Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3)
Part 15
Mutterchen, nicht wahr, der Fritze ist ein Schaf, o jee! Ich kann schon bis zwanzig zählen und das A-B-C!“
I, du kleine Plappertasche, laß den Fritz in Ruh! Plappertasche, wische wasche, halt das Mäulchen zu!
Übermorgen in acht Wochen kommt der Weihnachtsmann; wenn du dann noch immer plapperst, was bekommst du dann?
Einen großen Maulkorb! --
Furchtbar schlimm
Vater, Vater, der Weihnachtsmann! Eben hat er ganz laut geblasen, viel lauter als der Postwagenmann. Er ist gleich wieder weitergegangen, und hat zwei furchtbar lange Nasen, die waren ganz mit Eis behangen. Und die eine war wie ein Schornstein, die andre ganz klein wie’n Fliegenbein, darauf ritten lauter, lauter Engelein, die hielten eine großmächtige Leine; und seine Stiefel waren wie Deine. Und an der Leine, da ging ein Herr, ja wirklich, Vater, wie’n alter Bär, und die Engelein machten hottehott; ich glaube, das war der liebe Gott. Denn er brummte furchtbar mit dem Mund, ganz furchtbar schlimm! ja wirklich! und --
„Aber Detta, du schwindelst ja; das sind ja wieder lauter Lügen!“
Na, was schad’t denn das, Papa? Das macht mir doch soviel Vergnügen!
„So? -- Na ja.“
Fitzebutze
Lieber ßöner Hampelmann, deine Detta sieht dich an! Ich bin dhoß, und Du bist tlein; willst du Fitzebutze sein? Tomm!
Tomm auf Haterns dhoßen Tuhl, Vitzlibutzki, Blitzepul! Hater sagt, man weiß es nicht, wie man deinen Namen sp’icht. Pst!
Pst, sagt Hater, Fitzebott war eimal ein lieber Dott, der auf einem Tuhle saß und sebratne Menßen aß. Huh!
Huh, sei dut, ich bin so tlein und will immer a’tig sein. Fitzebutze, du bist dhoß; kleine Detta spaßt ja blos. Ja?
Ja, ich bin dir wirktlich dut! Willst du einen neuen Hut? Tlinglingling: wer b’ingt das Band? Königin aus Mohrenland! Tnicks!
Tnix, ich bin F’au Tönidin, hab zvei Lippen von Zutterrosin; Fitzebutze, sieh mal an, ei, wie Detta tanzen kann! Hoppß!
Hopßa, hopßa, hopßassa: Tönigin von Af’ika! Flitzeputzig, Butzebein, wann soll unse Hochzeit sein? Du!
Du! Mein tleiner lieber Dott! Du?! sonst geh ich von dir fo’t! -- Ach, du dummer Hampelmann, siehst ja Detta garnicht an! Marsch! --
Käferlied
Maiker, Maiker, surr, bleib schön sitzen, burr! Breite deine Fühler aus, mach zwei kleine Fächer draus, schwing sie kreuz und quer, zähle mir was her! Zähle, ich will mit dir zählen, wieviel noch Minuten fehlen, bis Herr Heuschreck wuppt und mir auf die Nase huppt. Maikäber, Maiker, sonst holt dich der Deiker.
Die Reise
Tipp, tapp, Stuhlbein, hüh, du sollst mein Pferdchen sein! Klipp, klapp, Hutsche, du bist meine Kutsche, wutsch!
Wipp, wapp, zu langsam; hott, wir fahren Eisenbahn! Alle meine Pferde, um die ganze Erde, rrrutsch!
Tipp, tapp; zipp, zapp; halt, wann geht das Luftschiff ab? Fertig, Kinder, eingestiegen! wollen in den Himmel fliegen! futsch!
Die Schaukel
Auf meiner Schaukel in die Höh, was kann es Schöneres geben! So hoch, so weit: die ganze Chaussee und alle Häuser schweben.
Weit über die Gärten hoch, juchhee, ich lasse mich fliegen, fliegen; und alles sieht man, Wald und See, ganz anders stehn und liegen.
Hoch in die Höh! Wo ist mein Zeh? Im Himmel! ich glaube, ich falle! Das tut so tief, so süß dann weh, und die Bäume verbeugen sich alle.
Und immer wieder in die Höh, und der Himmel kommt immer näher; und immer süßer tut es weh -- der Himmel wird immer höher.
Das richtige Pferd
Von Paula und Richard Dehmel
Wer schenkt mir ein lebendiges Pferd, mein Schaukelpferd ist garnichts wert, es hat so steife Beine. Es stampft nicht, frißt nicht, wiehert nicht, und macht solch ledernes Gesicht; es weiß nicht, was ich meine.
Wenn mir der Weihnachtsmann ein Pferd, ein wirklich richtiges Pferd beschert, dann reit ich über die Brücke, und reite durch den Kiefernforst nach Vehlefanz und Haselhorst, und noch fünf große Stücke.
Dann bin ich mitten in der Welt; da such ich mir ein Haberfeld und lasse meine Pferdchen grasen. Und dann, dann reit ich ans Ende der Welt, wo der Riese den Regenbogen hält, und -- schick euch ’ne Ansichtspostkarte.
Die ganze Welt
Wo hängt der größte Bilderbogen? Beim Kaufmann, Kinder! ungelogen! Man braucht blos draußen stehn zu bleiben, kuckt einfach durch die Ladenscheiben, da sieht man ohne alles Geld die ganze Welt.
Man sieht die braunen Kaffeebohnen; die wachsen, wo die Affen wohnen. Man sieht auf Waschblau, Reis und Mandeln Kameele unter Palmen wandeln, und einen Ochsen ganz bepackt mit Fleischextrakt.
Man sieht auch Zimmt und Apfelsinen, und Zuckerhüte zwischen ihnen. Man sieht auf rot lackierten Blechen Matrosen mit Chinesen sprechen; und manchmal steht ein bunter Mohr, der lacht, davor.
Am Eingang aber lehnt ’ne Leiter mit Hasen, Hühnern und so weiter. Und manchmal hängt an ihren Sprossen ein großer Hirsch, ganz totgeschossen; dann kommt so’n kleiner Hundemann und schnuppert dran.
Lazarus
Nach R. L. Stevenson
Ich bin der kleine Lazarus, der still zu Bette liegen muß; die Nacht ist immer schrecklich lang, ich bin schon sieben Tage krank.
Ich weiß, im ganzen Hause gehn die großen Leute auf den Zehn; ich mach mir aber garnichts draus, ich packe sacht mein Spielzeug aus.
Ich schicke mein Soldatenheer durch meine Kissen kreuz und quer, von Tal zu Tal, bergauf bergab, und manchmal kommt ein tiefes Grab.
Und auf dem Laken weiß wie Schnee ziehn meine Schiffe über See; und um die Wellen geht ein Wall, da bau ich Burgen überall.
Ich bin der Riese groß und still, der Alles tun kann, was er will, vom Bettberg bis zum Lakenstrand im Reich der weißen Leinewand.
Der kleine Held
Eine Lehrjungen-Dichtung
Allen braven Trotzköpfchen zugedacht. Bengels, daß ihr Kerls aus euch macht!
Inhalt:
Wie ein ganz armer Junge sich sagt was er alles werden kann.
Anfang
„Du bist ein armer Junge“ sagt Mutter oft und weint, wenn ich Herr Rittersmann spielen will. Aber Vater hat gemeint: „er ist ein kleiner Held!“
Neulich nahm ich ganz einfach meinen Drachen mit als Schild, und dem reichen Kurt sein Schwesterchen hat mich geküßt wie wild: „du bist ein kleiner Held!“
Ich ließ meinen Drachen steigen, dann ging es in die Schlacht; ich wollt meinen Schild blos +zeigen+, ich hab ihn selbst gemacht, ich bin ein kleiner Held!
Ich wills schon machen, daß Mutter nicht mehr weint um mich. O! sie soll mal sehn und lachen, was ich alles werden kann, ich kleiner Held! --
Ein Zimmermann
Ich kann ein Zimmermann werden, dann zimmr’ich mir ein Haus; hoch überm höchsten Giebelbalken krönt meinen Richtfeststrauß -- Achtung! -- mein Meisterhut.
Dann zimmr’ich noch viele Häuser; meine Richtschnur knippst und knappst, die Spähne schießen vor Angst kobolz um meine blanke Axt, und hurr, wie knirscht meine Säge!
Meine Säge knirscht mit den Zähnen: mir ist kein Holz zu hart, ich werd’s schon kirre kriegen, wart nur, wart nur, wart! So knirscht meine große Säge.
Fertig! Nun fix nach oben, wo der Wind mich kämmt und küßt; und mag er rütteln und toben, ich fall nicht vom Gerüst, ich bin ein kleiner Held!
Ein Dachdecker
Ich kann ein Dachdecker werden, denn ich bin schwindelfrei. Ich kletter bis auf den Kirchturmhahn, und die Dohlen und Krähn schrein: ei, was will der Herr denn hier?
Der will die Kirchtürme flicken, es tut schon lange not! Die Glocken, wenn mein Fahrstuhl kommt, brummen: ßapperlot, da baumelt ’ne Himmelsleiter!
Und unten kribbeln die Leutchen, und steigt kein Laut mir nach. Blos mein Freund, der Schornsteinfeger, ruft manchmal vom nächsten Dach: Komm, Bruder, es gibt ein Gewitter!
Aber dann bleib ich lieber ruhig auf meinem Sitz und hör, wie der Donner losbrüllt: Bravo! Sieh, Bruder Blitz, das ist ein kleiner Held!
Ein Feuerwehrmann
Ich kann Feuerwehrmann werden; kaum daß die Brandflamme prasselt, kommt schon galopp mit Fackelgesprüh unser Wagen angerasselt, alle Mann wie auf Sprungfedern stehend.
Wie mit Donner und Blitz um die Wette: unsre Fackeln sind Rettungszeichen! Meine Pfeife gellt: beiseit, beiseit! und alle Menschen weichen uns voll Ehrfurcht aus.
Denn dort die glühenden Fenster -- horch: durch den Qualm ein Schrei! Da wird nicht lange gefackelt mehr: rasch den Rauchhelm auf, die Spritzen in Reih, und mit Beil und Seil wird gerettet!
Vielleicht ein schönes Mädchen; das wird dann meine Braut. Oder ein kleiner Betteljunge; der schießt dann wie ich ins Kraut und wird ein kleiner Held.
Ein Schmied
Ich kann Schmiedemeister werden; knuff! sagt mein Hammer und saust, dann springen die Funken vor Freude um meine rußige Faust bis an den Blasebalg.
Herr Blasebalg, was stöhnst du? Nur zu! die Glut geschürt! Und laß die Schlacken nur spucken, wenn meine Zange drin rührt; gut Eisen will auf den Ambos!
Dem soll ich den Rücken klopfen, dann lacht er und trällert ein Lied: Lieb Hammergeläut, lieb Hammergeläut, gut Eisen dankt dem Schmied, er klopft es hart zu Stahl.
Drum streut’s vor Freude Funken und hüpft bei jedem Streich; die Heuchler und Halunken, die klopft er windelweich, knuff, der kleine Held.
Ein Maschinenbauer
Ich kann Maschinbauer werden; da sträubt sich manchem das Haar. Das ist viel toller als Märchenspuk, da hausen wirklich wahr tausend Zauberkräfte.
Die toben, wirbeln, krachen mit Kolben, Kurbeln, Gelenken, mit feuerschnaubenden Rachen, man muß an die Hölle denken, an die großen Tiere der Urzeit.
Und sind viel stärker als Riesen; was können sie alles tun! Bergwerke bohren, Dampfschiffe treiben, Bahn brechen mit eisernen Schuhn; weh dem, der ihnen zu nah tritt!
Schnurstracks reißt Schwungrad und Riemen die täppische Hand in Fetzen. Mit solchen Ungetümen auf guten Fuß sich setzen lernt nur ein kleiner Held.
Ein Eisenbahner
Ich kann Eisenbahn-Zugführer werden; nein, Lokomotivführer lieber. Dann bin ich kleiner Menschenknirps der größten Maschine über, die tausend Pferdekraft stark ist.
Und tausend andre Menschen regiert Ein Griff meiner Hand, tagein tagaus, bei Nacht, bei Nebel, im Sturm von Land zu Land; Bahn frei! schreit meine Maschine.
Bahn frei -- was schreit da wider? im Dunkeln welch Gestampf? Woher, wohin? Vorwärts, zurück? Halt! bremsen! Gegendampf! jetzt gilts, Mensch: Einer für Alle!
Und fliegt der Kopf vom Kragen, so stirbt sichs ohne Grämen; dann braucht man sich doch wenigstens des Lebens nicht zu schämen! So denkt ein kleiner Held.
Ein Weltreisender
Ich kann Weltreisender werden, wo keine Eisenbahn geht: wo überm ewigen Eismeergrab die Nordlichtkrone steht, die Krone der ganzen Erde.
Oder wo heiß die Wildnis nur Grüße Gottes haucht, und wo die liebe Seele keinen andern Wegweiser braucht als Sonne, Mond und Sterne.
Und treff ich mal auf Menschen, die sind wohl nicht wie ich; ihr Gott, der heißt wohl Fitzebutze, ihr Häuptling Duckedich -- hurra, das gibt einen Hauptspaß!
Ich ducke sie noch ein bißchen tiefer zum Schabernack; und wollen sie’s übel nehmen, dann los! habt Mut, ihr Pack! hier steht ein kleiner Held!
Ein König
Ich kann ein König werden; nicht etwa bei uns, i wo! Bei uns, da muß man Kronprinz heißen, dann wird man’s sowieso. Ich werd bei den Negern König!
Die fragen nicht nach dem Taufschein, wenn man nur orndtlich regiert. Erst zähm ich mir ein Dutzend Löwen, dann komm ich ankutschiert, acht Zebras vorgespannt:
Was lauft ihr weg wie die Affen? Mein Reich ist vogelfrei! Wer stark ist, darf’s erobern helfen; die Klugen sind stark für zwei! Kommt, Kinder, dankt euerm Herrgott!
Ihr habt einen König und Priester, der braucht keinen Polsterthron, keinen Feldherrn, Hofherrn, Minister und sonstige Dienstperson; euch führt ein kleiner Held!
Ein Tierbändiger
Ich kann Tierbändiger werden, ich bin den Bestien gut; sie würden gerne Menschen sein, nur Qual ist ihre Wut, drum sind ihre Augen so traurig.
So wie in Wahnsinn versunken, so gläsern manchmal, so stier. Aber man braucht sie blos zu lieben, das fühlen sie ganz wie wir und lernen Vernunft annehmen.
Neulich am Raubtierkäfig bot ich dem Tiger die Hand. Er sah mich lange schnurrig an, bis er mein Herz verstand; dann ließ er sich ruhig tatzeln.
Er gähnte wie im Zirkus und bog die Schwanzspitze sacht. Ich wette, den dürft ich karbatschen, er dachte: Du hast die Macht, du bist ein kleiner Held.
Ein Kunstreiter
Ich kann ein Kunstreiter werden, das kann nicht jedermann; nur wer bis in die Zehenspitzen sich selber bändigen kann, bis in die Turnschuhspitzen!
Hei, wenn beim großen Luftsprung meine stolzen Pferde sich bücken! Die Herren Leutnants lächeln vor Neid, die Damen vor Entzücken; ich lächle immer mit.
Ich lächle, ihr schönen Damen: Klatscht Beifall! still, Musik! freut euch, gleich kommt der Doppel-Luftsprung, vielleicht brech ich’s Genick! Ich werde auch dann noch lächeln.
Dann kommt ihr angefahren mit Kränzen und Trauermärschen; ich aber lächle noch im Sarg, ich kann mich selbst beherrschen, ich bin ein kleiner Held.
Ein Jägersmann
Ich kann ein Jägersmann werden, ich hab eine sichre Hand; ich werde von der Schießbudenfrau immer „klein Tell“ genannt. Ich hab auch kaltes Blut.
Ich zucke nicht mit der Wimper, drück ich die Knallbüchse ab. Mir soll kein Wilddieb ins Handwerk pfuschen; ich bringe ihn auf den Trab, und wär er schlau wie ein Teckel.
Ich würde wohl selber wildern, hätt ich kein eigen Revier. So aber, Kerl: Mann gegen Mann, ich schütze den Forst vor dir, das ist meine Pflicht, Halunke!
Gewehr her! oder -- gib Feuer! Auge in Auge! Laß sehn: piff paff, wen’s trifft, dem wird noch sein ärgster Feind gestehn: da liegt ein kleiner Held.
Ein Gärtner
Ich kann ein Gärtnersmann werden, mit allen Pflanzen vertraut. Mir schadet keine Treibhausluft und auch kein giftiges Kraut; ich bin so zäh wie ein Buchsbaum.
Ich nutze die giftigen Kräuter, ich züchte Heilkräuter draus, mitunter auch Küchenkräuter; nur die Unkräuter reiß ich aus oder veredle sie.
Und meine Baumschule, Leute, schmückt alle Landstraßen, seht! Jawohl, Herr Nachbar, es lohnt sich, wenn man noch mehr versteht als schöne Sträuße zu binden!
Mein Garten wird nicht verschmachten, gefällt er manchem schlecht. Er kann euern Beifall verachten, und euer Schimpfen erst recht; ihn pflegt ein kleiner Held.
Ein Ackersmann
Ich kann ein Ackersmann werden; auch der muß tapfer sein. Mit Himmel und Erde muß er kämpfen, daß seine Felder gedeihn, ein Kriegsmann Schritt für Schritt.
Um Haus, Hof, Heimat kämpft er, potz Hagel, Blitz und Brand! Mit Gleichmut ist sein Herz gepanzert, mit Schwielen seine Hand, hart wie das Korn, das er sät.
Und wills daheim nicht fruchten, um Deutschland geht kein Zaun; noch manchen Urwald gibts zu lichten, da kann man Blockhütten baun und neue Heimat schaffen.
Vielleicht stößt doch das Heimweh langsam das Herz ihm ab? Dann aber rauschen die Ähren weithin um sein Grab: hier ruht ein kleiner Held.
Ein Seemann
Ich kann ein Seemann werden, Kapitän oder Steuermann. Den macht sein Steuerrad so stark, wie der Pflug den Ackersmann; kommt nur, ihr Wolken und Wellen!
Der Wind pflügt tausend Furchen von einem zum andern Strand. Nur Eine Furche pflügt mein Schiff: die bricht unserm Vaterland nach allen Erdteilen Bahn.
Ob noch so undurchdringlich ringsum der Nebel graut, daß selbst die Sonne durch den Dunst wie’n blindes Auge schaut: unser Kompaß kennt den Weg.
Wenn wir die Flagge hissen, du fremde Hafenstadt, soll jeder Matrose wissen, der Ehre im Leibe hat: dir naht ein kleiner Held!
Ein Lotse
Ich kann auch Lotse werden; da, wo die Schiffbrüche drohn. Ich darf das Sturmboot kommandieren, wenn vor der Wachtstation plötzlich der Notschuß dröhnt.
Los, Jungens! an die Riemen! Und in den schwarzen Braus sprüht der Raketen-Apparat Leuchtschnur auf Leuchtschnur aus; grell klafft die Nacht ums Wrack.
Mit brüllendem Rachen schnappen die Sturzseen über Deck. Die Mannschaft reißt die Passagiere vom krachenden Mastbaum weg; der Gischt fegt ihn von Bord.
Und in den bleichen Haufen prasselt mein Rettungstau; da kriegen auch die Feigsten Mut, und manche schwache Frau wird ein kleiner Held.
Ein Taucher
Ich kann ein Taucher werden, einsam auf Meeres Grund. Da könnt ihr Stürme nicht hinab; still wie in Todes Schlund tu ich mein kühnes Werk.
Lautlose Wirbel schauern über und unter mir; mit dunklen Fangarmen lauert heimtückisches Getier zwischen den grauen Riffen.
Da muß ich die Schätze heben, die für die Menschen taugen; gespenstische Wesen schweben mit bunten Phosphor-Augen um meine Glocke hin.
Und hab ich sie gehoben, dann sperrt wohl noch ein Hai sein schiefes Maulwerk nach mir auf. Dem bringt’s mein Fußtritt bei: hier schwebt ein kleiner Held!
Ein Goldgräber
Ich kann ein Goldgräber werden und des Erdgrunds Schätze schürfen. Mutter Erde spendet immer mehr, je mehr die Menschen bedürfen; mein Lehrer hats gesagt.
Wohl kostets Schweiß in Strömen, den Bergschutt auszuschmelzen, oder tief aus unterirdischen Flüssen den Schlamm heraufzuwälzen, der die paar Goldkörner birgt.
Aber endlich ists ein Klumpen, blitzblendeblank gewaschen! Nun kann ich Vater, Mutter und Alle zum Geburtstag überraschen; auch den reichen Kurt!
Mutter Erde soll sich wundern, wie meine Schatztaler springen: Hand auf! nehmt hin den Plunder, ich kann mir mehr erringen, ich bin ein kleiner Held!
Ein Bergführer
Ich kann ein Bergsteiger werden, der die andern alle führt. Pfade, wo nie ein Schritt erklang: wer hat sie aufgespürt! Das tat meine Herzenslust!
Die treibt mich hin zu den Gipfeln, über Schnee, durch Wetterschlag, am Sturzbach hin, am Gletscherrand, hinauf! Nun klettert nach, ihr andern Wagehälse!
Mir nach mit glühendem Herzen, hinauf ins freie Eis! Wer stürzt, den schmückt im Paradies die Blume Edelweiß! Kommt! jauchzend grüß ich euch.
Aber am liebsten steh ich hoch oben ganz allein, mitten im stillen Himmelskreis, und höre die Adler schrein: grüß Gott, du kleiner Held!
Ein Luftschiffer
Ich kann ein Luftschiffer werden, immer höher schlägt mein Herz: da fliehn die Flüsse unter mir wie dünne Adern Erz, meine Gondel steigt und steigt.
Die Luft wird immer reiner; das wirre Erdgewühl wird alles klein und kleiner, wird alles wie ein Spiel. Ich gleite drüber hin.
Hin, wo die Wolken schweigen; kaum noch ein Berghaupt blinkt. Ich fühle mich nicht mehr steigen, nur die Erde sinkt und sinkt; mir träumt ein Schaukellied.
Ich schwebe nur und schwebe, in die blaue Welt hinein. Wer weiß wohin -- ade, ade -- der Himmel wiegt mich ein: fahr wohl, du kleiner Held.
Ein Dichter
Ich kann ein Dichtersmann werden, ich weiß schon, was das heißt; das ist ein Mensch auf Erden mit einem himmlischen Geist, und der auf Leben und Tod pfeift.
Er pfeift: mir lacht das Leben, weil ich unsterblich bin! Er pfeift: ich lache aufs Sterben, mir lebt ein Lied im Sinn, das geht so weit wie die Welt!
So einen Dichter kenn ich; er streicht mir manchmal die Stirn, und wie ein Fernrohr rührt sein Blick hell an mein Gehirn, dann seh ich den Himmel offen.
Da tanzen die Sterne und singen: Nur wen wir auserwählt, dem kann das Lied gelingen; wird er’s wohl fertig bringen, unser kleiner Held?
Ein Engel
Ich kann ein Engel werden, wenn ich gestorben bin. Dann jagt wohl mit Wolkenpferden, die wir nicht sehn auf Erden, meine Kraft durchs Luftmeer hin.
Meine Flügel sind wohl die Stürme, der Blitzstrahl wohl mein Pfad. Ich weiß es nicht, ich leuchte nur; mich treibt ein Geist zur Tat, der braucht wohl meine Kraft.
Ich leuchte in tausend Gestalten, vielleicht wo die Sonne loht, vielleicht wo Sterne erkalten, die bleich noch Nachtwache halten, vielleicht im Morgenrot.
Da darf ich überall wirken; und bin doch vor dem Geist, der mich und all die andern Engel zu Seinem Werk hinreißt, nur ein kleiner Held.
Schluß
Ich kann noch manch andres werden, solang ich kein Engel bin. Aber immer trag ich armer Junge die eine Frage im Sinn: was wirst du auf jeden Fall?
Und trage in meinem Herzen manch eines Mannes Bild, der so beherzt war, daß er uns als +großer+ Held nun gilt: Wilhelm Tell, König Fritz, der Herr Jesus.
Dazu gehört nicht Reichtum noch lange Lebensfrist. Mir hat mein Dichtersmann gesagt: jedes Kind auf Erden ist ein kleiner Welterobrer.
Das will ich an jeder Stelle sein, so sehr ich kann. Dann werd ich auf alle Fälle ein ganzer Mann -- und dann vielleicht ein ganzer Held.
Knecht Ruprecht und die Christfee
Ein Weihnachtsspiel
Knecht Ruprecht und die Christfee treten in die Weihnachtsstube, während am Klavier die Chorweise „Tochter Zion, freue dich“ aus Händels „Judas Makkabäus“ ertönt.
Ruprecht
zu den Kleinen, nachdem es still geworden ist:
Ich bin der alte Weihnachtsmann, ich hab ein’n bunten Wunderpelz an; mein Haar ist weiß von Reif und Eis.
Ich komm weit hinter Hamburg her, mit langen Stiefeln durchs kalte Meer, meinen Mummelsack huckepack.
Er nimmt den Sack von der Schulter und stellt ihn vor sich auf den Boden.
Da sind viel gute Sachen drin, Nüss und Äpfel und große Rosin’n; ich bin ein lieber Mann, seht an!
Er öffnet den Sack und langt dabei verstohlen die Rute aus dem Gürtel.
Ich kann aber auch böse sein. Dann fahr ich mit der Rute drein und schüttel den Bart: na wart’t!
Nein, seid nicht bang; seid lieb und fein, seid wie mein schön gut Schwesterlein! Ist die euch hold, schenk ich, was ihr wollt.
Die Christfee
in weißem Kleid und Schleier, mit Engelsflügeln und Sterndiadem, in der Linken einen Tannenzweig haltend, wendet sich an die Großen:
Ich bin aus einem hellen Lande; da wächst und blüht ein Baum, um den wir all in strahlendem Gewande mit silberweißen Flügeln stehn.
Der Baum ist grün, grün ohne Ende, und seine Höhe mißt kein Sinn; und seine Zweige sind wie Hände, die strecken sich nach Jedem hin.
Der Baum trägt viele tausend Kerzen, und jede ist der andern gleich; und ihre Flammen sind wie Herzen, die leuchten klar und warm und weich.
Er hängt voll Gold bis an die Spitze, und seine Jahre zählt kein Mund; und seine Wurzeln sind wie Blitze, die dringen in den härtesten Grund.