Geflügelte Worte: Der Citatenschatz des deutschen Volkes

Part 8

Chapter 83,140 wordsPublic domain

Nach Ebräer 4, 12: "... das Wort Gottes ist schärfer denn kein zweischneidig Schwert und durchdringet, bis dass es scheidet ... Mark und Bein" sagen wir:

*Mark und Bein durchdringend.--*

Ebräer 10, 27 lautet: "(so wir muthwillig sündigen ... haben wir ...) ein schreckliches Warten des Gerichts und des

*Feuereifers,*

der die Widerwärtigen verzehren wird".--

Ebräer 12, 4 lautet: "ihr habt noch nicht

*bis aufs Blut*

widerstanden über dem Kämpfen wider die Sünde".--

Aus Ebräer 13, 14 entlehnen wir:

*keine bleibende Stätte* (_wörtlich: Stadt_) *haben.--*

Und Ebräer 13, 16 lesen wir:

*Wohlzuthun und mitzutheilen* (_vergesset nicht_).--

* * * * *

*Jacobus* 1, 22-23 steht geschrieben: "Seid ...

*Thäter des Worts*

und nicht Hörer allein ... Denn so jemand ist ein

*Hörer des Worts*

und nicht ein Thäter; der ist gleich einem Manne, der sein leibliches Angesicht im Spiegel beschauet".--

*Seine Zunge im Zaum halten*

sagen wir nach Jacobus 1, 26: "So aber sich jemand unter euch lässt dünken, er diene Gott, und hält seine Zunge nicht im Zaum, sondern verführet sein Herz: dess Gottesdienst ist eitel".--

Jakobus 3, 7 lesen wir: "... alle Natur der Thiere und der Vögel und der Schlangen und der

*Meerwunder*

werden gezähmet und sind gezähmet von der menschlichen Natur".--

*Sub reservatione Jacobea,*

das heisst: "unter dem Vorbehalt, wie ihn Jakobus macht", beruht auf Jacobus 4, 15: "So der Herr will und wir leben, wollen wir dies oder das thun".--

* * * * *

Weil sich "der Herr" Jesaias 41, 4; 44, 6 und 48, 12 "der Erste und der Letzte" nennt, schreibt ihm die *Offenbarung Johannis* 1, 8 u. 11; 21, 6; 22, 13 das Wort zu: "Ich bin

*das A und das O",*

was sich daraus erklärt, dass A (Alpha) der erste und O (Omega) der letzte Buchstabe des griechischen Alphabets ist. Heute bedeutet dies soviel wie: "Alles in Allem", "das Wichtigste und Liebste", "Anfang und Ende".--

*Getreu bis in den Tod*

ist entlehnt aus Offenb. 2, 10: "... sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben".--

Offenb. 3, 15-16 lesen wir: "Ich weiss deine Werke, dass du

*weder kalt noch warm*

bist. Ach dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber

*lau*

bist, und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde".--

Offenb. 4, 8, sowie 14, 11 heisst es:

*keine Ruhe Tag und Nacht,*

was in der Form:

*keine Ruh' bei Tag und Nacht*

in ~Moscheroschs~ "Totenheer" (1643) S. 203 der ~Dittmar~schen Ausgabe und ferner in dem ~Daponte~schen Text der Mozartschen Oper "Don Juan" vorkommt.--

Offenb. 5, 1-6 steht:

*ein Buch* (_geschrieben inwendig und auswendig, versiegelt_) *mit sieben Siegeln,*

was für ein schwer verständliches Buch, wie überhaupt für alles schwer Verständliche angewendet wird.--

Offenb. 6, 1 findet sich: "Und ich hörete der vier Thiere eins sagen, als

*mit einer Donnerstimme:*

komm, und siehe zu".--

Wenn man sagen hört, dass jemand

*auf einem faulen Pferde,*

d.h. auf schlimmen Wegen der Hölle, ertappt worden sei, so ist dies missverständlich gesetzt für: "auf einem fahlen Pferde" von denen, welche die Quelle des Worts nicht kennen. In der Offenb. 6, 8 steht: "Und ich sahe, und siehe, ein fahl Pferd und der darauf sass, dess Name hiess Tod und die Hölle folgte ihm nach".-- Offenb. 14, 13 spricht der Geist zu Johannes von denen, die in dem Herrn sterben: dass sie ruhen von ihrer Arbeit; denn

*ihre Werke folgen ihnen nach.--*

In der Offenbarung Johannis 15, 7 heisst es: "sieben güldene Schalen voll Zorns Gottes", und 16, 1: "giesset aus die Schalen des Zorns Gottes", woraus wir entnommen haben:

*die Schale des Zorns ausgiessen.--*

Aus Offenb. 20, 2-3: "und er griff den Drachen, die alte Schlange, welche ist der Teufel und der Satan, und band ihn tausend Jahre und warf ihn in den Abgrund und verschloss ihn und versiegelte oben darauf, dass er nicht mehr verführen sollte die Heiden, bis dass vollendet würden tausend Jahr; und darnach muss er los werden eine kleine Zeit", so wie aus 20, 7: "Und wenn tausend Jahre vollendet sind, wird der Satanas los werden aus seinem Gefängnis" ward entwickelt:

*Der Teufel ist los.--*

* * * * *

Das in den Psalmen und im Habakuk vorkommende Wort "Sela" bezeichnet ein Finale im musikalischen Vortrage und daher sagen wir, wenn wir mit einer Sache glücklich zu Ende kamen:

*Abgemacht! Sela!*

II.

Geflügelte Worte aus Sagen und Volksmärchen.

Aus den Sagen und Volksmärchen citieren wir dauernd eine Anzahl Ausdrücke und Namen, deren Auftauchen zu erforschen nicht ohne Reiz ist.

* * * * *

In ~Homers~ "Iliade" (3, 6) heisst es von den Kranichen:

"ἀνδράσι Πυγμαίοισι φόνον καὶ κῆρα φέρουσαι",

"welche Verderben und Tod darbringen Pygmäischen Männern".

Diese klassischen Däumlinge (wörtlich: "Fäustlinge"), die

*Pygmäen,*

wurden uns zum spasshaften Symbol für die Auflehnung kleiner Geister gegen Geistesheroën, weil sie den Tod des Riesenbruders Antaeus (s. weiterhin) am Herkules zu rächen gedachten und gegen den schlafenden Halbgott zu Felde zogen, d.h. auf seinen Gliedern herumkrabbelten und sein Haupt in Belagerungszustand versetzten, ohne ihn im mindesten zu schädigen. Der Gewaltige wachte auf, lachte, sammelte all die kleinen Helden in sein Löwenfell und brachte sie seinem Arbeitgeber Eurystheus.

(Vrgl. ~Philostrat~, "Icon." 2, 22. -- Frans de Vriendt, gen. Floris, der "niederländische Rafaël", 1520-1570, zeichnete diese Scene, und H. Cock verbreitete das Blatt durch den Kupferstich.)--

* * * * *

Eine anmutige Mundschenkin nennen wir eine

*Hebe*

nach ~Homer~ ("Il." 4, 2), wo beim Zeus den Göttern "πότνια Ἥβη ἐῳνοχόει"--"die herrliche Hebe Wein einschenkt", welche er ("Od." 11, 603) als "καλλίσφυρον"--"die mit den schönen Knöcheln" preist.--

* * * * *

Im ~Homer~ erscheint uns auch zuerst der "Οὔλυμπος",

*Olymp,*

ein Berg auf Thessaliens und Macedoniens Grenze, als "Sitz der Unsterblichen", oder "Göttersitz" ("Il." 8, 456 "ἀθανάτων ἕδος"; "Od." 6, 42-46 "θεῶν ἕδος"). Späteren Dichtern (s. ~Sophokles~ "Frg." 490, Nauck; ~Aristophanes~ "Thesmoph." 1068 ff.; ~Vergil~ "Ecl." 5, 56-57) heisst dann auch das Himmelsgewölbe, auf dem die Götter wohnen, "Olymp"; während wir damit die obersten Sitzreihen im Theater wohl deswegen bezeichnen, weil sie dem wolken- und götterreichen Plafond zunächst liegen.--

* * * * *

*Ganymed*

ist uns das Urbild eines erfreulichen Mundschenken nach ~Homers~ Schilderung ("Il." 20, 232 ff.):

"[... ἀντίθεος Γανυμήδης ὃς δὴ κάλλιστος γένετο θνητῶν ἀνθρώπων τὸν καὶ ἀνηρείψαντο θεοὶ Διὶ οἰνοχοεύειν κάλλεος εἵνεκα οἷο, ἵν' ἀθανάτοισι μετείῃ".

"Ganymedes, den Göttern vergleichbar, Welcher der Schönste war von allen sterblichen Menschen; Ihn ja rafften die Götter empor, Zeus' Becher zu füllen, Wegen der schönen Gestalt, dass er lebe mit ewigen Göttern".--

* * * * *

Bei ~Homer~ ("Il." 24, 25-30) findet sich auch die erste Hindeutung auf

*Das Urteil des Paris,*

das zu unzähligen Darstellungen verwertet ward und noch heut citiert wird, wo es gilt, einen Streit um Frauenschönheit zu entscheiden. Here und Athene zürnten Ilion wegen der frevelhaften Verblendung des Alexandros (Paris),

"ὃς νείκεσσε θεὰς, ὅτε οἱ μέσσαυλον ἵκοντο, τὺν δ' ᾔνησ' ἥ οἱ πόρε μαχλοσύνην ἀλεγεινήν",

"welcher die Göttinnen schmähte, als ihm ins Gehöfte sie kamen, und die pries, die zum Lohn ihm verderbliche Üppigkeit anbot".

nämlich Aphrodite, der er als der Schönsten den Apfel gab (vrgl. ~Euripides~ "Hec." 633, "Troad." 930). Die Vorgeschichte hierzu liefert ~Lucian~ ("dial. marin." 5; vrgl. in des Proclus "Chrestomathie": "Kyprien", wo der Apfel noch unerwähnt ist) also:

Die zur Hochzeit des Peleus und der Thetis nicht gebetene Eris (Discordia, Göttin der Zwietracht) rollte einen goldenen Apfel mit der Aufschrift "Die Schöne soll mich bekommen" dahin zwischen die Gäste, wo Here, Athene und Aphrodite weilten, die alsbald in Zwist gerieten, welcher von ihnen der Apfel gebühre. Für ein Streitobjekt entnehmen wir daraus den bildlichen Ausdruck:

*Apfel der Zwietracht, Zankapfel, Erisapfel,*

der uns zuerst bei ~Justinus~ (XII, 15; XVI, 3) als "malum Discordiae" und "Discordiae malum" begegnet.[14] Dieser Zwist der Göttinnen rief dann eben das den trojanischen Krieg entfesselnde "Urteil des Paris" hervor, das "iudicium Paridis" (s. Kap. XI: Vergil "Aen." 1, 27).--

[Fußnote 14: ~Justinus~ (2. Jahrh. n. Chr.) excerpierte den ~Pompeius Trogus~ (um 20 v. Chr.), der also schon das Wort gebraucht haben mag.]

* * * * *

Ein unzertrennliches Freundespaar nennen wir

*Orest und Pylades*

nach den beiden Vettern, Freunden und Schwägern, deren gemeinsame Rache an Aegisth und Klytemnestra wegen Agamemnons Ermordung des ~Hagias von Troezen~ "Heimkehr" schilderte (s. Proclus: "Chrestomathie"). Als bester Freund und Waffengefährte des Orest beim Rachezug und bei Iphigeniens Heimführung begegnet uns dann Pylades bei ~Aeschylus~ ("Choëph." 557), bei ~Sophokles~ ("Elektra" 15) und bei ~Euripides~ ("Orest." 388, 705-712, 773, 779 ff., 859 ff, 927 ff, 991 ff, 1042-1076, 1370 ff, 1586-7; "Elektra" 82-85, 835-837, 870-879; "Iphig. Taur." 94 ff, 296-300, 307 ff, 469, 570-579, 621, 643-691, 868). Darum spricht ~Cicero~ ("de fin." 2, 26) von "Pyladeïscher Freundschaft" ("Pyladea amicitia"). Am berühmtesten ist der Beiden edler Wettstreit, welcher von ihnen sterben soll (s. ~Euripides~ "Orest." 1046-1076; "Iphig. Taur." 570-579, 621, 643-679 und danach M. ~Pacuvius~, den ~Cicero~ "Laelius" 2, 24 citiert; vrgl. ~Cic.~ "de fin." 2, 24 und ~Ovid~ "ex Pont." 3, 2, 85-86).--

* * * * *

Für ein vielgestaltiges wandelbares Wesen gab uns der Meergott

*Proteus* (Πρωτεύς)

den Namen. ~Homer~ singt ("Od." 4. 416-418 u. 456-458) zuerst von dessen Fähigkeit, sich in Alles zu verwandeln, was auf Erden webt und lebt, um nicht Rede stehen zu müssen.--

* * * * *

Einen himmlischen Aufenthalt nennen wir ein

*Elysium*

nach ~Homers~ "Odyssee" 4, 565-568, an welcher Stelle der überwältigte Proteus dem Menelaos das "an der Erde Grenzen" liegende "Elysische Gefilde" ("Ἠλύσιον πεδίον") also ausmalt:

"τῇ περ ῥηίστη βιοτὴ πέλει ἀνθρώποισιν· οὐ νιφετός, οὔτ' ἂρ χειμὼν πολὺς οὔτε ποτ' ὄμβρος, ἀλλ' αἰεὶ Ζεφύροιο λιγὺ πνείοντος ἀήτας Ὠκεανὸς ἀνίησιν ἀναψύχειν ἀνθρώπους".

"Wo in behaglicher Ruhe den Menschen das Leben dahinfliesst: Dort ist kein Schnee, kein schneidender Sturm, kein strömender Regen, Sondern der Ocean sendet empor zur Erquickung der Menschen Immer den luftigen Hauch des frischhinwehenden Zephyrs".--

* * * * *

*Nektar und Ambrosia*

als "Göttertrank und Götterspeise" finden wir bei Homer ("Od." 5, 93; vrgl. 5, 199-201), wo Kalypso Hermes den Tisch deckt:

"ἀμβροσίης πλήσασα, κέρασσε δὲ νέκταρ ἐρυθρόν αὐτὰρ ὁ πῖνε καὶ ἦσθε διάκτορος ἀργειφόντης ".

"Füllte Ambrosia auf und mischt' ihm rötlichen Nektar; Hierauf ass er und trank, der argostötende Bote".

Sonst wurde Ambrosia auch oft als Trank oder als Salböl der Götter angesehen.--

* * * * *

Ein durch dämonischen Zauber fesselndes Weib nennen wir eine

*Circe*

nach ~Homer~ ("Od." 10, 210 ff.), wo die Göttin Κίρκη, die lockige und ränkevolle, den Odysseus zur Liebe verleitet; obwohl er sie fürchtete, weil sie seine Gefährten in Schweine verwandelt hatte.--

* * * * *

Von den Enkeln Neptuns, den Riesenbrüdern Otos und Ephialtes, überliefert ~Homer~ ("Od." 11, 305-320), dass sie die Götter also bedrohten:

"Ὄσσαν ἐπ' Οὐλύμπῳ μέμασαν θέμεν, αὐτὰρ ἐπ' Ὄσσῃ Πήλιον εἰνοσίφυλλον, ἵν' οὔρανος ἄμβατος εἴη".

"Ossa zu höh'n auf Olympos gedachten sie, aber auf Ossa Pelion, rege von Wald, um hinauf in den Himmel zu steigen".

Apoll aber tötete vorher die Überkühnen. Für ein gewaltiges, gleichsam Himmel und Erde bewegendes Beginnen brauchen wir daher das Wort:

*Den Pelion auf den Ossa stülpen* _oder_ *türmen wollen.--*

* * * * *

Im ~Homer~ ("Od." 11, 582-92) berichtet Odysseus vom Tantalus, er habe ihn in der Unterwelt zur Büssung seiner Frevel bis zum Knie im Wasser stehend gefunden, das hinwegschwand, sowie er sich zum Trinken neigte, während die Fruchtzweige zu seinen Häupten vom Winde entführt wurden, wenn er sich nach ihnen reckte. Für die Qualen unbefriedigten Verlangens bildete sich daher das Wort

*Tantalusqualen.--*

* * * * *

Weiterhin (593-600) erzählt Odysseus, dass er in der Unterwelt auch den Sisyphus sah, welcher dort zur Strafe für seine Erdensünden ein immer wieder herabrollendes Felsstück (s. Kap. X: "Hurtig mit Donnergepolter" u.s.w.) immer von neuem einen Berg hinaufzuwälzen hatte. Danach nennen wir, wie ~Properz~ (3, 8: "Sisyphios labores") eine mühevolle und ergebnislose Arbeit eine

*Sisyphusarbeit.--*

* * * * *

Circe warnt im ~Homer~ ("Od." 12, 39 ff.) den Odysseus vor den Sirenen, jenen beiden zauberisch singenden Wesen, die den Schiffer Weib und Kind vergessen machten, ihn an sich lockten und töteten. Hiernach nennen wir ein liebreizendes, durch Schmeicheltöne ins Verderben lockendes Weib eine

*Sirene*

und sprechen von bezauberndem

*Sirenengesang*

und von einer verführerischen

*Sirenenstimme.--*

* * * * *

Ein Wesen, das uns zu raten giebt, nennen wir eine

*Sphinx;*

denn die thebanische Sphinx, welche nach ~Cinaethos~, des Milesiers, "Oedipodie" (s. ~Proclus~ "Chrestomathie") keine "Bestie" ("θηρίον"), sondern eine "Wahrsagerin" ("χρησμολόγος"), nach anderen jedoch (~Apollodor~ III, 5, 8) ein Geschöpf war mit Weibsgesicht, Löwenkörper und Vogelflügeln, diese Sphinx, die ~Hesiod~ ("Theog." 326) "Echidnas und Orthys' Tochter", "die furchtbare" ("ὀλοήν") und "ein Verderben für die Kadmeer" ("Καδμείοισιν ὄλεθρον") nennt, sie gab den Thebanern Rätsel auf und tötete deren viele, die an der Auflösung verzagten, bis Oedipus auf ihre Frage: "Wer ist morgens vierbeinig, mittags zweibeinig, abends dreibeinig?" die kluge Antwort: "der Mensch" zu geben wusste, worauf sie sich selbst (oder er ihr) das Leben nahm.

Belegstellen s. bei Heyne zu ~Apollodor~ a.a.O. u. ferner: ~Aeschylus~ "Sieb. geg. Th." 526, 543; ~Sophokles~ "Oedip. tyr." 1179; ~Euripides~ "Phoen." 6, 745, 784ff., 1297, 1442ff., 1668ff.; ~Hygin.~ 67; ~Ausonius~ "Griphus" 38-41 u.a.m.--

* * * * *

Nach dem ~homerischen~ Hymnus auf Apoll (285-289) baute sich dieser Gott der Musen und Dichter am Fusse des "Πάρνησος",

*Parnass*

(Berg in Phokis) einen Tempel. Auch der "Ἑλικών",

*Helikon*

(Berg in Böotien) ist Aufenthalt der Musen, die dort tanzen und sich in der Quelle "Ἱππουκρήνη",

*Hippokrene*

baden (~Hesiod~ "Theog." 1ff.). Diesen Musenquell liess der Hufschlag des als Spross Neptuns und der Medusa von der Erde zu den Göttern schwebenden Flügelrosses

*Pegasus*

(~Hesiod~ "Th." 284: "Πήγασος ἵππος") entspringen (~Ovid~ "Met." 5, 257: "Dura Medusaei quem praepetis ungula rupit") und wer sich mit dem Wasser dieses "Rossquells" "die Lippen netzte", d.h. wer daraus trank, wurde ein Dichter (s. ~Persius~ "Prolog.": "Nec fonte labra prolui caballino" und andere Stellen bei J. Mallet "Quaestiones Propertionae" Gött. 1882 S. 4-7, wo nachgewiesen wird, dass diese Vorstellung auf alexandrinische Dichter zurückgeht).--

* * * * *

Im ~Hesiod~ ("Theog." 227) begegnet uns zuerst die Tochter der Eris, Lethe (Λήθη, die Vergessenheit). Der mythische Fluss

*Lethe*

wurde nach ihr benannt und aus diesem,

*aus dem Strom der Vergessenheit trinken*

die abgeschiedenen Seelen, die vom Elysium zu verklärtem Dasein übergehen (vrgl. ~Vergil~ "Aen." 6, 714-715: "Lethaei ad fluminis undam ... longa oblivia potant").--

* * * * *

~Hesiod~ ("Theog." 313) erwähnt zuerst die Tochter Typhons und Echidnas, "Ὕδρην ... λύγρ' εἰδυῖαν Λερνειήν", "die Verderben brütende, Lernaeische

*Hydra* _oder_ *Hyder",*

wozu der Scholiast (p. 257) treffend bemerkt, sie versinnbildliche das Böse, das immer wieder sein Haupt erhebt, so sehr man es auch vernichten will. Herkules tötete aber die Hydra, obgleich nach ~Apollodor~ (II, 5, 2) "μιᾶς κοπτομένης κεφαλῆς δύο ἀνεφύοντο", "ihr zwei Köpfe wiederwuchsen, wenn einer abgehauen war".

Vrgl. ~Ovid~ "Met." 9, 71-74. Die Zahl ihrer Häupter wird verschieden angegeben. Vrgl. ~Pisander~ aus Kamiros bei Pausan. II, 37. p. 399, 400; ~Alcaeus~ beim Scholiasten zu Hesiod, a.a.O.; ~Euripides~ "Herc. fur." 419; ~Diodor~ 4, 21; ~Hygin.~ "Fab." 30.--

* * * * *

Von ~Hesiod~ (9. Jahrh. v. Chr.) wird auch zuerst

*die goldene Zeit* _oder_: *das goldene Zeitalter*

erwähnt ("Werke und Tage" 109-123). Es ist das saturnische Zeitalter gemeint, "wo die Menschen sorglos ohne Arbeit und Weh dahinlebten, wie die Götter, ohne Altersbeschwer, immer tafelfreudig, und starben, als schliefen sie ein; wo der Acker von selbst Frucht trug" u.s.w.

Vrgl. ~Aratus~ "Phaenomena" 96-106; ~Tibull~ 1, 3, 35; ~Ovid~ "Amor." 3, 8, 40; "Met." 1, 89-112; d. Verf. d. "Aetna" V. 9 u. ~Claudian~ "Lob d. Stilicho" 1, 85.--S.: Eichhoff in "Fleckeisens Jahrb. f. Philol. u. Pädag." 120, 581. Viele einschlagende Stellen der alten Komödiendichter giebt ~Athenaeus~ 6 p. 267 E.-270 A. Auch schrieb ~Eupolis~ ein "χρυσοῦν γένος".--

* * * * *

In der attischen Komödie des fünften Jahrhunderts v. Chr. finden wir unter anderen Zügen der "goldenen Zeit" bei ~Krates~ (s. Athenaeus a.a.O.): "παρατίθου τράπεζα"--"Tisch, decke dich!", dem wir im deutschen Märchen wieder begegnen als

*Tischlein, decke dich!--*

~Telekleides~ aber singt (ebenda): "ὀπταὶ κίχλαι μετ' ἀμητίσκων εἰς τὴν φάρυγ' εἰσεπέτοντο"--"Gebratene Krammetsvögel mit kleinen Kuchen flogen Einem in den Schlund hinein"; während sie nach ~Pherekrates~ (ebenda), sehnsüchtig verspeist zu werden, Einem "περὶ τὸ στόμ' ἐπέτοντο"--"um den Mund herumflogen". Der gleichen Vorstellung entsprang unser:

*Gebratene Tauben, die Einem ins Maul fliegen,*

von denen schon 1536 ~Hans Sachs~ ("Gedichte", Nürnb. 1558, S. 544) in seinem "Schlaweraffen Landt" weiss, so wie das in "les navigations de Panurge" (in d. 1547 zu Valence ersch. Nachdruck d. "Gargantua u. Pantagruel" von Rabelais) vorkommende:

*Il attend, ques les alouettes lui tombent toutes rôties* (er erwartet, dass ihm die Lerchen ganz gebraten herabfallen).--

Das Märchen vom Lande der Faullenzer (mittelhochdeutsch "slur"), bei uns

*Schlaraffenland*

genannt, ist den europäischen Völkern gemeinsam. "Das Schluraffenlandt" heisst es 1494 in Sebastian ~Brants~ "Narrenschiff" (Zarncke, S. 104), während es bei Hans ~Sachs~ (a. a. O.) "Schlaweraffen Landt" und "Schlauraffenlandt" lautet (s.: J. Pöschel in "Beitr. z. Gesch. d. deutschen Spr. u. Lit." Bd. 5, Halle 1878 u. F. Liebrechts Nachträge dazu in Gräbers "Zeitschr. f. roman. Philol." 3, 127).--

* * * * *

Aus ~Hesiod~ ("W. u. T." 94 ff.) entnehmen wir ferner das beliebte Wort für etwas Unheilbergendes und Unheilausströmendes:

*Büchse der Pandora* _oder_ *Pandorabüchse.*

Die Menschen, so erzählt er, lebten, bevor Zeus ihnen zur Strafe für den Feuerdiebstahl des Prometheus die Pandora mit der schreckensvollen Büchse sandte, ohne Drangsal, Krankheit und Alter:

"ἀλλὰ γυνὴ χείρεσσι, πίθου μέγα πῶμ' ἀφελοῦσα ἐσκέδασ' ἀνθρώποισι, δ' ἐμήσατο κήδεα λυγρά"

"Aber das Weib hob ab von der Büchse den mächtigen Deckel, Streute mit Händen daraus: für die Menschheit sann sie auf Trübsal".

Nur die Hoffnung blieb tückisch in der Büchse zurück.--

* * * * *

Auch besingt ~Hesiod~ ("Theog." 311) zuerst den

"Κέρβερον ὠμηστὴν, ἀίδεω κύνα χαλκεόφωνον, πεντηκοντοκάρηνον, ἀναιδέα τε κρατερόν τε ..."

"Cerberus, der rohes Fleisch frisst, den Höllenhund mit der ehernen Stimme, den fünfzigköpfigen, frechen und starken", dessen Wächteramt vor den Thoren des Hades ~Vergil~ ("Aen." 6, 417ff.) u.a. schildern. Wir nennen daher einen grimmigen Thürhüter einen

*Cerberus.--*

* * * * *

Im ~Aeschylus~ (525-456 v. Chr.) finden wir zuerst den Argus ("Ἱκέτιδες" 805), welcher die von der eifersüchtigen Juno in eine Kuh verwandelte Io zu hüten hatte, erwähnt als "den Alles sehenden Wächter" -- "τὸν πάνθ' ὁρῶντα φύλακα". Daher nennen wir scharfe aufmerksame Augen

*Argusaugen.--*

* * * * *

*Die Gelegenheit beim Schopf* _oder_ *bei der Stirnlocke fassen*

citieren wir aus dem griechischen Mythus, nach welchem der durch ~Ion von Chios~ († 422 v. Chr.) besungene, in Olympia als Gott verehrte (~Pausanias~ V, 14) Kairos (Καιρός, Occasio, die günstige Gelegenheit) mit lockigem Vorhaupt und kahlem Nacken im Davonfliegen geschildert wurde, da man die gute Gelegenheit hintennach zu spät ergreift. So beschreibt ihn uns (um 280 v. Chr.) im 13. Epigramm ~Posidipp~ ("Griech. Anthologie" IV) als vom ~Lysipp~ plastisch dargestellt.

~Ausonius~ (Epigr. 12) nennt nur deshalb ~Phidias~ als den Meister, weil ihm dessen Name besser in den Vers passt. Vrgl. auch ~Phaedrus~ ("Fab." V, 8) und ~Kallistrat~ ("Stat." 6).--

* * * * *

Aus ~Sophokles~ (496-406 v. Chr.) erfahren wir ("Trach." 549ff.), dass der wegen seines Angriffs auf Deïanira von deren Gatten Herkules durch einen Giftpfeil getötete Kentaur Nessus der Begehrten sterbend riet, sein Blut als Liebesmittel aufzubewahren, damit sie den Herkules dauernd an sich fesseln könne. Als dieser sich nun in Iole verliebte, sandte ihm die Gattin ein mit dem giftigen Blute bestrichenes Opferhemd. Herkules zog es an und verfiel in so rasenden Schmerz, dass er den Flammentod wählte. Daher gilt uns als etwas die höchste Pein Verursachendes das

*Nessushemd.--*

* * * * *

Grundloses, plötzliches Entsetzen nennen wir, wie die Alten, einen

*panischen Schrecken,*

oder, nach dem französischen "panique", eine

*Panik;*

denn Griechen und Römer führten den im Heerlager durch blinden Lärm hervorgerufenen nächtlichen Schrecken (seltener den bei Tage) auf Pan zurück. Im ~pseudoeuripideischen~ "Rhesus" (36 ff.) fragt Hektor den Chor, der ihn nachts zu den Waffen ruft:

"ἀλλ' ἦ Κρονίου Πανὸς τρομερᾷ μαστίγι φοβεῖ, φυλακὰς δὲ λιπών κινεῖς στρατιάν;"

"Sag', bist du erschreckt von dem schwirrenden Schwung Der Geissel des Pan, des Kroniden, und liess'st Den Posten im Stich, erregend das Heer?"

~Eratosthenes~ ("Katast." 27) meldet vom Pan, er habe durch Blasen auf einer Seemuschel die Titanen in die Flucht gejagt, und ~Hygin~ ("Poet. Astr." 2, 28) lässt ihn dasselbe durch Werfen mit Muscheln erreichen. ~Valerius Flaccus~ (3, 46) hingegen besingt den nächtlichen Schrecken, den Pans Stimme verbreitet, und ~Plutarch~ ("Is. u. Osir." 14) erwähnt die durch Pane und Satyrn in Ägypten erregten "panischen Schrecken" ("ταραχὰς πανικάς"); während ~Polyaenus~ ("Strateg." 1, 2) die Feinde des bacchischen Heeres durch Pans wildes, vom Echo vermehrtes Geschrei in die Flucht treiben lässt (vrgl. Auct. "de incredibilibus" 11, ed. Teucher 1796). Die 11. "~orphische Hymne~" nennt Pan (7):

"φαντασιῶν ἐπαρωγέ, φόβων ἔκπαγλε βροτείων",

"Bringer der Schreckphantasie'n, Erreger der menschlichen Ängste",

(23):

"Πανικὸν ἐκπέμπων οἶστρον ἐπὶ τέρματα γαίης",

"Bis zu den Grenzen der Erd' entsendend das panische Rasen".

Und nicht allein Dichter und Mythographen, auch Geschichtsschreiber wissen davon zu erzählen.