Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes

Part 9

Chapter 93,328 wordsPublic domain

~Xenophon~ ("Anab." 2, 2) und ~Aeneas Tacticus~ (27) geben verschiedene Mittel an, nachts im Lager die Mannszucht aufrecht zu erhalten, damit nicht der "panische Schrecken" um sich greife. Dies muss sehr nötig gewesen sein; denn ~Pausanias~ (10, 23) berichtet über die von den Macedoniern geschlagenen Gallier unter Brennus: "In der Nacht befiel sie ein panischer Schrecken ("φόβος Πανικός") ... sie glaubten Pferdegetrappel zu hören und den Feind zu sehen und huben an, sich in ihrer Verblendung untereinander anzugreifen und zu töten".

Die Römer schrieben nach ~Dionys von Halikarnass~ (5, 16) dem Faunus die Eigenschaften Pans zu, Phantome, seltsame Geräusche und Schrecken ("τὰ Πανικά") nachts im Heerlager hervorzurufen. ~Cicero~ bringt das Wort stets in griechischer Form ("πανικός" sc. "φόβος" u. "πανικά" sc. "δείματα") und bezieht es einmal ("Att." 5, 20) auf den Kriegsschrecken, sonst ("Att." 14, 3; 16, 1; "Ad. fam." 16, 23) auf leere Schreckversuche oder Schreckensgerüchte anderer Art. In Hirts "Bilderbuch" (II, S. 160, Vign. 4) findet sich die Abbildung eines antiken Terracottareliefs, das den "panischen Schrecken" darstellt.--

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Aus der alten, im pseudoplatonischen "Axiochus" (371 e) und in des ~Aeschines~ "Dialogen" (3, 21) flüchtig berührten, uns erst von ~Hyginus~ (168) erzählten Mythe, dass die Töchter des Danaus, ausgenommen Hypermnestra, zur Strafe des Gattenmordes verdammt waren, in der Unterwelt beständig Wasser in ein leckes Fass zu schöpfen, entwickelte sich das sprichwörtliche Bild für Verschwendung "ὁ τετρημένος πίθος", "das durchlöcherte Fass" (s. ~Aristoteles~ "Oekon." 1, 6) und für vergebliche Arbeit "εἰς τὸν τετρημένον πίθον ἀντλεῖν", "in das durchlöcherte Fass schöpfen" (s. ~Xenophon~ "Oekon." 7, 40). ~Lucian~ nennt dieses Fass zuerst ("Hermot." 61): "ὁ τῶν Δαναίδων πίθος".

*Das Fass der Danaiden*

füllen zu wollen, ist uns daher ein Bild bodenloser Anstrengung und Vergeudung.--

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"Ζεὺς ὑέτιος", "Zeus der Regenspender" tritt uns zuerst im ~Aristoteles~ ("de mundo" 7) entgegen. Die Griechen verehrten ihn an mehreren Orten (s. ~Pausanias~ 2, 19; 9, 39), und er ist auf der Antoninussäule zu Rom geflügelt dargestellt. Wasserströme fliessen vor ihm nieder. Im ~Tibull~ (1, 7, 26) finden wir, dass am Nil "kein dürres Gras zum Regenspender Zeus (Pluvio Jovi) flehe", wonach wohl Goethe in "Wanderers Sturmlied" (1771) und im 22. "Epigramm" (Venedig 1790) vom

*Jupiter pluvius*

singt, den er in Deutschland zum geflügelten Wort gemacht hat.--

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~Aristoteles~ (Πολιτ. Σαμ. Frg. 523, ed. Rose, vrgl. Tzetzes zu Lykophron 488) erzählt die Anekdote vom ~Ancaeus~, dem mythischen König auf Samos, und dessen Knecht. Ancaeus pflanzte Weinstöcke, und der Knecht prophezeite ihm, er würde sterben, ehe er Wein davon tränke. Als nun der Wein reifte, sagte Ancaeus er würde es doch noch erleben; aber der Knecht orakelte:

*Πολλὰ μεταξὺ πέλει κύλικος καὶ χείλεος ἄκρου*

Zwischen dem Rande der Lipp' und des Bechers kann Viel sich ereignen.

Und richtig! Ancaeus wurde von einem Wildschwein getötet, bevor er seinen Wein getrunken. Dieser Spruch wird auch gern lateinisch citiert:

*Multa cadunt inter calicem supremaque labra;*

in England sagt man statt dessen:

There is many a slip--t'wixt cup and lip;

im französischen "Reinecke Fuchs" lautet V. 5468:

Entre bouche et cuillier--Avient souvent grand encombrier!

und bei uns heisst es nach Fr. ~Kinds~ Gedicht "Ankaeos" (1802 verf.--S. "Gedichte" v. Fr. K. Lpz. 1817. I, 85):

*Zwischen Lipp' und Kelchesrand Schwebt der finstern Mächte Hand.--*

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~Theokrit~ (um 250 v. Chr.) schildert zuerst den Liebling der Venus, den Adonis, als blühend (I, 109), schön (XV, 127), rosig, achtzehn- oder neunzehnjährig und so flaumbärtig, dass sein Kuss nicht sticht (XV, 85, 128-130). Auch Bion (I, 1, 2, 5, 6, 7, 37, 38, 63, 67, 71, 79, 92), ~Vergil~ ("Ecl." 10, 18), ~Properz~ (2, 13, 53), ~Ovid~ ("Met." X, 522) und die ~apollodorische~ "Bibliothek" (III, 14, 4) preisen seine Schönheit und Zartheit. Daher nennen wir einen gar zu schönen jungen Mann einen

*Adonis.--*

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Wenn wir von dem Zauber reden, der die Seele dessen stärkt, der den Boden der Heimat wieder betritt, so citieren wir gern den mythischen Beherrscher Libyens, den Riesen

*Antaeus,*

welchen Herkules nur dadurch besiegen konnte, dass er ihn vom Erdboden emporhob und also erwürgte, weil jenem die Kräfte im Ringkampf wuchsen, wenn er die Erde berührte, die für seine Mutter galt (s. ~Apollodors~ "Bibl." 2, 5, 11; ~Lucan~ 4, 598-616; ~Philostrat.~ "Icon." 2, 21).--

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Einen höllenstrengen Richter nennen wir einen

*Rhadamanth*

nach dem "Ῥαδάμανθυς", von dem es in ~Apollodors~ "Bibliothek" (III, 1, 2) heisst, dass er "im Hades mit Minos Recht spreche" ("ἐν ᾅδου μετὰ Μίνωος δικάζει"), welche beiden Brüder ~Cicero~ ("Tusc." 1, 5, 10) "die unerbittlichen Richter" und ("Tusc." 1, 41, 98), zusammen mit Aeacus und Triptolemus "die einzig wahren Richter" nennt. ~Vergil~ ("Aen." 6, 566) erwähnt hingegen allein des Rhadamanth "überaus hartes Regiment" ("durissima regna"), mit dem er Geständnisse auspresse, und ~Claudian~ (5, 478 ff.) nennt ihn im Gegensatz zu Minos "den gestrengen Bruder" ("rigidum fratrem"), der die Sünder zur Strafe mit wilden Tieren zusammenkoppele; während er bei ~Homer~ noch als der "gottgleiche, blonde Sohn des Zeus und der Europa nach Euböa reist und im Elysium weilt" ("Il." 14, 322; "Od." 4, 564; 7, 322) und ~Pindar~ ("Pyth." 2, 133) nur andeutet, dass er "den Täuschungen abhold" sei ("οὐδ' ἀπάταισι θυμὸν τέρπετα ἔνδοθεν").--

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~Diodor~ (um d. Mitte d. 1. Jahrh. v. Chr.) erzählt uns zuerst (Buch 4), dass Prokrustes in Attika die des Weges Kommenden auf ein Bett legte, nach dessen Länge er die zu Kleinen reckte und die zu Grossen kürzte. So wurde uns das

*Prokrustesbett*

ein Bild für jegliche Art gewaltsamen Ausdehnens oder Abkürzens.--

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In demselben Buche ~Diodors~ wird uns, wie in der Apollodorischen "Bibliothek" (2, 55), als eine Kraftleistung des Herkules berichtet, dass er des Augias, Königs von Elis, seit vielen Jahren nicht gesäuberten Rinderstall in einem Tage von Dung befreite, indem er zwei Flüsse hindurchleitete. Daher reden wir, wenn es gilt, massenhaft angehäufte Missstände zu durchbrechen und zu beseitigen, mit ~Lucian~ (Alex. 1: "Τὴν Αὐγείου βουστασίαν ἀνακαθήρασθαι") und mit ~Seneca~ (Apoc. 7: "cloacas Augeae purgare"), von einem

*Augiasstall,*

dessen Reinigung

*herkulische Kraft*

erfordere, und sprechen, mehr im Hinblick auf diese als auf die anderen elf Arbeiten jenes Halbgottes, von einer

*Herkulesarbeit.--*

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Heiligzuhaltendes, dessen Bewahrung uns Schutz gewährt, nennen wir ein

*Palladium*

nach jenem Pallasbilde von Holz, das in Ilion zuerst, als ein vom Himmel gefallenes, verehrt und sorgsam behütet wurde, da sein Besitz die Stadt unüberwindlich machen sollte (s. ~Vergil~ "Aen." I, 164ff. und dazu Heyne).--

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Die geheime Ratgeberin eines Staatslenkers nennen wir seine

*Egeria*

weil, nach Livius 1, 19 und 21 (vrgl. Valerius Maximus 1, 2, 1; Vergil "Aen." 7, 763 u. 775; Ovid "Amor." 2, 13, 18, "Fast." 3, 154; 261 sqq.; 4, 669; "Met." 15, 432 sqq.; 547 sqq.; Juvenal 3, 12 sqq.; Dionys v. Halik. 2, 60 sqq.), König Numa behauptete, von jener Nymphe, seiner Gemahlin, in nächtlichen Zusammenkünften zu erfahren, was er zu thun habe. Diese geheime Zwiesprache verlegen Manche in einen Hain bei Aricia, Andere in einen Hain vor der Porta Capena bei Rom.--

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Aus einem Wirrsal, einem

*Labyrinth,*

leitet uns, wie Theseus, der

*Faden der Ariadne,* _der_ *Ariadnefaden,*

von dem wir im ~Ovid~ ("Her." 10, 103; "Met." 8, 172; "Fast." 3, 462) und ~Hygin~ (42) lesen. Danach nennen wir ein handliches Büchlein, das uns durch die verschlungenen Pfade einer Wissenschaft führt, einen

*Leitfaden.--*

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Bei ~Ovid~ (43 v.-17 n. Chr.) finden wir auch ("Met." 8, 183-235; vrgl. ~Hygin~ 40) die Erzählung von Ikarus, der trotz des Daedalus väterlicher Warnung mit den wachsverklebten Flügeln der Sonne zu nahe flog, so dass sie schmolzen und er im Meere ertrank. Hiernach nennen wir ein tollkühnes, missglückendes Wagnis einen

*Ikarusflug.--*

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Das Urbild aller greisen, frommen und treuliebenden Ehepaare ist für uns

*Philemon und Baucis,*

die nach ~Ovid~ ("Met." 8, 620-725) Jupiter und Merkur gastlich aufnahmen, ohne sie noch als Götter erkannt zu haben, die dafür ihre Hütte zum Tempel verwandelt sahen, dessen Diener sie werden durften, und die, auf Verlangen zur selbigen Stunde sterbend, in eine Eiche und eine Linde umgestaltet wurden, welche gepaart an Phrygiens Höhen wuchsen, von Gläubigen bekränzt. ~Hagedorn~ ("Werke" 1793; II, 197) und danach ~Goethe~ (1802 "Was wir bringen"; 1809 "Wahlverwandtschaften" II, 1 und 1833 "Faust" II, 5) brachten weiteren Kreisen Deutschlands den Stoff nahe, den bereits ~La Fontaine~ ("Philemon et Baucis") verwertet hatte.--

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*Morpheus,*

in dessen Armen wir Schlafende ruhen lassen, besitzt nach ~Ovid~ ("Met." 11, 634-693), als ein Sohn des Schlafgottes Somnus, die Macht, Traumgestalten hervorzurufen ("μορφή", die Gestalt; danach: "Μορφεύς", der Gestaltende).--

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In der 107. Fabel des ~Hyginus~ (bl. um 10 v. Chr.) tötet Apoll in der Gestalt des Paris den Achill durch einen Pfeilschuss in die Ferse. Hier war die Stelle, wo er sterblich war; denn bis auf die Ferse, an der sie ihn hielt, hatte Thetis den Neugeborenen in den unverwundbar machenden Styx getaucht (s. Fulgentius 3, 7). Wir nennen daher die schwache, verwundbare Stelle eines Menschen seine

*Achillesferse*

(von den Ärzten wird der sich von der Wade zur Ferse hinziehende Sehnenstrang "Achillessehne" genannt).--

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Nach ~Hyginus~ (Fab. 178) tötete Cadmus den Drachen, der den kastalischen Quell bewachte, und säete dessen Zähne aus und pflügte sie unter. Daraus entsprossen dann Krieger, die sich, bis auf fünf, einander erschlugen. Hiernach nennen wir eine Saat der Zwietracht

*Drachensaat,*

obwohl es richtig wäre, von einer "Drachenzahnsaat" zu reden.--

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Wir pflegen zu sagen, dass ein neubelebt aus dem Zusammenbruch des Bestehenden hervorgehender Staat oder Mensch sich erhebe, wie ein

*Phönix aus der Asche;*

denn also schildert ~Claudian~ (44 "Phoenix", 102: "origo per cinerem") die Wiedergeburt des indischen Wundervogels, der, alt geworden, sich im eigenen Neste verbrenne, um verjüngt aus der Asche zu erstehen. Die weiteren Phönixmythen s. b. ~Creuzer~ ("Symbolik" II, 163ff.; 3. Aufl. 1841) und bei Th. ~Graesse~ ("Sagen des Mittelalters" Dresd. 1850).--

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Die Märchensammlung "Tausend und ein Nacht" liefert uns aus "Aly Baba und die vierzig Räuber" die schatzerschliessende Zauberformel:

*Sesam! öffne dich!*

Dieser Sesamblüte der orientalischen Sage ähnelt

*die blaue Blume*

der deutschen, von der J. ~Grimm~ ("Deutsche Mythol." 3. Aufl. Gött. 1854, S. 1152) schreibt:

"Die ungenannte blaue Wunderblume (S. 916, 924), die dem Hirten, wenn er sie unversehens aufgesteckt hat, plötzlich seine Augen öffnet und den bisher verborgenen Eingang zum Schatz entdeckt (S. 923), erscheint desto geheimnisvoller, weil sie gar nicht angegeben werden kann. Der Name Vergissmeinnicht, den sie sich gleichfalls selbst beilegt, soll bloss ihre Bedeutsamkeit ausdrücken und mag erst im Verlauf der Zeit auf Myosotis angewandt worden sein".

In des ~Novalis~ Roman "Heinrich von Ofterdingen" (1802) erfüllt die "blaue Blume" die Sehnsucht des Titelhelden. So wurde sie zum Losungswort der Romantik.--

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Aus dem Tierepos haben wir den schon um 1200 vorkommenden Namen des Wolfes

*Isegrim* (_Eisenhelm_)

zur Bezeichnung eines grimmigen Menschen entnommen.--

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Für ein zurückgesetztes, zur niedrigsten Hausarbeit verwendetes Mädchen giebt uns das deutsche Märchen den Namen

*Aschenbrödel* _oder_ *Aschenputtel.--*

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Eine schwäbische Sage, die Gustav ~Schwab~ nach mündlicher Überlieferung in seiner Ballade "Der Reiter und der Bodensee" (1826, s. "Gedichte" Stuttg. 1828-9) dem deutschen Volke schenkte, lautet also: Über die Schneefläche des zugefrorenen Bodensees sprengt ahnungslos ein Reiter, der, jenseits angekommen, tot vom Ross sinkt, als er hört, welcher Gefahr er entronnen. Wir erinnern daher bei ähnlichen Schrecken nach unbewusst überstandenem Unheil an den

*Reiter über den Bodensee.--*

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Aus der norwegisch-isländischen Sage citieren wir für wilde Kampfeswut und Ingrimm die

*Berserkerwut;*

denn in der "älteren Edda" (16, 23 Simrock) heisst es:

"Zu Sorgen und Arbeit || hatte die Söhne Arngrim gezeugt || mit Eyfura, Das Schauer und Schrecken || von Berserkerschwärmen Über Land und Meer || gleich Flammen lohten".--

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In der "jüngeren Edda" (1, 27 Simrock) lesen wir von einem der zwölf göttlichen Asen, vom Heimdall: "Er bedarf weniger Schlaf als ein Vogel und sieht sowohl bei Nacht als bei Tag hundert Rasten weit; er hört auch das Gras in der Erde und die Wolle auf den Schafen wachsen, mithin auch alles, was einen stärkeren Laut giebt". Mit der Wendung

*Das Gras wachsen hören*

bezeichnen wir daher noch heut eine übermenschliche Feinspürigkeit.--

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Wenn ein zuverlässiger Hüter und Warner von uns ein

*Treuer Eckart* _oder ein_ *Getreuer Eckart*

genannt wird, so entlehnen wir diesen Namen der nordischen, auf deutscher Grundlage ruhenden Wilkinasage. Eckart rettet als Erzieher der Harlunge diese vor einem Überfall. Dann finden wir ihn vor Frau Holles wilder Jagd als Warner, dass die Leute aus dem Wege gehen (s. ~Grimm~: "deutsche Mythol." S. 887), und am Venusberge, dass niemand hineingehe (s. "Heldenbuch" ges. 1472 und "die Mohrin" verf. 1453 von H. v. ~Sachsenheim~). Schon bei ~Agricola~ ("Sprichw." Hagenau, 1584) heisst das 667. Sprichwort: "Du bist der treue Eckart; du warnest jedermann", ~Tieck~ gab (1799) die romantische Erzählung heraus: "Der getreue Eckart und Der Tannenhäuser" und ~Goethe~ schrieb (1813) die Ballade "Der getreue Eckart".--

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Einen verführerischen Wüstling nennen wir einen

*Don Juan*

nach dem Helden einer spanischen Sage des 14. Jahrhunderts, die sich an eine historische Person knüpft, den Don Juan Tenorio, einen Freund Peters des Grausamen. Der Sage nach hatte er die Tochter eines Komturs entführen wollen, den er im Zweikampf erstach. Die dem Gefallenen errichtete Bildsäule ladet er höhnend zum Abendessen, und jener

*Steinerne Gast*

findet sich wirklich ein und überliefert den Sünder der Hölle. Dies Wort citieren wir im Sinne ~Schillers~, der ("Piccolomini" IV, 6 a. E.) den vor sich hinbrütenden Max einen "steinernen Gast" schelten lässt, "der uns den ganzen Abend nichts getaugt". Die Don-Juan-Sage ging in mannigfacher Gestaltung über die Bühnen Spaniens (zuerst 1634 durch Tirso de Molina), Italiens, Frankreichs und Englands, bis die Musik unseres ~Mozart~ (1787) dem Libretto Lorenzo ~Dapontes~ (s. Kap. VII) zum Siege über alle Vorgänger verhalf.--

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Einen bösen Ehemann nennen wir einen

*Blaubart*

nach dem ursprünglich altfranzösischen Märchen "Raoul, Le Chevalier Barbe-Bleue", in dem dieser blutdürstige Ritter seine sechs Gemahlinnen wegen ihrer Neugier tötet. Auch seine siebente würde er getötet haben, hätte man ihn nicht erschlagen.--

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Aus dem im Anfang des 16. Jahrhunderts auftauchenden Märchen "Von den 7 Schwaben" (herausg. v. Richard Michael Bück in Bartsch-Pfeiffers "Germania". Neue Reihe V. 317) ist die Aufforderung des sechsten unter ihnen, der bald "Gelbfüssler", bald "Jokele", bald "Hansele" heisst, allgemein gebräuchlich geworden:

"*Hannemann! geh' du voran!* *Du hast die grössten Stiefeln an*", (Dass dich das Tier nicht beissen kann).--

III.

Geflügelte Worte aus deutschen Schriftstellern.

Dem 13. Jahrhundert gehört

*Neue Besen kehren gut*

an, was zuerst[15] in *Freidank*s "Bescheidenheit" (W. Grimms Vrîdanc 15: "Von Dieneste" g. E.) in der Form vorkommt:

Der niuwe beseme kert vil wol ê daz er stoubes werde vol. (Der neue Besen kehrt sehr wohl, Eh' dass er Staubes werde voll.)--

[Fußnote 15: Vrgl. über Dieses und Ähnliches die "~Einleitung~", in der gesagt ist, dass auch Sprichwörter nicht vom Himmel fallen, sondern stets ihren ersten Urheber haben müssen. Falls also nicht aus der Form des ersten Befundes mit Sicherheit hervorgeht, dass ein bereits gebräuchliches Sprichwort vorliegt, kann der Sammler die erste schriftstellerische Quelle getrost anmerken. Die spätere Forschung möge dann untersuchen, ob das Wort schon in früheren Tagen im Volke verbreitet war.]

* * * * *

*Das fünfte Rad am Wagen*

stammt aus *Herbort* von Fritzlars (1. Decennium des 13. Jahrh.) "Liet von Troye" 83 "so zele man mich zem fünften Rade" oder aus "~Vrîdanc~" 41 "Von Guote und Uebele":

der wagen hât deheine stat dâ wol stê daz fünfte rat. (Der Wagen hat keine Stelle, Wo das fünfte Rad wohl angebracht wäre.)--

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*Den Mantel nach dem Winde kehren*

findet sich zuerst in *Gottfried von Strassburg*s (um 1215) "Tristan und Isolt" (262, 32 f. Massmann, Leipz. 1843) in der Form:

man sol den mantel keren, als ie die winde sint gewant.--

* * * * *

Aus dem "Sachsenspiegel" (1219-1233) *Eike von Repkow*s, eines Schöffen aus der Nähe von Magdeburg, stammt:

*Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.*

Es lautet bei ~Homeyer~ ("Des Sachsenspiegels erster Teil oder das Sächsische Landrecht nach der Berliner Handschrift von 1369"; 3. Ausg., Berlin 1861, 2. Buch, Artikel 59, § 4): "Die ok irst to der molen kumt, die sal erst malen".--

* * * * *

*Wer seinen Kindern giebt das Brot Und leidet nachmals selber Not, Den soll man schlagen mit der Keule tot,*

befindet sich an manchem Stadtthore Norddeutschlands neben einer aufgehängten Keule angebracht. Dieser Spruch ist einer Erzählung des *Rüdiger von Hünchhover* entnommen, der in Urkunden 1290-1293 erscheint (Herrigs Archiv 7, 340). Sie heisst "Der Schlägel" und lautet also: "Ein alter Mann, der sein ganzes Vermögen seinen Kindern überlassen hat, die ihn nun schlecht behandeln, weiss in ihnen den Glauben zu erwecken, dass er noch einen Schatz zurückbehalten habe, worauf sie ihn wieder in Ehren halten. Nach seinem Tode finden aber die Kinder in der vermeintlichen Schatzkiste nichts als einen Schlägel, mit der Beischrift, dass man einem jeden, der seine ganze Habe seinen Kindern übergiebt und infolgedessen in Not und Elend lebt, mit diesem Schlägel das Gehirn einschlagen müsse".

("Koloczaer Codex altdeutscher Gedichte" von Graf ~Mailáth~ und ~Köffinger~, S. 155, und v. ~der Hagens~ "Gesamtabenteuer" 49, vrgl. auch "Meister Stephans Schachbuch", ein mittelniederdeutsches Gedicht des 14. Jahrhunderts, herausgegeben von W. Schlüter 1889-90, V. 4730-4881.) Nach ~Thiele~ "Danmarks Folkesagen", I, 107 wird in Dänemark diese Geschichte von Olaf Bagger in Odense unter Friedrich II. (1559-1588) erzählt.--

* * * * *

*Die Welt will betrogen sein*

steht in der Form "die wellt die will betrogen syn" in ~Sebastian~ *Brant*s (1458-1521) 1494 erschienenen "Narrenschiff" (Ausg. Zarncke, S. 65, Sp. 1). Man führt es oft in der lateinischen Form an:

*Mundus vult decipi.*

So heisst es schon in Sebast. ~Franks~ 1533 erschienenen "Paradoxa", No. 236 (247): "Die Welt will betrogen und belogen sein und nur mit Wahn geäfft und regiert werden, wie jener Mönch sagt, der für sein Thema hält:

Mundus vult decipi darumb bin ich hie,

dem man zu Lohn alle Säcke voll stiess". Hierin sieht Dr. ~Weinkauff~ (Birlingers "Alemannia", VI, 1. S. 48 u. 49) die Grundlage von

*Mundus vult decipi, ergo deciplatur*

(Die Welt will betrogen sein, darum sei sie betrogen);

während ~Thuanus~ (Bch. 12, anno 1556) dies lateinische Wort auf den päpstlichen Legaten ~Caraffa~ (späteren Papst Paul IV., † 1559) zurückführt.--

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*Grobian*

ist auch ein Wort ~Sebastian Brants~ aus dem "Narrenschiff" (Zarncke, S. 71 u. 72). Er spricht dort von einem "neuen Heiligen, Grobian geheissen", den er weiterhin "Sankt Grobian" nennt.--

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*Hanswurst*

findet sich zum ersten Male in der Form ~Hans Worst~ in der niederdeutschen Übersetzung von ~Sebastian Brants~ "Narrenschiff" (Rostock 1519, No. 76, 83, Ausg. ~Zarncke~, S. 75, Sp. 2). Bei Brant selbst steht ~hans myst~. ~Hans Mist~ ist auch der Name eines Bauern in einem Fastnachtspiele des 15. Jahrh. (~Keller~ I, S. 342). Hans Worst wiederholt sich bei ~Luther~ in der "Vermahnung an die Geistlichen, versammelt auf dem Reichstag zu Augsburg", 1530, im Abschnitte "Vom ehelosen Stande"; in der Predigt über die "Auferstehung der Toten", B. 19, 133; in "Wider den Meuchler zu Dresden" (1531), 25, 105; und in "Wider Hans Worst" (Wittenberg 1541, 26, 4) sagt ~Luther~:

"Dies Wort, Hans Worst, ist nicht mein, noch von mir erfunden, sondern von andern Leuten gebraucht wider die grossen Tölpel, so klug sein wollen, doch ungereimt und ungeschickt zur Sache reden und thun".

Schon hieraus möchte man schliessen, dass Luther an eine volkstümliche Bühnengestalt gedacht hat, besonders aber aus den kurz darauf folgenden Worten:

"Wohl meinen etliche, ihr haltet meinen gnädigen Herrn (den Kurfürsten von Sachsen) darum für Hans Worst, dass er von Gottes, dem ihr feind seid, Gaben stark, fett und volliges Leibes ist. Also hab ichs auch oft gebraucht, sonderlich und allermeist in der Predigt".

Die heut übliche Form "Hans Wurst" steht erst in ~Fischarts~ "Gargantua" (1575. c. 8. g. E.): "Trink alzeit for den durst--So tringt dich kain durst--Mein Hans Wurst".--

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*Calembourg*

entstammt nach der von Philarète ~Chasles~ ("Études sur l'Allemagne ancienne et moderne", Paris 1854, p. 83) aufgestellten und in ~Littrés~ Lexikon gebilligten Etymologie dem Schwankbuche Philipp *Frankfurter*s "Der Pfaffe von Kalenberg" (nachweisbar erst Ende des 15. Jahrh. geschrieben, vielleicht schon im 11. Jahrh.). Aus Calembourg haben wir dann zur Bezeichnung hervorragend schlechter Wortwitze

*Kalauer*

gemacht, wobei wohl an Leder und die geringere Qualität der Stiefel gedacht worden ist, wie sie die Stadt Kalau liefert. Andere wollen wissen, der Ausdruck rühre daher, dass Ernst Dohm seine guten Witze dem "Kladderadatsch" Sommers aus Kalau sandte.--

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Der Name

*Amerika*

entstand nach dem des Amerigo (Americus) Vespucci auf den Vorschlag des Buchhändlers und Professors Martin *Waldseemüller* (Hylacomylus in St.-Dié), welcher Vespuccis dritte Reise nach der "Neuen Welt" i. J. 1507 herausgab (vrgl. A. v. Humboldt "Examen critique de l'histoire et de la géographie du nouveau continent". IV., 97ff. 104-6).--

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*Die Geister platzen aufeinander*

steht in *Luther*s (1483-1546) auf das Münzersche Treiben in Altstadt bezüglichem Briefe (vom 21. August 1524) "an die Fürsten zu Sachsen von dem aufrürischen Geiste", B. 53, Nr. 108, S. 255ff, in der Form: "Man lass die Geister auf einander platzen und treffen".--

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