Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3)
Part 17
Die Ursel war nahe daran, zu weinen; der Onkel Ri hatte sicher gemerkt, daß sie den Bengels den Sternpreis nicht gönnte, darum stellte er so verschmitzte Spielregeln auf, die ihr den Kopf ganz wirblig machten. Und noch dazu wurden auch diesmal wieder lauter Ulkwörter vorgeschlagen; sogar sie selber nannte solche, sie wußte garnicht wieso eigentlich. Die zehn Wörter standen in folgender Reihe: +Elefantenküken+, +Ballettdame+, +Aquavit+, +Hundekuchen+, +Stricknadel+, +Menschenfeind+, +Rosenkranz+, +Pfropfenzieher+, +Monokel+, +Kiste+. Da konnte doch wirklich kein artiges Mädchen, das eine richtige Dame werden wollte, einen vernünftigen Sinn hineinbringen. Trotzdem brachte sie zu ihrem Erstaunen eine ganz hübsche Schnurre zustande, worin das Elefantenküken, die Ballettdame und der Menschenfeind mit all den andern Dummheiten in eine große Kiste gepackt und so lange geschüttelt wurden, bis der Menschenfeind sich zu bessern versprach. Sowohl der Onkel wie die Tante waren sehr zufrieden damit; blos das Wort Menschenfeind hatte sie zweimal gebraucht. Und das Licht gewann doch der Peter Heinz, er trug im Leutnantston Folgendes vor:
Äh, wissen schon? Elefantenküken. Äh: verliebt in Ballettdame. Sie abjeschnappt, er sich in Aquavit besoffen und Hundekuchen dazu jefressen; äh, mit Stricknadeln notabene, janz verrückt. Menschenfeind dabei jemimt: äh, Rosenkranz jebetet, Pfropfenzieher jeschluckt, Monokel injeklemmt, krepiert. Dolle Kiste.
Da mußten sie alle so kreuzvergnügt lachen, daß er einstimmig das vierte Licht bekam. „Und nun,“ sprach der Onkel Ri mit erhobenem Zeigefinger, „nachdem wir nun zur Genüge gelernt haben, worauf es bei dem Dichterspiel ankommt, darf sichs jeder wieder so leicht machen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, nur muß es nachher auch allen Andern ebenso leicht in den Schnabel passen; das nämlich ist das Allerschwerste. Und deshalb darf sich diesmal jeder zwanzig Minuten Zeit lassen.“ Aber das ließ die Ursel nicht gelten; was sollte denn der Lux von ihr denken! „Höchstens fünfzehn Minuten,“ rief sie beharrlich; denn sie wußte sehr wohl, daß Onkel Ri blos ihretwegen zwanzig vorschlug, und daß die Buben sie beim Nachhauseweg immerfort damit foppen würden. Und dann nahm sie sich so mächtig zusammen, daß sie garnicht mehr an den Sternpreis dachte und schon nach neuneinhalb Minuten als allererste fertig wurde. Die ausgegebenen Wörter hießen: +Bücherschrank+, +Drehorgel+, +Roastbeef+, +Schnapsflasche+, +Radieschen+, +Blauschwänzchen+, +Kirchturm+, +Gemüsewagen+, +Puppentheater+, +Glasfabrikation+. Und siehe da: das fünfte Licht wurde auf Antrag der beiden Heinze einstimmig der Ursel zugesprochen. Ihre Geschichte lautete:
Ein Blauschwänzchen hatte Freundschaft mit einem Radieschen geschlossen. Sie waren aber beide sehr arm, und das Blauschwänzchen litt manchmal großen Hunger. Das Radieschen, dessen Kusinen öfters auf dem Gemüsewagen zur Stadt gefahren waren, sagte zu dem Blauschwänzchen: Fliege doch auch mal in die Stadt, da gibt es Roastbeef und Leipziger Allerlei. Aber das Roastbeef war zu grob für das Blauschwänzchen, und das Leipziger Allerlei war versalzen. Da wollte es sich bei einem Puppentheater als Singvögelchen anstellen lassen; aber es kam nur ein Mann mit einer Schnapsflasche, und eine Drehorgel wurde gespielt, und auf der Bühne stand ein Bücherschrank, aber zu essen gab es nichts. Der Mann war der Theaterdirektor und sagte zu dem Blauschwänzchen: Ich rate dir die Glasfabrikation zu erlernen, dabei kann man viel Geld verdienen und sich die feinsten Sachen kaufen. Aber die Glasfabrikation war für das Blauschwänzchen eine viel zu heiße Arbeit. Da flog es auf den Kirchturm hinauf und sah sich nach allen Seiten um und flog wieder zurück aufs Feld; und weil es noch immer hungrig war, fraß es das kleine Radieschen auf. Als es aber damit fertig war, fiel dem Blauschwänzchen plötzlich ein, daß das Radieschen sein Freundchen gewesen war; und nun grämte es sich so sehr, daß es wie unsinnig hin und her flog und sich endlich zu Tode flog. Dicht bei dem Kirchturm in der Stadt ist es aus der Luft heruntergefallen.
Die Ursel konnte es garnicht fassen, daß die Andern die Geschichte so lobten. Und kaum hatte der Heinz Lux ihr das Licht geholt, als die Uhr Mitternacht zu schlagen anfing, und draußen auf der Straße wurde „Prost Neujahr“ gerufen. Nun stießen sie alle mit den Punschgläsern an, und da fiel der Ursel der Sternpreis wieder ein, denn nun wurde ja gleich der Weihnachtsbaum geplündert. Merkwürdig, daß ihr jetzt auf einmal garnichts mehr an dem Leckerkram lag; es war doch eigentlich das Schönste, daß schließlich jeder gesiegt hatte. Aber da sprach der Onkel Ri: „Jeder von uns, meine Herrschaften, hat heute Abend ein Licht gewonnen, aber die Ursula ist die Jüngste und weiß noch am wenigsten von der Welt; also hat sie am meisten aus sich selbst ersonnen, und deshalb gebührt der Sternpreis ihr.“
Und als nun die Heinze ganz ehrlich Beifall klatschten, da stieg ihr die Glückseligkeit so siedend heiß in die Augen hoch, daß sie der Tante Li um den Hals fiel, damit die Andern das Tränchen nicht sehen sollten. Und sie nahm sich vor, die leckersten Zacken beim Nachhauseweg den Buben zu geben, besonders aber dem frechen Heinz Lux, den sie doch eigentlich garnicht leiden konnte.
Der Allerseelenspiegel
Eine Traumgeschichte
Es fing schon an dunkel zu werden, und Liselotte saß noch immer ganz alleine in dem großen Hause, in dem es so schaurig nach Essig roch und weißen Blumen. Denn vorgestern Nacht war der Großvater gestorben, und jetzt waren Alle hinaus nach dem Friedhof, um ihn begraben zu helfen; darum saß sie allein.
Sie fürchtete sich aber garnicht. Denn sie war schon fast sieben Jahre alt, und Großvater hatte immer gesagt: wer sich fürchtet, der kommt nicht in’n Himmel.
Blos hungern tat sie ein bißchen. Aber von Tante Agathens Topfkuchen, der in der dunklen Stube stand, mochte sie lieber nichts nehmen heute: weil alles so sehr nach Essig roch. Also sah sie zum Fenster hinaus.
Sie traute sich aber nicht aufzumachen: weil sonst auch der schöne Blumengeruch mit wegging. Darum legte sie nur das Kinn auf das Fensterbrett, und sah hinunter über den Fluß, und drüben den schwarzen Bergwald hinauf, wo oben der runde Mond schon glänzte, ganz still wie ein Spiegel.
Wenn der nun auf einmal herunterrollte! den hohen Berg und ins Wasser. Denn Großvater hatte immer gesagt, es sei gar kein Spiegel; es sei eine schwere steinerne Kugel, viel schwerer als ein Zentner.
Die würde dann also alles totschlagen: die Bäume, die Schiffe und die Häuser, und Großvaters Lehnstuhl, in dem sie saß. Und Liselotte machte die Augen zu: weil sie sich doch nicht fürchten wollte.
Denn er konnte ja garnicht herunterrollen. Er war ja festgebunden an den Himmel, vom lieben Gott, mit unsichtbaren Ketten.
Wenn er nun aber +doch+ herunterrollte? -- Da faltete sie die Hände zusammen, und machte die Augen noch fester zu, und betete heimlich ein Lied, das Großvater ihr gedichtet hatte:
Ich heiße Liselotte, ich will zum lieben Gotte. Ach, Mondchen, leuchte mir empor und öffne mir das Himmelstor, ich bin so sehr alleine!
Ich will dir auch was schenken: lila Bulabenken. Die wachsen hinter Wundertal alle hundert Jahre mal; such, dann sind sie deine!
Und als sie das gebetet hatte, kam ihr der Mond auf einmal so wunderlich vor, daß sie die Augen garnicht mehr aufmachen mochte, wie im Traum. Ganz hell und offen stand der goldne Kreis da oben, daß man nur einfach hineinzugehn brauchte, dann war man im Himmel.
Blos großen Hunger mußte er auch wohl haben; noch größeren als sie selber. Denn solchen großen dunkeln Mund, wie er in seinem blanken Gesicht jetzt machte, hatte sie nie im Leben gesehen.
Aber von Tante Agathens Topfkuchen konnte sie ihm doch wirklich nichts bringen; da waren ja nicht einmal Mandeln drin. Also nahm sie ihr neues Handkörbchen mit, das silberne, und ging durch den Garten die Gasse hinunter, wo der Konditor Friedrich Zerwes wohnte, und kaufte zwei Stückchen frische Nußtorte; davon wollte sie ihm eins abgeben.
Als sie nun immer weiter wanderte, über die Brücke den Berg hinauf, kam sie auch an dem Friedhof vorbei, in dem der Großvater begraben lag; dicht neben Mutterchen, hatte Vater gesagt. Und auch ihr Schwesterchen Liselore lag da; das hatte sie aber nicht mehr gekannt. Und als sie durch das dunkle Gittertor sah, da brannten lauter Lichter auf all den Gräbern, und weiße Blumen blühten dazwischen, denn es war Allerseelentag.
Da wollte sie schnell noch erst nachsehen, ob Großvaters Seele wirklich noch lebte; denn neulich hatte er ihr erzählt, daß man die Seele nicht mitbegraben könne. Aber da suchten schon so viel fremde Leute nach Seelen, daß sie sich zwischen den tausend Lichtern verirrte; und als sie endlich müde beiseite ging, da war auch der Mond oben weggegangen, und Keiner kümmerte sich um sie.
So stand sie traurig mit ihrem Körbchen im Dunkeln, da wo die Gräber der Armenkinder sind, und wollte fast schon zu weinen anfangen, so sehr alleine war ihr zumute.
Auf einmal regte sich etwas hinter ihr, und als sie erschrak und sich umdrehte, kam zwischen den Gräbern ein kleines Mädchen auf sie zu, mit einem geflickten Röckchen an und einer lila Schürze darüber. Das hatte solche goldigen Augen, daß Liselotte im stillen dachte: noch schöner als mein silbernes Körbchen.
Das arme Mädchen aber sprach leise: ich habe nichts weiter für mein Schwesterchen -- und dabei holte es unter der Schürze einen kleinen kreisrunden Spiegel hervor und stellte ihn auf ein kahles Grab.
Da wollte doch Liselotte sie trösten, und streichelte freundlich den kleinen Hügel und kniete wie sie vor dem Spiegelchen nieder. Als sie nun aber hineinblickte so: siehe, da waren die tausend Lichter des ganzen Friedhofs darin zu sehen, und alle die weißen Blumen dazwischen, daß ihr das Körbchen fast hinfiel vor Staunen, und war Ein Glanz und Eine Herrlichkeit.
Das arme Mädchen aber lächelte nur und nickte Liselotten still zu; und ganz glückselig zeigten sich beide, wie reich nun das Grab des Schwesterchens war, viel reicher als irgend ein anderes.
Und manchmal kamen auch fremde Leute vorbei; die merkten, wie sehr sie sich freuten zusammen, und wollten nun sehen, warum und wieso, und bückten sich neugierig über das Hügelchen.
Aber mit ihren dicken Köpfen, sobald sie dem Spiegel zu nahe kamen, sahen sie nichts als ihr eignes Gesicht, als ob sie selbst da im Grabe säßen, bis an den Hals. Da krigten sie Furcht vor dem armen Mädchen, und alle liefen rasch wieder weg.
Blos Liselotte, die niemals sich fürchtete, blieb wie im Himmel neben ihr sitzen, und strich ihr das Röckchen glatt und sagte: Wie wird sich nun aber dein Schwesterchen freuen, daß alle Seelen vom ganzen Friedhof in ihrem Spiegel beisammen sind! Mein Großvater ist auch darunter! und Mutterchen!
Dann machte sie heimlich ihr silbernes Körbchen auf und wollte die Nußtorte mit ihr teilen, und dabei fragte sie: Wie heißt du denn?
Da lächelte wieder das arme Mädchen, und blickte noch goldiger vor sich hin, und sagte leise, als ob sie träumte:
Ich heiße Liselore. Ich komm vom Himmelstore. Ich sah mein Schwesterchen hier stehn, es wollte in den Mond hingehn, es stand so sehr alleine.
Es wollt dem Mond was schenken: lila Bulabenken. Komm, Schwesterchen, nach Wundertal in den Allerseelensaal: sieh, nun sind sie deine!
Und während sie das sagte, war sie aufgestanden, und hatte ihr lila Schürzchen abgebunden, und schwenkte es hoch im Kreise mit beiden Händen über sich. Und plötzlich war sie gar kein kleines Mädchen mehr, sondern eine große lila Blume; die neigte sich tief zu Liselotte hernieder und nahm sie mit den Blättern zu sich hoch und setzte sie sanft in ihren Blütenschooß.
Und als nun Liselotte nach dem Spiegelchen sah, da wurde es größer und immer größer, viel größer als der Mond vorhin, und stand weit offen wie ein goldener Saal, und drinnen bewegten sich leuchtende Säulen; die waren durchsichtig wie Lichter im Wasser, viel tausend tausend und immer mehr, als ob sie mit einander tanzten. Und plötzlich schrie sie laut auf vor Schreck und mußte weinen vor Seligkeit; denn ganz weit hinten kam auch ihr Mutterchen her und leuchtete heller als alle die andern.
Und als sie die Augen noch weiter aufmachte, stand Vater im Mondschein neben Großvaters Lehnstuhl, und Tante Agathe wischte die Tränchen vom Fensterbrett, und Alle lobten die kleine Liselotte, wie schön allein sie zuhause geblieben war, und daß sie sich garnicht gefürchtet hatte.
Kleinkindergeschichten
1) Tippel und Tappel
Ist euch schon einmal langweilig zumute gewesen? Dann paßt mal auf, wie lustig man mit sich selber spielen und sich die Zeit vertreiben kann!
Auf dem Dachsfell vor Großvaters Schlafstube saß der kleine Peter, und hatte seine Schuhchen ausgezogen, und besah sich seine dicken, drallen, rosablanken Beinchen mit den blau und rot gestreiften Socken dran. Auf einmal aber waren es gar keine Beinchen mehr, sondern er legte sich auf den Rücken und hob sie in die Luft, da waren es zwei große richtige Soldaten, und der eine hieß Tippel, der andere Tappel.
Tippel hatte eine rote Nasenspitze, und Tappel eine blaue; denn sie waren eben erst von draußen gekommen, und draußen war es furchtbar kalt.
Nun kommandierte der kleine Peter: rrührt euch, marrsch -- ganz wie der große Herr Leutnant auf dem Exerzierplatz. Und da schwenkte erst Tippel die rote und dann Tappel die blaue Nasenspitze hin und her, und hatten wunderschöne blau und rot gestreifte Jacken an, und Peter kommandierte immerfort: rrechts schwenkt, llinks schwenkt -- rechts schwenkt, marsch! --
Das ging so eine ganze Weile lang; bis Tippel und Tappel wütend wurden. Denn sie waren währenddem warm geworden, und waren nun beide eigentlich müde, und wollten dem kleinen Peter nicht mehr recht gehorchen. Also fingen sie an zu zappeln und zu strampeln.
Halt! schrie da plötzlich der kleine Peter, ganz wie der große Herr Leutnant auf dem Exerzierplatz. Denn er war nun auch warm und wütend geworden und wollte Großvaters lange Flinte aus der Schlafstube holen und die beiden faulen Soldaten totschießen.
Aber da krigten die solchen Schreck, daß sie bautz zurück auf das Dachsfell fielen; und da waren es wieder zwei kleine dicke Beinchen mit blau und rot gestreiften Socken dran.
2) Der Sonnenstrahl
Ganz hoch oben über den Wolken wohnte einmal ein Sonnenstrahl, ein richtiger Spinnefix; dem war die Zeit zu lang, und deshalb ging er immer mit den Wolken spielen. Ich sage euch, ganz prachtvoll kann man damit spielen! Morgens spielte er Ball mit ihnen, oder Greifen, und Abends Schaukelpferd; und manchmal ließ er seine langen gelben Beine bis auf den Mond herunterbaumeln, oder er schoß kobolz, quer über die blaue Himmelsrutschbahn. Und wenn er einmal hinpurzelte, dann tat es garnicht weh; denn wißt ihr, Wolken sind noch viel, viel weicher als ein Federbett.
Eines Tages aber purzelte er nicht auf eine Wolke, sondern zwischen zweien mittendurch, und fiel auf die Erde, in den Potsdamer Schloßpark; da lag er unter einer großen Kastanie, nachmittags um sieben, ganz blaß und schmal, im grünen Gras. Doch weil es ringsherum sehr still war, bekam er wieder Mut und fing ein lustiges Liedchen zu summen an, das seine Mutter Sonne ihm eingelernt hatte:
Ich bin so blank wie Butter, ich hab eine goldne Mutter, ich laufe schneller als alle Pferde, und manchmal fall ich auf die Erde; kribbel, krabbel, kringel, was wird nun aus dem Schlingel?
Auf einmal kam der Bäckermeister Paul Lommatsch anspaziert, der die schönen gelben Prezeln zu backen versteht, und sah den blanken Sonnenstrahl so durch den grünen Schatten krabbeln, und blieb stehen. Na! dachte der Sonnenstrahl: was will denn +der+ von mir? und machte sich ganz klein vor Angst. Der dicke Herr Lommatsch aber sah ihn doch und brummelte vergnügt: „Ei, was für’n schöner gelber Sonnenstrahl! Da wolln wir mal ’ne Prezel draus backen; und wenn so’n rechter braver Goldbub in meinen Laden kommt, dann krigt er die.“ Und grips-graps hob er den Sonnenstrahl auf und steckte ihn in die Tasche.
Nun braucht ihr aber nicht traurig zu sein, weil einer von euch die Prezel vielleicht geschenkt bekommt und den schönen Sonnenstrahl dann mit aufißt. Denn seht ihr, ich kenne den Herrn Lommatsch, und der hat mir neulich ins Ohr gesagt: das schad’t dem blanken Spinnefix nix. Denn wenn ihr dann recht fröhlich hinaufguckt in den blauen Himmel, dann wird der Sonnenstrahl wieder lebendig und kommt aus euern hellen Augen herausgekrabbelt und springt mit Einem Blutz auf die nächste weiße Wolke hinauf und fliegt zurück zu seiner goldenen Mutter.
3) Die Pfauenfeder
Jetzt will ich euch aber eine ganz, ganz wahre Geschichte erzählen; die fängt auf einem Heuwagen an und hört im obersten Himmel auf.
Der Heuwagen nämlich kam von der Wiese; und obendrauf, da saß der kleine Richard, mitten zwischen dem frischen Heu, das süßer roch als Tee und Honigkuchen, und hatte eine grüne Sammtmütze auf, mit einer herrlichen Pfauenfeder dran. Die hatte seine liebe Mutter ihm selbst angenäht; und deshalb, und weil sie gar so herrlich grün und blau und goldbunt aussah, war seine Mütze ihm schrecklich lieb.
Auf einmal, als er in dem süßen Heu schon beinah einschlafen wollte, kam hui ein Wind übers Feld, nahm ihm die Mütze mir nichts dir nichts aus den Locken und warf sie auf die Erde.
Der kleine Richard, der immer schon ein großer Wildfang war, bekam erst einen mächtigen Schreck, dann sprang er schnurstracks seiner lieben Mütze nach, bautz von dem hohen Wagen herunter.
Eine Weile lang sah er nichts als schwarze Nacht und hörte immerfort den Himmel brausen. Die Erde fühlte er überhaupt nicht mehr, blos einen furchtbaren Ruck im Kopf, der garnicht aufhören wollte, als ob ein hohles Faß mit ihm durch einen dunkeln Keller rollte, und seine Beine lagen ganz weit weg von ihm.
Endlich wurde es wieder etwas heller: viel tausend silberne Sterne tanzten durch die schwarze Nacht. Und zwischen den Sternen sah er seine Pfauenfeder fliegen, und sah sie größer und immer größer werden, und immer grüner, blauer und goldbunter funkeln, wie eine große goldbunte Schaukel. Und plötzlich saß auf dieser großen Schaukel seine liebe Mutter, und hatte hellblaue Engelsflügel an, und flocht sich ihre langen schönen Haare, und schwebte immer höher vor ihm her.
Da fing der wilde Richard an zu weinen, weil seine liebe Mutter ihn garnicht dabei ansehen wollte; und so sehr weh war ihm ums Herz, daß er die kleinen Arme hochheben mußte, immer höher, bis über die silbernen Sterne hoch -- und da auf einmal wurde der ganze Himmel hell, denn seine liebe Mutter hatte ihn angesehen, so tief ins Herz, daß er die Augen zumachen mußte.
Und wie er sie schüchtern wieder aufmachte, da hatte Mutter ihn auf dem Schooß und streichelte seine heißen Locken, und sagte weinend: du böser, böser Junge du!
Im Grase aber, neben ihr, lag seine schöne Sammetmütze mitsamt der Pfauenfeder; und als er nun verwundert danach langte, da sah die liebe Mutter gleich wieder ebenso selig aus, wie oben über den Sternen, und küßte ihn. Und seht ihr, da merkte der kleine Richard, daß er vom Heuwagen ’runtergefallen und dann im obersten Himmel war, und daß der auf der Erde liegt.
Das Märchen vom Maulwurf
Vor vielen tausend Jahren, als die Menschen noch keine Kleider trugen, lebte mitten in der Erde ein Zwerg, so tief unten, daß kein Mensch etwas von ihm wußte. Und er selber wußte von den Menschen auch nichts; denn er hatte sehr viel zu tun. Er war ein König über die andern Zwerge, und schon fünf mächtige Höhlen hatte er sich ausputzen lassen, und war ganz alt und grämlich dabei geworden, so viel hatte er zu befehlen.
Es war aber nicht dunkel da unten in den Höhlen, sondern eine glänzte immer bunter als die andre, so viel Diamanten und Opale hatte das Zwergvolk drin aufgebaut, und die Wände waren von blankem Kristall, jede in einer besonderen Farbe. Und da saß nun der König der Zwerge, in seinem Mantel von schwarzem Sammet, auf einem großen grünen Smaragdstein, und faßte sich an seine spitze Nase und überlegte mit seinen alten Fingern, ob auch alles hell genug wäre. Er fand es aber durchaus nicht hell genug.
Da machten ihm die andern Zwerge eine sechste Höhle zurecht, mit Wänden von lauter Rubinen, die wie ein einziger Feuerschein glühten, und das dauerte tausend Jahre; aber er fand auch Das noch nicht hell genug. Als er nun immer trauriger wurde in seinem schwarzen Sammetmantel, kamen die andern alle zusammen, und die Jüngsten sagten zu den Alten: kommt, laßt uns eine +blaue+ Höhle machen!
Dafür wären sie beinahe totgeschimpft worden, denn bis dahin hatte das Zwergvolk die blaue Farbe nicht leiden können. Weil aber alle andern Farben in den sechs Höhlen schon durchprobiert waren, sagten endlich auch die ältesten Zwerge ja und gaben den jungen die Hände. Dann gingen alle an die Arbeit und putzten heimlich eine siebente Höhle aus, mit Wänden von echten Türkisen, die so hell und blau wie der Himmel waren, und das dauerte wieder tausend Jahre.
Die gefiel nun dem König wirklich, und der allerälteste Zwerg, der fast so alt wie der König selbst war, schoß vor Verwunderung einen Purzelbaum. Darauf trugen sie den großen Smaragdstein in die neue Höhle hinein, und der König setzte sich auf ihn und freute sich, wie schön sein schwarzer Sammetmantel zu den hellblauen Wänden paßte. Nachdem er aber fünfhundert Jahre so gesessen hatte, fand er auch Das nicht mehr hell genug; er wurde trauriger als je zuvor und seine Nase immer spitzer.
Fünfhundert Jahre saß er noch und überlegte seinen Kummer, sodaß er schon ganz fett zu werden anfing. Endlich ertrug er das nicht länger, ließ sich die jüngsten Zwerge kommen und sagte: macht mir eine Höhle, die ein Licht hat wie alle Farben in +eine+ verschmolzen! Das aber verstanden auch die allerjüngsten nicht, und glaubten, ihr König sei verrückt geworden.
Da beschloß er, sie zu verlassen und selbst nach seinem hellen Lichte zu suchen. Er stieg herunter von seinem Smaragdstein, und schnitt den schwarzen Sammetmantel etwas kürzer, sodaß er Hände und Füße frei bewegen konnte, und fing an zu graben. Weil aber unten in der Erde die Andern schon alles abgesucht hatten, so meinte er, das Licht, wonach er solche Sehnsucht fühlte, müsse wohl weiter oben liegen, und grub sich in die Höhe; und weil das Zwergvolk damals den Spaten noch nicht erfunden hatte, so mußte er die Finger zum Wühlen nehmen. Das tat ihm nun sehr weh, denn er war das nicht gewohnt; aber er hatte solche Sehnsucht nach dem Licht.
Dreitausend Jahre wühlte der König der Zwerge und grub sich höher und höher hinauf. Die Haut um seine Finger war schon ganz dünn davon geworden, sodaß die kleinen Hände ganz rosarot aus seinem schwarzen Sammtmantel kuckten; aber immer sah er das Licht noch nicht. Nur tief von unten schimmerte noch ein blaues Pünktchen zu ihm herauf, aus seiner siebenten Höhle her; aber um ihn und über ihm war alles schwarz. Auch etwas magerer war er geworden, und die Nase noch spitzer.
Da überlegte er, ob er nicht lieber zu seinem Volk zurückkehren sollte; aber er fürchtete, dann würden sie ihn absetzen und wirklich in ein Irrenhaus sperren. Also ging er aufs neue an die Arbeit mit seinen rosaroten Zwerghänden, und grub nochmals dreitausend Jahre lang, und es wurde immer dunkler um ihn her, bis schließlich auch das blaßblaue Pünktchen tief unten hinter ihm verschwand. Als er nun garnichts mehr sehen konnte, hörte er auf zu wühlen und sprang in die Höhe und wollte sich den Kopf einstoßen, so furchtbar traurig war ihm zumute.
Da ging auf einmal die Erde entzwei über ihm, und er schrie laut auf vor Entzücken und schloß die Augen vor hellem Schmerz, so viele Farben gab es da oben, als ob ihn tausend bunte Messer stachen, bis ins Herz. Denn hoch im Blauen über der Erde, viel höher als er gegraben hatte, so hell wie alle Farben in +eine+ verschmolzen, stand eine große strahlende Kugel, und Alles war Ein Licht.