verfasser, wie vom Stationschef in Mikindani beim stellvertretenden Reichskommissar beantragt, nunmehr ernstlich gegen Maschemba vorgehen zu dürfen, um entweder von ihm Garantie dafür zu erhalten, daß ein mit ihm getroffenes Abkommen auch wirklich gehalten werde oder gegen ihn mit Waffengewalt einzuschreiten. Da schon vorher der stellvertretende Reichskommissar eine Expedition zum Besuch der englischen Missionsstation des Hinterlandes und an den Rovuma zum Zweck der Untersuchung auf das Vorhandensein von Kohlen beschlossen hatte, wurde die Expedition sofort vorbereitet.
Die außerordentliche Wichtigkeit eines Kohlenlagers in unserem Gebiete braucht keine besondere Begründung. Verfasser hatte bereits früher nach Sansibar über das Vorhandensein von Kohlen berichtet. Vom Vereinigungspunkt des Rovuma und Rienda sollte ein Mann, Namens Wadi Bakari Kohlen in einem Canoe nach der Küste gebracht haben. Der Sultan Said Bargasch hatte davon erfahren und einen französischen Ingenieur in diese Gegend gesandt. Außerdem wurde dem Verfasser berichtet, daß bereits einen Tagemarsch westlich von Mschinga Leute von Raschid Schapapa vor jetzt 7 Jahren Kohlen gefunden und nach Lindi gebracht hätten, wovon ebenfalls an Said Bargasch berichtet worden sei. Der Sultan habe den Ort des Vorkommens wissen wollen, jedoch hätten Raschid Schapapa und seine Leute das Vorhandensein von Kohlen bestritten und überhaupt nichts von Kohlen wissen wollen, in der Absicht natürlich, den Sultan oder gar die Europäer von weiterem Vordringen ins Innere abzuhalten.
Die erwähnte Expedition des +Dr.+ Schmidt, zu welcher 2 Kompagnien Sudanesen, eine Kompagnie Zulu, ein 4,7 +cm+ Geschütz, ein Maxim-Gun und die nötigen Träger mitgenommen wurden, setzte sich am 6. Oktober von Lindi aus ins Hinterland in Bewegung. Es nahmen daran Teil von den Offizieren außer +Dr.+ Schmidt die beiden Stationschefs von Mikindani und Lindi (End und der Verfasser), Chefarzt Gärtner, die Lieutenants Scherner, Heymons, von Zitzewitz und Proviantmeister Jancke. Vor dem Antritt der Expedition war Maschemba von den freundlichen Absichten des stellvertretenden Reichskommissars brieflich benachrichtigt und ihm nochmals anbefohlen worden, die Expedition, wenn sie in sein Gebiet komme, gut aufzunehmen und Exzesse seiner Leute zu verhüten. Obgleich Maschemba bis zuletzt den Schein der Unterwürfigkeit bewahrt hatte, drangen doch schon bei Antritt der Expedition Gerüchte zu uns, daß Maschemba alle Anstalten getroffen hätte, diesmal dem Vorrücken in sein Gebiet bewaffneten Widerstand entgegenzusetzen.
Der Plan des +Dr.+ Schmidt war, wie erwähnt, die Stationen der englischen Universitäts-Mission, Masasi und Nevala, zu besuchen, dann südlich nach dem Rovuma abzubiegen und von dort aus auf dem Rückwege Maschembas Gebiet zu durchziehen, um mit diesem, wenn möglich, auf friedliche Weise ein Abkommen zu treffen, andernfalls ihn anzugreifen. Nachdem die ersten Tage unseres Marsches zurückgelegt waren und wir den Wamwera-Ort Mtua bereits östlich von uns hatten, wurden wir am 4. und 5. Marschtage von Wahiyao-Horden Maschembas auf dem Marsche durch das Dickicht in höchst ungünstigem Terrain angegriffen und wurden uns zwei eingeborene Führer weggeschossen. Es gelang, die angreifenden Horden zurückzuschlagen und die Führer durch andere zu ersetzen. Als wir Maschembas Gebiet hinter uns hatten, wurde der Marsch nach Masasi ohne Störung fortgesetzt. Die Missionsstationen der Engländer waren, da sie stets dem Überfalle der Wahiyao- und Mafiti-Stämme ausgesetzt waren, nur provisorisch aus Bambus hergestellt, damit die Missionare in der Lage waren, sie bei drohender Gefahr abzubrechen und sofort zu verlassen.
Von Masasi wandte sich die Expedition nach der Haupt-Missionsstation Nevala. Am 20. Oktober wurde in Kisanga das Lager bezogen. In der Umgegend waren in derselben Weise wie unmittelbar hinter Lindi Wahiyao und Makanda angesiedelt. Kisanga selbst ist ein starkes, auf einer steilen Höhe gelegenes, recht ausgedehntes Dorf. Wir lagerten an einem Bache am Fuße der Höhe und glaubten besondere Besorgnis hier nicht hegen zu müssen, als plötzlich ein Träger auf uns zugelaufen kam und berichtete, daß einige Boys und Träger in Kisanga, wo sie Streit bekommen hätten, von Wahiyao festgenommen, gebunden und durchgeprügelt worden seien. Da zweifellos eine gewisse Schuld auf Seiten der Träger und Boys lag, welche in dem fremden Dorfe nichts zu suchen hatten, außerdem die Bewohner des Dorfes gerade ein Pombefest feierten und sich dabei total betrunken hatten, erschien es erwünscht, im guten die festgenommenen Leute von den Wahiyao herauszubekommen.
Chef End wurde mit seiner aus Mikindani mitgenommenen Kompagnie zur Unterhandlung resp. zur Bestrafung der Leute von +Dr.+ Schmidt abgesandt. Der Verfasser erbot sich dem +Dr.+ Schmidt, als Chef End diesen Befehl erhalten hatte, mit Chef End zusammen abzumarschieren und, wenn möglich, die Sache zu einem guten Abschluß zu bringen. Aber schon als wir die steile Höhe, da es das Terrain nicht anders gestattete, in Kolonnen zu einem emporklommen, merkten wir, daß hier im guten nichts auszurichten sei. Der Schall der Kriegsgoma tönte uns entgegen. Es blieb also nichts übrig, als die Stellung der zum Kampfe fertigen Wahiyao zu erstürmen und einzunehmen.
Die Wahiyao hatten sich hinter hohen Felsen an dem von uns erklommenen Fußpfade gut gedeckt und feuerten auf die von unten heranrückenden Truppen. Gleich bei den ersten Schüssen erhielt der Verfasser eine Kugel in die linke Brust, die an der Rippe entlang ging, den linken Oberarm durchdrang und dann noch den direkt hinter dem Verfasser gehenden Chef End traf, dem sie jedoch nur eine leichte Kontusion beibrachte. Ich erhielt vom Chefarzt Gärtner auf der Stelle im feindlichen Feuer den ersten Verband angelegt. Die Truppen wurden indes nicht aufgehalten und drangen unter Chef End unerschrocken die steile, schwer zu erklimmende Höhe empor. Von dem in brillanter Stellung befindlichen Gegner wurde unglaublich schlecht geschossen: nur drei von den farbigen Soldaten erhielten noch Verwundungen.
Der Gegner wurde aus seiner Deckung, in der er sich bei einigermaßen gutem Schießen gegen jeden Feind hätte halten können, geworfen, die zerstreut auf der Anhöhe liegenden Dörfer zerstört, der Feind weiterhin verfolgt und demselben bedeutende Verluste, deren Höhe jedoch nicht genau zu konstatieren war, beigebracht. Die gefangenen Träger und Boys wurden teils an demselben Tage befreit, teils am nächstfolgenden Tage durch Vermittlung der Station Nevala ausgeliefert. Das Verhalten der Wahiyao von Kisanga, die allerdings von Maschemba aufgereizt waren, war eigentlich nur auf die Trunkenheit derselben und auf den mit den Trägern und Boys gelegentlich des Pombefestes entstandenen Streit zurückzuführen. Den Tag nach dem Gefecht haben jedenfalls die Wahiyao von Kisanga einen ebenso moralischen wie physischen Katzenjammer gehabt.
Am 21. Oktober wurde Nevala erreicht und dort ein Rasttag gemacht, dann aber wegen der Wasserarmut des Gebietes zwischen dem Rovuma und Maschembas Land und wegen der Verwundeten in der Expedition, welche die Marschfähigkeit derselben beeinträchtigten, das Vorgehen gegen Maschemba für jetzt aufgegeben und für den nächsten Monat in Aussicht genommen. Wir zogen von hier unmittelbar am Rovuma, den wir südlich von Nevala erreichten, einige Tage ostwärts entlang und traten dann den Rückmarsch nach Mikindani an. Der Rovuma als Fluß enttäuschte uns gründlich, da derselbe bequem an allen Stellen zu Fuß zu durchwaten war. Das Wasser reichte uns zu jener Zeit nicht einmal bis an den Leib, aber auch in der Regenzeit dehnt sich der Fluß nur in die Breite aus und zeigt ein ganz flaches Bett; nirgends besteht eine größere Tiefe.
Am 31. Oktober traf die Expedition wieder in Mikindani ein; es wurde daselbst außer der nach Mikindani gehörenden Kompagnie, auch die von Kilwa zur Expedition zugezogene Kompagnie zurückgelassen. Die Expeditions-Kompagnie von Lindi wurde am selbigen Tage eingeschifft und von +Dr+. Schmidt nach Lindi gebracht. Daselbst übernahm Lieutenant von Zitzewitz in Vertretung des Verfassers vom Lieutenant Wolfrum, der während der Expedition die Vertretung gehabt hatte, die Stationsgeschäfte von Lindi. Der Verfasser mußte nach Sansibar überführt werden, wo sich dann wegen seiner Verwundung das Antreten eines Urlaubs nach Deutschland als notwendig herausstellte: durch die Verwundung der Nerven des linken Oberarms war der ganze linke Arm gelähmt.
In Sansibar angekommen, fanden wir daselbst den zu seiner Orientierung über die Verhältnisse der Kolonie von Deutschland nach Sansibar gesandten, bisherigen Gouverneur von Kamerun, Freiherrn von Soden vor, während Wißmanns Ankunft und Wiederaufnahme der Geschäfte des Reichskommissariats für den 1. Dezember angekündigt war. Die Heraussendung des Herrn von Soden hatte allerdings zunächst den Zweck seiner persönlichen Informierung, es war aber bereits damals Herr von Soden als Ersatz für Wißmann bestimmt. Ein solcher Ersatz des allseitig verehrten Kommandanten, dessen afrikanischer Erfahrung sich jeder ohne weiteres beugen konnte und mußte, unter Verhältnissen, welche für den Augenblick zwar friedlich erschienen, aber von niemandem damals schon als dauernd betrachtet werden konnten, durch einen Civilbeamten, welcher von Ostafrika nicht viel wußte, konnte keinem der Beamten und Offiziere, ja nicht einmal den Kaufleuten sympathisch sein.
Das allgemeine, einstimmige Urteil ging dahin, daß an leitender Stelle die wahren Verdienste Wißmanns weder erkannt, noch gewürdigt wurden. Wir haben an den verschiedensten Stellen dieses Buches darauf hingewiesen, daß nicht die militärische Thätigkeit allein es war, welche jedem die höchste Achtung vor Wißmanns Blick und Fähigkeiten abnötigte, sondern ganz besonders sein überaus großes, organisatorisches Talent. Wenn man ihm die mangelhafte Rechnungsführung nicht verzeihen konnte, so konnte dem durch die Einstellung geeigneter Rechnungsbeamten besser abgeholfen werden, als durch eine vollkommene Umgestaltung der Verhältnisse, die uns draußen des Führers beraubte. Niemand weder in Deutschland, noch in Ostafrika konnte und wollte glauben, daß eine solche aus der Natur der Dinge sich ergebende Kleinigkeit, wie das Rechnungswesen zur Abdankung Wißmanns die Ursache habe geben können, und noch heute sucht man vergeblich nach innern stichhaltigeren Gründen für die Ernennung Sodens. Die äußere Anerkennung der Verdienste Wißmanns in Deutschland konnte, so glauben wir wenigstens behaupten zu können, ihn nicht dafür entschädigen, daß das Hauptwerk seines Lebens fast vollendet einem andern übergeben wurde.
Die Thätigkeit Wißmanns nach seiner Wiederankunft in Sansibar im Anfang Dezember 1890 konnte nach der Lage der Verhältnisse nur noch als provisorische betrachtet werden, als eine Art Überleitung zum Civil-Gouvernement des Herrn von Soden, dessen Ernennung bald in Berlin vollzogen wurde.
13. Kapitel.
Wißmanns letzte Thätigkeit als Reichskommissar.
Ankunft Wißmanns in Sansibar am 1. Dezember 1890. -- Vorbereitungen auf den Stationen zur definitiven Uebernahme der Küste nach dem deutsch-englischen Abkommen. -- Expedition des Chef Ramsay gegen Maschemba. -- Außerordentliche Schwierigkeiten des Marsches. -- Expedition unglücklich. -- Gütlicher Vergleich und Frieden mit Maschemba, erreicht durch die Initiative des Chefs End. -- Fertigstellung der südlichen Stationen. -- Unsichere Verhältnisse auf der Karawanenstraße nach dem Kilimandscharo. -- Wißmanns Expedition nach dem Kilimandscharo. -- Eroberung der Befestigung des Sultans Sinna. -- Regelung der Verhältnisse am Kilimandscharo und Stationsanlage daselbst. -- Rückmarsch nach der Küste. -- Einfall der Wahehe in Usagara. -- Expedition des Chef Ramsay dahin. -- Friedliche Verhandlung mit den Wahehe. -- Schlußbericht Wißmanns über seine gesamte Thätigkeit.
Am 1. Dezember 1890 übernahm Major von Wißmann vom Chef +Dr.+ Schmidt, der sich auf einen längeren Urlaub nach Deutschland begab, wieder die Geschäfte des Reichskommissariats für die Zeit bis zum 1. April 1892. Seine erste Thätigkeit bestand in einer Bereisung der Küste, um sich von dem Zustande der Stationen zu überzeugen und Anordnungen für die am 1. Januar 1891 angeordnete feierliche Occupation der Küste mit Hissung der deutschen Flagge zu treffen. Nach Abschließung des Deutsch-Englischen Vertrages, den wir in einem besonderen Kapitel besprechen werden, war die Küste definitiv und formell in unsern Besitz übergegangen, während sowohl wir, wie die Eingeborenen immer der Ansicht gelebt hatten, daß dieselbe von der Schutztruppe durch ihr daselbst vergossenes Blut erobert worden sei. Die Thatsache, daß ein Ankauf derselben unter Zahlung von 4,000,000 Mark stattgefunden habe, und daß wir uns noch dazu der englischen Vermittlung, wie es im Vertrage ausgemacht war, beim Sultan von Sansibar bedienen mußten, überraschte uns ganz gehörig. Doch hierüber, wie gesagt, an einer andern Stelle.
Der Übergang der Küste in unsern Besitz war jedenfalls für den Januar 1891 festgesetzt, und war dies auch die Veranlassung für Wißmann, die von +Dr.+ Schmidt gegen Maschemba geplante Expedition nicht selbst zu führen, sondern die Führung dem Chef Ramsay zu übertragen. Derselbe marschierte im Dezember von Mikindani mit 2 Sudanesen- und 2 Zulu-Kompagnien ab und wurde am 26. Dezember bei dem Dorfe des Makanda-Häuptlings Schikambo im Makanda-Gebiet, bis wohin die Scharen des Maschemba vorgedrungen waren, von diesen angegriffen. Allerdings wurde der Gegner zurückgeschlagen, immer und immer wieder jedoch belästigte er die vorwärts marschierenden Truppen. Die Wahiyao griffen nicht nur von der Seite her die Spitze der Expedition an und beschossen sie, sondern sie ließen die Spitze meist ruhig vorüberziehen und feuerten dann in die Mitte der Marschkolonne Salven hinein, brachten ihr ab und zu Verluste bei und beeinträchtigten natürlich die Ordnung im Marsche. Diese Plänkeleien setzten sich am nächsten Tage und in der darauf folgenden Nacht fort.
Wie das Terrain im Süden beschaffen, ist bereits geschildert worden; jetzt, infolge des Eintritts der Regenzeit, waren die Wege total ungangbar geworden. Da außerdem die Makanda vor den Wahiyao geflüchtet und die Dörfer derselben alle ausgeplündert waren, konnte eine genügende Verproviantierung der Truppe nicht bewerkstelligt werden. Die Kompagnien, welche mit Salven gegen die den Busch besetzt haltenden Feinde feuerten, verbrauchten einen übermäßigen Munitionsvorrat, und die Gefahr lag nahe, daß, wenn es der Expedition wirklich gelänge, die Yao-Truppen Maschemba's zurückzuschlagen und in das Dorf einzudringen, sie schließlich ihren ganzen Munitionsvorrat aufgebraucht haben und somit den Yaos gegenüber wehrlos sein würden. Ramsay beschloß daher sehr richtig, die gesamten disponiblen Truppen der Küste, eben jene vier Kompagnien, nicht dem Zufall eines Tages, dessen Chancen noch bedeutend auf die Seite der Wahiyao hinneigten, auszusetzen, sondern nach der Küste zurückzukehren. Die Verluste der Expedition an Toten und Verwundeten betrugen ein weißer Unteroffizier und zehn Farbige, eine im Vergleich zur Ungunst der Verhältnisse zwar geringe Ziffer, doch immerhin genügend, um den Rückmarsch der Expedition nach Lindi bedeutend zu erschweren. Eine Truppe, welche Verwundete mit sich führt und hierfür keine besonderen Träger zur Disposition hat, sondern Soldaten verwenden muß, ist in Afrika stets recht unbeweglich. Die Marschkolonne wird in die Länge gezogen und kommt dadurch aus der Hand des Führers.
Die Truppen Maschembas drangen der zurückmarschierenden Expedition eine Zeit lang nach und folgten ihr bis an den Ukeredifluß. Dies ungestüme Nachdringen der Wahiyao, die fortwährend von ihnen auf die Expedition unternommenen Angriffe, ihr zur Schau getragener Übermut endlich hatten die Befürchtung erregt, daß dem Expeditionskorps eine ziemlich empfindliche Niederlage beigebracht worden sei, und daß der Übermut und die Frechheit der Wahiyaos im Hinterlande noch bedeutend größer werden, die Sicherheit der Wege noch mehr gefährdet würde. Glücklicher Weise war diese Befürchtung unbegründet, da auch die Wahiyao in den verschiedenen Stadien des Feuergefechtes in jenen Tagen recht bedeutende Verluste erlitten hatten. Die Beschaffenheit des Terrains, die Schwierigkeiten der Situation brachten es mit sich, daß die Führer der einzelnen Kompagnien (es waren dies die Herren Lieutenants von Zitzewitz, von dem Knesebeck, Prince und Freiherr von Pechmann), sowie auch die als Unterführer fungierenden Unteroffiziere selbständig gegen die teils vom Rücken, teils von den Flanken aus angreifenden Gegner operieren mußten, was auch in umsichtiger und geschickter Weise von allen Seiten geschehen ist. In Folge der erlittenen Verluste und in der sehr begründeten Besorgnis, daß eine abermalige Expedition gegen ihn unternommen werden könnte, trat Maschemba im März 1891 in Friedensverhandlungen mit dem Chef der Station Mikindani, Lieutenant End, ein, der ihm ja durch unsern gemeinsamen Besuch in seinem Dorfe persönlich bekannt war.
Von der Ansicht ausgehend, daß es in unserm Interesse liegen müsse, unter den bestehenden schwierigen Verhältnissen lieber den gütlichen, von Maschemba vorgeschlagenen Weg zu benutzen, erklärte sich Chef End bereit, auf Verhandlungen mit Maschemba einzugehen, um so mehr, als von einem Frieden mit Maschemba die Erschließung des Nyassa-Gebietes und die Sicherung der Karawanenstraße abhing. Selbstverständlich machte End seine Bedingungen. Dieselben bestanden besonders darin, daß Maschemba während einer persönlichen Zusammenkunft mit End Geiseln zu stellen habe, die während der Abwesenheit Ends von Mikindani daselbst untergebracht werden sollten.
Unmittelbar vor dem Abmarsche wurde End vom Wali die Nachricht überbracht, die Geiseln seien aus Besorgnis, daß ihnen etwas passieren könne, ausgerückt; aber trotzdem marschierte End mit nur 50 Mann ab, denn er mußte befürchten, daß die Leute die abenteuerlichsten Gerüchte verbreiten und so die Friedensverhandlungen stören würden.
Durch mit Briefen vorausgeschickte Boten wurde alles geregelt: End durfte hoffen, daß es ihm gelingen würde, den Frieden in der Form, wie er es wünschte, herbeizuführen. Aber noch einmal sollte die Sache ins Schwanken kommen. An dem Tage, an welchem die Zusammenkunft stattfand, kam der Sohn von Maschemba mit der Mitteilung, von Lindi sei die Nachricht eingetroffen, daß der Friede nicht gewünscht werde, sondern daß man den Kriegszustand aufrecht erhalten wolle, eine jener Nachrichten, wie sie irrtümlich so oft in Afrika entstehen.
Um auch das letzte Mißtrauen zu beseitigen, that End einen sehr gewagten Schritt. Er ging allein mit seinem Diener dem Maschemba eine Stunde weit entgegen, wobei er sich sagen mußte, daß, da wir bisher noch keine Proben von der Zuverlässigkeit des Häuptlings erfahren hatten, sein Leben recht gefährdet war.
Aber das im Interesse der Sache unternommene Wagnis gelang und in der That wurde ihm dieses Entgegenkommen von Maschemba und seinen Leuten sehr hoch angerechnet. Es trug ganz besonders dazu bei, daß die von uns gestellten Friedens-Bedingungen bei dem darauf folgenden Schauri sämtlich angenommen wurden. Der folgende von End in der Suaheli-, wie in deutscher Sprache aufgesetzte Vertrag wurde von Maschemba unterzeichnet:
»Ich, Maschemba, Häuptling der Wahiyao um Luagalla und Umgebung verpflichte mich:
1. Ich werde niemals wieder gegen die Deutschen und die ihnen befreundeten Dörfer und Leute Krieg führen.
2. Alle Europäer mit und ohne Soldaten können ohne Gefahr mein Gebiet passieren.
3. Karawanen, vom Innern oder von der Küste kommend, passieren, ohne Hongo (Durchgangszoll) zu entrichten.
4. Die in meinem Besitz befindlichen Hinterlader liefere ich an die Station Mikindani ab.
5. Alle übrigen Gewehre bringe ich zur Stempelung nach Mikindani.
6. Von jetzt ab werde ich alle entlaufenen und bei mir Schutz suchenden Sklaven der Station Mikindani ausliefern, ebenso die von mir in der letzten Zeit ergriffenen Boys und Träger.
7. Ich werde allen Befehlen des Stationschefs von dort Folge leisten.
8. Ich werde auch meinen Leuten diese Bedingungen mitteilen und dafür sorgen, daß dieselben genau eingehalten werden.«
Hiermit war der Friede geschlossen. End und Maschemba schüttelten sich gegenseitig die Hand, und jeder marschierte ruhig nach Hause. Die nächste Zeit hat gelehrt, daß die Abschließung jenes Friedens von großem Nutzen für uns gewesen ist. Wir wurden der Notwendigkeit enthoben, im Süden eine große Macht aufzuwenden und konnten dieselbe gerade im letztvergangenen Jahre an anderer Stelle einsetzen.
Es hat sich der Handels-Verkehr im Süden gehoben und ist dort bislang die in so vielen andern Gegenden unseres Schutzgebietes bedrohte Ruhe aufrecht erhalten worden, ein Verdienst, das ohne Zweifel auf das politische Verhalten des Chefs End, der, von einem perniziösen Fieber kaum genesen, jene Expedition antrat, zurückzuführen ist.
Bis zum April 1891 waren auch die Stationen des Südens, Kilwa, Lindi und Mikindani im großen und ganzen fertiggestellt worden. Die Station Lindi hatte der frühere Chef der Verwaltungsabteilung Frhr. von Eberstein übernommen. --
Im Norden unserer Interessen-Sphäre wurde noch in den letzten Monaten der Thätigkeit des Reichskommissars das Einschreiten desselben notwendig, um die stark gefährdete Sicherheit auf der von Pangani nach dem Kilimandscharo und von dort aus nach dem Viktoriasee weiterführenden Karawanenstraße wieder herzustellen.
Der Häuptling Sinna von Kiboscho hatte in seinem Dorfe die deutsche Flagge niedergeholt, beschimpft und sich ausdrücklich geweigert, die deutsche Herrschaft anzuerkennen. Wir waren von diesem Vorgange unter anderm durch die englische Regierung von Taveta aus unterrichtet worden. Die Post des Wißmannschen Agenten in Moschi, Herrn von Eltz, war zwei Mal vom Häuptling Manamate abgefangen worden. Der Jumbe Kihungwe von Kihogwe hatte in der gröbsten Weise sich gegen den Stationschef von Masinde, Lieutenant Stenzler, vergangen, das deutsche Ansehen im Hinterland von Pangani und Tanga erschien schwer geschädigt.
So sah sich der Reichskommissar zur Unternehmung einer Expedition von Pangani aus nach dem Kilimandscharo veranlaßt. Die Expeditionstruppen wurden in Pangani vereinigt, wobei leider bei der Ausschiffung derselben und der Passage über die Barre des Panganiflusses nach dem Kentern eines Bootes der deutsche Unteroffizier Löppki mit 5 Sudanesen ertrank.
Der Marsch ging von Pangani zunächst nach Masinde. Hier wurde die Expedition, nachdem noch aus dieser Station einige disponible Truppen herausgezogen waren, definitiv zusammengestellt, und zwar zählte das unter den Befehl des Chef Johannes gestellte, aus einer Sudanesen-Compagnie und zwei Zulukompagnien bestehende Expeditionskorps 380 Mann. Außer Major von Wißmann, seinem Adjutanten +Dr.+ Bumiller, Lieutenant Heymons und dem Führer des Expeditionskorps Chef Johannes nahmen folgende Offiziere an der Expedition teil: Lieutenants Sulzer, v. Zitzewitz, Prince, Assistenzarzt +Dr.+ Steuber, Proviantmeister de la Frémoire und 7 deutsche Unteroffiziere.
Kurz vor dem Abmarsch der Expedition von Masinde traf noch Herr v. Eltz, der Wißmannsche Agent vom Kilimandscharo, dem erhaltenen Befehle gemäß ein, berichtete über die Verhältnisse daselbst und erhielt den Befehl, an der Expedition teilzunehmen.
Das nächste Ziel war das Dorf des aufsässigen Kihungwe, das nach Passierung des 30 Meter breiten Mkomasiflusses erreicht wurde. Sogleich bei der Ankunft der Karawane am Fluß hatte Kihungwe durch Abgesandte seine unbedingte Unterwerfung unter den Reichskommissar und den Stationschef von Masinde ankündigen lassen. Nachdem beim Dorfe Kihungwe ein Lager bezogen war, wurde der genannte Häuptling zum Schauri berufen. Wißmann sah von einer Bestrafung des Häuptlings, der von jetzt an völlige Unterwerfung versprach, ab und setzte nur in jener Ortschaft einen neuen Akida, einen Sohn des durchaus gehorsamen Simbodja ein.
Die Erledigung dieser Angelegenheit hatte die Expedition zu einer Abweichung von dem gewöhnlichen Karawanenwege veranlaßt, und wählte Wißmann nunmehr den Weg längs des Ostabhanges des Pare-Gebirges über Ndungu, Gonja, Kissiwani und von dort quer über das Hochplateau des Pare-Gebirges über Kisingo nach Pare Mabua; von hier aus wurde das hohe Ugweno-Gebirge überschritten, und gelangte die Truppe alsdann wieder auf die alte Karawanenstraße von Pangani nach dem Kilimandscharo.
Bis Kissiwani hatte die Expedition kaum mit Schwierigkeiten zu kämpfen, da die Gegend wasserreich und leidlich bebaut, die Bewohner friedlich und entgegenkommend waren. In Kissiwani wurde am 27. Januar der Geburtstag Sr. Majestät des Kaisers von den deutschen sowohl wie von den farbigen Soldaten gefeiert. Nachdem die Truppe durch das Entgegenkommen des Häuptlings von Kissiwani auf drei Tage sich verproviantiert hatte, wurde am 28. Januar der Marsch über das Gebirgs-Plateau fortgesetzt. Großer Wassermangel und die völlig unbewohnte Gegend machten die Märsche recht beschwerlich. Am 30. Januar wurde der Jipe-See erreicht, dessen Gestade sich ebenso wie das eben durchquerte Hochplateau durch großen Wildreichtum auszeichnen. An diesem Tage stieß die Truppe unvermutet auf Massai, welche den Schrecken der dortigen Bevölkerung bilden.
Beim ersten Begegnen mit der imponierenden, militärischen Expedition zogen sich die Massai in eiliger Flucht zurück, bald aber kamen sie in das bei Pare Mabua belegene Lager, wurden immer zutraulicher und schließlich sogar so unverschämt, daß sie das Verlangen stellten, die Truppe möge den Lagerplatz räumen, damit sie dort ihr Vieh tränken könnten; andernfalls würden sie Gewalt anwenden.
Als Erwiderung darauf ließ Wißmann in der Nähe weidende Rinderherden der Massai in das Lager treiben und erklärte ihnen, dies sei die Strafe für ihre Ungehörigkeit. Dieses entschiedene Benehmen verfehlte seine Wirkung nicht. Die Massai, welche an dieser Stelle allerdings über kaum 150 Krieger verfügten, legten sich nunmehr aufs Unterhandeln und erlangten auch durch ihre Bitten die Rückgabe ihres Viehes bis auf wenige Ochsen und Ziegen, welche der Truppe für den eigenen Gebrauch zugewiesen waren.
Am 31. Januar und 1. Februar überschritt die Expedition das sehr steile und äußerst beschwerliche Ugweno-Gebirge. Der Aufstieg wurde bedeutend dadurch erschwert, daß Alles, selbst die Geschütze und schwersten Lasten, die steilen Pfade hinaufgetragen werden mußte.
Der Hinabmarsch zur Pangani-Ebene ging naturgemäß leichter von statten. Nach dreitägigem Marsche durch die wildreiche Pangani-Ebene und nach Überschreiten des dort schon ziemlich wasserreichen Pangani-Flusses gelangte die Expedition am 3. Februar nach Aruscha Tschini. Die Bewohner dieses Gebietes, welches in dem vom Ronga-, Weriweri- und Pangani-Flusse gebildeten Dreieck liegt, hatten sich vor nicht langer Zeit an einem Überfall beteiligt, den die Leute von Aruscha ju gegen die Wapare unternommen hatten. Wißmanns Agent, Herr von Eltz, hatte ihnen Bestrafung in Aussicht gestellt. Auf den Befehl Wißmanns wurden daher zwei Waruscha, die sich zur Begrüßung im Lager eingefunden hatten, als Geiseln zurückbehalten und als Sühne eine Strafzahlung in Vieh und die Herausgabe der bei dem Raubzuge gemachten Gefangenen gefordert. Doch schien eine Lösung der Frage auf friedlichem Wege kaum möglich zu sein.
Die durch die jungen Waruscha vertretene Kriegspartei stimmte die ganze Nacht ihr Kriegsgeheul an und verweigerte jegliches Eingehen auf die Forderungen. Erst auf die nochmaligen Vorstellungen Wißmanns überwog nach langwierigen Schauris die Friedenspartei der Waruscha, und sie erklärten sich bereit, die gestellten Bedingungen zu erfüllen. Das Abkommen wurde dadurch bekräftigt, daß die Ältesten der Waruscha mit zwei der deutschen Offiziere Blutsfreundschaft schlossen.
Sodann wurde der Marsch nach Moschi, dem Wohnsitz des deutschfreundlichen Sultans Mandara fortgesetzt. Auf dem Moschiberge hatte von Eltz bereits die ersten Vorbereitungen zur Anlage einer festen Station getroffen. Nach einem Ruhetage wurde dieselbe unter Heranziehung der vielen Träger so stark befestigt, daß sie selbst von einer geringen Besatzung zu halten war.
Gelegentlich eines Besuches des Majors von Wißmann beim Sultan Mandara wurde der schon lange geplante Kriegszug gegen Sultan Sinna von Kiboscho vorbereitet. Derselbe hatte, wie bereits erwähnt, die deutsche Flagge heruntergerissen und führte an deren Stelle jetzt die rote Flagge des Sultans von Sansibar. Zunächst befahl Wißmann dem Sultan Mandara, einen Teil seiner Wadschaggakrieger zu dem bevorstehenden Kriegszuge zu stellen, weniger in der Absicht, daß sie thätig am Kampfe teilnehmen sollten, als um sie nach erfolgter Entscheidung zur Ausbeutung des Sieges zu verwenden.
Denn vermöge ihrer genauen Landeskenntnis konnten die Wadschagga mit Leichtigkeit dem fliehenden Gegner folgen und das in dortiger Gegend sehr zahlreiche Vieh zusammentreiben.
Jeder der neuen Bundesgenossen erhielt, um ihn vom Feinde unterscheiden zu können, eine weiße Binde um den Oberarm, außerdem wurden sie angewiesen, auf etwaigen Anruf mit »Mandara« zu antworten. An die einzelnen Haufen wurden schwarz-weiß-rote Fahnen ausgegeben, jeder Haufen wurde von einem Führer befehligt. Das Kommando über jene Krieger wurde Herrn von Eltz übergeben, der sich durch die Führer mit den einzelnen Haufen verständigte.
Da Wißmann von vornherein beabsichtigte, nach erfolgter Niederwerfung Sinnas wieder nach Moschi zurückzukehren, wurde die mitzunehmende Bagage auf das mindeste Maß beschränkt. Außer wenigen Lasten für Proviant gingen nur noch Träger für die Geschütze und die Artilleriemunition mit.
Am 11. Februar 1891, nachmittags 2 Uhr, marschierten die Truppen, 300 Mann stark, von Moschi ab und bezogen abends um 6 Uhr an einem kleinen Flusse Lager im Walde. Die Nachrichten, welche hier über des Feindes Stärke und Stellung eingingen, waren, wie sich später herausstellte, teilweise unrichtig. Seine Stärke, die man auf 600 bis 800 Mann angab, entsprach zwar den thatsächlichen Verhältnissen, auch daß der Gegner fast durchgängig mit Gewehren, unter denen viele Hinterlader, bewaffnet sei, bestätigte sich. Hingegen war die Nachricht falsch, daß die Munition des Feindes sehr knapp bemessen und die von ihm angelegte Befestigung derart sei, daß sie nicht nur von den umliegenden Höhen eingesehen werden könnte, sondern daß auch der direkten Annäherung an dieselbe keine größeren Schwierigkeiten im Wege ständen. Gerade nach den letztgenannten Nachrichten konnte eigentlich niemand an ernsteren Widerstand denken.
Am 15. Februar 5 Uhr früh wurde in folgender Marschordnung aufgebrochen:
Vortrupp: 1. Sudanesenkompagnie, Artillerie;
Haupttrupp: 2. und 3. Sudanesenkompagnie, Sanitätsdetachement, Bagage mit Bedeckung.
Hinter der Bagage folgten die irregulären Haufen der Wadschagga.
Der Weg führte zunächst durch dichten Busch, der allmählich in schönen, hochstämmigen Wald überging. Dicht am Walde befanden sich zahlreiche, etwa 5 m tiefe und unten spitz zugehende Elephantengruben. Es erforderte die ganze Aufmerksamkeit der Führer, um diese sehr geschickt bedeckten Gruben aufzufinden und freizulegen, damit seitwärts vom Wege gehende Leute nicht in Gefahr kamen. Auf dem Wege waren ferner vom Feinde Beschwörungsmittel, sogenannte Daua, angebracht, meistens aus kleinen Erdhaufen bestehend, in welche Hölzchen oder Federn eingesteckt waren. Die abergläubischen Wadschagga machten immer große Seitensprünge, wenn sie an einer derartigen, verzauberten Daua anlangten, die schwarzen Soldaten indessen, an dergleichen schon von früher gewöhnt, schritten weniger rücksichtsvoll darüber hinweg.
Nach vierstündigem Marsche trat die Spitze der Kolonne aus dem Walde heraus und gelangte in die gut bebaute und bewässerte Landschaft Kiboscho. Das Gelände ist daselbst außerordentlich coupiert und bedeckt. Ein schmaler Bergrücken folgt dem andern. Der größte Teil derselben ist mit Bananen bewachsen. Da diese sehr eng zusammenstehen und von halber Höhe an mit üppigem Blätterwuchs geschmückt sind, verschließt ein derartiger Wald jegliche Übersicht, erschwert das Vorwärtskommen und bietet dem Gegner alle nur mögliche Deckung.
Beim Ersteigen des ersten Bergrückens fiel ein Schuß in der rechten Flanke, wahrscheinlich ein Signalschuß, dann war wieder Alles ruhig. Noch zwei weitere Höhen wurden erklommen, als die Spitze an einem Punkte anlangte, welcher einen freien Ausblick nach der nächstgelegenen Anhöhe gewährte. Die letztere war ganz unbewachsen; auf dem Rücken derselben befanden sich tief eingeschnittene Gräben, aus welchen heraus alsbald vom Feinde ein ziemlich lebhaftes Feuer eröffnet wurde.
Offenbar handelte es sich hier jedoch nur um eine vorgeschobene Stellung, denn der Gegner räumte dieselbe, als von der vorn befindlichen Sudanesen-Kompagnie jenes im übrigen wirkungslose Feuer mit einigen Salven erwidert war.
Der Vormarsch wurde fortgesetzt. Als der soeben vom Feinde verlassene Berg erreicht war, hatte man abermals einen Höhenrücken vor sich, welcher, von beträchtlicherer Höhe als die zuletzt passierten, mit dichtem Bananenwalde bestanden war. Von dort aus war das Kriegsgeheul einer zahlreichen Menschenmenge deutlich hörbar, auch konnte man aus den Baumspitzen heraus einen Signalmast mit roter Fahne erkennen. Major