Gesammelte Schriften von Marie von Ebner-Eschenbach (3/10)
Part 14
Diesem ersten Erfolge Claires schloß eine ganze Reihe von Erfolgen sich an, und wenn auch Niemand im Hause Meiberg ahnte, wie schwer sie errungen wurden, so fiel es doch Keinem ein, dieselben der wacker Ringenden zu verkümmern. Jeder erwies sich dankbar in seiner Weise. Der Graf in grämlicher, die Gräfin in schwülstiger, die Tante in kluger, Martha in melancholischer, Emil in schläfriger und so weiter. Nur Marie verhielt sich ablehnend und wurde manchmal sogar aggressiv.
»Ich durchschaue Ihren Kniff,« sprach sie einmal. »Er besteht darin, Jedem von uns Gelegenheit zu geben, sein Licht leuchten zu lassen -- ich will nicht unhöflich sein, sonst würde ich sagen: sein Nachtlicht, denn über mehr haben wir nicht zu verfügen.«
Und nun erging sie sich in beißenden Spottreden, zu denen Claire jedoch ein sehr ernstes Gesicht machte.
»Sie sind witzig, Gräfin,« sprach sie, »aber in einer Art, für welche der Sinn mir fehlt. Ein Witz, der sich nur auf fremde Kosten äußern kann, ist von geringer Qualität. Was mich betrifft, ich wäre zu stolz, um meinen Aufwand an sogenanntem Geist durch Andere bestreiten zu lassen.«
Marie wandte ihr den Rücken. Drei Tage lang grollte sie ihr. Am vierten stürzte sie während der Unterrichtsstunde in das Zimmer der kleinen Brüder, war hochroth im Gesicht, ergriff die Hand Claires und stieß hervor: »Ich habe noch nie einen Menschen so lieb gehabt wie Sie; zählen Sie von nun an auf mich.«
Seit diesem Augenblick war Claire die Vertraute ihrer heiligsten Geheimnisse geworden und hatte erfahren, daß die junge Gräfin innerlich eine Revolutionärin sei, mehrere Copien eines Bildes von Danton angefertigt und eine große Aehnlichkeit zwischen ihren eigenen Zügen und denen des Urhebers der Septembermorde entdeckt habe. Was Alles in ihr gährte, Niemand ahnte es; aber Claire, ihre Freundin, sollte es wissen. Ja, sie dachte sehr oft daran, wie nothwendig ein Umsturz der Gesellschaft geworden sei, besonders in Oesterreich, und wenn ~sie~ dreinzureden hätte -- Kammerherrnschlüssel und Sternkreuzorden würden abgeschafft werden. Und noch Etwas: In ihrer Kindheit hatte sie »Clavier gelernt«, es später aufgegeben, um sich leidenschaftlich der Zither zu widmen, kürzlich aber eingesehen, daß ihr Talent nach einer genialeren Ausdrucksform begehre. Einige Tage schon trug sie sich mit dem Entschluß, ihren Eltern zu erklären, daß sie sich entweder zur Violoncellvirtuosin ausbilden oder die Musik ganz aufgeben wolle, damit aber auch ihr höchstes Lebensglück. Alles oder Nichts! So war sie, das war ihr Charakter. In der Freundschaft jedoch, da giebt es keinen Charakter, da giebt es nur Vertrauen. Zum Beweis desselben verfügte sie auch etwas eigenmächtig über das Geheimniß ihrer älteren Schwester und theilte Claire mit, Martha habe im vorigen Jahre ein Handschuhknöpfchen, das Herr Bretfeld bei der Stunde verlor, im Medaillon getragen. Mit der Schwärmerei sei es jedoch vorbei, und zum größten Glück habe Herr Bretfeld gar nichts davon bemerkt, sich vielmehr immer kostbarer gemacht, die Stunden immer mehr abgekürzt, dadurch nämlich, daß er stets zu spät komme, den Augenblick fortzugehen aber pünktlich einhalte.
Die Aufmerksamkeit, mit welcher Claire dieser Mittheilung lauschte, schmeichelte der kleinen Schwätzerin. Sie fuhr eifrig fort, von der Exaltation vieler ihrer Freundinnen für Herrn Bretfeld zu sprechen, und bedauerte, daß er so furchtbar verwöhnt werde. »Es ist schrecklich dumm,« meinte sie altklug und zog dabei ihre mageren Backfischschultern in die Höhe, »denn heirathen kann ihn ja doch Keine von uns, und ich glaube, daß er sich's auch gar nicht verlangt ... Er soll eine stille Liebe haben. Für eine deutsche Prinzessin, an deren Hof er jeden Sommer einige Monate verlebt, sagen die Einen; für ein armes Mädchen, sagen die Anderen, das aber nie seine Frau werden darf, weil seine Familie, die stolz und reich ist, es nicht erlaubt.«
Dieses Gespräch hinterließ einen Stachel im Herzen Claires. An die Hindernisse, welche die Angehörigen Arnolds gegen seine Verbindung mit ihr erheben könnten, hatte sie nicht ernstlich gedacht. Nun that sie's, that's in Sorgen, die sie dem Vielgeliebten verschwieg. Nicht vorsätzlich, nicht weil sie Scheu trug, die kurze Stunde, die er bei ihr zubrachte, zu trüben, sondern weil sie von keiner selbstsüchtigen Sorge mehr wußte, sobald er ihre Schwelle überschritten und seine Stimme sie begrüßt hatte. Geschah es in freundlicher Weise, sprach Ruhe und Zufriedenheit aus seinem schönen Gesicht, dann gab es in ihrer Seele keinen Raum mehr für eine andere Empfindung als die der Wonne. Lag ein Schatten auf seiner Stirn, klang leiser Unmuth aus seinem Tone, gleich faßte es sie mit peinigendem Gewissensvorwurf: Du bist schuld -- und sie wünschte nichts, als gut zu machen. was sie unbewußt gefehlt haben mochte.
Er ließ ihrer freudigen und geduldigen Liebe nicht Gerechtigkeit widerfahren. Wie konnte sie noch freudig und geduldig sein, während er litt und sich sehnte?
Vier Wochen waren seit seinem ersten Besuche verflossen, lange genug, um ihm das Glück, Claire in Gegenwart ihrer Freundin sprechen zu dürfen, als ein sehr zweifelhaftes erscheinen zu lassen. Abstoßend wirkten die Verhältnisse im Hause der Baronin, abstoßend sie selbst auf ihn. Er gab es auf, nach ihrem Wohlwollen zu ringen; er ließ sich in Wortwechsel mit ihr ein, bei denen er zu oft den Kürzeren zog, um der Siegerin nicht zu grollen. Plötzlich erklärte er, sich nicht länger hinhalten lassen zu wollen, und drang auf Entscheidung. Es war ihm Folterqual, mit anzusehen, wie Claire alle ihre Kräfte anspannte, um Verpflichtungen abzutragen, deren sie zu entheben er brannte. Und nichts hätte es dazu bedurft, nichts als den Entschluß, ihren strafbaren Hochmuth aufzugeben und als ihr Eigenthum zu betrachten, was ihr ohnedies gehörte -- das Seine. Er wiederholte es so oft, er war so gekränkt über die Weigerung, die sie ihm entgegensetzte, daß Claire endlich zu schwanken begann.
Freilich mahnte die Baronin: »Laß Dich nicht überreden, um keinen Preis!« aber Claire gab im Herzen Arnold Recht, wenn er sagte, daß ihm Schmach angethan werde durch diese ihre Scheu, von ihm eine kleine materielle Hülfe anzunehmen, von ihm, der ja sein Höchstes gegeben: seine Liebe, und das Höchste errungen zu haben hoffe: ihre Gegenliebe.
* * * * *
Ungewöhnlich früh kündigte in diesem Jahre der Sommer sich an; Maitage brachten drückende Hitze, die Luft lag schwül über der großen Stadt. Eine schlimme Zeit für die Leutchen, die, um ihren Lebensunterhalt zu gewinnen, wandern müssen von Haus zu Haus, jetzt durch schmale Gassen, in welche nie ein Strahl der Sonne dringt, dann über breite Plätze, auf die sie niederbrennt, daß die Pflastersteine zu rauchen und die Statuen und Brunnenfiguren zu glühen scheinen. Claire sah ermüdet aus, wollte aber nicht zugeben, daß sie es war, und scherzte über Arnolds Besorgnisse.
Die Tage, an welchen sie mehr Ruhe haben würde, rückten ohnedies mit demjenigen heran, an welchem Emil Meiberg seine Maturitätsprüfung ablegen sollte. Dann zog die Familie fort und entschädigte sich für ihr ungewöhnlich langes Verweilen in der Stadt durch einen bis über den Spätherbst hinausgedehnten Aufenthalt auf dem Lande.
»Und was gedenken ~Sie~ indessen zu thun?« fragte Arnold.
Dasselbe, was sie immer that in der todten Saison, erhielt er zur Antwort. Ein paar Lectionen geben -- zwei bis drei, nicht der Rede werth. Auf ihren Gängen durch die Stadt die Modemagazine studiren und sich durch den Anblick des dort Geschauten begeistern zu lassen. Hilf Gott, man braucht Ideen! Die Zeit ist da, einen Staat herzustellen, zu welchem der des vorigen Jahres zwar das meiste Material liefert, der jenem jedoch möglichst unähnlich sein muß. Einfach, wie es sich schickt für eine Lehrerin; geschmackvoll, wie die feinen Leute, mit denen sie verkehrt, es verlangen. Und wenn das zu Ende gebracht sein wird, dann sehr oft mit rechtem Behagen die Hände in den Schoß legen. Am Abend das Fenster öffnen und sich der Sternguckerei ergeben, die lauter Wonne und Erhebung ist.
»Schöne Ferien, die Sie sich da gönnen!« rief Arnold. »Wirklich, Sie verlassen die Stadt nie? Unternehmen nie eine kleine Reise? Sie haben niemals bei Sonnenuntergang auf einem Berg gestanden? Sind noch nie in das Geheimniß eines Waldes gedrungen? Sie haben den klaren Spiegel eines Sees nie erblickt?«
»Niemals,« fiel die Baronin ein, »wie sollte sie? ... Im Kloster, in dem sie erzogen wurde, herrschte Clausur. Aus dem Kloster trat sie in Verhältnisse, die sie theils am Lehrtisch, theils am Siechbett festhielten. Ohne Erholungspausen dazwischen. Das tägliche Brot wollte täglich erworben, die Kranken wollten täglich gepflegt werden. Man kann dem Hunger nicht sagen: Warte, und dem Leiden nicht: Setz' ein wenig aus ... Das ging so fort bis zum Tod der Eltern, und wie es seitdem geht, wissen Sie.«
Wohl wußte er's, und er wußte auch, daß es nicht länger so fortgehen durfte.
In seine Wohnung zurückgekehrt, fand er einen eben aus Deutschland eingetroffenen Brief: die gewöhnliche Einladung nach dem kunstsinnigen Hof, an welchen er alljährlich berufen wurde, nur dieses Mal früher als sonst abgesandt und dringender und schmeichelhafter denn je. Man bereitete große musikalische Aufführungen vor und verlangte dabei nach dem Rathe und der Gegenwart des ausgezeichneten Kenners.
Die erste Regung Arnolds war: annehmen, sich losreißen, Claire ihrem Eigensinn überlassen. Bald jedoch erschien ihm das zu grausam gegen sie und unwürdig seiner selbst. Er wollte einen letzten, einen entscheidenden Versuch machen, sie zum Nachgeben zu bewegen. Widerstand sie -- ihre Sache; dann hatte sie die Folgen sich selbst zuzuschreiben und mochte sehen, wie sie die monatelange Trennung von ihm trug.
Am nächsten Tag, zur Stunde, die Claire daheim zubrachte, bevor sie sich zu Meibergs begab, schellte er an der Wohnung der Baronin. Diese selbst öffnete. Er ließ ihr nicht Zeit, ihn zur Rede zu stellen über sein unbefugtes Erscheinen, entschuldigte mit kalter Höflichkeit, daß er durch Umstände gezwungen sei, die Consigne zu brechen, und trat an ihr vorbei in das Zimmer. Ein Aufschrei freudiger Ueberraschung begrüßte ihn; Claire erhob sich vom Arbeitstisch, an dem sie gesessen, auf das Emsigste mit einer feinen Arbeit beschäftigt. Sie hatte an einem durch einen argen Riß beschädigten Spitzenschleier genäht, der Karoline zur raschen Heilung anvertraut worden und heute noch abgeliefert werden mußte. Die Baronin vermochte nicht, die kunstvolle Arbeit zu beendigen, da sie zu sehr in Anspruch genommen war von der Pflege ihres Kranken, und so leistete denn Claire hülfreiche Hand. Bestürzt über den ernsten und inquisitorischen Blick, den Arnold auf sie und ihre Arbeit geworfen hatte, brachte sie diese Erklärung hastig und erröthend vor.
Er bat sie, sich nicht unterbrechen zu lassen; Claire nahm ihren Platz wieder ein; er setzte sich ihr gegenüber, wartete, schwieg und dachte: Du bist das Aermste, das lebt.
Nun breitete Claire den Spitzenschleier auf dem Tische vor Arnold aus. »Sehen Sie hierher! Das nennt man flicken. Wer entdeckt da die Spur eines Makels?«
Er ergriff ihre Hand. »Wunderschön haben Sie es gemacht, Geliebteste, und in edler Selbstverleugnung habe ich Ihnen Zeit dazu gelassen. Jetzt ist's geschehen, und es giebt nichts mehr zu thun, als mich anzuhören.«
Claire blickte mit offenbarer Bangigkeit zu ihm empor. »Was ist Ihnen? Sie sind so feierlich, ich bemerkte es schon früher. Habe ich Etwas gethan, das Ihnen mißfiel? ... Sprechen Sie, sprechen Sie doch!«
»Mir ist auch feierlich zu Muthe, liebe Claire. Ich habe einen unwiderruflichen Entschluß gefaßt und bin da, ihn zu verkünden. Unsere Probezeit muß abgekürzt werden. Sie haben Ihre letzte Unterrichtsstunde gegeben. Ich kann und will nicht mehr zusehen, wie Sie sich im Dienst einer Pflicht aufreiben, deren Erfüllung ich Ihnen so leicht abzunehmen vermag. -- Geben Sie mir ein Recht dazu -- ich fordere es.«
»Mein Gott, mein Gott!« sagte sie leise und gepreßt. »Was ficht Sie so plötzlich an? -- Ich bin ja nicht frei -- ich kann ja nicht über mich verfügen ...« Die Stimme versagte ihr, sie rang nach Athem.
Arnold sprang auf, umschlang sie und drückte seine Lippen auf ihre Stirn. Sie ließ es geschehen. Einen kurzen Augenblick versank für sie die Welt mit all' ihrem Leid, mit all ihren Anforderungen ... Ihm aber war, als hätte er sie nie heißer, nie besser geliebt.
»In vier Wochen sind wir verheirathet,« sprach er, »und ich entführe Sie in unsere Alpen. Wir werden wandern, wohin es Ihnen gefällt, und wohnen, wo Sie wollen -- am Saume des Waldes, am Ufer des Sees, im grünen Thal oder auf dem Gipfel des Berges... Haben Sie sich noch nie in die herrliche Welt hinausgesehnt? Doch -- nicht wahr? ... Sie werden diese Welt jetzt sehen, diese fremde, nie gekannte, und Ihnen wird sein, als kämen sie in die Heimath zurück.«
Mit immer wärmeren Worten, hingerissen von seiner eigenen Beredtsamkeit, malte er ihr die nächste Zukunft als eine Reihe von freudenhellen Tagen aus, und sie hörte ihn lächelnd an und sagte nur manchmal: »Träume! Träume!«
»Wirklichkeit!« rief er.
»Nein, nein -- bevor ich ein neues Leben beginnen darf, muß ich mit dem alten abgeschlossen haben. Ich muß abgeschlossen haben,« setzte sie zagend hinzu, da er sich unwillig abwendete. »Alles kann ich von Ihnen annehmen, nur das nicht, daß Sie meine Schuld gegen meine Todten abtragen.«
Arnold trat einige Schritte zurück, kaum unterdrückte er den Ausbruch seines Zornes. So verletzt fühlte er sich, so gering geschätzt, daß er sogar verschmähte, ihr Vorwürfe zu machen, und nur leise und heftig sprach:
»Wenn Sie mich heute mit einem Nein entlassen, so haben Sie etwas gethan, das kein später gesprochenes Ja wieder gut machen kann.«
Auch Claire war aufgestanden. Ihre gesenkten Lider bebten, sie stützte sich mit den Fingern der rechten Hand leicht auf den Tisch, indeß die linke an ihrer zarten Gestalt niederhing. Ein stiller Seelenkampf vollzog sich in ihr, der keinen Ausdruck mehr fand, vielleicht keinen mehr suchte, den nur das Zittern der fest auf einander gepreßten Lippen verrieth.
Und von Neuem faßte es ihn mit unsäglichem Erbarmen. »Sie quälen sich und mich muthwillig,« sagte er. »Wäre ich noch der, der ich war, bevor meine Liebe zu Ihnen mich zum Schwächling machte, würde ich Ihnen sagen: Geben Sie jetzt nach oder lassen Sie uns jetzt scheiden... Aber ich spreche das Wort nicht aus, weil ich fürchte, es nicht halten zu können.«
Die ganze Verwerfung seiner selbst, mit der diese Erkenntniß ihn zu erfüllen schien, klang aus seinem Tone, und trotziger setzte er hinzu: »Sie werden mich abermals vertrösten, und ich werde mich abermals vertrösten lassen ... Wenn es aber geschieht, wenn ich, heute abgewiesen, wiederkomme, dann mögen Sie mich mit dem Bewußtsein empfangen, einen unversöhnlichen Zwiespalt in mir erregt zu haben.«
»Herr Bretfeld,« stammelte Claire beschwörend, »Herr Bretfeld ...« Sie war todtenblaß geworden; starr und unverwandt ruhten ihre Augen auf ihm.
Und er sah, daß er nun endlich das Rechte getroffen hatte, daß es ihm gelungen war, ihre Kraft und ihren Stolz zu beugen ... Er sah es triumphirend und gerührt, und verschloß sein Inneres der Stimme, die ihm zuflüsterte: Der Zwiespalt, von dem du sprachst, besteht nicht -- du ~könntest~ dich losreißen, du könntest!
Zärtlich umfing er die Geliebte, indes sie sagte:
»Das soll nicht sein, um Ihre Selbstachtung darf ich Sie nicht bringen. Lieber mich um die meine,« schaltete sie fast unhörbar ein. »Ich sage ja zu Allem; nehmen Sie mich denn, wie ich bin -- ärmer als arm.«
»Aermer als arm, aber dennoch wird Verlobung gefeiert«, wiederholte eine scharfe Stimme. Die Baronin war eingetreten.
»So ist es,« erklärte Arnold, »heute Verlobung, in vier Wochen Vermählung.«
Claire ergriff und küßte die Hände der alten Frau. »Verzeihe,« bat sie, »ich bin undankbar gegen Dich; ich folge ihm, ich verlasse Dich, Du bleibst allein.«
»Was läge daran,« versetzte ihre Freundin; »aber Du handelst unvernünftig und in Folge dessen unrecht, und das ist schlimm. -- In vier Wochen?« wandte sie sich an Bretfeld. »Da muß also von Ihnen aus Alles in Ordnung gebracht worden sein. Da haben Sie aus eigener Machtvollkommenheit das Verhältniß zum Hause Meiberg, das Claires Zukunft gesichert hätte, gelöst. Da haben Sie auch schon für eine Ihrer Braut gebührende Aufnahme in der Familie Bretfeld gesorgt.«
»Das Alles wird geschehen, verlassen Sie sich darauf.«
»~Wird?~« fragte die Baronin mit spöttischem Erstaunen, »ist noch nicht?«
»Nehmen Sie an, daß heute morgen sei,« entgegnete Arnold rasch und gereizt, »dann wird es geschehen sein ... Uebrigens bin ich kein Kind, das um Erlaubniß zu bitten braucht; ich bin gewohnt, den Meinen mit fertigen Thatsachen entgegenzutreten; und was Claire betrifft, so ist sie keine Sklavin.«
»Doch! entschuldigen Sie; sie ist, da sie redlich ist, Sklavin ihres Wortes,« entgegnete die Baronin, und setzte nach kurzer Pause hinzu: »von der Stunde an, in welcher Sie mit Ihren Verwandten gesprochen haben werden und mit oder ohne deren Zustimmung auf Ihrer Heirath mit Claire beharren. Bis dahin bleibt Alles beim Alten, das fordere ich -- einen Schatten von Mutterrecht wird mein Pflegekind mir zugestehen ... Ich weiß, ich weiß --« wehrte sie die Betheuerungen Claires ab und richtete wieder das Wort an Arnold: »Fügen Sie sich.«
»Worein?« rief er. »In das Bewußtsein, daß Sie mir mißtraut haben vom ersten Tage und mir mißtrauen werden bis zum letzten?«
Er wartete auf einen Widerspruch, der nicht erfolgte. »Und Sie --« brach er aus, »und Sie, Claire?«
»Und ich,« lautete ihre Entgegnung, »vertraue Ihnen blindlings, grenzenlos; ich sage, was Sie thun, das ist das Rechte ... Aber aus Liebe zu mir überzeugen Sie auch diese Ungläubige, die -- gleichfalls aus Liebe zu mir -- gegen Sie fehlt. Erfüllen Sie ihren Wunsch.«
Er ließ sich bewegen, er gab nach.
Von ihm geleitet, trat Claire, viel zu spät -- wie sie bald mit einem Schrecken, der ihn lachen machte, entdeckte -- ihren Gang zu Meibergs an. In der Stadt nahm er von ihr Abschied und schlug einen Weg ein, den er noch nie freudig gegangen war, den Weg zur Wohnung seines Onkels Johann Bretfeld. Das war der alte und kinderlose Chef des reichen Hauses, das Orakel, vor dessen Sprüchen und Beschlüssen die sonst so steifen Nacken der Kaufherren Bretfeld, seiner Neffen, Geschäftstheilhaber und einstigen Erben, sich unbedingt beugten.
Claire jedoch schritt weiter, von Träumen umwoben, die sich immer lieblicher gestalteten. In vier Wochen seine Frau ... War's denn wirklich möglich? Geschehen solche Wunder? Verwandelt diese gütige Vorsehung, an welcher sie nie gezweifelt hat, für manchen über alle Maßen Begnadeten den dornenvollen Weg zum Himmel in eine Wanderung so schön und wonnehell, daß Engel das Menschenkind darum beneiden könnten? ... Seligkeit ohnegleichen -- ~seine~ Frau sein, seine Genossin ... Und durch dieses höchste Glück, das zu erkaufen kein Opfer groß genug gewesen wäre, zugleich auch befreit werden von aller Sorge und Mühsal, den bitteren Kampf nicht mehr kämpfen müssen, den jeder Morgen erneute und zu dem nicht mehr jeder Morgen die alte Freudigkeit brachte ...
Als Claire an ihrem Ziel anlangte und die Treppe betrat, auf welcher sie dem Geliebten zum ersten Mal begegnet war, athmete sie tief und blieb einen Augenblick in stilles Sinnen versunken stehen.
»Fräuln,« wurde sie plötzlich angerufen. Der Portier war aus seiner Loge getreten und winkte ihr, den Hut im Genick, mit dem silberbeschlagenen Stock vertraulich zu. »Was ist's denn mit Ihnen? Die Herrschaften schicken schon in einem fort fragen, ob Sie nicht haben absagen lassen, die Herrschaften sind schon bei Tisch.«
Eilends begab Claire sich nach dem Speisesaal und fand dort in der That die Familie bereits versammelt. Feierliches Schweigen empfing sie, nur unterbrochen durch ein Freudengeschrei Chouchous, in das Baby einstimmte. Sie wurden sofort zur Ruhe verwiesen. Die Gräfin heftete auf Claire, als diese, sie begrüßend, an der Tafel Platz nahm, einen langen, vorwurfsvollen Blick, senkte ihn dann auf ihren wohlbesetzten Teller und führte mit verächtlicher Leidensmiene einen Bissen nach dem anderen langsam zum Munde. Die Comtessen und Gräflein guckten voll mehr oder minder unschuldiger Schadenfreude abwechselnd Mama und Claire an, und Chouchou und Baby, die seit dem Eintreten der Letzteren in einen Kampf mit ihren Bonnen gerathen waren, machten sich plötzlich von ihren Bändigerinnen los und stürzten jubelnd auf Claire zu. Mit Donnerstimme befahl der Graf die kecken kleinen Gesellen auf ihre Sessel zurück, und als die unversehens Angewetterten vor Schrecken in Geheul ausbrachen, wurden sie in ihre Zimmer geschickt.
Nach dieser Katastrophe trat eine wahre Kirchofsstille ein. Unhörbar für Jeden, außer für Den, an den es gerichtet war, machte die Stiftsdame dem Hofmeister das Geständniß, daß »in ihr Alles koche«. Die Gräfin aber salzte den Spargel, den sie eben aß, mit einer Thräne.
Nach kurzer Weile erlaubte sich Claire, beim Grafen Fürsprache für ihre Zöglinge einzulegen; er aber reagirte nicht darauf, sondern sprach: »Sie unpünktlich, Fräulein Dübois! Die Welt steht nicht mehr lang ... Ei, ei, Fräulein Dübois, unpünktlich zum ersten Mal im Leben!«
»Lassen Sie mir das als Entschuldigung gelten, Herr Graf,« entgegnete Claire mit wunderbarer Gelassenheit.
»Was haben Sie denn für ein Gewissen?« flüsterte Marie, ihre Nachbarin, ihr neckend zu. »Sie versündigen sich gegen die Hausordnung, richten ein Familienunglück an und gerathen darüber nicht einmal ein bischen in Verzweiflung.«
Nun erhob die Gräfin ihr betrübtes Angesicht. »Es ist doch außerordentlich merkwürdig, das ...« Der Satz blieb unvollendet, dank der stets geübten Selbstüberwindung der edlen Frau und ihrer Rücksicht gegen Untergebene. Erst zwei Stunden später, als sie mit ihrer Schwester ins Theater fuhr, begann sie von Neuem: »Es ist doch außerordentlich merkwürdig, daß Fräulein Claire es nicht der Mühe werth gefunden hat, ihr langes Ausbleiben zu entschuldigen.«
»Das kommt daher,« erwiderte die Stiftsdame, »daß Ihr sie verwöhnt habt. Ich sage immer, man darf die Leute nicht verwöhnen.«
* * * * *
»Onkel und Tante zu Hause?« fragte Arnold, in das große, kahle Vorzimmer der Wohnung Johann Bretfelds tretend.
»Jawohl,« antwortete die Zofe, an welche er seine Worte gerichtet hatte. »Die Herren August und Vincenz haben da gespeist und die Damen auch, und --« setzte sie hinzu und zupfte schmunzelnd an ihrer weißen Schürze, »das Fräulein Josephine Bretfeld ist auch da.«
Josephine Bretfeld ... die einzige Tochter des Consuls Bretfeld, die ihm von den Seinen bestimmte Braut, das junge Mädchen, mit dem zusammenzutreffen er sich bis jetzt so standhaft geweigert, sie hier?
»Ist heute aus Paris angekommen mit dem Herrn Papa und bei uns abgestiegen,« fuhr die Zofe fort, nicht ohne Ergötzen an der Bestürzung, die ihre Nachricht hervorgebracht hatte.
Arnold griff rasch in die Westentasche, zog ein Paar zerknitterte Guldenscheine heraus und drückte sie der Dienerin in die Hand. »Sagen Sie Niemand, daß ich hier gewesen bin,« sprach er, indem er sich hastig dem Ausgang zuwandte. -- Da wurde die Thür des Speisezimmers aufgerissen, und August erschien.
»Nun, Musicus, bist einmal da?« rief er dem Bruder zu und wiegte dabei behaglich seine hohe, schmächtige Gestalt mit der eingedrückten Brust und den vorgebogenen Schultern. »Wir haben Dich vom Fenster aus kommen sehen und Alle gelacht über den Zufall, der Dich gerade heute herführt. Nur herein also, nur herein.« Er schwankte voraus wie ein Boot im Winde, die Thüren hinter sich offen lassend, und Arnold blieb nichts übrig, als ihm durch eine Reihe steif und unwohnlich eingerichteter Gemächer bis in den Salon zu folgen.