Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3)

Part 6

Chapter 63,492 wordsPublic domain

Vom Dampf des Schiffes, den die Hitze ballt, verhüllt: was strahlt aus buntem Dunst herbei? so weiß! -- was träumte mir? -- ein Gipfel -- drei -- ein Kranz von Gipfeln strahlt den Dunst entzwei -- so weiß strahlt nur der ewige Schnee -- so frei -- +Ist’s+ der Parnaß?! -- Flieh, schwüle Träumerei! Hinauf! dort oben ist es kalt.

35. Delphi

Mein Dämon spricht: Auf Delphi ruht ein Fluch, da laß uns still vorübergleiten. Mir deucht, wir hatten schon zu Olims Zeiten an dem Orakel in uns selbst genug.

36. Zwischen Leukas und Ithaka

Durch dieses Meer trieb einst in irrer Not Odysseus seinem treuen Weib entgegen. Durch dieses Meer trieb wild im Liebestod Sapphos zerbrochner Leib der Nacht entgegen. Durch dieses Meer treibt nun im Morgenrot mein Herz, Geliebte, +Dir+ entgegen.

37. Albanische Küste

Die Küste weicht; ich seh mein Schiff mit beiden Bugseiten durch die Flut, die tiefblau glatte, wie durch geschliffnen Stein sich vorwärts schneiden, so undurchsichtig glänzt die spiegelglatte. Ich wende mich und seh im Glanz auf beiden Kielseiten ferne Höhenzüge scheiden; da schwimmen sie wie sagenhafte satte Seekühe, die sich an der Bläue weiden.

38. Hafen von Ancona

Zwischen zwei Vorgebirgen lauscht der Wind, der sanften Gruß bringt von der Abendsonne, ob Stadt und Hafen wohlgebettet sind. Er fragt ein Heiligtum, worob es sinnt, einst der Frau Venus Haus, jetzt der Madonne, und alle Glocken künden voller Wonne: In goldner Wiege ruht ein himmlisch Kind.

39. Assisi

Wallfahrer haben mir den Weg gezeigt; im öffentlichen Garten rasten wir, und mancher blickt dem heiligen Dichter gleich beseligt auf zum lieben Bruder Himmel. Ein junges Weib nur blickt verstört ins Land, durch das ein Zug lobsingender Mönche wandelt. Am Rand des Gartenberges die Cypressen stehn wie erstarrte schwarze Flammen da, und plötzlich regt sich eine wie entsetzt vor dieses Himmels bleiglutblauer Last.

40. Perugia

Sei gesegnet, ruhiger Ort! Frommer Ahnen Meistergilde schuf aus rauhem Felsgebilde für die Enkel dies Gefilde; kannst du zürnen, Gott der Milde, wenn sie nun ins Ewige fort unter den Akazien wandeln, nur noch schauen, nicht mehr handeln?!

41. Am Trasimenischen See

Was wohl die Unken klagen dort um das alte Kastell? Daß da mal Römer lagen von Hannibal erschlagen? Daß da den Troubadouren von denen adligen Huren vertrommelt ward das Fell? Man muß nicht immer fragen, um was die Unken klagen; die Frösche lachen hell.

42. Florenz

Du Allerschönste, Liebling aller Welt, einst manchem Herrn, jetzt jedem Gaffer feil, und immer noch von Zier und Reiz geschwellt, so lehnst du stolz auf hehrem Ruhebett, dein Haupt wie eines Turmes Zinne steil, dein Schooß wie offne Rosen lebensfroh, und gar den Busen schmückt als Amulett die heilige Kunst des Fra Angelico.

43. Ravenna

Ravenna! rief die Inbrunst: gib mir Raum! was brütest du auf Gräbern Tag und Nacht? Und Grüfte wölbten sich zu Farbenhimmeln, in denen tausend Malerseelen träumen, und über denen Dante wacht.

44. Venedig: Punta della Salute

Hier möcht ich sterben, alt, wie Tizian starb, doch in verhängter Gondel und allein. Durch einen Spalt nur glühn im Abendschein verwitterte Paläste glorienfarb. Schlaftrunken schaut die Wasserfläche drein und haucht mir eine Seelenruhe ein, die niemals um ein ewiges Dasein warb. So möcht ich sterben ... aber leben: nein!

45. Verona

Auf des Amphitheaters höchstem Rand ruht nach vollbrachtem Tagewerk ein Kerl, die braune Stirn noch voller Schweißgeperl, und läßt sich trocken glühn vom Sonnenbrand. Ein simpler Steinmetz, der wohl kaum verstand, wozu sein Flickwerk an dem alten Loch, und hat wie Herkules geschuftet doch; jetzt aber faullenzt er ob Stadt und Land, als sei kein Gott so frei wie Er vom Joch.

46. Wanderstraße am Etsch

Arbeitsleute schreiten vor mir schwer, immer schwerer dröhnt bergan ihr Schritt: aus der Ferne graut die Fremde her. Pfeifend halt ich ihnen gleichen Tritt, Strom und Straße schweigen immer mehr: aus der Ferne blaut die Heimat her -- und auf einmal pfeifen alle mit.

47. Sirmione am Gardasee

~Avanti!~ -- Heiter wie des Südens Luft soll dich mein Abschiedsgruß, du liebliche Halbinsel, die Catull besang, umwehn. Hell greifst du durch den blauen See nach Norden, gleich einer gastlich hingestreckten Hand gefüllt mit Veilchen, Immergrün und Frucht. Doch daß auch ernster Schmuck dir wohlsteht, zeigt gleich einer Spange am Gelenk das düstre Kastell, von dessen Söller mich der Ruhm des jungen Bonaparte grüßt -- ~Avanti!~

48. Hochfeiler am Brennerpaß

Heiß auf kalter Höhe mach ich Rast, von den Gletschern kommt ein leichter Hauch, kommt und geht, und lichter Rauch wird mir all die fremde Last, von der Völkerstraße her die Hast, und die Sehnsucht nach der Heimat auch.

49. Innsbruck

Die Berge glänzen klar im Kreis, die Luft im Tal ist menschenheiß. Ich trete in den alten Dom, ich atme tief den Dämmerstrom. Erzbilder schimmern durch den Raum, ich träume einen Himmelstraum; und langsam neigen sich die Stirnen der ehernen Ritter vor den fernen Firnen.

50. Konstanz

Im offnen Garten ist Konzert am See, der Geist Beethovens schwebt von Stern zu Stern; tief unter Brücken schweigt die Wasserfee, hoch über Türmen schweigt der Alpenschnee, schweigt Stern bei Stern, schweigt wie seit je; und immer noch Konzert, Konzert am See -- o Beethoven, wozu der Lärm?! --

51. Spezgart bei Überlingen

Von Schlucht und Halde weichen Morgenschleier, die Erde dampft der Sonne ihren Dank. Hier trieben wir, Geliebte, Frühlingsfeier; es herzte Trieb an Trieb sich frei und freier, bis über unsre Abschiedsfeier der pfirsichblütne Abend sank. Nun sind die Früchte reif zum Willkommtrank.

52. Stein am Rhein

Klosterfrieden, Weltbehagen, lacht hier noch Italiens Glanz? Buntbemalte Giebel tragen frei Boccaccios Fabelkranz. Stromschnell naht das heimatstete Schiff, mit Gästen angefüllt. Wenn doch jetzt Gesang herwehte! Da: weiß Gott, man singt -- man brüllt die „Wacht am Rhein“ ...

53. Triberg im Schwarzwald

Stimme der Heimkehr

Urweltsprache dröhnt im Wasserfall, läßt kein Menschenwort herdringen; was denn hör ich durch den Schwall doch wie Muttersprache klingen? -- Nicht ein Vogelstimmchen hallt, nur die alten Wipfel schwingen; Welt, ich fühle wieder deutschen Wald, höre deutsche Quellen singen! --

54. Heidelberg

Das alte Schloß ... Man zankt sich wohlgesinnt im Akademischen Kulturverein: Ist’s zu erneuern? -- wie! -- halb? ganz? -- ja! nein! Der will das „Wesen“ wahren, Der den „Schein“, Jeder lügt Leben in den toten Stein und schilt die Andern wahrheitsblind. Ich sehne mich nach einem Menschenkind, das garnichts will als ganz natürlich sein.

55. Bingen am Rhein

Du kleine Stadt am Strom, mir weltengroß, dir dank ich meine Mutter, dir das Weib, das mir so lieb ist wie mein eigner Leib, ich williger Pilgersmann von Schooß zu Schooß. Du Strom, du großer, spiegelst du mein Los? du kleine Welle, meinen Weltverbleib? Eilt nicht auch ihr mit Seel und Leib von Schooß zu Schooß, von Bergesschooß zu Meeresschooß?! --

Wiedersehn

Eh du kamst, schienen mir alle Schiffe im Hafen Unheil zu brüten auf der steigenden Flut.

Und nun lächelst du ihnen, weil mein Blick drauf geruht hat; und ich lache ihnen, weil Dein Blick drauf geruht hat; und alles ist gut.

Siegerin

Mit deinem Lächeln bewältigst du die Nacht: ich fühl’s um deine Lippen schweben und sehe Sterne aufgehn in meiner Seele.

Mit deinem Lachen bewältigst du den Tag: ich seh’s aus deinen Augen strahlen und fühle die Sonne in mich versinken.

Letzte Bitte

Lege deine Hand auf meine Augen, daß mein Blut wie Meeresnächte dunkelt: fern im Nachen lauscht der Tod.

Lege deine Hand auf meine Augen, bis mein Blut wie Himmelsnächte funkelt: silbern rauscht das schwarze Boot.

Zweier Seelen Lied

Lieber Morgenstern, lieber Abendstern, ihr scheint zwei und seid eins.

Ob der Tag beginnt, ob die Nacht beginnt, findet euer Schein in uns Zweien die Liebe wach.

Lieber Abendstern, lieber Morgenstern, hilf uns Tag für Tag eins sein, bis die letzte Nacht uns eint.

Psalm zweier Sterblichen

Von Ida und Richard Dehmel

Der Mann:

Göttin Zukunft, mit gefesselten Händen hältst du eine geschlossene Schriftrolle, drin mein Schicksal verzeichnet steht. Langsam, Tag für Tag, ringe ich deinen Fingern Zoll für Zoll die Urkunde ab, Zeile für Zeile. Bis der Augenblick kommt, wo das entrollte Papier, eh ich das letzte Wort noch las, meinem erschöpften Arm entfällt; und mit gefesselten Händen gibst du den Winden zur Sage anheim, was ich tat.

Das Weib:

Schicksalsgöttin, ich liege vor dir auf den Knieen. Du hältst in deinen, ach, gefesselten Händen eine goldene Tafel, drin die Namen nur derer eingegraben stehn, die Unvergeßliches taten. Auf den Knieen, Schicksalsgöttin, bitte ich dich: Laß mich nicht ins Namenlose versinken! Spreng deine Fesseln -- oder nur einen Augenblick reich mir die goldene Tafel, und neben die Runen der Helden und der Weisen schreibe ich hinsinkend: Ich liebte.

Im Geiste

Ich steh im Geiste an ein Grab geführt, wo Eine ruht, die so beseelend lebte, daß ich nicht glauben kann, ihr Geist entschwebte; ich steh wie einst vor ihr, so rein gerührt.

Und dort steht Einer, dessen Auge schürt noch reiner an, was damals in mir bebte; er wars, der zart ihr Reinstes mir verwebte, und steht nun starr, als hätt er’s nie gespürt.

Du Hüter dieses heiligen Grabes, wehre der Andacht nicht, die Geist dem Geist hier weiht; es bebt in dir wie mir das seelvoll Leere.

Die wirren Zeiten haben uns entzweit; hier aber rührt uns Klarheit, und ich kehre vereint mit dir den Blick zur Ewigkeit.

Nachglanz

Einst geliebte Seele, immer noch empfundne, sternklar weist die Nacht mir Weiten, die auch dich umschließen, du entschwundne.

Gütig glänzen wieder alle Lichter oben, die uns je zu gleicher Andacht von der trüben Erde auferhoben.

Einsamkeit und Dunkel sind nun nicht mehr Qualen. Dankbar betet Seel in Seele: Sterne, all ihr Sterne, helft uns strahlen!

Verewigung

Freund in der Ferne, wer du auch seist, Flüchtling auf der Erde wie ich, die wir zwischen den Sternen hausen, du ein Unvergänglicher, ich ein Unvergänglicher, weil wir’s fühlen -- sieh, ich feire eine Seelenbefreiung. Ich sitze am Sarg einer lieben Gestalt, wie ich an manchem Sarg schon saß und an manchem noch sitzen werde: ich habe geweint, ich lächle. Diese liebe Gestalt wird bald zerfallen; nie mehr wird ihr Mund mir Rätsel aufgeben, ihre Hand mir die Stirnfalten lösen, nie wieder werden ihre Augen mir die Sonne ins Herzdunkel spiegeln. Nichts wird weiterleben von ihrer schlanken Erscheinung, nichts als ein Schemen in meinem Gedächtnis, bald verdrängt durch ihr Bild von fremder Malershand, durch viele andre Schattenbilder, und auch die werden alle zerfallen. Nur was sie seelvoll zusammenhielt, was uns zusammenhält noch beide, warum wir Blick in Blick einst erbebten: nur das wird bleiben zwischen den Sternen, wird immer neue Gestalt annehmen, wird warten, daß auch ich mich verwandle, bis wir einander wieder erscheinen in den Schaaren der Ätherdämonen, wieder erbeben. Dann werden wir uns wohl begrüßen wie einst auf Erden das erste Mal: uns nicht erkennend, nur beglückend, viel zu beseligt der neuen Gegenwart, als daß wir alter Zeiten gedächten. Und werden uns wohl wieder wundern, im stillen fühlend: das letzte Mal, da haben wir geweint zusammen, da mußten wir uns noch befreien -- jetzt lächeln wir, jetzt lächeln wir -- wir Unvergänglichen -- --

Am Ufer

Die Welt verstummt, dein Blut erklingt; in seinen hellen Abgrund sinkt der ferne Tag,

er schaudert nicht; die Glut umschlingt das höchste Land, im Meere ringt die ferne Nacht,

sie zaudert nicht; der Flut entspringt ein Sternchen, deine Seele trinkt das ewige Licht.

Aufrichtung

Hörst du Nachts die leere Stille schallen? Tote Seelen rufen dich von fern. Eine aber war dir wert vor allen; o, nun möchtest du vor Schmerz ihr folgen, ihr und ihrem unsichtbaren Herrn. Und du kannst nicht fassen, daß du weiterlebst, daß du deinen Arm zur Abwehr hoch ins Dunkel hebst; und auf einmal schweigt es, und mit frommen Händen legst du deinen Schmerz auf einen Stern.

Heilige Nacht

Es steht ein Stern, der leuchtet klar, von Nacht zu Nacht, schon tausend Jahr. Es kommt ein trüber Wandersmann, an eine Stalltür klopft er an.

Wer bist du, Mann? was suchst du hier? Ich suche Gott in Mensch und Tier. Dann tritt herein, hier kannst du sehn Ochs, Esel und ein Lämmlein stehn.

Ein Lämmlein wie im Paradies; ein Knäblein streichelt ihm das Vlies. Das Knäblein sitzt auf Mutters Schooß, hat Augen wie der Stern so groß.

Es sieht der trübe Wandersmann die stolze Magd, den Knaben an. Ja, sieh nur in die Augen sein, da siehst du Gottes Glorienschein!

Ich ächzte wie ein Tier fürwahr, indeß ich lag und ihn gebar; nun krönt auch mich der Schöpferglanz, so schön ist keiner Jungfrau Kranz!

Es steht der Wandersmann und sinnt; es lacht die Magd und herzt ihr Kind. Das Lämmlein leckt an ihr hinauf; Ochs, Esel stehn und horchen auf.

O Mutter Gottes, höre mich an, mich vielversuchten Gottesmann! Vor deiner Schönheit könnt ich fliehn, vor deiner Wahrheit lieg’ich auf den Knien.

Ich ging auf Erden hin und her: es hieß, daß Gott gestorben wär. Doch siehe da: von jeder Magd wird er aufs neu zur Welt gebracht.

Nun bin auch ich ein Gottessohn; +o Mutter, nimm dies Lied zum Lohn+! Es steht ein Stern schon tausend Jahr und leuchtet noch wie einst so klar.

Evas Klage

Stern im Abendgrauen, laß dein bleich Erschauern; laß mich endlich ruhig heim gen Eden trauern.

O Eden, mein Eden, Garten meiner Träume, warum gab mir Gott den Anblick deiner Frühlingsbäume!

Deine Sommerfluren hat er nicht behütet; in den stolzen Garben hat der Blitz gewütet.

In dein Herbstgefilde ist der Sturm gekommen, hat mir von den Ästen Frucht auf Frucht genommen.

Warum sang der Frühling, sang von seligem Wandern nur auf Blumenauen, sang von einem seligen Andern!

Ach, er kam, der Andre, kam mit Glut und Flammen; über meinen Blumen schlugen sie zusammen.

Lachend aus der Asche hat er mich getragen. In der kalten Fremde hat ihn Gott erschlagen.

Winter ist geworden. Ach, ich möchte weinen. Aber seine Seele lacht noch in der meinen.

Still auf seinem Grabe will ich warten, warten; meine Kinder irren suchend nach dem Garten.

O mein Garten Eden, verlornes Eden, o Eden, mein Eden, stehst du denn noch offen? Bis zur letzten Stunde will ich auf dich hoffen!

Magst du, Gott, mich töten, mag mein Traum verglühen, aber meinen Kindern muß er neu erblühen!

Laß dein bleich Erschauern, Stern im Abendgrauen! Endlich kann ich ruhig heim gen Eden schauen.

Magst du, Stern, versinken, mag ich selbst vergehen: meine Kinder werden Eden wiedersehen.

Eines Tages

Phantasieen zweier Liebenden

Morgen

„Auf, mein schwarzer Zaubrer, auf, eile, spinne Gold, es tagt, schmücke deine stolze Magd! Laß die Strahlen nicht verwittern, die dem Morgenstern entsplittern! Heute Mittag muß die Erde sich entzücken am Geschnauf deiner wilden Siegespferde! Auf, mein goldner Zaubrer, auf!“

Laß mich träumen, Zauberin, sprich mir nicht vom Tag der Schlacht; nimm die Strahlen, spinn sie, spinn. Mich verstört das Marktgepränge, wo die Erze vor der Menge zur verstaubten Sonne dröhnen. Überirdisch ist die Nacht, wo die heimlichen Gesänge meiner zahmen Schlangen tönen; sprich mir nicht vom Tag der Schlacht, laß uns träumen, Zauberin, nimm den ganzen Himmel hin ...

Mittag

„Aber jetzt, mein Held, mein Sieger, komm, mein König, komm, mein Krieger, gib dich nicht den Gaffern preis! Wirf sie weg, die blanken Bälle, die so kalt, so gläsern klingen und vor Hitze fast zerspringen; führe mich an eine Quelle, dies Getümmel riecht nach Schweiß! Komm, was stehst du bei den Leuten, du ermattest nur im Schwarm; und bis Abend muß dein Arm noch ein drittes Reich erbeuten!“

Königin, du störst mein Spiel. Auf mein Volk herabzusehen, wahrlich, das war nicht mein Ziel. Schau: in diesem kleinen Ball, weiß man ihn nur recht zu drehen und das wird man bald verstehen, spiegelt sich das große All. Spiele mit! Komm, Siegerin, nimm den ganzen Erdball hin ...

Abend

„+Ist+ hier nicht das dritte Reich? ach, mein rascher Pilger, säume! Bannt dich nicht der dunkle Teich, über den die Lilienbäume ihren süßen Atem breiten? Und schon naht der Elefant, drauf der Buddha Ewigkeiten über unsre Seelen spannt. Ja, mein Zaubrer: spiele! träume!“

Pilgerin, mir kommt ein Bangen; siehst du nicht im bunten Laube jene großen Schlangen hangen, die mir fremd sind? und ich glaube, daß sie Träumern Unheil brüten. Ahnst du nicht, wonach ich suche? Nicht nach üppigem Geruche! laß uns wachen, Pilgerin! Brich dir eine dieser Blüten; und, im Haar die weiße Blume, folge mir zum Heiligtume, nimm die Ewigkeit da hin ...

Nacht

„Willst du mich denn +nie+ erhören? Nennst du dazu mich die Deine, um mich langsam zu zerstören? Ich zerfalle fast in Stücke; wohin führt nun diese Brücke, die der Mond in Schatten legt? Immer neue Meilensteine! ich bin müde! mich bewegt keine Liebe mehr zum Ruhme, auch zu keinem Heiligtume; nimm mir aus dem Haar die Blume -- sieh, mein Einziger, ich weine.“

Weine, weine, wein es aus! O, nun darf ich mich dir beugen, Weib, dort schimmert unser Haus. Hinter jener hellen Scheibe, nur noch Seele, nur noch Sinn, die du bist und der ich bin, werden wir mit nacktem Leibe einen neuen Menschen zeugen -- o du Meine, nimm mich hin!

Eine Lebensmesse

Dichtung für ein festliches Spiel

Chor der Greise:

Wenn der Mensch, der dem Schicksal gewachsen ist, sein zerfurchtes Gesicht vor der Allmacht der Menschheit beugt, nur noch vor der Menschheit: dann wird seine Seele wie ein Kind, das im Dunkeln mit geschlossenen Augen an die Märchen der Mutter denkt. Alle Sterne werden dann sein Spielzeug; durch das wilde Feuerwerk der Welt kreist er furchtlos mit den unsichtbaren mütterlichen Flügeln, sieht er innig und verwundert zu, wie das Leben aus der Werkstatt des Todes sprüht. Denn nicht über sich, denn nicht außer sich, nur noch in sich sucht die Allmacht der Mensch, der dem Schicksal gewachsen ist.

Eine Jungfrau:

Aber wenn auf Frühlingswegen durch den scheinbar dürren Hain alle Kräuter mir entgegen wachsen, wenn im Sonnenschein jedes Auge Osterkerzen aus sich ausstrahlt, Mensch und Tier, und mir geht das so zu Herzen, daß mich meine Brüste schmerzen: dann gerat ich außer mir! und ich werf mich zum Erbarmen in den rauhen Rasen hin, und ich möchte das Schicksal umarmen, dem ich doch gewachsen bin!

Chor der Väter:

Eine wandelnde Wage ist der Mensch. Mit Haupt, Herz, Händen wägt er sein Wohl; nur mit der Rechten gibt er den Ausschlag, und seine Zunge schreit nach Gleichgewicht. Fass festen Fuß, du hast die Macht der Wahl! Es kommen Viele vor Sehnsucht nie zum Ziel; gern bis zum Äußersten geht der Mensch in seiner Ohnmacht, und Tat wird Untat. Doch immer treibt ihn die Sehnsucht nach Ruhe: rastlos rast er von Brust zu Brust, Schooß zu Schooß, und sucht nichts als den Menschen, der dem Schicksal gewachsen ist.

Ein Held:

Kommt mir nicht mit Euerm Treiben, ich weiß kein Ziel, ich will kein Wohl! ich habe nur dies mein Herz im Leibe, das von jeher überschwoll. Ich hatte Freunde, ich gab Gelage, und manches Weib war mir zu Sinn; aber an einem Sommertage zeigte sich mit Einem Schlage, wozu Ich gewachsen bin. Das Spiel der Hörner und der Geigen verstummte plötzlich wüst und irr: mitten durch den Erntereigen kam ein losgerissener Stier. Und da riß mich mein Herz vom Platze, und man griff nach mir vor Schreck; aber mit Einem Satze schlug ich dem Freund in die Fratze, stieß ich das Weibsbild weg! Und jetzt reit ich von Sieg zu Siegen bahnfrei auf meinem Stier dahin, bis ich dem Schicksal erliege, dem ich gewachsen bin.

Chor der Mütter:

Mit Schweiß und Tränen und manchem Tropfen Blut setzen wir Kinder auf diese Erde und lehren sie Vorsicht und üben Nachsicht, bis sie sich selbst mehr lieben als uns. Und Schweiß und Tränen und Ströme von Blut vergießen die Kinder dieser Erde vor lauter Vorsicht und lehren Nachsicht und lernen nie, was Liebe ist. Denn Schweiß und Tränen und alles Blut vergessen wir entzückt, wenn Einer, den Blick der Sonne oder fernsten Sternen zugewandt, über die Erde hinstürmt ohne Vorsicht, ohne Nachsicht, über sich und Andre hin. Jeder Lehre zuwider, nur dem Leben zu Liebe, rühmen wir Kindern und Kindeskindern opferselig den Einen, schöpferselig den Menschen, der dem Schicksal gewachsen ist.

Eine Waise:

Ich kenne Keinen, der mich will leben sehn: ich möchte weinen, aber um wen! Bald kommt der Herbst mit seinen Stürmen, die Blätter schwirren; wo werd’ich irren, wenn sie den winzigsten Gewürmen Heimstätten türmen? Wohl stehn mir Hütten, Paläste offen; aber ich möchte mein Herz ausschütten, Einem ins Herz zu wachsen hoffen, und dann stehn die Menschen betroffen. Könnt ich noch weinen, wäre mir wohl zu Sinn; ich kenne Keinen, dem ich gewachsen bin.

Zwei erfahrene Sonderlinge:

Wenn uns Hilferufe schmerzen, können wir nicht abseits bleiben; eins und gleich ist unsern Herzen, was uns treibt und was wir treiben. Sei getrost!

Der eine allein:

Komm an meinen stillen See, wenn die Menschen dich nicht wollen.

Der andre allein:

Komm auf meinen wilden Strom! sieh, wie hell die Wellen rollen!

Der Eine:

Aber unten ist es dunkel; komm an meinen stillen See! Bis zum Grunde welch Gefunkel, wenn die Sonne taucht ins Feuchte; und in Nächten welch Geleuchte, Welten flimmern auf wie Schnee! Kannst du dich denn noch besinnen, wenn dir alle Himmel winken? wenn sie dir zu Füßen sinken und dich spiegeln und dich trinken! Lächelnd gehst du unter drinnen.

Der Andre: