Geschichte der Zoologie

Part 3

Chapter 32,958 wordsPublic domain

Das +Resultat der Aristotelischen Zoologie+ ist in den Hauptzügen etwa folgendes: In der Natur findet ein allmählicher Übergang vom Unbeseelten zum Beseelten statt. Zunächst folgen die Pflanzen, die beseelter sind als die anorganische Natur, aber weniger beseelt als die Tiere, zu denen sie durch niedere Meertiere allmählich übergehen. Den Pflanzen ist die Ernährung eigen, zugleich auch die Zeugung, die nur eine spezielle Art von Ernährung ist, ferner Regeneration und Teilbarkeit durch Stecklinge und Wurzelbrut. Der Schlaf ist ihr üblicher Zustand, aktive Ortsbewegung fehlt ihnen. Eine Art von Wärme haben sie auch, wie alles, was eine Seele hat. Sie sind, wie alle niederen Lebensformen, an Feuchtigkeit gebunden. Da sie nur wenige Funktionen ausüben, besitzen sie auch nur wenige Organe. Ihre Gewebe sind Holz, Rinde, Blatt, Wurzel. Das Oben der Pflanzen ist die Wurzel, da von dort die Ernährung ausgeht. Dadurch stehen sie im Gegensatz zu den Tieren, bei denen vielfach die Verrichtungen keine andern sind, als bei den Pflanzen. Die Tiere besitzen aber außer der „ernährenden Seele“ der Pflanzen auch eine „empfindende Seele“. Diese bedarf einer größeren Wärme, welche durch Kochung erzeugt wird und die Nahrungsmittel im Körper verwandelt, teils in dessen Bestandteile, teils in Ausscheidungen. Außerdem kommt den Tieren, wenigstens den höheren, Ortsbewegung zu, gewissermaßen als aktive Leistung, die der passiven, der Empfindung, parallel geht und die das spezifisch Animalische ist. Daher rührt die Bezeichnung der neueren Physiologie: animalische und vegetative Funktionen. Beide Grundfunktionen entsprechen übrigens den späteren Begriffen des Kraftwechsels (physikalische) und des Stoffwechsels (chemische Physiologie). Für die höheren Tiere und den Menschen kommt hinzu die „intelligente Seele“, der Mensch allein besitzt Vernunft. Dadurch kommt eine psychologisch abgestufte Reihenfolge der Naturkörper zustande, der Aristoteles in der Behandlung dieses oder jenes Problems folgt und die nun mehr oder weniger im einzelnen ausgeführt wird. Angesichts der Resultate der neueren Phylogenie wird man auch daraus keinen Vorwurf gegen ihn ableiten, daß diese Reihenfolge nicht immer dieselbe ist und z. B. innerhalb der Wirbellosen die großen Abteilungen verschieden aufgezählt werden. Dagegen muß scharf betont werden, daß für ihn die Art als ewig galt und deren Umwandlung stets nur ideal gedacht wird, nicht real. Doch entging ihm nicht, daß die höheren Lebewesen in ihrer Embryonalentwicklung Entwicklungsstufen, die niederen Tierformen entsprechen, durchlaufen. Die großen Umrisse des Aristotelischen Tiersystems lassen sich übersichtlich folgendermaßen zusammenfassen:

(Unsere Bezeichnungen)

~A.~ =Bluttiere= =Wirbeltiere=

~a~) +Lebendiggebärende Vierfüßer+ +Säugetiere+ 1. Mensch 2. Affen 3. Vielspaltfüßige Raubtiere, Nager, Insektenfresser 4. Zweihufer 5. Hauerzähnige Schweine 6. Einhufer 7. Wassersäugetiere Wale, Robben 8. Flatterhäutige Fledermäuse

Nicht in Gruppen zu bringen sind: Elefant, Hippopotamus, Kamel, sowie einige unbestimmbare und fabelhafte Wesen.

~b~) +Vögel+ +Vögel+ 1. Krummklauige Raubvögel nächtliche Nachtraubvögel 2. Würmerfresser 3. Distelfresser 4. Holzkäferfresser Spechte usw. 5. Tauben Tauben 6. Spaltfüßige Sumpfvögel usw. 7. Ruderfüßige Schwimmvögel 8. Erdvögel Hühner usw.

~c~) +Eierlegende Vierfüßer+ +Reptilien+ 1. Beschuppte Vierfüßer Saurier, Schildkröten 2. Beschuppte Schlangen Schlangen 3. Unbeschuppte Vierfüßer Lurche

~d~) +Fische+ +Fische+

1. Selachier, Knorpelfische ~a~) spindelförmige Haie ~b~) flache Rochen 2. +Grätenfische+ Knochenfische

~B.~ =Blutlose= =Wirbellose= ~a~) +Weichtiere+ Zephalopoden 1. kurzbeinige mit 2 langen Armen Dekapoden 2. langbeinige Oktopoden

~b~) +Weichschaltiere+ Krustazeen 1. scherentragende Astaci 2. scherenlose Langusten 3. scherenlose, mehr als zehnfüßige Caridina 4. kurzschwänzige Brachyuren 5. Karzinien Einsiedlerkrebse

~c~) +Insekten+ 1. Koleopteren Käfer 2. Vierflügelige Hinterstachler Hymenopteren 3. Zweiflügelige Vorderstachler Dipteren 4. Epizoen und Modertiere 5. Lange Vierfüßler Myriapoden 6. Spinnenartige Arachniden z. T. 7. Helminthen Würmer

~d~) +Schaltiere+ Mollusken u. niedere Tiere 1. Konchylien ~a~) einschalige Einschaler ~b~) zweischalige Zweischaler ~c~) gewundene Schnecken

2. Seeigel Echiniden

3. Seesterne Asteriden u. Ophiuriden

4. Schallose, frei lebende Holothurien, Velellen

5. Schallose, angewachsene Schwämme, Aktinien

Physiologische und anatomisch begründete Zusammengehörigkeit der Tiere ist also noch nicht scharf geschieden. Es fehlen manche Gruppen, die wir erwarten würden, z. B. die Schmetterlinge. Schwankend sind die Fledermäuse und Strauße, die eine Mittelstellung zwischen Säugetieren und Vögeln einnehmen sollen, ebenso die Wassersäugetiere, die zwar anatomisch als Säugetiere nachgewiesen, aber in eine Mittelstellung zwischen diese und die Fische gebracht werden. Besonders scharf gesondert treten die Fische als kiementragend und mit Flossen versehen auf und werden nach ihrem Skelett eingeteilt. Die Umgrenzung derselben ist später oft durchbrochen worden, hat ja auch Linné noch Schwierigkeiten bereitet, und die Scheidung in zwei große Gruppen ist bis heute beibehalten worden. Was die Wirbellosen betrifft, so hat erst Ende des 18. Jahrhunderts die Systematik hier wesentliche Fortschritte gemacht. Ihre Abtrennung von den Fischen und die vielen anatomischen und biologischen Schilderungen derselben gehören zu den hervorragendsten Merkmalen der Aristotelischen Zoologie. Als oberste Einteilungsprinzipien wählt er +anatomische+. „Zuerst nun werden wir die Teile, aus denen die Tiere bestehen, zu erörtern haben. Denn in ihnen liegen die größten und ersten Unterschiede auch für das Gesamttier, je nach Besitz oder Abwesenheit gewisser Teile, nach Lage und Anordnung, nach Gestalt, Überschuß, Analogie, Gegensatz der zufälligen Eigenschaften.“ Dies führt ganz selbstverständlich hinüber zu ausgedehnterer Verarbeitung anatomischer Einzelheiten, seien es nun solche, die auf Aristoteles’ eigene Beobachtungen oder die seiner Vorgänger zurückzuführen sind. Damit ist aber auch der Anstoß zu einer vergleichend über die ganze Tierwelt ausgedehnten Anatomie und Physiologie gegeben. So stuft denn Aristoteles auch innerhalb des einzelnen Individuums die Teile ab. Er unterscheidet Grundstoffe, gleichartige Teile (Gewebe), ungleichartige Teile (Organe), berücksichtigt auch die Proportionen und endlich den Habitus. Die schwächste Seite ist neben vielen anatomischen Irrtümern seine +Physiologie+, da sie von unzulänglichen physikalischen Vorstellungen ausgeht. Es ist hier nicht der Ort, die große Zahl irriger und oberflächlicher Kenntnisse und Begriffe vom Bau und von den Verrichtungen des menschlichen Körpers, die er der Betrachtung der übrigen Organismen zugrunde legt, aufzuzählen. Nur nebenbei mag auch erwähnt werden, daß viele Einzelbeobachtungen, die sich in seinen Werken finden, später bestätigt wurden. Von besonderer Tragweite ist Aristoteles’ Wertung des Herzens geworden, das er schlechthin als das Zentrum der ganzen Organisation, weil es das der Ernährung und Bewegung sei, mithin auch als das der Seelenfunktionen auffaßte, während ihm das Hirn nur ein Kühlapparat für die aufsteigende Wärme zu sein schien. Das Herz ist das erste und letzte, was sich bewegt; die Luft das Agens der Bewegung. Zur Kenntnis der Bewegungsfunktion fehlte ihm eine klare Vorstellung von den Muskeln und ihrer Wirkung.

Weitaus am wertvollsten sind innerhalb der Physiologie die Ausführungen über die +Entwicklungsgeschichte+, weil hier die Naturauffassung wie die Beobachtungsmittel von Aristoteles am weitesten führen konnten. Von der Zeugung sind vier Arten zu unterscheiden: die Urzeugung, wodurch Lebewesen aus faulenden Stoffen entstehen sollten, die Sprossung niederer Tiere, die hermaphroditische, die geschlechtliche Zeugung. Die dritte Form, ein Mittelding zwischen dem, was wir als Hermaphroditismus und Parthenogenese unterscheiden, schreibt er außer den Pflanzen den Bienen und einigen Fischen zu. Bei den höheren Tieren herrscht sonst Zweigeschlechtigkeit als eine Folge der Ortsbewegung und führt zu einer Differenzierung der Geschlechter, die von prinzipieller Bedeutung für die ganze Organisation des Individuums ist (Wirkung der Kastration). Beim Männchen ist der Zeugungsstoff die Samenflüssigkeit, die aber nicht pangenetisch gedacht wird, beim Weibchen das Ei oder die Katamenialflüssigkeit. Als vollkommene Eier erscheinen die dotterreichen. Bei der Befruchtung liefert das Weibchen den Stoff, das Männchen das gestaltende Prinzip, das nicht einmal stofflich zu sein braucht, sondern als rein mechanisch wirksam gedacht wird. Es soll eine Bewegung übertragen und einen Ernährungsprozeß einleiten und die weiblichen Geschlechtsprodukte in einen Keim überführen, der bald im Ei, bald ein „Wurm“ ist. Im Verlaufe der weiteren Entwicklung entstehen die Organe nicht gleichzeitig, obschon sie der Möglichkeit nach vorhanden sind, sondern sukzessive in größter Zweckmäßigkeit nach dem Endzustand, der erreicht werden soll. Der Embryo ist beseelt, zunächst zwar nur mit einer „ernährenden Seele“, erst später treten die höheren Stufen des Seelenlebens auf. So besitzt er denn auch zuerst nur generelle, erst später mehr spezielle und individuelle Eigenschaften. Die Ernährung des Embryo ist eine Fortsetzung der Zeugung. Die Fruchtbarkeit steht in Korrelation mit der Form der Ernährung, der Größe der Eier usw. Aristoteles findet hier die Gelegenheit, ausgedehnten Erfahrungen über die vergleichende Entwicklungsgeschichte Raum zu geben. Die Reihenfolge, in der die Organe auftreten, richtet sich nach der physiologischen Bedeutung der Organe. Daher entsteht zuerst das wichtigste Organ, das Herz, wie sich am Hühnerembryo sehen läßt, wo es als „der springende Punkt“ imponiert. Dann entstehen die großen Gefäße und der Kopf mit den schon früh großen Augen. Sind die Grundstoffe nicht genügend, so geht die Entwicklung in Mißbildung aus. Den einzelnen Formen der Mißbildung widmet Aristoteles ein ausgedehntes Kapitel, das als die Grundlage der späteren +Teratologie+ zu betrachten ist, da in ihm die pathologischen Erscheinungen auf natürliche Ursachen zurückgeführt sind. An Beobachtungen über die Entwicklung der einzelnen Organe, namentlich auch an genauen Angaben über die Zeugungs-, Gestations- und Entwicklungsfunktionen der Haussäugetiere findet sich ein großer Reichtum in den verschiedenen Aristotelischen Schriften.

3. Griechische Zoologie nach Aristoteles.

Noch hatte nach Aristoteles Theophrast das Lebenswerk seines Lehrers nach wesentlichen Seiten hin ausgebaut und ergänzt. Nach der zoologischen Seite war er zweifellos tätig, doch ist von ihm nur ein Buch erhalten, nämlich dasjenige, welches als das IX. der Tiergeschichte von Aristoteles gegolten hat, das aber keineswegs mehr auf der Höhe des Meisters steht. So gingen denn die von Aristoteles aufgestellten und teilweise durchgeführten Grundsätze verloren, unverstanden und unbenützt, geschweige daß sie weiter verfolgt, erprobt, ausgebaut worden wären. Die von ihm zum wissenschaftlichen Prinzip erhobene Verknüpfung von Anatomie, Physiologie, Entwicklungsgeschichte des gesunden und kranken Organismus lockerte sich rasch. Die Tierwelt zog nicht mehr als wissenschaftliches Objekt an, sondern interessierte nur noch mit Beziehung auf den Menschen, seine praktischen, dekorativen oder magischen Bedürfnisse.

Es sind nur wenige Stätten, an denen die antike Biologie auslebt: Alexandria, Rom, Pergamon. In Alexandria erwiesen sich die Ptolemäer, namentlich der zweite, Philadelphus, und der siebente, naturwissenschaftlichen Studien günstig. Neben Büchern über Jagd und Fischfang verdient der Vogelkatalog von +Kallimachos von Kyrene+ (ca. 310-325) Erwähnung, ferner die umfangreich erhaltene Tiergeschichte des +Aristophanes von Byzanz+ (ca. 257-180), die wesentlich durch Auszüge aus Aristoteles, Theophrast u. a., nicht ohne Fabeln aus Wunderbüchern, aber auch wahrscheinlich im Anschluß an die alexandrinischen Sammlungen entstanden. Ebenfalls zur Grundlage für seine Wundergeschichten benützte +Antigonos von Karystos+ (geb. ca. 290) die Tiergeschichte von Aristoteles.

+Alexander von Myndos+ (im ersten vorchristlichen Jahrhundert) wird das Vorbild jener Fabelschriftsteller, die bis zum Erwachen erneuter Kritik zu Beginn der Neuzeit die Welt mit Wundergeschichten, wahren und erlogenen, von den Tieren unterhielten. Von wissenschaftlicher Schulung war keine Rede mehr. Das pseudo-aristotelische Tierwerk, welches einem bereits ähnlich gerichteten Geschmack durch Auszüge aus Aristoteles Rechnung trug, bot Alexander von Myndos die Grundlage, auf der er sich schriftstellerisch betätigte. So wurde z. B. der wissenschaftlichen Schilderung des Vogels, wie Aristoteles sie gegeben hatte, die mythologische und wahrsagerische Bedeutung erklärend beigefügt, sodann die Sagen über die Verwandlung usw. In Alexandria bildete sich auch das Lehrgedicht in derjenigen Form aus, wie es in der Folgezeit griechischer und römischer Wissenschaft auf zoologische Gegenstände neben der Prosa besonders reichlich Verwendung fand. Die in Alexandria geprägte Form der Zoologie beherrscht denn auch mit mehr oder weniger Abwechslung über die spätgriechische Wissenschaft hinaus die +byzantinische+ bis zum Beginn der Neuzeit. „Neben einem m. w. vereinzelten Studium der Alten herrscht in der Botanik und Zoologie eine phantastische, wesentlich durch paradoxographische und geheimnisvolle Gesichtspunkte bestimmte Tätigkeit“ (Krumbacher).

4. Römische Zoologie.

Die +römische Zoologie+ steht bei weitem nicht auf der Höhe der griechischen. Schon hatten die spätesten Produkte der letzteren einen Zug angenommen, der sie weit von Naturbeobachtung und Wahrheit der Darstellung weggeführt hatte und der auch nicht mehr zur Kritik der mündlichen und schriftlichen Überlieferung befähigte. An diesem Punkte tritt Rom die Erbschaft an. Noch am ehesten ist es Plinius, der unsere Beachtung verdient und wäre es auch nur um der geschichtlichen Wirkung willen, die seine Naturgeschichte getan hat.

Die umfangreichste naturwissenschaftliche Leistung älteren Datums ist das Lehrgedicht „Über die Natur der Dinge“ von +T. Lucretius Carus+. Römertum und epikureische Philosophie wirken in ihm ein Naturgemälde von großem Wurf und einheitlicher Stimmung. Doch zeigt dieses Bild mehr die Sehnsucht nach Befreiung von den Banden des Aberglaubens und Ausdeutung eines naturwissenschaftlichen Inhaltes von einer biologisch sehr eng begrenzten Fassung nach den Schemata der materialistischen Mystik. In Beobachtung und theoretischer Deutung geht Lucrez indes nicht über seine griechischen Vorbilder hinaus. Der verarbeitete Tierbestand ist ein dürftig zu nennender. Einheit der Schöpfung kommt nur insofern zur Geltung, als für Lucrez die Erde die Allmutter ist, die jedwede Art entsprießen ließ. Einst erzeugte sie Riesengeschlechter, heute bringt sie nur noch kleines Getier hervor. Unter dem Atomismus, der im Vordergrund steht, verwischt sich die Grenze zwischen anorganischer und organischer Natur vollständig; so kommen Samen auch den anorganischen Naturkörpern, ja sogar den Grundkräften zu. Auch die Anatomie entspricht nicht mehr den alexandrinischen Erfahrungen. Das Herz ist Sitz der nervösen Erregungen. Obschon die Gewebe der Tiere gleich zu sein scheinen, sind sie doch bei jeder Art verschieden. Diese Verschiedenheit ist lediglich eine solche der Verbindung der Stoffe, nicht ihrer Beschaffenheit. Anregungen für die Zoologie konnten aus diesem Werke ebenso wenig hervorgehen, wie etwa aus Schillers „Spaziergang“, trotz dem hohen poetischen Gehalt dieser Dichtung, die zu den besten auf römischem Boden gewachsenen gehört.

Unter den römischen Schriftstellern nimmt für die Zoologie an geschichtlicher Bedeutung +Plinius d. Ä.+ (_geb. 23 n. Chr. zu Verona, gest. 79 beim Ausbruch des Vesuv_) den ersten Rang ein. Von seiner enzyklopädischen Vielschreiberei geht uns nur der auf die Naturgeschichte bezügliche Teil an, die 37 Bücher der Naturgeschichte, die auch wieder nur zum Teil die Zoologie betreffen. Nach Plinius eignen Angaben stellt dieses Werk den Auszug von 20000 Tatsachen aus 2000 Bänden anderer Schriftsteller vor. Mit der Natur verband ihn kaum eigene Berührung, ja auch die Schriftsteller, die er exzerpierte, waren nicht in erster Linie die selbständigen Forscher, sondern selbst schon Kompilatoren dritten und vierten Ranges. So kam denn dieses „Studierlampenbuch“ (Mommsen) zustande, das als Quelle für zoologisches Wissen sozusagen wertlos ist, aber auf Jahrhunderte hinaus eine unverdiente Geltung behauptete.

Plinius hat einige Tiere mehr als Aristoteles aufgeführt. Eine logische Ordnung der Tierwelt ist bei ihm nicht durchgeführt. Dazu fehlte vor allem das Ordnungsprinzip der Anatomie. Mit dem Menschen, den Plinius im Gegensatz zu Aristoteles aus dem Tierreich heraushebt, wird der Anfang gemacht. „Des Menschen wegen scheint die Natur alles erzeugt zu haben, oft um hohen Preis für ihre zahlreichen Geschenke, so daß sich kaum unterscheiden läßt, ob sie dem Menschen eine bessere Mutter oder schlimmere Stiefmutter sei.“ Dann folgen die Säuger, untermischt mit den Reptilien; ferner die Wassertiere, die Vögel, die Insekten und die niederen Tiere. Innerhalb der einzelnen Abteilungen, die lediglich der literarischen Einteilung zuliebe gemacht sind, werden die Tiere nach ihrer Größe abgehandelt. Der Elefant steht an der Spitze der Säugetiere, die Wale an der der Wassertiere, der Strauß an der der Vögel. Über die Dimensionen einzelner Tiere, über Lebensweise, Beziehungen zum Menschen werden die unvernünftigsten und kritiklosesten Angaben gemacht. Eine geordnete Beschreibung auch einfachster Formen fehlt. Trotz all dieser Mängel und der Abwesenheit jedes Vorzuges hat die Naturgeschichte von Plinius eine gewaltige historische Wirkung getan. Der naiven Neugier des Mittelalters und eines guten Teiles der Neuzeit genügte sie und ließ Aristoteles in den Hintergrund treten, der Unwissenden viel schwerer verständlich war. Der Wundersucht bot Plinius reichere Nahrung als Aristoteles. Seine Darstellung des Menschen und die Annäherung der Tierfolge an die der Bibel, sowie die nachfolgende Wunderliteratur, die sich ihm anschloß oder annäherte, machte ihn zum Beherrscher der zoologischen Literatur für die Folgezeit. Noch Buffon steht ganz unter dem Banne von Plinius, und Cuvier nennt ihn auf gleicher Höhe mit Aristoteles!

Fast märchenhaft lauten die Berichte über +Veranstaltungen von Tierhaltung und Tierzucht+ bei den reichen Römern. Schon zur Zeit des zweiten Punischen Krieges begann Fulvius Hirpinus Tierzwinger (Leporarien) anzulegen, mit Hasen, Kaninchen, Rehen, Hirschen und Wildziegen. Acht ganze Eber zierten einst die Tafel des Antonius. Lemnius Strabo legte große Vogelbehälter an (Aviarien), und die Pfauenzucht wurde industriell ausgebeutet. Neben seltenen Taubenvarietäten, Gänseleber, Krammetsvögeln und Störchen zierten Flamingozungen und Straußgehirne die Tafel. Zum größten Luxus gedieh die Fischzucht, wovon noch die großen Fischbehälter (Piscinen) in Puzzuoli (der sogen. Serapistempel) aufs beredteste Zeugnis ablegen. Einzelne große Exemplare von Fischen wurden mit Gold aufgewogen. Nicht minder reich war die Tierwelt, die zu den Gladiatorenkämpfen aufgeboten wurde. Elefant, Rhinozeros, Giraffe, Hippopotamus, Auerochs, Löwe, Tiger, Panther, Krokodil wurden zu Dutzenden und Hunderten vorgeführt. Kunststücke durch Zähmung standen hinter den heutigen Leistungen nicht zurück. Und all dieser Aufwand an Tieren führte doch weder zu tieferer Kenntnis, noch vermochte er wissenschaftliche Interessen zu wecken.

Die ganze spätrömische +Literatur+ ist durch Aufzählungen mediterraner und fremdländischer Tiere charakterisiert, deren Identität vielfach kaum mehr festzustellen ist; insbesondere grassieren in ihr Fabelwesen, wie Martichoras, Greif, Phönix, Chimära, Einhorn usw., und fabulöse Darstellungen bekannter Tiere. Das Tier selbst verliert seinen Wert als Glied im wissenschaftlichen System; es interessiert nur noch Liebhaber und Schaulustige und wird daher entweder wie ein Stück Hausrat oder Schmuck der Natur, oder als gastronomische und dekorative Staffage einer ohnehin raffinierten Lebenshaltung, als Kuriosität, als Zucht- und Jagdobjekt, als außermenschlicher Träger von menschlichen Eigenschaften, die ihm angedichtet werden, behandelt. Die schon bei den alexandrinischen Schriftstellern und Plinius aufgelöste Ordnung des Tierreichs zerfällt weiter und weicht später einer alphabetischen. Die Anatomie macht nicht nur keine Fortschritte, sondern schon das längst Bekannte fällt weg, und das wirklichkeitsfremde Naturbild der Literatur wird immer mehr dazu angetan, allem Wunderglauben Tür und Tor zu öffnen, Zauberei und Magie aufleben zu lassen. Auch in der literarischen Form beruht die spätrömische Zoologie meist nur auf Nachahmung griechischer Vorbilder.

+Ovids+ Halieutika sind ein Fragment, das in trockener Aufzählung vom Fischfang im Schwarzen Meere berichtet. Ein Wundergeschichten- und Fabelbuch, worin etwa 130 meist verloren gegangene Autoren ausgezogen werden, ist uns von +Älian+ erhalten. Sein Inhalt geht meist auf entsprechende Berichte alexandrinischer Autoren zurück und zeigt eine ganz erstaunliche Unordnung des Stoffes. Auf weitaus höherem Standpunkt stehen die dem +Oppian+ zugeschriebenen Gedichte über Jagd der Landtiere und Seetiere. Insbesondere dieses gibt eine lebensvolle und bunte Darstellung der marinen Fauna und ihrer Lebensweise, die neben eingestreuten Mythen und moralischen Reflexionen ein gutes Stück frischer Naturbeobachtung enthält. Ähnlich gehalten sind das Buch des +Marcellus+ von den Fischen, die Paraphrase zu +Dionysos+ von den Vögeln und zahlreiche ähnliche Lehrgedichte.

5. Alexandrinische Anatomie.