Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3)

Part 14

Chapter 143,544 wordsPublic domain

Wir haben einst als Menschen gefehlt, nun kommt die Menschheit und will uns strafen. Aber sieh: ihr Geist hat uns so beseelt, daß wir wie Kinder, wenn Mutters Schläge trafen, nur umso lieber an Mutters Herzen schlafen, der eignen Unvollkommenheit entrückt, vom Glück aller Seelen mitbeglückt. Und gleich den Flocken, die irrend vom Himmel tanzen und findet doch jede ihr irdisch Ziel, laß uns nun hingehn, als seis zum Spiel, und in fremdes Land deutsche Edelsaat pflanzen. Denn im blutigen Ernst deiner schweren Stunde -- o, ich fühls, ich sehs: dann liegst du allein -- aber eilend winkt dir jede Sekunde: bald wirst du wieder bei mir sein, wie unsre Kinder mit leichtem Schritt, und bringst mir die Heimat in jede Ferne mit. O schweig nicht länger -- ja blick mich an: sieh, hilfebittend steht hier ein Mann, den keine Einsamkeit mehr quält, langsam durch heißen Haß zur Liebe gestählt, und dem nun heimlich die Heimwehwunde klafft -- o sage mir ein Wort voll tiefer Kraft!

Und er sieht, er fühlt: er muß niederknien -- und ein Blick, eine Stimme, so unermessen wie rings die Stille, kommt über ihn:

Hast du das Machtwort „Wir Welt“ vergessen? --

Und es tanzt der Schnee, und die Flocken wehn wie Saat des Lichts von Himmel zu Erden. Keine Grenze mehr. Zwei Menschen sehn ihr Vaterland unendlich werden.

32.

Doch eine Nacht kommt, da drohn die Weiten; da hat der Mond Macht. Grausig rein erleuchtet sein erlauchtes Licht den Hain. Und das Weib schluchzt auf, wild auf, wie vor Zeiten:

Ich trag ein Kind -- o Du, von Dir -- ich tu meine Schwachheit auf vor dir! Du hast meine Seele von mir befreit, nun kommt leerer als je die Einsamkeit! Wenn du gehst, und ich taste nach einer Hand in meiner jammervollen Stunde --

Und sie wirft sich an ihn mit stammelndem Munde, und mit schmerzgekrümmten Fingern umspannt seine lahme Rechte sie hart wie Stahl und rafft sie auf aus ihrer Qual:

Dann laß mein Töchterchen bei dir stehn! Dann wirst du stark sein! laß sie es sehn! sehn, wie das Mutterwehe dich schüttelt! daß sie’s mit heiligem Schrecken durchrüttelt! daß sie bei Zeiten lernt, sich dem Leben opferherrlich hinzugeben! daß unsre Kinder einst einfach handeln, wo wir noch voller Zwiespalt wandeln, einfältig lieben oder hassen, mit ganzem Willen die Welt umfassen, sich heimisch fühlen selbst zwischen den Sternen und mit jedem Feuer spielen lernen! Und wehrt mir der Tod, euch wiederzusehn, dann laß mich in dir verklärt auferstehn! Und lebt dir ein Sohn, dann lehr ihn mit Lachen aus jeder Not eine Tugend machen! Und unsre Mädchen, die leite an: das Recht der Frau ist der rechte Mann! Allen Beiden aber leg ins Herz die Macht der Liebe über den Schmerz!

Und es leuchtet wie seines ihr Gesicht. Zwei Menschen sehn sich eins mit allem Licht.

33.

Und es sprießen wohl Sterne aus der Erde, so strahlt der Schnee im Mittagsglanz, so sind die Berge Ein Silberkranz. Aber strahlender noch als all der Glanz wird nun des Mannes Blick und Geberde:

Nun schau und lausche, ganz wie wir sind, ganz Geist in Leib, nicht trunken blind, klar aufgetan bis ins Unendliche, Unüberwindliche, Unabwendliche, bis wir im Schooß alles Daseins sind: und du wirst sehn, Herz, daß die Erde noch immer mitten im Himmel liegt, und daß Ein Blick von Stern zu Stern genügt, damit dein Geist zum Weltgeist werde. Es ist ihm eingefügt jeder Leib, vom kleinsten Stäubchen bis zum herrlichsten Sterne, verknüpft noch in verlorenster Ferne, Weltkörper alle, auch wir, mein Weib! Und so, schon jetzt durchkreist vom Schwung der einst im Tod uns ureins wirrenden Triebe, aus innerster Erinnerung im Leben eins durch wissende Liebe, sieh mich nun stehn in ferner Nacht, allein, vom Anschaun der Gestirne so durchglutet, wie wenn die Wonnewelle zwischen uns flutet: in diesem Anschaun bin ich Ewig Dein und kann dir treuer als je mir selber sein. Ja, neige dich her -- o Mein -- o wunderbar: nun schmückt auch Dich ein erstes graues Haar --

Er schlingt es los aus ihrer Lockennacht; ihm scheint kein Schnee so zart und rein wie dieses Silberfadens Schein --

Sie nickt und flüstert wie erwacht: es ist bis in die Seele Gottes Dein -- --

Und Sterne sprießen, soweit die Sonne scheint. Zwei Seelen wissen, was sie eint.

34.

Doch die Stunde des Scheidens naht und naht, wie wenn die Zukunft eilender rollte. Und sie gehn noch einmal den steinigen Pfad, wo das Werk ihres Geistes wachsen sollte. Und inmitten der kahlen, vereisten Flächen muß das Weib einen alten Zweifel aussprechen:

Wenn ich spüre, wie’s wächst, mein Fleisch und Blut, und still neuen Sinn ins Dasein tut, als fasse der Mensch das Göttliche nur kraft seiner tierischen Natur, als hülle, was wir reden, nur Handlungen, die wir im Grunde nicht verstehen, und was wir lehren, nur Verwandlungen, die währenddem mit uns geschehen -- dann frag ich mich: blickt nicht der blödeste Tor gottvoller noch als wir zu Gott empor? Und schauernd sinnt sie nach: zu Gott -- Da sagt der Mann mit mildem Spott:

Zu welchem? Zu dem biblischen Erdaufseher? Ja, dem tats not, Weltweisheit zu verbieten; die Hunde meines Vaters sind ihm näher als alle Priester und Leviten. Wir aber, wir Menschen der wachsenden Einsicht, kennen ihn anders, den Gott in unsrer Brust, dank jenem Geist allrühriger Liebeslust, den ich nicht wage „Gott“ zu nennen. Gott ist ein Geist, der klar zu Ende tut, was er zu Anfang nicht gedacht hat -- dann sieht er Alles an, was Ihn gemacht hat, und siehe da: es ist sehr gut! -- Und beugst du dann vor ihm das Knie und weihst ihm willig deinen Menschenschmerz; dann spricht der heilige Geist des Fleisches: sieh, so spielt Gott mit sich selbst, o Herz!

Und kindlich lächelnd, göttlich klar, schweigt Herz an Herz ein Geisterpaar.

35.

Und Seel in Seele neu begnadet umschreiten sie die alte Ahnengruft. In den verschneiten Wäldern badet ein goldenblauer Morgenduft. Und Hand in Hand vorbei an Baum und Baum erzählt der Mann dem Weib einen Traum:

Es war, als ging ich irr auf Schicksalswegen, und nur das Eine wußte ich: ich kam vom Tod und ging dem Tod entgegen -- da fand ich in der dunkeln Wüste Dich. Dein Haupt beschirmend hob zur Sternenzone ein Palmbaum seine starre schwarze Krone; doch eins der Blätter neigte sich, als sollten wir’s auf einen Friedhof bringen. Und da wir’s nun zu uns herniederzwingen, da fängt es an zu knistern und zu glühen, und seine zitternden Adern sprühen ein leuchtendes Gefäßnetz aus. Und von dem Ätherglanz mit dir umschlungen, entschweb’ich, aller Irrsal hell entrungen, still heimathin durchs Weltgebraus.

Und Hand in Hand vorbei an Baum und Baum erzählt das Weib: Es muß dein Traum in meinen Schlaf geleuchtet haben:

Ich schwebte über einem breiten Graben, und jenseits, hoch am grauen Himmelssaum, stand deine strahlende Gestalt, doch schlief, bewacht von sieben dunklen, die sich beugten. Und während sie im Wasserspiegel tief mir ihre Ähnlichkeit mit dir bezeugten, begannen sie in dich hinein zu schwinden. Und du, erwachend, sprachst, mir beigesellt: wir sind so innig eins mit aller Welt, daß wir im Tod nur neues Leben finden.

Und ringsher träumt die Waldung, weiß verkleidet. Zwei Menschen fühlen, daß der Tod nicht scheidet.

36.

Und Tal und Berge ruhn in bleicher Pracht; groß blühn die Sterne durch die Bäume, und lautlos über Raum und Räume erdehnt ins Leere sich die blaue Nacht. Und nun ist bald das Schwere vollbracht; schon rührt sich fern durchs Land, als schlüge ein Herz im Schnee mit dumpfer Macht, eisern das Bahngeräusch der Züge. Und heiß, mit einem Lächeln heiliger Lüge, haucht das Weib: Nun magst du gehn --

hier, wo wir noch durch unsern Himmel schreiten, sag ich dir ruhig -- -- Sie bleibt jäh stehn, ihre Stimme bricht, ihre Hände gleiten ihr schützend unters Mutterherz, ihre Lippen zwingen sich zum Scherz: in guter Hoffnung auf Wiedersehn --

Da muß weit der Mann die Arme breiten:

Nicht aber so! -- ja weine, weine -- o sieh: aus tiefster Quelle klar quillt meine Träne heiß in deine -- und mich verklärend mit dem Glorienscheine um dein nachtentsprossen Haar, steh ich hier vor dir und schwör dir: Nie wird diese Klarheit enden! -- Sieh: es legt das Dunkel sich in meine Hände, als ob es Zuflucht suchte und nun fände: zu Sternen heb’ich meinen sichern Blick! Da -- o Glück: ahnst du sie, die Pflicht der Welt? Ja: von Sphären hin zu Sphären muß sie Saat aus Saaten gebären, bringt sie uns das Licht der Welt: rieselnd wie aus dunklem Siebe sät es Liebe, Liebe, Liebe von Nacht zu Nacht, von Pol zu Pol -- --

Zwei Menschen sagen sich Lebwohl.

Ausgang

Leb wohl, leb wohl -- du hältst dich selbst in Händen. Du sahst, o Mensch, zwei Wesen deinesgleichen im kleinsten Kreis Unendliches erreichen. Auch Dein Glück wird ins Weltglück enden.

Der Kindergarten

Gedichte, Spiele und Geschichten

Auswahl

Gärtnerspruch

Alle Frucht der Welt ist nur des Keims Gewand. Pflege das Land, auf das dein Same fällt! Mag Gott es hüten vor tauben Blüten.

Muttersprache

Kindersinn und Vätergeist: Muttersprache ist ihr Band. Wirket, daß es nicht zerreißt, all ihr Geister, Hand in Hand!

Vatergruß

Wandre, wandre, Seelenklang: Berge werden Hügel. Wird die Wandrung dir zu lang, gibt mein Herz dir Flügel.

Gibt dir Flügel wundergut, die kann niemand hindern: meinen ganzen Lebensmut! bring ihn meinen Kindern!

Der Vogel Wandelbar

Ein Märchen

War einst ein Vöglein Wandelbar, an dem fast alles seltsam war. Ein rechter Wildfang wollt es sein und hatte doch ein Humpelbein und viel zu krumme Flügel.

Allein die Flügel sah man kaum, so schön war sein Gefieder; das schimmerte wie Purpurschaum, und auf der Brust der weiche Flaum wie ein Perlmuttermieder.

Vom vielen Zwitschern eigner Art bekam’s ein Schnäblein silberzart; und Augen trug’s im Köpfchen so lieblich-launisch-glitzerblau wie morgens die Tautröpfchen.

Das gab dem Vöglein Wandelbar ein Aussehn, sonderlich fürwahr. Doch was das Sonderlichste war: tief innen trug’s +un+wandelbar ein Herz von lautrem Golde.

Und Alles war dem Vöglein gut, wie’s humpelte und glänzte; und Jeder nahm’s in seine Hut, solang es brav im Hofe saß, der hoch sein Nest umgrenzte.

Bis unser Vöglein endlich ein Vogel wurde; ei der Daus, da lief es aus dem sichern Haus allein ins weite Land hinaus, und da ergings ihm schändlich.

Die Andern liefen gar so schnell, das Ihre zu erjagen; da kommt mit seinem Wackelschritt solch armes Entlein nicht gut mit, und muß den Spott noch tragen.

Sie stießen es und traten es und rupften es gescheit; und in dem wilden Drängen blieb bald sein schönes Schimmerkleid an Busch und Dornen hängen.

Zwar mancher blieb auch stehen; vermahnten dann und schalten den ungeschickten Wandelbar, und wußten doch, wie lahm er war, und -- blieben selbst die alten.

Doch schließlich war es ihm geglückt, mit letzten Kräften, arg zerpflückt, ein Bäumlein zu erschwingen; da dacht er heimlich auszuruhn und sich in Schutz zu bringen.

Verwandelt war nun ganz und gar der arme Vogel Wandelbar; nur hier und da noch glänzte ein zerschlissnes Purpurfederlein in seinem grauen Kittel.

Und auch der Augen helles Licht war blaß, wie welk Vergißmeinnicht nur noch das Silberschnäbelein war ihm geblieben, blank und rein, wenn’s auch recht kläglich zirpte.

So saß er weitab vom Gewühl und fragte sich voll Wehgefühl, warum er so verlassen; und wußte doch, daß Lahme nicht zu soviel Schnellen passen.

Ein Rabe aber kam vorbei; den ärgerte die Melodei und auch das Silberschnäbelein. Er schrie: „Ich mag nicht solch Geschrei! marsch, lamentier wo anders!

Ich will mir hier mein Nest her baun, und für uns Beide ist kein Raum!“ und stieß das Vögelchen vom Baum und riß ihm aus dem Kleide auch noch sein letzt Geschmeide.

Da war ihm aller Mut dahin, der Mut sogar zum Klagen. Mit seinem müden Humpelbein lief’s weinend in die Nacht hinein und dachte voll Verzagen:

Jetzt ist rein garnichts mehr an mir, jetzt kann ich nur gleich sterben; jetzt will ich in die Wüstenei, wo Keinen ärgert mein Geschrei, und still für mich verderben.

Ja, garnichts, garnichts mehr war sein von all dem schönen bunten Schein; sogar das Schnäblein hatte ganz verloren seinen Silberglanz von all den vielen Tränchen.

Und als das Vöglein Das gesehn, ist fast sein Herz gebrochen. Zum Sterben hat sich’s hingesetzt. Da kam der goldne Mond zuletzt und hat zu ihm gesprochen:

„Du armes Vöglein Wandelbar, was grämst du dich denn immerdar um deine paar Juwelen? Du dummes Vöglein Wandelbar, vergaßest du denn ganz und gar, was Keiner dir kann stehlen!

Hast du denn nicht viel mehr in dir als diese ganze Lust und Zier, worauf die Andern sinnen? Was weinst du denn und machst dir Schmerz? denkst du denn garnicht an dein Herz von lautrem Gold tief innen!“

Da ward dem Vogel Wandelbar auf einmal alles licht und klar, und lebte gerne weiter; da pfiff er bis an seinen Tod auf allen Spott, auf alle Not, unwandelbarlich heiter.

Kutscher Tod

In einem Wagen, einem schönen Wagen, fahren zwei Menschen seit vielen schönen Tagen. Sie fahren bei Regen wie bei Sonnenschein immer gradaus ins Blaue hinein. Auch das schlechteste Wetter ist ihnen nicht grau; hell lacht der Mann, warm lächelt die Frau. Sie schaukeln das Glück auf ihren Knien, und an einem Sommertag fragt sie ihn:

Wenn wir so immer weiter reisen und lassen den Weg uns einzig vom Himmel weisen, kümmern uns um kein irdisch Ziel, treiben nur mit dem Glück unser Spiel, aber endlich wird’s uns vom Kutscher Tod weggenommen -- was meinst du wohl, wohin wir kommen?

Der Mann blickt nach den milchweißen Kühen, die den bunten Wagen ruhig ziehen, er blickt nach dem Kutscher, der Augen macht so unergründlich schwarz wie die Nacht -- dann sagt er heiter:

Ich meine, wir kommen immer weiter!

Der Kutscher nickt. Der Himmel ist blau; warm lächelt der Mann, hell lacht die Frau. Und die weißen Kühe sagen sich beide: zwei Menschen fahren auf lebensgrüner Weide.

Triumphgeschrei

Alle kleinen Kinder schrein Hurrah, Hurrah. Mutterchen liegt still zu Bett, Kindchen schreit Hurrah.

Vater steht daneben, steht und brummt: ja ja, ist ein schweres Leben. Kindchen schreit Hurrah.

Mutterchen brummt garnicht, selig liegt sie da. Denn das kleine Menschenkind schreit Hurrah, Hurrah.

Schnurrige Predigt

Na lach doch, Kind! Dein Zuckerschneckchen, schwarz Sammetjäckchen, rote Bäckchen, dein ausgestopftes Häschen, dein Mäulchen, Händchen, Näschen hat all der liebe Gott gemacht. Ei, Herzekindchen, rasch: zerbeiß, zerreiß, zerschmeiß -- hei, wie der liebe Gott nun lacht! --

Käuzchenspiel

Kinder, kommt, verzählt euch nicht, Jeder hat zehn Zehen; wer die letzte Silbe krigt, der muß suchen gehen. Suche, suche, warte noch, Käuzchen schreit im Turmloch, macht zwei Augen wie Feuerschein, die leuchten in die Nacht hinein, fliegt aus seinem Häuschen, sucht im Feld nach Mäuschen, husch, husch, huh, das Käuzchen, das -- bist -- du! --

Fliegerschule

Kommt, wir lernen fliegen! Woher denn Flügel kriegen? Von den achtzig Winden. Wo sind die zu finden? Überm ewigen Eise. Wer bezahlt die Reise? Da oben steht ein goldner Stern, der belohnt die Sieger gern; holt euch nur die Preise!

Der Reitersmann

Von Paula und Richard Dehmel

Schimmel, willst du laufen, will ich dir was kaufen! Heißa, lauf nach Mexiko, da kaufe ich dir Bohnenstroh; laufe nach der Mongolei da kauf ich mir ein Oster-Ei.

Eile, Schimmel, eile, oder du krigst Keile! Hopßa, lauf nach Hindostan, da kaufe ich mir Marzipan; laufe nach Kap Morgenrot, da kauf ich dir ein Dreierbrot.

Geschäftsleutchen

Lottchen will Jahrmarkt spielen, Musik ist schon bestellt. Nur ach, es fehlt die Warenbude; der Peter hat kein Geld.

Ach, hab dich nicht! sagt Lottchen; als ob das nötig wäre. Wir nehmen Vaters Sorgenstuhl, jetzt sind wir Millionäre.

Geburtstagsgeschenke

I

Lieber Vater! ich kann dir garnichts schenken, blos mein kleines Herz und alle meine Küsse, und -- eins, zwei, drei, vier, fünf Haselnüsse, dabei kannst du dir was Wunderschönes denken. Du kannst dir denken, jede Nuß hat ein kleines Herz, noch kleiner als das meine; und hätte sie auch zwei kleine Beine, liefe sie auf dich zu und gäb dir einen Kuß, einen wundervollen, herzhaften Geburtstagskuß!

II

Liebe Mutter! Du zählst sie gerne, alle deine vielen Geburtstagssterne. Hier stehn sie strahlend; und daneben siehst du zwei silberne Halbmonde schweben. Das sind zwei Lampen fürs Klavier, eine von Vater, die andre von mir. Kommt nun der Abend mit müden Beinen, dann läßt du deine Monde scheinen und spielst; und wir, wir hören und träumen von den hohen himmlischen Räumen, von deinem Sternenringelreihn -- Vater wacht noch, ich schlafe ein.

Abendgebet

Müde bin ich, geh zur Ruh; lieber Himmel, deck mich zu! Laß die Sterne alle dein meines Schlafes Hüter sein!

Schick im Traum ihr Licht mir zu, daß mein Herz in Reinheit ruh! Flecken, die der Tag gemacht, lösch sie gnädig aus, o Nacht! Amen.

Freund Husch

Von Paula und Richard Dehmel

Husch, husch, husch, ich putze meinen Busch. Der Mond ist da, der Mond ist hell; der Mond, der ist mein Spielgesell, husch.

Husch, husch, husch, ich schlüpfe aus dem Busch. Ich stecke mein Laternchen an, ich zünde uns die Sternchen an, husch.

Husch, husch, husch, ich schüttel meinen Busch. Die Kinderchen sind all zur Ruh, ich schüttel ihnen Träume zu; die haben wir vergangne Nacht, der Mond und ich, uns ausgedacht, husch.

Husch, husch, husch, ich schlüpfe in den Busch. Ich puhste mein Laternchen aus, ich suche mir ein Sternchen aus, das lass ich droben Wache stehn, nun kann ich ruhig schlafen gehn, husch, husch, husch, im Busch.

Das Maiwunder

Von Paula und Richard Dehmel

Maikönig kommt gefahren, in seinem grüngoldnen Wagen, mit Saus und Gesinge. Seine Zügel sind Sonnenstrahlen; große blaue Schmetterlinge ziehn ihn über Busch und Bach, daß die weißen Blütenglocken in seinen Locken schwingen und springen. Und Hans kuckt ihm nach und hört sein Lied: wer zieht mit? zieht mit?

Kommt das Maienweibchen, trägt ein weißes Kleidchen, trägt ein grünes Kränzchen, sagt zu unserm Hänschen: Eia, Hans, komm zum Tanz! Einen Schritt Frau Nixe, einen Schritt Herr Nix, Ringeldireih, Ringeldireih, Dienerchen, Knix!

Puhstemuhme

Krause, krause Muhme, alte Butterblume, Puhsterchen, nanu? Wo hast du denn dein Hütchen, dein gelbes Federschütchen? worauf wartest du?

„Warte aufs Kindchen, auf ein lieb Mündchen, ich alte griese Trauerliese, puh, puh, puh. Ach bitte, puhst mich doch rasch in den Himmel hoch: tausend kleine Nackedeys spielen da im Gras, tausend kleine Nackedeys lachen sich da was.“

Das große Karussell

Im Himmel ist ein Karussell, das dreht sich Tag und Nacht. Es dreht sich wie im Traum so schnell, wir sehn es nicht, es ist zu hell aus lauter Licht gemacht; still, mein Wildfang, gib Acht!

Gib Acht, es dreht die Sterne, du, im ganzen Himmelsraum. Es dreht die Sterne ohne Ruh und macht Musik, Musik dazu, so fein, wir hören’s kaum; wir hören’s nur im Traum.

Im Traum, da hören wirs von fern, von fern im Himmel hell. Drum träumt mein Wildfang gar so gern, wir drehn uns mit auf einem Stern; es geht uns nicht zu schnell, das große Karussell.

Aurikelchen

Aurikelchen, Aurikelchen stehn auf meinem Beet, und sehn den blauen Himmel an, wo schon den ganzen Morgen die goldne Sonne sieht.

Aurikelchen, Aurikelchen, was guckt ihr denn so sehr? Ihr seid ja selbst so gelb wie Gold, und habt ein hellrot Herzchen, was braucht ihr denn noch mehr!

Der Schatten

Nach R. L. Stevenson

Ich hab einen kleinen Schatten; der geht, wohin ich geh. Aber wozu ich ihn habe, ist mehr, als ich versteh. Er ist ganz ebenso wie ich, blos nicht ganz so schwer; und wenn ich in mein Bettchen hüpfe, dann hüpft er hinterher.

Das Sonderbarste an ihm ist, wie er sich anders macht; garnicht wie artige Kinder tun, hübsch alles mit Bedacht. Nein, manchmal springt er schneller hoch als mein Gummimann; und manchmal macht er sich so klein, daß Keiner ihn finden kann.

Neulich ganz früh, da stand ich auf, noch eh die Sonne schien, und ging spazieren durch den Tau, im Gras, und suchte ihn. Aber mein kleiner fauler Schatten, als wenn er Schnupfen hätt, lag wie ein altes Murmeltier noch fest im Bett.

Morgenlied

Tapp tapp, wer kommt da querfeldein? Nur rasch, nur rasch, Herr Morgenschein, trab trab! Die Jungfer Tauduft putzt sich hier; sie schlägt den Schleier auf vor dir, klapp klapp!

Klapp klapp, sie lädt dich ein zum Tanz; nur hol erst deinen goldnen Kranz, trab trab! Wer zu ihr will, muß früh aufstehn; wers tut, dem patscht sie auf die Zehn, schwapp!

Der kleine Sünder

Von Paula und Richard Dehmel

Gestern lief der Peter weg, spinnefix verstohlen; setzt sich Mutter den Bänderhut auf: wart, ich will dich holen! Sausepeter, Flausepeter, kleiner Sünder, wo bist du?

Hahnematz steht auf der Wiese, „kiek ins Grüne!“ kräht er; sag mir, bunter Kickeriki, wo ist unser Peter? Bummelpeter, Schummelpeter, kleiner Sünder, wo bist du?

Wie sie sich im Garten umkuckt, ist er nicht zu sehen; bleibt sie neben dem Spargelbeet unterm Pflaumbaum stehen. Aber Peter, nirgends steht er; kleiner Sünder, wo bist du?

Hört sie etwas lachen, horch, oben aus dem Baume; sitzt der Peter seelenvergnügt, pflückt sich eine Pflaume. Wirft ein Steinchen, schwenkt die Beinchen, wupptich --: Mutter, da +bin+ ich!

Fragefritz und Plappertasche

Von Paula und Richard Dehmel

Fritz, ich möcht den Spaten haben. „Mutterchen, warum?“ Möchte eine Grube graben. „Mutterchen, warum?“

Möchte drin ein Bäumchen pflanzen. „Mutterchen, warum?“ Wird mein Fritze drunter tanzen. „Mutterchen, warum?“

Wird das Bäumchen Kirschen tragen. „Mutterchen, warum?“ Ei, du mußt die Spatzen fragen, die sind nicht so dumm! --

Kommt die kleine Plappertasche: „Mutterchen, nicht wahr, ich bin klüger als der Fritze, bin schon bald sechs Jahr!