Geschichte der Zoologie

Part 2

Chapter 23,175 wordsPublic domain

Wie für jede andere philosophische Disziplin, sind auch für unsere die Grundlagen in Griechenland gelegt worden. Immer deutlicher hebt sich beim Studium der antiken Literatur ab, wie die ersten Gedankenreihen der Zoologie sich dort bildeten. Es ist weniger die Kenntnis neuer Tiere, als die Vertiefung in ihren Bau und die logische Gestaltung des Beobachteten, durch die auf hellenischem Boden die wissenschaftliche Betrachtung der organischen Natur entstand und sich entwickelte. Die Tierpflege, Tierhaltung, Jagd, Fischerei erlitt keinerlei Einbuße, wenn sie sich in Griechenland auch in bescheidenerem Maßstab bewegte, als vorher in den vorderasiatischen Despotenhöfen und nachher in Rom. Die großen Unterschiede der griechischen Zoologie im Vergleich zur vorausgehenden vorderasiatischen und zur nachfolgenden bis zur Neuzeit liegen in folgenden Richtungen: Einmal wurde eine planmäßige Vermehrung der Tierkenntnis, insbesondere nach der marinen Fauna hin, angestrebt, sodann trat neben die Lehre von der äußeren Gestalt die vom Bau und von den Verrichtungen der Organe. Tier und Tierwelt wurden dem Weltganzen eingegliedert und nach Normen beurteilt, wie sie auch für dieses sich als fruchtbar erwiesen hatten. Wurde dadurch ein oft fast zu enges Band um die organische und anorganische Natur zugleich geschlungen, so kam anderseits aber auch die Eigentümlichkeit der organischen Natur zur Würdigung ihrer Eigenart. Quellen für die antike Zoologie sind reichlich vorhanden. Wenn auch nicht an zoologischem Inhalt, so doch an Umfang und Alter steht an erster Stelle die hippokratische Schriftensammlung (5-4. Jahrhundert v. Chr.), ferner Galens Werke (2. Jahrhundert v. Chr.), alles überragend aber die Aristotelischen Werke (4. Jahrhundert v. Chr.). In zweiter Linie sind zu nennen Herodot, die vorsokratischen Philosophen, die alexandrinischen Kompilatoren und der Römer Plinius d. J. Aber es gibt beinahe überhaupt keinen antiken Schriftsteller, dem nicht interessante Einzelangaben zu entnehmen wären, die uns verständlich werden lassen, daß mit der Höhe griechischer Lebenshaltung auch die Wissenschaft vom Leben stets neue Nahrung erhielt.

Flüchtiger Vögel leichten Schwarm Und wildschweifende Tier im Wald, Auch die wimmelnde Brut des Meers Fängt er, listig umstellend, ein Mit netzgeflochtenen Garnen, Der vielbegabte Mensch.

Sophokl. Antigone V. 342.

Auch von einem modernen Standpunkte aus betrachtet, erscheinen die Beobachtungen und Verallgemeinerungen der ältesten griechischen Philosophen, der sog. +Vorsokratiker+, höchst beachtenswert. +Anaximander+ hat schon die Annahme vertreten, die Tiere seien aus dem Meerschlamm hervorgegangen und hätten beim Übergang zum Leben auf dem Lande ihren Hautpanzer abgelegt. Nach +Pythagoras+ sollte alles tierische Leben aus Samen, nicht aus faulenden Stoffen entstehen. +Philolaos+ sucht, entgegen der herrschenden Ansicht, die den Sitz der Seele ins Zwerchfell zu verlegen pflegte, diesen im Hirn. Ebenso +Alkmäon von Kroton+, der den Zusammenhang zwischen Hirn und Sinnesorganen, sowie wahrscheinlich auch die Ohrtrompete kannte, ferner durch Tierexperiment feststellte, daß das Rückenmark nach dem Koitus unverletzt gefunden wird. +Anaxagoras+ spricht von der Atmung der Fische und Schaltiere durch die Kiemen und der Zweckmäßigkeit und Teilbarkeit der Organe. Mit Embryologie finden wir fast jeden der älteren Naturphilosophen beschäftigt, insbesondere Alkmäon, +Hippon von Rhegium+ und +Empedokles+. Auf das Lehrgedicht des letzteren gehen viele der später gültigen Anschauungen zunächst zurück, wenn sie auch vielfach noch älteren Ursprungs sein mögen; so die Lehre von den vier Elementen: Feuer, Wasser, Luft, Erde als den Grundstoffen der gesamten Natur. Nach ihm ist die Verschiedenheit der Organismen so zustande gekommen, daß die einzelnen Teilstücke sich in Liebe oder Haß vereinigt hätten. Dadurch sucht er auch die Mißbildungen auf natürliche Weise zu erklären. Ihm ist das Labyrinth im Ohr bekannt; er erörtert die chemische Zusammensetzung der Knochen. „Eins ist Haar und Laub und dichtes Gefieder der Vögel.“ Eine Auswahl früherer Anschauungen gibt auch +Diogenes von Apollonia+, so eine Schilderung des Gefäßsystems. Eine Andeutung des biogenetischen Grundgesetzes mag man auch in dem von ihm ausgesprochenen Satze sehen, daß kein dem Wechsel unterworfenes Wesen von einem anderen verschieden sein kann, ohne ihm vorher ähnlich gewesen zu sein. Als eigentlich kritisch forschender Geist gilt +Demokrit von Abdera+ (geb. ca. 470 v. Chr.), dem schon im Altertum die Trennung der Tierwelt in Bluttiere (Wirbeltiere in unserem Sinne) und Blutlose (Wirbellose) zuerkannt wurde. Schriften über die Ursachen der Natur im allgemeinen und der Tiere im besonderen, sowie eine Anatomie des Chamäleons wurden ihm zugeschrieben. Auf ihn geht die Betrachtung von Lebenserscheinungen nach mechanischen Prinzipien am allermeisten zurück. Damit wird er der Vater ähnlicher Bestrebungen im späteren Altertum sowohl wie im Beginn der Neuzeit, deren Schriftsteller, wie z. B. Severino, sich geradezu auf ihn berufen.

Neben all diesen mehr auf einheitliche Erfassung der organischen Natur und auf den Nachweis ihrer Übereinstimmung mit der anorganischen gerichteten Bestrebungen wandte sich aber auch der offene Blick der Griechen dem Reichtum der Tierwelt zu, namentlich auch derjenigen Asiens und Ägyptens. Schon im 5. Jahrhundert weiß +Herodot+ von einer großen Anzahl von Tieren, ihrem Vorkommen und ihrer Lebensgeschichte zu erzählen, ferner +Ktesias+; endlich die attischen Komödiendichter, besonders +Epicharm+ und +Aristophanes+. Aber mit dem Sinn und der Freude an der belebten Natur war es nicht getan. Während in den älteren hippokratischen Schriften die Tiere in ähnlicher Weise, wie etwa bei Mose, nach dem Medium ihres Vorkommens aufgezählt werden, existiert in der Schrift „Über die Diät“ eine Aufzählung von 52 Tieren, die man füglich als eine systematische Reihenfolge, das +koische Tiersystem+ (ca. 410 v. Chr.), bezeichnen kann. Es scheint einem verschollenen Autor entlehnt zu sein und behandelt die Tiere in absteigender Reihenfolge, und zwar: Säugetiere, zahme, wilde, unter letzteren nach der Größe geordnet, Vögel des Landes und Wassers, Fische: Küstenfische, Wanderfische, Selachier, Schlammbewohner, Fluß- und Teichfische (Weichtiere), Muscheltiere, Krebse. Von größeren Gruppen fehlen nur Reptilien und Insekten, da sie nicht genossen wurden. Die Bedeutung dieses Systems besteht vor allem in der Abtrennung der Fische von den übrigen Wirbeltieren und der Wirbellosen von ihnen, wodurch diese Klassifikation einige nicht selbstverständliche und bedeutungsvolle Züge des Aristotelischen Systems vorwegnimmt. Die Gruppenbildungen dieses Systems wirken aber besonders da nach, wo mehr im Anschluß an die medizinische Literatur Kategorien von Tieren aufgezählt werden, bei Galen und den Ichthyographen des 16. Jahrhunderts.

Weit wichtiger als um die Zoologie sind die Verdienste der +hippokratischen Ärzte+ um Anatomie und Physiologie, wobei begreiflich der Mensch und die Haustiere im Vordergrund des Interesses stehen. Auch auf diesen Gebieten sind Ansätze zu systematischer Ordnung des Stoffes unverkennbar, Einteilung des Körpers nach der Siebenzahl, von der Peripherie nach dem Zentrum, vom Scheitel zur Zehe. Bedeutungsvoll ist für die spätere Medizin die Lehre von den vier Säften geworden. Aber auch Vergleiche zwischen körperlichen Einrichtungen und Produkten der Technik, zwischen anatomischen Zuständen verschiedener Art bei verwandten Tieren, Experimente an lebenden Tieren, planmäßige Bebrütung von Hühnereiern zum Studium der Entwicklung, Parallelen zwischen der Entwicklung von Pflanze, menschlichen und tierischen Embryonen, Zeugungstheorien, worunter namentlich die später als Pangenesis bezeichnete, Anklänge an die Lehre vom Überleben der kräftigsten Organismen, die Annahme der Vererbung erworbener Eigenschaften -- all das deutet nicht nur auf umfangreiches Wissen, sondern auf einen hohen Zustand von dessen Verwertung im Dienste der Biologie hin. Wenn man bedenkt, wie lange die Zoologie durchaus an die Medizin gekettet und wie mächtig und grundlegend der Einfluß der hippokratischen Literatur nicht nur auf die nächstliegende antike, sondern auch auf die spätere moderne war, so wird man die Bedeutung dieser Errungenschaften schon auf so früher Stufe der Entwicklung unserer Wissenschaft nicht verkennen.

Diese aussichtsvolle Entwicklung der Vorstufen einer wissenschaftlichen Zoologie wurde dadurch jählings unterbrochen, daß die Naturphilosophie hinter der Ethik zurückzutreten begann, ein Vorgang, der mit der Sophistik seinen Anfang nahm und in +Plato+ seinen literarischen Abschluß fand. Plato gibt uns im Timäus eine Schilderung der Weltbildung mit Einschluß der organischen Natur und des Menschen, aus der alle Mystik und Teleologie späterer Jahrhunderte ihre Nahrung sog. Der Timäus bedeutet aber im Vergleich zur vorangehenden ihres kritischen Geistes bewußt werdenden Naturauffassung einen gewaltigen Rückschritt von der Forschung in die Poesie. So wenig sein Erkenntniswert in Betracht kommt, so ist er doch dadurch und infolge der späteren Gegensätzlichkeit zwischen der Aristotelischen und Platonischen Philosophie von großer geschichtlicher Bedeutung geworden. Die organische Natur erscheint im Timäus als Degeneration des Mannes, den der Weltenschöpfer aufs vollkommenste geschaffen hat, wobei Plato die Pythagoreische Zahlenmystik mit der Geometrie des Organismus in Verbindung setzt und die teleologische Erklärung der einzelnen Organe im Dienste der Seele durchführt. Anderseits scheint das Verdienst, Naturerscheinungen nach Gattung (~genus~) und Art (~species~) zu gliedern und damit auf dem Wege der Induktion Allgemeinbegriffe zu schaffen, ebenfalls auf Plato zurückzugehen. Die genannten Begriffe stehen zwar bei ihm in komplizierterem gegenseitigen Verhältnis, als in unserer Logik; doch bleibt wohl der Aufbau von Systemen mit ihrer Hilfe Gemeingut der Platonischen Schule, die zum Teil infolge mangelnder Erweiterung ihrer positiven Kenntnisse in der künstlichen Ausbildung dichotomischer Gliederungen (nach Art unserer botanischen und zoologischen Bestimmungstabellen) verfiel, zum Teil aber auch die Stärke der Aristotelischen Systematik wurde.

2. Aristoteles.

+Aristoteles+, geb. 384 v. Chr. zu Stagiros in Mazedonien als Sohn des Nikomachos, des Leibarztes von König Amyntas, und einer thrakischen Mutter Phästis, wandte sich nach dem Tode des Vaters, achtzehnjährig, Athen zu, wo er in den Kreis der Schule des damals in Sizilien befindlichen Plato eintrat. Nach 20 Jahren des Lernens und Lehrens begab er sich zu seinem Freunde Hermias, dem Herrscher von Atarneus, heiratete dessen Tochter Pythias, hielt sich in Mytilene und Lesbos auf und wurde 343 durch Philipp von Mazedonien zur Erziehung des damals dreizehnjährigen Alexanders (des Großen) an den mazedonischen Hof berufen. Vier Jahre später wurde Alexander Reichsverweser. Aristoteles blieb in Mazedonien, baute seine Vaterstadt wieder auf und gab ihr eine Verfassung. 335 kehrte er nach Athen zurück, bezog das Lykeion, in dessen Laubgängen (Peripatoi) er seine philosophische Schule einrichtete, morgens einem engeren, nachmittags einem weiteren Kreise zugänglich. In die folgenden zwölf Jahre fällt das Schwergewicht seiner literarischen und akademischen Tätigkeit. Nach Alexanders Tode entfloh er einem Prozeß wegen Gotteslästerung nach Chalkis auf Euböa und starb daselbst 322, nachdem er zuvor +Theophrast+ zu seinem Erben und wissenschaftlichen Nachfolger eingesetzt hatte.

Die +zoologischen Schriften+ des Aristoteles bilden nur einen Teil seiner biologischen und einer viel umfangreicheren Gesamtheit seiner naturwissenschaftlichen Schriften. Diese selbst ordnen sich nach Form und Inhalt wieder seinen etwa viermal umfangreicheren Werken ein. Zoologie, allgemeine Biologie, Entwicklungsgeschichte, Mißbildungslehre, Physiologie treten bei ihm zuerst in Gestalt systematisch entwickelter und nach dem damaligen Stande des Wissens ausgebauter Wissenschaften auf. Die anatomischen und botanischen Werke sind verloren gegangen. Der Umfang des Wissens, das uns in den zoologischen Schriften entgegentritt, ist vielfach wohl schon voraristotelisch, die literarische Abrundung der verschiedenen Teile eine sehr ungleichwertige, indem sie zwischen Notizsammlungen, Vorlesungen und wissenschaftlichen Monographien schwanken. Eine letzte einheitliche Redaktion fehlt; anderseits sind ganze Bücher als gefälscht erwiesen. Immerhin steht fest, daß die zoologischen Schriften des Aristoteles +bis ins 16. Jahrhundert+ (Aldrovandi resp. Gesner) +an Reichtum des Beobachtungsmaterials, bis auf Linné+ in bezug auf +systematische Durcharbeitung+ unübertroffen waren und +bis auf die Gegenwart+ es noch sind in Hinsicht auf +philosophische Begründung der wissenschaftlichen Prinzipien für die Biologie+. Als Hauptschrift hat bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts die Tiergeschichte gegolten. Erst seither ist auch unter Führung Hegels und seiner Schule sowie der Berliner Akademie in Deutschland und durch Barthélemy St. Hilaire in Frankreich zum Verständnis der übrigen Schriften ein Grund gelegt worden. Der zoologischen Literatur der Gegenwart ist jedoch der Einfluß der Aristotelischen Zoologie und Philosophie auf die Entwicklung der biologischen Wissenschaften noch nicht hinreichend bekannt.

Die +Hauptschriften für die Zoologie+ sind:

1. +Tiergeschichte+ (8 Bücher), eine erstmalige Sammlung zoologischen Materials, vorwiegend im Sinne beschreibender Zoologie gehalten.

2. +Teile der Tiere+ (4 Bücher, wovon vielleicht das erste als eine prinzipielle Einleitung für die Gesamtheit der biologischen Schriften zu betrachten ist), eine systematische vergleichende Anatomie und Physiologie. Materiell würden sich hier anschließen: Über die +Ortsbewegung der Tiere+, Über +Sinneswahrnehmung+ und eine Reihe kleinerer Schriften über +Gesamtfunktionen+ des Organismus.

3. +Zeugungs- und Entwicklungsgeschichte+ (5 Bücher), eine Embryologie mit Einschluß der Mißbildungslehre, von stark theoretischem Anstrich.

4. +Über die Seele+ (3 Bücher), eine theoretische Biologie mit Einschluß der Psychologie.

Die Anordnung der ersten drei Hauptschriften entspricht dem Grundsatz, es sei notwendig, damit anzufangen, die +Erscheinungen+ jeder Gattung, dann die Ursachen und zuletzt die +Entstehung+ zu besprechen.

+In gleicher Vollkommenheit ist nie mehr die Absicht durchgeführt worden, die Biologie als Teil der Allgemeinwissenschaft einzugliedern, sie aber auch andererseits als Ganzes aus den Erscheinungen systematisch durch eigene Beobachtung, Aufnahme fremder mündlich und literarisch überlieferter Angaben aufzubauen, der Mannigfaltigkeit der Natur ebenso gerecht zu werden, wie ihrer Einheit und dadurch zwischen Realismus und Idealismus eine Mitte einzuhalten, wie sie bei gleicher Stoffülle nie mehr wiedergewonnen worden ist.+ Mangelhaftigkeit der Beobachtung, Leichtgläubigkeit, Fehlen geeigneter Hilfsmittel, Unsicherheit der Bestimmung der dargestellten Gegenstände, stellenweise allzu große Breite in der Behandlung des Stoffes, Übertragung der Verallgemeinerungen aus der anorganischen Naturforschung in die organische, Unterbleiben der letzten redaktionellen Überarbeitung des Gesamtwerks, Verlust erheblicher Stücke -- all diese Schäden der Aristotelischen Werke sind nicht zu leugnen und fordern zu großer Vorsicht in ihrer Beurteilung auf. Daher können sie einem modernen Empiriker nicht ohne weiteres verständlich sein. Ihrem Eigenwerte und ihrer historischen Bedeutung aber geschieht dadurch kein Eintrag und die Urteile von Buffon und Cuvier, daß die Aristotelische Zoologie in ihrer Art das vollkommenste sei, werden auch für die Zukunft zu Recht bestehen.

Der +Tierbestand+, über den die Aristotelischen Schriften sich erstrecken, beläuft sich auf etwa 520 unterschiedene Formen, welche Gattungen in unserem Sinne entsprechen. Abgesehen von zwei, mit Vorbehalt erwähnten Fabelwesen, ist es der Grundstock der Fauna des Ägäischen Meeres und seiner Umgebung, vermehrt durch einzelne Vertreter der ägyptischen Fauna. Neben der reichlichen Küstenfauna werden auch zahlreiche pelagische und der Tiefsee angehörende Vorkommnisse aufgeführt. Mit besonderer Ausführlichkeit gelangen der Mensch, die Haustiere, die Fische, die Zephalopoden, die niederen Wirbellosen zur Behandlung. Die Schilderung dieser Tierwelt erstreckt sich auf alle Lebensäußerungen möglichst ebenmäßig, bald mehr auf die Lebensweise, die Charaktereigenschaften, bald mehr auf die Form, den Habitus sowohl wie die Teile: Proportionen, Organe, Gewebe. Unterstützt wurden die Ausführungen seiner Werke gelegentlich durch Illustrationen. Auf diesem zoographischen und zootomischen Wege wird analytisch ein Tatbestand von gewaltigem Umfange aus der organischen Natur gewonnen, den es nun zu ordnen und nach außen zu verknüpfen gilt. Bei diesen beiden Aufgaben verhält sich Aristoteles verschieden. Während er bei der Einreihung der Lebewelt in das Gesamtbild seiner Wissenschaft wohl weniger originell erscheint, als Plato, und wenige Gesichtspunkte einzunehmen weiß, die nicht nur wie eine geschickte Auswahl aus denen seiner Vorgänger erscheinen, behauptet er seine Selbständigkeit am allermeisten, solange er auf dem Gebiet der Biologie selbst bleibt.

Die wichtigsten seiner +metaphysischen Prinzipie+n sind, soweit sie für die Zoologie in Betracht kommen, etwa folgende: Die Natur ist der Inbegriff von Ursache und Zweck. Sie tut alles wegen des Notwendigsten und Schönsten, schafft aus dem vorhandenen Stoff das Schönere und Bessere und flieht das Unendliche und Planlose. Sie richtet die Organe zu für das gesamte Werk, dabei geht sie ökonomisch vor, schafft gleichwie Gott nichts vergeblich oder doppelt und verwendet dasselbe Werkzeug zu mehreren Verrichtungen. Überall sucht sie das Mannigfaltige zur Einheit zu führen und schreitet stetig fort, obschon sie dabei den Dingen Perioden setzt, deren Modifikationen jedoch von der Beschaffenheit des Stoffes abhängig sind. Wie weit dieser Naturbegriff sich mit seinem Gottesbegriff des stofflosen Geistes deckt, ist schwer abzugrenzen. Immerhin war ihm die göttliche Ursächlichkeit der letzte unbedingte Grund der Weltordnung. Aber die Naturkausalität ist auch nach unten begrenzt. Die Schranken des Stoffes vereiteln teilweise ihre Entwürfe und zwingen sie in den Bann des Zufalls und Mißlingens.

Aristoteles unterscheidet viererlei Ursachen: 1. die Materie, 2. die Form, 3. die bewegende Ursache und 4. die Endursache, den Zweck. Wie er sich das Verhältnis dieser Ursachen zueinander dachte, kann hier nicht eingehend erörtert werden. Es ist nur hervorzuheben, daß seine Vorstellung vom Zweck, im Gegensatz zu der späterer Autoren, den Zweck eines Objektes zunächst in dessen eigener vollentwickelter Form selbst sah (immanenter Zweck), nicht in irgend einer Nützlichkeit außerhalb des Objektes. Der vollendete Zustand ist die oberste Ursache, auf die alle Entwicklung orientiert ist. Die drei letzten der genannten Ursachen machen die Seele aus, die sich der obersten materiellen Qualitäten der Wärme und der Kälte bedient, um ihren Plan zu realisieren.

Zum ersten Male bei Aristoteles tritt als Forschungsprinzip die +möglichst umfangreiche Beobachtung+ auf. „Hat man nicht ausreichende Beobachtungen, aber sollten diese gemacht werden, so muß man der Beobachtung mehr Glauben schenken als der Theorie und dieser nur, wenn sie zum gleichen Resultat führt, wie die Erscheinungen.“ Erst aus den Tatsachen leitet Aristoteles durch +Induktion+ (Epagoge) allgemeine Sätze ab, die zu Gattungsbegriffen führen. Daher finden sich bei ihm z. B. viele Sätze über Korrelation der Organe und der Funktionen und bei der Heerschau der Lebewelt mehr oder weniger scharf umschriebene, aber allgemein verwendete Gruppenbildungen, die sich gegenseitig über- und unterordnen. Dadurch wird Aristoteles zum Schöpfer der biologischen Systematik. Hat er auch der Klassifikation der Tiere nicht einen formalen Abschluß zu geben verstanden, wie es später mit Ray beginnend bis zu Cuvier versucht wurde, so entschädigt er anderseits durch die +Breite seiner Systematik, die sich auch auf die Teile der Tiere, ihre Funktionen und die Entwicklungsstufen des individuellen Lebens erstreckt+. Am deutlichsten hebt sich sein Verdienst um die Methodik der Biologie ab, wo wir ihn im Kampfe mit Platos Nachfolgern sehen. Ihnen gegenüber stützt er sich auf das +Prinzip der Anatomie+, die die Induktion aus den äußeren Erscheinungen nimmt. Hat er auch menschliche Leichen nie seziert, so teilt er so reichliche und vielfach richtige Beobachtungen über die Anatomie der Tiere mit, daß nur ausgedehnte Anwendung anatomischer Technik in den Besitz derselben kann gesetzt haben. Auch +Vivisektion und Experiment+ wandte er, wenn auch wohl in bescheidenerem Maße als seine hippokratischen Vorgänger, an. Neben der Induktion geht die +Deduktion+ her, namentlich da, wo die Beobachtung versagte. So zieht Aristoteles im Anschluß an Empedokles die vermeintlichen Elementarqualitäten warm, kalt, trocken, feucht und deren Mischung zur Erklärung der schwierigsten organischen Prozesse bei. Er überträgt mit Plato die Geometrie und die Lehre vom Primat der Teile in seine Biologie. Die bewußte Durchführung der von ihm als richtig erkannten Prinzipien gelangt also bei ihm selbst noch nicht zum vollen Ausdruck, insbesondere, da auch das in seinen Schriften gehäufte Material ungleichmäßig verarbeitet ist. Ohne die letzte Bearbeitung erfahren zu haben, werden ältere Teile einer durch Tradition auf ihn übergehenden Wissenschaft von jüngeren überschichtet.

Einzelne bei Aristoteles verzeichnete Tatsachen, die zunächst imstande waren, späteren Zoologen Bewunderung für ihn einzuflößen, können wir hier nicht aufzählen, um so weniger, da sie vielfach von Irrtümern aufgewogen werden, über deren kritiklose Wiedergabe man erstaunt sein konnte. Man hat während der Herrschaft der Linnéschen Klassifikation in der Unschärfe des Artbegriffes von Aristoteles einen Mangel gesehen; die Gegenwart urteilt anders und begreift, daß eine so scharfe Formulierung dieses Begriffes, wie wir sie allein noch zu praktischen Zwecken brauchen, der Aristotelischen Biologie kaum zugute gekommen wäre.

Eine der größten Schwierigkeiten für die Beurteilung der Aristotelischen Biologie ist der +Mangel an einer der unsern entsprechenden Terminologie+. Spezielle Bezeichnungen für die von uns heute leicht unterscheidbaren Naturerscheinungen fehlen. Anderseits werden Vulgärbezeichnungen in einer für uns schwer zu umschreibenden Weise gebraucht, z. B. die Bezeichnungen Wärme, Kochung, die es fast unmöglich machen, unseren Vorstellungskreis mit dem Aristotelischen zu vergleichen. Sodann werden Ausdrücke wie Gattung und Art wohl zur Zusammenfassung von Individuen, nicht aber im heutigen Sinne gebraucht, wenngleich die Bezeichnung Gattung vorwiegend im Sinne der oberen Gruppen des Systems verwendet wird. Nicht geringer sind die Schwierigkeiten da, wo einzelne Lebewesen bezeichnet werden sollen und wo später die Vervollkommnung der Zoologie durch Linné daher auch am meisten empfunden wurde.