Geschichte des Agathon. Teil 2

Part 18

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Inzwischen stunden die Freunde Agathons seinetwegen in desto größern Sorgen, da sie seinen Feinden Bosheit genug zutrauten, dem Tyrannen das ärgste gegen ihn einzugeben; und diesem Schwachheit genug, sich von ihnen verführen zu lassen. Denn das Unvermögen ihren Lieblingen zu widerstehen, macht öfters wollüstige Fürsten, wider ihre natürliche Neigung, grausam. Sie wendeten also unter der Hand alles an, was ohne einen Aufstand zu wagen, dessen Erfolg allzu unsicher gewesen wäre, die Rettung Agathons befördern konnte. Dion gab bei dieser Gelegenheit eine Probe seiner Großmut, indem er durch ein freundschaftliches Schreiben an Dionysen sich verbindlich machte, seine Kriegs-Völker wieder abzudanken, und seine Zurückberufung als eine bloße Gnade von dem guten Willen seines Prinzen zu erwarten, in so fern Agathon freigesprochen würde, dessen einziges Verbrechen darin bestehe, daß er sich für seine Zurückkunft in sein Vaterland interessiert habe. So edel dieser Schritt war, und so wohlfeil dern Dionys dadurch die Aussöhnung mit dem Dion angetragen wurde; so würde er doch dem Agathon wenig geholfen haben, wenn seine italienischen Freunde nicht geeilet hätten, dem Tyrannen einen noch dringendern Beweggrund vorzulegen. Aber zu eben dieser Zeit langten Gesandte von Tarent an, um im Namen des Archytas, welcher alles in dieser Republik vermochte, die Freilassung seines Freundes zu bewürken, und im Notfall zu erklären, daß diese Republik sich genötiget sehen würde, die Partei Dions mit ihrer ganzen Macht zu unterstützen, wofern Dionys sich länger weigern wollte, diesem Prinzen sowohl als dem Agathon vollkommne Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Dionys kannte den Charakter des Archytas zu gut, um an dem Ernst dieser Drohung zweifeln zu können. Er hoffte sich also am besten aus der Sache zu ziehen, wenn er unter der Versicherung, daß er von einer Aussöhnung mit seinem Schwager nicht abgeneigt sei, in die Entlassung Agathons einwilligte. Aber dieser erklärte sich, daß er seine Entlassung weder als eine Gnade von dem Dionys annehmen, noch der Fürbitte seiner Freunde zu danken haben wolle. Er verlangte, daß die Verbrechen, um derentwillen er in Verhaft genommen worden, öffentlich angezeigt, und in Gegenwart des Dionys, der Gesandten von Tarent und der Vornehmsten zu Syracus, untersucht, seine Rechtfertigung gehört, und sein Urteil nach den Gesetzen ausgesprochen werden sollte. Da er sich bewußt war, daß außer seinen neuerlichen Verbindungen mit dem Dion, welche leicht zu rechtfertigen waren, seine boshaftesten Hässer nichts mit einigem Schein der Wahrheit gegen ihn aufbringen könnten; so hatte er gut auf eine so feierliche Untersuchung zu dringen. Aber dazu konnten es die Cleonissen und die Philiste, und der Tyrann selbst, der bei allem diesem sehr verlegen war, nicht kommen lassen; und da die Tarentiner ihnen keine Zeit lassen wollten, die Sache in die Länge zu ziehen; so sahe Dionys sich endlich genötiget, öffentlich zu erklären: Daß eine starke Vermutung, als ob Agathon sich in eine Konspiration gegen ihn habe verwickeln lassen, die einzige Ursache seines Verhafts gewesen sei; und daß er keinen Augenblick anstehen wolle, ihm seine Freiheit wiederzugeben, sobald er sich, unter Verbürgung der Tarentiner, durch ein feirliches Versprechen, auf keinerlei Weise künftighin gegen Dionysen etwas zu unternehmen, sich von diesem Verdacht am besten gereiniget haben werde. Die Bereitwilligkeit, womit die Gesandten von Tarent sich diesen Antrag gefallen ließen, bewies, daß es dem Archytas allein um die Befreiung Agathons zu tun war; und wir werden vielleicht in der Folge den Grund entdecken, warum dieses Haupt einer in diese Sache nicht unmittelbar verwickelten Republik, sich dieses Punkts mit so außerordentlichem Eifer annahm. Aber Agathon, der seine Freiheit keinem unedeln Schritt zu danken haben wollte, konnte lange nicht überredet werden, eine Erklärung von sich zu geben, welche als eine Art von Geständnis angesehen werden konnte, daß er die Partei, die er genommen hatte, verleugne. Doch diese in Ansehung seiner Umstände, in der Tat allzuspitzfündige Delikatesse mußte endlich der gründlichern Betrachtung weichen, daß er durch Ausschlagung eines so billig scheinenden Verglichs sich selbst in Gefahr setzen würde, ohne daß seiner Partei einiger Vorteil dadurch zuginge; indem Dionys viel eher einwilligen würde, ihn in der Stille aus dem Wege räumen zu lassen, als zu zugeben, daß er mit soviel neuen Reizungen zur Rache die Freiheit bekommen sollte, der Faktion des Dions wieder neues Leben einzuhauchen, und sich mit diesem Prinzen zu seinem Untergang zu vereinigen. Die reizenden Schilderungen, so ihm die Tarentiner von dem glücklichen Leben machten, welches in dem ruhigen Schoße ihres Vaterlandes, und in der Gesellschaft seiner Freunde auf ihn warte, vollendeten die Würkung, welche natürlicher Weise der gewaltsame Zustand von Unruhe, Sorgen und heftigen Leidenschaften, worin er einige Zeit her gelebt hatte, auf ein Gemüte wie das seinige machen mußte; und gaben ihm zu gleicher Zeit den ganzen Abscheu vor dem geschäftigen Leben, welchen er nach seiner Verbannung von Athen dagegen gefaßt, und den ganzen Hang, welchen er zu Delphi für das Kontemplative gehabt hatte, wieder. Er bequemte sich also endlich, einen Schritt zu tun, der ihm von den Freunden Dions für eine feigherzige Verlassung der guten Sache ausgelegt wurde; in der Tat aber das einzige war, was ihm in den Umständen, worin er sich befand, vernünftiger Weise zu tun übrig blieb. Wie viel dunkle Stunden würde er sich selbst, und wie viele Sorgen und Mühe seinen Freunden erspart haben, wenn er dem Rate des weisen Aristippus ein paar Monate früher gefolget hätte!

Einer von den zuverlässigsten und seltensten Beweisen der Tugend eines ersten Ministers ist, wenn er armer oder doch wenigstens nicht reicher in seine einsame Hütte zurückkehrt, als er gewesen war, da er auf den Schauplatz des öffentlichen Lebens versetzt wurde. Die Epaminondas, die Walsinghams, die More, und Tessins sind freilich zu allen Zeiten selten; aber wenn etwas, welches den verstocktesten Tugend-Leugner, einen Hippias selbst, zwingen muß, die Würklichkeit der Tugend zu gestehen, und auch wider seinen Willen ihre Göttlichkeit zu erkennen: So sind es die Beispiele solcher Männer. Der Himmel verhüte, daß ich die Hippiasse jemals einer andern Widerlegung würdigen sollte! Sie mögen nach Aekerö reisen! Und wenn sie den einzigen Anblick unter dem Himmel, auf welchen (nach dem Ausdruck eines weisen Alten) die Gottheit selbst mit Vergnügen herabsieht, wenn sie den ehrwürdigen Greis gesehen haben, der daselbst, zufrieden mit der edeln beneidenswürdigen Armut des Fabricius und Cincinnatus, doch zu tugendhaft um stolz darauf zu sein, die einzige Belohnung eines langen, ruhmwürdigen, Gott, seinem Könige und seinem Vaterland aufgeopferten Lebens in dem stillen Bewußtsein seiner Selbst, und (so oft er seinen Telemach erblickt) in der Hoffnung, nicht ganz umsonst gearbeitet zu haben, findet--und, vergessen, vielleicht so gar verfolgt von einer undankbaren Zeit, sich ruhig in seine Tugend und den Glauben einer bessern Unsterblichkeit einhüllt--wenn sie ihn gesehen haben, diesen wahrhaftig großen Mann, und dieser Anblick nicht zu wege bringt, was alle Diskurse der Platonen und Seneca nicht vermocht haben--Nun, so mögen sie glauben was sie wollen, und tun, was sie ungestraft tun können; sie verdienen eben so wenig Widerlegung, als ihre Besserung möglich ist--"Und du, ruhmvoller und liebenswürdiger alter Mann, empfange dieses wiewohl allzuvergängliche Denkmal von einem, dessen Feder niemals durch feiles, oder gewinnsüchtiges Lob der Großen dieser Welt entweiht worden ist--Ich habe keine Belohnung, keinen Vorteil von dir zu hoffen--du wirst dieses niemals lesen--Meine Absicht ist rein, wie deine Tugend--empfange dieses schwache Merkmal einer aufrichtigen Hochachtung von einem, der wenig Hochachtungswürdiges unter der Sonne sieht--diese, und die Dankbarkeit für die stillen Tränen der Entzückung, die ihm (in einem Alter, wo seine Augen zu dieser reinsten Wollust der Menschlichkeit noch nicht versieget waren) das Lesen deiner Tugend-atmenden Briefe aus den Augen lockte--diese Empfindungen allein haben ihn bei dieser Gelegenheit dahingerissen--er hat sich nicht entschließen können, seinem Herzen Gewalt anzutun--und bittet niemand, der dieses Buch lesen wird, wegen dieser Abschweifung um Verzeihung."

Agathon hatte über den Sorgen für die Wohlfahrt Siciliens, und über der Bemühung andre glücklich zu machen, sich selbst so vollkommen vergessen, daß er nicht reicher aus Syracus gegangen wäre, als er gewesen war, da er Delphi verließ, oder da er aus Athen verbannt wurde; wenn ihm nicht zu gutem Glücke, bald nach seiner Erhebung zu einer Würde, welche ihm in allen Griechischen Staaten kein geringes Ansehen gab, ein Teil seines väterlichen Vermögens wieder zugefallen wäre. Die Athenienser waren damals eben zu gewissen Handlungs-Absichten der Freundschaft des Königs Dionys benötiget; und fanden daher für gut, ehe sie sich um die Vermittlung Agathons bewarben, ihm durch ihre Abgesandte ein Dekret überreichen zu lassen, kraft dessen nicht nur sein Verbannungs-Urteil aufgehoben, sondern auch der ganze Prozeß, wodurch er ehmals seines väterlichen Erbguts beraubt worden war, kassiert, und der unrechtmäßige Inhaber desselben verurteilt wurde, ihm alles unverzüglich wieder abzutreten. Agathon hatte zwar großmütiger Weise nur die Hälfte davon angenommen; und diese war nicht so beträchtlich, daß sie für die Bedürfnisse eines Alcibiades oder Hippias zureichend gewesen wäre: Aber es war noch immer mehr, als ein Weiser selbst von der Sekte des Aristippus, nötig hätte, um frei, gemächlich und angenehm zu leben; und soviel war für einen Agathon genug.

Unser Held verweilte sich, nach dem er wieder in Freiheit war, nicht längere Zeit zu Syracus, als er gebrauchte, sich von seinen Freunden zu beurlauben. Dionys, welcher (wie wir wissen) den Ehrgeiz hatte, alles mit guter Art tun zu wollen, verlangte, daß er in Gegenwart seines ganzen Hofes Abschied von ihm nehmen sollte. Er überhäufte ihn, bei dieser Gelegenheit, mit Lobsprüchen und Liebkosungen, und glaubte, einen sehr feinen Staatsmann zu machen, indem er sich stellte, als ob er ungern in seine Entlassung einwillige, und als ob sie als die besten Freunde von einander schieden. Agathon hatte die Gefälligkeit, diesen letzten Auftritt der Komödie mitspielen zu helfen; und so entfernte er sich, in Gesellschaft der Gesandten von Tarent, von jedermann beurteilt, von vielen getadelt, und von den wenigsten, selbst unter denen, welche günstig von ihm dachten, gekannt, aber von allen Rechtschaffenen vermißt und oft zurückgeseufzt, aus einer Stadt und aus einem Lande, worin er das Vergnügen hatte, viele Denkmäler seiner ruhmwürdigen Administration zu hinterlassen; und aus welchem er nichts mit sich hinausnahm, als eine Reihe von Erfahrungen, welche ihn in dem Entschluß bestärkten--keine andre von dieser Art mehr zu machen.

VIERTES KAPITEL

Nachricht an den Leser

"Dank sei" (so ruft hier der Autor des griechischen Manuskripts, als einer, dem es auf einmal ums Herz leichter wird, aus) "Dank sei den Göttern, daß wir unsern Helden aus dem gefährlichsten aller schlimmen Orte, wohin ein ehrlicher Mann verirren kann, unversehrt, und was beinahe unglaublich ist, mit seiner ganzen Tugend davon gebracht haben! Er hat allerdings von Glück zu sagen", fährt das Manuskript fort; "aber--beim Hund (dem großen Schwur des weisen Socrates) was hatte er auch an einem Hofe zu tun? Er, der sich weder zu einem Sklaven, noch zu einem Schmeichler, noch zu einem Narren geboren fühlte, was wollte er am Hofe eines Dionysius machen?--Was für ein Einfall--und wenn ist jemals ein solcher Einfall in das Gehirn eines klugen Menschen gekommen?--einen lasterhaften Prinzen tugendhaft zu machen!--Oder welcher rechtschaffene Mann, der einen Fond von gesunder Vernunft und gutem Willen in sich gefühlt, ist jemals damit an einen Hof gegangen, wenn er im Sinne hatte, von dem einen oder dem andern Gebrauch zu machen?--Man muß gestehen, es ist eine ganz hübsche Sache um den Enthusiasmus--eines Lycurgus, der aus einem Monarchen ein Bürger wird, um sein Vaterland glücklicher zu machen--oder eines Leonidas, der mit dreihundert eben so entschlossenen Männern als er selbst, sich dem Tode weiht, um eben so vielen Myriaden von Barbaren den Mut, mit Griechen zu fechten, zu benehmen. Doch so groß, so schön diese Taten sind; so sind sie durch die Kräfte der Natur möglich, und diejenige, welche sie unternahmen, konnten sich versprechen, daß sie ihre Absichten erreichen würden. Aber wenn hat man jemals gehört, daß ein Mensch, oder ein Held, der Sohn einer Göttin, oder eines Gottes, oder ein Gott selbst, dasjenige zu Stande gebracht hätte, was Agathon unternahm, da er mit der Cither in der Hand sich überreden ließ, der Mentor eines Dionys zu werden."

Auf diesen humoristischen Eingang, womit unser Autor dieses Kapitel beginnt, folget eine lange, und wie es scheint, ein wenig milzsüchtige Deklamation gegen diejenige Klasse der Sterblichen, welche man große Herren nennt; mit verschiedenen Digressionen über die Maitressen--über die Jagdhunde--und über die Ursachen, warum es für einen ersten Minister gefährlich sei, zuviel Genie, zuviel Uneigennützigkeit, und zuviel Freundschaft für seinen Herrn zu haben--So viel man sehen kann, ist dieses Kapitel eines von den merkwürdigsten, und sonderbarsten in dem ganzen Werke. Aber unglücklicher Weise, befindet sich das Manuskript an diesem Ort halb von Ratten aufgegessen; und die andre Hälfte ist durch Feuchtigkeit so übel zugerichtet worden, daß es leichter wäre, aus den Blättern der Cumäischen Sibylle, als aus den Bruchstücken von Wörtern, Sätzen und Perioden, welche noch übrig sind, etwas Zusammenhängendes herauszubringen. Wir gestehen, daß uns dieser Verlust so nahe geht, daß wir uns eher der sinnreichen Ergänzungen, welche Herr Naudot zum Petronius in seinem Kopfe gefunden hat, oder der sämtlichen Werke des Ehrwürdigen Paters *** beraubt wissen wollten. Indessen ist doch dieser Verlust in Absicht des Lobes der großen Herren um so leichter zu ertragen, da wir über den weiten Umfang der Einsichten, die Größe der Seelen, die edlen Gesinnungen und den guten Geschmack, welcher ordentlicher Weise die großen Herren von den übrigen Erden-Söhnen zu unterscheiden pflegt, in dem besten und schlimmsten Buche (je nachdem es Leser bekommt; welches wir übrigens ganz unpräjudizierlich und niemand zu Leide gesagt haben wollen) das in unserm Jahrhundert zur Welt gekommen ist, in dem Buche des Herrn Helvetius, alles gesagt finden, was sich über einen so reichen und edeln Stoff nur immer sagen läßt. Eine gleiche Bewandtnis hat es mit der Digression über die Maitressen, und über die Jagdhunde; über welche Materien der geneigte Leser in des Grafen Anton Hamiltons Beiträgen zur Histoire amoureuse des Hofes Carls des zweiten von England, und in den bewundernswürdigen Schriften eines gewissen neuern Staatsmannes (den wir seiner Bescheidenheit zu schonen, nicht nennen wollen) mehr als hinlängliche Auskunft finden kann. Aber den Verlust der dritten Digression bedauren wir von Herzen, indem, (nach der Versicherung eines der größesten Bücher-Kenner von Europa) dermalen noch kein Buch in der Welt ist, in welchem diese interessante und ziemlich verwickelte Materie recht auseinandergesetzt und gründlich ausgeführt wäre. Zum Unglück ist dieses Kapitel eben an diesem Ort am mangelhaftesten. Doch läßt sich aus einigen Worten, welche zum Schlusse dieser Digression zu gehören scheinen, abnehmen, daß der Verfasser neun und dreißig Ursachen angegeben habe; und wir gestehen, daß wir begierig wären, diese neun und dreißig Ursachen zu wissen.

FÜNFTES KAPITEL

Moralischer Zustand unsers Helden

Der Autor der alten Handschrift, aus welcher wir den größesten Teil dieser Geschichte gezogen zu haben gestehen, triumphiert, wie man gesehen hat, darüber, daß er seinen Helden mit seiner ganzen Tugend von einem Hofe hinweggebracht habe. Es würde allerdings etwas sein, das einem Wunder ganz nahe käme, wenn es sich würklich so verhielte; aber wir besorgen, daß er mehr gesagt habe, als er der Schärfe nach zu beweisen im Stande wäre. Wenn es nicht etwan moralische Amulete gibt, welche der ansteckenden Beschaffenheit der Hofluft auf eben die Art widerstehen, wie der Krötenstein dem Gift, so deucht uns ein wenig unbegreiflich, daß das Getümmel des beschäftigten Lebens, die schädlichen Dünste der Schmeichelei, welche ein Günstling, er wolle oder wolle nicht, unaufhörlich einsaugt--die Notwendigkeit, von den Forderungen der Weisheit und Tugend immer etwas nachzulassen, um nicht alles zu verlieren--und was noch schädlicher als dieses alles ist, die unzählichen Zerstreuungen, wodurch die Seele aus sich selbst herausgezogen wird, und über der Aufmerksamkeit auf eine Menge kleiner vorbeirauschender Gegenstände, die Aufmerksamkeit auf sich selbst verliert--nicht einige nachteilige Einflüsse in den Charakter seines Geistes und Herzens gehabt haben sollten. Indessen müssen wir gestehen, daß es ihm hierin eben so erging, wie es, vermöge der täglichen Erfahrung, allen andern Sterblichen zu gehen pflegt. Er wurde diese eben so unmerkliche als unleugbare Einflüsse, und die Veränderungen, welche sie verstohlner Weise in seiner Seele verursacheten, eben so wenig gewahr, als ein gesunder Mensch die geheimen und schleichenden Zerrüttungen empfindet, welche die Unbeständigkeit der Witterung, die kleinen Unordnungen in der Lebensart, die heterogene Beschaffenheit der Nahrungs-Mittel, und das langsam würkende Gift der Leidenschaften, stündlich in seiner Maschine verursachen. Die Veränderungen, die in unsrer innerlichen Verfassung vorgehen, müssen beträchtlich sein, wenn sie in die Augen fallen sollen; und wir fangen gemeiniglich nicht eher an, sie deutlich wahrzunehmen, bis wir uns genötigt finden, zu stutzen, und uns selbst zu fragen, ob wir noch eben dieselbe Person seien, die wir waren? Aus diesem Grunde geschah es vermutlich, daß Agathon die Progressen, welche die schon zu Smyrna angefangene Revolution in seiner Seele während seinem Aufenthalt zu Syracus machte, ohne das mindeste Mißtrauen in sie zu setzen, ganz allein den neuen oder bestätigten Erfahrungen zuschrieb, welche er in dieser ausgebreiteten Sphäre zu machen, so viele Gelegenheiten hatte.

Es ist unstreitig einer der größesten Vorteile, wo nicht der einzige, den ein denkender Mensch aus dem Leben in der großen Welt mit sich nimmt, wofern es ihm jemals so gut wird, sich wieder aus derselben herauswinden zu können--daß er die Menschen darin kennen gelernt hat. Es läßt sich zwar gegen diese Art von Kenntnis der Menschen, aus guten Gründen eben so viel einwenden, als gegen diejenige, welche man aus der Geschichte, und den Schriften der Dichter, Sittenlehrer, Satyristen und Romanenmacher zieht--oder gegen irgend eine andere: Aber man muß hingegen auch gestehen, daß sie wenigstens eben so zuverlässig ist, als irgend eine andre; ja daß sie es noch in einem höhern Grade ist, wenn anders das Subjekt, bei dem sie sich befindet, mit allen den Eigenschaften versehen ist, die zu einem Beobachter erfordert werden. Denn freilich kann nichts lächerlicher sein als ein Geck, der nachdem er zehn oder fünfzehn Jahre seine Figur durch alle Länder und Höfe der Welt herumgeführt, etliche Dutzend zweideutige Tugenden besiegt, und eben so viel schale Histörchen oder verdächtige Beiträge zur Chronique scandaleuse eines jeden Ortes, wo er gewesen ist, zusammengebracht hat, mit deren Hülfe er zween oder drei Tage eine Tischgesellschaft lachen oder gähnen machen kann--sich selbst mit dem Besitz einer vollkommenen Kenntnis der Welt und der Menschen schmeichelt, und denjenigen mit dummem Hohnlächeln von der Seite ansieht, der vermöge einer vieljährigen tiefen Erforschung der menschlichen Natur, gelegenheitlich von Charaktern und Sitten urteilt, ohne die sieben Türme gesehen, oder der Vermählung des Doge von Venedig mit dem adriatischen Meer beigewohnt zu haben. Wir wissen nicht, wie groß ungefähr die Anzahl der so genannten Welt-Leute sein mag, die in diese Klasse gehören: Aber das scheint uns gewiß zu sein, daß ein Mann von Genie und aufgeklärtem Verstande (denn die bloße Empirie reicht hier so wenig zu, als in irgend einer andern praktischen Wissenschaft) durch das Leben in der großen Welt, (in so fern wir dieses Wort in seiner echten Bedeutung nehmen) durch die Verhältnisse, worin er an einem beträchtlichen Platze mit allen Arten von Ständen und Charaktern kömmt, durch die häufigen Gelegenheiten die er hat, diejenige so er beobachtet, unter allerlei Umständen, mit und ohne Maske zusehen, sie auf allerlei Proben zu setzen, und so wohl durch den Gebrauch, den man von ihnen macht, als den sie von andern zu manchen suchen, ihre herrschenden Neigungen und geheime Springfedern ausfündig zu machen--daß er dadurch zu einer unmittelbarern, ausgebreitetern und richtigern Kenntnis der Menschen gelangt, als andre, welche ihre Theorie lediglich den Geschichtschreibern, Metaphysikern und Moralisten (drei sehr wenig zuverlässigen Gattungen von Lehrern) zu danken--oder welche ihre Beobachtungen nur in dem Microcosmus ihres eigenen Selbst angestellt haben.

Es ist oben schon bemerkt worden, daß Agathon bei seinem Auftritt auf dem Schauplatz, von dem er nun wieder abgetreten ist, lange nicht mehr so erhaben und idealisch von der menschlichen Natur dachte, als zu Delphi; denn es macht einen beträchtlichen Unterschied, ob man unter Bildsäulen von Göttern und Helden, oder unter Menschen lebt; aber nachdem er die Beobachtungen, die er zu Athen und Smyrna schon gesammelt, noch durch die nähere Bekanntschaft mit den Großen, und mit den Hofleuten bereichert hatte, sank seine Meinung von der angebornen Schönheit und Würde dieser menschlichen Natur, von Grade zu Grade so tief, daß er zuweilen in Versuchung geriet, gegen die Stimme seines Herzens (welche eben so wohl, dachte er, die Stimme der Eigenliebe oder des Vorurteils sein könnte,) alles was der göttliche Plato erhabenes und herrliches davon gesagt und geschrieben hatte, für Märchen aus einer andern Welt zu halten. Unvermerkt kamen ihm die Begriffe, welche sich Hippias davon machte, nicht mehr so ungeheuer vor, als damals, da er sich in den Garten dieses wollüstigen Weisen in den Mondschein hinsetzte, und Betrachtungen über den Zustand der entkörperten Geister anstellte. Endlich kam es gar so weit, daß ihm diese Begriffe wahrscheinlich genug deuchten, um sich vorstellen zu können, wie Leute, die in ihrem eigenen Herzen nichts fanden, das ihnen eine edlere Meinung von ihrer Natur zu geben geschickt wäre, durch einen langen Umgang mit der Welt dazu gelangen könnten, sich gänzlich von der Wahrheit desselben zu überreden.