Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3)

Part 2

Chapter 23,546 wordsPublic domain

Und dann: im dunkeln Grase hing und flimmerte etwas wie Gold. Das war dein lieber Perlenring, der war dir in den Sand gerollt. Und da hast du trotzig aufgelacht, von deinem Vater war auch er; blaß langtest du ihn zu mir her, aus deinen Augen sah die Nacht, und nahmst meine Hand -- besudelt glomm der Kronring dran -- und während hohl der Regen rauschte wie ein Strom, sprachst du: vergiß! nimm! gieb! leb wohl!

* * * * *

Ihr Ringe, drei Ringe, und doch der neue, aus scheuer Seele bang dämmernde Schwur? Dahin der Glaube, dahin die Treue; o dunkle Flur. Starr durch die kahlen Pappeln schauen die Sterne ins verhüllte Feld. Klarheit?? Im Moor die Nebel brauen. O ja: die Erde +ist+ voll Grauen. Doch -- voll von Sonnen steht die Welt!

Raum! Raum! brich Bahnen, wilde Brust! Ich fühls und staune jede Nacht, daß nicht blos Eine Sonne lacht; das Leben ist des Lebens Lust! Hinein, hinein mit blinden Händen, du hast noch nie das Ziel gewußt; zehntausend Sterne, aller Enden, zehntausend Sonnen stehn und spenden uns ihre Strahlen in die Brust!

Uns in die Brust ... Was willst du, Schweigen, du graue Erde, immer noch? Und ich sehe die Krone, die eine, steigen -- ihr Ringe, drei Ringe, wie war es doch? -- die Krone steigen, die Krone sinken, wie eine Sonne sinken, winken: mir nach! nichts ist vergebens! fest steht mein flammendes Gebot: aus Abendrot wächst Morgenrot! dem +bist+ du treu bis in den Tod, du +trägst+ die Krone des Lebens: die Schöpferkrone des Lebens!

Entrückung

O nein, mir wird es nicht zur Qual, so sehr es Dich und Andre quält, wenn du ins Grenzenlose blickst; ich bin wie du ein schlanker Stahl, und der sich immer strahlender stählt, je mehr du ihn durch Kämpfe schickst.

Aus deines Auges innerm Ring flimmert ein sternglutweißes Licht durch Schwarz und Grau, du arge Frau; dies Licht, das mich seit je umfing, sieh, das entrückt mir dein Gesicht in mein geliebtes ewiges Blau.

Himmelfahrt

Schwebst du nieder aus den Weiten, Nacht mit deinem Silberkranz? Hebt in deine Ewigkeiten mich des Dunkels milder Glanz?

Als ob Augen liebend winken: alle Liebe sei enthüllt! als ob Arme sehnend sinken: alle Sehnsucht sei erfüllt --

strahlt ein Stern mir aus den Weiten, alle Ängste fallen ab, seligste Versunkenheiten, strahlt und strahlt und will herab.

Und es treiben mich Gewalten ihm entgegen, und er sinkt -- und ein Quellen, ein Entfalten seines Scheines nimmt und bringt

und erlöst mich in die Zeiten, da noch keine Menschen sahn, wie durch Nächte Sterne gleiten, wie den Seelen Rätsel nahn.

Der Stieglitz

Die Sonne sticht; ein Distelfeld blitzt durch die stille Mittagswelt. Im starrgezackten Blättermeer glühn purpurlockig kreuz und quer die Blütenköpfe.

Und durch den eisengrauen Busch: ein bunter Vogel, hupp, hup husch, hüpft durch das wilde Staudenheer, als ob es ohne Stacheln wär: ein junger Stieglitz.

Wie wirr! wie wunderlich geschweift! Ein leichtes Lüftchen kommt und greift von Blütenspeer zu Blütenspeer und wirft die Schatten hin und her; weg ist der Stieglitz.

Nun will ich stille weitergehn und mir die sonnige Welt besehn, und durch das Leben kreuz und quer, als ob es ohne Stacheln wär; das liebe Leben.

Sinnige Fahrt

An kleinen ruhigen Dörfern vorbei, durch eilende Felder und Leutegeschrei.

Die Axen dröhnen; ich denke still an Eine, die mir treu sein will.

Sie denkt wohl auch: was wohl die Welt so im stillen zusammenhält?

Und plötzlich seh ich zwei Schafe stehn, die dem rollenden Zug nachsehn.

So im Wandern

Ein silbern klein Herze, von Gold einen Ring, die gab sie mir, als ich wandern ging,

und tat in das Herze ihr Bild hinein; so einsam der Morgen, bin nicht allein.

Arme Padde im Gleise, zerquetscht liegst du! Ich wandre meine Straße und wandre immer zu.

Schon teilt sich der Nebel, nun schimmert die Welt; im Sonnenschein glitzert das Ährenfeld.

Die Hummeln summen, die Lerchen klingen; die Birken wehen, die Zweige schwingen.

Die Pappeln, die schütteln die Blätter im Wind; sie flüstern mir Grüße, die voll Erinnrung sind.

Das Herzelein nehm ich vom seidenen Band und leg’s in das Ringlein in meiner Hand,

so schreit ich und schau als ein Zeichen mir’s an: so will ich in Treuen ohne Ende Dich umfahn! --

Was rennst, Meister Lampe? heut jag’ich nicht. Ich wandre, ich schreite; die Sonne sticht.

In Dorfes Mitten, wo sich der Friedhof hebt: wie wirds gar kühl sich ruhen, wenn man mich einst begräbt:

zwei weiße Rosen biegen ums Grabkreuz die Äst, drauf steht mein Nam geschrieben, bis der Regen ihn löscht.

Hinterm Kirchlein die Schenke heißt „Zu den drei Linden“; da wird sich wohl auch noch ein Ruheplätzchen finden.

Ei Tausend, mein Schätzchen, so schmuck, und allein? Ei komm doch, rück näher; trink mit, schenk ein!

Es sitzen zwei Spatzen im Lindenbaum; sie schnäbeln, sie schwatzen, es ist wie Traum.

Auf’m Kirchhof stehn Kreuze, mehr als hundert, schwarz und weiß; aber Du hast zwei Lippen, die sind rot und heiß!

Na Mädel, was weinst denn? Ja, die Welt ist hohl. Die Welt ist ein Weinfaß: trink aus -- leb wohl! --

Was wackelt der Pfahl da? der ist wohl betrunken! Ich wandre, ich schreite, in Sinnen versunken.

Sie saß ja so alleine; und die Liebste wohnt weit! Ich will ihr Alles schreiben, bis sie mir verzeiht.

Und am End meiner Reise steht mein elterlich Haus, da schaut mein lieb Mutterherz am Fenster nach mir aus;

und drinnen sitzt mein Vater, wie’n König auf sei’m Thron, und wills nicht verraten, daß er wart’t auf sein’n Sohn.

Nun will ich nicht sinnen, ob man glücklich kann werden; der Himmel ist hoch, und wir leben auf Erden! Sela! --

Schutzengel

Nicht vom Kirchhof will ich Epheu pflücken, glänzt das ganze Dörfchen doch von Epheu; davon will ich pflücken für mein Kämmerchen! spricht der junge, junge Jägersmann.

Guten Tag, du schönes, schönes Mädchen, gieb mir doch dein liebes, liebes Händchen! Weißt, ich suche Epheu für mein Kämmerchen; darf ich wohl von deinem Epheu pflücken?

Komm herein, du schöner, schöner Jäger; will dir vielen, vielen Epheu geben. Hinten um mein Fenster, um mein Kämmerchen, schlingt sich dicht der dunkle, dunkle Epheu.

Kommt das kleine Brüderchen gelaufen: Schwesterchen, was will der große Jäger?! Und ich küßt es auf die scheue Stirne und ging still nach Hause in mein Kämmerchen -- ich, der junge, junge Jägersmann.

Begegnung

Ich sah dich schon. Im Sonnenschein beim Roggenfeld am Wiesenrain stand wilder Mohn; die Kelche blühten blutrot breit, den Schooß voll blauer Dunkelheit, und jäh aus einer Knospe quoll ihr glühendes Seelchen, unruhvoll.

So sah ich Dich, du knospiges Kind, erglühn, gestern im Feld am stillen Fichtenhain, als im Vorübergehn mein Blick dich küßte; mit allen Adern schienst du aufzublühn, so scheu und rein, als ob ich um Verzeihung bitten müßte.

+War’s+ ein Erglühn? War’s nur ein Widerschein? das Rot des roten Sommerkleids um dich? das Abendrot, das fern verglomm im Tann? War’s ein Erglühn, das erste war es dann, das deine jungen Schläfen so beschlich; so bang, so schwer sahst du mich an, so fast voll Angst zurück nach mir, als du verschwandest sacht im dichten Gewühl der silbergrünen Fichten.

Doch meine Seele folgte dir, dein blautief Auge blieb in mir.

Ich sah dich schon, du flüchtendes Kind: heiß durch den Roggen strich der Wind und bebend neigte sich der Mohn. Ich hab eine rote Blüte verwehn, zwischen den Halmen zerflattern sehn, und habe den Blättern nachgeträumt; und immer ist mir noch, ich schaue in ihren Kelch, der glutumsäumt sich jäh vertieft ins Dunkle, Blaue ...

Unterm jungen Birnbaum

Unterm jungen Birnbaum standest du. An die ersten kleinen grünen Früchte rührtest du entzückt mit zartem Finger; letzte Blüten wehten um dich nieder.

Unterm jungen Birnbaum stand auch ich. Meine harten Hände rührten nicht an die kleinen grünen ersten Früchte; letzte Blüten wehten um mich nieder.

Emporsturz

Einmal, Erde, wollt ich dich küssen: ein Weib in Armen, jach Schooß an Schooß, zu Boden stürzend in rasendem Tanz. Da winkte ein Mädchen mir zum Reigen, einen weißen Mantel um die Hüften, in den tiefblauen Augen einsamen Glanz.

Glanz aus fern aufsteigenden Räumen, Glanz aus längst versunkener Zeit, Glanz des Mondes im stillen Meere, Glanz der Sterne über der Wüste: Lauterkeit.

Und da lag ich im Staub und hüllte meine grauen Haare in ihr Gewand, wie einst Josef hin vor Miriam kniete, als er den heiligen Geist empfand.

Verkündigung

Du tatest mir die Tür auf, ernstes Kind. Ich sah mich um in deinem kleinen Himmel, lächelnde Jungfrau. Du sollst einst einen großen Himmel hüten, Mutter mit dem Kind. Ich tu die Tür mit ernstem Lächeln zu.

Einst

Ich ruhe; helle Wolken fliehn; mein Herz rauscht wie das weite Feld. Flügel leuchten -- und über die Wolken steigt ein Lied: Einst brauchst du keinen Menschen mehr, du Herz der Welt! --

Stimme des Abends

Die Flur will ruhn. In Halmen, Zweigen ein leises Neigen. Dir ist, als hörst du die Nebel steigen. Du horchst -- und nun: dir wird, als störst du mit deinen Schuhn ihr Schweigen.

Feierabend

Geh nur, lieber Tag, freue dich der Nacht. Nichts bleibt unvollbracht; deines Lichtes Macht keimt im dunkeln Grund. Einst wird alles kund, hell von Mund zu Mund, was uns heut im Traum erst dämmern mag.

Manche Nacht

Wenn die Felder sich verdunkeln, fühl ich, wird mein Auge heller; schon versucht ein Stern zu funkeln, und die Grillen wispern schneller.

Jeder Laut wird bilderreicher, das Gewohnte sonderbarer, hinterm Wald der Himmel bleicher, jeder Wipfel hebt sich klarer.

Und du merkst es nicht im Schreiten, wie das Licht verhundertfältigt sich entringt den Dunkelheiten. Plötzlich stehst du überwältigt.

Aus banger Brust

Die Rosen leuchten immer noch, die dunkeln Blätter zittern sacht; ich bin im Grase aufgewacht, o kämst du doch, es ist so tiefe Mitternacht.

Den Mond verdeckt das Gartentor, sein Licht fließt über in den See, die Weiden schwellen still empor, mein Nacken wühlt im feuchten Klee; so liebt ich dich noch nie zuvor!

So hab ich es noch nie gewußt, so oft ich deinen Hals umschloß und blind dein Innerstes genoß, warum du so aus banger Brust aufstöhntest, wenn ich überfloß.

O jetzt, o hättest du gesehn, wie dort das Glühwurmpärchen kroch! Ich will nie wieder von dir gehn! O kämst du doch! Die Rosen leuchten immer noch.

Helle Nacht

Weich küßt die Zweige der weiße Mond. Ein Flüstern wohnt im Laub, als neige, als schweige sich der Hain zur Ruh: Geliebte du --

Der Weiher ruht, und die Weide schimmert. Ihr Schatten flimmert in seiner Flut, und der Wind weint in den Bäumen: wir träumen -- träumen --

Die Weiten leuchten Beruhigung. Die Niederung hebt bleich den feuchten Schleier hin zum Himmelssaum: o hin -- o Traum -- --

Aufstieg

Als Engel durch die Finsternis, so wollten wir zu höhern Sonnen; doch hab ich dich erst ganz gewonnen, als Gott uns aus dem Traume riß.

Blau fuhr sein Blitzstrahl durch die Weiten und zwang uns zur Hinunterschau; da lag die Erde grell und grau mit allen ihren Wirklichkeiten.

Wie lachte Satan auf zu mir, als du mich zu verlieren meintest. Wie schrie er selig, als du weintest: Sie träumt nicht mehr, sie lebt mit dir!

Drückende Luft

Der Himmel dunkelte noch immer; ich fühlte tief bis in mein Zimmer der fahlen Wolken vollen Schooß. Die Esche drüben drehte schwer die hohe Krone um sich her; zwei Blätter trieben wirbelnd los.

Laut tickte durch die schwüle Stube, wie durch die stille Totengrube der Holzwurm ticken mag, die Uhr. Und durch die Türe hinter mir klang dünn und schüchtern ein Klavier über den Flur.

Der Himmel lastete wie Schiefer; ihr Spiel klang immer trauertiefer, ich sah sie wohl. Dumpf rang der Wind im Eschenlaub, die Luft war grau von Glut und Staub und seufzte hohl.

Und blasser tönten durch die Wände die tastenden verweinten Hände, sie saß und sang; sang sich das Lied, in sich gebückt, mit dem sie mich als Braut entzückt; ich fühlte, wie ihr Atem rang.

Die Wolken wurden immer dumpfer, die wunden Töne immer stumpfer, wie Messer stumpf, wie Messer spitz; und aus dem alten Liebeslied klagten zwei Kinderstimmen mit -- da fiel der erste Blitz.

Aufblick

Über unsre Liebe hängt eine tiefe Trauerweide. Nacht und Schatten um uns beide. Unsre Stirnen sind gesenkt.

Wortlos sitzen wir im Dunkeln. Einstmals rauschte hier ein Strom, einstmals sahn wir Sterne funkeln. Ist denn Alles tot und trübe? Horch --: ein ferner Mund --: vom Dom --:

Glockenchöre ... Nacht ... Und Liebe ...

Stiller Gang

Der Abend graut; Herbstfeuer brennen. Über den Stoppeln geht der Rauch entzwei. Kaum ist mein Weg noch zu erkennen. Bald kommt die Nacht; ich muß mich trennen. Ein Käfer surrt an meinem Ohr vorbei. Vorbei.

Ein Grab

Das sind die Abende, die bleich verfrühten. Die Georginen, die im Sonnenscheine wie rot und gelbe letzte Rosen glühten, stehn fahl, Rosetten aus verfärbtem Steine. Der Nebel klebt an unsern Hüten.

Komm, Schwester. Dort der Zaun von Erz umgittert Eine, die zu früh verblich. Komm heim; mich friert. Sie liebte mich. Sie hatte nichts vom Leben als ihr Herz; still tat sie wohl, still litt sie Schmerz.

Klage

In diesen welken Tagen, wo Alles bald zu Ende ist, sturmzerfetzte Sonnenblumen über dunkle Zäune ragen,

Wolken jagen und den Boden flammenfarbne Blätterstürze schlagen:

da müssen wir nun tragen, was wir uns mußten sagen

in diesen welken Tagen.

Einst im Herbst

Durch den Wald, den ernsten alten Wald, sprangen drei Mädchenrangen; hatten Flammen von Abendglanz im Haar, schwangen Zweige mit rotem Herbstlaub, ließen sie prangen, ja prangen.

Kam ein Herr, ein ernster alter Herr, durch den Glanz gegangen; bot ihm eine lachend ein Zweiglein dar, schönes rotes Herbstlaubzweiglein, lachend mit blutjungen Wangen.

Stand er lächelnd, lächelnd im ernsten Wald, während sie weitersprangen; schwang sein rostrot Zweiglein im Abendglanz, sah die ihren drei flammengolden fern noch prangen, ja prangen.

Der gesunde Mann

Meine Frau ist krank, sie wird wohl bald sterben; dann kann ich lachen, dann werd’ich was erben. O, wie lieb mir das Leben im Leibe schlägt, wenn ihr Husten mir das Herz zersägt; hilf Gott.

Da sitzt sie am Ofen und lächelt ins Feuer; die Flammen röcheln so ungeheuer. Es kocht die Glut, ein Scheit zerspringt, und eine ferne Glocke klingt: hilf Gott.

Befreit

Du wirst nicht weinen. Leise, leise wirst du lächeln; und wie zur Reise geb ich dir Blick und Kuß zurück. Unsre lieben vier Wände! Du hast sie bereitet, ich habe sie dir zur Welt geweitet -- o Glück!

Dann wirst du heiß meine Hände fassen und wirst mir deine Seele lassen, läßt unsern Kindern mich zurück. Du schenktest mir dein ganzes Leben, ich will es ihnen wiedergeben -- o Glück!

Es wird sehr bald sein, wir wissen’s Beide. Wir haben einander befreit vom Leide; so geb’ich dich der Welt zurück. Dann wirst du mir nur noch im Traum erscheinen und mich segnen und mit mir weinen -- o Glück!

Trost

Du sahst eine Sternschnuppe fallen; was hebst du scheu die Hand? Sieh, kein Stern verschwand: alle leuchten noch allen.

Wunder

Niemals war es mir ein Wunder, daß die Bäume, wenn die Blätter fallen, all schon wieder voller Knospen stehn.

Immer wird nun, wenn die Blätter fallen, deine Frage mich bewegen: Kann man traurig auf dies Wunder sehn?

Kalte Frage

Wo bist du nun? Die Täler sind verschneit; es starrt der Fluß, der gestern noch sich regte. Ich staune in die bleiche Dunkelheit wie dort das Licht, das ferne, unbewegte.

Winterwärme

Mit brennenden Lippen, unter eisblauem Himmel, durch den glitzernden Morgen hin, in meinem Garten, hauch ich, kalte Sonne, dir ein Lied.

Alle Bäume scheinen zu blühen; von den reifrauhen Zweigen streift dein Frühwind schimmernde Flöckchen nieder, gleichsam Frühlingsblendwerk; habe Dank!

An meiner Dachkante hängt Eiszapfen neben Zapfen, starr; die fangen zu schmelzen an. Tropfen auf Tropfen blitzt, jeder dem andern unvergleichlich, mir ins Herz.

Kein Bleiben

Immer dichter flüchtet der Schnee. Ich steh und seh die Flocken treiben, um Straßenlichter, stumme Gesichter, immer dichter. Nur nicht bleiben: weiter, weiter, einsamer Schreiter!

Heimweh in die Welt

O wie lange litt ich’s nun, wie stumm! soll ich denn mein Herz, mein Herz noch töten? War doch dein, nur dein, in Glut und Nöten; weißt warum? Weil mein Herz so wild, weil es Meere braucht, wenn der Sturm ins Blut mir taucht, weil es deine Tiefen so gefühlt!

Doch wenn nun der Frühling wieder sprießt -- o, ich fühls, ich fühls, so stumm ich blieb -- und im warmen Sturm der junge Trieb schwillt und schießt: wird mein Herz so wild, weil es Meere braucht, wenn der Sturm ins Blut mir taucht, weil es so in alle Weiten fühlt!

Hast es doch gewußt. Damals im Mai: als uns auf der Bergwand der Blitz umlohte, als ich jauchzte und dem Donner drohte, adlerfrei: gabst mir deine Hand, mein in Glut und Schmerz, sankest mir ans wilde Herz, unten glänzte fern das deutsche Land.

Und wenn nun der Frühling blühen will und die herrlichen Blitze wieder glühn und im Sturm die Meere wieder sprühn: dann -- oh still -- gieb mir deine Hand, Einmal noch ein Schmerz, Einmal noch ein deutsches Herz, dann leb wohl, mein Weib, mein Vaterland!

Über frei Feld

Über frei Feld, mein Hund und ich; die Frühlingsluft ist dunkel. Fern staut sich ein Gewitterstrich; mein Teckel knurrt, er fürchtet sich. Komm, Teckel.

Er will nicht sehn die Himmelswand, die Sonne sticht durch Wolken; blendende Streifen ziehn durchs Land, ein Scherben blitzt wie Diamant. Komm, Teckel.

Am Saum der Saat, von Stiel zu Stiel, schleicht ungewiß sein Schatten; ein Regen sprüht wie Mückenspiel, die Tropfen flimmern ohne Ziel. Komm, Teckel.

Da: jäh am Horizont hin zuckt der erste Blitz im Jahre. Ein kurz entschlossner Donner ruckt; mein Teckel hat sich scheu geduckt. Hundsseele!

Zweiter Teil

Der Frühlingskasper

Weil nun wieder Frühling ist, Leute, streu ich butterblumengelber Kasper lachend lauter lilablaue Asternblüten hei ins helle Feld!

Lilablaue Astern, liebe Leute, Astern blühn im deutschen Vaterland bekanntlich blos im Herbst.

Aber Ich, ich butterblumengelber Kasper, streue, weil nun wieder heller Frühling ist, tanzend tausend dunkelblaue Asternblüten hei in alle Welt!

Entladung

Ich kam mit meinem Alpenstocke und offner Brust vom Berg geschlendert; begegnet mir im Ordensrocke ein Zug von Nonnen, grau bebändert, zehn schwarze Paare.

Den Blick zu Boden, steif und stumm, so kamen sie dahergestiegen; ich seh die Täler ringsherum in leichenhaftem Glanze liegen, Gewitter drohte.

Fern unten, wo noch Sonne gährte, zog durch den wolkendunkeln See ein Dampfschiff seine blanke Fährte, und Tücher winken hell Ade; ich schau nach Oben.

Wie sieht die Bergwand düster aus! Ein greller Kirchturm steht davor und fordert frech den Blitz heraus; die Tannen sträuben sich empor wie Warnungszeichen.

Und herrisch kommt der Wind gesaust, die Straße her, mit Staub und Frische, und nimmt die Birken in die Faust und schüttelt sie wie Flederwische; es donnert schon.

Die strengen Ordensröcke stieben; nur rasch vorbei, ihr armen Schwestern! ihr dürft nur tote Heilige lieben. Rasch! Eure stumpfen Blicke lästern Natur und Leben.

Ah: wie die Gletscherkanten glühn! Vom Dampfer hör ich Juchzer klingen; der Regen klatscht ins wilde Grün, und mit dem Wirbelwinde ringen vierzig Nonnenwaden.

Da hob ich meine Alpenstange und schlug ein Kreuz auf ihren Trott, und lachte laut und lachte lange, und herzlich herzlos, wie ein Gott -- sie +hörten’s+.

Anbetung

Letzter Schritt, und hoch mit mir strebt der Turm ins Licht; und vom Steigen auf zu Dir bebt mein heiß Gesicht.

Hier, wo keine Menschen sind, sieh mich niederknien! Ums Gesimse saust dein Wind, und ich fühle ihn,

wie er an das Steingerüst seine Hände legt und es schüttelt und es küßt und mein Haar durchfegt.

Durch die Glocken unter mir rauscht sein Atemstrom. Sonne, Sonne, Schöpferin, Dir bebt der ganze Dom,

den o Dein Dom überblaut, und den schaffensbang einst ein Mensch wie Ich gebaut, Mensch im Überschwang!

Ausblick

Jetzt einen Schritt, dann stürzt vom Rande mein Leben in die Schlucht hinab. Wie hängt die Sonne tief im Lande! Ich recke mich auf meinem Stande, und alle Sehnsucht fällt mir ab.

Denn dort aus Wald-und-Wolkenkränzen ragt mir erreichbar Firn an Firn. Die Wirklichkeit ist ohne Grenzen! Wie nah die fernen Dörfer glänzen, der Strom dazwischen wie ein Zwirn!

Ich lehne mich zurück mit Grauen: was ist hier groß, was ist hier klein. Da blüht ein Enzian: nun schauen zwei Menschenaugen in den blauen, einsamen, winzigen Kelch hinein.

In gelben Pollen reift der Samen, Unendlichkeiten ahnen mir; und selig ruf ich einen Namen -- du Mutter meiner Kinder, Amen, mein Leben blüht, ich danke dir!

Ideale Landschaft

Du hattest einen Glanz auf deiner Stirn, und eine hohe Abendklarheit war, und sahst nur immer weg von mir, ins Licht, ins Licht -- und fern verscholl das Echo meines Aufschreis.

Auf See

Doch hatte niemals tiefere Macht dein Blick, als da du, Abschied fühlend, still am Ufer standest, schwandest. Nur der Blick noch blieb und bebte über den Wassern.

Dunkel folgte der Schein den leuchtenden Furchen. Und ich sah den Schaum der tiefen Flut, sah dein weißes Kleid zerfließen: du Seele -- Seele -- --

Gesang vor Nacht

Im großen Glanz der Abendsonne schauert die See; sacht steigt die Flut. Im großen Glanz der Abendsonne ergreift auch mich die weite Glut. Im großen Glanz der Abendsonne braust immer feuriger mein Blut: Noch steigt die Flut -- im großen Glanz der Abendsonne.

Klarer Tag

Der Himmel leuchtet aus dem Meer; ich geh und leuchte still wie er.

Und viele Menschen gehn wie ich, sie leuchten alle still für sich.

Zuweilen scheint nur Licht zu gehn und durch die Stille hinzuwehn.

Ein Lüftchen haucht den Strand entlang: o wundervoller Müßiggang.

Dunkle Gewalt