Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3)

Part 11

Chapter 113,553 wordsPublic domain

Es wollt eine Seele sich befrein, da band ihr die Freiheit die Hände. Nun sinnt sie in Tod und Leben hinein; da schließt eins innerst das andre ein, aller Zwang hat willig ein Ende. Sieh dort: wie stehn, wie schimmern die vollen Ähren! als ob sie stolz die Opfer verklären, die einst hier fielen für fremdes Glück. Kein Denkmal ruft die Tausende zurück, die noch als Leichen Kindeskinder nähren; auf diesem Hügel aber stand der Feldherr und fühlte sich im Siegesglück als Weltherr.

Er hat den Arm wie zum Befehl gehoben. Da schmiegt das Weib ihr Haupt in seine Hand und Brust an Brust, und raunt ins dunkle Land, als höre sie das Mordgewühl noch toben:

Und fühlte doch vielleicht sein Herz erbeben, und hätte gern die Tausende geschont, wenn nicht auch Er bereit war, Blut und Leben so rückhaltlos der Welt zurückzugeben, wie dort sein Licht vergießt der rote Mond. Glaub’s, Meiner, glaub’s: kein Glücklicher fühlt einsam: was ihn beglückt, er geht drin auf, gemeinsam!

Und warm und wärmer schließt im Nebelkreise sich Herz an Herz mit überströmender Macht. Die Erde schwillt gen Himmel, leise, leise. Die Wiesenraine werden Göttergleise. Zwei Menschen sinken in den Duft der Nacht.

24.

Und aus verwildert stillen Gärten steigt ein altes Städtchen in die Mittagsglut. Um die zerborstenen Mauerwehren zweigt sich Epheu, Hexenbart, Pfaffenhut; weiße Rosen blühn am Tore. Im Schatten ruht ein Mann und träumt und schweigt zur Giebeluhr hinauf, die nicht mehr zeigt. Ein Weib zupft ihn am Ohre:

Du machst ja Augen, so voll entlegener Wonnen, als sähst du die Jahrhunderte sich sonnen auf den Ruinen. Ja: die steinernen Jungfraun hoch am Tor, die beten gar „reif“ um ihr Stündlein empor mit ihren verwitterten Mienen. Wir aber -- o -- wir haben Zeit; sehn wir nicht auf zu ihnen voll ewiger Seligkeit?!

Der Träumer hat den zarten Spott vernommen. Sein Blick ist freudig aufgeglommen. Die Gärten glühn. Er lächelt sonderbar. Er sucht nach Worten, Blick in Blick gegründet. Er spricht, als säh er tief ein Licht entzündet, das früher nicht in ihrer Seele war:

Vielleicht sah ich in meinen entlegenen Wonnen ein kommendes Jahrhundert schon sich sonnen, nicht auf romantischen Ruhestätten zwar. Ich sah nach dem edlen Ritter im Fries, der seinen Mantel weiland den Bettlern ließ, um hilflose Blößen zu decken. Vielleicht ist heimlich nach Bettlerart mancher edlere Ritter heut auf der Fahrt, Helfershelfer zu wecken zu jetzt noch „lichtscheuen“ Zwecken --

Er schweigt. Die Gärten glühn. Es ist, als schliefe verstohlenes Leben hinter allen Hecken. Zwei Menschen sinnen in die Tiefe.

25.

Und hoch durch Hallen, die fast blenden, braust Dampf; und dumpf donnert Rad bei Rad. Hohl durch die offenen Bogen-Enden schweelt wie ein Herd mit tausend stillen Bränden die Lichter-Dunstnacht einer großen Stadt. Bahnzüge dröhnen rhythmisch hinaus, herein, hin am Wirrwarr der scheinbar ziellosen Menge. Zwei Menschen überschaun das stete Gedränge. Ein Mann weist nach den fernen Häuserreihn:

Ists nicht, als wärens Äonen seit ehemals, seit wir vom Haus deines Herrn Gemahls die finstern, lichtdurchfurchten Mauern auch so am Horizont sahn kauern? Und ists nicht wieder, nicht immer noch, als lauern die roten Fensterhöhlen auch hier wie Augen, die alle trüben Begierden einsaugen, auf Habsucht Notdurft speichern, und Haß zum Neide? Und treibt doch Alle die Liebe, wie uns Beide, sich Geist an Geist mit seelenvollen Händen zu gleichen Lebenszwecken zu vollenden! Wärs da nicht not, daß Freunde des Lebens sich fänden, nur zu dem einen Endzweck auserlesen, klar Alle dem Willen Aller zuzuwenden?! bis einst der Geist, von jedem Zweck genesen, nichts mehr zu wissen braucht als seine Triebe, um offenbar zu sehn das weise Wesen verliebter Torheit wie der großen Liebe?!

Und einer Seherin gleichend steht das Weib, und näher drängt um sie das Köpfegewimmel. Sie fragt, und hält die Hände in das Getümmel, als schütze sie den Mutterleib:

Und wenn nun Einst und Jetzt auch Mir sich einen, sodaß ich furchtlos deine Freundin bleib, trotz meiner Eheschuld und trotz der deinen?!

Sie schweigt, als ob sie heimlich etwas versprach. Zwei Menschen sinnen der Menschheit nach.

26.

Und sie stehn vor einer Domfassade. Unvollendet hockt der eine der hohen Türme im Kranz der gotischen Höllengewürme, als bitte er den andern um Gnade. Aber vor vermessenem Himmelsverlangen scheint die irdische Tragkraft ihnen ausgegangen; unten gähnen wie Grüfte die kunstgerechten Pforten. Demütig Gebeugte nahen von allen Seiten. Und das Weib winkt dem Mann, auch hineinzuschreiten. Und die Orgel erbraust zu ihren Worten:

Komm, laß uns einmal wieder voller Kindheit sein. Horch, wie die alten Lieder Alle benedein. Da spürt kein Herz mehr Sünde; die Mutter mit dem Kinde schließt ja auch Uns die Gründe der Welt und Menschheit auf und ein.

Doch die Orgel verstummt. Dumpf tönen Gesänge einer verborgenen Priesterschaar. Und über dem weihrauchumdampften Altar sehn sie bleich einen Gekreuzigten hängen mit gräßlich wahr gemalten Wunden und schrecklich schön geformtem Munde -- Da neigt fromm der Mann dem Weibe sich dar:

Vor deinem künftigen Kinde könnt ich dir beichten, den Heiligen gleich: ich suchte einst ein bißchen Sünde und fand das ganze Himmelreich. Hier aber dünkt es ein Wortspiel mich, wie dieses Schauspiel stimmungsgeil durchtrieben. Komm! Draußen steht’s von Grund auf in Stein geschrieben, das schwere Wort: Vollende Dich!

Und die Orgel braust wieder. Er sucht einen Pfad ins Freie, scheu umkauert von Betern. Ein feister Küster im Ornat blickt ihnen nach wie frechen Spöttern. Zwei Menschen fliehn vor fremden Göttern.

27.

Und ein wüster Traum scheint Wirklichkeit geworden: durch grabesstille Säle tobt ein Farbenmeer: Nackte Leiber hängen an den Wänden umher, und geputzte Damen, Tiere, Bäume, Herren mit Orden. Neben blühenden Feldern sieht man arme Leute jammern. Aus vergoldeten Rahmen stieren elende Kammern. Endlich seufzt der Mann und lächelt schwer:

Ich segne wahrhaftig meine gelähmte Hand, wenn soviel gesunde auf käuflicher Leinewand mit ihrer natürlichen Ohnmacht Stimmung machen. Ob diese Künstler nicht über sich selber lachen, wenn sie mit kindischer List vom vollen Leben den Schaum abschöpfen? -- Aber eben: Stimmung -- die Sprache sagt es -- läßt sich „machen“, Gefühl und Geist sind Wenigen voll gegeben. Sieh dort: in all dem Schwall das schmale Bild, von dem wir hier nur eine Klarheit erkennen, die kühn aus tiefem Grau ins Blaue schwillt: und magst du’s arm vielleicht an Farbe nennen, du fühlst doch, daß da Einer spricht, der innerlich so reich ist wie das Licht, und der drum Schatten wirft auf das Gelichter dieser dürftigen Flunkerwichter.

Sie treten näher. Sie sehn am Strand des Nachtmeers schlafend einen Knaben liegen: ein großer Stern scheint seinem Atem entstiegen, in dessen Glanz sich alle Wellen wiegen. Endlich nimmt das Weib des Mannes Hand:

Und stimmt das nicht zum Frieden deinen Geist? Mir deucht, vom sichern Ufer kann man dreist auch einem Irrlichtschwarm Reiz abgewinnen. Ich glaube, dir ist das Herz durch Andres schwer. Ich hab auf einmal Sehnsucht nach dem Meer; uns fehlt wohl nur der freie Himmel hier drinnen.

Sie lächelt: komm! Er stutzt. Dann nickt er nur. Zwei Menschen folgen ihrer Natur.

28.

Und es rauscht nur und weht. Es liegt eine Insel, wohl zwischen grauen Wogen. Es kommen wohl Vögel durch die Glut geflogen, die blaue Glut, die stumm und stet die Dünen umschlingt. Da gebiert die Erde im Stillen wohl ihr Empfinden und nimmt ihre Träume und giebt sie den Wellen, den Winden. Die Seele eines Weibes singt:

O laß mich still so liegen, an deiner Brust, die Augen zu. Ich sehe zwei Wolken fliegen, die eine Sonne wiegen; wo sind wir, du? --

Und es rauscht und weht. Es liegt eine Düne, wohl zwischen tausend andern. Es werden wohl Sterne den blauen Raum durchwandern, der über den bleichen wilden Hügeln steht und golden schwingt. Die Seele eines Mannes singt:

Still, laß uns weiter fliegen, Beide die Augen zu. Ich sehe zwei Meere liegen, die einen Himmel wiegen. O Du --

es rauscht, es weht; über die heißen Höhenzüge geht höher und höher der goldne Schein ins Blaue hinein, wo das Dunkel schwebt. Und aus dem Dunkel herüber, auf großen Wogen, kommt die Einsamkeit gezogen. Und zwei Seelen singen: Eine Seele lebt, wohl zwischen den Sternen, den Sonnen, den Himmeln, den Erden, die will uns wohl endlich leibeigen werden: es schwellen die Wogen herüber, wie Herzen klingen, Menschenherzen! -- Zwei Seelen singen -- --

29.

Und sie sehn fünf Sonnen im Nebel stehn, von Glanz umzingelt vier blasse kleine im Kreise um die große eine; der stille Kreis scheint den Nebel zu drehn. Und im Dünensand hat im Windeswogen jeder Halm um sich einen Kreis gezogen. Plötzlich lacht der Mann zu dem Phänomen:

Ists nicht, als will uns der Himmel aus seinen Schätzen rings deinen verkauften Perlring ersetzen, von dem wir die tolle Überfahrt bezahlten! O, wie deine Augen herzehell strahlten, deine dunkeln Augen im Sturm neben mir, daß michs trieb, dich auf offnem Schiff zu umarmen! Und da lagen diese Mitmenschlein zum Erbarmen und waren seekrank! -- Hah: da dankt ich dir, Du, für deine wellenwild schwungvolle Körperschwere, die mich auf den Grund aller irdischen Rhythmen tauchte! Da fühlt ich wie ein sintflutlich Tier unsre Urverwandschaft mit dem Meere! Ja, meine Erlauchte: Was +ist+ denn diese äußere Welt, dies öde Eiland um uns her? nur was die Seele davon hält: ein Ufer für das innre Meer!

Er hat sich erhoben. Der Dünensand fegt singend über den feuchten Strand. Die vier Sonnen im Nebel verschwimmen zu blassen Axen, die sacht der leuchtenden Mitte zuwachsen. Das Weib streckt die Hand:

Zieh mich hoch! -- ja, rück es mir ins reinste Licht, daß deine Welt meine umspannt! O, wie schmückt unsre Sonne mein schlicht Gewand! Und jeder Flimmer, jeder kleinste, verflicht uns mit ins Allgemeinste und hat doch hell für sich Bestand --

sieh! -- Zwei Menschen umschlingt ein Strahlenband.

30.

Und sie stehn von Morgenschauern erfaßt, nackt. Die Küste glüht perlmutterfarben. Die Ebbenrillen furchen den Glast wie rosige Narben; in der See wühlt die Windsbraut und jauchzt und tost. Und das Weib erschauert bis in den Schooß und wirrt ihr naß Haar vom Nacken los

und breitet die Arme: Jetzt kommt die Flut, ich möcht ihr gleich wieder entgegenschwimmen! Pulst sie dir auch so heiß ins Blut? dies Branden, dies Glimmen! Wie sie Kraft schöpft -- bis zum Horizont, himmelan schwellend aus ihrem Rauch, schwarzzottig, silberkraus übersonnt, voll Spannung wie ein hochschwangerer Bauch, und der Odem der Allmacht kreist drüber her: O Mutter See! o Meer! mein Meer!

Und von Segeln der Morgenröte umschlossen, schau -- lacht der Mann und knipst ihr ein Muschelchen ab -- kommt ihr liebster Sohn durch den Raum geschossen:

mein Schiff hat Regenbogenflossen und holt dich ins Raumlose ab, wo die fünf Sonnen noch immer am Himmel stehn! Und da wollen wir eine zum Ballspielen nehmen, einen Knäuel zum Glanzweben, eine Kugel, aus der wir Lichtbrot rollen, eine, in der wir einander spiegeln wollen, und die fünfte bleibt stehn! Die bleibt stehn, damit die Menschen es sehn können, wie wir über die hohen Wellen gehn und den freien Sternen dahinter entgegenrennen, um die unsre Sonnen und alle sonnigen Herzen sich drehn auf Wieder-Immerwiedersehn! Und da weist das Weib nieder: hell wie aus Ätherhöhn spiegelt ein Ebbentümpel ihre Geberde -- zwei Menschen sehn den Himmel durch die Erde.

31.

Und sie schaukeln im Boot. Die Nacht kommt. Sturm droht. Die Wogen gehn hohl wie das Segeltuch. Grell im Westen ringt noch und schwingt ein Streifen. Die Möwen kreischen. Der Mann stemmt sich hoch, visiert den Bug:

Zieh die Leine straffer! so! setz dich fest! Hast du Furcht? Ja lache, dann jauchzen die Böen! Sahst du mich nicht im Traum einst so stehn, über Herren mit Kronen, die Rechte ums Steuer gepreßt? Jetzt tut’s die Linke! Los! Freiherr Nord pfeift zum Fest wie auf meinen großen Heimatseen! Sieh, das Grenzband drüben wird schon blasser; nun ruft er die Geister übers Wasser. Holla! keine Geister, die jenseits hausen: das sind Meine Geister, allseits brausen sie! Da: die schäumenden Wonnen mit den sprühenden Haaren. Da das tiefschwarze Wehe treibt sie zu Paaren, von den grauen Sehnsüchten überrannt. Bis die schimmernde Liebe alle hinreißt und außer sich spannt und deinen trunknen Blick ins Weiteste lichtet: da entspringt dir, vom Odem der Brünste entbrannt, deine eigne Inbrunst, zur Gestalt verdichtet -- halt ihr Stand!! Denn: fühlst du selber dich Geist genug, dann verschwindet der sinnliche Spuk: übern Erdrand auf flüchtendem Wasserbogen kommt die Kraft deines Ursprungs hochgezogen, und du streckst deine Hand aus, von Toden umbellt, und schreist in den Aufruhr: O Meine Welt!

Meine Welt -- mein Traum! -- o nicht einst -- allerwegen seh ich dich so! -- stammelt, jubelt das Weib --:

Aus mir selbst -- letzte Nacht -- hoch durch stürzenden Regen -- mit mir selbst -- ja, ein Geist -- stieg dein lichter Leib: Himmelfahrt! Ja, fahr zu! Ich fahr mit! allerwegen

Dein! -- Zwei Menschen steuern dem Sturm entgegen.

32.

Und es tönt aus der Brandung wie Schalmein; helle Nacht versilbert den fremden Strand. Langsam wälzen die Wellen den Mondschein ans Land, in die dunkelroten Kliffe hinein; da stürzen sie sich die Stirnen ein, um zurück immer wieder verklärt zu sein --

Es wollt eine Seele sich befrein, sieh -- entfaltet das Weib die Hände --: Da ward Tod und Leben ihr zu Schein, nur der Liebe ist kein Ende. Ja; so sah es meine Seele im Traum: es ging Deine Seele wie leuchtender Schaum aus meinem Körper deinem entgegen. Ich sah voll Angst, wie ihr doppelt standet: Ein Haupt hell, Ein Haupt dunkel umströmt von Regen. Bis ihr, Leib in Geist, ineinander euch fandet und mich ergriffet. Da sprachst du ein Wort; wie ein Wirbel klang es. Und über mich fort stiegen wir, strömten wir lichtflutvermählt hin in deine, meine, unsre Welt!

Es tönt aus der Brandung wie Geraun -- Horch -- raunt der Mann -- das Zauberwort:

Ja, es hieß wohl: +Wir+ Welt! Nicht Schein! nicht Traum! horch, wie’s wirbelt: WIRWelt -- o Urakkord! WIRWelt murmeln die Ströme, die großen, wenn sie zusammenkommen im Meere! WIRWelt jubeln die Sternenchöre, WIRWelt die Stürme im Uferlosen! WIRWelt stammelten die Menschen, als sie noch reine Tiere waren; stammeln’s wieder, alle wieder, die als reine Götter sich paaren, rein, wie Wellen mit Mondlichtschleiern spielend ihre Freiheit feiern, die Freiheit, die voll Eintracht spricht: o gieb uns, Welt, Dein Gleichgewicht!

Es tönt aus der Brandung wie Gesang um ein Menschenpaar im Überschwang.

33.

Und sie wirbeln im Tanz: glühend im Glanz mächtiger Feuer bei heller Sonne, in Feiertagslust: Männer und Weiber mit offner Brust, mit brennenden Backen, stampfenden Hacken, auf offner Tenne, um eine Tonne: die paukt ein Fischer voller Wonne, um die Wette mit einem Hirten, der bläst Klarinette, und fernher braust den Takt die See. Und nun reihn sich rings die Kinder zur Kette. Und es wogt ein Herz: Meine Flammenfee --

weißt noch? damals? unser Tanzen zwischen den Modepuppen und Schranzen! wie du mir wehrtest: nit erzählen -- wie du mich lehrtest: nit uns quälen -- und mich schürtest, wie einen Herd, aus dem statt Wärme Feuerwerk sprang!

Und er schwingt sie derber die Tenne entlang, unverwehrt; singend schüren die Kinder den Feuerkreis. Zur Sonne singend. Und in den Pausen macht die See die Seelen erbrausen. Das Weib lacht heiß:

WIRWelt, Meiner! sei Kind! dann steigt deine Fee herab von ihrem Stern. O, sie hätt wohl längst von Herzen gern vor Mann und Weib den Damen und Herrn die Zähne und die Zunge gezeigt: Seht, hier tanz ich in selbstgestopften Strümpfen und kann noch immer die Nase rümpfen! ich habe seit Wochen nichts zu Tische als Salz, Brot, Ziegenmilch und Fische, aber bin Mutter Isis, die Herrin der Welt -- gelt, mein lieber Herr Gott: deine liebe Frau Welt! Es braust die See; es braust ihr Blut. Zwei Menschen jauchzen vor Übermut.

34.

Und sie sehn sich schimmern, ruhend vom Bade. Und schimmernd ruht das öde Gestade im warmen Wind. Sie lauschen ihm nach: lauschen, wie die Weiten sich rühren, wie alle Tiefen zu Höhen führen -- wie die Möwen zwischen den Wellen schwimmend auf und nieder schnellen -- Und des Weibes Lächeln wird zur Sprache:

Lux, mein Leuchtender, wenn wir so liegen, ich mit meinem schwarzen Windsbrauthaar, du wie ein Flußgott der See entstiegen, und jeder Wogenkamm bringt uns Liebreize dar, und mir versinkt die letzte Schranke, die zwischen Leib und Seele noch blieb, denn dein kleinstes Härchen ist mir so lieb, so wert wie dein größter Gedanke -- und ich denk an gestern und strahle vor Ehren, daß ich dir Haar und Bart durfte scheren -- ach, und heut Nacht, du, hört ich dich schnarchen wie einen braven Patriarchen und konnt nit lachen -- Herr meines Lebens, es war mir lieb als Äußerung Deines Lebens -- und ich sag dir dann mit fröhlichem Mut: ich bin auch deinem Töchterchen gut -- und frag dann ohne ein Lächeln des Spottes: bin ich nun „reif“ zur Mutter Gottes, reif zur Lebensmeisterschaft, tauglich, tüchtig, tugendhaft --? Dann, mein himmlisches Freudenmädchen du, -- reckt sein narbiger Arm sie der Sonne zu -- dann sag ich lachend ohne Spott:

wir Götter brauchen keinen Gott!

Er läßt sie thronen auf seinen Knien; und sie, mitlachend, schaukelt ihn, die Brüste zum Triumph gestrafft. Zwei Menschen schwelgen in ihrer Kraft.

35.

Und es rauscht nur und glüht. Es liegt eine Düne im schwülen Licht der Fernen. Es füllt ein Geflimmer wie von sprießenden Sternen die stille Wildnis; das Sandmeer sprüht. Es loht die hohle Hügelwand, wie auf ewig vor Schatten behütet, ein Nest, in dem der Himmel brütet. Und der Mann wiegt das Weib im Mittagsbrand:

Aufgewacht, Seele, aufgewacht! Wunderland liegt aufgetan! In uns, Seele, da träumt die Nacht; aber hier, ein Hauch meines Mundes macht diese dürre Insel -- ja, schau sie an -- zum Paradies und Kanaan, wo Adam sündlos bei Eva ruht, wo der Tag glüht wie unser Fleisch und Blut, wo Alles Frucht ist am reinen Leib der Liebe, selbst der Halm dort im Sandgetriebe! selbst der Salzgeruch, der von der Küste herquillt an deine braunen Brüste und Milch aus deinem Mutterblut braut! selbst deine honigwabengoldne Haut, und deines Schooßes glückstrotzender Schwung, und meiner Mannheit Verkörperung! Und wenn die Seele noch so schreit: sie führt zum Wahnsinn, diese Seligkeit: dann, du, dann -- er stammelt plötzlich, lauscht --

das Weib in Sonnetrunkenheit jauchzt berauscht:

dann ist der Wahnsinn eben Seligkeit -- --

und fährt zusammen: ein Schatten fällt in ihre nackte Glut herab wie aus einer fremden Welt: Sand rutscht, und übern Hügel tappt ein Herr in Reisetracht, steht starr -- o Graus: zwei Menschen lachen einen aus.

36.

Und bis in ihre Leuchtturmklause sucht das Walten der Welt sie auf. Unten pocht und schwebt im Dunkeln des Meeres Gebrause; und den kleinen Tisch deckt bunt ein Haufen Briefe aus aller Herren Ländern. Der Mann steht lesend; das Weib spielt zaudernd mit den abgerissenen Rändern. Endlich sagt sie, wie planlos plaudernd:

Lux, ich glaube: könnten die Menschen erraten, mit welcher Eintracht wir uns beglücken, ja, ich glaube, sie teilten unser Entzücken, +die+ selbst, denen wir Leides taten. Denn gelt: auch Dir doch würd’ es gelingen, diesem Glück alles Andre zum Opfer zu bringen?

Er schweigt -- sie sucht seinen Blick -- ihr graut: sein Mund bewegt sich, aber die bleichen Lippen geben keinen Laut. Er starrt auf ein Blatt mit seltsamen Zeichen. Die Chiffern schwanken. Ihr dröhnt das Meer. Fremd tönt seine Stimme zu ihr her:

Es hat eine Seele sich befreit -- ich hielt ihr Glück einst in Händen. Ich versprach ihr lauter Seligkeit -- das ist nun alles zu Ende. In williger Demut schien sie’s zu dulden; es war Stolz -- stolz schwieg sie zu meinem Verschulden. Ja: hier steht es von Helfershand geschrieben: ich habe sie in den Tod getrieben. Ich ließ die Verzweiflung über sie kommen. Ich hab meinem Kind die Mutter genommen! Verlangst du noch Opfer? -- Ich glaube: nit! Mir scheint, Mutter Isis: wir sind quitt.

Er setzt sich, sonderbar gelassen. Unten schwebt und pocht im Dunkeln des Meeres Gebrause. Stechend bebt das Licht der einsamen Klause. Zwei Menschen suchen sich zu fassen.

Dritter Umkreis

-- Die Klarheit --

Eingang

Schweb still, schweb still, triebseliger Geist, und dehne dich über alle Kreise aus! sieh: mit der Sehnsucht der gespannten Sehne greifst du nun ein ins Weltgebraus. Sie schnellt zurück, zurück zu ihrem Bogen, berührt ihn, schwirrt noch, deckt ihn nie -- doch was sie mußte, wirkte sie: der Pfeil ist frei zum Ziel geflogen. Such’s nicht etwa bei Deinesgleichen, sehne dich nicht in Dich zurück! denn es gilt, o Mensch: das Glück, oh das Weltglück zu erreichen.

Vorgänge: III, 1-36

1.

Zwei Menschen gehn durch nebelnassen Hain; er faßt einen alten Friedhof ein. Die feuchten Blätter hängen schwer herab, so schwer, als möchten sie die Zweige brechen; sie hängen um ein frisches Grab. Ein Mann beginnt sich auszusprechen:

Nach diesen Trennungstagen, die einen Andern aus mir machten, will ich mein wahres Trachten nicht länger halb im Dunkeln vor dir tragen. Eh ich die Leiche liegen sah, hatt ich den Traum, ihr stilles Antlitz trüge den Mut der Tat zur Schau; der Traum war Lüge. Ich sah in ihre zerlittenen Züge: dem Wahnsinn schien die starre Maske nah. Ich habe vor dem Anblick nicht gebebt: da lag ein Herz, der Einsamkeit erlegen. Ich stand und fühlte das Gesetz: wer lebt, hilft töten, ob er will ob nicht. Und aus dem gramvollen Gesicht schlug kalt die Mahnung mir entgegen: Keinen zu brauchen, gottgleich allein williges Herz der Welt zu sein!

Er neigt sich, um die tropfenschweren Blätter von sich abzuwehren. Mitwehrend spricht ein Weib in ihn hinein:

Wie du gestanden hast an ihrer Bahre, erkenn ich aus dem Büschel grauer Haare, der früher nicht an deiner Schläfe drohte. Wozu nun noch verstorbnes Leid auffrischen! Das Leben wird dir’s ebenso verwischen wie hier dies Zeichen -- sieh: ich geb’s der Toten.