Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3)
Part 9
Und heb mich wieder so herrlich hoch, und trag mich fort, o trag mich fort! Und wären die Berge noch so hoch, ich will dir folgen an jeden Ort; ich will dir alles, alles hingeben! Verkauf mein letztes bißchen Schmuck, nimm mir mein Eigenstes, nimm mir’s Leben; nur fort, nur fort aus diesem Druck! Und wenn wirs bis zum Bettelstab bringen, und wenn wir verlumpen, wenn wir verdrecken, dann wirds wohl überall noch gelingen, eine Schachtel Zündhölzchen zu erschwingen und den nächsten Wald in Brand zu stecken, und selig will ich mit dir zusammen wie eine Hindufrau stehn und flammen!
Sie lächelt seltsam; er sieht es nicht. Sie hebt das Haupt -- sie sieht ein Gesicht heiß von bebenden Narben zerrissen; das starrt auf die gleißenden Fenster und Kissen mit dem Ausdruck eines Steins, der zerspringen will, und spricht
mühsam: Und dein Kind? -- Und -- meins?
Da sinkt ihr Haupt in seinen Schooß; zwei Menschen weinen fassungslos.
30.
Der Himmel scheint blutunterlaufen. Fern graut die Großstadt her. Zwei Menschen sehn die Türme hoch in dunkler Rotglut stehn; die Stadt raucht wie ein Scheiterhaufen. Ein Weib lehnt an der Fensterborte, düster, wie aus Erz gebaut. Der Glanz macht ihre braune Haut glühender als eine Braut. So hört sie eines Mannes Worte:
Dein Herr Gemahl? Nein: der ist nicht im Wege. Er hat ja Augen, und kann noch welche pachten. Und träf er mich in seinem Gehege, ich würd ihn mir sehr höflich betrachten: Hoheit, Sie dürfen mich verachten, Sie können, wenn Sie’s wagen, mich töten. Ich würde vielleicht, wer weiß, dabei erröten; das tut mein Körper leider noch, wenn ihm das Herzblut hochsteigt -- doch mein Geist ist +über+ diesen Nöten. Ja, Lea: begreifst du, was das heißt: ich will getrieben sein vom Geist!? Erst wenn der Geist von jedem Zweck genesen und nichts mehr wissen will als seine Triebe, dann offenbart sich ihm das weise Wesen verliebter Torheit: die große Liebe. Du bist noch nicht so zwecklos mein; du willst noch mich, ich soll noch dich befrein. Dies blinde Kind aus fremden Lenden, es scheint uns immer zuzuschauen, ob wir nicht sein Vertrauen schänden. Und siehst du: Das -- jawohl -- das macht mir Grauen!
Er bebt; er zerrt an seinem Bart. Das braune Weib wird bleich, wird rot. Dann sagt sie leise, mühsam, hart:
Das Kind, vor dem dir graut, ist tot -- --
Zwei Menschen schweigen wie erstarrt.
31.
Der Mond bescheint ein steinernes Portal, durch kahle Zweige eine feuchte Schwelle. Die Zweige leuchten wie aus Stahl. Zwei Menschen stehn in einer Grabkapelle. Der Mond legt Schatten auf ein totes Kind; nur seine beiden offnen Augen glänzen. Sie glänzen wie die Blumen an den Kränzen, bleich und blind. Sie glänzen bleicher als der Vollmondschein. Ein Weib höhnt in die Nacht hinein:
Ich hatt ein Kind, und nicht von Dir, ich steh in Freiheit neben dir; ich bin erlöst, wenn Du, wenn Du es bist! Ich bin die Fürstin Isabella Lea, die auf dem Weg der Liebe gen Himmel ist -- ich, Mutter Isis, Mutter Gäa, die willig ihre eignen Kinder frißt, der irdischen Gerechtigkeit entrückt. Ist nun mein Gott, mein Lucifer, beglückt??
Sie wankt; sie hat die Augen zugedrückt. Ein Mann legt ihr die Hand auf Stirn und Haare. Er spricht -- sein Blick verschlingt die dunkle Bahre:
Das Kind, das du getötet hast, war meiner Seele nicht die Last auf unsrer Wallfahrt zu der Freiheit, die Einheit schafft aus aller Zweiheit. Aber du hast mich tief verwandelt; du hast für mich aus einem Geist gehandelt, der nichts mehr will als klar am Ziele ruhn -- so komm! -- ich weiß jetzt: du kannst schweigen. Ich habe Manches in der Welt zu tun, Lea; und Das -- nun ja, das wird sich zeigen. Im übrigen, Madam: es wohnen noch Krüppel genug auf Fürstenthronen!
Er küßt ihr Stirn und Augen, wie zur Weihe. Zwei Menschen wenden sich ins Freie.
32.
Hellblauer Himmel mit weißen Streifen läßt alle Saatfelder grüner prangen. Und den Bäumen am Wege muß wohl ein Bangen vor den mächtigen Roßschweifen des Windes durch die Knospen wehen: sie zittern. Aber zwei Menschen gehen ruhig einen Wiesenrain hinan. Einem Weibe erwidert ein Mann:
Mein Töchterchen? -- Ja -- sonderbar: sie sagte -- sie meinte wohl dein Auge und Haar --: du sähst ganz schwarz aus, ganz schwarz und heiß, aber inwendig wärst du wohl weiß. Nun stehst du wieder, wie zur Erstarrung geneigt. Lea, sieh um dich! Sieh, wie alles sich ändert: wie jeder Baum sein Wachstum klarer zeigt, wie’s lichtbegehrlich aus Spitze an Spitze springt, wie er die Triebkraft, die alle zackt und rändert, mit eignem Umriß trotzig zum Ausdruck bringt! Dann preist dir jedes Hälmchen im Feld den Geist der körperlichen Welt. Dann sagt dir jeder Lebenshauch: wie du dich gibst, so +bist+ du auch!
Er stutzt: Sie lächelt ins Blaue hinein. Sie steigt still über den Wiesenrain. Sie bricht sich einen Knospenzweig ab. Sie hebt ihn wie einen Zauberstab:
Wenn ich nun aber nach jenen Wolken weise, die unter der Sonne den Abendhimmel streifen, und nun im Geist nach Morgenländern reise -- dann mögen sie noch so eigen anders schweifen, die ganze Landschaft versichert mir: wie du mich +nimmst+, so bin ich dir!
Sie stutzt: Er weist still über die Wiesen: die sehn noch aus wie abgeweidet. Die Wolken werfen Schatten wie Riesen. Zwei Menschen merken, was sie scheidet.
33.
Die Lerchen jubeln, daß die Sonne scheint; bis in den Wald herüber klingt es leise. Hell vor sich hin erwiedert eine Meise: ich fühls, ich fühls, wie lieb, wie lieb sie’s meint. Die Finken sind verstummt: ein Rappe schnaubt und schüttelt sein Geschirr. Zwei Menschen streichen dem edlen Tier die dampfend heißen Weichen. Nun hebt das Weib ihr dunkles Haupt:
Als du vorhin so kerzengrad anhieltest, fiel mir ein Traum ein, der mir gestern träumte. Es war, als ob du fern die Laute spieltest; ich stand am Meer, in dem die Nacht noch säumte. Da kam, auftauchend mit dem Morgenrot, gerudert von zwölf tiefgebückten Herren, die Kronen trugen, ein gewaltiges Boot; ich sah die Herren wie an Ketten zerren. Am Steuer aber, über ihnen frei, stand Einer, der war nackt, und glänzte. Und --
sie stockt: der Rappe, zitternd, stampft den Grund, sie zittert mit -- sie hören auf zu streichen, der Mann nimmt ihr das Wort vom Mund:
Und Er, der Glänzende, gab dir ein Zeichen und kam mit seinem Lautenspiel herbei. Und Du, du mußtest ihm die Hände reichen und folgtest ihm und seiner Melodei. Und wenn du staunst, wieso ich alldas weiß, dann staune auch, wieso dies Tier mitbebte, als meine Seele so in deiner lebte, wie seine Haut in unsrer Hand so heiß. Und staune, Seele, was dich so beschwingt, daß du die Meise zwitschern hörst: ich bin’s! und was dich lerchengleich zu jubeln zwingt! und wie’s dich wieder wie als Kind durchdringt, das Glück folgsamen Eigensinns!
Die Lerchen jubeln, daß die Sonne scheint; zwei Menschen ahnen, was sie eint.
34.
Fern in jungen Birken spielt der Wind, scheint das scheue Frührot anzuschüren. Von der zarten Glut umglänzt beginnt eine Mühle sich zu rühren; rosig schauert das grüne Feld. Wo der altersgraue Park sich lichtet, unweit einer Grabkapelle, grüßt ein Weib ins Freie, Helle, blitzt ein Stahlrad auf, blitzt und hält, schwenkt ein Mann die Rechte, heiß hochgerichtet:
Frühling! -- endlich! -- wie drängt das, mitzutun! Mir war, als müßt ich über dies Saatenmeer mit meinen blauen Segeltuchschuhn wie die Schwalben hin und her! Herrlich: so schweben, fliegende Blicke werfen! Wie alle Sinne sich an einander schärfen! Man wird bis in die volle Brust seiner eignen Gotteskraft bewußt; und selbst aus Grabesfinsternissen lacht es „All Heil, Welt!“ dies neue Gewissen.
Funkelnd streift sein Grußblick die Kapelle. Aber da, statt mitzugrüßen, bebt das Weib empor, Zorntränen quellen:
Ich weiß nur Eins, und geb’s auch Dir zu wissen: mir lacht dein Weltall gar zu bunt! Mir ist mein Herz, hier dies mein Herz, zerrissen, und wär so gern, o Gott wie gern, gesund! Und quälte das Deinen Gott auch nur zum Teilchen wie Mich, du küßtest dir die Lippen wund und heiltest, heiltest mich! ja nick nur! Und -- ach, Lukas, sieh: das erste Veilchen!
Sie steht auf einmal ganz beglückt, daß er, entzückt, sich bückt, es pflückt, es ihr an Herz und Lippen drückt und wie ein Junge lacht dazu. Zwei Menschen lassen Gott in Ruh.
35.
Durch offne Fenster, lautlos, glänzt die Nacht. Es regt sich nur das Licht der tausend Sterne. Und Frühlingshauch. Und dunkelblaue Ferne. Und manchmal eine Fledermaus auf Jagd. Und Atemzüge, unterdrückt und schwer, voller Spannung, mehr und mehr. Jetzt rauscht ein Seidenglanz und bricht den Bann: ein Weib drängt sich an einen Mann:
Lukas! was liegst du wie vom Alb gedrückt, als ob du nichts von meinem Dasein fühltest! Meinst du, mich hat die Zukunft +nicht+ bedrückt, wenn du mich Tag für Tag für Tag hinhieltest? Und jetzt, wo dieser Druck mich fast erstickt -- Du -- Lukas?! -- Wenn du -- wenn du mit mir spieltest --
Sie schüttelt ihn, ihr Augenglanz wird hart; er starrt hinein, wie vorher in die Ferne. Und wieder regt sich nur das Licht der Sterne, die Jagd der Fledermäuse. Und sie starrt: sie starrt wie er -- will drohn -- da wirkt sein Bann: sie zuckt, sie nickt, sie lacht ihn traumhaft an. Und traumhaft geht sein Wort ihr zu Gemüt:
Fürstin, ich will nichts halb. Ich will dich sehn, in ganzer Schönheit, ganzer Häßlichkeit. Ich will vor dir, du sollst vor mir bestehn, vom Alb der scheuen Ahnungen befreit; ich will die nackteste Befreiung. Wenn dann die Male deiner Mutterwehn dich nicht dem Gott in meiner Brust verleiden oder dem Tier in unsern Eingeweiden, will ich nach soviel Sehnsucht und Kasteiung nicht wie ein Nachttier mich mit dir vergehn: ich will mit dir ins Licht der Menschlichkeit! Sei bereit! --
Er küßt sie wach; er drängt sie sanft zurück. Sie sitzt und sinnt, wie über Raum und Zeit. Zwei Menschen beten für ihr Glück.
36.
Und lichter als der lichte Tag im Zimmer und immer lichter schauert ein Geflimmer von Kerzen über helle Blumen hin. Still schwebt um silberblau gestickte Kissen der Duft des weißen Flieders, der Narzissen. Und durch die Bläue, durch die Blumen hin zittert die Luft, als ob sich Herzen rühren: zwei Menschen stehn -- noch tönen still die Türen -- mit Augen, die den Himmel nahe spüren, enthüllt bis zu den Hüften da:
ein Mann mahnt: du! -- ein Weib haucht: ja.
Still sinkt ihr Arm von ihren braunen Brüsten, die Lichter schauern immer schimmernder; sein Blick erbebt, als ob sie lodern müßten. Die Blumen atmen immer flimmernder. Die Sterne an den silberblauen Wänden erstrahlen wie in keiner Nacht so blank. Still nestelt sie am Goldband ihrer Lenden; sein Körper spannt sich unter innern Bränden, wie eines Kämpfers straff und schlank. Still schaut sie auf. Er muß die Augen schließen. Still weht ein Flor zu Boden. Er will sehn! Er sieht nur, wie zwei Augen Licht ergießen, zwei dunkle Augen, die ihm zugestehn -- still -- was er will. Er will sie ganz mit seinem Blick erkennen; er sieht sie ganz nach seinem Blick entbrennen. Er will nichts mehr als stehn und stehn und still in ihre Seele sehn. Er steht und muß die Hände heben, als blende ihn das ewige Leben; und dunkel rauscht der Weltraum. Da
mahnt +sie+ ihn: du -- da haucht er: ja --
und alles rauscht tief innerlich. Zwei nackte Menschen einen sich.
Zweiter Umkreis
-- Die Seligkeit --
Eingang
Halt ein, halt ein -- weit über jenen Gleisen, wo man noch Höhen sieht und Tiefen; nun sollst du erst das wahre Leben umkreisen und sollst der Allmacht Deine Macht verbriefen. Sieh: zwei Adler steuern, vom Sturm getrieben, über allem Erdentrott! Du aber bist noch Mensch geblieben: du atmest und entatmest Gott. Willst du nicht das Ewige selbst erreichen? oh, dann laß auch Gott zurück! denn es gilt, o Mensch, dein Glück mit dem Weltglück zu vergleichen.
Vorgänge: II, 1-36
1.
Zwei Menschen reiten durch maihellen Hain, galopp, galopp, von Schatten zu Sonnenschein; alle Blätter sind grüne Flammen. Wenn der Himmel erscheint, wenn die Pferde aufschnauben, sehn sich die Beiden mit jauchzenden Augen immer wieder beisammen und werfen den Kopf wie die Tiere. Immer wieder streckt durch die goldnen Strahlen auf dem schmalen Moosweg zwischen den hohen Stämmen dann ein dunkler Schemen halb Chimäre halb Drache hopp alle Viere. Da müssen sie lachen und werfen dem Untier Kußhände zu. Und das Weib kann den Jubel nicht länger dämmen, laut scheucht ihr Ruf die Mittagsruh:
Echo! Echo! stimm ein, stimm ein -- es wollt eine Seele sich befrein, da band das Glück ihr die Hände! O Meiner, hilf mir die Arme breiten! halt mich gefangen, du, ohne Ende! ach könnt ich ewig so weiter reiten!
Und der Mann, plötzlich die Sporen gebend, in die Brusttasche greifend, im Sattel sich hebend, jagt vor ihr her fort:
Komm, ich nehm dich beim Wort! Und wenn ich die Freiheit drüber verliere: hier -- es lebe die Tat -- ist das nöt’ge klein Geld! ~voilà, madame~: Banknoten! -- gelt: die sind doch mehr wert als Archivpapiere?!
Er schwenkt die blauen Lappen in der Sonne; er lacht, daß ein fast schreckhaft Echo gellt. Sie hat kaum zugehört vor Frühlingswonne. Aufbäumend gleißt ihr Rappe in der Sonne; zwei Menschen reiten in die Welt.
2.
Und sie machen Halt und lugen aus. Da liegt, von Epheu eingehüllt, im Kiefernhochwald still ein kleines Haus; die graue Lichtung ist erfüllt vom kühlen Duft des Morgentaus. Der Mann blickt lange auf die beiden Linden am moosbedeckten Zaun des alten Herdes. Dann greift er in die Mähne seines Pferdes und nimmt ein Haar und übergibt’s den Winden:
Sieh, Meine, so werf ich hinter mich, was uns noch scheidet durch Erinnerungen. Dort halten Zwei in treuen Armen sich, die träumen jetzt vielleicht von ihrem Jungen, wie er sein Kind herzt, väterlich. Sie haben Alles in mir großgehegt, wodurch sich Menschenseelen glücklich schätzen; doch wüßten sie, welch Glück mich jetzt bewegt, und welches Leid es Andern auferlegt, sie würden sich vor ihrem Sohn entsetzen.
Er blickt kalt weg, er lächelt befangen. Das Weib hebt sacht vom Sattelknauf die Hand. Sie hat das Haar im Flattern aufgefangen; sie hält’s wie zum Zerreißen gespannt. Nun reicht sie’s ihm zurück mit fröstelnden Wangen:
Nein, Lux: so leicht verwirft man nicht. Was hilft dein Lächeln -- ich seh dein wahres Gesicht; uns scheidet Alles, was uns nicht gesellt. Du willst mir helfen, mich in mein Schicksal schicken; wohlan! so zeige mir mit immer wärmeren Blicken versöhnt die Zwietracht dieser Welt!
Da fliegt ein Glanz rings übers Haidekraut: die Sonne kommt durchs Holz. Ein Hund gibt Laut; ein Ruf hallt jenseits des Geheges. Das Haar entweht. Hell dräut das Hirschgeweih vom grauen First der Försterei; zwei Menschen reiten eilends ihres Weges.
3.
Und auf einer Landstraße begegnet ihnen eine Heerde Schafe, vom Abendrot beschienen; sie müssen durch den Staub. Der lahme Hirt hebt besorgt seinen Stecken, daß die Pferde wie rasend vor der Mißgestalt erschrecken, aus den Zügeln gehn, hussa, quer durch den Haufen. Hinter ihnen her lärmts blökend und blaffend, eine Weile -- dann stoppt der tolle Ritt; sie zwingen die Gäule zum spanischen Schritt. Und das Weib sagt lächelnd, die Schleppe raffend:
Als ich gestern den Brief -- du weißt -- abschickte, da wurde mir auf einmal klar, wie dienlich der goldne Käfig mir war, in dessen Luft ich beinah erstickte. Wie hat diese Luft mir doch erst eingegeben, was es bedeutet, sich ganz ausleben: ganz in ein anderes Leben hin! Wie kann ich jetzt in jedem Baum aufgehen: das Wachstum jeder Blüte läßt mich sehen, was du mir bist, was ich dir bin. Wie glänzt mir selbst der Krüppel dort im Staube: er ist so eins mit seinen Hunden wie Gott mit seiner Welt! -- Ich glaube, das hätt ich früher nicht empfunden.
Früher -- nickt der Mann, und klemmt die Kandare herunter, denn sein Blauschimmel halst nach ihrem Rappen, als wollten sie wieder durch die Lappen -- Aber weißt du: steig lieber nicht weiter hinunter in diese Welt der einfachen Seelen -- sonst möchte dir Eins an ihrem Gottglück fehlen: sie gehn nicht auf darin, sie gehn drin unter -- unwissend! -- Ja: gottlob: nicht Einen Tag wärst du im Stande, zwischen diesen Viehern dich auszuleben -- oder sag: möchtest du Tiere zu Erziehern?
Zwei Menschen lachen; zwei Pferde wiehern.
4.
Und es führt ein Wildsteg durch Farrenkraut bergan. Über Moos und Felsen schlüpft hüpfend das Licht und blitzt im Dickicht; fern ruft ein Kuckuk. Und es sprudelt ein Wasser durch tiefen, tiefen Tann; da sitzt ein nacktes Weib, das Kränze flicht, Kränze um einen glitzernden Mann. Der singsangt:
Vor der Nixe vom Rhein kniet der Kobold vom Rhin und bringt schön bang seine Brautschätze dar: blaue Blumen, die nur im Freien blühn, Männertreu, Pferdefuß, Jungfer im Grün, und zur Hochzeit ein stumm Musikantenpaar: Unke, die munkelt nur, Glühwurm karfunkelt nur: Ellewelline, husch, tanze danach! Ein Herr Eidechs hatte einmal zwei Frauen, denen er sehr am Herzen lag: eine, der gab er sein tiefstes Vertrauen, darauf lief er der andern nach. Ellewelline, tanz Serpentine: schwarz ist die Nacht, und bunt ist der Tag! Und der Kuckuk ruft, und der Bergquell sprudelt; und das dunkle Weib bekränzt ihr schwarz Haar. Und sie summt -- und das Licht in der Welle strudelt kühl und warm, wirr und klar --:
Ellewelline tanzt Serpentine, o ja, Herr Eidechs, sonderbar! Sie schwamm eines Nachts um den Nixenstein: da konnt sie den ganzen Tag Kobolde frein, jeden Tag ein paar, macht fast tausend im Jahr. Aber ans Ufer kam einfach ein Mann: der hatte blaue Schuh, blaue Himmelschuh an -- Amen!
Und der Kuckuk ruft, als fänd’er kein Ende; da falten die zwei Menschen die Hände.
5.
Und es liegt ein Strom im Tal, und Nebel steigen; der Strom glänzt gläsern und scheint stillzustehn. Aus grüner Dämmrung dehnen und verzweigen die Wälder sich zu hundert blauen Höhn. Ein dunkles Schloß wiegt zwischen seinen Giebeln den großen goldnen Mond; zwei Fenster glühn. Und drunter winden sich an Rebenhügeln die Lichter kleiner Städte hin.
Dort -- sagt das Weib und weist mit der Gerte von ihrem Pferd ins Zwielicht hinab -- dort ging ich eines Nachts von Grab zu Grab und weinte bis zur Herzenshärte. In die Strudel im Strom, ins Gewirr der Bäume, zu den Sternen, die über die Berge starrten, verstieß ich meine Himmelsträume und verließ meine Toten, verschloß meinen Garten. Keine Seele fragte mehr nach meiner, kein Geist der Väter trat her zu mir; nur die reiche Erbin wollte manch einer. So ging ich ins Leben. So kam ich zu Dir.
Lange schweigt der Mann. Die Pferde scharren. Ein Stein rollt zu Tal, ein Echo weckend. Und das Weib beginnt in den Mond zu starren. Da sagt er leise, den Arm ausstreckend:
Komm -- es wollt eine Seele sich befrein, da band ihr die Sehnsucht die Hände. Was beschwörst du Schatten am grünen Rhein! Sieh dort in die Lichter mit mir hinein, in die Heimat ohne Ende! Sieh: ist nicht der Himmel herabgesunken, dein dunkles Tal wie von innen erhellt! Sternbildern gleich glänzt Funken neben Funken, vom Geist der Väter alle zusammengestellt. Und mild belebt das irdische Gräberfeld der tote Mond, vom Licht der Sonne trunken.
Zwei Menschen atmen auf, in ihrer Welt.
6.
Und wieder dämpft ein dumpfes Wiehern und Schnauben, das durch den Schatten stiller Büsche rauscht, im hohen Holz das Gurren der wilden Tauben; und das Weib lauscht. Der schlafende Mann in ihrem Schooß hat schwer gestöhnt; soll sie ihn rütteln? Da öffnet er die Augen -- grauengroß. Er sieht die Blumen blühn im schwülen Moos. Und jäh, als wollt er einen Wurm abschütteln, macht er sich los:
Das war, weiß Gott, ein Teufelstraum! Ich saß mit dir in einem alten Park; zuweilen ritten Leute hin am Saum. Und plötzlich kam ein Reiter, jung und stark; der fing uns an im Zirkel zu umtraben, in immer gleichem, ziellos gleichem Kreise, und doch so eifrig wie auf einer Reise, als möcht er Ruhe, endlich Ruhe haben. Er schien uns beide garnicht zu beachten. Und langsam übermannte mich ein Schauer: er wurde immer älter, immer grauer. Ich mußt ihn immer sinnender betrachten, mit immer tiefer angestrengten Blicken. Dann sah ich Roß und Reiter gräßlich nicken, mit Augen, die mich immer irrer machten; ich wollte schrein vor sinnloser Beschwerde. Und als mich deine Hände zu mir brachten, fühlt ich mit Grauen: das war der Geist der Erde.
Er küßt ihr dankbar die Rechte. Sie nickt und lauscht. Er sieht die Blumen blühen im stillen Moos. Er hört den Wald antworten; es gurrt und rauscht. Er fühlt zwei Augen schweigen. Die sinnen blos:
ich weiß einen Himmel -- grauen+los+ --
und er schließt die Arme um einen Schooß. Da rauscht es wieder: zwei Pferde stecken die Köpfe durchs Dickicht. Zwei Menschen erschrecken.
7.
Und endlich kommt eine Hütte in Sicht. Es regnet, daß sich an den Wegen die Halme in den Schlamm der Berge legen; er spritzt den Reitern ins Gesicht. Sie müssen immer mehr die Köpfe neigen: Kirschbaum bei Kirschbaum, immer tiefer, spritzt Blütenfluten von den Zweigen, sie kleben fest wie Ungeziefer. Das Weib spricht:
Mir ist, als ritten wir zum Jüngsten Gericht; der liebe Gott weint seine dicksten Tränen. Ich triefe wie die Pferdemähnen, und paradiesisch riecht mein Rappe nicht!
Sie wischt sich heftig den Brei von Hals und Hut. Der Mann will längst ein Lächeln verbeißen. Aber endlich zwingts ihn: er muß den Mund aufreißen und lacht in hellem Übermut:
Ei ei, Frau Fürstin! Gott ist gut! er merkt, Ihr wollt in den Himmel kommen; drum kommt uns der Himmel höchstselbst entgegengeschwommen -- o Meine, sei keine Martersäule! Allons, was starrst du! mein Schimmel hat Eile: komm, im nächsten Pfarrdorf verkaufen wir die Gäule, das wird unsrer Pilgerkasse frommen! Dann rollst du zu Rade vor mir her, wie Frau Fortuna erlaucht im Traum der Ahnen. Kein Schmutz, kein Stallgeruch befleckt uns mehr, kein Kohlenrauch von Eisenbahnen. Dann reisen wir nur noch bei Sonnenschein und lassen unsre Herzen brennen. Und dann will ich nie mehr, ich schwör’s, dich Frau Fürstin nennen und doch -- dein ergebenster Diener sein.
Sie machen vor der Hütte Halt. Er wischt den Schmutz von seinen und ihren Händen; sie wehrt mit sanfter Gewalt. Zwei Menschen steigen von den Tieren.
8.