Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3)

Part 12

Chapter 123,499 wordsPublic domain

Sie legt ihre Hand wie segnend auf das Grab: sie drückt sich tief im feuchten Erdreich ab, ein Tropfen schimmert in dem schwarzen Ballen. Zwei Menschen stehn, als sei ein Schwur gefallen.

2.

Durch hohe Pappeln fingert grell der Mond, legt harte Schatten vor ein kleines Haus; fern hockt der Großstadtdunst, glanzüberthront. Zwei Menschen sinnen in die Nacht hinaus. Der Dunst der Felder schleicht, das Mondlicht dämpfend. Ein Weib sagt zögernd, mit sich kämpfend:

Die Frau, die du bestattet hast, hat uns befreit von einer Last; ich weiß ihr Dank! und will ihn offenbaren. Wo ist ihr Kind! Dein Kind! -- gib mir’s bei Zeiten; noch können wir’s zu unserm Glück anleiten. Was planst du immer wieder Heimlichkeiten! soll’s etwa so ein Freund dir aufbewahren?

Der Mann am Fenster blickt ins bleiche Land; er wirrt in seinen grauen Schläfenhaaren. Er spricht verhalten, abgewandt:

Vorläufig darfst du dir den Dank ersparen. Auch wird kein Freund in deinem Glück dich stören; die Tote wußte nichts von diesen Leuten. Mein Kind wird meine Mutter mir verwahren; ich schwieg nur, um dein freies Wort zu hören -- nun laß dir Eins dazu bedeuten: Mir haben mehr als eure beiden Seelen ihr ganzes Glück geoffenbart; in jeder schien ein Stück zu fehlen, es lag in mir wie aufgespart. Wohl band an Jene mich ihr Leidensfrieden, wohl riß zu Dir mich deine Lebenslust, doch immer blieb mir frei bewußt: mir hat die Welt ein reicheres Glück beschieden. Vielleicht entdeckst auch Du dies Glück bei Zeiten und lernst mein Kind zu +seinem+ Glück anleiten!

Er kehrt seine Stirn brüsk gegens Licht; fern hockt der Großstadtdunst, glanzüberthront. Sie lächelt eigen; er sieht es nicht. Zwei Menschen blicken einsam in den Mond.

3.

Sonne lacht; die Stoppelfelder schimmern. An verfärbten Blättern zupft der Wind, Früchte lüpfend. Heimlich Leben spinnt weiße Fäden; rings im Blauen flimmert’s. Scheinbar tändelnd hat ein Mann einem Weibe solch ein zart Geflechte um ihr schwarzes Haar gewunden -- nun streckt er seine narbige Rechte:

Was doch die Seele brav lernen kann, hats nur der Körper erst für gut befunden! Kaum hab ich mir die eine Hand lahm geschunden, schon stellt sich meine Linke geschickter an als je die Rechte. Selbst auf der Jagd: wie hat mein Vater mich neulich ausgelacht, als ich so schießen wollte -- und dann: keinen Fehlschuß tat ich beim Kesseltreiben. Ich kann auch wieder heimlich schreiben; falls dirs vielleicht mal zuviel Mühe macht, Frau Fürstin, meine Sekretärin zu bleiben --

Leichthin hat er das Spinngewebe wieder ihrem Haar entnommen, leichthin hält er’s in der Schwebe; bis es wegschwebt, flimmernd, wehend. Wie mit Willen nicht verstehend sagt sie, nur ihr Atem geht beklommen:

Du tust sehr glücklich mit deinem Spiel. Fast wie Gaukler, die sich schämen, Lux, ein Unglück ernst zu nehmen. Scheint +diese+ Müh dir +nicht+ zuviel? -- Doch den reichen Seelen muß das Glück wohl fehlen, das sie Andern zeigen als ein Ziel --

gelt? -- Er schweigt. Rings lüpft der Wind Früchte; heimlich Leben spinnt weiße Fäden über Zaun und Dach. Zwei Menschen schaun dem fliehenden Sommer nach.

4.

Abendröte ruht auf alten Wegen. Stille Mühlen stehn im kahlen Land wie gebannt; hohe Bäume glühn der Nacht entgegen. Wo der dämmergraue Park sich lichtet, unweit einer Grabkapelle, gehn zwei Menschen, Hand in Hand. Und als sei ein Streit geschlichtet, weist ein Weib ins Freie, Helle:

Du mußt nit meinen, ich sei so schicksalsblind, daß ich am Himmel niemals Wolken seh. Hier birgt noch jeder Strauch mein einsam Weh: hier sahst du kalt auf mein getötetes Kind. Jetzt aber, wo dein Leben mich durchrinnt, so warm, als klopfe unter meinem Herzen Dein Herz mit allen Wonnen, allen Schmerzen, jetzt will ich kämpfen, bis ich vor dir steh so lauter wie ein wolkenloser Tag. Wer +sind+ nun deine dunkeln Freunde? sag!

Abendröte ruht auf alten Wegen; durch die glühenden Kiefernkronen graut der Nacht ein fahles Haus entgegen, hoch mit eisernem Balkone. Ein Mann sagt willig, sagt mit Hohn:

So laß dir denn erwidern: schon bist du selbst im Bunde. Von allen seinen Gliedern ist keins so reif wie du zur Stunde. Denn diesen Bund hat nur die Sehnsucht gestiftet, nichts wider Willen mehr mitanzusehen. Man darf sogar Verrat begehen; das Schlimmste ist, man wird vielleicht vergiftet. Es folgen alle nur dem einen Satze: dort, lieber Freund, scheint Ihre Kraft am Platze.

Abendröte ruht auf alten Wegen; Wolken glühn zwei Menschen wirr entgegen.

5.

Morgennebel brodelt auf fernen Seeen. Gelbes Laub tanzt über abgemähte Wiesen und zerfahrne Chausseen zur Musik der Telegraphendrähte; sturmbetroffen stockt ein Menschenpaar. Jäh ist eine Wanderschaar Schwalben durch die brausenden Pappeln und die Drähte hingeschossen, unbekümmert um die zerfetzten Genossen, die im Grase abgestürzt zappeln.

Der Mann kürzt ihre Qual mit einigen Streichen. Nun weist er auf die kleinen Leichen:

Ja, Mutter Isis: blick nur betroffen her! kannst du noch fliegen, Seele? und allein!? Dein Auge hat sehr stolzen Schein -- dann ist es gut: dann brauchst du mich nicht mehr. Zugvögeln gleich: da ziehn sie, planvoll verbunden, und denkt doch keiner an Ich und Du -- schon sind sie, schau nur nach, im Nebel verschwunden, von einer Heimat der andern zu -- zum jammervollsten Tod bereit in ihrer Sehnsuchtsherrlichkeit -- -- komm weiter!

Er winkt in den Sturm, sein Stock zuckt wie ein Degen. Da tritt das Weib ihm voll entgegen:

Lukas! Nun hast du deutlich genug gesprochen! kennst du das Wort Selbstherrlichkeit? Hältst du die Fürstin Lea für so gebrochen, daß sie sich umsieht, was ihr Halt verleiht? Nun will ich frei sein! frei auch vom letzten Band, das mich noch fesselt an jene Welt der Gecken. Frei, weil mirs ziemt; nicht Dir zum Unterpfand. Dann biet ich dir vielleicht die Helfershand. Warum nicht früher, das wirst du bald entdecken.

Sie nimmt seinen Arm; sie sieht, er lächelt eigen. Zwei Menschen fühlen, wie’s stürmt, und schweigen.

6.

Trüber Tag und dunkle Ahnenbilder, Gaslichtflammen, rostige Wappenschilder, und hohe Spiegelwände. Und inmitten stehn zwei Menschen mit höflich kühlen Mienen neben den steifen Stühlen und begrüßen einen Dritten. Dieser nickt und sieht voll Schonung und gelangweilt in die Welt. Und nachdem man Platz gewählt, sagt ein Weib mit merklicher Betonung:

Hoheit, ich danke für Ihr Entgegenkommen. Und da Sie gütigst in die Scheidung willigen, und da uns das Geschick den Erben genommen, und um Verwickelungen zuvorzukommen, möchte ich fragen, ob Sie’s völlig billigen, daß mir auch jetzt, das heißt nach Bruch der Ehe, die Hälfte meiner Mitgift noch zustehe; sonst will ich mich trotz meines Anspruchs verpflichten, so weit wie möglich zu verzichten.

Jener wehrt mit gnädiger Bewegung; hierauf hört man nur das Gaslicht raunen. Und nach flüchtigem Erstaunen nimmt ein Mann das Wort, fast mit Erregung:

Hoheit, auch mich verlangt es, Dank zu sagen -- ich leg ihn nicht mit leeren Händen nieder; hier bring ich die Archivpapiere wieder, die ich gewillt war zu unterschlagen. Ich möchte aber nicht, daß Hoheit glauben, ich sei aus Leichtsinn zu der Tat geschritten; ich trat mein Amt an mit dem Zweck, zu rauben. Ich möchte nur, daß Hoheit mir erlauben, als Mensch den Menschen um Verzeihung zu bitten.

Er legt errötend ein Bündel auf den Tisch; Jener wehrt, als ob er Staub wegfächelt. Wieder hört man nur das Gasgezisch Zwei Menschen fühlen: der Dritte lächelt.

7.

Ein Stübchen schwimmt voll Zigarettenduft; zwei Menschen hauchen Ringe in die Luft. Immer umwölkter blickt und sinnt der Mann das Weib an: ihren herrischen Wuchs, ihr sorgsam schlicht Gewand, ihr schwer zu glättendes Haar, die große Hand, den kühnen Hals, das sanft geschwungene Kinn -- Endlich wirft er gezwungen hin:

Du hast es äußerst talentvoll angestellt, dich mir als reiche Frau zu entpuppen; ich hoffe, daß mirs immer öfter wie Schuppen von den verliebten Augen fällt. Ich bin dir dankbar für das charmant posierte Schauspiel der Armut, das du mir geboten; beinah so dankbar wie der Toten, die mir zu Liebe Demut simulierte. Nur glaube nicht, mit allerhand geschickten Künsten sei Klarheit zu erzielen; im Leben führt das Rollespielen zu arg verwirrenden Konflikten. Da wird die Wahrheit denn statt Ziel ein offenherzig Lügenspiel.

Sein Blick wird schärfer; sie hält ihn aus. Sie scheucht den Rauch weg, sie sagt klar heraus:

Wundert dich das, du freier Mann? Du wolltest doch, ich sollt dir zeigen, ob ich verstünde, planvoll zu schweigen; du schuldigst deine eignen Künste an! Was unterschied mich denn von einer Dirne, bevor ich glauben durfte, wir sind Eins? Der Schutz des Reichtums! nicht des schönen Scheins: ich biete aller Welt die Stirne. Die Tote aber lehre uns fürs Leben: nur volles Selbstgefühl kann voll sich selbst hingeben!

Sie blickt ins Freie; er hat die Augen geschlossen. Zwei Menschen sitzen rauchumflossen.

8.

Die Georginen schütteln sich im Wind; gefallnes Obst liegt auf den Gartensteigen. Am Straßenzaun steht scheu ein armes Kind unter den brausenden Pappelzweigen vor einer Frau; sie schenkt ihm von den Früchten. Selig rennt’s weg, als müßt es flüchten. Sie tritt zu einem Mann, sie sagt gelind:

Jetzt stand gewiß dein Töchterchen vor dir, ob ich wohl reif sei, ihm zuzureden zu seinem Glück -- o glaube mir: ein rechtes Kind vergißt für jeden Apfel den ganzen Garten Eden, drum ist es glücklicher als wir. Wir schwelgen ewig im Geist und putzen zu Vorbildern einander aus, Einbildung träumt von ihrem Nutzen, bis wir verdutzt im Lebensbraus zum Sinn des alten Gebots erwachen: du sollst dir kein Bildnis noch Gleichnis machen! Statt uns getrost an allen neuen Reizen wie Götter frei zu freuen --

Ein fallender Apfel macht sie stocken. Er liegt zerplatzt. Der Mann sagt trocken:

Du hast sehr reizend gepredigt -- aber mich sticht nicht mehr der Götterhaber. Im Geist zwar gehts schön glatt vom Fleck auf dem beliebten hohen Pferde; aber der Leib liebt halt die Erde, und eh mans denkt, liegt man plattweg -- pardon -- im Dreck. Bis wir nicht lenkbare Lufthäuser bauen, wohnen wir nicht auf Wolkenauen; inzwischen zeigt uns jeder Kinderdrachen, der Mensch muß +Alles+ zum Gleichnis machen.

Die Georginen schütteln sich im Wind. Zwei Menschen spüren: der Herbst beginnt.

9.

Die Sonnenblumen beugen sich im Regen; zuweilen rauscht’s vom Dach wie Geisterklopfen. Der wilde Wein hängt schlaff dem Sand entgegen, die roten Blätter scheinen Blut zu tropfen. Der Mann steht trommelnd an der Fensterscheibe. Plötzlich sagt er zu dem Weibe:

Ich will dir einen Traum erzählen. Wir standen feierlich in einem Saal, als sollten wir vor Zeugen uns vermählen. Ich hielt und bot dir einen vollen Pokal, um durch den Trunk den Trauschwur zu besiegeln. Mit einem Mal seh ich tief unten in dem dunkeln Wein, wie hoch von oben her, vollkommen rein ein lächelndes Gesicht sich spiegeln: die Tote lebt. Sie schwebt. Sie lächelt wieder. Sie nimmt ein Fläschchen Gift aus ihrem Mieder. Sie träufelt es in unser Kelchglas nieder. Und ich: ich lächle mit -- und lass dich trinken -- und trinke selbst -- mir weiten sich die Glieder -- ich fühle fern mich in die Welt versinken.

Und ich -- beginnt das Weib zu überlegen und starrt abwesend in den rauschenden Regen --

ich stand heute Nacht allein im Traum; ich war ein leuchtender Schneeglöckchenbaum. Aber fern kam furchtbar ein Funkeln an, als wollt’s mich zerstören: ein sturmgesträubter Tann, ein Wald wilder Lichter, braungolden, grün, blau, wie ein riesenhaft sich spreizender Pfau, und mir gehts bis ins Mark, so eilt das Ungeheuer. Da wird aus mir ein einziges Blütenfeuer; von weißen Flammen stiebt die ganze Au und flammt frei hoch mit mir, hoch, immer freier -- und unten prasselt der verbrennende Pfau.

Und wieder rauscht’s vom Dach wie Geisterklopfen. Zwei Menschen hören’s wie Herzblut tropfen.

10.

Licht kämpft mit Wolken über Forst und See. Durchs Wasser jagen Schatten, gleich Kentauern aufbäumend an den düstern Kiefernmauern, die rings im Bodenlosen schauern; durchs Uferdickicht rauscht ein flüchtendes Reh. Zwei Menschen treten aus der Waldesruh. Innig schaut ein Weib dem Lichtkampf zu.

Ich fange an, dein märkisches Land zu lieben; es liegt wie wartend, was der Himmel bringt. Und wenn ich seh, wie dort die Winde stieben und hier die Stille mit sich selber ringt, und wie sich all die Sehnsucht nach dem Licht, die aus dem grauen Wasserspiegel bricht, paart mit der Sehnsucht in die Nacht des Weltenschooßes, drin die Sonne wacht, und selbst die Bäume beben, als ob sie ringen den Umschwung der Gestirne mitzuschwingen: dann geht mir auf, was uns ans Leben bannt und doch uns lockt, dem Tod anheimzufallen, und immer freier streckt sich meine Hand nach deinen Freunden, nach den Menschen allen.

Und gleißend öffnet sich ein Wolkenspalt; den See durchfährt ein schlangenhaftes Blenden, hinschillernd an den starren Kiefernwänden, die rings ins Bodenlose enden -- ein Mann sagt kalt:

Jawohl, es ist im Himmel wie auf Erden. Was sich noch unfrei fühlt, das sehnt sich frei und möchte immer freier werden; für mich ist dies Gelüst vorbei. Ich lernte meine Sehnsucht stillen; ich bin so gotteins mit der Welt, daß nicht ein Sperling wider meinen Willen vom Dache fällt.

Grell greift ein Sonnenstrahl ins Waldesgrauen; zwei Menschen müssen zu Boden schauen.

11.

Die Nacht der Großstadt scheint ins Land zu wogen: Laternen lauern bleich den Fluß entlang. Gleich trunknen Nixen zucken schwank die Widerscheine unterm Brückenbogen, vom Takt der Strömung hin und her gezogen; zwei Menschen bleiben stehn am Uferhang. Ein Mann, wie von dem Zerrspiel mitgezwungen, weckt schwanke Erinnerungen:

Ellewelline tanzt Serpentine -- o, wie war der Maitag wunderbar! als der Herr Eidechs im Sonnenschein erwarmte, als ich im Weib noch die Welt umarmte; da hatt ich noch kein graues Haar. Da hatt ich blaue Himmelschuh an und war ein schön feuriger Reitersmann; jetzt zieh ich durch die Nacht im Hundetrott. Und könnt doch spornstreichs, wie rüstige Witwer dürfen, aus „allen neuen Reizen“ Freude schlürfen -- gelt, Fürstin? freier als ein Gott!

Er lacht. Er lacht sie an. Sie rührt sich nicht. Es zuckt wie buhlend in den Wassergrüften. Sie wills nicht sehn -- wegblicken -- Nein, nicht -- o Licht: heilig strömt’s über -- sie flammt, sie spricht, schauernd bis in die schwangern Hüften:

Ich bin nicht mehr Fürstin! ich bin dein Weib! ich trage dein Blut in meinem Leib! Du wirst Mein bleiben! du wirst mich nicht schänden! du hältst mein nacktes Leben in Händen! Das ist die tötlichste Schmach für ein Weib, verschmäht ein Mann ihren willigen Leib! Das wars, was Jene zum Äußersten trieb; was ihr nicht ahntet, wie Wir jetzt, Wir! drum gingst du pflichtlos, schuldlos von ihr. Mich aber hast du blutpflichtig lieb!

Sie zittert; sie will seine Hände fassen. Er starrt; er wehrt ihr. Zwei Menschen erblassen.

12.

Der Mond erleuchtet scheu ein kleines Zimmer; das Licht durchranken Schatten, viele, viele. Ein Mann umschreitet schweigend, wie zum Spiele, die schwarzen Fensterkreuze auf der Diele. Doch nun, als löse sich ein Blatt vom Stiele, bebt eines Weibes Stimme durch den Schimmer:

Ich trag ein Kind -- von Dir, von Dir -- ich tu meine Wonne auf vor dir -- o trag sie mit mir! gemeinsam! grenzenlos! Du mußt ja; fühl’s doch! ich weiß es und ich sag’es, mit jedem Pulsschlag sagt mirs Herz und Schooß: Wir Beide, wir sind Eines Schlages! -- Was quälst du uns! o denk an die Nacht zurück, als sich’s erfüllte, dein Weisheitswort vom Glück! Ja: alle Torheit, alles Leid sind Ausgeburt der Einsamkeit. Die Stimme schweigt; der Raum schweigt mit, wie leidend. Die Fensterkreuze flehn ins kahle Feld; doch drüber schwebt die fremde fahle Welt. Der Mann sagt schneidend:

O, ich denke an viele Nächte zurück; jede war voll Wonne -- doch Glück? ist Das Glück? Dein Schooß, ich hab ihn nicht erschlossen: ein Andrer hatte ihn vor mir genossen. Und dein Herz -- ich wollt mich nicht danach fragen, aber wieder und wieder mußt ich mir sagen: die reinste Glückseligkeit zwischen Uns Beiden ist die zwischen Heiden -- und daß dein Leib dir nicht heilig gewesen ist, das zu vergessen vermag nur ein Christ!

Er stiert plötzlich: es war, als flog jäh ein Glanz hoch, überirdisch schlank. Da machts ihn aufschrein: Lea! -- Sie wankt -- will fliehn -- Er -- Licht, Schatten, Alles schwankt -- er schwankt ans Herz ihr: ich log, ich log! -- Zwei Menschen weinen -- o Glück! -- o Dank! --

13.

Nun krümmt das welke Laub sich sacht zum Falle; nun bringt’s die lange verhüllten Früchte alle in Feld und Garten voll zu Ehren. Die Eberesche schwenkt die hundert schweren hochroten Büschel kühn vorm Ziegeldache. Nur des Hollunders purpurschwarze Beeren betrauern sich am dunkelgrünen Bache, zu dem sie lastend niederschwellen. Ein Mann verfolgt die Bilder in den Wellen:

Eins greift ins andre -- keins ruht -- nichts ruht -- o hilf ein Ziel sehn! -- wie’s lockt, wie’s warnt, dies Drängen! Es bringt kein Glück, du, still Brust an Brust zu hängen; so trieb’s die Tote -- das fraß an ihrem Blut. Ich war ihr Vampyr. Du wirst der meine, wenn ich noch länger in dir ruh. Schon immer bannender werfen deine Augen mir ihre Blicke zu. Dann kreist die Welt mir, als will sie mich befreien, als sind auch Wir nur einsam zu zweien.

Im dunkeln Wasser kreist Bild in Bild. Er faßt das Weib an, wie innerst aus den Gleisen. Sie neigt sich zu ihm, muttermild:

Du Ungestümer -- so laß die Welt doch kreisen -- sie kreist durch mich wie dich; was wehrst du ihr! Bald wirst du dankbar das Wunder preisen, daß dir die Tote aufersteht in mir. O Du! wie lag ich einst voll Grauen, vom Geist der Unterwelt durchwütet; da lehrtest Du mich, ihm vertrauen, der Lust wie Leid zur Reife brütet. Nun sieh, wie dort ums Dach die Früchte lachen, rot uns ins Herz, still wirkende Gebote! Heute fühlst du nur das Rote; morgen wirst du froh erwachen.

Leis umweht ihr Haar ihm Bart und Wangen. Zwei Menschen sehn die Welt gen Himmel prangen.

14.

Doch bei Halblicht, grau um etwas Dunkles, hocken Menschen in einem Raum, der dumpf ist, wie Kaninchen um eine Schlange. Denn da läßt von allen möglichen Geistern ein berühmtes Medium sich bemeistern, und man lauscht ihm immer neugierbanger. Und nun zuckt die Schlafende, wimmert, röchelt; und ein Weib, das eben stolz noch lächelte, rauscht zum Saal hinaus, blaß, fliehend, hastig einen Mann mitziehend. Draußen, tief ausatmend, haucht sie glühend:

Empörend -- schamlos -- diese entmenschten Augen! Nun weiß ich, daß ich nicht zum Vampyr tauge; verzeih mein Bitten, dies Schauspiel zu besehn! Erniedrigend! Noch fühl ich mein Herz mitpochen mit diesem Weibsbild, als könnt’s mich unterjochen --

und Dich? Auch? Sprich doch! -- Sie späht ihn an im Gehn; um sie braust die Weltstadt, zur Nacht auf, lichtdurchbrochen. Mich? fragt er ruhig und bleibt hell stehn:

Was schiert mich diese feile Verzückte, was diese geflissentlich Verrückten, die wichtig tun mit dem Geschäfte, den überirdischen Geist zu fassen, um dann vom Dunst der irdischen Säfte ihr bißchen Geist noch benebeln zu lassen. Hol sie der Teufel, die hirnschwachen Tröpfe, die mit dem Anspruch gottgleicher Geschöpfe vor lauter Tiefsinn danach gieren, zurückzukehren zu den Tieren! Ein Pferd, das Nachts die Ohren spitzt, wo Wir, die’s lenken, froh sind Nichts zu hören, weiß mehr von derlei Geisterchören als solch ein Mensch, das Od ausschwitzt. Komm, fasse dich! Das Unfaßbare bedeutet nur: bring +Dich+ ins Klare!

Zwei Menschen schreiten weiter, lichtumblitzt.

15.

Windfackeln lodern. Rot rauschen die Bäume um scharrende Pferde, bunt blinkernde Zäume; hoch leuchten die Blätter in der Umnachtung. Hoch Wimpel und Seile! und drüber die Sterne! so zeigen die fahrenden Leute gerne die Künste ihrer Todesverachtung. Froh staunt das Dorfvolk unten im Kreise. Abseits lehnt ein Paar. Ein Mann rühmt leise:

Ja, sie tun mir wohl, diese Vogelfreien, mit ihrer Geistesgegenwart. Als ob eine uralte Mannszucht sie feie: jeder Griff bedacht, zielbedacht, willenshart. Nur auf sich bedacht -- klar im Wirbel des Traums der Mitgefühle: nur die Tat gilt, die Tat! So üben sie auf schwankem Draht, im Flitter der Armut Beherrscher des Raums, die großen Tugenden der Zeit: Gefaßtheit und Gelassenheit!

Und erregt, als ob er mitschwingen möchte, umspannt sein Blick ihr Spiel immer funkelnder. Und des Weibes Blick schwankt immer verdunkelter. Heftig faßt sie seine vernarbte Rechte.

Lux! was schwärmst du! -- Scheinen dir deine Ziele auf einmal nur noch Träume und Spiele? bin Ich’s, die dein Gefühl entzweit? Ich denke anders von deinen Handlungen! Mir winkte strahlend aus all deinen Wandlungen die große Tugend der Ewigkeit: die Kraft, den Willen der Welt zu fassen und nichts, rein nichts beim Alten zu lassen! Und da ist mein Stern still dem deinen genaht: wie du mich fühlst, ist das nicht meine Tat?!

Und da schmettern Trompeten und Trommelton, und das Volk klatscht Beifall den kühnen Springern; und sie bitten stolz um den kleinen Lohn. Zwei Menschen geben mit hastigen Fingern.

16.

Rauch und Funken flüstern im Kamin: Unruh ist, wo Feuergeister hausen, Unruh, wo die kühlen Wolken ziehn -- horch, die halbentlaubten Pappeln brausen. Horch -- da legt sich das Gemurr der Flammen, ein Weib nimmt all ihr Selbstgefühl zusammen:

Mir sagt der Geist, wir wollen Ruhe haben! Und sperr ich dir den Weg zur Tat, nun gut: du sollst nicht sagen, ich sei dein Wankelmut: geh hin, sei frei! und nimm mein Hab und Gut in deinen Dienst wie andre Freundesgaben! -- Was stehst du nun und staunst mich lächelnd an? Lukas! -- welch Rätsel bist du, Mann --

Sie will in seinen Augen lesen; es blaut ein Glanz darin wie nie zuvor. Die Flammen geistern hell und laut empor. Ein Mann bekennt sein stillstes Wesen: