Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3)
Part 8
Er glüht; sie strahlt, küßt seine Hand. Zwei Menschen danken ihrem Vaterland.
14.
Die Sonne scheint in einen Blumenladen, durch den ein Flor von Orchideen schwillt; ein Eishauch klärt die Stadt. Zwei Menschen baden sich in dem Duft, der durch die Scheiben quillt. Bunt lechzen Schooß an Schooß die fleckigen Blüten. Ein Mann bekennt aus innerm Brüten:
Sonst graute mir vor schwangern Frauen, als wär ich einer Verwachsnen begegnet; Dich kann ich wie die Blumen beschauen und fühle wirklich, du bist „gesegnet“. Meine Vaterschaft war mir Zufallsmache, alle Vaterliebe Gewohnheitssache -- jetzt möcht ich beten: o wäre dein Kind von Mir! Und doch: auf diese reine Begier, Lea, aus der ich eben erwache, fällt mir das schamlose Blühen hier wie eine Befleckung: ich verübe nur Tierisches -- das ist das Trübe.
Er will die Straße weiter, wie duftbeklommen; er fühlt sich heimlich beim Arm genommen, tief wird das Weib gegrüßt von irgendwem. Sie nickt kalt, lächelt angenehm. Dann folgt sie ihm, wie zu sich selbst gekommen:
Vergleich dies Glück dem tierischen nicht! Einst meint ich zu sterben am Ekel der Begattung, und ich begriff das Wort „Beschattung“ -- jetzt leb ich wie die Pflanze dem Licht: mit einer Sehnsucht, Lukas, wie eine Blinde! Ich muß dir ja dies Fleisch und Blut noch wehren; aber würdest du’s nicht begehren, ich würde verkümmern, glaub ich, samt meinem Kinde. Was ist da trüb? Ich seh nicht, was. Wir leben, wir lieben -- wie klar ist das!
Sie muß von neuem grüßen: Herren zu Pferde. Die lächeln mit galanter Geberde. Zwei Menschen blicken auf die kalte Erde.
15.
Es wird dunkler; immer heller blitzen durch die Asche im Kamin die Kohlen. Am Klavier, an dem zwei Menschen sitzen, stockt ein halbverhaltnes Atemholen. Eine Wiegenweise bannt noch beide; aber endlich lacht das Weib und spricht, blau umrauscht vom Mutterhoffnungskleide:
Du machst schon wieder dein russisch Gesicht. Was hast denn wieder Graues zu schleppen? Kannst denn nit +auch+ mal aufglühn wie deine Steppen, eh der Regen vom Himmel bricht?! Du sollst ja all mein, all mein Labsal noch schlürfen, darfst doch schon kosten, und sollst es dürfen: meine Kniee nehmen, die Schönheitsflecken auf meinen braunen Brüsten entdecken, meinem Mund, meinem Schooß deine Notdurft stammeln, all mein Schmachten auf deine Lippen sammeln -- ja fühlst denn nit, einfältiger Mann, wie vielfältig man küssen kann?!
Halblaut greift sie Töne; sie hüpfen wie Bälle. Es wird dunkler; eine breite Welle Glut erlischt in seinem Bart. Und er sagt unsäglich zart:
Du machst schon wieder zu deinen hellen Terzen Augen, die so verwirrend schimmern wie Spinnwebnetze in finstern Zimmern, wenn ein paar Streifchen Licht drauf fielen; ich ließ dich spinnen und weben von Herzen, nun willst du Fliege mit mir spielen. So spiel denn! spiele, Spinnchen -- und lerne fliegen: ich nehme dich mit: komm, Herz, ich weiß ein Land, wo wir den Blick des Kindes wiederkriegen, der gläubig eine Kachelofenwand, auf die der Schein des Nacht-Öllämpchens fällt, für einen Himmel voller Sterne hält!
Und zwei Menschen vergessen die Welt.
16.
Zwischen zwei Rappen jachtert ein Schimmel, Sonne glitzert auf Schneestaubgewimmel: ein Schlitten stiebt mit zwei Menschen dahin. Schwarz funkeln die Schellen der silbernen Bügel. Ein Weib schwingt die Peitsche, der Mann führt die Zügel. Jetzt reckt er das Kinn:
Lea! seit meinen Jugendjahren bin ich nicht so im Fluge gefahren, so rasend noch nie. Aber noch rasender wars gestern Morgen, als ich im Sturm deinen Namen schrie und, als wäre mein Gott drin verborgen, mit ihm rang um dich, Knie an Knie: schleife mich, Sturmgott, um die Erde, sei sie unrein, sei sie rein! gönne mir nur kein Glück am Herde, hingerissen will ich sein! Sage mir -- Du! ich frage dich: schreit +Dein+ Gott +auch+ so Meinen Namen? Peitscht dich der Schnee auch wie Frühlingssamen? Kennst du den Wahnsinn dieser Seligkeit?!
Er reißt ihr die Peitsche weg; die Rappen schäumen schon. Die Zügel schlackern, die Bügel bäumen schon. Das Weib umschlingt ihn fallbereit:
Nenn’s nicht Wahnsinn! nenn’s lieber Ahnsinn! Lukas, ich hab in manchen furchtbaren Wochen dagelegen wie zerbrochen, und wußte doch: ich will, muß, willmuß fliegen! Ja, Lux: rase! laß brechen, laß biegen! Mir wiegt ein Gefühl der Erleuchtung die Brüste, als ob es die Sonne blindmachen müßte! Und wenn mir der Schneestaub die Augen zerstäche, und wenn mir dein Sturmgott den Atem bräche, ich lasse mich wiegen, du -- wiegen -- wiegen --
Sie starrt verzückt in das wilde Gewimmel. Zwei Menschen glauben sich im Himmel.
17.
Ampelschatten hüllt vier bebende Lippen. Der Park wankt, als wühlten Geister drin; Nachtsturm reißt an den Fensterrippen. Die dunkeln Lebensbäume schwippen tief zur verschneiten Erde hin.
Die bebenden Lippen atmen so schwer, wie Menschen atmen, um nicht zu stöhnen. Dumpf horcht der Mann nach den heulenden Tönen, die bald aufhimmeln, bald tierisch röcheln. Er preßt die Adern auf seinen Knöcheln; das Weib, stumm wie er, ist ihm zu Füßen vom Diwan gesunken, sie ringt die Finger auf seinen Knien. Ihre schwangern Hüften umschauern ihn. Sie stammelt trunken:
So komm doch! nimm mich doch! trag mich weg! ich will ja blindlings Alles dir geben! Und wenns mich umbringt hier auf dem Fleck, ich will ja mein eigen Blut hergeben! Nur schau nicht so grauenhaft tot ins Leben!
Sie klammert sich hoch an seinen Armen an seine Brust; die hämmert zum Sturmerbarmen. Er stöhnt. Sie schüttelt ihn: komm! Sie hört ihn betteln: ja komm! Sie liegt emporgerissen auf seinen entbreiteten Fäusten mit schwebenden Füßen, und --: verstört graben zwei Augen ihr aus den Eingeweiden eine Nacht von Entsetzen und Weh:
Geh -- keucht er -- geh! Dein -- +sein+ Kind regt sich zwischen uns beiden!
Er reißt sie an sich, reißt sich los; der Sturm heult wahre Trauer-Oden. Komm! ringen vier Hände Schooß an Schooß. Geh! holen zwei Arme riesengroß aus zum Stoß. Zwei Menschen winden sich am Boden.
18.
In das Geräusch eines Bierlokals, in das Rauschen großstädtischen Straßenskandals mischt sich wie Kettengerassel ein Ton. Elektrisches Glühlicht kämpft in den Ecken mit blassem Taglicht und Schattenflecken. Ein Mann spricht horchend durchs Telephon:
Lea! -- Hörst du? -- Was ist geschehn? Gestern Abend -- hörst du? -- es war eben zehn: dein Brief aus deinen großen Schmerzen lag mir wie Albdruck auf dem Herzen -- Auf Einmal: ich wagte kein Glied zu regen, so hatt ich die Angst des Unterliegens -- auf einmal kann ich mich frei bewegen: mich hebt ein Gefühl vollkommenen Fliegens wie über ein Ufer, über ein Meer -- Sag: hat meine Seele hellgesehen? bist du erlöst von deinen Wehen? Sprich doch! Was atmest du so schwer?!
Er horcht. Durch das Geräusch des Lokals, durch das Rauschen des Straßenskandals, durch eine Stille hohlsausend und leer kommt eines Weibes Stimme her:
Deine Seele hat hellgesehen: ich bin erlöst von meinen Wehen: mir lebt ein Kind. Es liegt wie Albdruck auf meinem Herzen. Es sieht nicht meine großen Schmerzen. Es -- ist -- blind -- --
In das Rauschen des Straßenskandals, in die Geräusche des Bierlokals mischt sich wie Kettengerassel ein Ton; ein Mann verläßt das Telephon. Er hört im Hintergrund einen Herrn „Kellner, mehr Licht auf Erden!“ schrein, und ein Gelächter hinterdrein. Zwei Menschen sind einander fern.
19.
Mondlicht greift durch bleiche Gardinen, legt Flecke auf ein Himmelbette. Zwei Menschen sehn’s mit bleichen Mienen, sehn die Flecke in schleichender Kette grell ein Kind, das schläft, umkränzen: es schläft mit offnen Augenlidern. Die stillen Augensterne glänzen: glänzen weiß, wie blindes Eis. Ein Weib schluchzt auf mit allen Gliedern. Wie aus einem Abgrund gerissen starrt ihr schwarzes Haar aus den Kissen, haucht sie heiß:
Mir lebt dies Kind, und nicht von Dir; ich lieg in Dankbarkeit vor dir. Ich lag bis heute wie unter Steinen, wie unter einer Sticklast Schnee: du bist gekommen, nun kann ich weinen. Jetzt aber -- geh! Ich will vor dir kein Klagweib sein; laß mich, solang ich lieg, allein.
Der bleiche Mann im Vollmondlicht neigt sein unbewegtes Gesicht. Sein Blick weilt wie in weiten Fernen auf den blinden Augensternen. Und er spricht:
Das Kind, das du geboren hast, sei deiner Seele keine Last: sieh, wie sein Schlaf das Helle trinkt! Es scheint ein Licht durch unsre Welt zu wehen, das alles andere, gröbere Licht beschwingt; in ihm wird dieses Kind aufgehen. Es wird die irdische Qual nicht sehen. Wir werden’s leiten wie auf Wolkenauen. Es wird das innere Weltlicht schauen.
Er küßt sie, geht; sein Schatten streift das Kind. Zwei Menschen sehn, daß sie auf Erden sind.
20.
Eisblumen und Hyazinthenduft ringen mit warmer Zimmerluft; weiße Seide umbauscht ein braunes Weib. Ein Mann sieht ihren genesenen Leib auf schmiegsamsten indischen Kissen ruhn; ihr Goldbrokatschuh streift den Boden. Er steht in blauen Segeltuchschuhn, seine Radfahrjacke von graugrünem Loden zuknöpfend, einen Brief in Händen, und fragt, indem er drin Kniffe zieht:
Willst du dir auch die Augen blenden, weil du ein Kind hast, das nicht sieht?! Ich soll mit dir „ins Weite gehen“? Was gehn heißt, wirst du bald verstehen, wenn du mit deinen zarten Zehen erst barfuß für uns betteln mußt; ich glaube, da würde dir die Lust zur blinden Liebe sehr schnell +ver+gehen. Einst, ja, da nahm ich Kredit aufs Leben und schlug die Schulden in den Wind; aber als Vater lernt man eben, was wir dem Dasein schuldig sind. Das träumt nicht wie die grünen Seelen, die sich vorm Leben ins Blaue stehlen, bis die ergraute Welt sich rächt. Und klein beigeben mit großem Munde: dann gehn wir an uns selbst zu Grunde -- nit, Lea? das steht Uns Beiden schlecht!
Er legt ihren Brief sehr zart auf ihr Knie; sie wiegt ihren Goldschuh. Dann antwortet sie:
Du hast sehr blaue Schuh an, sehr blaue; du kommst wohl von einer -- „Wolkenaue“?! Aber ich dank dir; du sprachst sehr klar Ja ja: man träumt oft wunderbar!
Ihr Goldschuh zieht im Teppich einen Strich. Zwei Menschen lächeln bitterlich.
21.
Nur an den Eichen bebt noch braunes Laub; es bebt im Wind. Und wenn die Spechte klettern, dann weht der Schnee wie Kieselstaub und knistert in den abgefallnen Blättern. Zwei Menschen sehn im Park den Abend zaudern. Ein Weib bezwingt ein leises Schaudern:
Heut hat ein Mensch mir leidgetan, der sonst mein Weichstes zur Erstarrung brachte. Er hat mir nie ein Leid getan seit jener Nacht, die mich zur Mutter machte; er ist fast stumpfer als ein Scherben. Heut aber, vor dem blinden Leibeserben, vergaß er selbst sein gnädiges Stottern: er saß nur da und ließ sich schlottern. Ich mußt ihn immerfort betrachten, ihn halb bedauern halb verachten.
Der Mann an ihrer Seite nickt; er sieht im kahlen Park den Abend dämmern, er hört im hohlen Holz die Spechte hämmern. Er sagt, indem er einen Zweig zerknickt:
Ich fühle jeden Tag mein Herz in Nöten, wenn eine Frau sich mit Erröten, und wie zur Abwehr blaß und zart doch, samt unserm Töchterchen an mich drängt, während vielleicht in meinem Bart noch der Hauch von deinen Küssen hängt. Ich kann sie nicht so flach bedauern; ich würde lieber mit ihr trauern, könnt ich wie sie mich sanft und klug besiegen und leidenswillig den Nacken biegen. Jawohl, wir sind von härterem Holz; von Eichen bricht man keine Gerten. Drum wolln wir nicht noch selber uns verhärten; denn daß wir Mitleid schenken, macht uns +stolz+.
Er horcht: ein Rauschen stört das Spechtgekletter: zwei Menschen gehn durch abgefallne Blätter.
22.
Die Nacht am Horizont gähnt Strahlen, als wolle der Himmel die Erde verzehren oder ein neues Gestirn gebären; zwei Menschen sehn ein Nordlicht prahlen. Sie stehn auf eisernem Balkone; sie sehn den Glanz elektrisch zucken, sich auf und ab ins Dunkel ducken. Ein Mann sagt schmeichelnd, sagt mit Hohn:
Das, Fürstin, scheint mir recht ein Thron für deinen neuen Menschensohn. Ich möcht ganz lange Arme haben: dann setzt’ich dich mit deinem blinden Knaben dort auf die herrlichste Flackersträhne. Ich seh ihn, wie er deine Mähne schwarzstrahlig durch den Weltraum spannt, hoch über allen Sinn und Verstand. Du hast doch gar zu tolles Haar; für eine Mutter sonderbar!
Dem Weib zucken die Augenbrauen; wo die schwarzen Bogen sich spalten, zittern zwei kleine quere Falten, wie ein zerbrochenes Kreuz zu schauen. Sie sagt verhalten:
Du zielst fehl auf mein Mutterherz, Dir lacht es selbst beim bittersten Scherz. Ich gebe Nichts an mein Kind verloren. Ich fühle nicht: dies Kind ist Mein. Ich fühl: ich hab einen Menschen geboren zu seiner eigenen Lust und Pein! Ich geb ihm meinen Glückwunsch blos -- und trage noch manchen Wunsch im Schooß -- Weib sein ist +doch+ das herrlichste Los! --
Ihr dunkler Blick hat sich gefeuchtet. Der Mann streicht ihr wild Haar versonnen glatt wie zum Scheitel der Madonnen. Zwei Menschen sehn die Nacht erleuchtet.
23.
Kaminfeuer und Morgenrotschimmer schmücken ein hohes Damenzimmer. Ein Weib erhebt aus meergrüner Seide ihre nackten Arme beide vor einem Mann breit in die Luft und lacht, umschwebt von Mandelduft:
Ich glaub, ich bin noch immer schön; mein Kind hat mir nichts weggenommen. Und hättst mich eben baden sehn, du wärst mit mir gen Himmel geschwommen! Was stehst denn wieder wie im Schlaf? O Lux, was bist du für ein -- Schaf!
Er lächelt eigen, sie merkt es nicht: er senkt, scheinbar grübelnd, sein scharfes Gesicht. Sein Fuß streichelt ein Eisbärfell. Er fragt halbhell:
Schönheit? -- das ist mir nichts als Hülle um irgend eine Liebreizfülle. Der Reiz zur Liebe und zum Leben, wenn den die Reize einer Gestalt mir wie aus eigner Seele eingeben, dann bin ich -- schön in ihrer Gewalt; sonst sind sie angeflogne Schäume, Nachwehen toter Künstlerträume. Du würdest ja Raffael nicht entzücken: du bist zu kriegrisch ins Kraut geschossen. Deine dunkle Haut ist voll Sommersprossen. Dein Pferdshaar, dein herrischer Nasenrücken taugen zu keiner klassischen Ode; und dein klassisch Kinn ist garnit mehr Mode. Aber -- jetzt will ich die Augen zudrücken, will nichts mehr fühlen als deinen Bann, nichts küssen als deine Wildkatzenstirne; und wärst du die durchtriebenste Dirne, du wirst mir eine Heilige dann -- --
Prüfend blicken zwei Seelen einander an.
24.
Die hohen Kiefern können noch nicht rauschen; sie schweigen schneebedrückt. Zwei Menschen lauschen, wenn manchmal durch den schwerbeladnen Wald das Eis der fernen Seeen knallt. Dann scheinen tiefer noch gesenkt die dunkeln, weißgesäumten Äste, um die das Frühlicht machtlos hängt. Ein Mann spricht mit ergriffner Geste:
Das ist wie eine Versammlung von Greisen um ein fremdes Täuflingsbette. Keiner rührt mit seinen weisen Händen an die Schicksalskette. Sie lassen stumm das Unverwandte zwischen ihren Seelen schweben. Sie segnen fromm das Unbekannte es wehrt dem Überdruß am Leben. Sie schenken jedem Morgengrauen ohne Anspruch ihr Vertrauen.
Durch den schwer beladenen Wald geht auf einmal ein Schattenwanken; von den Zweigen, die noch schwanken, fällt der Schnee, zu Schlacken geballt. Über ein Weib kommt ein Gedanke:
Lieber, du sollst dich nicht verstellen! Wenn unter diesen starren Bäumen, so oft der Eisschreck draußen schallt, Echos wie aus schweren Träumen in mein warmes Leben kalt diesen Todesschauer bellen, daß wir unser Glück versäumen -- dann sollst du nicht mit solchen ausgedachten Bildern mich zu prüfen trachten, dann sollst du mit mir fühlen und denken: wir wollen Nichts, rein Nichts dem Schicksal schenken!
Die hohen Kiefern können noch nicht rauschen. Zwei Menschen scheinen auf ihr Herz zu lauschen.
25.
Jeder Hauch stockt. Aus den Mooren steht der Nebel wie angefroren, ob auch fern der Himmel loht; zwei Menschen schaun ins Abendrot. Einsam hebt ein Birkenstämmchen aus dem bleichen Rauch sein Reisig; in der Spitze zaudert eisig noch ein Blättchen wie ein Flämmchen. Und ein Weib bemerkt verloren:
Das steht nun da wie’n Waisenkind, das weder Vater noch Mutter kennt, von aller Heimat abgetrennt; Stiefmutter Sonne stellt sich blind. Und ob auch fern der Himmel brennt, es sehnt sich nicht, es rührt sich kaum, leidlos wie der Geist im Raum.
Jeder Hauch stockt -- sie erschrickt: von dem kahlen Birkenstämmchen ist das letzte Blatt geknickt. Zaudernd sinkt das fahle Flämmchen in das rauchverhüllte Land. Und ein Mann hebt Haupt und Hand:
Liebe, du sollst dich nicht verstecken! Ich seh aus deinem tiefen Schrecken, wie dich der leere Raum bedrückt. So wills der Geist; wenn nur drei Birken das Grauen der Unendlichkeit bezirken, dann ist das Auge schon beglückt. Er will und kann nicht einsam sein: er lebt davon, sich umzuschauen. Drum sinne nicht zuviel in dich hinein! Denn eine schlimme Wollust schläft im Grauen.
Jeder Hauch stockt. Rot und stumm starrt der Himmel wie eingefroren durch den Nebel auf den Mooren. Zwei Menschen kehren langsam um.
26.
Über altersgrauen offnen Folianten, zwischen Schränken mit verstaubten Kanten, rostigen Waffen, bunten Wappenschildern, blinden Spiegeln, dunkeln Ahnenbildern, hängt ein goldner Streifen Licht. Sonnenstäubchen schweifen dicht um das Schnitzwerk hoher Stühle; kommen noch dichter ins Gewühle, denn ein Mann berührt ein Weib und spricht:
Das hab ich mir als Kind beim Klettern im grünen Forst nicht träumen lassen, daß ich in diesen vergilbten Blättern einst suchen würde Boden zu fassen. Es ist für dich geweihter Boden, du willst einen uralten Wipfel lichten; ich seh nur tote Wurzelschichten, kaum noch wert sie auszuroden. Wie zur Erinnerung blüht da matt noch manch Blaublümlein Ehrenpreis; aber der morsche Stammbaum hat als letzten Sproß ein blindes Reis.
Er will zuklappen. Er stockt. Die Funken der Sonnenstäubchen stieben wie trunken. Denn das Weib umschlingt ihn leis:
Drücken dich wieder die blauen Schuh? Was mußt denn gleich so quer immer denken! Du mußt dich liebender versenken in diese stillen Dinge, du. Sonst drückst mir ja das Herz ganz zu; und gelt? das willst doch offen sehn. Ich soll mich dir doch blos gestehn! Ich wollt auch -- wollt dir längst schon sagen: mein Kind, Lux -- Nein: ich wollt dich fragen: ich möcht dein Töchterchen mal sehn!
Sie klappt zu, hastig; es stiebt zum Blenden. Zwei Menschen müssen den Blick abwenden.
27.
Unter taktvoll schreitenden Kostümen, die den Rausch vergangener Zeiten rühmen, überschaut ein Weib ein nächtlich Fest. Weiß verschleiert Haar und Ohr und Wange, vor der Stirn die goldne Isis-Spange, steht sie groß in starrem Asbest. Fast so groß wie jener Mann, der aus dunkler Magier-Augenbinde um sich blickt wie auf Gesinde. Und sie naht sich ihm und rührt ihn an:
Zaubrer -- du kennst die Schlange, und kennst den Drachen, die den schweren Weg der Liebe auf Erden bewachen. Ich kenn eine Mutter in einer Not; die streckt allnächtlich zum Tag die dunkeln Hände, daß er ein Schicksal von ihrem Herzen abwende, mit dem ihr blindes Kind sie bedroht. Soll sie mit Augen der Schlange ihr Nest behüten? soll sie den Drachen bitten, darin zu wüten? -- Hell beginnt der wimmelnde Saal zu klingen, taktvoll läßt der Schwarm der Kostüme sich leiten, bis sie sich rauschend zu Paaren in Kreisen schwingen, die der Magier und das Weib umschreiten:
Göttin, ich kenne die Schlange, und kenn auch den Drachen, die den schweren Weg der Liebe gen Himmel bewachen -- und kenn eine Mutter in andern Nöten; die würde mit ihren blassen Händen ihr Kind, ihr sehendes, lieber noch heute töten, als je ihr Herz von ihrer Brut abwenden. Mutter Isis, begreif deine Erde freier! horch, dein Magier lüftet den Gäa-Schleier: Sie träumt seit je das Ungeheuerliche, Unwirkliche, höchst Abenteuerliche, doch was er wirkt, der Traum, ist das Gewöhnliche, und was er birgt, das tiefst Versöhnliche.
Er unterbricht ihr einsam Gewander; zwei Menschen tanzen miteinander.
28.
Es schwebt ein Klingen übers Eis, wie ferne Frühlingsstimmen leis. Blaß starrt der See. Auf blitzenden Eisen fassen sich, fliehn sich zwei Menschen und kreisen. Jetzt kommt der Mann in scharfem Bogen vor das Weib herumgeflogen und faßt sie fester und bäumt im Sprung:
Halt! -- Gelt, Frau Fürstin, das wär ohne Schwung: vom Schlittschuhlaufen zum Strümpfestopfen, vom Radfahren zum Steineklopfen, das wär doch gar zu harte Bahn? Ja, du: ich lief durch manchen Wahn, als mich das Jugendblut noch trieb, mit offner Hand an jedes Herz zu stürzen, bis mir am eignen Herd nichts übrig blieb als wenig Fleisch mit viel Gewürzen. Zwar, mir ist mancher zugetan so in der Welt, der wohl was opfern würde, beehrt’ich ihn mit dieser Bürde; aber -- -- Er läßt sich rückwärts kreisen.
Blaß starrt der See. Sie folgt. Die Eisen blitzen schriller übers Eis. Sicher folgt und fragt sie leis:
Und wenns für dich nun +keine+ Bürde wäre, Steine für deine arme Herrin zu klopfen? Und wenns für mich nun eine Würde wäre, Strümpfe für meinen reichen Herrn zu stopfen? Und wenn ich wähnte: das ist kein Wahn, so ganz bin ich dir zugetan -- und bin dir auch ganz aufgetan --
Sie schreit wild: Lukas! -- Ein Knall, ein Sprung, hoch hat der Mann sie an sich gerissen. Es donnert unter ihren Füßen, es klafft. Er bäumt mit ihr im Schwung. Es ist nur ein ganz schmaler Spalt. Zwei Menschen lachen, daß es schallt.
29.
Nun scheinen selbst die Blumengewinde der indischen Kissen voll Frühlingssehnen; am Fenster schmilzt die letzte blinde Eisblume unter hellen Tränen. Ein Mann sieht die barocken Ranken mehr und mehr durchsichtig schimmern, gleißend Gold in Silber flimmern; er sitzt in drückenden Gedanken. Er neigt noch tiefer Stirn und Ohr: er hat ein Weib am Herzen liegen, mit Augen, die zur Sonne fliegen. Sie flüstert, glüht an ihm empor: