Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (3/10)
Part 2
Die kleine Familie verlebte damals eine herrliche Zeit. Eine Zeit voll beseligenden Friedens und erfolgreicher Thätigkeit. Feßler war mit der Vollendung eines Chronometers beschäftigt, den er selbst für sein bestes Werk hielt. Gottfried lieferte dazu eine Kompensations-Unruhe von so einziger und zarter Ausführung, daß Meister Johannes bei ihrem Anblick laut ausrief: »Unübertrefflich!« -- Dieses Lob hatte er noch nie einer Leistung gespendet, die aus seiner Werkstatt hervorgegangen war. Lotti hingegen gelang es, eine höchst merkwürdige und komplizirte Taschenuhr aus dem XVI. Jahrhundert in Gang zu bringen. Es bedurfte dazu außerordentlicher Geschicklichkeit, unsäglicher Geduld -- aber welche Freude, als sie belohnt wurden und das seltsame kleine Ding seine abenteuerlich geformten Räder in Bewegung zu setzen begann. Feßler und Gottfried lachten, staunten, bewunderten -- das Herz des jungen Mädchens pochte vor Entzücken ... Ja, es war eine herrliche Zeit! -- warum mußte sie so rasch vergehen? Warum mußten ihr, die so erfüllt war von stillem und harmlosem Glück, Tage folgen voll Pein und Qual? Böse Tage, in denen die fleißigen Hände Lottis ruhten, aus ihrer Seele jedoch die Ruhe gewichen war. Tage, in denen Alles, was sonst ihr Leben erhellte, ihr gleichgültig geworden, und das Leben selbst -- eine Last.
III.
Diese schreckliche Zeit war nun längst vorüber; doch hielt Lotti die Erinnerung an sie in ihrer Seele wach. Sie wollte nicht vergessen, daß auch ihr ein gehöriges Maß an Leid und Enttäuschung zugetheilt worden, sie wäre sich sonst im Vergleich mit anderen Menschenkindern ungerecht bevorzugt erschienen. Wie Vielen wird es denn so gut, mit ihr sagen zu können:
~Ich habe das Leben, das ich brauche!~
Ihrer alten Beschäftigung, zu der sie zurückgekehrt war, verdankte sie täglich neue Freude, verdankte ihr Frieden, Frohsinn und Unabhängigkeit. Wäre ihr Vater nur noch dagewesen, um dies Alles mit ihr zu genießen! Aber leider, Meister Johannes ruhte schon seit geraumer Zeit in der kühlen Erde.
Er hatte keine Mühseligkeit des Alters kennen gelernt; niemals hatten ihm Auge und Hand bei Ausführung der Gedanken seines erfinderischen Kopfes ihre Dienste versagt. Wohl waren seine Haare weiß geworden, hatten seine Wangen sich entfärbt, aber aus seinen klaren Zügen leuchtete der Glanz einer unverwelklichen Jugend. Die Jugend des mit Bewußtsein Werdenden. Unermüdlich strebend und lernend, hatte er sich nicht Zeit genommen, recht zu überlegen, wie viel er schon erstrebt und erlernt -- da plötzlich, ohne auch nur Einen seiner Vorboten geschickt zu haben, trat der Tod an ihn heran.
Und jetzt, im Angesicht der ewigen Trennung, fiel dem Meister der Gedanke schwer aufs Herz, daß er seine Tochter fast mittellos in der Welt zurücklassen müsse. Er hätte ihr so leicht eine behagliche Wohlhabenheit sichern können! -- Vor einem Jahre noch fand sich die beste Gelegenheit dazu, da bot ein reicher Kenner, der sich in die Uhrensammlung Feßlers vernarrt hatte, eine Summe dafür, eine lächerlich hohe Summe, wahrhaftig ein Vermögen. Allein Johannes hatte nicht einmal geschwankt, war ruhig dabei geblieben: »Die Uhren sind mir nicht feil.«
Ueber diesen Leichtsinn, diese thörichte Selbstsucht machte er sich in seiner letzten Stunde bittere Vorwürfe und bat noch sterbend seinen Sohn Gottfried, jenen abgewiesenen Käufer aufzusuchen und ihm zu melden, die Sammlung, nach welcher er so heißes Verlangen trage, stehe ihm nun zur Verfügung. Lotti jedoch erklärte, daß sie eben so gern ihre Seele verkaufen ließe, wie diese Uhren.
So blieben sie denn in ihrem Besitze, wenn auch nicht ohne manchen harten Kampf. Die Sammlung Meister Feßlers war allmälig doch in einem Kreise von Kennern und Liebhabern zu dem ihr gebührenden Rufe gelangt. Es fehlte nicht an zudringlichen Leuten, die trotz der standhaften Zurückweisungen, die sie erfuhren, immer wieder erschienen, immer neue Bewerbungen anstellten, immer glänzendere Anerbietungen machten. Das war denn oft herzlich langweilig, trug aber nur dazu bei, die Liebe, welche Lotti für ihre Uhren empfand, noch zu erhöhen. Sie hörte niemals auf, ihnen ihre Sorgfalt angedeihen zu lassen, und wenn es noch so viel zu thun gab und wenn die Zeit noch so sehr drängte, ging sie nicht an ihr Tagewerk, ohne ihren Uhren einen Besuch abgestattet zu haben. Hätte sie das jemals unterlassen müssen, -- die rechte Begeisterung, die rechte Lust zur Arbeit hätte ihr gewiß gefehlt.
Auch heute war sie an das Schränklein getreten, das in der Ecke stand neben der Schlafzimmerthür, dem großen Schreibtisch gegenüber. Eben fiel ein Sonnenstrahl schräg durch das Fenster auf das Kästchen, auf Lottis Hände, und als sie die erste Lade öffnete, schlüpfte er sogleich hinein. Prächtig war's, wie er die kleinen ehrwürdigen Meisterwerke beleuchtete, welche darin auf einem Bettlein von purpurrothem Sammet lagen.
Die glatten Gehäuse aus Messing, Krystall, Silber und Gold und die reich verzierten, und die durchbrochenen und in diesen die sorgfältig geputzten, polirten und wieder zusammengesetzten Werke erglänzten und gaben dem leuchtenden Strahl des Lichtes, der sie in ihrer Verborgenheit und Ruhe besuchen kam, seinen Gruß zurück. Das war Lade Nummer Eins!
Sie enthielt drei sogenannte »lebendige Nürnberger Eier« und drei »Halsvrln«. Kein einziges Stück jünger als dreihundert Jahre, manches noch älter und gerade die ältesten von der künstlichsten Beschaffenheit. Was wollten sie nicht alles können, diese kleinen Maschinen, was trauten sie sich nicht zu? Sie begnügten sich keineswegs damit, die bürgerlichen Stunden anzuzeigen und zu schlagen und den Schläfer zu wecken, wann immer es ihm beliebte, auch den Wochen- und Monatstag verzeichneten sie, controlirten die Aspecte und Phasen des Mondes und behaupteten, den Stand der Sonne nachweisen zu können. Sie wandten den Himmelszeichen ihre Aufmerksamkeit zu, wußten Auskunft zu geben über die Sternzeit und nahmen Notiz vom türkischen Kalender ...
Wahrhaftig, die braven Männer, denen sie ihre Entstehung verdankten, hatten sich Schweres vorgesetzt -- und mit wie geringen Mitteln gedachten sie es zu erreichen! -- Mit Spindelechappements -- mit Löffelunruhen, deren kläglich humpelnder Gang von einer Schweinsborste regulirt wurde! Sie verfertigten alle Räder aus Eisen, und von einer Schnecke war ihnen nicht einmal die Ahnung aufgekommen.
Aber -- so ärmlich ihre Kunst, so reich war ihr Vertrauen. Sie wußten -- das heißt sie glaubten, und weil sie glaubten, wußten sie -- daß Schwäche zur Stärke erwachsen kann, wenn nur der rechte Segen auf ihr ruht. Kühn und demüthig zugleich riefen sie die Hülfe Desjenigen herbei, dem nichts unmöglich ist, und stellten die Werke ihres Fleißes unter seinen allmächtigen Schutz, empfahlen sie auch wohl der Fürsprache der Mutter Gottes oder eines vornehmen Heiligen. Einer der alten Meister hatte in den Boden des Federhauses, das die Kraft umschließt, von welcher alle Bewegung ausgeht, die das ganze Getriebe gleichsam beseelt, den Namen Jesu eingegraben. Von einem andern war aus dem fein geschnittenen, prächtig ornamentirten Monogramm der heiligen Jungfrau Maria der Schutzdeckel des Zifferblattes gebildet worden. Auf der Innenseite des Gehäuses standen die Worte eingravirt:
_Kaspar Werner hat mich gemacht Vnd der heiligen Jvngfrav dargebracht Da · man · zelt · 1541._
Immer reichere Schätze gelangten zum Vorschein, als Lotti ein Lädchen nach dem andern öffnete und schloß. Taschenuhren in allen Formen und Gestalten, achteckig, rund, oval, elliptisch, sternförmig, in Gehäusen aus Gold und Silber, aus Smaragd, Rauchtopas, Bergkrystall. Unter andern gab es eine Uhr in Kreuzform, mit dem Augsburger »Stadtphyr«, »Wardein- und Wichszeichen« versehen. Das Gehäuse, das Zifferblatt und der innere Deckel waren mit Darstellungen des Leidens Christi bedeckt, die dem besten Künstler zur Ehre gereicht hätten. Leider fehlte das Meisterzeichen. Aber mit Blindheit hätte man geschlagen sein müssen, um nicht sogleich zu erkennen, daß die prächtige deutsche Arbeit aus der Zeit Kaiser Rudolphs II. stammte und vermuthlich von Hans Schlotheim hergestellt worden war.
Ueber den Ursprung ihrer nächsten Nachbarin, gleichfalls kreuzförmig, mit Gehäuse aus Einem Stück Rauchtopas, konnte kein Zweifel obwalten. Ihr Schöpfer hatte sie nicht namenlos in die Welt geschickt, sondern neben dem Stellungsrade brav und deutlich sein »Conrad Kreizer« eingeschrieben.
Eine ganze Schar anmuthiger Französinnen folgte. Köstliche Uehrchen, geschmückt mit Email-Malereien von den Brüdern Huaut, oder mit erhaben geschnittenen Blumen, mit buntem Blattwerk, mit durchbrochenen Arabesken aus vielfarbigem Golde. Die Sammlung enthielt nicht minder merkwürdige Arbeiten von Tompion in England, Albrecht Erb in Wien, Gerard Mut in Frankfurt, Matthäus Degen, Christoff Strebell. Kurz, es fehlten wenig große Namen, und wer die vorhandenen mit recht scharfen Augen betrachtete, der sah mehr, als nur Namen in eine Metallplatte eingeritzt, der sah das Wesen des Meisters sich deutlich in seinem Werke spiegeln.
Nach all' den köstlich verzierten Stücken erschienen die einfachen Taschenuhren von Pierre le Roy, Berthoud, Breguet, eine Emmery ... Ach, ~die~ weckt traurige Erinnerungen, mahnt an die große Enttäuschung in Lottis Leben. Mit einer solchen Uhr in der Hand trat dereinst ... Hinweg! -- Schlafe Du nur ruhig weiter. Hinweg von dir zu dem unerhörtesten Curiosum der Sammlung -- zu der Seetaschenuhr von Mudge dem Ersten.
Die Geschichte will wissen, daß dieser berühmte und unsterbliche Mann in seinem Leben nur drei Seeuhren verfertigt hat, und zwar die erste im Jahre 1774, und die beiden andern, der ~blaue~ und der ~grüne~ Zeithalter genannt, im Jahre 1777. Nun, die Geschichte hat einmal wieder geirrt. Hier war sie auf die gründlichste Art der Welt widerlegt, durch eine Thatsache -- hier war eine vierte Mudge. Zwillingsschwester der älteren, der von Maskelyn in Greenwich geprüften und sicherlich in demselben Jahre mit dieser entstanden, wie denn auch die beiden jüngeren in einem Jahre gemacht worden waren.
Die weltbekannten Beschreibungen, die wir von der ersten Seeuhr Mudges besitzen, paßten genau auf die, welche sich in Lottis Händen befand.
Die Uhr war echt, ihr edler Ursprung über jedem Zweifel erhaben, es war eine ganze Mudge -- die Leistungsfähigkeit ausgenommen. Die durfte man freilich nicht mehr von ihr verlangen, der über hundert Jahre alten Greisin.
Die letzte Lade, die von Lotti geöffnet wurde, enthielt schöne Arbeiten von Arnold, Richard, Recorder, Robert, Courvoisier, Ruderas von hölzernen Unruhen Simon Henningers und Lorenz Freys und eine vollständig erhaltene hölzerne Taschenuhr von Andreas Dilger aus Gütenbach.
Ein Familienerbe! -- Als Bräutigam hatte sie der Urgroßvater Lottis ihrer Urgroßmutter zugleich mit seinem Herzen dargebracht. Gottfried nannte sie die Majoratsuhr. Sie war nie getragen worden, hatte als Schaustück im Glasschranke der Urgroßmutter geruht. Nur an hohen Festtagen wurde sie hervorgeholt und zur Freude des Enkelchen Lotti aufgezogen. Dann setzte sie sich aber auch stracks in Bewegung und vollführte einen so accuraten und energischen Gang und bimmelte so fleißig fort, als ob sie noch in der Blüthe ihrer Jahre stände, und als ob sie all' die Zeit einholen wollte, die sie in unfreiwilliger Muße versäumt.
Wie war sie nett! Wie waren ihre hölzernen Räder, Platten, Kloben, so bewunderungswürdig ausgearbeitet. Wie sauber ausgestochen der Unruhkloben und die Stellungsflügel, und wie schön verziert die beiden und die Klobenplatte. Man sah der kleinen Dilger gar deutlich die Liebe an, mit welcher sie ausgeführt, und auch die, mit welcher sie zeitlebens gehegt und gepflegt worden war. Ihr gehörte Lottis letzter und zärtlicher Blick, bevor sie die Lade zuschob und dabei dachte: »Ja, meine Uhren -- die machen mir noch das Sterben schwer!«
In diesem Augenblicke wurde die Zimmerthür geöffnet.
»Guten Morgen,« sprach eine tiefe und wohlklingende Stimme.
Lotti wandte sich rasch: »Du, Gottfried? Ist es denn schon acht Uhr?«
»Noch nicht,« war die Antwort, »ich bin heute unpünktlich.«
»Zeichen und Wunder!« rief Lotti, »was ist geschehen? Was giebt's?«
Gottfried war an den Arbeitstisch getreten. Er hob die kleinen Glasglocken von den Uhren, welche darunter lagen, und nahm diese in den allergenauesten Augenschein.
»Du bist ja fertig,« sagte er nach einer Weile.
»Beinahe -- aber antworte mir doch -- was giebt's?«
Er richtete sich empor, sah Lotti mit geheimnißvoller Miene, halb freudig, halb zweifelnd an und sagte: »Eine Ueberraschung.«
IV.
»Eine Ueberraschung?« wiederholte Lotti mit einem Anfluge von Sorge, »wenn ich Ueberraschungen nur zu schätzen wüßte.«
»Diese wird Dir gefallen,« entgegnete Gottfried. »Ich habe einen Laden gemiethet und bereits eingerichtet.«
Lotti schlug die Hände zusammen und konnte vor Staunen nur die Worte herausbringen: »Aber nein! ... Aber wo?«
Nun, nirgends anders, als gleich nebenan in der breiten belebten Straße, die zum Domplatze führt. Ein allerliebster kleiner Laden, an dessen Ausschmückung seit acht Tagen eifrigst gearbeitet wurde, der ein schönes Fenster bekommen hatte aus einem Stück thauklaren Glases, und eine geschmackvolle Vitrine mit feiner Einfassung aus Ebenholz. In dieser lagen seit gestern eine Kalenderuhr von Audemars und ein Chronometer von Dent inmitten anderer Uhren aus den vornehmsten Häusern.
Lotti war bewundernd vor ihnen stehen geblieben, aber heute erfüllte deren Kostbarkeit sie mit Schrecken. »Ein solcher Werth!« meinte sie, »ein so großes Capital!« es schien ihr fast zu kühn, daß Gottfried die Bürgschaft dafür übernommen hatte.
Er jedoch war durchdrungen von Ruhe und Zuversicht.
Seit langer Zeit hatte er seine Vorbereitungen getroffen. Der Meister, der ihn beschäftigte, die Freunde, die er sich noch während seiner Lehrzeit erworben, unterstützten und förderten ihn dabei auf das Kräftigste. Als ob es sich an ihm erproben sollte, daß nicht bloß Diejenigen Vertrauen erringen, die es nicht werth sind, sondern manchmal doch auch Einer, der es verdient, fand er allenthalben bereitwilliges Entgegenkommen. Es wurden ihm so billige und günstige Bedingungen gemacht, daß er, um in seinem Geschäfte zu bestehen, keineswegs auf ein besonderes Glück zu rechnen, sondern nur auf das Ausbleiben eines raffinirten Unglücks zu hoffen brauchte.
Das setzte er Lotti auseinander, die ihm aufmerksam und immer freudiger zuhörte und endlich meinte, in der ganzen Geschichte gäbe es zwei verwunderliche Dinge; erstens, daß er sich zu dem jetzt gefaßten Entschluß so lange ~nicht~ gebracht, und zweitens, daß er sich ~doch~ dazu gebracht. Was sie von der Sache halte, wisse er; hatte sie ihn nicht schon vor Jahren beschworen, sich auf eigene Füße zu stellen.
Gottfried erwiderte, seine Pedanterie sei Schuld, daß es nicht früher geschehen. Er hatte sich's einmal vorgesetzt, sein Geschäft nicht anzufangen, wenn er dazu auch nur einen Heller fremden Geldes brauchen würde. Um jedoch Alles aus Eigenem bestreiten zu können, dazu habe es eben viel Zeit gebraucht.
»Und gut angewandte, das weiß Gott,« meinte Lotti. »Heil Dir, daß Du gleich so stattlich ausrücken kannst an der Spitze von Dents und Audemars' ...«
»Die beide schon halb und halb verkauft sind,« fiel er ihr ins Wort.
»Gottfried, Du machst mich übermüthig! Einen Wunsch hast Du mir erfüllt, der schon vor Altersschwäche erloschen war -- jetzt wird ein zweiter, dem es ähnlich ergangen, lebendig. Du mußt heirathen, Gottfried.«
Er richtete seine kleinen, glänzenden braunen Augen fest auf sie und sprach ganz unternehmend:
»Warum nicht?«
»Das sag' ich ja,« rief Lotti, »warum nicht? Warum solltest Du die brave Frau nicht finden, die Du verdienst? Nur suchen heißt es, nur sich ein wenig bemühen, nur nicht, wie Du es bisher gethan hast, jeder Gelegenheit aus dem Wege gehen, mit einem jungen Mädchen zusammen zu kommen, das vielleicht denken könnte: dieser Gottfried Feßler wäre kein übler Mann für mich.«
Er lachte. »Ein ~junges~ Mädchen denkt das nicht.«
»Ich meine auch kein sechzehnjähriges.«
Lotti hatte sich an den Arbeitstisch begeben und begann die reparirten Uhrwerke in ihre Gehäuse einzusetzen.
Gottfried stand am Fenster und sah ihr zu. »Wann wird die Bestellung abgeliefert werden?« fragte er nach einer kleinen Weile.
»Kann morgen geschehen.«
»Thu' es selbst, ich bitte Dich, und nimm zugleich Abschied von dem Meister. Du darfst für ihn nicht mehr arbeiten.«
Lotti blickte ein wenig betroffen empor. »Abschied nehmen -- das wäre schon gut, aber -- so plötzlich, so ohne Weiteres? Ich bin ihm Dank schuldig, er hat immer Rücksicht auf mich genommen, mich nie ohne Arbeit gelassen, immer gut und rasch bezahlt.«
»Rasch ja, gut -- nein. Mache Dir keine Sorgen. Ich habe den Herrn bereits darauf vorbereitet, daß er jetzt seine beste Arbeiterin verliert. Wie leid ihm ist, mag Gott wissen, aber begreiflich muß er's finden, daß Du Dich von nun an für Niemanden mehr plagen wirst als für mich, was so viel heißt, als für Dich selbst, denn -- nicht wahr? ...« Er war plötzlich in heiße Verlegenheit gerathen und stockte. »O,« nahm er bald wieder das Wort, »da hätte ich beinahe vergessen! Der Herr bittet Dich nur noch um einen letzten Freundschaftsdienst. Du möchtest so gut sein, diese Uhr anzusehen. Ist sehr fein, sagte er, hat Dein Lieblings-Echappement.«
»Duplex also.«
»Jawohl. Er weiß gerade keinen Arbeiter, dem er sich getraut sie in die Hand zu geben. Ueberdies hat's Eile. Morgen Abend möcht' er sie wieder haben.«
Gottfried stellte ein hölzernes, mit Messing eingelegtes Kästchen vor Lotti hin. Die wandte demselben den Blick eines theilnehmenden Arztes für einen Patienten zu, und fragte:
»Was fehlt denn?«
»Weiß nicht,« erwiderte Gottfried, »aber ich glaube, nicht viel. Der Herr hat mir eine lange Geschichte erzählt, er hat die Uhr von Einem, der sie aus Leichtsinn oder aus Noth losschlug, um ein Spottgeld. Will sie jetzt sehr theuer verkaufen, deshalb sollst Du die Herstellung besorgen. Er schwatzte ein Langes und Breites, ich habe nicht zugehört. Es wäre auch überflüssig gewesen, nachdem ich wußte, was mich dabei anging.«
Lotti, die das Kästchen nicht mehr aus den Augen gelassen, hatte es geöffnet und dann auch -- mit seltsamer Spannung und Hast -- die Uhr, welche darin gelegen. Unverwandt starrte sie den Namen _F. Alexy & Sandoz frères_ auf der Cuvette, und die Zahl an, die darunter stand.
»Verkauft -- wie sagtest Du? -- aus Leichtsinn oder aus Noth,« sprach sie gepreßten Tones.
»Freilich, freilich,« versetzte er, lehnte sich tiefer in das Fenster zurück, sah auf den Boden nieder und schien ernstlich und scharf nachzudenken. »Du wirst mich doch heute im Geschäft besuchen!« rief er plötzlich aus.
Lotti nickte bejahend; sie hatte bereits begonnen, die Uhr zu zerlegen.
»Das Schild ist noch nicht aufgemacht,« fuhr Gottfried langsam und zögernd fort, »aber fertig ist es schon. Es wird nicht aufgemacht, bevor Du die Erlaubniß dazu giebst.« Er hielt inne, er wartete, aber vergeblich. Lotti schwieg, und so hub er denn nach abermaliger Pause von Neuem an:
»Denk' nur, welche Freiheit ich mir genommen -- denk nur -- ich habe auf das Schild schreiben lassen ... wie gesagt, oder nicht gesagt, auf jeden Fall, wie selbstverständlich -- es kann geändert werden, wenn Du es wünschest ...«
Jetzt erst wagte er es wieder, sie anzusehen. Sie war ganz versunken in ihre Arbeit -- eine unbegreiflich schwere Arbeit für sie, die Meisterin! Ihre sonst so sichere Hand zitterte, ihr Gesicht war hochgeröthet, eine mühsam unterdrückte Erregung gab sich in ihrem ganzen Wesen kund.
Was ist ihr denn? dachte Gottfried. -- Ahnt sie, was er ihr zu sagen hat und versetzt sie das in eine Befangenheit, die aussieht wie Bestürzung? Wär's doch so! dann nimmt sie wenigstens die Sache ernst, und er braucht nicht zu fürchten, mit einem Scherze heimgeschickt zu werden, das Aergste, was ihm geschehen könnte, dem alten Menschen. Ihre sichtbare Unruhe befreit ihn von dieser Sorge und zugleich von aller Aengstlichkeit. Er athmet auf und spricht mit einem gewissen unbeholfenen Humor, dabei aber höchst bedeutsam und nachdrücklich: »Es wäre schade, wenn an dem Schilde etwas geändert werden müßte; es ist sehr hübsch ausgefallen ... Macht sich wirklich gut, auf glänzend schwarzem Grund, das G. & L. Feßler ... G. und L. ... Gottfried und Lotti ...«
Ihre Stirn glühte, ihre Wangen brannten, sie beugte sich tiefer über ihre Arbeit und wiederholte mechanisch und ausdruckslos: »Gottfried und Lotti?«
Nein! ihre Gedanken waren nicht bei ihm. In der Weise hätte sie ebenso gut fremde Namen ausgesprochen. Die Worte, die sie vernommen, waren an ihr Ohr gedrungen, die schüchterne, inständig bittende Frage, die in ihnen lag, nicht an ihr Herz ...
Jetzt trat von allen Pausen, die während dieses Gespräches gemacht wurden, die längste ein. Still war's im Zimmer, nichts hörbar, als das Ticken der vielen Uhren und endlich ein tiefer, tiefer Seufzer aus Gottfrieds Brust.
Lotti erhob den Blick und sah trotz des feuchten Schleiers, der sich vor ihre Augen gelegt hatte, den Ausdruck leidvoller Enttäuschung in seinen Zügen.
»Was ist Dir, Gottfried?« sprach sie.
»Du hörst mich nicht an,« entgegnete er unmuthig.
Sie nahm sich mit Gewalt zusammen: »Doch, ich habe Alles gehört.«
»Hast Du? Wirklich? und -- hast nichts einzuwenden? ... Es ist Dir recht -- Du weißt ...«
»Es ist mir recht, gewiß. Aber wenn Du, Lieber, auf Dein Schild auch nur G. Feßler hättest schreiben lassen, für uns hätte es dennoch und immer ›Geschwister Feßler‹ bedeutet.«
»Geschwister -- so? -- -- ja, Geschwister,« murmelte er und zögerte, die Hand anzunehmen, die Lotti ihm reichte. Allein er ergriff sie doch und drückte sie fest und treuherzig, als Lotti sagte:
»Es versteht sich ja von selbst, daß wir Zwei nach wie vor treu zusammen halten.«
»-- Das Schild wird also aufgemacht,« sprach er, mit einem herzhaften Versuch, vergnügt zu scheinen. »Komm' es bewundern, komm' bald!«
Er nahm seinen Hut und verließ das Zimmer.
Lotti war wieder allein und setzte ihre einen Augenblick unterbrochene Beschäftigung emsig fort. Sie hatte an der Uhr, die Gottfried mitgebracht, alle Brücken abgeschraubt, alle Räder ausgehoben, bis auf das Minutenrad. Das haftete noch, festgehalten vom Viertelrohr. Aber auch dieses muß nun weichen, das letzte Rad liegt bei seinen Kameraden, und Lotti hat gefunden, was sie suchte, was sie zu finden gewiß war. Ihren eigenen Namenszug und das Datum des 12. Mai, mit fast unsichtbar kleiner Schrift in die Bodenplatte eingeritzt und verborgen durch die Zähne des Rohres.
Am 12. Mai, an dem Tage, der sich heute zum fünfzehnten Male jährte, hatte sie diese Zeichen da hinein geschrieben und diese Uhr ihrem Verlobten geschenkt und dabei gesagt:
»Sie kann uns gute, sie kann uns traurige Stunden anzeigen, aber keine, in der unsere Treue gewankt.«
So vermessene Behauptungen wagt die Jugend aufzustellen, solche Schwüre schwört die kindische Liebe, die kaum erwacht, auch schon die Kraft in sich fühlt, ewig zu leben. Thorheit ohne Gleichen! Ebenso gut könnte die Rose schwören, daß sie niemals welken wird, denkt Lotti, und halberloschene Erinnerungen tauchen in ihrer Seele auf. Bleiche Schatten ringen sich los aus der Nacht der Vergessenheit und gewinnen allmälig Farbe und Gestalt. Sie ziehen langsam vorüber, mächtig genug, um noch eine leise Wehmuth, nicht mehr mächtig, einen Schmerz zu erwecken. Sie gleichen dem Gedanken an einen dunkeln, peinvollen Traum, aus dem der Schläfer zum Licht und zum Frieden erwacht.
V.
Vor fünfzehn Jahren, an einem Winternachmittage, war ein junger Mann in der Werkstätte Feßlers erschienen und hatte ihm eine alte Uhr gebracht, mit der Bitte sie zu schätzen. Während Feßler die Uhr betrachtete, betrachtete der junge Mann ~ihn~ so aufmerksam, wie ein Maler thut, der sich das Bild eines Menschen, den er aus dem Gedächtniß malen soll, einzuprägen sucht.