Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3)

Part 13

Chapter 133,613 wordsPublic domain

Ja, staun ihn an, den Mann -- hier steht er, lacht, der einst mit furchtbar heiligem Ernst gedacht: ich bin bös gut, ich bin ein Geist, an dem die Überlebten sterben, verführt von ihm, sich vollends zu verderben, damit der Weltlauf schneller kreist -- so macht sich der gebrechlichste Verbrecher im Handumdrehn zum Richter und zum Rächer, bis ihn die Welt in seine Schranken weist. Das wars; drum hatt ich Helfershelfer vonnöten. Drum steh ich jetzt und beichte mit Erröten: Gewichtige Mittel zu nichtigen Zwecken, das ist die Taktik der Gaukler und Gecken; ein einzig Fünkchen neue Tugend wecken frommt mehr, als tausend alte Sünder töten. Und bist du jetzt noch mein mit Hab und Gut, dann, Fünkchen, sieh: hell lacht die Glut!

Die Flammen murmeln eine Wunder-Erzählung: zwei Geister feiern ihre Vermählung.

17.

Und sie staunen ins Land: es atmet Glanz ohne Ende. Mittagsnebel wandern und weiten alle Grenzen; aus jedem der tausend Schleier scheint die Sonne zu glänzen. Und der Mann berührt des Weibes gefaltete Hände:

Also morgen geh ich uns mein Töchterchen holen. Du wirst dich wundern, Lea -- vielleicht auch nicht: sie wird dein Ebenbild -- Gang, Haltung, Gesicht -- nur daß sie blond ist wie ein Goldfuchsfohlen. Ja, Meine, du hast mir schon im Geist geschlafen, bevor sich unsre wachen beiden Körper trafen; und nun begreifst du wohl mein Mannesbangen. Der Geist, der Alles antreibt, in Eins zu gehören, der strebt das Einzelgeschöpf zu zerstören; denk, wie wir todeslüstern am Meer uns umschlangen! Da jauchzten wir den irresten Lebenstrieben; da hätte die Liebesgier uns aufgerieben, hätt ich nicht Botschaft von der Toten empfangen. Jetzt seh ich dort die Nebelgeister walten und freu mich unsrer festeren Gestalten.

Es wogt; und blaß, wie ferne Inseln, erscheinen die Wälder durch die leuchtend wehenden Falten. Das Weib legt schwer die Hände in die seinen:

So laß uns denn den Leib recht heilig halten; die Seele weiß sich schon allein zu frommen. Mir ahnt ohnehin, uns wird von deinen alten Geistesfreunden noch Unheil kommen. Nimms nicht für Furcht! O, umso stolzer bin ich, daß du nicht loskonntest von mir. Und umso demutwilliger weiß ich innig, daß ich nicht lassen kann von Dir. Und so, leibhaftig, ist dein Kind auch mein; ich will ihm eine Mutter sein, als hätt’s in meinem Schooß geruht, es ist ja Blut von Deinem Blut.

Und blaß und blasser wehn die Nebel ins Leere. Zwei Seelen segnen ihre Erdenschwere.

18.

Doch funkeln Sterne wie von je. Der Nachtwind irrt ums Haus mit Sehnsuchtsrufen und rüttelt an den morschgewordenen Stufen; die Pappeln brausen wie die See. Ergriffen lauscht das Weib den hohen Bäumen, ein Mädchenseelchen ruht vor ihr in Träumen; sie dämpft besorgt das Lampenlicht. Sie tritt ans Fenster zu dem Mann. Sie spricht:

Lieber! wir müssen nun wohl streben, dem kommenden Geschlecht zu leben. Wenn meine schwere Stunde naht, dann ist kein Raum hier. Noch kann ich reisen, und -- gelt? uns wird auf jedem Pfad das Wunder der Ehe sich neu erweisen, beim alleroffenherzigsten Treiben uns doch ein reizend Geheimnis zu bleiben -- und drum: frei heraus, Lux: ich möcht, wir fahren nach den Inseln, wo wir +selig+ waren! Da kann keine fremde Hand uns hindern, ein Paradies zu bauen mit unsern Kindern. Und deine alten Eltern, so sehr sie jetzt grollen, ich glaube, dann werden sie mitbauen wollen.

Die Sterne funkeln wie von je. Der Nachtwind rauscht ums Haus wie Wogenrollen. Der Mann blickt lächelnd auf die dunkle Chaussee:

Und wenn die alten Eltern nun niemals wollen? kannst du die Welt zu Deinem Glück bekehren? Willst du den kommenden Geschlechtern lehren, man brauche Inseln, um selig zu sein?

Ja, komm, wir reisen! hoch steht dein Schloß am Rhein! Da rauscht das Leben rings kreuz und quer, an dem alles Menschenstreben sich mißt! Wer in der weiten Welt nicht selig ist, der wirds auf einer Insel nimmermehr.

Und horch: da dehnt ein Hauch den engen Raum -- zwei Menschen sehn: ein Kind lächelt im Traum.

19.

Und es glänzt ein Strom im Tal; Rebhügel steigen von kleinen Städten zu Berg und Burg empor. Herbstfeierlich in letzter Prunksucht umzweigen die Wälder sie mit hundertfarbigem Flor. Am Schloßteich spielt ein Mädchen im Sonnenschein und schmückt sich mit den sterbebunten Blättern; ihr goldrot Haar huscht durch den alten Hain --

Husch -- lacht der Mann -- gleich wird’s ein Eichkätzchen sein und über uns im Efeu klettern. Und der Himmel, schau, wie hochzeitsblau! ich möcht am liebsten, wir gingen beide in edlem Sammet und lautrer Seide, wie deine Ahnen einst hier schritten. Wir dürftens wagen, aus diesem Freiherrnbau die Toten alle heraufzubitten zur Feier der Freiheit, die Unsern Bund umschwebt: Vivat, ihr Herrn! wie schwarz das Grab auch nachtet, Erinnrung schimmert, und wer’s recht betrachtet, der hat das Leben hundertmal gelebt; hier soll der Odem eines Glückes wehn, das Macht hat, tausend Tode zu bestehn!

Das Weib lächelt; sie hat das Wappen besehn, das unterm Efeu nistet überm Tor. Sie weist empor:

Schau dort: da lugt dasselbe Glück hervor: für diesen Sternschild hat manch Herz gelodert, das einst die Welt zu stürmen sich verschwor, und das jetzt unter unsern Füßen modert. O Lux, hier rührt mich jeder Strauch und Baum, und jeder raunt mir doch: die Welt ist Traum. Nur Du, du bist wie ich so wirklich mir; du lebst, du leibst, du liebst mit mir.

Da raschelt’s. Blätter flattern; durchs Buschwerk schlüpft das Kind, den Lockenkopf umrankt mit Reben. Bin ich nicht schön?! jubelt’s und hüpft es. Zwei Menschen öffnen beide Arme dem Leben.

20.

Und Kerzen schimmern; und still ins Schlafgemach dürfen die Träume Ewigen Lebens treten. Rings im gebräunten Schnitzwerk beten Engel aus Erz und hüten immerwach die Sterne auf den silberblauen Tapeten. Die hohen Spiegel stehn gleich Lichtportalen, aus denen, in verklärte Schatten getaucht, die Leiber zweier seliger Geister strahlen -- das Weib haucht:

Bin ich nicht schön? O wie das liebreizend klang, als unser Eichkätzchen so vor uns sprang; ich sah uns nackt vor Gott in Wonne stehn -- wie jetzt. O Meiner! Uns hat mit Urgewalt das Meer getraut! Und diese Muttergestalt, nicht wahr, du kannst sie fromm beschauen wie Meister Dürers benedeiete Frauen, und sie darf jubeln: in Himmelshöhn brennt keine Scham mehr! -- sag: Bin ich noch schön? --

Die Schatten beben; die Kerzenflammen wehn. Es flimmern Menschensterne rings im Blauen. Des Mannes Blick scheint über weite Auen hinzugehn:

Als du auf wildem Meer mit mir wogtest im Boot, sahst weg von mir, sahst unter uns das Grab hinschwanken und über uns den grauen Himmel wanken und bebtest nicht -- da warst du schön. Jetzt aber, hier, vor diesem klaren Spiegel, wo jeder deiner Makel mir ein Siegel auf meine eignen Häßlichkeiten drückt, und siehst mich an und fühlst nun, wie wir rangen, bis wir das wüste Element bezwangen, und bebst beglückt -- o Du, jetzt sind wir mehr als schön!

Es schimmern Erzengel aus Lichtportalen. Zwei Menschen strahlen.

21.

Und Kerzen wehn noch in den hellen Tag; entzückte Lippen glühn, verschämte Wangen. Geburtstagsblumensträuße prangen. Das Kind hat seinen Glückwunsch aufgesagt; nun darf’s mit Gärtnersmann und Magd und mit dem riesigen Rosinenkuchen wohlgemut das Weite suchen. Und während draußen Tanz und Trubel lacht, nimmt zart der Mann des Weibes Blick gefangen:

Komm, Seele -- weißt du noch? heut jährt sichs grad, als ich, ein Lohnmensch, vor dich trat und deinen Blick empfing, der Ketten sprengte. Und nun, in diesem freien Turmgemach, an diesem lichterloh gekrönten Tag, der dir und mir dein Leben schenkte, der jedes Wort belebt zum Dankausruf, daß uns die Welt zu denkenden Wesen schuf, daß wir uns nicht mehr dumpf im Urnebel drehn, daß wir zu weinen und zu lachen verstehn, nicht mehr in Sümpfen uns ungetümlich plagend, nicht mehr wie Brüllaffen mondsüchtig klagend, auch nicht mehr wie solch Kindlein handelnd, das sich, von jeder Laune betört, sein eignes Himmelreich verstört -- wir, Adam und Eva, gen Eden wandelnd -- Komm --: Siehst du dort den Schieferberg im Tann? da ließ dein Ururahn sechs Knechte henken! Willst du mir diesen kahlen Berg heut schenken, der hundert freie Menschen nähren kann, wenn wir sie mitmenschlich zum Werk anlenken?!

Sie blickt den Berg, sie blickt den Himmel an: er scheint sich auf ein Zukunftsland zu senken. Sie blickt zu Tal, wie übermannt vom Denken --

sie lacht: hab Dank, mein Herr und Lehensmann! Und talher prangt voll Sonnengold der Fluß. Zwei Menschen tauschen einen Festtagskuß.

22.

Und eine Mondverfinsterung beginnt; den blanken Ball beschleicht ein scharfer Schatten. Der Schatten schwillt und macht mit seinem matten Erdschwarz den Himmelskörper blind. Der kahle Burghain steht um Turm und Erker wie ein Gespensterschwarm um einen Kerker. Das Weib sinnt:

Es hat eine Seele sich befreit: sie band sich selber die Hände. Da kam die Ruhe: Nun bist du gefeit. Ich halt dich umfangen wie Raum und Zeit: unser Band hat nicht Anfang noch Ende. Nun seh ich ohne Sehnen und Bangen um unsre Sterne das ewige Dunkel hangen; wir wissen ungeblendet heimzufinden. Und selbst der Mond, der alte Bösewicht mit seinem unheimlich geborgten Licht, kann uns das Sonnenband nicht mehr entwinden.

Im Mond der Schatten schwillt und schwillt; im dunkeln Weltraum blinkt immer befreiter das Licht, das von den Sternen quillt. Der Mann sinnt weiter:

Und man erkennt: Verbindlichkeit ist Leben, und Jeder lebt so innig, wie er liebt: die Seele will, was sie erfüllt, hingeben, damit die Welt ihr neue Fülle giebt.

Dann wirst du Gott im menschlichen Gewühle und sagst zu mir, der dich umfangen hält: du bist mir nur ein Stück der Welt, der ich mich ganz verbunden fühle. Bei Tag, bei Nacht umschlingt uns wie ein Schatten im kleinsten Kreis die große Pflicht: wir alle leben von geborgtem Licht und müssen diese Schuld zurückerstatten.

Im Mond der Schatten schickt sich an zu weichen; zwei Menschen sehn den Himmel voller Zeichen.

23.

Und immer kühner greift der Morgenwind durch Wolken in die nebelvollen Täler; die Wolken flüchten immer schneller, die Nebel eilen stromgeschwind. Von Berg zu Berg wehn breite Sonnensträhnen. Der Mann steht auf von Rechnungen und Plänen:

Sieh, jetzt im Zwielicht kannst du deutlich sehn, wie mächtig unser Zukunftsland sich streckt; wenn wir im Frühjahr an den Schachtbau gehn, ist schon zum Herbst das Lager aufgedeckt. Dann soll mein Grubenvölkchen bald verstehn, daß freies Land noch freiere Leute heckt, auch +ohne+ die soziale Republik; und unsern Kindern wird ein Licht aufgehn, wozu sich da vom Schornstein der Fabrik die Rauchfahne der Arbeit reckt, wenn hier zum Turm her Sonntags längs des Flusses von Hütte zu Hütte auf allen Höhn die bunten Wimpel des Genusses um dein Sternenbanner wehn. Gelt, das wird schön? und mehr als schön!

Er legt beide Fäuste auf seine Pläne. Die Nebel eilen stromgeschwind. Die Sonne streift mit ihrer Strahlenmähne die kleinen Städte unten, Schiffe, Kähne. Mit strahlt das Weib, hell lacht der Wind:

Es wird! Wo kreisend die Sterne sich rühren, da greift jeder Bannkreis in andre ein! Und wenns statt Hundert nur ein Dutzend spüren, dann wird das Dutzend unermeßlich sein! Und mitgebannt mit dir in alle Sphären, o Mann, ich helf dir Freiheit gebären!

Sie lehnt sich an ihn muttergroß. Die Berge schwellen im Morgenduft. Es ragt sein Haupt, es wogt ihr Schooß. Zwei Menschen schaun wie Götter in die Luft.

24.

Doch erdschwer stockt die weiche Luft und läßt noch manch verblichnes Blatt zu Boden schauern; der alte Hain steht bis ins Mark durchnäßt, der Nebel trieft vom Moos der Mauern. Das Weib, die Hände unters Herz gepreßt, unterdrückt ein fröstelnd Trauern:

Du meinst, du hast mehr Willen als ein Baum? Und lernte nun dein eigen Kind uns hassen mit unserm herrischen Freiheitstraum? Lux -- unser Eichkätzchen -- dir zeigt sie’s kaum -- weiß sich vor Heimweh nicht mehr zu lassen! Ich hätt’s im zehnten Jahr +auch+ schlecht ertragen, so jählings in ein ander Land verschlagen; wir aber können allerorten bestehn. Du kannst jedwedem Erdfleck Zukunft spenden; und halt ich erst mein Mutterglück in Händen, dann laß uns heim in Deine Heimat gehn!

Sie sieht, er nickt -- schwer, ohne aufzusehn; er streicht den grauen Fleck in seinen Haaren --

Meinst du, mir sei dies Leid nie widerfahren? Bei deinen Worten hört ich fern am Rhin die Schnitter ihre Sensen dengeln und sah zum Hammerschlag gleich Engeln die Nebel durch die Haide ziehn. Ich lief vor Heimweh noch mit fünfzehn Jahren fünf Meilen weit in einer Nacht nach Haus. Da, Morgens, trat mein Vater zur Tür heraus: Du?? Marsch, zurück! -- Und da: ich habs halt müssen: da lernt ich zähneknirschend mit wunden Füßen in jedem Straßenbaum die Heimat grüßen; und so -- so muß auch +mein+ Kind durch die Welt! Ihr kleiner Wille möge sich nur bäumen; dann wird sie einst wie Wir so herrisch träumen, so frei von Weiberlaunen -- gelt?!

Er sieht, sie nickt -- sie atmet auf im stillen. Zwei Menschen baun auf ihren Willen.

25.

Und rauher wetterts über die Berge herab. Die hohen Tannen fangen den Wind und juchen; aus den Taltiefen langen die kahlen Buchen, als ob sie oben Kräfte zu schöpfen suchen, so sehnig schlank. Der Mann weist hinab:

Da sieh, wie’s wächst, wo Leidenschaften sich drängen! Hier reckt sich jeder Baum mit kühnerer Kraft; wie riesige Schlangen, die sich im Kampf hochzwängen. O, ich erfuhr’s, wie man nach Raum ringt im Engen, immer bestärkter vom Leid der Leidenschaft! Wer’s aber zu ersticken versucht, dies tierisch Trübe, göttlich Klare, von Lust und Liebe Unlösbare, der ist von Anfang an verflucht: verdammt zur Ohnmacht: verrückt, verrucht, wird er an jedem Glück zum Diebe, zu schwach zum Haß selbst -- aus Liebe zur Liebe.

Er rührt das Weib an, weiter zu schreiten. Sie steht wie wehrend; und sonderbar bäumt sich im Wind ihr schwarz schlängelnd Haar. Sie glättet’s. Ihr Blick flammt wie vor Zeiten:

Wem sagst du das? Kam mir je ein Leid, das ich nicht hinnahm mit rüstigen Händen?! Wußt ich nicht jedes in Lust zu wenden, seit wir einander eingeweiht: derselbe Geist eint und entzweit -- ich seh ihn walten nun aller Enden. Ich sehe im Geist sogar die Zeit, da wird sich Menschenwitz getrauen, die Erde aus ihrer Axe zu biegen und anders um die Sonne zu fliegen -- ich sehe das Eis der Pole tauen, der Blitz wird uns auf Wolken wiegen -- doch bis in alle Ewigkeit wird Haß und Liebe alldem obsiegen!

Zwei Menschen schüttelt ein Wonnegrauen.

26.

Doch ruhig geht der Schein der Sonne unter. Durchs Rebgelände kriecht der Abendrauch der kleinen Talstadt und der Moderhauch des welken Laubes wie verzagt. Ein Baum wirft sacht ein letztes Blatt herunter. Das Weib fragt:

Doch die dort unten? sind sie je zu belehren, daß ihnen unser herrischer Wandel dient? Einst ritt der Held gepanzert und geschient; heut muß sich Jeder wie ein Handelsjud wehren. Ich will an deinem menschlichen Zukunftsglauben nicht mit Zweifelsfingern klauben, aber gläubiger hüt ich unser göttlich Glück. Die Welt befeindet’s. Denk dich zurück: dein nächster Freund, wie hat er’s uns erschwert! Scheint er dir jetzt nicht hassenswert?

Ihre Stirn treibt Schatten in die Flucht; in ihrem dunklen Blick zuckt erwachend ein Irrlicht alter Eifersucht. Der Mann sagt lachend:

Er ist mir doch zu gottvoll zum Hasse: ein so urdeutscher Menschheitstyrann, daß nur der Vollblutjude Liebermann ihn malen könnte: so schön voll Rasse. Was sind denn hassenswerte Kreaturen? Vorwand für unser eigen häßlich Wesen! Der Deutsche reißt am Zopf des Chinesen, den Britten wurmt der Eigennutz des Buren. Du fühlst, wir leben widersittig -- doch laß uns drum den Gott nicht schmähen, mit dem die Sittsamen sich blähen; uns treibt er zum Aufschwung mit seinem Fittig. Wir haben durch ihn den Weg zur Liebe gefunden! Ich hasse nur in meinen schwachen Stunden.

Da glänzt ihre Stirn auf wie die Abendflur. Zwei Menschen schweben über ihrer Natur.

27.

Und an fernen Dächern und Kirchen hin wie an Särgen fliegt der Morgen mit phönixgoldnem Schweif. Die Nebel lösen sich von den kalten Bergen und schmücken die Tannen mit reinstem Reif. Und im Geist aufgehend in den verklärten Landen, sagt der Mann dem Weib, als sei aller Kampf überstanden:

Sieh, Seele: so werd ichs immer wieder spüren, und bin ich noch so menschenmüd, Du: nur dein Blick braucht sonnig mich anzurühren, dann fliegen mir Gotteskräfte zu. Nicht so wie damals, als wir uns noch hochtrabende Götternamen gaben -- die hab ich mit der Toten begraben; jetzt tragen wir willig das Menschenlebensjoch.

Jetzt weiß unser Wille erst recht die Flügel zu breiten, jeden Augenblick kann er hinaus über Räume und Zeiten; denn selig Seel in Seele ergeben begreifen wir das Ewige Leben, das Leben ohne Maß und Ziel, selbst Haß wird Liebe, selbst Liebe wird Spiel. Dann ist der Geist von jedem Zweck genesen, dann weiß er unverwirrt um seine Triebe, dann offenbart sich ihm das weise Wesen jedweder Torheit -- durch die Liebe.

Er sucht ihren Blick; er will ihr Dunkelstes lesen. Sie steht, als höre sie ferne Glocken klingen. Sie spricht, als sei sie in der Zukunft gewesen:

Dann wird uns Segen aus jedem Werk entspringen. Dann lebst du nicht mehr mit dem Leben in Streit. Dann kann uns ganz die Lust der Allmacht durchdringen. Nicht Mann, nicht Weib mehr wird um die Obmacht ringen. Klar über aller Menschenfreundlichkeit steht Mensch vor Mensch in Menschenfreudigkeit!

Sie öffnet die Arme, als will sie die Welt umschlingen. Fern flammt der Himmel in goldner Herrlichkeit. Mit flammt ein Seelenpaar auf Geistesschwingen.

28.

Doch weit und hoch und funkelnd spannt die Nacht ihr Grauen aus um Turm und Hain und Garten. Im Tal bezeugt ein Lichtlein ihre Macht. Die Stadt schläft, von den Sternen bewacht. Und über die Wipfel deutend, die frosterstarrten, fragt das Weib mit Vorbedacht:

Doch wenn nach unsern göttlichen Augenblicken die menschlichen Stunden das Herz beschleichen? können wir uns wie diese Eichen mit sichern Wurzeln in jedes Schicksal schicken? Das Kind kanns noch -- da sprachst du wahr; sie denkt schon dran, hier Spielgefährten zu finden. Sie kann ihr Herz noch frei an Alles binden; selbst ihren Büchern bringt sie’s dar. Wir aber, die wir nicht mehr einsam sind und doch den Zwiespalt dieser Welt empfinden, dürfen wir träumen wie ein Kind?

Das Licht im Tal erzittert; sie sehn’s verschwinden. Des Mannes Lächeln wird seltsam wild. Es ist ein Lächeln, das allem Schicksal gilt. Sein Blick erhebt sich in die nächtigen Fernen, als lese er die Antwort aus den Sternen, seltsam mild:

Es ist in uns ein +Ewig+ Einsames -- es ist Das, was uns Alle eint. Es tut sich kund als Urgemeinsames, je eigner es die Seele meint. Sie wurzelt rings im grenzenlos Alleinen; sie liebt es, sich im Weltspiel zu entzwein, um immer wieder selig sich zu einen durch Zwei, die grenzenlos allein. So lebt die Liebe; das ist kein Traum. So, Herz, erlebst du’s mit am dürrsten Baum, was ihm wie dir wohl oder wehe tut; nur leiser, ferner, nicht so nah dem Blut.

Zwei Menschen lächeln über Zeit und Raum.

29.

Und der Wald schweigt wie von Andacht gepackt; der erste Schnee liegt tief und schwer. Aus Höfen und Scheunen vom Talgrund her tönt gedämpft der Dreschertakt. Fern, groß, im weißen Sonnenglast, steht eine Bäurin und worfelt Korn; zuweilen blitzt ihr Sieb auf wie voll Zorn, dann flattern Spatzen. Der Mann macht Rast:

Dieses Schauspiel ergreift mich immer, als sei’s der Mutter Menschheit Bild. Da steht das riesige Frauenzimmer, ihre Worfel schüttelnd, wild, schaffenswild, die Körner hütend mit harten Tatzen, vor Eifer glühend, vor Freude rot: tanzt auch manch leichtes zu den Spatzen, die schweren geben Menschenbrot. Und jetzt auf einmal fühl ich’s mit Beben: deines Schooßes Frucht ist der Allmacht vonnöten! Und käme auch dieses Kind blind ins Leben und du hast nicht wieder die Kraft, es zu töten, dann will ich glauben, du hast die höhere Kraft, die Licht aus tiefstem Dunkel schafft.

Er will sie küssen -- ihm stockt das Herz: sie steht wie weit hinweggetragen. Ihrem Blick entquillt ein Licht in sein Herz: das stillt alle Wonne, allen Schmerz: ein Licht goldner Ruhe -- er hört sie sagen:

Bei deinen Worten hat dein Kind die Augen in mir aufgeschlagen -- es wird nicht blind. Es sah mich an wie aus tiefem Bronnen. Seine Augen waren zwei blaue Sonnen. Es wird wie Du durchs Leben gehen. Ich hab’s gesehen.

Traumhaft flüstert sie: Dein Kind und meins. Traumhaft schauern zwei Herzen in eins.

30.

Und die Sonne küßt den Schnee vom Dach, und leise summt die Glut in den Kaminen. Lächelnd tritt das Weib ins Turmgemach; breit vom Morgenglanz beschienen sinnt der Mann auf seine Arbeit nieder. Er blickt nicht auf. Sie lächelt wieder. Leise naht sie ihm in heller Freude, weich umwogt vom Mutterhoffnungskleide:

Lukas -- mir war so fröhlich eben: ich saß und dachte in dich hinein: der Name, den wir unserm Kind bald geben, soll auch der Name deines Bergwerks sein. Und mir kam ein Wort, das wie vom Himmel nimm all dein Schicksal als Kinderspiel! Denn gelt: den reichen Seelen darf das Glück +nicht+ fehlen, das sie Andern zeigen als ein Ziel --

Da blickt er auf -- sie fühlt sich erbleichen: seine Augen gleißen, Spott nistet drin. Seine Hand weist auf einen Bauplan hin: da liegt ein Brief mit seltsamen Zeichen. Die Chiffern wogen ihr wie ein Meer. Rauh kommt seine Stimme zu ihr her:

Ja, ein Spiel -- nenn’s Schicksal, nenn’s Glück, Gott, Welt -- nur: lerne verlieren, willst du gewinnen! Ich werde mein Werk hier nicht beginnen. Du wirst bald allein hier auf Namen sinnen; was du ahntest, hat sich eingestellt. Hier: aus alter Freundschaft hat man mir diesen gnädigen Wink „von oben“ verschafft: binnen vier Wochen bin ich verhaftet oder verbannt -- auf amtsdeutsch: landesverwiesen. Nun heißt es, stolz an neue Arbeit gehn, damit wir vor dem Gott in uns bestehn!

Aus seinen Augen weicht aller Spott. Zwei Menschen beugen sich vor Gott.

31.

Und es tanzt der Schnee; kalt flimmern die Flocken wie Sterne im schwachen Sonnenschein. Immer stiller starrt das Weib landein. Aber wärmer immer, als will er sie feien, streicht der Mann ihre schwarzen Locken: