Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3)
Part 16
O komm, komm! Tausend Früchte warten, dein goldner Apfel pflückt sich leicht; denn Jedem öffnet sich der Garten, wer sinnt, wie man den Baum erreicht.
Kommt, seht ihn schimmern! Heut aufs neue erfüllt sich, was die Schrift verhieß: Einst pflanzte, daß der Mensch sich freue, Gott einen Baum ins Paradies.
Ruprecht
hat inzwischen die Teller der Kinder mit Pfefferkuchen, Nüssen, Äpfeln gefüllt und tritt nun zu der kleinen Veradetta:
Möchtest du wohl in den Garten, wo so schöne Äpfel warten? Ja? -- Dann mußt du fein sittsam sein.
Mußt dich nicht so wild geberden, mußt so wie die Christfee werden. Es ist garnicht schwer; kuck mal her!
Muß dir nur recht viel dran liegen, auch zwei Flügelchen zu kriegen. Wenn du groß bist, ah: dann sind sie da.
Die Christfee
zum kleinen Peter-Heinz, eindringlich:
Und Du, mein kleiner Heinzelmann, machst dich gern zu wichtig. Sieh dir mal den Ruprecht an: siehst du, +der+ machts richtig.
Jedem schenkt er was und lacht, aber höchst bescheiden; daß man dumme Witze macht, kann er garnicht leiden.
Und wer mault, den haut er sehr, und dann sagt er: schade! -- So, nun sag uns auch was her, und halt den Kopf hübsch grade!
Heinz
sagt mit seiner verschmitztesten Miene folgende Schnurre (von Paula und Richard Dehmel) auf:
Der Esel, der Esel, wo kommt der Esel her? Von Wesel, von Wesel, er will ans schwarze Meer.
Wer hat denn, wer hat denn den Esel so bepackt? Knecht Ruprecht, Knecht Ruprecht mit seinem Klappersack.
Mit Nüssen, mit Äpfeln, mit Spielzeug allerlei, und Kuchen, ja Kuchen aus seiner Bäckerei.
Wo bäckt denn, wo bäckt denn Knecht Ruprecht seine Speis? In Island, in Island, drum ist sein Bart so weiß.
Die Rute, die Rute, die ist dabei verbrannt; heut sind die Kinder artig im ganzen deutschen Land.
Ach Ruprecht, ach Ruprecht, du lieber Weihnachtsmann, komm auch zu +mir+ mit deinem Sack heran!
Ruprecht
lachend, indem er in den Sack langt:
Na! dann muß der Ruprecht wohl seine Rute rasch verstecken; denn er hat die Jungens gern, die nicht gleich vor ihm erschrecken.
Hier, mein kleiner tapfrer Mann, schenk ich dir ein Spiel Soldaten.
Noch eine Schachtel herausnehmend:
Und in diesem Kasten steckt Handwerkzeug zu andern Taten.
Peter Heinz! Soldat sein heißt: fürcht dich nit und lern brav hauen! Aber noch viel braver ist es, lernst du recht was Schönes +bauen+.
Jedes Werkzeug sagt dir: lerne festen Griff mit Fug und Fleiß --
Die Christfee
neckend:
denn das hat der Ruprecht gerne, daß man zuzugreifen weiß.
Dann den andern Heinz anredend:
Und Heinz Lux -- sieh blos mal her: Rehe, Hirsche und ein Bär, Hühner, Hasen, Füchse, Raben: gelt, die möchtest du wohl haben?
Ja? Dann mußt du aber balde wie der Jägersmann im Walde aufmerksam und achtsam werden, darfst dich nicht wie’n Tapps geberden.
Sonst wird gleich der Eber hier dreimal größer als die Tür, kommt und stößt dich mausetot, ißt dich auf zum Abendbrot.
Wenn du aber orndtlich bist, bleibt das alles, wie es ist; und dann kannst du mit den vielen wilden Tieren ruhig spielen.
Ruprecht:
Na, und Du, Prinzeßchen da, Veradetta, ganz in Seide, kannst wohl auch ein Liedchen? ja? Ei, dann mach uns mal die Freude!
Detta
die Hände faltend:
Ihr Kinderlein, kommet, o kommet doch all, o kommet zur Krippe in Bethlehems Stall, und seht, was in dieser hochheiligen Nacht der Vater im Himmel für Freude uns macht!
O seht, in der Krippe, im nächtlichen Stall, seht hier bei des Lämpchens still glänzendem Strahl in reinlichen Windeln das liebliche Kind, viel schöner, viel holder, als Engel wohl sind.
Da liegt es, ach Kinder! auf Heu und aus Stroh; Maria und Josef betrachten es froh, die redlichen Hirten knien betend davor, hoch oben schwebt jubelnd der himmlische Chor.
Ruprecht
hat dem alten Lied mit Andacht zugehört, nickt und sagt:
Das war wirklich wunderschön, ja, das muß ich sagen!
Ein Geschenk vorholend:
Dafür krigst du, sieh mal, den reizenden Kinderwagen.
Die Christfee:
Und in lauter Silberflaum, ei, welch Engelspüppchen! Und da unterm Tannenbaum, sieh nur, steht ein Stübchen.
O, wie wird sich Püppchen freun, wenn du’s da wirst wiegen! braucht nicht wie arm Jesulein in einem Stall zu liegen.
Liegt und lacht, o sieh doch, ganz wie klein Liselotte, Schwesterchen im Lichterglanz, träumt vom lieben Gotte.
Träumt von einer andern Welt, die wir hier nur ahnen; da sät Gottes Mutter hell ihren Sternensamen.
Ruprecht:
+Euer+ Mutting aber krigt diese bunte Schürze, drin ein Bündel Scheren liegt jeder Läng und Kürze. Damit soll sie säuberlich Vaters Dichterflügel putzen und ihm, übereilt er sich, seine wilden Federn stutzen.
Er legt das Geschenk auf den Weihnachtstisch, greift dann weiter in den Sack:
Und für Onkel Mombert hab ich einen Leuchter aufgegabelt, in Gestalt des rasenden Drachens, über den die Sage fabelt, daß er einst das ewige Licht losriß aus den finstern Gründen; mag er nun dasselbe Licht dir im Kämmerlein entzünden!
Dann eine Flasche Benediktiner auspackend:
Onkel Scheerbart -- ha! -- der krigt diesen Seelenwärmer; seht, schon macht er ein Gesicht wie’n religiöser Schwärmer!
Hier können, je nach Mehrbedarf, weitere Bescherungsreime eingestickt werden; wie überhaupt die Einzelheiten der Bescherung nur als Anleitung zu ähnlichem Mummenschanz gemeint sind.
Tante Lisbeth, brumm brum brumm, will ich lieber meiden; denn die kann, Gott weiß warum, den Weihnachtsmann nicht leiden.
Aber unsre Guste hier, unser Hausmamsellchen, daß sie nicht beim Ausgehn frier, krigt ein warmes Fellchen.
Er nimmt sich die Pelzjacke von der Schulter und hängt sie dem Dienstmädchen über. Steht nun in einem abgetragenen blauen Arbeitskittel da und sagt zur Christfee:
Na, und jetzt, mein Schwesterlein, können wir wohl gehen. Oder fällt dir noch was ein? Siehst mir gar so ernsthaft drein. Warum bleibst du stehen?
Die Christfee:
Ich hab ein Wort vernommen, das läßt mich nimmer los. Ich mag zum Ärmsten kommen, und sei er ganz beklommen, ich sage immer blos: liebe!
O -- dann atmet Jeder wärmer; war doch Er noch viel, viel ärmer, der das Wort einst sprach. Selbst die stummste Menschenseele, ob ihr jeder Laut sonst fehle, stammelt heimlich nach: ich liebe.
Aller Orten, aller Zungen, Jedem ist es schon erklungen, selig oder scheu. Jedem wohnt das Blümlein inne, dem ich jetzt ein Lied beginne, Lied so alt wie neu:
Nachdem auf dem Klavier die Weise angeschlagen ist, spricht die Christfee jede Zeile einzeln vor und Alle singen Zeile für Zeile nach:
Es ist ein Reis entsprungen aus einer Wurzel zart; wie uns die Alten sungen, vom Himmel kam die Art. Und hat ein Blümlein bracht, mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht.
Das Blümlein war so kleine und doch von Duft so süß; mit seinem milden Scheine verklärt’s die Finsternis. Und blüht nun immerdar, tröstet die Menschenkinder, holdselig, wunderbar.
Ein Stern mit hellen Gleisen hat es der Welt verkündt, den Kindlein und den Weisen, wie man dies Blümlein findt. Nun ist uns nicht mehr bang, seit aus der dunklen Erde solch leuchtend Reis entsprang.
Ruprecht
nach kurzem Schweigen:
Amen! -- Ja, geliebte Kinder, voller Wunder ist die Welt; solch ein Lied ist doch noch schöner als das schönste Spielzeug, gelt?!
Die Christfee
zu den Großen gewendet:
Fühlt denn, wie aus zweien Landen Bruder sich und Schwester fanden; Ruprecht, gib mir deine Hand! Ich aus Morgen, Er aus Abend, Ich im Silberkleid, Er trabend in verwittertem Gewand. Beugt euch Ihm, dem Überlegnen: er kann wirken, ich nur segnen, er bringt Frucht, ich will nur Licht. Ich aus Süden, Er aus Norden, seine Welt ist stark geworden --
Ruprecht
ihr den Mund zuhaltend:
ja, daß sie mich fast unterkrigt; Schwesterherz, blamier mich nicht! --
Dann wieder zu den Kleinen:
Und nun wüßtet ihr wohl gerne, wer das ist, der Weihnachtsmann --
sich den weißen Bart und alten Hut abnehmend:
das ist euer lieber Vater, schaut ihn euch nur näher an!
Und die Christfee mit den Flügeln --
ihr den Schleier und das Diadem abnehmend:
das ist eure Mutter, seht! Und so ists mit all den Wundern, die ihr anfangs nicht versteht.
All das Schöne auf der Erde, das ihr einzusehn begehrt, wird von Vater oder Mutter, wenn es Zeit ist, euch erklärt.
Auch die Englein, Mond und Sterne, und das liebe Jesuskind, und der gute Gott im Himmel, und was sonst für Märchen sind.
Denn das alles, Kinder, alles, was die Erde schöner macht, ist von lieben, guten, klugen Menschen langsam ausgedacht.
Ist drum aber nicht gelogen; nein, was Haupt und Herz verklärt, Abglanz ist es einer wahren Zauberkraft, die ewig währt,
die von Stern zu Stern geheime Lichtbefehle traumhaft schickt und euch weihnachtshell begeistert, wenn ihr gläubig aufwärts blickt.
Nachdem er seine Kinder der Reihe nach auf die Stirn geküßt hat:
So, nun spielt und freut euch sehr! Übers Jahr erzähl ich mehr.
Vom Klavier ertönt aufs neue die Chorweise „Tochter Zion, freue dich!“
Das Dichterspiel
Jedes Jahr am Sylvesterabend machte die kleine Ursula bei Tante Li und Onkel Ri Besuch, und diesmal hatte sie ihren Vetter Heinz Peter und seinen Freund Heinz Lux mitgebracht, die beide schon etwas größer waren. Es sollte das Dichterspiel gespielt werden; und die Ursel, die nun bald dreizehn Jahre alt wurde, war ganz aufgeregt vor Spannung, ob sie wohl auch einen Preis kriegen könnte, oder ob ihr die großen Bengels, die immer alles besser wußten, wieder eine lange Nase drehn würden.
„Zu dem Dichterspiel“, erklärte der Onkel Ri, „gehört nichts weiter, meine Herrschaften, als die nötige Menge Papier und Bleistifte, ein bißchen Zeit und ein bißchen Grips. Jeder von uns sagt zwei Hauptwörter, und die schreiben wir alle auf. Dann muß jeder um diese Wörter herum eine kurze Geschichte dichten und natürlich auch aufschreiben, innerhalb einer bestimmten Frist. Da wir fünf Dichter sind, kommen zehn Wörter ins Spiel; setzen wir also zehn Minuten Frist! Nachher liest jeder seine Geschichte vor, und wir stimmen ab, wer die beste ersonnen hat; der darf sich als Preis ein Licht vom Weihnachtsbaum holen. Wer den Abend über die meisten Lichter gewinnt, der ist Sieger und krigt den Sternpreis, wenn der Weihnachtsbaum geplündert wird.“
Der Sternpreis, das war ein Stern mit fünf Zacken, der in jedem Jahr auf der Baumspitze stak; und an den Zacken hing immer allerlei Süßes, wie die Ursel aus Erfahrung wußte. Ach, ob sie wohl heute siegen würde? Wäre sie blos nicht so dumm gewesen, die zwei Bengels mitzubringen, statt wieder ein paar Freundinnen. Grips genug hatte sie selbstverständlich, aber an Fixigkeit waren die Buben ihr über. Was für ausgefallene Wörter sie gleich bei der ersten Aufgabe nahmen! +Krauskopf+, +Bewußtsein+, +Element+, +Sportkostüm+. Dann sagten die Tante und der Onkel: +Ufer+, +Brücke+, +Jagd+, +Pfeil+. Und zuletzt die Ursel: +Spitze+, +Stern+. Und o weh: als die zehn Minuten vorbei waren, hatte sie richtig ihre Geschichte höchstens erst dreiviertel fertig. Aber ein Trost war es wenigstens, daß nach der Abstimmung keiner der Heinze das erste Licht vom Baum holen durfte, sondern einstimmig gewann Tante Li. Ihre Geschichte lautete:
Ich stand einmal vor einer Brücke. Über diese Brücke jagte auf einem Rappen eine junge Negerin, umflattert von einem weiten buntwollenen Mantel. Hoch in der rechten Hand, über ihrem Krauskopf, hielt sie einen langen Pfeil. Ihr ganzer Körper war Aufgeregtheit. Sie trieb ihren Gaul zu rasender Hetzjagd an, und als sie die Brücke hinter sich hatte, stürmte sie den Fluß entlang und ließ endlich ihren Pfeil in den Ufersand sausen. Sie hob ihn auf, und wieder gings wie ein entfesseltes Element über die Brücke zurück, dann jenseits ein Stück das Ufer entlang, und als Ende der Jagd: der Pfeil in den Sand. Es war in diesem verbohrten Treiben eine so schrecklich sinnlose Wildheit, daß ich immer noch stand, als sie noch einmal über die Brücke herüberkam und wie beim ersten Mal umkehrte und abermals zurückstürmte. Da, als sie grad auf der Mitte der Brücke war, geht mit ruhigen Schritten eine Dame ihr nach, ebenso jung, aber weißhäutig, mit maisgoldnem Haar, sehr hoch und schlank, gekleidet in ein schlichtes, schwarzes, eng anliegendes Sportkostüm. Sie trug auch einen langen Pfeil in der Hand, aber ganz leicht und unauffällig. Als sie dort angekommen war, wo vor ihr her die Wilde jagte, hielt sie an, zielte einen einzigen Augenblick, aber mit äußerstem Bewußtsein, schleuderte ihren Pfeil, und dieser flog, scharf über dem Kopf der Wilden hin, schneller als deren Pfeil, erst gradaus, dann im Bogen über die Brückenecke, aber nicht in den Sand des Ufers, sondern ihr Ziel war ein fünfzackiger Stern, der auf der Spitze eines Bootmastes stak.
Die Ursel war ganz blaß geworden und strich sich ihr blondes Haar aus der Stirn; sie hatte gemerkt, worauf die Tante anspielte, und nahm sich vor, bei der nächsten Aufgabe vielviel ruhiger nachzudenken. Aber sie wurde doch wieder nicht fertig, und das zweite Licht gewann der Heinz Lux. Diesmal hießen die Hauptwörter: +China+, +Bahnhofsuhr+, +Teppich+, +Karaffe+, +Kachel+, +Gardine+, +Elefant+, +Neptun+, +Schlafzimmer+, +Büffett+ -- und dazu hatte der freche Lux folgende Geschichte erfunden:
Im Kaiserreich China befindet sich eine seltsame Bahnhofsuhr. Sobald sie zwölf zu schlagen anfängt, springt aus dem Zifferblatt eine flache Kachel, gemustert wie ein persischer Teppich, und darauf steht ein weißer Porzellan-Elefant. Wenn du dich auf den Elefanten setzt, trägt er dich so schnell im Kreise um die große Uhr herum, daß du die Besinnung zu verlieren glaubst; bis er auf einmal stehen bleibt und dich in einer Meergrotte absetzt. Nach dem ersten Erstaunen erkennst du, daß du im Schlafzimmer Neptuns bist, des Gottes der Ertrunkenen -- und der Betrunkenen. Denn wenn du die Gardine zurückschlägst, stehst du einem unübersehbaren Büffett gegenüber, in dem Karaffe neben Karaffe glänzt, und jede Karaffe enthält einen Likör, worin der tolle Gott die Träume jeder ertrunkenen Seele aufbewahrt. Davon mußt du natürlich mal kosten; und in dem Augenblick, wo du den ersten Tropfen schmeckst, kommst du wieder zur Besinnung, und die Uhr tut den letzten der zwölf Schläge.
Nur die Ursel hatte dagegen gestimmt und bei dem Wort „Betrunkenen“ pfui gerufen; wofür ihr der Peter Heinz einen Puff versetzte, wofür ihm der Onkel Ri das Punschglas entzog. „Jetzt wollen wir aber,“ fuhr der Onkel fort, der bis dahin auch noch nichts fertig gebracht hatte oder vielleicht auch blos so tat, „die Sache ein bißchen schwerer machen. Jedes der aufgegebenen Wörter darf nur Einmal gebraucht werden; dafür darf aber jeder drei Wörter aufgeben, und die Frist dauert fünfzehn Minuten.“ Dabei plinkte er der Ursel zu, sodaß sie guten Mut faßte. Es kamen folgende Wörter ins Spiel: +Schehresade+, +Karamelle+, +Zitadelle+, +Abenteurer+, +Prophet+, +Gazelle+, +Winternacht+, +Sommermittag+, +Paradies+, +Wüstensand+, +Palast+, +Feuer+, +Braut+, +Lied+, +Quelle+ -- aber die Ursel wurde wieder nicht fertig. Doch diesmal machte sie sich nichts draus, denn Onkel Ri hatte jetzt in Versen gedichtet, da konnte natürlich kein Andrer siegen; und wenn der Onkel oder die Tante den Sternpreis bekamen, dann würden sie ihn nachher doch ihr schenken. Nun las er vor: „Morgenländisches Preislied“ -- und indem er die Tante sonderbar ansah, schob er erst noch die Bemerkung ein, daß ihm am heutigen Abend ein Hymnus auf die orientalische Phantasie sehr angebracht scheine, weil ja das Weihnachtsfest und die Neujahrsfeier aus dem Morgenland zu uns gekommen seien. Hierauf deklamierte er:
O Schehresade, Fee der Nacht, in der die Wunderschelle klingt, o Fee, welch Lied ist hold genug, die hohe Wonne anzustimmen, die uns zu deiner Schwelle zwingt --
so hold, wie durch den Palmenhain im Frühling die Gazelle springt, so hold, wie aus dem Wüstensand am dürren Sommermittag plötzlich durchs Dorngestrüpp die Quelle dringt --
so hold, wie durch die Winternacht die Glut der Feuerstelle singt, wenn unterm dichtverhängten Zelt dem heimgekehrten Abenteurer die Braut die Lagerfelle bringt --
so hold, wie der Prophet den Mond aus Allahs Zitadelle schwingt und dann beim goldnen Sternetanz feucht aus dem Mund der schönsten Huri die Honigkaramelle schlingt --
so, Fee der tausendzweiten Nacht, die uns zu Deiner Schwelle zwingt, so hält uns dein Palast im Bann, bis deinen bunten Zauberteppich die rosige Morgenhelle schminkt --
bis uns das ganze Firmament wie eine Wunderschelle klingt, bei deren Ton das Paradies samt allen Wonnen dieser Erde in jede ärmste Zelle sinkt! --
Aber der Onkel bekam den Preis nicht. Tante Li erklärte mit strenger Miene das Gedicht für „unverständlich“; und die Ursel merkte, wie sich die beiden Heinze unterm Tisch mit den Beinen anstießen, und daß der Lux dem Peter was ins Ohr flüsterte, worin das Wort „unanständig“ vorkam. Da fuhr sie aber entrüstet dazwischen: „Was! Ihr? Erst vorgestern hab ich euch alle beide an meinem Bonbon mitlutschen lassen, und das hat euch sehr nach mehr geschmeckt! Und überhaupt sind die Gedichte von Onkel Ri genau so verständlich, wie die von Onkel Goethe und Schiller! Und Tausendundeine Nacht hab ich auch gelesen!“ Die Heinze waren krebsrot geworden, und der Peter brummelte: „dummes Jöhr!“ Aber die Tante legte ihm die Hand auf den Mund, und mit der andern Hand fuhr sie der Ursel liebkosend über die heißen Backen. Dann sagte sie zu Onkel Ri, der still in sein Punschglas hineinlachte: „Es ist aber gegen die Spielregel, daß du uns hier mit Versen den Kopf verdrehst; also hat diesmal keiner gewonnen. Von jetzt an wird wieder blos zehn Minuten gedichtet, und in ebenso einfacher Sprache, wie Schehresade gedichtet hat. Ich glaube, das Einfache ist das Schwerste; andre Schwierigkeiten sind überflüssig. Wers am einfachsten kann, krigt das nächste Licht.“ Die zehn Hauptwörter lauteten nun: +Trauerweide+, +Vogel+, +Rock+, +Hütte+, +Arbeit+, +Spieldose+, +Kinderjubel+, +Pfauenauge+, +Prinz+, +Bettler+. Und wirklich: die Ursel wurde zur rechten Zeit fertig, sogar schon eine Minute zu früh, während Onkel Ri mit gerunzelter Stirn noch allerhand verbesserte und die beiden Buben noch lauter Unsinn klierten. O, wie sie die Bengels verachtete! besonders aber den frechen Heinz Lux! Freilich, das Licht gewann sie drum doch nicht. Sondern, wie sie sichs schon gedacht hatte, da der Onkel sich solche Mühe gab: die Tante holte ihm selbst das Licht, er hatte eine richtige Fabel gedichtet:
Neben einer Hütte stand eine Trauerweide; darunter saß ein alter Mann und flickte seinen zerlumpten Rock. Da flog ein Pfauenauge vorüber, ohne daß der Mann es bemerkte; und aus der Krone des Baumes kam ein Vogel und verfolgte den Schmetterling. Zugleich begann im Innern der Hütte eine Spieldose zu klingen, so entzückend wie ferner Kinderjubel, sodaß der Mann von seiner Arbeit aufsah, und da verschlang der Vogel den Schmetterling. Der Mann aber, der das mitansah, dachte: Weil ich ein alter Bettler bin, möchte ich sterben wie dieses Pfauenauge; wenn ich ein junger Prinz wäre, wollte ich leben wie dieser Vogel.
Die nächste Aufgabe hörte sich lustiger an. Sie bestand aus den Wörtern: +Löwe+, +Strohwisch+, +Strumpfband+, +Tür+, +Bart+, +Igel+, +Hampelmann+, +Tintenwischer+, +Badehose+, +Käsestulle+. Da machte die Ursel sich wenig Hoffnung; da würde gewiß der ulkige Peter gewinnen. Er kam auch gleich als erster zum Vorlesen dran, und seine Geschichte war wirklich gelungen:
Einst schlief ich am Weihnachts-Heiligabend über meinen Spielsachen ein. Nach etlicher Zeit erwachte ich und sah das Zimmer in sehr verändertem Licht. Die Wände waren blutrot tapeziert, und durch den Fußboden floß ein blanker, durch und durch himmelblauer Fluß, an dem lauter knallgrüne Bäume standen, einer genau wie der andere. Auf einmal öffnete sich die Tür, und mein alter Hampelmann trat mir entgegen, in einer nagelneuen Uniform, und hinter ihm her ein ganz Regiment Soldaten. Die Soldaten waren aber nicht etwa Bleisoldaten, sondern Igel in Kürassier-Uniform, die auf gepanzerten Löwen ritten. Es sollte großes Manöver sein; darum hatte sich jeder Igel an seiner Waffe einen Tintenwischer oder auch Strohwisch angebracht, um nur ja niemand zu verletzen. Jeder Löwe hatte außer dem Panzer noch eine Badehose an, von der ein Strumpfband als Ordensband herabhing. Nun gab der Hampelmann ein Zeichen, und die Soldaten stellten sich zu beiden Seiten des Flusses auf, schlugen sich und schossen sich und machten kolossal viel Musik dazu. Bald darauf war Frühstückspause, und jeder aß eine Käsestulle. Ich hatte mich immerfort geärgert, daß mein Hampelmann als Soldat keinen Schnurrbart trug. Jetzt in der Pause bemerkte ich plötzlich, daß ihm aus seinen Nasenlöchern ein riesenhafter „Es ist erreicht“ wuchs. Davon krigte ich solchen Schreck, daß ich nun wirklich aus meinem Traum erwachte.
Die beiden Heinze sahen sehr siegesbewußt aus, denn Onkel Ri hatte mehrmals Beifall genickt, und der Lux war natürlich sofort bereit, dem Peter seine Stimme zu geben. Aber ihre Gesichter veränderten sich, als jetzt die Tante ihre Geschichte vorlas:
Mitten in der Nacht, denkt mal, erscheint neulich bei verschlossener Tür ein Hampelmann vor meinem Bett. Kinder, Kinder, wie sah der aus! Ein grüner Bart -- denkt nur: ein grüner Bart -- hing ihm von den Augenwimpern bis auf sein gelbes Strumpfband herab, das er aber nicht ums Bein, sondern um den Hals trug. Von seiner übrigen Kleidung läßt sich wenig erzählen, denn er hatte nichts weiter an als eine weiße Badehose. Und auf was kam das Männlein dahergeritten? Ihr denkt auf einem Strohwisch? Falsch. Ihr denkt auf einem Igel? Noch falscher. Auf einem Löwen kam er daher! Aber der Löwe war so sanft, als hätte er niemals Menschen und Tiere gefressen, sondern als wäre er mit Käsestullen großgefüttert worden. So glich denn auch sein Haarschmuck mehr einem Tintenwischer, als einer königlichen Mähne. Aber jetzt öffnete er seinen Rachen; sogleich riß der Hampelmann auch seinen Mund auf, beide rollten wie rasend die Augen, sie verknäulten sich ineinander, und ich wüßte meiner Treu nicht zu sagen, ob der Löwe den Hampelmann oder der Hampelmann den Löwen verschlungen hat, denn schon im nächsten Augenblick war von Beiden keine Spur mehr übrig.
Heinz Peter erklärte ritterlich, dagegen sei seine Geschichte ein Quark; und nun stimmte der Lux auch für Tante Li. Aber da sagte Onkel Ri, indem er lächelnd sein eignes Blatt zerriß: „Aber Peters Geschichte ist einfacher!“ Worauf die Tante ebenso lächelte und ihre Stimme dem Peter gab. Also stand die Entscheidung bei der Ursel, und sie ging schon mit sich zu Rate, ob sie wirklich großmütig sein und als dritte für ihn stimmen sollte, als er plötzlich großspurig auftrumpfte, er wolle nicht aus Gnade gewinnen. Worauf der Onkel ihm erst die Schulter klopfte und ihm dann das Punschglas gefüllt zurückgab. „Da also“, fügte der Onkel hinzu, „wieder keiner gewonnen hat, wollen wirs jetzt noch einfacher machen, d. h. so schwer wie irgend möglich. Außer den ausgegebenen Wörtern darf kein anderes Hauptwort benutzt werden; jedes aufgegebene Wort darf nur einmal verwendet werden und nur in der vorgeschriebenen Reihenfolge. Je knapper die Sätze sind, desto besser.“