Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3)

Part 19

Chapter 19843 wordsPublic domain

Als die Gräben nun immer mehr austrockneten, kam er zuletzt auf den Gedanken, den Alten vom Berge mal zu besuchen und ihn einfach zu fragen und zu bitten, ob er nicht wieder gut sein wolle. Also begab er sich eines Morgens in aller Frühe auf den Weg; ging aber erst auf einen Acker und grub sich einen Engerling aus. Den wollte er der Krähe mitbringen; denn unser kleiner Michel wußte, daß Krähen die Engerlinge gern essen. Und aus einem Gemüsegarten nahm er sich eine recht fette Schnecke mit; die sollte für die Möwe sein.

Damit sie ihm nicht die Tasche beschmutzten und unterwegs nicht etwa erstickten, wickelte er die zwei kleinen Tiere säuberlich in ein großes Kohlblatt und trug sie behutsam in der Hand. Natürlich, Jungens, wie ihr euch denken könnt, tat es ihm auch etwas leid um sie, daß sie lebendig aufgefressen werden sollten. Aber der kleine Michel wußte, daß alles Lebendige einmal sterben muß auf Erden; und seine halbverdursteten Schafe und die vielen unzufriedenen Menschen taten ihm doch noch etwas mehr leid als so ein häßlicher Engerling und eine schleimige Gartenschnecke. Und er wollte doch auch den Vögeln was zukommen lassen.

So kam er oben auf dem Berge an und brauchte garnicht erst über den Zaun zu klettern, weil er die Pforte offen fand; denn die hatte neulich der Geisterbeschwörer mit seinen Geheimschlüsseln glücklich aufgekrigt, und der alte Wodtke hatte vergessen, sie nach der Bespritzung wieder zu verriegeln.

Michel Krist sah die beiden Vogel fliegen, und als er an den Balken kam, wickelte er das Kohlblatt auf, nahm den Engerling in die rechte Hand, die Schnecke in die linke, und ging mit ausgebreiteten Armen ruhig der Tür des Türmchens zu. Als die Vögel in seinen flachen Händen die fetten Gewürme kribbeln sahen, vergaßen sie ihren Zickzackflug, womit sie den Leuten immer die Köpfe verwirrt hatten, dachten auch nicht an Kreischen und Krächzen, sondern freuten sich über die Leckerbissen, und die Krähe flog rechts, die Möwe links neben dem kleinen Michel entlang, bis er auf einmal drüben stillstand und ihnen die kribbligen Dinger reichte. Dann trat er in das Wärterhäuschen.

Der alte Wodtke war grade dabei, seine Leitungshähne und Klinken zu putzen, und wunderte sich natürlich nicht wenig, als plötzlich der barfuße Junge vor ihm stand, begleitet von seinen zahmen Vögeln. Und ehe er noch den Putzlappen weglegen konnte, gab Michel Krist ihm schon die Hand und sagte dazu mit lachenden Augen: Guten Morgen, lieber Vater Wodtke!

Vater Wodtke brummte guten Morgen, legte den Lappen an seinen Platz, sah sich mit seinem einen Auge den kleinen Michel durch und durch an, griff dann in seinen weißen Bart und fragte etwas weniger brummig: Was willst du denn hier oben bei mir?

Unser Michel hatte den funkelnden Blick mit ruhigem Herzen ausgehalten und gab ganz einfach und wahr zur Antwort: Ich wollte blos fragen, warum du böse bist, und warum du von den Menschen nichts wissen willst, und ob du nicht wieder gut sein möchtest?! Ich will dir auch helfen die Hähne putzen.

Der alte Wodtke lachte grimmig, und sein Blick wurde dunkler, während er sprach: Sie wollens nicht besser haben, die Menschen! Wenns ihnen zu gut geht, werden sie übermütig! genau so wie deine Schafe im Frühling.

Eine Weile wußte Michel Krist auf diese Worte nichts zu erwidern und ließ den Kopf ein bißchen hängen. Dann aber hob er wieder die Stirn und blickte mit seinen zwei hellen Augen den Vater Wodtke groß an und sagte: Ja aber, ich lasse doch meine Schafe, wenn sie verbiestert sind, ruhig blöken, und treibe sie nicht weg von mir, und laufe auch nicht weg von ihnen! Laß doch die Menschen zu dir kommen, und wehre ihnen nicht zu reden; du kannst ja nachher doch tun, was du willst! -- Und dabei mußte er leise lachen.

Und als Vater Wodtke nun mitlachen mußte, nahm Michel Krist ihn wieder beim Arm und fuhr mit rechter Bitte fort: Und wenn du’s ihnen nicht selber gestehen willst, dann laß mich hinuntergehen zu ihnen und ihnen sagen, du bist wieder gut! Ich werds schon alles so ausrichten, daß sie sich gerne mit dir vertragen -- genau so wie meine Schafe mit mir.

Da mußte der alte Vater Wodtke so furchtbar laut und herzlich lachen, daß seine beiden zahmen Vogel verschüchtert zum kleinen Michel hüpften. Und während er sich heimlich ein Tränchen aus seinem einen Auge wischte, schrie er und schlug mit der andern Faust an seine größte Leitungsröhre: Junge, du sollst mein Nachfolger werden! --

Und Michel Krist ging hinunter ins Land und richtete alles richtig aus. Und Sonntags kam er immer herauf und durfte die Hähne putzen helfen, bis er sich bald auf die Wasserleitung so gut verstand wie sein Lehrvater selber. Und als der schließlich sterben mußte, zog er wirklich statt seiner hinauf in das Wärterhäuschen, und die Leute sind heut noch zufrieden mit ihm. Den alten einäugigen Wodtke aber, trotzdem sie sich mit ihm versöhnt und ihn in Ehren begraben haben, halten sie doch noch für einen Hexenmeister; und manche behaupten, er lebe noch heimlich.

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