Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (3/10)

Part 19

Chapter 193,666 wordsPublic domain

Am folgenden Tage kam er früher als gewöhnlich und fand Thekla allein. Sie saß auf dem Platze ihrer Mutter in dem kleinen braunen Salon, ihre Arbeit im Schoße. Sie hatte sich aber weder mit dieser beschäftigt noch mit dem Buche, das aufgeschlagen neben ihr auf dem Tischchen lag. Sie saß unbeweglich da, wie eine Statue, Ebenmaß in jeder Form, Schönheit in jeder Linie. Als Paul eintrat, erhob sie sich und ging ihm entgegen, lächelnd und freundlich wie immer, in ihrer anbetungswürdigen Herrlichkeit. Er hatte die Nacht in schwerem Kampfe durchwacht, seine Heftigkeit verwünscht und schmerzlich bereut. Er erwartete Thekla verstimmt zu finden, gekränkt über sein gestriges, kindisches Gebahren, er meinte sie versöhnen zu müssen, und er wollte es! ... Statt dessen begrüßte sie ihn holdselig und unbefangen, als wäre ihr Einvernehmen nicht durch den leisesten Schatten getrübt worden. Sogleich stieg, mit unsäglicher Bitterkeit, die Frage in ihm auf: »Hab ich nicht einmal die Macht, ihr weh zu thun?« -- doch bezwang er sich und sprach ruhig: »Thekla, ich war gestern widerwärtig, unerträglich -- können Sie mir verzeihen?«

Sie wurde ein wenig roth, ein wenig verlegen und antwortete hastig wie Jemand, der einer unangenehmen Erörterung auszuweichen sucht: »Ich bin ja gar nicht böse gewesen.«

»Verdanke ich diese Nachsicht Ihrer Barmherzigkeit oder Ihrer Gleichgültigkeit? Antworten Sie mir,« setzte er halb flehend, halb herausfordernd hinzu.

»Wie können Sie von Gleichgültigkeit reden,« erwiderte Thekla, »da Sie doch wissen ...« sie hielt inne.

»Ich weiß,« rief er, »daß Sie mir Ihr Jawort gaben, als ich Sie fragte, ob Sie meine Frau werden wollen. Jetzt frage ich Sie, Thekla: Lieben Sie mich? ... Sie haben mir Ihre Hand zugesagt, ist Ihr Herz mein? Fühlen Sie, daß kein Mann auf Erden Sie besitzen kann wie ich, das heißt, Sie besitzen mit allen Ihren Gedanken, Regungen und Empfindungen, mit Ihrem ganzen schrankenlosen Vertrauen? ... Ist mein Glück das Ziel Ihrer Wünsche, wie wahrlich das Ihre Ziel und Inbegriff der meinen ist ... Lieben Sie mich?«

Er hatte die letzten Worte mühsam hervorgestoßen, sie kamen wie ein dumpfer Schrei aus seiner gepreßten Brust. Thekla hielt den Blick nicht aus, der schmerzlich und zornig auf ihr ruhte, bang wandte der ihre sich nach der Thür, durch welche sie hoffte ihre Mutter endlich eintreten zu sehen -- niemals hatte sie ihre Mutter so sehnlich herbeigewünscht! ...

»Sie kommt,« sagt Paul, ihre stumme Bewegung beantwortend, »beruhigen Sie sich, sie wird gleich hier sein; ihre Anwesenheit wird mich aber nicht hindern so zu Ihnen zu sprechen, wie ich es thue ... Weil ich muß, weil ich soll!« Er ergriff ihre Hand und drückte sie heftig, ohne zu denken, daß er ihr weh that. Etwas Drohendes klang aus seiner Stimme, wogegen ihr Stolz sich empörte.

Sie zog mit Gewalt und Entrüstung ihre Hand aus der seinen und sagte: »Ich weiß nicht, was Sie wollen.«

»Ich werde es Ihnen sagen!« rief er ausbrechend. »Die Ehrenhaftigkeit des Weibes besteht darin, dem Manne, der um sie freit aus unaussprechlicher Liebe -- ›Nein!‹ zu antworten, wenn sie diese Liebe nicht erwidern kann ... Verstehen Sie mich jetzt? ... Wir würden unglücklich sein -- beide -- wenn Sie mich nicht liebten. -- Weisen Sie mich ab, Thekla, wenn Sie mich nicht lieben! ... Weisen Sie mich ab!«

Sie stand vor ihm mit trotzig aufgeworfenen Lippen, bleich und ruhig -- noch immer ruhig ... Plötzlich aber zuckte es schmerzlich über ihr Gesicht, ihre Augen wurden feucht, und rasch bedeckte sie dieselben mit ihrer Hand. Ach, auf dieser edlen Hand brannten rothe Flecken, die Spuren der schonungslosen Finger, die sie eben umklammert hatten; sie erhob sich wund und weh, um Thränen zu verbergen, die er fließen gemacht, der gequälte Quäler, dessen Herz sich bei diesem Anblick wandte, und den tiefe Reue ergriff, nagende Scham ... Er fühlte seinen Zorn erlöschen, den letzten Groll verschwinden und seine Liebe steigen, steigen, wie eine reine Flamme, sein ganzes Wesen erfüllen und läutern, er fühlte in ihren göttlichen Gluthen alles schmelzen, was in ihm an Selbstsucht, Selbstbetrug und Eitelkeit gelebt hatte ... Er trat auf die Geliebte zu, legte den Arm um sie und küßte mit innigster Zärtlichkeit die Hand, die er ihr von den Augen zog.

»Sagen Sie noch Ja?« fragte er leise.

Sie nickte schweigend und sah ihn an.

»Sie wissen, daß ich aus Liebe um Sie werbe, und sagen dennoch: Ja?«

»Ich sage dennoch Ja,« erwiderte sie mit ihrem bezaubernsten Lächeln.

»So gehörst Du mir,« flüsterte er ihr zu, »so bin ich Dein -- und ich bin es ganz ... Gebiete! herrsche!«

Er beugte sich über sie, sein Mund näherte sich dem ihren ... Sie schloß die Augen, sie hätte fliehen mögen -- aber sie wagte es nicht ... Er könnte wieder zürnen, wieder sagen: Weisen Sie mich ab, wenn Sie mich nicht lieben! Ihre Lippen erbleichten, zitterten angstvoll unter der Berührung der seinen ... Da öffnete sich die Thür, und Marianne trat ein.

* * * * *

Von dem Tage an erschien Paul verändert; sehr zu seinem Vortheile, meinten die Gräfin und ihre Tochter. War es die Frucht männlich bestandener Kämpfe mit sich selbst, war der Frieden wirklich in seine Seele gekommen? Die Ungleichheit seiner Laune störte Theklas heitere Sorglosigkeit niemals wieder. Er vermied alles, was sie unangenehm berühren konnte, er forderte in ernsthaften Dingen kein Urtheil mehr von ihr, fragte nicht mehr in hofmeisterndem Tone, ob sie dieses oder jenes Buch gelesen habe. Die Helden der Geschichte, die großen Dichter und Künstler, deren Geister er sonst mit einem Enthusiasmus zu citiren pflegte, der zur Theilnahme aufforderte, ließ er jetzt ruhen. Er vermied alles Kritteln und Mäkeln, er gab sich ganz dem Zauber hin, den Theklas von Hoheit umstrahltes Wesen, den der Wohllaut ihrer Stimme auf ihn ausübten. Er begann Geschmack zu finden an dem heiteren, unbekümmerten Leben im Hause seiner zukünftigen Schwiegermutter und schwelgte in dem anmuthigen Behagen, das vollendete Wohlerzogenheit um sich her zu verbreiten weiß.

Für die Entschiedenheit, womit Thekla traurige und unangenehme Eindrücke von sich wies, für ihre Scheu vor geistiger Anstrengung, fand er tausend Entschuldigungen: Sie ist jung und nimmt das Leben leicht, sie ist glücklich und will es bleiben, sie fühlt unbewußt, wie ein Kind, das sich gegen das Aufnehmen schwieriger Erkenntnisse sträubt, den tiefen Sinn der großen Wahrheit: Nachdenken bricht das Herz!

Eines Tages fand er Thekla, ihn im großen Salon erwartend: »Ich bin Ihnen entgegen gekommen,« sagte sie leise und lachend, »um Sie abzuhalten bei Mama einzutreten. Mama hat Besuch, die alte Baronin Limberg, Sie wissen, die Wohlthäterin. Ihr eigenes Hab und Gut hat sie bereits verschenkt und geht jetzt auf Plünderung ihrer Bekannten aus. Heute sammelt sie für die Armen im Erzgebirge, macht Ihnen Beschreibungen von dem Elende dort -- man kann's nicht anhören. Gewiß, sie übertreibt.«

»Schwer möglich, in dem Falle,« sagte Paul; er wollte noch etwas hinzusetzen, aber sie fiel ihm ins Wort: »Reden wir nicht davon, ich bitte Sie! Was nützt es denn? Man kann nicht alle armen Leute reich machen. Wir geben, so viel in unseren Kräften steht und beruhigen uns damit. Sich grämen über das Elend, heißt ja nur es vermehren.«

Seltsam berührt wandte er sich ab ... Es war wohl eigen! Dasselbe hatte er einst gesagt -- ihm schien mit denselben Worten -- zu seiner jungen Frau, die ihn an seinem Arbeitstische gestört mit einer Schilderung hungernder und frierender Noth, der sie durchaus abhelfen wollte. Die junge Frau hatte ihm schweigend zugehört, ihm sanft die Hand auf die Schulter gelegt, ihm flehend, begütigend in die Augen gesehen und war endlich, rauh abgewiesen, hinweggegangen, betrübt und still ... Arme Marie! ...

Thekla ahnte nicht, daß in diesem Augenblicke, während er beistimmend sagte: »Ja, ja wohl,« eine zarte Gestalt zwischen ihm und ihr dahinglitt, leise wie ein Traum, und ihr schönes Bild verdunkelte. Aber es war ja nur die Gestalt einer Todten, die er niemals geliebt, und in der nächsten Sekunde schon verweht, zerflossen vor der Lebendigen, die er liebte!

Diese begann sich ihrer Macht über ihn wohl bewußt zu werden und übte sie aus mit einer Koketterie, die immer in den Grenzen des strengsten Schönheits- und Schicklichkeitsgefühles blieb und deshalb um so berückender war. Jetzt wagte Thekla manchmal schon einen Widerspruch, erhob aber dabei stets einen Blick voll so liebenswürdiger Demuth zu ihrem Bewerber, daß dieser wünschte, sie möge ihm öfter widersprechen, damit ihm ein solcher Blick öfter zu Theil würde.

Die Zeit verging, wie sie dem Liebenden zu vergehen pflegt, entsetzlich langsam, furchtbar schnell ... Es kamen Tage, deren Ende Paul nicht erleben zu können meinte, andere, die wie Minuten verflogen -- und als die Luft eines Morgens lau und lind durch das geöffnete Fenster drang, und er einen Blick auf die Kastanienbäume vor dem Hause werfend, ihre Knospen geschwellt, ihre Zweige mit jungem Grün bedeckt sah, da überraschte es ihn, daß der Winter vorüber und der Frühling gekommen war. Der Frühling seines wichtigsten Lebensjahres, welches auch das schönste werden sollte, das erste eines reichen Glückes, in dessen Sonnenschein sich alle spiegeln und erwärmen werden, die ihn lieben. Er gedachte seiner Eltern und des Kindes, das zwischen dem greisen Ehepaare aufwuchs, liebevoller als er je gethan. Innig, wie nie, fühlte er die Sorge für ihr Wohl in seinem Herzen Raum fassen. Sie sollen alle neu aufathmen, Frohsinn und Heiterkeit sollen einziehen in ihr stilles Haus, wenn er ihnen Thekla bringt, die Frau seiner Wahl, die ihn lieben lehrte, nicht sie allein lieben, auch die Seinen, auch die ganze Welt -- und jenen so eigentlich erst den Sohn, seinem Kind den Vater, der Erde einen Menschen geschenkt.

Er wird an Theklas Seite ein anderer sein als er in seiner ersten Ehe gewesen ist. Damals hatte er eine Pein kennen gelernt, ärger fast als unglückliche Liebe: die Pein, eine Neigung einzuflößen, die man nicht erwidert und doch erwidern sollte. Es war seine Pflicht, er hatte es gelobt ... Schlimm genug, daß er sich dazu verleiten ließ! -- Als Verwandte war Marie ihm werth gewesen, aber als seine Frau, da fand er gar vieles an ihr auszusetzen. Zuerst, daß er es fühlte: Sie leidet durch mich! Immer hatte man ihm gesagt, geborgen seien Alle, die ihm angehörten, sein Dasein schon sei Glück und seine Nähe Segen. -- Warum empfand ~sie~ es nicht? Was wollte sie denn? Kurz angebunden war seine Art; schonungslos gegen sich selbst, verstand er sich nicht auf zarte Rücksichten gegen eine empfindsame Frau. Verweichlicht schalt er sie, anspruchsvoll, und wollte die leise Stimme in seinem Innern nicht hören, die ihm zuflüsterte, daß er ihr unrecht thue ... Und wenn es wäre! er kann nicht anders: sie ist ihm ein Räthsel -- und er, der alles begreift, was die Weisesten denken und die Edelsten empfinden ... sie begreift er nicht, er steht rathlos vor diesem Kinde. --

Bitterkeit bemächtigte sich seiner, er wurde hart und wandte sich grollend ab. -- --

Wohl ihm, daß sie vorüber, diese schwüle Zeit! Wohl ihm, daß es ihr Widerspiel ist, dem er hoffnungstrunken entgegen lebt! In Theklas Armen werden ihn die Erinnerungen nicht aufsuchen, die jetzt oft schmerzlich und störend herübergleiten aus der Vergangenheit. In der hellen Atmosphäre ihrer Lebensfreudigkeit wird er vergessen, daß er einst ein Herz neben sich darben ließ ... Dieses Mal ist er der dürstende und verlangende! Thekla liebt ihn nicht wie er sie liebt, wenn auch so sehr als sie zu lieben fähig ist. Hatte sie ihn nicht gewählt aus freiem Entschlusse? Hatte nicht ihr erster Blick ihm gesagt: Du bist's -- ihr Jawort es nicht bestätigt? Was wollte er mehr als den Besitz ihres ganzen schönen Selbst? Sie leidenschaftlicher wünschen, hieße sie anders wünschen und so, ganz so wie sie war, bezauberte und entzückte sie ihn.

»Bleib wie Du bist!« rief er laut mit überwallender Empfindung ... »Zärtlichkeit und Schwärmerei von Dir verlangen, hieße Duft und Blüthe des Rosenstrauches von der hochragenden Palme fordern und wärmendes Licht von den leuchtenden Sternen ...«

* * * * *

Das Geräusch der sich öffnenden Thür weckte ihn aus seinen Träumereien. Ein Diener meldete: »Herr Baron Kamnitzky«, und schnaubend vor Ungeduld trat ein kleines, schwächlich gebautes Männchen in das Zimmer und sprach: »Lauter neue Gesichter, lauter Leute, die mich nicht kennen ... daß sie nicht nach meinem Passe fragen, das ist Alles. Ein nächstes Mal will ich mich damit versehen. Hätte nicht geglaubt, daß es so schwer sei vorzukommen bei einem liberalen Abgeordneten ...« Das Wort »liberal« betonte er ausnehmend giftig und wegwerfend.

»Nun, Du bist da,« sagte Paul beschwichtigend, »und sehr willkommen.«

Er rückte einen Fauteuil zurecht, in dem der Freiherr brummend Platz nahm, nachdem sein im Zimmer umhersuchender Blick ihm die Ueberzeugung verschafft, daß auch nicht ~ein~ ordentlicher Sessel vorhanden sei, auf dem sich »ein altmodischer Landjunker, der gewohnt ist zu sitzen und nicht zu lümmeln«, mit Annehmlichkeit niederlassen könnte.

»Wo ist Dein Michel?« fragte er nach einer kleinen Pause in inquisitorischem Tone, fuhr aber sogleich fort, ohne die Antwort abzuwarten, »nicht residenzfähig natürlich ... Hier braucht man ganz andere Leute, Gamaschen tragende geschniegelte Theaterbediente ...«

»Michel ist auf dem Lande, bei seiner Familie,« unterbrach ihn Paul. »Und nun erzähle! wie sieht es aus bei uns daheim?«

Er hatte dem Gaste eine Cigarre angeboten, welche dieser mit einer Art Entrüstung ablehnte.

»Du rauchst nicht?« fragte Paul.

»Nur meine Cigarren, wie Du wissen könntest,« antwortete Kamnitzky unwirsch, zog ein Etui hervor und aus diesem eine schwarze Cigarre von nichts weniger als einladendem Aussehen, die er mit heftiger Anstrengung seiner Athmungswerkzeuge in Brand setzte. Ihr zweifelhafter Duft schien anregend auf ihn zu wirken, er wurde redselig, sprach von den Geschäften, die ihn nach der Stadt geführt, vom Wetter, von den Ernteaussichten, er sprach von allerlei, und doch -- es war unschwer zu errathen -- von dem nicht, was ihm am Herzen lag, was ihm auf den Lippen brannte, die sich, nach jedem wie mit Gewalt ausgestoßenen Satze, fest zusammenpreßten, um sich bald wieder zu öffnen und -- etwas Gleichgültiges zu sagen. Dabei erröthete er alle Augenblicke wie ein ängstliches Mädchen und empfand darüber den innigsten Verdruß.

Ach, daß er immer noch erröthen konnte, das war für den alten Mann eine fortwährende Kränkung! Dieses unwillkürliche Zeichen kindischer Erregbarkeit stand mit seinen Jahren, mit seinem männlichen Wesen in einem lächerlichen Widerspruch. Und Widerspruch, Disharmonie, war alles an dem seltsamen Menschen! Die Fülle der gelockten Haare, die der alte Herr lang trug, ließ den Kopf zu groß erscheinen für die schmalschulterige Gestalt, deren Dürftigkeit durch die enganliegenden Kleider noch hervorgehoben wurde. Der frische und glatte Teint, der siegreich durch ein langes Leben allen Einflüssen der Hitze und der Kälte getrotzt, stand in auffallendem Gegensatz zu den schneeweißen Haaren des jugendlichen Greises. Die kräftige Adlernase, der martialische Schnurr- und Knebelbart, die braunen Augen, die unter ihren etwas geschwollenen Lidern feurig hervorblitzten, dies alles paßte nicht zu dem weichen Munde, mit seinem schmerzlich resignirten Ausdruck. Hände und Füße des Mannes waren klein und schmal, seine Bewegungen unruhig, hart, und deutlich sah man ihm das Bemühen an, seine Befangenheit hinter einem mühsam angenommenen ungebundenen Wesen zu verbergen.

Paul wiederholte seine unbeantwortet gebliebene Frage, und Kamnitzky sprach, an der Cigarre beißend, die längst nicht mehr brannte: »Wie's Deinen Eltern geht, meinst Du? ... Nun, nun, wie es eben kann ... Briefe von Dir -- mehrere nämlich -- müssen verloren gegangen sein.«

Er sagte das mit solcher Bitterkeit, daß Paul dadurch ungeduldig gemacht, trocken antwortete: »Ich habe lange nicht geschrieben.«

Kamnitzky stieß einen Laut des Unwillens aus, seine dichten Augenbrauen zogen sich zusammen --: »So,« sagte er -- »freilich, freilich -- die vielen Geschäfte, die vielen Reden über Menschenrechte, Freiheit, Bildung, Intelligenz! wie fände man da Zeit ein paar alte Leute zu beschwichtigen, die so thöricht sind, in Sorge um Einen zu vergehen ... _ad vocem_ Intelligenz! -- die macht Fortschritte! Wir haben jetzt drei Schullehrer in der Gegend zum Ersatz für den Einen, der im vorigen Jahre dort verhungerte. Nun denn! -- also lange nicht geschrieben!« Er senkte den Kopf und murmelte unverständliche Worte in den Bart.

»Meine Eltern vergehen vor Sorge?« fragte Paul, »davon merkt man ihren Briefen nichts an. Mir schreiben sie, es ginge ihnen gut und auch dem Kinde ...«

»Dem Kinde? ... das war krank. -- Man hat Dir's verborgen. Aus Schonung ... Wie überflüssig -- gelt? Die alten Leute verstehen eben die jungen nicht mehr. Sie wissen nicht, wie die gepanzert sind, inwendig, auswendig, durch und durch, mit einem trefflichen Harnisch: Gleichgültigkeit! ...«

Jeder Nerv in seinem Gesicht zuckte, er sprang auf, rannte ein paar Male im Zimmer auf und nieder und blieb plötzlich dicht vor Paul stehen. Beide Hände in den Taschen, den Oberkörper vor und rückwärts wiegend, fuhr er in höchster Erregung fort:

»Gleichgültig, eine schöne Sache -- freilich, man könnt' auch sagen, eine erbärmliche! Die Gleichgültigkeit setzt einen überall vor die Thür, sogar vor die des eigenen Hauses ... Besitz ich etwas, das mir gleichgültig ist? Haben kann ich's, besitzen nicht! ... Die Gleichgültigkeit ist blöd, grausam, frech! geht an der Schönheit vorbei ohne Begeisterung, am Elend ohne Mitleid, am Großen ohne Ehrfurcht, am Wunder ohne Andacht ...«

Paul legte seine Hand auf den Arm Kamnitzkys und sprach: »Gilt Deine Strafpredigt mir? Ich bin nicht gleichgültig. Und war ich's je« -- setzte er nach einer Pause hinzu, »so sagen wir denn: ich bin's nicht mehr.«

Eine wunderbar rasche Wandlung ging bei diesen Worten in dem alten Manne vor, wie durch einen Zauber schien der Sturm in seiner Seele beschworen. Weich, mit wehmüthigem Vorwurf hob er an: »wie lange warst Du nicht mehr bei uns! -- Seit Deiner Rückkehr aus dem Feldzuge ...« Er schlug dreimal mit seiner kleinen Faust auf den Tisch -- »seit drei Jahren! drei Jahre sind's ...«

Der letzte Aufenthalt in Sonnberg stand Paul in bitterer Erinnerung. Die Trauer seiner Eltern, die ihm maßlos geschienen, weil er sie nicht theilte, die Zerfahrenheit im Hause, das schwächliche Kind, wie abstoßend hatte das alles auf ihn gewirkt! Nur hineingeblickt hatte er in dieses freudlose Heimwesen und war hinweggeeilt. -- Er konnte ja wiederkommen, später, in besserer Zeit. Aber das Leben zog ihn in seine Wirbel, die Lust an öffentlicher Thätigkeit, der Ehrgeiz in großem Wirkungskreise Großes zu leisten, erfaßte ihn. Manchmal mahnte es ihn wohl: Du solltest doch nachsehen, wie es steht mit den alten Leuten ... Aber sie rufen ihn nicht, und brauchen sie ihn denn? wozu auch? Er ist kein Weib, das sich über Unabänderliches grämt, er kann ihnen nicht weinen helfen. Und endlich -- er wird sie schon besuchen, aufgeschoben ist nicht aufgehoben. So war eine lange Zeit vergangen seit seiner flüchtigen, peinlichen letzten Einkehr im Vaterhause. Ihrer besann er sich jetzt nur zu deutlich, indem er Kamnitzkys Worte wiederholte:

»Drei Jahre ja, -- ja wohl. Damals war es bei uns fürchterlich!«

»Damals war's gut, noch gut,« rief der Freiherr. »Es war kurz nach dem Unglück ... Ich spreche von dem Tode Deiner Frau. Unmittelbar nachdem man den Streich empfing, den das Schicksal führte, weiß man nicht, wie tief er getroffen, wie viele Lebenswurzeln er uns durchschnitten hat ... das zeigt sich erst später.«

»Du meinst,« entgegnete Paul, »daß der Schmerz um einen erlittenen Verlust zunimmt, je mehr Zeit darüber hingeflossen ist? Ich, lieber Alter, halte dafür, daß die Zeit alle Wunden heilt.«

»Im Allgemeinen -- könntest Du wenigstens hinzusetzen,« fiel ihm Kamnitzky ein. »Für einen Mann wie Du, giebt es freilich nur das Allgemeine ... Ein Mann wie Du kümmert sich nicht um das einzelne Wesen, den besonderen Fall. Wenn man der Menschheit angehört, dem Universum ...« Er klimperte hastig mit einem Schlüsselbunde in seiner Tasche, seine Stimme, die sich während der letzten Sätze gesenkt hatte, erhob sich wieder: »Wann ist es kälter, he? eine Stunde oder mehrere Stunden nach Sonnenuntergang? ... Nun Lieber, für Deine alten Leute ist die Sonne untergegangen hinter dem Hügel in der Friedhofecke, wo die Zitterpappeln ... Ja so -- Du weißt nicht -- warst nicht einmal dort ... Nicht einmal dort!« Er richtete sich kerzengerade auf, warf die Schultern zurück, wie ein Soldat in strammer Haltung und fuhr fort, mit affektirter Nachlässigkeit, den Blick über Pauls Kopf hinweg, nach dem Fenster gerichtet: »Und es ist doch freundlich dort, durchaus freundlich: Ein Gitter umschließt die Stelle; an den zierlichen Stäben ranken sich Zwergrosen empor, ein Band aus Epheu bildet, flach und breit, einen -- weißt Du, einen ...« Seine Hand zeichnete schwungvolle Linien in die Luft, »einen Kranz, so -- verschlungen ... und die Platte aus geschliffenem Granit spiegelt wie blankes Eis im Sonnenschein. Eingemeißelt in den Stein steht ihr Name in großen Buchstaben, sonst nichts, als nur das Datum; Geburts- und Todestag natürlich ... Darunter zwei Verse von ihrer Lieblingsdichterin, sonst gar nichts.«

»Peinlich! peinlich,« dachte Paul, »werd' ich den Schwätzer nicht los?« -- »Was für Verse?« fragte er obenhin, nur um etwas zu sagen.

»Ja, was für Verse? Als ob ich mir dergleichen merkte! Aber aufgeschrieben hab' ich sie, wenn mir recht ist ...«

Er suchte lange in seiner mit Rechnungen, Adressen und Zeitungsabschnitten bis zum Bersten gefüllten Brieftasche und zog endlich einen Papierstreifen hervor, den er Paul reichte.

Dieser las halblaut und langsam:

»Sehr jung war ich, und sehr an Liebe reich, Begeisterung der Hauch, von dem ich lebte.«

Kamnitzky bewegte die Lippen, als spräche er im Stillen jede Silbe nach: »Ja, ja,« sagte er, »ganz richtig, das ist sie ... Ach Gott, ist sie -- gewesen! Na ... Gott hab' sie selig! Deine Eltern ... sie haben freilich das Kind, ein Trost, eine Sorge ...«

Paul schwieg. Er hatte den Ellbogen auf das Knie gestützt und die Stirn in seine Hand; die gesenkten Augen ruhten unverwandt auf den geschriebenen Zeilen, die er fest hielt in der herabgesunkenen Rechten. Er regte sich nicht -- was ging in ihm vor? Der Alte konnte sein Gesicht nicht sehen, doch verrieth seine Haltung, sein beklommener Athem eine tiefe Erschütterung. Rathlos stand Kamnitzky vor ihm. Er hätte so gern etwas gesagt! etwas Gutes, Gescheites! aber die Zunge war ihm wie gelähmt. Was würde er gegeben haben für das rechte, das erlösende Wort!

Kamnitzky fand es nicht, und mit einer Gebärde der Verzweiflung griff er endlich nach seinem Hute: »Leb' wohl also,« sagte er.

Wie aus dem Schlafe aufgeschreckt, fuhr Paul empor.

»Wann reisest Du?«

»Morgen früh.« Der bewegte Klang von Pauls Stimme wirkte wohlthuend auf seinen kriegerischen Freund. Er war noch zu rühren, der verlorene Sohn, der Abtrünnige! Man konnte ihn schon noch packen, nur bedurfte es dazu einer geschickten und kräftigen Hand. »Morgen früh. Wenn Du einen Auftrag hast für Deine alten Leute, ich besorge ihn ... Was soll ich ihnen ausrichten? Im Laufe der nächsten Woche komme ich wohl einmal hinüber ...«

Paul sah ihn spöttisch lächelnd an und sagte:

»Im Laufe der nächsten Woche erst? -- Geh mir! So lange wirst Du nicht zögern, den Zweck Deiner Reise zu erfüllen.«

»-- Zweck? was meinst Du? ich verstehe Dich nicht.«

»Du verstehst mich recht gut.«